zeitgenössisch (Literatur)

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Dietmar Dath, Leider bin ich tot

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Über Leider bin ich tot will ich also schreiben, den aktuellen Roman von Dietmar Dath. „Aha,“ sagt der Roman, und scheint das für eine irgendwie niedliche Idee von mir zu halten, „dann fang mal an, und lass mich bitteschön nicht zu dick aussehen, zu mager aber nun auch wieder nicht, und, weißt du was, mach’s doch wie ich, bind am Ende ’ne hübsche Schleife drumrum, Zeitschleife. Hauptsache nur, du tippst dir dabei keinen Knoten in die Finger. So, viel Glück!“ Na, vielen Dank auch.

Nach diesem Zwiegespräch frage ich mich erstens, ob ich mich womöglich zu sehr vom Panpsychismus habe einstricken lassen, auf den (unter vielem Anderen) im Roman Bezug genommen wird, und der, reichlich vereinfacht ausgedrückt, jedem Ding ein bestimmtes Maß an Geist zuspricht, sei es einem Stein, einer Stubenfliege, einer Butterblume oder einem Romanautoren: Der Geist komme eben nicht aus heiterem Himmel in die Welt, sondern sei direkt im Materiellen bereits angelegt, wobei die Komplexität von Geist graduell zunehme entsprechend der vom Materiellen absolvierten Entwicklungsstufen, von der proto-mentalen Seinsstufe kleinster materieller Einzelelemente bis hin zum komplexen Bewusstsein höherer Organismen. Weiter gedacht – und das ist eine dieser Ideen, mit denen in Leider bin ich tot gespielt wird -, könne ein noch höheres Bewusstsein demnach bestimmten hochkomplexen Systemen zu eigen sein, denen wir Menschen bislang keine eigene Bewusstseinsform zuschreiben, etwa dem Weltklima. Mit mir ist es, nach 461 Seiten in der Dath-Denkmühle, inzwischen so weit gekommen, dass ich dieses Buch, dieses flachziegelförmige, weiße Ding da auf meinem Tisch, schräg von der Seite her anschiele und misstrauisch überlege, auf welchem geistigen Level es sich wohl bewegt – genau, diesmal meine ich damit nicht seine inhaltliche Qualität. Zweitens frage ich mich: Auf einen handlichen Punkt zu bringen, worum es im Roman eigentlich geht, anstatt nur seine Ideenfülle wiederzukäuen, welche andererseits jedoch auf keinen Fall zu kurz kommen darf – wie soll das, bei einem derart vertrackten Content-Cluster, bloß was werden? „Okay, vergessen wir mal das mit der Rundumschleife. Was hältst du davon, ein paar Sprünge einzubauen? Hab ich auch gemacht.“

In Aischylos‘ Orestie, dieser blutrünstigen Familientragödie unter reger göttlicher Beteiligung, tritt ein Chor dunkler Gestalten auf: Die Erinyen kommen, um an Orest ihre Aufgabe als Rachegöttinnen zu erfüllen.

„Ruhm der Menschen, und ist er zum Himmel erhaben, / Nieder schmilzt er und schwindet zur Erde ehrlos, / Wenn wir nahen in schwarzem Gewand / Und tanzen gierigen Reigen. / Springe von oben und schwer / Setze die Spitze des Fußes ich / Nieder. Die Glieder versagen / Dem Flüchtigen – greuliches Irrsal.“ (Chor der Erinyen)*

Diese Fußspitze – da verdeutlicht sich eine Vorstellung praktisch eingesetzter und äußerst massiver Macht: Kaum haben ein paar Götter-Zehen Bodenkontakt erhalten, bricht schon der ganze Mensch körperlich und geistig zusammen. Flucht zwecklos; Ende. Man stelle sich erst den Horror vor, wenn die Erinyen beginnen, ihren zornig stampfenden Reigen zu tanzen. Weil sie dermaßen scheußlich sind, dass man sie im Olymp, unter Göttern, die sich selbst nicht gerade durch Zimperlichkeit auszeichnen, nicht haben will, sind sie der Unterwelt angehörige Göttinnen, während ihr Einsatzgebiet, in dem sie als rasende Rächerinnen viel beschäftigt unterwegs sind, der irdische Raum ist. Mit ihrer vollen Wucht – einer Kraft, welche der des unaufhaltsamen Drängens tektonischer Platten ähneln mag, gezeitraffert zu einem mächtigen Sprungvorgang – stürzen die Erinyen „von oben und schwer“ auf den Menschen hernieder, von dort also, wo der Zugriff des antiken Menschen nicht hinlangte: aus über ihm liegenden Sphären, aus dem Reich des Unbegreiflichen. Bei den alten Griechen, könnte man schlicht sagen, war die Götterwelt also noch in Ordnung.

Die aufgeklärte, wissenschaftsorientierte Welt hat inzwischen das Übernatürliche größtenteils erforscht, erklärt, seziert oder gar domestiziert, hat die himmlischen Gefilde als Flugverkehrsraum für Geschäftsleute, Touristen und das Transportwesen erschlossen, und den Göttern einen Platz am Katzentisch zugewiesen: Kulturell gehören sie eben irgendwie zur Familie, in existentiellen Angelegenheiten aber haben sie nicht mehr viel mitzureden. Gleichzeitig boomt der Markt für esoterische Lebenshilfe: Als bediente die Fantasy-Schwemme in der Populärkultur das Bedürfnis nach ein bisschen magischem Gefühl inmitten unserer mitunter faden Realität noch nicht konsequent genug, hebt der florierende, pseudo-spirituelle Wunscherfüllungsglaube die Unterscheidung zwischen Wundermärchen und Wirklichkeit kurzerhand ganz auf. Daran mögen sich die Geister scheiden, dem Erfolg der Eso-Industrie, die massenweise die passenden Mittel und Methoden zur praktischen Handhabung des Übersinnlichen im Alltag liefert, tut das keinen Abbruch. Weit weniger harmlos kommt dagegen das Phänomen des fanatisierten, radikalisierten Glaubens bis hin zum religiös argumentierenden Terrorismus daher; wer hätte erwartet, dass sakrale Schriften in der heutigen Zeit noch derartig extreme Auslegung und Anwendung erfahren würden? Überhaupt: Wer hätte gedacht, dass Religion als gesellschaftlicher wie geopolitischer Faktor uns im 21.Jahrhundert in solchem Maße beschäftigen würde?

Anstatt allen irgendwie religiös gearteten Ansätzen zur Welterklärung eine kommunistisch-marxistische Abfuhr zu erteilen, macht sich Dietmar Dath in Leider bin ich tot nun selbst auf die Suche nach möglichen Formen des Göttlichen.

„Götter…“ „Natürlich, was sonst? Wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, und ich sage nicht, dass diese Intuition trügt – wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, dass im Wasserfloh weniger los ist als in Ihnen, dann müssten Sie doch zugeben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Bewusstseinsskala bei Ihnen aufhört.“ S.200

Das kam unerwartet: Ein Buch über den Glauben – vom studierten Physiker und ausdrücklich politischen Autoren Dietmar Dath? Nun ja, mit Weltreligionen an sich hat Leider bin ich tot herzlich wenig zu tun, obgleich der Klappentext den Eindruck erweckt, Dath verquirle hier Christentum, Islam und Weltpolitik mit einer Prise Science-Fiction. Tatsächlich klaffen der Inhalt des Romans und seine Beschreibungen oft weit auseinander; beispielsweise springt Dath nicht konkret auf den Zug der gegenwärtigen Islamismus-Debatte auf, wie man anhand einiger Reizworte, mit denen das Buch werbetechnisch angepriesen wird, durchaus hätte vermuten können. Sicher, es gibt da diese Szene, in der ein Musikclub während eines Metal-Konzerts explodiert, und wie könnte man da das Blutbad im Pariser Bataclan nicht mitdenken, zumal Daths Roman nur rund zwei Monate danach erschien? Da ist auch dieses modellhaft gegensätzliche, iranisch-deutsche Geschwisterpärchen: die zutiefst religiöse Nasrin, die als mutmaßlich terrorbereite Islamistin ins Visier des BND gerät, und ihr eher an weltlichen Vergnügungen interessierter Bruder Abel, dessen Leben über seinen Vornamen hinaus keinerlei Bibelnähe aufweist. Es gibt außerdem: Einen Pfarrer, der auf Irrwegen wandelt. Eine ebenso wundersame wie gruselige Zeugungsgeschichte. Eine Erleuchtete, die von einer spirituellen Massenbewegung zur Heilsbringerin verklärt wird. Und Kapitel enden, nach alttestamentarischer Manier, mit einem fettgedruckten Sela. Dazu gibt es allerdings noch ein bisschen Zen, ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen philosophisches Begriffsgeklapper, ach, und so viel mehr: Ein halbirdisches Wesen, das zunächst inkognito unter den Anderen lebt, bis es sich ihnen in seiner ganzen, wahrhaft Furcht einflößenden Macht zu erkennen gibt. Einen monströsen Steingott. Eine junge Rechtsrock-Combo, die sich allmählich vom Nazi-Sumpf, aus dem sie gekrochen kam, entfernt und später den Black-Metal-Sektor revolutionieren wird, nachdem sich ein sehr besonderes Mädchen, das in der Luft herumschwebende Glyphen erkennen und entziffern kann, in die Bandpolitik eingemischt haben wird. Eine dionysische Party im Porno-Millieu. Eine linkspolitische Bloggerin, die sich, leicht verliebt, für Nasrin interessiert. Einen für die FAZ tätigen Journalisten namens Dietmar Dath. Und eine Clique undurchsichtiger, mächtiger Männer aus dem Nahen und Fernen Osten, die ein wissenschaftliches Geheimprojekt befördern, das Belege für eine aberwitzig anmutende These liefert: Das Wetter denkt, es lernt, und es reagiert – auf uns.

All dies steht nicht jeweils für sich selbst, sondern in unmittelbarer Verbindung zueinander. Nach und nach erfolgt eine Aufdeckung des Beziehungsgeflechts und der Wirkungszusammenhänge, die zwischen den Figuren und Ereignissen bestehen. Dass das Erzählen hierfür auf der chronologischen Linie ohne Vorwarnung hin- und herspringt, leistet anfangs Verständnisschwierigkeiten Vorschub, doch bewährt sich diese Hüpferei zwischen zeitlichen Ebenen, nach kurzer Eingewöhnung, als sehr gekonnt von Dath genutztes Mittel, um eine umfassende Betrachtung der Romancharaktere zu ermöglichen und überdies die Spannung zugkräftig zu halten: Jeder Zeitwechsel liefert neue Einsichten, die sowohl die Leserschaft überraschen als auch den Plot befeuern.

Zunächst lernt man Nasrin, Abel und Wolf kennen, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher angelegt sein könnten, und erfährt bald, dass sie eine enge Kinderfreundschaft verband, die dem Erwachsenwerden zum Opfer fiel. Wolfs Werdegang hatte ihn ins Pfarramt geführt, doch endet seine Existenz als Berufsgeistlicher, nachdem er eine Rollstuhlfahrerin verprügelt hat, als sei der Teufel in ihn gefahren – was in diesem Fall vielleicht mehr Tatsache als Redensart ist. Nasrin hat mit der Zeit zu einem strengen muslimischen Glauben gefunden; derzeit beteiligt sie sich an einer unkonventionellen Forschungsarbeit zur Logik des Windes. Abel führt einen areligiösen Lebenswandel, ist Kosmopolit und erfolgreich als Avantgarde-Filmemacher – eine Karriere, die er maßgeblich seiner ständigen Begleiterin Cyan Cerulean zu verdanken hat, deren Kontakte zu Branchengrößen und Mäzenen Gold wert sind. Cerulean lässt sich mit himmelblau übersetzen – ein Himmelswesen? Wer an dieser Stelle an Engelchen denkt, liegt extrem daneben; mit den Erinyen teilt Cyan schon eher ein paar Gemeinsamkeiten: ihre Rastlosigkeit, oder das Stiften von Wahnsinn. Welchen geheimen Absichten Cyan Cerulean folgt, die sich als eine Art unsterbliches Gestaltwandelwesen entpuppt, dämmert einem bereits, als sich zeigt, dass Cyan mit dem Wind zu kommunizieren vermag, spätestens aber, als Abel, was übrigens so viel wie Hauch oder Vergänglichkeit bedeutet, plötzlich seinem eigenen Doppelgänger gegenübersteht, der sich ihm als Kain vorstellt.

Das fatale Wirken Cyan Ceruleans führt allerdings nicht nur Nasrin, Abel und Wolf wieder zueinander; es dreht mächtig am Schicksalskarussell aller beteiligten Figuren – vorwärts wie rückwärts. Das halbirdische Wesen besitzt die Fähigkeit, sich und Andere nach Belieben innerhalb der Zeit wie von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Und so begeht nicht nur das Erzählen selbst Zeitsprünge, auch die Figuren finden sich mitunter in Vergangenheiten wieder, die sie zuvor anders erlebt hatten. Zeit ist hier nichts Absolutes. Sie wird nicht, menschenüblich, als zweidimensionale Einbahnstrecke, sondern als vieldimensionaler Raum gedacht. Dieser Raum gehört den Göttern; ihnen ist es möglich, die Zeit zu wechseln, sie zu dehnen, zu raffen oder sie aufzuspalten. Darauf beruht auch das allgegenwärtige Spiegel-Motiv: Während ein Spiegel in der menschlichen Dimension als Reflektor funktioniert, der uns lediglich unser eigenes Abbild entgegenwirft, macht Dath jeden Badezimmerspiegel, jede Glasscherbe, jede spiegelnde Messerklinge zu einer Schnittstelle, in der sich Zeit- und somit Möglichkeitsebenen brechen, sodass göttliche Mächte diese praktischerweise als direkte Durchgänge zu anderen Realitätsschichten nutzen können.

Da die Zeit durchlässig ist, zerfließt auch die Eindeutigkeit der erzählten Geschichte zu einem Pool möglicher Geschichtsversionen: Wird eine Figur, die fleißig ins Romangeschehen eingegriffen hat, durch einen Spiegel hindurch in eine Vergangenheit entsorgt, wo sie stirbt, so verästelt sich die Geschichte an dieser Stelle in zwei gleich wahre Verläufe – einen, an dem die Figur beteiligt war, und einen anderen, während dessen sie leider tot war. Als das Buch mit der selben Szene endet, die eingangs aus anderer Perspektive beschrieben wird, ist ebenfalls fraglich, ob dies einen erklärenden Rückgriff darstellt oder vielleicht doch den Beginn eines alternativen Geschichtsverlaufs. Vervielfacht sich aber die Realität, so steht unser Begriff von Wahrheit plötzlich auf beweglichen Füßen – was wahr ist, wissen am Ende also nur die Götter.

Wer sind aber nun diese Götter? Sind es miteinander konkurrierende Übermächte, die ihre Kämpfe auf dem Rücken untergeordneter Wesenheiten austragen? Oder handelt es sich um eine einzelne, alles umfassende göttliche Instanz, die das Ringen ihrer entgegengesetzten Pole in sich selbst aushalten muss? Ist das, was wir Gott nennen, eine Art Mega-Bewusstsein, das sich nach den selben evolutionären Gesetzmäßigkeiten entwickelt wie Fruchtfliege oder Erbse? Oder ist das Göttliche gar menschenähnlich oder menschengleich? Keine Angst, Dath versucht sich in diesem Roman nicht an einer neuen Theologie. Und auch die Religionskunde überlässt er lieber den Fachleuten. Mit einem rein unterhaltenden Göttermärchen hat man es hier wiederum auch nicht zu tun, das wäre Dath zu billig. Leider bin ich tot ist ein schlau ausgeführtes Gedankenspiel, das nach Sprüngen im Wissenschaftskitt sucht, der unser Weltbild zusammenhält – ein Spiel, das die Tatsache, dass Menschen nun einmal glauben, ernst nimmt und gleichzeitig die Trennlinie zwischen Glauben und Wissenschaft fröhlich als Springseil benutzt.


>>Dietmar Dath, Leider bin ich tot (Suhrkamp), €16,99


*Aischylos, Die Orestie, Deutsch von Emil Staiger (Reclam); S.121


Diesen Beitrag gibt’s auch bei satt.org

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FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf

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Übern Stacheldrahtzaun rüber, hinaus ins Gewucher (so ging jede Kinderhose kaputt). Viehweiden. Brachfelder. Feuchterdige Auwiesen. Vereinzelt gedrungene Kopf- und Silberweiden; Pappelreihen schlaksen aus Uferböschungen hervor. (Viel Zeit hatte ich, und immer ein altes Marmeladen- oder Einmachglas dabei für Schneckenhäuser, Mauseknochen, Samenkapseln und tote Insekten.) Meist ein kleiner Wind, der die Haare kraust, die er schon nicht mehr zu fassen kriegt, wenn man sich leeseits beim Holunderknick hinsetzt oder aber in vergessenen Scheunen stöbert. Mancher Jagdsitz längst verwachsen mit seiner Eiche (einmal brach mir eine Leiter unter den Füßen und ich blieb ein ängstliches Weilchen lang da oben, mitverwachsen). Im Frühjahr das Wyywitt der Kiebitze, im Sommer Feldlärchengeträller, im Herbst hohes Gabelweihengeschrei, im Winter das Quorren und Braaken der Krähen; ewig das Tscheckern der Elstern. Insektisches Hintergrundsurren während der Wärme. Wasser wächst frühlings aus den Senken hinaus, überläuft die Ebene, schwindet in der Hitze zu Rinnsalen in trockenrandigen Betten, kehrt groß im Herbst wieder und friert sich danach zurück in den Boden: vierteljährige Tide der Bäche und Pfuhle. Alles darf, wie es will und wie es muss. Friede, durch den man stakst – der aber wegbrechen kann von einem Moment auf den anderen: Wenn man ein mächtiges Gewitter auf sich zurollen sieht und zu weit draußen ist, um es rechtzeitig zu einem Unterstand zu schaffen. Wenn ein Morast die Füße bis über die Knöchel schluckt und nicht wieder loslassen will. Wenn man auf seine Hand schaut und den rostigen Nagel sieht, den man sich beim Klettern hineingerissen hat. (Ein andermal saß ich, meinen Proviant kauend, im hohen Gras, verscheuchte die seltsam vielen Fliegen mit meinem angebissenen Müsliriegel in der Hand und wunderte mich über einen Geruch wie von ranziger Butter, bis meine andere Hand, durchs Gras tastend, einen gärigen Katzenkadaver fand.) Friede und Schauer liegen nah beieinander. (An Tümpel und Fluss hielt ich völlig zeitverloren Ausschau nach dem kleinen Wassermann, glaubte oft, ihn gesehen zu haben und freute mich; ebenso oft rannte ich schnell davon – nur weg, nur nach Haus! – in panischer Kinderangst vor der Russalka.)


Zwischen Niemandsstadt, Niemandsland und Niemandsfluss spielt Henning Ahrens‘ Roman Lauf Jäger lauf.

Während der Fahrt nach Nillberg schaut Oskar Zorrow aus dem Zugfenster und entdeckt in der vorbeiwitschenden Landschaft einen Fuchs. Auch der Fuchs sieht zu Zorrow und blickt ihm direkt in die Augen. Da steht Zorrow auf, geht zur Tür und zieht die Notbremse. Auf offener Strecke liegt nun ein stillstehender ICE und ein Mann springt hinaus, um einem Fuchs nachzujagen.

Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt – schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.

Von dem nahen Gutshof und den rätselhaften Bewohnern, die ihn besetzt halten, weiß Zorrow da noch nichts. Doch wird er von ihnen bereits erwartet.

Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege. „Wirst du schießen?“ „Wie lautet Johns Bitte?“ „Wir sollen uns ‚kümmern‘.“ Ohneland grinste in sich hinein. „Was zu deuten wäre.“ Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abzuschneiden. Die Grillen geigten ihren Psalm.

Nachdem die beiden Gestalten sich gekümmert haben, erwacht Zorrow gefesselt im ungenutzten Viehstall des Gutshofs. Von nun an steckt er fest in einer isolierten Welt, deren Regeln sich ihm nicht erschließen. Eine sonderbare Clique hat sich hier im verlassenen Herrenhaus verschanzt. Widergänger seien sie; Zorrow versteht nur Bahnhof. Ihr Oberhaupt John Schmutz – Egomane, Leuteschinder, früher als freischaffender Maler Teil der Nillberger Kulturschickeria – führt seine Mitstreiter Vera Ribbek, Karl Bustermann und Kurt Ohneland im Kampf gegen den Erzfeind Erk Brandstetter, der offenbar Jagd auf die Widergänger macht. Auch der Fuchs gehört zu Schmutz; womöglich war er es, der Zorrow als mutmaßlichen Spion Brandstetters meldete. Da man Zorrow nach eingehender Prüfung für harmlos befunden hat, den Eindringling nun aber nicht mehr gehen lassen mag, wird er aufgenommen in die Gemeinschaft

Man wolle ihn, so hatte Schmutz am Abend, auf dem Sofa liegend verkündet, zum Widergänger machen. Auf seine Frage, wie das vor sich gehen solle, hatte Schmutz ihn bei den Haaren gepackt, zu sich herangezogen und gezischt, er werde schon sehen. […] Neben einer von Brombeeren umrankten Kuhhütte hatten sie Halt gemacht und Aufstellung im Kreis genommen. Schmutz brüllte ein „Horrido!“, welches von seinen drei Gefährten mit „Joho! Joho! Joho!“ beantwortet wurde. Dann wies der Maler auf die Augenklappe. „Du bist Erk.“ Sein langer Arm durchschnitt die Luft. „Wir proben den Ernstfall. Ab in die Büsche!“ Oskar Zorrow, welcher nichts begriff, verharrte unter einer Trauerweide und sah, wie Kurt die Luger hinterm Gürtel hervorzog und lächelnd entsicherte. „Verstecken, Oskar.“ Der Vollbart, dessen Hemdkragen durchnässt war von Schweiß, raunte ihm zu. „Kurt wird uns suchen.“

Und töten – und doch sind am nächsten Tag sie alle wieder beisammen, als sei nichts gewesen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Frage stellt, ob Oskar Zorrow es hier mit tatsächlichen Untoten zu tun hat oder mit Gebilden seiner Fantasie; die Antwort darauf bleibt dem Geschmack der Leserschaft überlassen.

Schmutz steckt Zorrow in ein Kleid, nutzt ihn als Modell für seine Ölmalerei und missbraucht ihn schon bald gewohnheitsmäßig. Zorrows Fluchtversuche scheitern: Alle Wege führen, anstatt nach Nillberg, nur immer wieder zurück zum vermaledeiten Landgut. Auf einer Landkarte, die Zorrow entdeckt, hat dieser Niemandsort einen Namen: Morrzow. (Nicht nur der Ort spielt mit Zorrows Namen – die Anderen nennen ihn mal Zorro, mal Sorrow.) Dass der Versuch, aus Morrzow abzuhauen, nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich ist, liegt am verhängnisvollen Nebelgürtel, der es umgibt. Dort verliert man samt seiner Orientierung sein umfassendes Erinnerungsvermögen und das Denken schrumpft zurück aufs Rudimentäre – so kommt man dort auch geistig im Reich der Wildtiere an. Einzig Schmutz wagt sich, zu experimentellen Zwecken, in den Nebel; wieder hinaus findet er dank einer Hänsel-und-Gretel-Taktik, die besser funktioniert als Brotkrumen.

Der in der Angst der Widergänger allgegenwärtige Erk lässt sich lange nicht blicken. Dafür macht Zorrow Bekanntschaft mit Hans von Lange, einem Aussteiger aus der Widergänger-Clique, der die Enteninsel im großzügig angelegten Feuerlöschteich beim Gut bewohnt. In von Langes Hütte lässt sich gut Cognac trinken, der Fischer mit seemännischer Vergangenheit erzählt dabei in kryptischem Singsang von Erk und John, und immer wieder bramarbasiert er über Lu – es ist ihr Kleid, das Zorrow die ganze Zeit über trägt.

„Lu… Lululu… Lu… Lulu… Busenbrut… Untergang… Lu… Himmelsduft… Lugerschuss… Lululu…“

Unterdessen macht sich eine Luise Drechsler, die das Warten auf John Schmutz endgültig satt hat, auf den Weg von Nillberg nach Morrzow. Und bald taucht auch der zackenbärtige Erk auf. Nachdem ihn in seinem Hauptquartier in einem Nillberger Bunker ein Fax mit den Worten Morrzow. Okay? erreicht hat, schnallt er sich seinen Propellerrucksack um und fliegt zum Angriff auf die Widergänger. Auf dem Gut machen sich die lebendigen Engel und Faune in den Deckengemälden des Weinkellers bereit, um ihre eigene Version eines Jüngsten Gerichts zu veranstalten. John Schmutz stimmt, mitten im Gefecht, das titelgebende Volkslied an: Lauf Jäger lauf. Und Hans von Lange, der vom Löschteich aus alles beobachtet, sagt nicht ohne eine gewisse Genugtuung:

„Wenn Morrzow fällt, fällt auch die Welt.“


So weit, so undurchsichtig. Henning Ahrens fabuliert ungebremst voran, immer einen Schritt schneller, als das Leserverständnis mithalten kann. Auf seine Kosten kommt hier, wer absurdes Feuerwerk wertschätzt. Ich selbst hatte den mitunter zwanghaft verfochtenen Originalitätsanspruch des Ganzen gelegentlich über, muss aber zugeben, dass ich gerade davon eben doch fasziniert war – umso mehr noch, da mich die detailreich und naturverständig beschriebene Provinzwildnis als Setting von Beginn an vollkommen für den Roman eingenommen hat. Ich hab halt (siehe oben) ein Herz fürs öde Nirgendwo und freue mich, dass eine ähnliche Liebe, oder zumindest eine diesbezügliche intensive Kennerschaft, auch bei Ahrens zu Tage tritt, der als Bauernsohn im tiefsten niedersächsischen Einerlei aus Feld, Wald und Flur aufwuchs.

Das heimatliche Wildland als Träger für Schauerlichkeiten oder idyllische Verklärungen – das kennt man aus der Romantik.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
Wenn es aus der Spalte zischt und singt!-
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn der Röhrich knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind-
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor: Diese sechs Strophen kommen mir beim Lesen in den Sinn. Auch weist Lauf Jäger lauf eine solche Gliederung auf: Roman in sechs Folgen lautet der eingangs nachgereichte Untertitel – Zorrow in Not / Zorrow in Morrzow / Zorrow umflort / Zorrow ohne Brot / Zorrow kommt vor / Zorrow entrollt. Ahrens verbastelt Rückgriffe auf die Romantik mit modernem Irrwitz, im weltabgewandten Märchen-Biotop treffen motorisierte Zerstörer und verständnis- und orientierungslose Besucher aus der Gegenwart ein. Da schmeckt man Grimm’sches Salz und Beckett-Pfeffer heraus.

Zwar macht es Lauf Jäger lauf seiner Leserschaft nicht gerade leicht, doch kommt man nicht aus Morrzow zurück ohne anzuerkennen, dass Ahrens hier sprachlich und imaginativ mächtig was aufgefahren hat.


>>Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf (Fischer) €12,00


>>Fotos: Grebe, 2015

FABULIERIOSITÄTEN // Wilhelm Bartsch, Amerikatz

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Die Brooklyn Bridge hängt, Bauch nach oben, am Himmel. Ein Kunststück, das lediglich einer kleinen Handbewegung bedarf: Jensie Immakoolee Stone, genannt Amerikatzhat eines ihrer Fotos der Brücke samt einschlagendem Gewitterblitz kurzerhand verkehrt herum aufgehangen, und so bilden Stein und Stahl nun ein dunkles Firmament, aus dem ein Leuchten herniederfällt.

Was auch immer in der Welt als Festes, Unverrückbares besteht, vermag durch die Kunst einhändig auf den Kopf gestellt zu werden. Dass Wilhelm Bartsch jenes Bild, die Brooklyn Bridge überkopf, als Türöffner verwendet, zeigt in diesem Sinne an, dass sein Roman um einen Detektiv auf Abenteuerpfaden weniger dem festen Boden der Tatsachen verhaftet, sondern in erster Linie der Kunst verpflichtet ist – der des ernsthaften Dichtens wie des wilden Fabulierens: Bartsch dreht die Welt um 180 Grad, schüttelt alles kräftig und macht, was hierbei blitzartig herniedergefallen kommt, zu seinen Figuren, Schauplätzen, Handlungssträngen.

Micah Microbius, Privatschnüffler, Weltenbummler und das Ich dieser Geschichte, betreibt mit seiner Partnerin Adele von Strauch in Berlin-Charlottenburg sein Gewerbe von einer kleinen Klitsche aus, die sich Büro schimpft. Mit seinem neuesten Klienten hängt ein selten dicker Fisch an Micahs Angel: Boris Untied, Stasigeneral a.D. und heute lokaler Sicherheitsunternehmer, öffnet sein großes Portmonee und beauftragt Micah mit der Suche nach seinem verschwundenen Sohn Jan. Die Stasi mag passé sein, für allwissend a.D. hält Micah den alten General jedoch mitnichten, und so verwundert es ihn, weshalb Untied nicht einfach an den eigenen Strippen zieht, die noch immer international greifen, um Untied junior ausfindig zu machen. Eingedenk ausstehender Mietzahlungen, und weil man einen Untied nun einmal nicht los wird – es sei denn, man ist selbst einer -, nimmt Micah den Auftrag an und sein mulmiges Bauchgefühl dabei in Kauf. So beginnt für Micah eine Reise auf den Spuren des Jan Untied, die ihn durch den Wilden Osten und den Wilden Westen führt, mit Stationen von Nagorny Karabach im Kleinen Kaukasus, wo Micah nebenbei eine Familienzusammenführung mit seinem armenischen Großvater erlebt, über New York, bis in die entlegenen Weiten Oklahomas, wo einst für die Cherokee der Pfad der Tränen seinen Endpunkt nahm. Geplant als geordnete Suchaktion, mutiert dieses Unterfangen zur abenteuerlichen Jagd: Micah wird verschleppt, kann sich befreien, trifft auf zwielichtige Geheimdienstler, muss sich zu Fuß durch die Wildnis schlagen, gerät an die falschen Mittelsmänner, in diverse Schusswechsel und verliert beinahe seinen Kopf. Und beinahe sein Herz – allerdings nicht an die cherokesische Künstlerin namens Jensie Stone, Amerikatz, deren Liebhaber Jan Untied war, und deren Lebenspartner Deodat Increase Mason, milliardenschwerer Unternehmer und Abenteurer, womöglich etwas dagegen hatte. Viel wird hier erzählt, auf nichts ist dabei Verlass, am allerwenigsten übrigens auf naheliegende Schlussfolgerungen.

Ein ums andere Mal erwägt Micah ernsthaft, die Flinte ins Korn zu schmeißen. Aber nein, er bleibt dran. Nicht nur zwecks Auftragserfüllung – gleichermaßen nämlich betreibt er Geschichtsfindung im eigenen Auftrag.

Ein wahres Verhängnis nenne ich etwas, das nicht kommt, sondern zu dem man hingeht, hingehen muss. Man benutzt dazu Wege, die auf keiner Karte stehen, und so ergibt sich durchaus eine gar nicht folgerichtige Geschichte. Denn erst, wenn man überhaupt die Chance hat, diese Geschichte halbwegs zu überblicken, sind wirklich zusammengehörige Muster zu erkennen. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil wir es so wollen.

Micah erkennt nicht nur, dass Jan und er früher Klassenkameraden waren, sondern findet, indem er reisend und jagend Jans Fluchtwege nachvollzieht, weitere gemeinsame Schnittpunkte. So betätigte sich Jan als Schriftsteller, und auch Micah schreibt seine Erlebnisse mit talentierter Hand nieder. Und wie aus den Fragmenten, die von Jans Literatur geblieben sind, dessen Weg ins Verhängnis ablesbar ist, schreibt sich der Mut zum eigenen Verhängnis in die Reisenotizen des Micah Microbius ein, aus denen nach und nach seine gar nicht folgerichtige Geschichte erwächst. Die Muster zu erkennen, die inmitten jenes Durcheinanders Orientierung bieten – darin besteht nun die eigentliche Herausforderung für Micah.

Nicht anders ergeht es der Leserschaft. Der One-Stroke-No-Stroke-Man (ehemaliger NVA-Panzerhauptmann, in den USA wegen seiner Ein-Strich-kein-Strich-Armeejacke zu diesem Namen gekommen), Foggy Gellhorn (Hobbyschnüffler, Cousin Micahs und dessen Kontaktmann in Iowa), der Hagere und der Hagerere (vermutlich von der NSA auf Micah angesetzt), der Erzbischof von Nagorny Karabach, Kandida Goytia (Modeschöpferin mit Sitz in Kolumbien, Freundin Adeles), Zelda Cazador (mexikanische Totenschnüfflerin), die 99 Teppiche des Mollah Panah Vagif, befreite Sklaven und DDRler auf Abwegen, Rituale der Mohawk und der Cherokee, die Werke des deutschen Raum-Künstlers Gregor Schneider, Itelmenen auf Reisen, Kindheitserinnerungen aus Ost-Berlin, die Geschichte der Stadt Schuscha, ein Beutel voller Turnschuhe, armenischer Kognak – wer oder was eine tatsächlich wichtige Rolle spielt, lässt sich in dieser Geschichte, deren Personenverzeichnis enorm ist und deren Erzählwege oft über holprige Nebenstrecken oder in Sackgassen verlaufen, nur schwer ausmachen. Am besten verlegt man sich also gleichfalls auf Mustererkennung.

Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang, Karl May – Micahs Lieblingslügenbold – und dessen Werk aus dem Hinterköpfchen hervorzukramen und während des Lesens von Amerikatz immer ein Auge darauf zu haben. Ein Gedicht Karl Mays ist dem Roman als Geleitwort vorangestellt, und von dieser Position aus scheint der hochverehrte Pseudologe auf seinen Jünger Micah hinabzuschauen und ihm für dessen erzählerisches Vorhaben seinen Segen zu erteilen. Ein paar Seiten später findet sich dieses Gedicht wieder, ist quasi von außen ins Geschichtsinnere hinübergeschlichen: Es taucht, wie von Geisterhand so aufgeschlagen, in einem Buch auf, das jemand im seltsamsten Fahrstuhl der Welt hat liegen lassen, mit dem Micah täglich fährt und der ihm die schönsten Geistesblitze einflüstert – übrigens war Karl May selbst einst als Fahrgast darin unterwegs gewesen. Bartsch schickt seinen Micah als modernen Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand quer durch Ost und West, lässt ihn verschiedenste Sprachen beherrschen und ihn auf stolze, kriegerische Volksstämme treffen, und Micah kennt sich aus oder passt sich schnell an, hat überall seine Freunde, ob nun in der Provinz Martakert, in Kanatsiohareke-New York State, oder daheim in Berlin-Charlatanburg. Angelehnt an die Federführung Karl Mays, agiert Bartsch schreibend eine ganz ähnliche, ungebremste Fabulieritis aus, löst sich jedoch häufig, wie auch May in seinem Spätwerk, vom Abenteuerroman und wendet sich Ernstzunehmendem zu: Neben ein paar weltanschaulichen Denkanstößen, fallen dabei vor Allem Bartschs Übertragungen von Gedichten Ossip Mandelstams und Grigor Narekatsis ins Auge, die sich nahtlos ins Erzählte einfügen.

Was aber bezweckt Bartsch am Ende mit dieser ganzen hanebüchenen Geschichte, mit all diesen skurrilen Figuren? Wozu einen Karl May literarisch exhumieren, ihn wiederbeleben und in neue Kleider stopfen? Kurz, was soll das alles? Der Klappentext antwortet, dies sei als lustvoller Abgesang auf das Zeitalter der Informationsüberflutung zu verstehen, in dem nur überlebt, wer das wirklich Wichtige nicht aus den Augen verliert. Nur höre ich einen solchen Abgesang nirgendwo heraus. Anstatt für Überblick zu sorgen, hat Bartsch seine helle Freude daran, Überladung zu schaffen – doch diese Überladung an sich formuliert längst noch keine Kritik am Zeitalter der Informationsüberflutung. Trotzdem dient der Aberwitz nicht allein dem Selbstzweck. Der Roman begnügt sich nicht damit, bloß kuriose Unterhaltung zu sein: Er erhebt das Hochstaplertum zur Kunstform. Bartsch verbindet Flapsigkeit mit Virtuosität, Humor mit Tiefgang, er probiert, sprachlich und thematisch, mutig drauflos und versprüht dabei irrlichternde Blitze, die den Kopf erhellen.


>>Wilhelm Bartsch, Amerikatz (Osburg Verlag)


Herzlichen Dank für dieses Buchexemplar an den Osburg Verlag und Buchrevier!


Auch zu finden auf: satt.org

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Marion Poschmann, Die Sonnenposition

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Woraus ist Zeit gemacht? Aus Licht und Dunkel: Ihre Maßeinheit ist die Abfolge von Tag und Nacht. Ein Wechsel, der sich in den Beschaffenheiten der Zeit fortsetzt: helle Zeiten, finstere Zeiten. So kam sie heran, ist, vergeht – und wohin geht sie dann? Weiter: gen Licht, gen Dunkel.

Draußen geht die Sonne auf und unter. Im Schloß verfallen die Kränze und Kreise. Die Stuckrosetten schwinden, das Deckengemälde Aurora verrottet, in die strahlig angelegten Achsen im Park frißt sich Gras.

Dieses brandenburgische Schloss, Hauptort des Romans Die Sonnenposition von Marion Poschmann, zeigt sich in schäbigem Gewand aus bröckelndem Prachtstuck, Schimmelwucher, verkrauteten Parkflächen, offenliegenden Wunden in Putz und Tapeten: Memento moriendum esse! Einst barocker Fürstensitz, nach dem Krieg als Lagerhalle einer LPG genutzt, beherbergt es heute eine psychiatrische Einrichtung. Im Osten geht die Sonne auf? Von der Stucksonne, die im Speisesaal die Decke nurmehr kläglich ziert, regnen Gipsplacken herab in die Suppenteller der Patienten: Vanitas!

Altfried Janich hat es aus dem Rheinland, dessen menschelnde Fröhlichkeit er nie teilte, hierher verschlagen, in das marode Schloss im maroden Osten, wo er sich um die dunklen Seiten der menschlichen Psyche kümmert. Um die dunklen Flecken, die er durch morsche Wandverkleidungen hindurch erriechen kann, kümmert sich niemand. Als Arzt versucht er, dem man seiner Herkunft, seiner körperlichen Gemütlichkeit und auch seines Vornamens wegen ein ausgeglichenes Wesen unterstellt, seinen Patienten gegenüber ein zentraler, Halt gebender Fixpunkt zu sein – die Sonnenposition einzunehmen. Motivisch ausgedrückt: Licht in ihr seelisches Dunkel zu tragen. Welcher Tendenz die Deutung der Licht-Motivik allerdings folgen sollte, gibt der Eingangssatz des Romans vor: Die Sonne bröckelt. Altfried, der selbst in der Anstalt wohnt, in ihn und sich zersetzenden Räumlichkeiten, spaziert nachts in den Sälen und auf dem Gelände herum, ernährt sich von aus der Küche stibitzten Tiefkühl-Reibekuchen, die er auf dem Heizkörper auftauen lässt, und offenbart nach und nach weitere durchaus pathologische Verhaltensweisen. Oft, sagt er, weiß ich selbst nicht, ob ich mich als Arzt oder als Patient hier aufhalte. 

Nicht etwa als Sonnenkönig tritt Altfried also in Erscheinung, sondern geradezu als nachtwandelndes Schlossgespenst. Er reiht sich damit ein in eine Parade von Spukgestalten, der nicht nur seine Patienten angehören – per Medikation zu zombiösen Flurschlurfern gemachte Figuren, die an der Bewältigung der Wende und anderer Übergangsstadien im Leben psychisch totalgescheitert sind. Fallstudien in episodischer Kürze lassen Einzelschicksale aufblitzen: eine Kindsmörderin, ein Hamsterhorter, eine Brandstifterin, ein Staubbewunderer oder ein Fischstäbchenbefreier zählen dazu. Oft grenzt die Funktion der einzelnen Patienten ans Dekorative, eine Befugnis, im Roman handelnd einzugreifen, wird diesen isolierten Gestalten abgesprochen. Erst, indem man die Insassen der Anstalt als Gesamtheit betrachtet, sieht man sie als Wirkungsverstärker für Poschmanns Licht- und Schattenspiele, nimmt die Patientenschaft die Anmutung eines antiken Chores an, der hier, vor der Kulisse des verfallenen Schlosses, „Auferstanden aus Ruinen“ rückwärts singt.

Auch Altfrieds Großeltern und weitere Anverwandte sind einem Geisterreich zuzurechnen. Einem, das sich durch bewusste und unbewusste Erfahrungsweitergabe entlang der Familienlinie einen Übergangsweg in Altfrieds Lebenswelt gesichert hat. Woher sein eigener Drang, sich unsichtbar machen zu wollen, und vielleicht auch die Wahl seines Arbeitsorts rühren, erklärt sich unter Anderem in der Schilderung des Kriegsschicksals, das seine Großeltern, seine Eltern genommen hatten: die einen ermordet, die anderen, als hilflose Kriegswaisen, Schutz suchend in rettenden Verstecken – das auf die Folgegenerationen übergegangene Erbe solcher Erfahrungen bezeichnet die Psychologie als Schattentrauma. Altfrieds Berufswahl berührt unmittelbar die psychische Blockade seines Vaters und bezieht die Angewohnheit seiner Tante, sich den Geistern der Vergangenheit zu widmen, mit ein. Und indem er in den Osten gegangen ist, an einen Ort, wo Vergangenheit noch in offener Verwesung, unrestauriert zu betrachten ist, ist Altfried in umgekehrter Richtung ein Stück des Wegs gegangen, auf dem sie, die Heimatvertriebenen aus dem Osten, einst westwärts geisterten.

Neben dem Beruf pflegt Altfried ein seltenes und recht verschrobenes Hobby: die Jagd auf Erlkönige. Zur Erklärung: Dieses zielt nicht auf den Elfenkönig, den wir aus der Ballade kennen, sondern ist eine gängige Bezeichnung für Prototypen einer neuen Automodellreihe, deren Fahreigenschaften bei Nacht und Nebel in abgeschiedenen Gebieten ausgetestet werden. Während die Hersteller mit Tarnlacken oder Extra-Verkleidungen die Details ihrer neuen Modelle geheim zu halten suchen, lauern Journalisten und Hobbyfotografen den Erlkönigen auf, aus einfacher Lust an der Jagd oder um exklusive Bilder verkaufen zu können an interessierte Automagazine. Wer Geisterautos jagen will, muss idealerweise selbst zum Geist werden: Viel mehr als für seine Jagd-Objekte selbst, begeistert Altfried sich für die jagdliche Praxis, die Tarnung und lautloses Umherpirschen erfordert und somit seiner Vorliebe fürs Unsichtbarwerden wohltuend entgegenkommt. Es ist ein Wettstreit um die perfekte Tarnung, den er mit den menschenscheuen Erlkönigen austrägt, und jeder gelungene Schnappschuss ist eine Siegertrophäe, ein Beweisfoto seiner, Altfrieds, hohen Verschwindekunst.

Das Hauptgespenst allerdings, das, welches Altfried am meisten beschäftigt, ist sein gerade verstorbener Freund Odilo. Schon die Beerdigungsszene zu Beginn macht deutlich, dass Freundschaft ein Wort ist, das Altfried hier nur unbefriedigt verwendet, eher in Ermangelung eines passenderen Ausdrucks für jene Verbindungsart, die zwischen Odilo und ihm bestanden hat. Als Odilos Mutter den Wunsch äußert, Altfried möge eine Trauerrede für den Freund halten, lehnt Altfried ab, was die Mutter als Zeichen sprachlosen Verlustgefühls deutet. Tatsächlich aber ist es Verzweiflung, vermischt mit Ärger: […] dann saß ich nächtelang vor dem weißen Blatt und fand keinen Anfang, überhaupt keinen Ansatz, ich wußte nichts über Odilo, gar nichts, und es lag mir nicht, die glänzende Fassade, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte, diese Fassade, die sein Leben war, nun meinerseits noch einmal nachzuarbeiten. Und doch ist das nun folgende Erzählen Altfrieds nichts Anderes als das – eine Trauerrede für Odilo, in Form einer Anamnese ihrer, nun ja, Freundschaft. Altfried blickt in die jeweiligen Familiengeschichten hinein, er schildert seine ersten Begegnungen mit Odilo und spätere gemeinsame Ausflüge und Gespräche, er gräbt nach jeglichen verwertbaren Einflüssen, Erfahrungen und Erlebnissen. Überrascht stellt Altfried fest, dass seine Schwester, Mila, ein Verhältnis mit Odilo hatte, wovon seinerzeit niemand wusste. Wie konnte überhaupt irgendeine Frau, wie konnte Mila nur eine Beziehung mit Odilo führen, dessen Egozentrismus ihn doch zum krankhaften Zweisamkeitsversager machte? Was fand Odilo an Mila, was bitteschön fand Mila an ihm? Als Modeschöpferin hatte Mila zu ihrem Stil gefunden, als sie damit begann, die Kleider ihrer alten Tante mit modernen Versatzstücken aufzuwerten, und hat diese Verbrämung des Altmodischem mit dem Gegenwärtigen zum Markenzeichen ihrer inzwischen sehr erfolgreichen Kollektionen gemacht – war es das, ihre Liebe zum Gestrigen, zum Verstaubten, die Odilo für sie interessant werden ließ? Eifersüchtelnd fühlt sich Altfried von beiden betrogen, umso mehr, da Mila sich weiterhin stur verschwiegen zeigt, kein Wissen über den geteilten Freund an den Bruder verschenkt. Ratlosigkeit eines Psychiaters: Mit beruflicher Routine analysiert Altfried die Geheimnisse fremder Menschen, während sich die Geheimnisse der ihm Nahestehenden als für ihn unsichtbar erweisen. Es bleibt ihm nur, die Schatten aufzulesen. Odilo – ewig altkluger Junge: Ich war in Mission meiner Meßdienergruppe unterwegs, so kam die erste Begegnung Altfrieds und Odilos zu Stande, wir unterstützten notleidende Kinder in Ruanda. […] Ich drückte die Klingel, ein Junge meines Alters, dünn und dunkelhaarig, öffnete die Tür. Frau Leonberger sei nicht da.[…] Auch Kinder könnten spenden, erklärte ich. Rappelte großspurig mit der Büchse. Man habe Taschengeld. Not in Ruanda. Ein Opfer bringen. Opfer? erwiderte er verächtlich. Seine Mutter hätte eventuell etwas gespendet, aber er persönlich halte nichts davon. Man befriedige sich doch nur selbst in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ich solle mich nicht ausnutzen lassen. Meine Fähigkeiten besser verwenden. Die Rolle des früh verstorbenen Vaters übernahm Odilo selbstbewusst und gewissenhaft, gab den gediegenen Hausherrn, altmodisch, dünkelhaft, spukte, gleich seiner in steifer Haltung erstarrten Mutter, umher in den dunklen Räumen des Familienanwesens, das in der Nähe einer Fabrik für Einmachgläser gelegen war, zwei menschliche Konserven einer vergangenen Gutbürgerlichkeit. Später Promotion in Biologie. Die Erforschung der Biolumineszenz, die ihn schon als Kind faszinierte, sollte sein Fachgebiet werden, auf dem er mit bahnbrechenden Ergebnissen brillierte. Den Lichtwesen der Tiefsee und der Nacht stahl er ihre Rezepte, den grauen Mäusen pflanzte er fluoreszierendes Glimmen per Kanüle ein, spielte Gott: Es werde Licht! Odilo selbst dagegen blieb im Dunkeln – Erlkönig, der Altfried entwischte.

Freundschaft? Was die Verbindung zwischen den beiden ausmachte, lässt eher an die Gravitationskräfte denken, welche die Konstellation zweier Planeten zueinander bestimmen. Odilo, schattenäugig, dunkelhaarig, drahtig, seelisch teflonbeschichtet, Dompteur des Lichtscheins, und Altfried, flammend-rothaarig, weichlich, eine Seele von durchlässiger Konsistenz, Schattenflüsterer: Es gleicht einer Versuchsanordnung, wie Poschmann diese zwei Komplementärfiguren aufstellt, zwei aneinander gekoppelte Prismen, in denen sie Licht, Dunkel und Zeit sich brechen lässt.

Wer nun argwöhnt, dieser Roman der profilierten Lyrikerin Poschmann metaphere und motive womöglich handlungsfrei vor sich hin, erhält hiermit Entwarnung. Mit Spannung verfolgt man das Kräftemessen zwischen Licht und Dunkel, und durch die klare und alles beherrschende Bildsprache überstehen rote Fäden auch das Springen zwischen den zeitlichen Ebenen unbeschadet. Was es gewesen sein mag, das Mila und Odilo zusammenbrachte, oder inwiefern Altfried selbst vielleicht darauf zusteuert, in seiner Anstalt von der Arztseite auf die der Patienten zu wechseln, das erklärt sich zwar nicht innerhalb spannungheischender Erzählbögen voller eindeutiger Aussagen. Stattdessen beginnt man – viel interessanter – bald ein intensives Such-Lesen zu betreiben, man verfällt selbst ins Psychologisieren, übt sich darin, die vielschichtigen Beschreibungen, Schilderungen und Bilderfluten zu filtern. An kaum einer Stelle bedient sich Poschmann dabei des psychologischen Fachvokabulars, sondern bleibt bei einer Sprache, der das Lyrische eingewoben ist und die mit leichter Hand große Bedeutungsräume aufzutun vermag. Sie spielt mit unterschiedlichen Erzählansätzen: So exerziert sie beispielsweise verschiedene Lebenssituationen durch anhand der Beschreibung ihrer, hier wörtlich genommenen, Hintergründe, nämlich der dazugehörigen Wandtapeten. Episoden aus dem Liebesleben von Mila und Odilo lassen rätseln, ob es sich bei ihnen um Einschübe aus Milas Erinnerung oder Altfrieds Imagination handelt – wie verlässlich ist dieses Erzählte, von woher stammt es, und über wen sagt es tatsächlich etwas aus? Poschmann entfaltet ihre Sprachpracht besonders in ausgiebigen gegenständlichen Betrachtungen, ohne sich dabei je in Petitessen zu verlieren, etwa wenn sie eine Wesensbeschreibung des Anstaltsessens unternimmt – man staunt, wie viel Literatur sich aus einer Orange herauspressen lässt, welches wirkliche Gewicht ein Glas Apfelmus hat, oder über den hohen Gehalt von Transzendenz in halbfesten Speisen: Götterspeise ist höchst unbeliebt und wird als Dessert nur unter größtem Vorbehalt gelten gelassen. Dies liegt daran, daß zu viele andere Speisen ebenfalls dieses Göttrige aufweisen, die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare.

Marion Poschmann erhielt 2013 für Die Sonnenposition den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und war im selben Jahr damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Mit ihrem Gedichtband Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien, der Anfang März erscheinen wird, steht sie unter den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016.


>>Marion Poschmann, Die Sonnenposition (Suhrkamp) €9,99


Ich bedanke mich bei Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


 

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Flore Vasseur, Kriminelle Bande

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Wie unsagbar klein ich bin: kleiner Job, kleine Herkunft, kleine Ahnung. Ich: Von hoch oben aus betrachtet, von dort, wo die großen Jobs erledigt werden, die großen Namen unter sich sind und die großen, die globalen Themen ihren Quellen entspringen und in ihre Fließrichtung gebracht werden, bin ich so klein; ich bin unsichtbar. Umgekehrt gilt: Manche Dinge machen sich durch ihre schiere Größe unsichtbar für mich, ähnlich wie Bär oder Bulle nicht als Ganzes zu sehen sind für den Floh in ihrem Fell. Mit Geld spekulieren hier die Einen, die Anderen spekulieren nur über deren Pläne, Interessen und Verbindungen.

Flore Vasseurs Kriminelle Bande spielt unter den Großen, die von ihrem mir fernen gesellschaftlichen Hochplateau aus Weltpolitik und Weltwirtschaft steuern, indem sie Bären, Bullen und ganze Parlamente nach ihrer Pfeife tanzen lassen – eine Clique von Ministern und Präsidenten, Medienmogulen, Beratergurus, gewichtigen Bankern, PR-Königen, Aufsichtsräten wahrer Monsterkonzerne, Chefs von Rating-Agenturen und dergleichen Hochkalibriges. So sieht´s aus, ist man geneigt zu denken, sofern man, wie ich, keine Ahnung hat, wie´s tatsächlich so aussieht da oben. Eine Truppe von Freunden, die gemeinsam an der Pariser Elite-Universität HEC waren, sind die Hauptfiguren in diesem thrillerartigen Roman, und die Autorin gibt sich alle Mühe, jeden einzelnen von ihnen ein bestimmtes Element im Spektrum der Macht verdeutlichen zu lassen; so finden sich unter ihnen beispielsweise eine preisgekrönte Journalistin, der Kommunikationschef der mächtigsten US-Invenstmentbank, die leitende Managerin einer perfekt vernetzten PR-Agentur und der Vertrauensmann einer Finanzministerin. Verband die damaligen Kommilitonen der Rausch von Sex, Koks und Champagner, teilen sie heute den Rausch ihrer Macht. Nur einer von ihnen ist vom vorgezeichneten Weg abgewichen: Anstatt heute eine Schaltfunktion in Politik, Wirtschaft oder Medien zu erfüllen, hat er seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse im Untergrund zum Einsatz gebracht und steht nun auf der Seite der Hacker und Whistleblower seinen alten Freunden als eine Art schlechtes Gewissen gegenüber, wobei Gewissen in diesen Kreisen ein leerer, nutzloser Begriff ist. Die Anderen leben in ihrer isolierten – von außen hochglänzenden, von innen reichlich schmutzbelasteten – Blase vor sich hin, bis diese schließlich platzt: Die Finanzkrise lässt die Märkte abstürzen, und mit ihnen die Eliten. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, wird hier, mehr oder minder, auf einen einzelnen Namen zurückgeführt: Folman Pachs – eine durchsichtige Namensverschleierung, die unfreiwillig kindisch wirkt, obwohl ihre Verwendung vermutlich verdeutlichen sollte, wie gefährlich es ist, sich dem Namen Goldman Sachs auch nur – und sei´s bloß literarisch – zu nähern. Die Macht dieser Investmentbank ist schlicht zu groß geworden, ihr Name verkörpert die skrupellose Finanzgewalt schlechthin. Weltweit hat sie ihre Gewährsleute an den entscheidenden Stellen installiert und somit eine lautlose Machtübernahme vollzogen, wodurch sie nun munter und unbehelligt ihre eigenen Ziele, über jegliche Allgemeininteressen hinweg, verfolgen kann. Wie gefährlich dieses heimliche Machtmonopol tatsächlich ist, tritt erst im Zuge der globalen Krise zu Tage, als die Großen panisch erkennen: Selbst ihre Macht endet dort, wo die von Folman Pachs beteiligt ist. Unversehens bekommt es auch die HEC-Clique mit den Dunkelmännern der übermächtigen Finanz-Hydra zu tun, und ein verhängnisvolles Dokument sorgt dafür, dass die alten Freunde nah zusammenrücken müssen, um ihre Existenzen zu retten. Als einer der ihrigen vermeintlich Selbstmord begeht, wird klar, dass es dabei um weit mehr als nur um berufliche Positionen und ein sauberes Image geht. Sie wissen, vertrauen können sie in dieser Angelegenheit niemandem. Womöglich nicht einmal einander.

Die Autorin ist ebenfalls Absolventin der HEC und schreibt als Journalistin über die Verwicklungen von Politik und Finanzwesen – ist selbst also Elite-intern und fachlich bewandert. Anstatt aber hier einen Krimi mit Reportage-Charakter zu schreiben, wie ich mir gewünscht hätte, verheizt sie ihr Hintergrundwissen, ohne damit wirkungsvolle Effekte zu erzielen, eher, um es gelegentlich zur Schau zur stellen, lässt Story und Charaktere ersticken unter allzu plakativen Bildern und überflüssigem Hollywood-Klimbim. Den hohen Wahrheitsgehalt des Grundgedankens, Goldman Sachs und Konsorten regierten die Welt, mag ich gar nicht anzweifeln, nur verkommt dieses Szenario zur bloßen Kulisse für eine Darstellung der französischen Oberschicht, die auf arg kalkulierte Weise eine Kleine-Leute-Perspektive einnimmt: Natürlich leben die da oben alle in kaputten Ehen, sind überhaupt emotional verkrüppelt und gönnen einander nicht die Luft zum Atmen – wussten wir´s doch. Ein Eigenleben wird den Figuren nicht zugestanden, sie bleiben durchweg Funktionserfüller, und selbst die verruchtesten Hobbys, dramatische Liebesepisoden oder Verhaltensmarotten vermitteln keinen Geschmack von Echtheit, sondern von künstlicher Garnitur. Als Besonderheit ist der Roman mit QR-Codes versehen, über die sich Hintergrundmaterial zu bestimmten Stichworten abrufen lässt. Als Idee nicht schlecht, würde sich der Einsatz dieses Mittels darauf beschränken, den Leser zu Erläuterungen von komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhängen weiterzuleiten. Dass aber auch jeder erwähnte Song gleich per QR-Code als Video abrufbar ist, macht die Sache zur Spielerei, die den Lesefluss enorm stört und als peinliche Anbiederung des Buches an das Smartphone-Zeitalter daherkommt. Dort, wo es sich tatsächlich anbietet, hätte es sicher auch die gute, alte Fußnote getan. Der Wirtschaftskennerin Vasseur scheint daran gelegen zu sein, mit diesem Roman ein auf allen Ebenen überladenes Produkt verkaufen zu wollen, das ein durchaus begründetes, aber ahnungsloses Unbehagen an der Macht der Hochfinanz bedient. Falls sie, die selbst dazugehört, jedoch ein reelles Oberschichtsportrait hat abliefern wollen, so hat sie das indirekt getan, indem sie per Roman selbst einiges an seelenloser Funktionsorientierung offenbart.


>>Flore Vasseur, Kriminelle Bande (Haffmans&Tolkemitt), €19,95


 

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Jim Nisbet, Dunkler Gefährte

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Banerjhee Rolf besprengte gerade seine Zinnien mit gechlortem Gletscherwasser, als Toby Pride seine Arme auf den gemeinsamen Zaun legte. So beginnt Jim Nisbets Roman Dunkler Gefährte: Durch den paradiesischen Garten eines Grundstücks in bester Lage betritt man hier das Silicon Valley, Verdichtungspunkt von IT-Weltspitze und kalifornischer Lebensart. Banerjhee Rolf, indischstämmiger Chemiker, hatte es in seinen mittleren Jahren zu einem hübschen Eigenheim für die glückliche Kleinfamilie und einem eigenen Biotech-Unternehmen gebracht. Sohn Sam studiert inzwischen in Chicago, Frau Madja verdient als Buchhalterin selbst nicht schlecht. Banerjhee jedoch hat neuerdings reichlich Zeit, um den Garten zu hegen: Nach einer feindlichen Übernahme seiner Firma durch ein Konkurrenzunternehmen wurde er, der Mitbegründer, kurzerhand vor die Tür gesetzt. Zwar genügen das Einkommen Madjas und Banerjhees Einkünfte aus gelegentlichen Auftritten als Gastdozent noch für gutes Essen und guten Wein, aber die berufliche Perspektive für den Endfünfziger sieht düster aus: Der kalifornische Boom ist nur noch Wirtschaftsnostalgie, die Glücksritter werden nicht mehr belohnt, in den Verteilungskämpfen um immer seltener werdende gute Posten hat Banerjhee keine Chance mehr gegen die jungen Karriere-Pilger, die direkt von den Universitäten aus das Valley überschwemmen. Unterdessen wird Banerjhees Abfindung von den Alltagskosten aufgezehrt, und seine Altersvorsorge hat ihren Wert von heute auf morgen verloren. Nachdem sich der Amerikanische Traum für die Rolfs erfüllt hatte, stehen sie nun vor der Bedrohung, ihn im Rückwärtsgang zu erleben, zusteuernd auf Überschuldung, Altersarmut, Unterversorgung, am Ende womöglich Wohnungslosigkeit.

Der Sog der Krise zerrt indes nicht allein an Familie Rolfs finanziellem Unterbau, sondern an den hübschen Fassaden der gesamten Nachbarschaft, wo sich die verkaufsanzeigenden Maklerschilder bereits häufen – das Valley im Ganzen verhält sich ähnlich wie ein einzelnes, ins Straucheln geratenes Unternehmen: Diejenigen Bestandteile, die nicht mehr nutzen, werden von der Masse abgespalten, und hinter der Konzentration auf die rettenden Elemente schwinden die Überlebenschancen der Restsubstanzen. Madja sieht das in aller Klarheit, ihrer drohenden Vertreibung aus dem kränkelnden Paradies will sie zuvorkommen: das Haus loswerden, so lange es noch etwas einbringt, Umzug nach Chicago. Aus der Buchhalterin spricht hier die rechnerische Vernunft, und der Wahrheit der Zahlen, an die auch der Naturwissenschaftler gebunden ist, vermag Banerjhee nichts entgegenzustellen. Und dennoch – es behauptet sich ein hartnäckiger Widerwille in ihm, ein unvernünftiges inneres Ankämpfen gegen diese Planungen. Dessen Kern beruht auf einer bitter-unverdaulichen Erfahrung: Ihm, dem Wissenschaftler, dem sachlichen Denker, ist mit dem unvorhergesehenen Eintritt seines beruflichen und finanziellen Absturzes der Glaube an die Berechenbarkeit der Dinge abhanden gekommen. Der psychologische Strohhalm, an den er sich weiterhin klammert, ist seine Liebe zur Astrophysik: zur Lehre der festen Himmelskörper, der unverrückbaren Gesetze, die den Kosmos formen. Seinem wohlgeregelten Leben jedoch, das spürt Banerjhee, droht die unabwendbare, feindliche Übernahme durch das Chaos.

Glück lässt sich nicht planen, auch nicht absichern, nicht ewig haltbar machen. Sein Zustandekommen mag mittels Wissenschaft nachvollziehbar sein – steuerbar ist es nicht. So erlangen ein paar Lottozahlen, die gleich in der Eingangsszene auf die willkürliche Natur des Glückes verweisen, die Bedeutung eines Menetekels. Toby Pride, Banerjhees Nachbar, der sich ihm über den Zaun entgegenlehnt, verkörpert mit seiner undurchsichtigen Halbweltzugehörigkeit und seinem ungepflegten Grundstück ein ohnehin überdeutliches Kontrastbild zu Banerjhees Bedürfnis nach geordneten Verhältnissen. Nun wedelt er vor Banerjhees Nase mit einer Hand voller Lottoscheine herum, und damit greift gleichsam die Hand des Schicksals über den Zaun: „Heute ist der Tag der Tage, BJ, mein arbeitsloser Freund ohne Nebeneinkünfte. Und ich bin gekommen, um dir zu helfen.“ Zwar nimmt Banerjhee die angebotenen Lottoscheine von seinem arbeitslosen Freund mit Nebeneinkünften, wie er Toby betitelt, nicht an. Jetzt nicht. Später aber werden sie noch eine entscheidende Rolle zu spielen haben: Der Wahrheit der Zahlen vermag Banerjhee nun einmal nichts entgegenzustellen – am wenigsten, so wird sich zeigen, die eigenen Berechnungen.

Als Madja, die Stimme der Vernunft, zu einem Besuch nach Chicago verreist ist, nimmt das Schicksal für Banerjhee eines Abends seinen heillosen Lauf, und zwar gründlich. Dabei beginnt alles eigentlich ganz harmlos, indem Banerjhee die Einladung von Nachbar Toby und dessen halbseiden anmutender Bettfreundin Esme annimmt, auf ein Bier rüberzukommen. Die Zaungrenze hat Banerjhee bislang nie überschritten, die Rolfs hielten es wegen Tobys aufdringlicher Redseligkeit und vermuteter Verwicklungen in Drogendeals für ratsam, etwas Distanz zu wahren. Banerjhee verzichtet nun dieses eine Mal auf seinen Sicherheitsabstand – und zieht damit den Anti-Jackpot. Die Mächte des Zufalls lassen es krachen und bescheren Banerjhee einen spektakulären Untergang: falscher Ort und falsche Zeit, Porno- und Kriegsbilder, Wahrheit und Wahn, Blut und FBI, Lottoscheine und ein schnelles Auto, ein Casino und eine Pistole, die keinem Schützen gehorcht.

Was als Gesellschaftsbetrachtung begonnen hat, kippt erst spät um in Richtung Noir, und das so plötzlich, dass es geradezu die förmliche Entsprechung des stets gegenwärtigen Willkür-Motivs darstellt. Die extrem überdrehte Wendung ins Chaotische schert sich nicht um Glaubwürdigkeit, aber auch das fügt sich nur konsequent ins Thema. Mag das unrunde Poltern des Plots beim Lesen auch an mancher Stelle irritieren, am Ende zeigt sich Strategie dahinter, die Verbindung aus Unternehmer-Drama und Krimi funktioniert, man darf sich das als Leser also durchaus gefallen lassen. Gut, dass Nisbet seiner Story so wenig Ballast wie möglich angehängt hat, sie benötigt kaum 200 Seiten – da kommen manch andere Thriller gerade erst in Fahrt. Keineswegs leiden die Charaktere unter dieser Knappheit: Um etwa die Ehe Banerjhees und Madjas als geglückte und unermüdete Beziehung deutlich zu machen, oder um das Nachbarpärchen lebendig werden zu lassen als skurille Idioten, denen unheimlicherweise anzumerken ist, dass mehr hinter ihnen steckt, benötigt Nisbet ein, zwei unangestrengte Seiten, nach denen geschickt und unaufdringlich alles gesagt ist, was man wissen muss.

Frank Nowatzki, Herausgeber der Reihe Pulp Master, hat dem Roman ein ziemlich persönliches Vorwort vorangestellt, in dem er über seinen Bezug zu Nisbet und anderen Noir-Autoren, deren ausbleibende Kassenerfolge und literarischen Wert plaudert. Ein kleiner Lobgesang auf die Männer hinter den Romanen, selbst reichlich eingefärbt von Noir-Romantik – ein lesenswerter Einstieg zu Nisbet.


>>Jim Nisbet, Dunkler Gefährte (Pulp Master), €12,80

SINN UND GEHALT // David Foster Wallace, Der bleiche König

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[Rezensentin hier. Seit geraumer Zeit bewegt mich eine These, die persönlichen Umständen, welche hier nichts zur Sache tun, erwachsen ist und deren bekräftigende Verdeutlichung mir gerade in einem Roman begegnete: Monotonie und Wahnsinn liegen dicht beieinander. Einst schrammte ein alter Grieche an dieser These knapp vorbei; dass er sie anders formulierte, mag dem historisch bedingten Umstand geschuldet sein, dass zur Erfahrungswelt des alten Griechen eben nicht der Arbeitsalltag in einer modernen Steuerbehörde zählte. Ebenso gilt für den alten Griechen die Annahme seiner Unkenntnis bezüglich einer teils sitzend, teils rennend ausgeübten Tätigkeit in einem… aber wie gesagt, diese Umstände tun hier nichts zur Sache.]

Der Arbeitsalltag in einer modernen Steuerbehörde gestaltet sich, wie dieses anschauliche Beispiel vermittelt, wie folgt (Ausschnitt aus §25, aus dem Roman Der bleiche König, Autor: David Foster Wallace):

Ryne Hobratschk blättert eine Seite um. Latrice Theakson blättert eine Seite um. Standartprüfergruppenraum 2 gedämpft und hell erleuchtet, ein halbes Fußballfeld lang. Howard Cardwell setzt sich auf dem Stuhl zurecht und blättert eine Seite um. Lane Dean jr. fährt mit dem Ringfinger seine Kinnlade hoch. Ed Shackleford blättert eine Seite um. Elpidia Carter blättert eine Seite um. Ken Wax heftet ein Memo 20 in eine Akte. Anand Singh blättert eine Seite um. Jay Landauer und Ann Williams blättern fast synchron eine Seite um […]. Boris Kratz wippt mit einer irgendwie chassidischen Bewegung, während er eine Seite mit einer Zahlenkolonne abgleicht. Ken Wax blättert eine Seite um. Harriet Candelaria blättert eine Seite um.

Zur Vertiefung des Eindrucks verweilen wir noch ein wenig bei diesem Beispiel (weiterer Ausschnitt aus §25, ebenda, nachdem wir inzwischen mehrere Seiten umgeblättert haben):

Ryne Hobratschk blättert eine Seite um. […] Ken Hindle schlägt eine Bankleitzahl nach. Einige mit dem Kinn in die Hand gestützt. Robert Atkins blättert eine Seite um, während er noch etwas auf der Seite abgleicht. Ann Williams blättert eine Seite um. Ed Shackleford sucht in einer Akte ein dazugehöriges Dokument. Joe Biron-Maint blättert eine Seite um. Ken Wax blättert eine Seite um. David Cusk blättert eine Seite um. Lane Dean jr. spitzt die Lippen, atmet tief ein und aus und beugt sich über eine neue Akte.

Wie sich die Innensicht eines Standardprüfers während solcher Tätigkeit gestaltet, eröffnet sich unter Anderem am Beispiel des eben genannten Lane Dean jr. (siehe §33):

In vier Minuten war wieder eine Stunde vorbei, und dann konnte er eine halbe Stunde später in die Fünfzehnminutenpause. Lane Dean malte sich aus, wie er in der Pause herumrannte, mit den Armen fuchtelte, blanken Unsinn von sich gab und sich zehn Zigaretten auf einmal in den Mund steckte wie eine Panflöte. Jahr für Jahr, ein Gesicht von derselben Farbe wie der Schreibtisch. Jesus Christus. Kaffee war verboten, weil er auf die Akten spritzen konnte, aber in der Pause würde er in jeder Hand eine große Tasse Kaffee halten, stellte er sich vor, während er draußen durchs Gelände rannte und rumschrie. Er wusste, in Wahrheit würde er in der Pause mit Blick auf die Wanduhr im Aufenthaltsraum sitzen und allen Gebeten und Anstrengungen zum Trotz dasitzen und die Sekunden verticken sehen, bis er hierher zurückkommen und weitermachen müsste.

Damit erreicht der bewusste Standardprüfer jedoch längst nicht das Spitzenniveau geistigen Kompensationsdranges, welches sich innerhalb seiner Abteilung der Dienststelle 047 des Steuerprüfzentrums des IRS – International Revenue Service, kurz Service, in Peoria, Illinois, im durchaus pathologischen Bereich bewegt (siehe §26):

[…] der Kraftaufwand, angesichts extremer Langeweile hellwach und akribisch arbeiten zu wollen, kann Niveaus erreichen, auf denen routinemäßig bestimmte Halluzinationen auftreten.

Wie es sich für eine Heimstätte des Ordnungswesens gehört, unterscheidet man hierbei zwischen Heimsuchungen durch Phantome und Geistererscheinungen (siehe §26). Zunächst zu den Phantomen: Diese treten insbesondere bei extrem selbstgestrengen Mitarbeitern auf und verkörpern in ihrer jeweiligen Erscheinungsform die individuell gefürchteten Zerrspiegelseiten der betroffenen Persönlichkeit; die Prüden werden von Visionen obszöner Sexualität heimgesucht, die Ultrahygienischen sehen dreckige, flohwimmelnde Figuren an ihrem Schreibtisch stehen, die zwanghaft Ordentlichen werden von hysterischen Unordnungsphantomen belästigt, die heilloses Chaos in die Ablagereihenfolge bringen. Und nun zu den Geistern (hier diejenigen in der Standardprüferabteilung; weitere treiben sich in den anschließenden Behörden-Blöcken herum, finden im Roman jedoch keine persönliche Erwähnung): Die Unterscheidung zu den Phantomen besteht in ihrer einheitlichen Sichtbarkeit für alle Mitarbeiter. Dieser Definition nach, treten hier zwei Geister auf: Blumquist, zu Lebzeiten ein äußerst effizienter, farbloser Standardprüfer, verstarb 1980 an seinem Schreibtisch, was von seinen Kollegen erst nach einigen Tagen bemerkt wurde. Seither materialisiert er sich gern unter seinen Nachfolgern. Seine unaufdringlichen Besuche, seine ruhige Art werden von den Mitarbeitern durchweg als angenehm beschrieben. Garrity dagegen fällt durch Geschwätzigkeit auf. Er soll sich Mitte der 1960er im Nordkorridor das Leben genommen haben, als das Gebäude noch einer Spiegelfabrik gehörte, für die Garrity als Prüfer tätig war. Schenkt man der Behördenfolklore Glauben, prüfte Garrity drei Spiegel pro Minute (also 1440 Spiegel pro Tag mal 356 Arbeitstagen pro Jahr mal 18 Jahren seiner Lebenszeit) auf Produktionsfehler und war am Ende nicht mehr dazu in der Lage, sich außerhalb seiner Dienstzeit anders zu bewegen, als prüfe er immer noch Zierspiegel auf eventuelle Oberflächenschäden.*

[* Rezensentin hier. Dieses stetig wiederkehrende Spiegel-Motiv erfüllt, schwant mir, eine bedeutende Funktion, es ist für das Roman-Verständnis offenbar außerordentlich wichtig. Als verbindendes Element taucht es im Zusammenhang mit nahezu jeder relevanten Romanfigur auf und verbildlicht, meiner bescheidenen Meinung nach, einen speziellen Aspekt des zentralen Roman-Mantras von der Auflösung des Ich, während dieses sich im psychischen Aggregatzustand anstrengender und monotoner Dauerbeschäftigung befindet.]

Die Schilderungen aus dem Inneren eines monströsen staatsbehördlichen Verwaltungsapparates sind zeitlich in den mittleren 1980er Jahren angesiedelt. Vielleicht deswegen, weil dieser Zeitraum die Endphase einer Ära darstellt, in der ermüdende Massen von Formularen und Akten von Menschenhand erfasst, kontrolliert und zur Weiter- oder Endbearbeitung weitergereicht wurden: Datenverarbeitung war noch keine Bildschirmarbeit, das erdrückende Gewicht dieser Tätigkeit ließ sich also tatsächlich (er)messen, es war sichtbar in Form wachsender oder abnehmender Papierberge. Ein passendes Setting für eine zum Roman ausgeweitete Abhandlung über den Stellenwert des Stumpfsinns in der modernen Gesellschaft.

Ausgerechnet dieser Stumpfsinn ist es, der den Löwenanteil des Lebens ausmacht, aus privatem wie aus gesamtgesellschaftlichem Blickwinkel betrachtet. Und doch steht der Stumpfsinn an sich eigentlich nie im Fokus menschlicher Betrachtungen, im Gegenteil scheint es das Wesen menschlicher Betrachtungen zu sein, sich dem zuzuwenden, was ausdrücklich nicht dem Stumpfsinn zugehörig ist (siehe §9):

Warum schrecken wir vor dem Stumpfsinn zurück? Vielleicht liegt es daran, dass Stumpfes an und für sich schmerzhaft ist; vielleicht ist hier auch der wahre Kern von Wendungen wie ‚todlangweilig‘ oder ‚unerträglich öde‘ zu finden. […] Vielleicht assoziieren wir Stumpfsinn mit psychischem Schmerz, weil Stumpfes oder Schleierhaftes nicht genug Anreiz bietet, um uns von einem anderen, tieferen Schmerz abzulenken, der uns immer begleitet, und sei es nur auf unterschwellige Weise, auf dessen geflissentliches Nichtzurkenntnisnehmen die meisten von uns praktisch all ihre Zeit und Energie verwenden […].

Und dennoch, der Stumpfsinn bleibt unausweichlich, bleibt fester Bestandteil des Lebens. Sollte also nicht gerade in der Fähigkeit, sich dem Stumpfsinn widmen zu können, ohne dabei nennenswerten Schaden zu erleiden, ein gar evolutionswichtiger Vorteil für den modernen Menschen bestehen? Ein ehemaliger Praktikant des IRS äußert in §44 immerhin seine Überzeugung, die auf seinen Erfahrungen im Service fußt und der zufolge die Resistenz eines Menschen gegen Stumpfsinn schlichtweg die alles entscheidende Schlüsselqualifikation bedeutet, um in dieser Welt bestehen zu können.

Dieser Schlüssel besteht nicht aus Effizienz, Redlichkeit, Einsicht oder Weisheit. Es geht auch nicht um politische Gerissenheit, besondere Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich, bloßen IQ, Loyalität, Visionen oder andere Eigenschaften, die die bürokratische Welt Tugenden nennt und auf die sie einen untersucht. […] Der Schlüssel […] ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. Effizient in einem Milieu zu funktionieren, das alles Vitale und Menschliche ausschließt. […] In einem Wort, unlangweilbar zu sein. […] Das ist der Schlüssel zum modernen Leben. Wenn man gegen Langeweile immun ist, gibt es buchstäblich nichts, was man nicht erreichen kann.

Unlangweilbar zu sein – die unterschätzte, weil unerkannte Superpower. Tatsächlich gibt es jemanden innerhalb der Behörde, der diese Fähigkeit besitzt; konfrontiert mit unendlich langweiligen Berichten, beginnt dieser Jemand sogar zu schweben (siehe §46) – zunächst eine Handbreit überm Stuhlkissen, zunehmend abhebend, auf höchster Konzentrationsstufe dann nur noch gebremst von der Bürodecke. Nicht nur hier wird dem Stumpfsinn eine spirituelle Überhöhung zuteil, es wimmelt vor Metaphern und dramaturgischen Kunstgriffen, die den ganzen Themenkomplex auf religiöses Terrain ziehen. So erzählt etwa Standardprüfer Chris Fogle, Spitzname Abschweifungskönig, im ausgesprochen langgezogenen §22 den Ablauf seiner Hinwendung zum IRS als eine Art Erweckungsgeschichte, die gleich ein ganzes Sortiment christlicher Motive beinhaltet: Chris Fogle, der verlorene Sohn, der Kaputtnik, umherstreunend auf den traurigen Irrwegen der Spaßgesellschaft, verliert durch einen haarsträubenden, wirklich entsetzlichen Unfall den Vater und erfährt später als reuiger Sünder umfassende Läuterung, nachdem ihm zunächst eine Vision erschienen ist und ihm schließlich ein jesuitisch anmutender Ersatzdozent im Steuerprüfung-II-Seminar den entscheidenden Schubs gibt, um endlich den Pfad der Gerechten einzuschlagen, welcher ihn zur Arbeit beim IRS führt.

Nun rekrutiert sich die Mitarbeiterschaft des Service allerdings beim besten Willen nicht mehrheitlich aus Monotonie-Jüngern und Langeweile-Gurus. Aber wer arbeitet dann für den Service? Und, um Himmels Willen, warum? Erklärungen hierfür liefern die rückblickenden §§, in denen einzelne Mitarbeiter und ihre ungewöhnlichen Biografien beleuchtet werden. Für diese Mitarbeiter besteht einerseits der Sinn ihrer Arbeit beim IRS in nichts Geringerem als der Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Kontrolle. Andererseits erfüllt dort nichts diese Sehnsucht, außer das regelmäßige Gehalt (um das sich endlose Debatten ranken und das sozusagen die Dienstsprech-Anrede eines jeden IRS-Mitarbeiters bildet, indem die Gehaltsstufenbezeichnung, z.B. G9 für einen unteren Gehaltsrang, die üblichen Anredeformen Mr. und Mrs. praktisch ersetzt – man redet permanent über Gehalt, selbst wenn in ganz anderen Zusammenhängen über Andere redet).

  • David Cusk, der von Kindheit an mit Schweißausbrüchen zu kämpfen hat, deren schlimmste Form extreme, von Panik begleitete Sturzschweißergüsse darstellen, vor denen sich der betroffene Cusk wiederum so sehr fürchtet, dass er anstelle eines normalen Erwachsenendaseins eine Existenz im sozialen Abseits entwickelt hat, die sich vollkommen auf die zwanghafte Prüfung, Beobachtung, Auswertung und natürlich Verhinderung von kombinierten Schweiß- und Panikattacken konzentriert.
  • Chris Fogle, siehe oben.
  • Meredith Rand, eine Schönheit von solch hirnerweichendem Ausmaß, dass sie wegen der Unmöglichkeit, auf Menschen zugehen zu können, ohne von diesen nur wie betäubt angestarrt zu werden (sozusagen eine schöne Medusen-Variante), den Großteil ihres geschlechtsreifen Lebens in elender Einsamkeit zubrachte. In dem Therapeuten, der sie psychologisch betreute, fand sie ihren Ehemann, im IRS ihren Arbeitgeber.
  • Lane Dean jr., der immer ein gläubiger Christ sein wollte, darin aber nie zur erhofften Seligkeit gelangte und mit seinem Job beim Service nun eine Familie ernährt, die er aus christlichem Pflichterfüllungswillen heraus gründete.  
  • Personalchef Stecyk, ein pathologisch freundlicher Übergutmensch, dessen sozialer Aktionismus, grenzenlose Hilfsbereitschaft und unerträgliches Strebertum schon seine eigene Mutter in die Depression trieben, obgleich diese keinerlei altruistischen, sondern unschuldig aufrichtigen Beweggründen entspringen (sozusagen eine hoffnungslose Jesus-Variante).
  • Claude Sylvanshine, dessen Aufgabe darin besteht, mittels seiner seherischen Fähigkeit im Bereich eigentlich unnützer persönlicher Daten und Hintergründe die bestgeeigneten Kandidaten für die Mitarbeiterrekrutierung des IRS ausfindig zu machen (sozusagen eine menschliche Version von Suchmaschine, die das zum Zeitpunkt des Roman-Geschehens noch nicht existente Google vorwegnimmt).
  • Toni Ward, eine mit allen White-Trash-Wassern gewaschene Überlebende einer verwahrlosten Kindheit, die den Rachefeldzug eines der Ex-Freunde ihrer Mum nur deshalb überlebte, weil sie die Gabe besitzt, sich absolut glaubwürdig totzustellen.
  • David Wallace, ein von schrecklichen Hauterkrankungen gebeutelter Neuzugang in der IRS-Dienststelle in Peoria (sozusagen das Gegenstück zur schönheitsgebeutelten Meredith Rand), der am Tag seiner Ankunft in eine Slapstick-artige Verwechslungsgeschichte hineinstolpert: Es gibt einen weiteren David Wallace – hochrangiger Dienstgrad, glorreiche Verdiensthistorie -, der an jenem Tag ebenfalls seinen Dienst in Peoria antreten soll und dessen Personalnummer fatalerweise mit der des Neulings (sozusagen eine Verkörperung des Fehlers im System) vertauscht wurde. Besondere Ironie dabei: Der Neuling-Wallace verdiente sich während seiner Zeit am College auf illegale Weise Geld dazu, indem er für reiche, versnobte und stinkend faule Kommilitonen Arbeiten schrieb, die er unter ihrem Namen einreichte.

Halt – da wir nun beim Doppelten David angelangt sind, muss hier der Hinweis darauf erfolgen, dass David Wallace tatsächlich in dreifacher Form im Roman vertreten ist: Als zwei in einer Vertauschungskomödie verbundene Figuren – und als sich direkt an seine Leserschaft wendender Autor (siehe §§9,24).

Autor hier. Also der reale Autor, der echte Mensch, der den Bleistift führt, keine abstrakte narrative Instanz. Zugegeben, manchmal taucht in Der bleiche König eine solche Instanz auf […]. Aber das hier bin jetzt ich als echter Mensch, David Wallace, vierzig Jahre alt, Sozialversicherungsnummer 975-04-2012, und ich wende mich an diesem fünften Frühlingstag des Jahres 2005 aus meinem gemäß Formular 8829 steuerabzugsfähigen Heimbüro am Indian Hill Blvd. 725, Claremont 91711, Kalifornien, an Sie, um Ihnen Folgendes mitzuteilen:

Dies alles ist wahr. Dieses Buch ist wirklich wahr.

[Rezensentin hier. Mehr ließ sich an Inhaltlichem für eine Kurzvorstellung nicht herausquetschen, den Rest muss man, der wunderschönen Kompliziertheit wegen, bitte selbst lesen. Nur noch kurz zum Titel: Der bleiche König könnte sich auf Verwaltungschef Glendenning beziehen, der in einer Szene, in der er im Fahrstuhl feststeckt, vom Neonlicht beleuchtet reichlich blass aussieht. Glendenning verkörpert mit seiner Weigerung, die Behörde auf rechnergestützte Bearbeitungsvorgänge umzustellen, eine untergehende Epoche. Das Stichwort Informationszeitalter, das wollte ich im Roman-Kontext eigentlich noch… ach. Nun, ich könnte noch so viel…., aber wie gesagt, bitte selbst lesen.

Der bleiche König war das letzte Romanprojekt, an dem David Foster Wallace schrieb. Nach seinem Freitod im September 2008 übergab seine Familie die unzähligen, noch nicht in Reihenfolge gebrachten Roman-Fragmente an Michael Pietsch, der Wallace über Jahre hinweg als Lektor begleitet hatte. Pietsch hat aus all dem einen tatsächlich lesbaren Roman zusammengestellt, der 2011 im Original, 2013 auf Deutsch, übersetzt von Ulrich Blumenbach, erschien.

Stellenweise glaubt man in noch in Überlegung stehende Abschnitte hineinzulesen, man bemerkt einen groben sprachlichen Duktus hier, sich wiederholende Wendungen dort, doch sind diese Momente selten zu finden. Der bleiche König wirkt sprachlich ganz und gar nicht unvollendet. Nur seinen Figuren merkt man an, dass sie mit Ende der herausgegebenen Fassung noch nicht auserzählt sind, und das versetzt mir zum Schluss einen wirklichen Stich. Ich bin nicht der pseudo-sentimentale Typ, der in solchen Augenblicken das Heulen kriegt – man hat nicht das Recht, aus der Ferne und mit einem Keks im Mund einen Tod zu bejammern, über den man nichts weiß, während dort eine Familie zusammensitzt, der jener Tod gehört – aber das große Schlucken kriege ich trotzdem, als ich das Buch auslese und denke: Adoptiv-Vater Pietsch hat den Figuren merklich viel Liebe angedeihen lassen, aber Waisen sind sie und bleiben sie doch. ]


>>David Foster Wallace, Der bleiche König (Rowohlt), kartoniert €14,99

ARES WAR HIER // Mathias Énard, Zone

Setzt Ares, der hübsche Olympier, der freilich nach Blut, Brand und Verwesung stinken muss, seinen Fuß hinab vom heiligen Berge, so steht er in seinem herrlichen Vorgarten: Die Mitte ziert ein von Schiffen befahrener Teich, den reich bevölkerten Saum bilden Europa, der Nahe Osten, Nordafrika. Diese Gefilde – einen etwas ins Inländige erweiterten Mittelmeer-Kreis – nennt Mathias Énard die Zone. Auf über 500 Seiten, in denen der französische Orientalist die unzähligen Konflikte in der Geschichte der Zone zu einem einzigen Gewaltstrudel verschmilzt, erzählt Énard gleichsam, mit welchen Mitteln der vor lauter Fleiß schwitzende Ares seinen kriegsfruchtbaren Vorgarten pflügt, düngt und begießt.

Mythen, Epen, Gesänge, Träume, Aktenberichte einerseits, andererseits Blut, Fleisch, Hirnmasse, Gebein, Urin, Kot, Sperma, Speichel, Tränen, auch Alkohol: Die Bedeutung von Krieg wird transportiert von menschlichen und menschgemachten Stoffen. Énard hat sein großes Buch über den Krieg darum gleichermaßen mit Göttern und Dichtern bevölkert wie mit Opfern und Schlächtern. Es erzählt, anhand der Genealogie ihrer Kriege seit der Antike, eine dunkle Kulturgeschichte der Zone. Énard belässt dabei nichts in der Schwebe der Vergangenheit: Schrecken, Abgründe, Ungetüme löst er aus dem Abstrakten heraus und vergegenwärtigt sie im Leben und den Gedanken seines Protagonisten, eines Erben jener Geschichte; in einem einzelnen Menschen bricht sich die ganze Woge.

es gibt so viele Fügungen, Wege, die sich im großen Meeresfraktal kreuzen, durch das ich seit einer Ewigkeit ahnungslos wate, seit der Zeit meiner Ahnen seit der Zeit meiner Väter meiner Eltern meiner selbst meiner Toten und meiner Schuld

Mythos, Geschichte und persönliche Erinnerung bilden den Krieg ab, der sich in den Protagonisten hineingefressen hat, zu dessen innerem Zustand er geworden ist. Für dieses inwendige Brausen und Branden hat Énard eine spezielle Schriftform gewählt: einen einzigen, hunderte Seiten anhaltenden Satz. Der beginnt kleinbuchstabig und treibt immer weiter voran, verlängert und wieder verlängert durch Gedankenstriche, gegliedert nur durch Kommata, und selbst diese werden oft als überflüssig betrachtet – sie fehlen beispielsweise in Aufzählungen. Eine Ausnahme davon stellen nur drei Kapitel dar, die als Auszüge eines fiktiven Romans über das im Bürgerkrieg untergehende Beirut geschrieben sind. Nach diesen kurzen Einschüben rattert, strudelt, zieht der Satz ungebremst weiter, wie die Menschheit selbst, und wie die Gedanken des Einzelnen. Die ungebrochene Linie, das große Warten auf den einen Punkt in der radikalen Ruhelosigkeit – damit findet die inhaltliche Symbolik ihre Konsequenz in der Form.

Eine weitere Besonderheit der Romanstruktur: In der Unterteilung in 24 Kapitel wird die thematische Anlehnung an Homers Ilias auch äußerlich deutlich. Zwar findet im Roman nicht etwa der gesamte alte Stoff eine Übertragung ins Moderne, doch der Zorn als grundlegendes Motiv, sowie die Figuren Achill, Patroklos und Hektor haben ihre Parallelen bei Énard. Und überhaupt diese unzähligen Parallelen, Querverweise, Anspielungen, die sich, mal flüsternd, mal als Nebelhörner, überall heraushören lassen, diese vorsätzliche, eigentlich größenwahnsinnige Überladung der Inhaltsebene, und dazu dann noch die experimentelle Form – bersten müsste die Erzählung unter dieser Last. Man staunt: Sie tut es nicht; das ist die Leistung des Stils, der Sprache Énards.

Ähnlich wie der Autor, der nach dem Studium des Arabischen und Persischen in Paris über längere Zeit in verschiedenen Ländern des Mittleren Osten lebte und danach in Barcelona arbeitete – ein Weltenpendler -, ist der Ich-Erzähler ein rastloser Pendler in der Zone. Francis Servain Mirković, auch Francis Mirkovi, alias Yvan Deroy: geboren in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines französischen Algerien-Veteranen und einer kroatischen Nationalistin, Politikstudent, dann Soldat im Jugoslawien-Krieg auf kroatischer Seite in einem zusammengewürfelten Freiwilligen-Korps, schließlich Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes.

Man begleitet den Erzähler während einer Zugreise, die in Paris ihren Anfang genommen hat. Der Leser steigt in Mailand zu, Ziel der Reise ist Rom, oder genauer: der Vatikan. Francis/Yvan trägt einen Koffer voller Akten über Kriegsverbrechen und Waffenhandel in der Zone bei sich, der mit einer Kette gesichert ist – wie ein Biest, das es im Zaum zu halten gilt; gleichzeitig wie eine Eisenkugel, die den Gefangenen, als der sich Francis entpuppt, in seiner Unfreiheit festhält. Ein Koffer als Massengrab, als Lager, aus dem Schreie und Gestank dringen. Kein Hauch von Reiseromantik, keine Spur von klassischem Spionage-Abenteuer. Innerhalb eines erzählerischen Labyrinthes bildet diese Zugfahrt den Ariadnefaden; es ist Francis‘ innerer Monolog, in dem der Leser wie der Erzähler, am Faden entlang tastend, umherirren.

Francis‘ Gedankenstrudel lässt Erinnerungen in einem geschichtlichen Rahmen aufgehen, bindet umgekehrt das Historische ins Private ein, sucht und findet darin das Mythologische, das Epische, und schäumt über vor Anekdotischem. Nicht chronologisch, sondern fragmentarisch wird erzählt, wobei jedoch nicht der Eindruck entsteht, die Dinge bestünden lediglich nebeneinander her – auf der Assoziationsebene begegnen sie sich als gleichwertig, gleichzeitig, sie spiegeln sich ineinander, alles ist durchtränkt von allem.

eine mediterrane Symmetrie mehr, wenn die Achse Rom-Berlin den Falz bildet, berühren sich Beirut und Barcelona

Am Mailänder Hauptbahnhof – Stazione di Milano Centrale -, wo Francis umsteigt, prophezeit ein Verrückter den Passanten den nahen Weltuntergang, und die wahre Verrücktheit daran scheint es zu sein, dass er die Apokalypse in der Zukunft verortet, anstatt zu erkennen, mit welcher Regelmäßigkeit sie sich in der Geschichte wiederholt. Francis bemerkt beiläufig, er zöge die Verrückten eben an. Vielleicht, weil zwischen ihnen und ihm kein sonderlicher Unterschied zu erkennen ist: Francis sieht die Zone als eine Aneinanderreihung von Nekropolen, dort, wo Menschen wandeln, sieht er gleichzeitig Geisterparaden marschieren, und in seinem Kopf – oder auch laut – spricht er mit den Göttern und Gespenstern.

heute Morgen glänzten die Alpen wie Messer, ich zitterte vor Erschöpfung auf meinem Sitzplatz und konnte kein Auge zutun, ich bin völlig zerschlagen wie ein Drogensüchtiger, im Zug habe ich ganz laut mit mir selber geredet, oder ganz leise

Mag sein, dass man auch Francis verrückt nennen könnte – sicher ist nur, dass der Kriegszustand, den er erlebt hat, in Francis‘ Innerem nachhaltig fortbesteht, und wo liegt schon der Unterschied zwischen Krieg und Wahn? Beides ist schließlich Raserei, und Francis‘ Denken ist nichts Anderes. Milano: Im Namen der Stadt steckt der Raubvogel, der Milan; das Zerpflücken blutiger Beutestücke denkt Francis dabei mit, und gleichzeitig den Namen eines vielfach verwundeten Generals, Millán Astray, der, gemeinsam mit Franco, die Spanische Fremdenlegion begründete. Astray, der bemerkenswert Versehrte – wie Ghassan: ein lybischer Bürgerkriegsveteran, mit dem sich Francis in seiner Zeit in Venedig systematisch betrinkt, um den Tod seines liebsten Kameraden – Andrija, Francis‘ Patroklos – zu vergessen. Ghassan spendet, mal mehr, mal weniger bewusst, viel Material für Francis‘ hungrigen Aktenkoffer. Am interessantesten aber ist die Geschichte der Narben Ghassans:

wie er verwundet wurde, wie er dachte, er sei tot, als er nach der Explosion einer Granate plötzlich von Dutzenden von Splittern zerschnitten wurde, er sah wie seine Drillichjacke aufging unter dem Hagel der Geschosse anschwoll, plötzlich war er voller Blut, war vom Knöchel bis zu den Schultern von zahllosen Stichen durchlöchert, seine ganze rechte Körperseite war von einer scheußlichen schleimigen Masse überzogen, mit Krämpfen vor Schmerz und Panik brach Ghassan zusammen, überzeugt dies sei das Ende, die Granate war nur wenige Meter entfernt eingeschlagen, die Ärzte entfernten acht fremde Zähne und siebzehn Knochensplitter, die in seinem Körper steckten, Überreste des armen Kerls, der vor ihm von der Explosion zerrissen worden war und sich in eine menschliche Granate verwandelt hatte, in rauchende Schädelfragmente, die in einer Blutfontäne fortgeschleudert wurden, deren einziger Metallsplitter ein goldener Vorbackenzahn war, Ghassan hatte Glück im Unglück, es lief ihm noch immer kalt den Rücken hinunter, der Ekel reize noch immer zum Brechen […] Ghassan verwandelt in ein lebendiges Grab, trägt die Reliquien des Märtyrers direkt unter seiner Haut, hat die Vereinigung der Krieger vollzogen durch die Magie der Sprengkörper […]  besonders am Hals hatte Ghassan noch immer winzige unsichtbare oder höchstens unter Röntgenstrahlen sichtbare Knochensplitter unter der Haut, die sich manchmal Jahre später, man weiß nicht warum, in Form von Zysten und Schwielen zeigten und dann herausoperiert werden mussten, am meisten ärgerte ihn aber, dass er dem Arzt davon erzählen musste, erklären musste, warum sein Körper Knochenstücke ausspie

Der Soldat als wandelndes Grab eines anderen Soldaten – dieser Gedanke über die Verkettung von Tod, und seine aufs Körperliche zugespitzte Verbildlichung, beschäftigen mich auch nach Buchende hartnäckig weiter.

Francis‘ eigene Narben sind weniger spektakulär. Marianne fragt dennoch nach ihnen. Marianne, in der Francis, der sich als Ares sehen wollte, seine Aphrodite fand. Marianne, die Schöne, mit ihrer wohligen Vitalität, ihren Rundungen, ihrer Weichheit, ihrem Duft, ihrer unverdorbenen Körperlichkeit. Marianne – wie die französische Nationalfigur, verkörpert von Brigitte Bardot bis Sophie Marceau. Marianne, die sich mit einem Tritt in seine Weichteile von ihm löst, weil er zu viel Zeit mit dem Alkohol und den Narben Ghassans verbringt, während Marianne so gern in seinen, Francis‘ Narben gelesen hätte.

Es ist ein klassischer weiblicher Fehler, unbedingt an die Gefühlszentren der Männer rühren zu wollen – Stephanie wiederholt ihn. Stephanie, die, wenngleich auch sie eine aphroditische Seite besitzt, eher einer Athene ähnelt. Stephanie, die Taktikerin, die Strategin, die Karrieristin beim Geheimdienst, die Francis immerhin einen kurzen Augenblick von Vaterschaft, von Familie spüren lässt. Was aber soll eine Frau – irgendeine – mit einem Kriegsungeheuer, einem Francis auf Dauer schon anfangen?

Besser ein Anderer sein: ein Yvan Deroy. Dessen Namen trägt Francis spazieren, während der echte Yvan in einer geschlossenen Anstalt vor sich hindämmert – da, wieder ein Verrückter. Diesmal einer, der über seine eigene krude Nazi-Ideologie seinen Verstand verloren hat, zum ahumanen Monster mutiert ist, als hätte Énard hier (Zone erschien 2008 in Frankreich) einen Anders Behring Breivik vorausgeahnt, den er vorsorglich gleich in ein Irrenhaus hineinschrieb. Indem er Francis den Namen Yvans als Pseudonym annehmen lässt, zeigt Énard ein gefährliches, frei in der Zone umherstreifendes Gespenst auf.

Francis‘ Beziehung zu diesem nicht totzukriegenden ideologischen Gespenst ist nicht willkürlich angelegt, und auch nicht allein dadurch hergestellt, dass Yvan sein Schulfreund war, sondern sie besteht bereits in Francis‘ Erbgut: Franjo Mirković, Francis‘ Großvater, war ein kroatischer Faschist der ersten Stunde, wichtiger Funktionär des NDH, des Unabhängigen Staat Kroatien, ein Ustascha. Diese Bewegung hatte mit Ante Pavelić ihren eigenen Führer, mit dem Lager Jasenovac ihr eigenes Auschwitz, ihr fielen im Laufe des Zweiten Weltkrieg, unterschiedlichen Schätzungen nach, 400 000 bis 600 000 Serben, Juden, Roma und antifaschistische Kroaten zum Opfer.

Als Wiedergänger dieses ersten Schlächters unter dem Namen Mirković zog Francis später in den Balkankrieg. Und nicht nur die Tradition seines Großvaters, auch die seines Vaters führte er fort, indem er töten ging: Ob in Jugoslawien oder Algerien – die Morde, Vergewaltigungen, Folterungen bleiben sich gleich.

Von einem Namen zum Nächsten, endlosen Verknüpfungssträngen folgend, strömt Francis‘ Satz punktlos voran. Neun Stationen passiert der Zug auf dem Weg von Mailand zu Francis‘ Ziel – neun Kreise des Inferno, neun Bereiche des Purgatorio, neun Himmel des Paradiso müssen in Dantes Göttlicher Komödie durchwandert werden. Bei Francis verlieren Hölle, Vorhölle und Paradies ihre klaren Umrisse, das Eine durchwabert das Andere. Tag der Zugreise ist übrigens der 8.Dezember, der Tag der Unbefleckten Empfängnis, und über den religiösen Verweis hinaus, liefert Énard hier einen erneuten megalomanischen Querbezug, macht, wie Joyce, einen Tag zu seinem eigenen, und seinen Roman, diesen Gedankenstrom-Koloss, zum Bloomsday eines Erlösungssuchenden.

Einmal noch sucht Francis bei einer Frau nach Erlösung, bei Saschka, der zart-blassen Engelsfigur, die Ikonen malt. Diesmal verschweigt er seine Francis-Substanz und geht unter der Deckidentität eines Insektenforschers namens Yvan Deroy, die Saschka ihm gutgläubig abkauft, in diese Beziehung hinein. Den Namen Yvans zu tragen, fühlt sich für ihn kaum als Lüge an, und auch die Insektenkundler-Identität weist genug Wesensähnlichkeit zu seiner Tätigkeit als Aktensammler auf, um einer für Francis brauchbaren Form von Wahrheit Genüge zu leisten – schließlich ist Francis sattsam kundig auf dem Gebiet der kriechenden oder schwärmenden Massen-Tiere, dieser ruhelosen Betreiber der Verwesung von Fleisch und anderen Strukturen. Doch etwas bremst ihn, bevor er Saschka zu nahe kommt; womöglich sind es tatsächliche Skrupel, dieses Unschuldswesen zu verderben, oder auch nur Francis‘ umfassende Lebensmüdigkeit. Und sowieso, was sollen die Frauen immer alles heilen, und was sollen sie gleichzeitig aushalten: Monster wie Francis oder Andrija, wie zuvor all diese Väter und Vorväter, die denen Francis‘ entsprachen.

Gleich den Kriegern, suchen auch manche Dichter in körperlicher Nähe nach einer Erlösung von ihrer eigenen Scheußlichkeit, und mache kommen von weit her in die Zone, wo die allseits spürbare Geschichte von Gewalt und Untergang ein gutes Pflaster zu bieten scheint, um sich mit seinen eigenen Untiefen zu befassen – wie Borroughs, nachdem er bedröhnt seine Frau erschossen hatte. Doch die meisten verheddern sich hier erst recht unrettbar in ihren dunklen Seiten, sie fügen sich viel zu gut ins Elend aus Prostitution, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Dass Francis seine Erlösung genauso wenig findet, liegt daran, dass er, ähnlich wie die von Énard eingestreuten Dichter, verirrt, besoffen und bekifft immer weiter in Richtung Anti-Erlösung taumelt.

Außerdem gibt es in seiner Weltsicht keine funktionierenden Richtungsweiser mehr: Moralische Kategorien wie Gut und Böse, zeitliche Dimensionen wie Gestern und Morgen – all jene Einordnungen haben für ihn, der nur noch trüben Brei denken kann, ihre Klarheit verloren, und Begriffe wie Schuld, Sühne, Erlösung bieten da keine Trittsicherheit. Einzig der Begriff SCHICKSAL tritt großbustabiert aus dem Strudel hervor.

Indem Énard den moralischen Boden schwammig hält, drückt er sich jedoch nicht etwa um die Frage nach Francis‘ eigener Schuld; diese Schuld ist deutlich, und sie ist massiv. Francis hatte sich, vielleicht nur um der Mutter zu gefallen, vielleicht auch aus weitergehender Eitelkeit, freiwillig in den Krieg begeben. Er suchte dort nach dem Helden, dem Mann Francis und fand stattdessen Francis, das Ungeheuer. Aus niederen Beweggründen gehasst, aus Zorn getötet zu haben: Darin besteht die Schuld seiner Soldatenzeit. Und während seiner Geheimdienstzeit erhöht er seinen Schuldzähler um die Folgen seiner Abmachungen mit dieser oder jener Instanz im Machtgemenge der Zone – dort wird jeder Vorteil durch einen Verrat erkauft, und jeder Verrat ist der Ausgangspunkt neuer Opfer-Biografien, in denen Francis‘ Name nicht selten als Fußnote angeführt werden dürfte. Im Laufe des Buchs wird deutlich, wie sehr Francis‘ Inneres und das des Koffers Eins sind.

als der Koffer voll war, musste ich ihn verkaufen, diese unzähligen überall in meiner Zone geduldig zusammengetragenen Dokumente Namen Berichte loswerden (…), die in fünf Jahren endloser Nachforschungen gesammelten Dokumente, die aus Archiven gestohlenen Geheimunterlagen, die abgeglichenen Zeugenaussagen, wozu diese zahllosen Stunden des geduldigen Zusammenstellens dieser Liste um das leere Leben (…) zu füllen, um meinem Dasein einen Sinn zu geben, vielleicht, wer weiß, um einen schönen Abgang zu haben, um Vergebung für meine Toten zu erhalten, fragt sich nur, von wem

Jene Einheit von Mensch und Aktensammlung ist eine wandelnde Büchse der Pandora: Während der Koffer allerdings in umgekehrter Form so funktioniert, das Grauen also nicht in die Welt schickt, indem er geöffnet wird, sondern es in sich sammelt, ist Francis selbst ein Unheilsbringer, und wer an sein Inneres rührt – wie manche seiner Kriegsgegner das taten, und auch die Frauen, die ihn liebten -, entfesselt damit eine scheußliche Bestie. Sich selbst hält Francis daher lieber verschlossen, doch er legt sein Leben mit in den Koffer und will diesen Koffer abgeben, in den Koffer soll hineingeschaut werden, Andere sollen, so wie Francis, in Gräber, Folterkammern und andere Abgründe blicken.

Dass nun vatikanische Diener diesen Blick tun sollen, ist nicht von offizieller Seite entschieden worden, sondern es ist Francis‘ eigene Mission, wie auch die Aktensammlung selbst in privater Arbeit entstanden ist und nicht in geheimdienstlichem Auftrag. Warum aber Francis gerade den Vatikan zum Adressaten seiner Privatmission erwählt hat, beantwortet sich nur in Andeutungen:

von Paris nach Rom, um zitternden Prälaten fünfzig Jahre alte Geheimnisse und auch weitaus jüngere – Ware bleibt Ware, ob Pizzas oder Blumen – gegen klingende Münze auszuhändigen, ich habe den Preis auf dreihunderttausend Dollar festgesetzt, die Ironie würde den Kirchenmännern sicher nicht entgehen, dachte ich, dreißig Silberlinge, sie haben kein Wort darüber verloren, stimmten ohne Murren zu, wagen es nicht mit dem Sünder über den Preis für den Verrat zu verhandeln, Rom bleibt Rom, wer auch immer dort herrscht

Moderne dreißig Silberlinge für den modernen Judas. Immerhin sollte, was Francis zusammenspioniert hat, wohl genügen um den Tatbestand des einen oder anderen Landesverrats zu erfüllen; den Verrat eines Erlösers allerdings kann man ihm schwerlich vorwerfen. Vielleicht ist die Einreichung des Koffers für Francis die eine, die große, mit Fußnoten und Zusatzmaterial versehene Beichte seines Lebens und er hofft doch auf irgendeine Art von Absolution. Vielleicht spielt in Francis versteckten Beweggründen auch eine andere Betrachtung des Judas, die diesem innerhalb der Gnosis zuteil wird, eine Rolle. Dort nämlich werden Judas‘ Motive nicht in Untreue und Geldgier gesehen, vielmehr wird die Funktion des Judas Ischariot als die eines Erfüllungsgehilfen für Gottes Plan verstanden: Judas, so die Gnostiker, habe den Opferwillen des Gotteslammes Jesus im Sinne der göttlichen Vorsehung gedeutet und mit der Übergabe Jesu an die Römer die Erlösungsgeschichte überhaupt erst in ihren Lauf gebracht. Vielleicht also soll es nicht nur Francis‘ eigener, sondern einer General-Erlösung der gesamten Zone dienen, die Wahrheit ins Licht der Ewigkeit, deren weltlicher Stellvertreter der Vatikan ist, hineinzutragen. Oder vielleicht nutzt Francis die vatikanische Schleuse ins Reich des Transzendenten in dem rotzfrechen Versuch, den Göttern zurückzugeben, ihnen vor die Füße zu pfeffern, was sie auf Erden angerichtet haben – als ob sie nicht darauf antworten würden, für Schuldfragen solle man sich da unten gefälligst als selbst zuständig betrachten. Vielleicht aber braucht Francis, der Söldner aus Gewohnheit, derzeit auch einfach nur das Geld. Wer weiß.

Andere Fragen beantworten sich zum Ende, zum Beispiel die, ob der Koffer sein Ziel tatsächlich erreichen wird, oder ob der endlose Satz doch noch zu seinem Punkt findet. Bis dahin sind es hunderte unruhevoller Seiten, die mitunter anstrengend zu lesen sind – alles andere wäre auch ein Hohn angesichts ihrer Thematik -, aus denen jedoch die gewissenhafte Arbeit des Autors spricht. Man kann nur erahnen, welchen gedanklichen und welchen Recherche-Aufwand er für diesen Roman wohl betrieben hat. Gelohnt hat er sich unbedingt.


>> Mathias Énard, Zone (Berlin Verlag), kartoniert €12, 95

OSTWÄRTS // Esther Kinsky, Banatsko

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Kann man Menschen portraitieren, einzig indem man in Details und Fragmenten über sie und ihre Gegend redet, indem man nur von ihren Kleinigkeiten erzählt, den Grasbüscheln in ihren Gärten, den Plastikkränzen auf ihren Friedhöfen, den Flecken auf ihren Handschuhen? In Banatsko, ihrer stillen Betrachtung des nördlichen Banats, unternimmt Esther Kinsky diesen Versuch – mit durchwachsenem Ergebnis.

Vor rund zehn Jahren zog es Esther Kinsky zu einer Recherchereise ins Banat, eine vom Vergessen bedrohte Kulturregion, die Ungarn, Rumänien und Serbien miteinander verbindet. Zuvor hatte die Slawistin, die vorrangig als Übersetzerin für polnische, russische und englische Literatur arbeitet, fünfzehn Jahre lang in London gelebt – der Kontrast zu den einfachsten Lebensverhältnissen im Banat könnte schwerlich größer sein. Dennoch wählte sie dort, im Banat, ihr zeitweiliges Zuhause: nahe der rumänischen Grenze, im südungarischen Battonya. Kinsky lebt heute im Wechsel in Battonya und Berlin.

Banatsko ist das serbische Adjektiv zu Banat. Das alte, gelbe Haus, in das die Erzählerin (wahrscheinlich Esther Kinsky selbst – das bleibt jedoch uneindeutig, aber auch unwichtig für das Erzählte) einzieht, gehört zu einem Straßenzug, der einst ganz serbisch war. In dem Haus hatte die Tante ihres Nachbarn gelebt, eines alten Serben. Die Rumänen kommen regelmäßig über die Grenze um Fleisch zu kaufen, die Ungarn verkaufen ihre Zigaretten auf rumänischen Märkten. Serben, Ungarn, Rumänen begegnen sich allenorts, heiraten untereinander, streiten miteinander, erzählen einander Geschichten während lang andauernder Zugfahrten. Stetig sind so die drei Sprachen präsent, worauf Kinsky, die Übersetzerin, oft ihre Aufmerksamkeit richtet.

Das ungarische Wort für Grenze ist határ. (…) Trotz des scharfen Wortes ist die Vorstellung vom Grenzverlauf abseits der scheinwerferbeleuchteten Grenzübergangsstellen nicht genau. Man erzählt sich gern Geschichten über Begebenheiten in Zusammenhang mit der Grenze wie über ein Fabeltier, das dort draußen im Ungewissen schlummert.

Wie die Staatsgrenzen erinnern auch die Abgrenzungen zwischen dem Gestern, Heute und Morgen an eine Schlange, die ihre Linienform nur gelegentlich sichtbar werden lässt, indem sie auf dem Weg von einem Dickicht zum nächsten eine seltene Lichtung überquert. Es herrscht weltvergessene Zeitlosigkeit in dieser Region: Die Häuser, Straßen, Felder, die Menschen und ihre Lebensabläufe unterscheiden sich in ihren Eigenschaften und ihren Zusammenhängen kaum von denen in früherer Zeit und werden wohl auch in Zukunft nicht ihren Charakter verändern – und das trotz der großen Systemveränderungen, die das Staatendreieck über Jahrzehnte durchwanderte. Die Jahreszeiten bedeuten immerhin etwas: Melonenernte im Spätsommer, Hunger im Winter. Die Jahre selbst dagegen: nichts.

Hier gibt es nichts zu sehen, sagte er. Was hier geschieht, versinkt und versickert im Boden. Leidenschaften, Hoffnungen, Kämpfe, das Kriegsgestöhn der Jahrhunderte, davon nähren sich hier das Schilfgras und die Frösche (…) Es ist, als würde Jahr für Jahr mit den dicken Schichten Froschlaich auf Tümpeln und Pfützen (…) der Klang der Trommeln, Hörner und Soldatenstiefel wieder ausgebrütet. Dabei gibt es hier nichts zu gewinnen. Nichts als die Leere, das Warten. Alle hier warten auf irgendetwas, seit Jahrhunderten. Auf die Liebe, auf den Tod, auf einander, auf den Krieg, auf das nächste Hochwasser, auf die Fähre. Hier ist Warteland.

Während die Erzählerin die Grenzgebiete bereist, die das Banat in sich vereint, verändert sie kaum ihren Blick auf Mensch und Ding. Es ist kein Angekommensein spürbar, kein Aufgehen in irgendeinem Gemeinschaftswesen. Zwar plaudert sie mit ihren Nachbarn in Battonya, spricht mit den Menschen, die ihr unterwegs begegnen, beginnt sogar eine vorsichtige Liebschaft. Wärme entfaltet sich dennoch nicht, der Blick schaut weiterhin auf Fremdgegenstände, auf Fremdkörper.

Ich wusste nicht mehr, was mir fremd und was vertraut war. Ich sah den Winter gehen, ich streifte an der Grenze entlang, in die Nachbarländer hinein, begann kleine Dinge zu fotografieren, deren Sinn sich mir vielleicht enthüllen würde, wenn ich sie auf einem Bild sah.

Die Überschriften der kurzen Kapitel lauten Arad, Senta oder Lenauheim, immer wieder Battonya, sie nennen die Namen der besuchten Ortschaften oder sie bezeichnen, worum es in erlebten Episoden ging, wie etwa Der Fisch oder Der Melonenwächter. Dazwischen eingestreut finden sich ein paar kurze Rückblicke, überschrieben mit Stadt und Das frühere Land. Einmal ist darin einigermaßen eindeutig die Rede von England, Kinskys früherem Land. Bei der Stadt wird nicht konkret gemacht, um welche es sich nun handelt, es spielt auch keine Rolle, es ist ein Musterhausen im Metropolenformat, so schwergewichtig sich der Bezug zu Kinskys Biografie und deren Hauptstädten London und Berlin auch aufdrängt. Zwischen den großen Städten einerseits und den abseitigen Kleinststädten andererseits besteht eine besondere Gemeinsamkeit: Wer neu an solche Orte kommt um dort zu leben, der kann dort gut für sich allein leben. Die Großstadt gewährt Freiräume durch Anonymität. Im Niemandsland sichert man sich schon allein durch den Sonderstatus als Fremdling, als Zuzögling die Unberührbarkeit des Unikums.

Esther Kinskys Roman Am Fluß entstand später als Banatsko, in beiden klingt zwischen allen Zeilen hindurch, dass dort ein auf Distanzfragen ausgerichtetes Wesen schaut, denkt und schreibt. Schön schreibt – beide Bücher sind voll magischer Sätze, voll leiser, unstrapazierter Poesie. Während das eine den River Lea und das abseitige London jenseits der Hochglanzfassaden schildert, erzählt das andere aus dem ebenso schmucklosen Banat, beide nutzen dabei die Form des erzählenden Betrachtens für sich und schaffen eine Atmosphäre, die man beinahe greifen kann, jedoch kaum Inhalte, die man nachzeichnen könnte. Noch weniger entwickelt man beim Lesen ein Gespür für die erzählenden Frauenfiguren, was ihr Verhältnis zu ihrem jeweiligen Umfeld betrifft. Gleichwohl man in ihre Gedankenströme blickt, erfährt man nichts Verwertbares über ihre grundlegenden Eigenschaften, ihre Beziehungsgeflechte oder maßgebenden Orientierungen. Man kommt nicht an ihre Substanz heran, vielmehr halten sie sich den Leser ein Stück weit komfortabel vom Hals, indem sie ihn tief in ihre Kleinstbetrachtungen hineinziehen. In Am Fluß reduziert Kinsky ihr Schreiben in besonderem Maße auf ihre individuelle Perspektive, das Erzählen subjektiver Eindrücke und Gedanken mäandert im Tempo und im Verlauf des Flusses. Diese Reduktion ergab ein schönes Lese-Erlebnis, fand ich. Banatsko steckt noch auf halbem Wege zu dieser Form fest: schon abgelöst von Handlungsbögen und tiefgehenden Hintergrundbeleuchtungen, dies aber noch nicht konsequent genug. Mit den geisterhaft bleibenden Dorfbewohnern, den Menschen, die auf Ausflugsschilderungen kurz auf- und wieder abtauchen, den kurz angerissenen Familienfiguren weiß ich nichts anzufangen. Mit den meditativen Betrachtungen von geangelten Fischen, Blasen werfenden Linoleumböden und porös gewordenen Küchenvorhängen dagegen schon – allerdings erst nach gewisser Anlaufzeit. Die Langsamkeit und Stille des Erzählten beginnen eben gleichfalls nur langsam und still zu wirken.


>> Esther Kinsky, Banatsko (Matthes&Seitz), gebunden €19,90

WAHN-VERWANDTSCHAFTEN // Jürgen Bauer und Marie Hermanson: Familie vs. Paranoia

Als mir Was wir fürchten, der aktuelle Roman des österreichischen Autoren Jürgen Bauer in die Hände fiel, kam mir sofort Der Mann unter der Treppe, ein 2007 erschienener Roman von Marie Hermanson, in den vergleichenden Sinn. Familie und Wahnsinn liegen hier jeweils nah beieinander. Auf den ersten Blick mag man das für eine wenig überraschende Mischung halten, jedoch reichen die von Bauer und Hermanson geschilderten Abgründe schon ein bisschen tiefer als im durchschnittlichen Familienalltag. Denkt man, erst mal. Später hofft man. Beide Romane weisen eine enge Verwandtschaft zum Krimi auf, beide spielen mit dem Leser: Sie verweigern eine klare Einschätzung ihrer Handlungen und Protagonisten und säen stattdessen Unsicherheiten, verlangen eine akribische Spurenlese, führen mit so klug wie beiläufig positionierten Hinweisen in verschiedene Verstehensrichtungen, die es gegeneinander abzuwägen gilt.

was wir fürchten (2)


Georg, die Hauptfigur in Was wir fürchten legt von Beginn an die psychologischen Besonderheiten seiner Lebensgeschichte offen. Setzen sie sich, ich erzähle Ihnen jetzt meine Geschichte – das ist der einleitende Satz. Sind wir gemeint? Man wird sehen. Er beginnt seine Geschichte mit der Schilderung eines Autounfalls. Die Beteiligten sind: er selbst, ein kleines Mädchen, ein Auto mit getönten Scheiben. Es ist Markttag und sommerlich schön – das Szenario einer gelassenen Stadtidylle, doch Georg empfindet die Hitze, die Gerüche als aggressiv, ihm graut vor dem Platz, vor der Menschenmenge, vor dem Fleisch am Metzgerstand. In seiner Wahrnehmung brodelt stetig das Unheil, und doch bedeutet dieser Zustand bereits ein Niveau von Normalität für Georg, das er lange Zeit kaum je zu erreichen geglaubt hätte, er beschreibt: wie viel Kraft mich meine Entwicklung hin zu diesem Punkt gekostet hatte. Ich war stolz auf mich, ein neues Gefühl in meinem Leben. Sein altes Leben, geprägt von seinem psychisch kranken Vater und der eigenen Krankengeschichte, glaubt er hinter sich gelassen zu haben – Eheglück, normaler Alltag, Selbstbestimmtheit sind die Merkmale seines neuen Lebens. Mitten hinein in die unverdächtige Wochenmarktkulisse platzt dann mit einem Knall der Irrsinn. Georg lässt in raschem Wechsel Szenen des Unfallgeschehens und seines Familienlebens aufflackern, sein Unfallbericht liefert gleichzeitig Beschreibungen seiner eigenen Beschädigungen, angerissene Erklärungen zu seinem Krankheitsbild werden eingestreut, auch zu dem seines Vaters, und er gewährt kurze, unfertige Einblicke in das Verhältnis zu seiner Frau und zu seiner Mutter. Wie seinerzeit sein Vater, leidet auch Georg an Paranoia von schwer kontrollierbarem Ausmaß, Medikamente und Therapien sorgen nie für Heilung, nur für Eindämmung, für vermeintliche Beherrschbarkeit der Krankheit. Sylvia, Georgs Frau, ist um einiges älter als er – Liebe, ja, aber vor Allem bietet sie eine stabile Mutterfigur, an der er sich festhalten kann. Denkt man. Aber was war da mit Sylvia und dem Vorfall mit dem Messer in unserer Küche? Als Georg nach dem Unfall am Marktplatz zurück nach Hause kommt, reißt er sich selbst und seiner Frau die Kleider vom Leib und zerrt Sylvia mit sich unter die Duschbrause, um ihr von den Geschehnissen in allen Details zu berichten. Die Tränen seiner erschrockenen Frau ignoriert er. Was versetzt die Paranoia-Maschinerie in seinem Kopf wieder so ungezügelt in Gang? Das Auto mit den getönten Scheiben – im Inneren, da saß doch jemand mit einer Kamera? Die Polizisten mit ihrer trügerischen sachlichen Art, verschweigen die nicht etwas? War dieser Unfall mit Fahrerflucht nicht vielmehr ein missglückter Anschlag auf ihn, auf Georg? Das ist alles nur in deinem Kopf – dieser Satz begleitet Georg (und den Leser) wie ein Mantra, die Stimmen in seinem Kopf wiederholen diesen Satz unablässig, Stimmen, die seinem Vater, seiner Mutter, seiner Frau gehören – und Simon. Welchem Simon, wer ist das? Was meint Georg mit den Ereignissen vor dem Unfall, wie zum Beispiel dem Fund der Mauerteile in unserer Wohnung, die seinen Rückfall in das mühsam abgelegte paranoide Verhalten bereits vorbereitet haben? Als Leser hat man an dieser Stelle längst in einen kriminalistischen Modus gewechselt, man betreibt Indizien-Lese. Überrascht stellt man fest, dass Georgs vermeintliche Ich-Erzählung ein Dialog ist, aber wer ist das rätselhafte Gesprächsgegenüber, und was für eine Art von Gespräch ist das? Auf wessen Terrasse sitzen wir hier, wo bitteschön sind wir überhaupt? Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser?


Die Schwedin Marie Hermanson schickt in Der Mann unter der Treppe ihre Hauptfigur Fredrik durch einen ähnlich aufgestellten Paranoia-Parcours. Die Ausgangssituation dieses psychologischen Romans ist eine sehr viel unproblematischere als diejenige in Was wir fürchten: Während Fredrik einer soliden Tätigkeit im städtischen Amt für Wirtschaftsförderung nachgeht, profiliert sich seine Frau Paula als Künstlerin, Sohn Fabian fühlt sich wohl im Kindergarten, Baby Olivia macht das Glück perfekt. Gerade hat die junge Familie Göteborg verlassen und ein idyllisch gelegenes Eigenheim im ländlichen Kungsvik gekauft und bezogen. Ein Glücksgriff: ein historisches Häuschen in renoviertem Zustand und idealer Lage, mit traumhaftem Grundstück und geschmackvoller Innenarchitektur. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit dem neuen Heim, zumindest spürt Fredrik das. War der Kaufpreis für das kleine Paradies nicht übrigens auffallend günstig? Was verursacht nur diese quälenden Schlafstörungen, unter denen Fredrik neuerdings leidet? Bei Arbeiten im Bad wird das Waschbecken beschädigt, das glaubt Fredrik jedenfalls gesehen zu haben – als er sich den Schaden später genauer ansehen will, findet er das Becken repariert vor. Die seltsamen Geräusche, die gelegentlich im Haus zu hören sind, schiebt Paula zwar bei Seite – es arbeite eben in alten Häusern – , doch Fredrik hegt längst ein diffuses Misstrauen gegenüber seinem Heim. Eines Nachts steht Fredrik dann einer verstörenden Erscheinung gegenüber: Ein kleinwüchsiger, verwildert aussehender Mann begegnet ihm in der Diele, er heiße Kwådd und lebe unter der Treppe, sagt der unaufgeregte, ziemlich selbstbewusste kleine Mann. Fredrik ist außer sich und verlangt von dem Männchen den sofortigen Auszug aus dem Haus. Kwådd denkt aber gar nicht daran sein Zuhause aufzugeben, und so werden die beiden zu Kontrahenten, die auf engstem Raum einander belauern und bekriegen. Das klingt eindeutig nach Phantastik, aber einige Andeutungen über Fredriks Familienvergangenheit ziehen die Geschichte wieder zurück auf psychologisches Terrain. Wie starb sein leiblicher Vater? Hat Fredrik vielleicht Veranlagungen zu psychischen Erkrankungen? Parallel dazu demontiert Hermanson das perfekte Familienglück: Paula musste einst wegen einer Verletzung ihre Träume von einer Karriere als Ballerina aufgeben – füllt das Leben als Ehefrau und zweifache Mutter sie aus, oder arbeitet sie, indem sie ihre Kunstprojekte voran treibt, in Wirklichkeit an einem Ausstiegsplan, um diesem Leben entfliehen zu können? Treibt etwa Paula ihren Mann gesteuert in den Wahnsinn? Den Schwiegereltern war Fredrik ohnehin nie gut genug, haben sie vielleicht Paula endgültig von Fredriks Mangelhaftigkeit überzeugt? Ein Haustier verschwindet – hat Kwådd da seine Finger im Spiel, oder ist doch etwas dran an der Aggressivität und Unkontrolliertheit, die Fredrik neuerdings von den Kollegen attestiert wird und die er verharmlosend mit seinen Schlafstörungen begründet? Wie zurechnungsfähig ist Fredrik? Wie real ist Kwådd? Hermanson, die neben ihrem Studium in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, lässt ihre doppelbödige Geschichte über den Untergang einer Familie raffiniert und spektakulär eskalieren. Dabei macht es einen als Leser halb verrückt, dass sich während des gesamten Romans diese Uneindeutigkeit der Verhältnisse nicht aufklären lässt, obwohl es doch angesichts einer derartig gründlichen Katastrophe – es wird hysterisch, es wird blutig – unmöglich so schwer sein dürfte, irgendeine klare Auflösung zu finden. Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser? (Habe ich übrigens diesen letzten Satz nicht schon einmal geschrieben?)


>>Jürgen Bauer, Was wir fürchten (Septime), Gebunden €21,90

>>Marie Hermanson, Der Mann unter der Treppe (Suhrkamp), Kartoniert €8,90