zeitgenössisch (Literatur)

SPRACHMUSIK // Fiston Mwanza Mujila, Tram 83

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Im Schweiße deiner Titten sollst du essen.

Wer sich bereits gegen den Einleitungssatz innerlich sträubt, sollte den Rest des lauten, lüsternen und heftigen Tram 83 vielleicht gar nicht erst lesen. Oder vielleicht ja doch, gerade? Fiston Mwanza Mujila, geboren im kongolesischen Lubumbashi und derzeit ansässig in Graz, schert sich in seinem Debutroman wenig um gegenwärtige mitteleuropäische Empfindlichkeiten. Aber wozu auch, wo man sich umgekehrt in Mitteleuropa und anderswo doch mindestens ebenso wenig ums gegenwärtige zentralafrikanische Befinden schert.

Insbesondere die titelgebende Bar, nächtlicher Lebensraum von Sex-Jobberinnen, Geschäftemachern, Studenten und Minenarbeitern, ist ein Ort, an dem für hiesige Sensibilitäten schlichtweg kein Platz ist. Die allabendlichen, ekstatischen Musikdarbietungen und allerlei leiblichen Exzesse im Tram 83 bilden den Refrain im Alltagsleben von Stadtland, einem verelendeten Millionen-Moloch, der ungefähre Parallelen zu Mujilas Geburtsstadt aufweist. Minderjährige Prostituierte, die Küken, ludern Freier an, um sie in den Unisex-Toiletten ziemlich prompt und wenig diskret zu bedienen. Allerdings werden diese Mädchen nicht etwa als besonders verlorene Seelen porträtiert – Verlorene sind dort schließlich alle, einzig darin herrscht Gleichberechtigung -, sondern stechen aus ihrem Umfeld hervor als kleine Göttinnen des Fleisches, drall, vital, freilich geschunden, gleichwohl von einer unantastbaren Energie. Die scharfzüngigen Single-Mamis, so die Bezeichnung für die älteren Prostituierten, sind ebensolche Zwiegestalten: Elendsfiguren, ja, und doch Regentinnen des Fleisches und die eigentlichen Herrinnen dieses Hauses. Die trotzigen Kellnerinnen, die in der internen Hierarchie deutlich unter den Prostituierten angesiedelt sind, üben auf andere Art Macht über das Fleischliche aus: Sie lassen sich nicht einfach herbeiwedeln, müssen mitunter schon angebettelt werden, damit sie scharf gewürzte Hundespießchen, Katzenragout und das ersehnte Maisbier servieren. Geld stellt derweil die Maßeinheit für maskuline Macht dar, und im Beschaffen und anschließenden Verprassen des Geldes besteht denn auch die Grundtätigkeit des durchschnittlichen Einwohners von Stadtland. Stets ringt dort Geld um Fleisch, und Fleisch wiederum um Geld.

Mujila erzählt die Geschichte des erfolglosen Schriftstellers Lucien, der von außerhalb, aus dem Hinterland genannten Landesteil, nach Stadtland kommt, um bei seinem alten Freund Requiem Unterschlupf zu finden. Lucien, der Poet, und Requiem, der Praktiker – was sie verbindet, ist eine gemeinsame, brutale Vergangenheit, von gegenseitiger Liebe kann indes nicht die Rede sein. Während Requiem als erfolgreicher Ganove und Schürzenjäger durch die Gegend patrouilliert, Lucien bei sich beherbergt und ihn vergeblich für diverse Jobs zu interessieren versucht, schreibt Lucien an einem komplizierten Theaterstück, Das Afrika der Möglichkeiten: Lumumba, der Engelssturz oder die Stößel-Mörser-Jahre, das er über einen losen Kontakt in Paris an internationale Verlage vermitteln will. Eine günstigere Gelegenheit scheint sich ihm zu bieten, als er im Tram einem Schweizer Verleger begegnet, der Lucien unterstützen will. Verlagschef Malingeau zählt zum ausländischen Teil der Kneipenbesetzung, Geschäftsleuten unterschiedlichster Couleur, die man hier als gewinnorientierte Touristen bezeichnet und die auf die eine oder andere Weise Anteil nehmen an der Ausbeutung des Landes durch auswärtige Kräfte. Malingeau, der ursprünglich nach Stadtland kam, um auf kulturellem Gebiet Wilderei zu betreiben, profitiert inzwischen auch als Teilhaber von Requiems Schiebereien mit Bodenschätzen und Waffen. Auf einen Wink des Verlegers hin wird eine Lesung im Tram organisiert, doch Luciens Vortrag endet im Desaster, in Tumult und Dresche. Der geprügelte Lucien versucht sich daraufhin wohl oder übel einmal abseits der Literatur, als Minenplünderer im Gefolge Requiems. Dort bewährt er sich ebenfalls nicht, gerät in die Fänge eines konkurrierenden Draufgängertrupps und entgeht nur um Haaresbreite einer Zukunft im staatlich geförderten Folterkeller. Dann aber, als Luciens Existenz wirklich nichts außer Elend mehr hervorzubringen vermag, kommt die Diva auf ihn zu, eine vergötterte Sängerin, deren Auftritte im Tram legendär sind. Die Diva verfügt als Einzige in Stadtland über etwas, was nicht einmal der abtrünnige General besitzt, der über die Region mit ihren Diamantminen herrscht: Autorität, die nicht auf Gewaltanwendung beruht. In ihren Liedern benennt sie das hoffnungslose Elend der Menschen und spricht die Sehnsucht heilig. Ein gemeinsamer Auftritt, der den Gesang der Diva und Luciens Texte verbindet, stellt das Tram schließlich vollkommen auf den Kopf.

Musik als Träger für Storytelling – das ist nicht nur ein Motiv innerhalb des Romans, sondern die erklärte erzählerische Methode des Autoren. Er komponiere seine Texte wie ein Jazzmusiker, sagt Mujila, und tatsächlich liest man aus dem Roman verschiedene Jazz-Elemente heraus, wie man bei den Beatniks, an deren Stil Mujila durchaus denken lässt, den Bebop herauslesen kann. Tram 83 ist ein Roman auf der Basis von Rhythmus, mit einer Erzählstruktur, die ihre musikalische Entsprechung nicht etwa in der Melodie, sondern in der Improvisation findet.

Der Nordbahnhof, der als zentraler Ort des Lebens in Stadtland für tausendfaches Ankommen und Abreisen steht, bildet zugleich den Ein- und Ausstiegspunkt des Romans: Luciens Ankunft dort stellt das Intro des Stückes dar, und es endet mit seinem Gang zum Bahnhof, um den nächsten Zug zurück nach Hinterland zu nehmen. Innerhalb dieser Klammer führt der literarisch-musikalische Weg durch meist fiebrig, mal auch pastoral vorgetragene Soli, die jeweils von kleinen Zwischenspielen eingeleitet werden und in die wiederkehrende Themen eingearbeitet sind.
Der Nordbahnhof, eingangs beschrieben als ein halbfertiges, von Granateinschlägen zerschundenes Metallgerüst mit ein paar Gleisen und Lokomotiven […], billigen Hotels, Spelunken, Bordellen, Erweckungskirchen, Bäckereien und dem Getöse von Menschen aller Generationen und Nationalitäten, wird im Verlauf des Romans unzählige Male angesprochen, indem diese Beschreibung zitiert und dabei immer variiert wird. Mitunter wird das Nordbahnhof-Thema üppig verlängert, sozusagen intensiv ausgespielt, meist aber wird es wortwörtlich bis aufs Gerüst, auf seinen Anklang also, reduziert: Währenddessen blieb Lucien ein wenig abseits stehen, um trotz der üblichen Staus rund um den Bahnhof, dessen Metallgerüst, etwas aufzuschreiben. 
Neben variierten Themen treten auch reine Wiederholungen auf. Der ewige Anbaggersatz der Küken etwa – Was sagt die Uhr? – drängt in regelmäßigen Abständen gleich einem Hintergrundgeräusch in ganz andere Gespräche und Betrachtungen hinein und verselbstständigt sich so zum Rhythmuselement, zum Taktgeber. Andere Sätze werden wiederholt, um sie zu betonen, wie Requiems Jeder für sich, Scheiße für alle. 

Nirgendwo im Roman herrscht ein mitleidiger oder selbstmitleidiger Ton. Selbst in den düstersten Abschnitten dominiert eine lakonische Abgebrühtheit, die mit Gejammer nichts zu tun haben will – lieber unternimmt der Ton stattdessen Ausflüge ins Schwärmerische. Die Coolness einerseits, die Hingabe an den wilden Sog andererseits: auch darin findet sich wieder der Jazz. Der Verlag und diverse Buchbesprechungen ordnen diesen Ton ein, indem sie als Orientierungsgröße den Namen Coltrane fallen lassen, und was die Struktur des Romans anbelangt,  lassen sich sicher Vergleiche zu Coltrane-Stücken ziehen. Von mir aus. Genauso hätte man beliebig Monk oder Davis nennen können, aber Mujila selbst liebt eben zufällig das Saxophon. Die Energie allerdings, die in dem ganzen steckt, dieser saftige, ausdauernde Lebensübermut mit seiner abgründigen Wildheit – wenn das nicht Fela Kuti ist, dann weiß ich’s auch nicht: Im Afrobeat vereinen sich Jazz, Funk, Ekstase, afrikanische Identität und eine politische Kampfhaltung, und all das ist in Tram 83 massiv hörbar.

Musikalische Querbezüge also erkennt man überall, aber auch an literarischen und politischen mangelt es nicht.
In Luciens Theaterstück tritt Patrice Lumumba auf – Kämpfer für die Unabhängigkeit des Kongo und, nach dessen Loslösung von der belgischen Kolonialherrschaft, erster Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Der Sozialist Lumumba wurde zur Symbolfigur der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung und spätestens mit seiner Ermordung 1961 zu einer politischen Ikone. Könnte sein, dass der musikverrückte Mujila die zweitwichtigste Figur seines Romans eingedenk eines Stückes benannt hat, das Paul Dessau 1963 komponierte: Requiem für Lumumba. Das Theaterstück jedenfalls, das mag auf Aimé Césaire verweisen, Mitbegründer der Négritude-Strömung, einer frankophonen, philosophisch-politischen Bewegung, die von den 1930er Jahren an Kolonialismuskritik übte und eine eigenständige afrikanische Identität befördern wollte; 1966 veröffentlichte Césaire Im Kongo. Ein Stück über Patrice Lumumba. 
Mit alten Helden und alten Konzepten ist in Stadtland aber niemandem zu helfen, sie allein erreichen niemanden mehr, das hat Lucien nach seinem ersten Vortrag deutlich zu spüren bekommen.
Der stolze Unabhängigkeitsgedanke von einst ist angesichts des zerrütteten Zustands der Demokratischen Republik Kongo, der Ausbeutung der Bodenschätze bei gleichzeitiger Verarmung der Bevölkerung, langwieriger bewaffneter Konflikte und schwerster Menschenrechtsverletzungen zur Absurdität verkommen. Mujila vermittelt das beiläufig, aber prägnant in der Szene, in der Lucien den Minenbanditen in die Finger gerät. Die bringen ihn nur deswegen nicht gleich aus Spaß um, weil sie bei der örtlichen Polizeistation ein Päckchen Zigaretten als Belohnung für die Überstellung eines Diebes einstreichen können. Zuvor aber quälen sie ihn dann doch mit Schlägen und Demütigungen. Lucien erwartet schon das Schlimmste: Sie kamen näher, zogen ihre Dolche, Messer, Bajonette, Steinschleudern, Schraubenzieher. Er machte sich in die Hose. Stattdessen muss er sich nackt ausziehen und einen Text aufsagen: Die Hunde kicherten. -„Bitte…“ – „Sag Herrn Seguins Ziege auf.“ Er sagte die erste Hälfte von Herrn Seguins Ziege auf. Sie brachen in schallendes Gelächter aus. Im französischsprachigen Raum sind die Briefe aus meiner Mühle, eine Sammlung von Erzählungen Alphonse Daudets, in der sich auch Die Ziege des Herrn Seguin findet, sehr populär. In dieser Lehrgeschichte kümmert sich Herr Seguin geradezu liebevoll um seine Ziege, die verschmäht aber ihre sichere Hege und büxt lieber aus, in die Freiheit, ins nahe Gebirge, genießt einen Tag lang ihre Ungebundenheit, bis dann am Abend der Wolf vor ihr steht, dem das harmlose Nutztier nichts entgegenzusetzen hat, und sie frisst. So viel zur Romantik der Unabhängigkeit.
Während Luciens Textauszüge seinem lokalen Publikum nicht gefallen, weil sie dessen Lebensrealität nicht berühren, ist sein Theaterstück für seine Interessenten in Europa wiederum zu kompliziert. Der Freund aus Paris, Porte de Clignancourt, gibt ab und an per Telefon Anweisungen zur Überarbeitung des Manuskriptes durch. Erst soll Lucien seine zwanzig Figuren auf die Hälfte reduzieren, dann auf eine Handvoll – am Ende bleibt von Luciens ursprünglichem Stück nichts übrig. In den wohlständigen Industrienationen hat man eben keine Lust, afrikanische Themen in ihrer Komplexität wahrzunehmen, und besteht auf einer vereinfachenden Sichtweise, gleichwohl diese nicht funktioniert.
Lucien teilt also als kleiner Autor das große Dilemma vieler afrikanischer Staaten: Eine Anbiederung an die internationalen Wirtschaftsmächte bringt nichts Produktives hervor, eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln führt aber auch zu nichts.

Dass Luciens Texte am Ende doch noch zünden, liegt daran, dass er sie gemeinsam mit der Diva zu etwas Neuem verarbeitet. Dadurch vollzieht er seine eigene Loslösung von seiner Fixierung auf die Historie, die Theorie und die fernen Industrieländer und bindet sich selbst in den Kontext der Gegenwart, der Gemeinschaft unmittelbar um ihn herum ein. Und während die ewigen Verbindungen von Geld und Fleisch, die auf den Unisex-Toiletten des Tram stattfinden, nur ewig neues Elend zeugen, bringt die Verbindung von Gesang und Text, diese Verschmelzung von Gefühl und Begriff, die von der Bühne aus auf das ganze Tram übergreift, einen wahrhaftigen Traum hervor – wenigstens einen ganzen Abend lang.


>>Fiston Mwanza Mujila, Tram 83 (Zsolnay), €20,00; aus dem Französischen übersetzten Katharina Meyer und Lena Müller mit viel Rhythmusgespür und Mut zur sprachlichen Lebendigkeit


Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.

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GLOBAL THINKING // Nir Baram, Weltschatten

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Als Israeli im Allgemeinen und als Sprössling einer israelischen Politikerfamilie im Besonderen kommt man wohl nicht umhin, die Themen Gesellschaft und  Politik irgendwie sehr persönlich zu nehmen. Nir Baram, dessen Vater und Großvater beide in der Arbeitspartei, beide Minister unter Rabin waren, hat sich der linkspolitischen Familienlinie als Autor, Herausgeber, Journalist und Aktivist verschrieben und sich in seiner Heimat als Gesellschaftskritiker profiliert. Baram setzt sich umtriebig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein, lehnt dabei die Zwei-Staaten-Lösung ab und fordert stattdessen das Ende der Segregation, gemeinsamen Alltag, gemeinsame Schulen, gleiche Bürgerrechte für beide Seiten. (Anfang des Jahres erschien bei Hanser unter dem Titel Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete eine Sammlung von Reportagen, in denen Baram von seinen Besuchen und Gesprächen jenseits der Grünen Linie berichtet.) In seinem fünften Roman widmet sich Baram nun dem Thema Globalisierung und zieht dafür ein ganz ähnliches Betrachtungsmuster heran, wie es auch seinen Beiträgen zur israelisch-palästinensischen Frage zugrunde liegt: Solange die Mächtigen den Unterdrückten das Recht auf Beteiligung verweigern, verstärkt sich der Strudel aus schwelenden und offenen Konflikten immer weiter, bis am Ende die Mächtigen selbst davon erfasst und zerstört werden. Aus dem Weltschatten entspringt hier eine Flamme des Aufstands, die den Globus in Brand setzt – wer sich nun aufgerufen fühlt, kann direkt Die Internationale vor sich hin schmettern, in der es heißt: Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Beinahe schade, dass es bei Buchkauf kein rotes Fähnchen gratis gab. Aber ist Weltschatten denn wirklich ein kämpferischer Roman?

Drei verschiedene Ebenen, die sich selbst als geschlossene Sphären verstehen und doch unmittelbar miteinander korrelieren, lässt Baram in Weltschatten kollidieren: Es sind erstens die Strippenzieher, zweitens die Profiteure, drittens die Verlierer der Globalisierung. Jedem dieser drei Lager ist eine eigene bestimmte Erzählperspektive zugeordnet. Das erleichtert der Leserschaft die Orientierung im Figuren- und Ereignisspektrum; gleichzeitig erzählt bereits die gewählte Perspektive etwas über den jeweiligen Grundcharakter der Gruppen.

Als Weltlenker treten die Mitglieder einer Consulting-Firma auf, die den Mächtigen zu gewünschten Erfolgen verhilft. MSV – Mayo, Steinbeck, Vanderslice, so die Namen der Gründungspartner – erarbeitet und führt Kampagnen für Präsidenten und solche, die es werden wollen, für Mega-Konzerne und mitunter für ganze Staaten. Die erfahrenen Campaigner liefern maßgeschneiderte Image-Lösungen und bilden darüber hinaus einen einzigartigen Kontakt-Knotenpunkt zwischen Medien, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Finanzwelt. Wer so erfolgreich darin ist, die öffentliche Wahrnehmung zu analysieren und zu steuern, dessen eigener Ruf ist freilich lupenrein: MSV pflegt eine Außendarstellung, die den Beraterstab ins Licht der guten Sache stellt, seine Mitglieder gar zu Fackelträgern demokratischer Werte stilisiert. Das MSV-Grundlagenpapier betont, man vertrete nur Klienten, deren Werteverständnis mit dem der Firma übereinstimme, was bedeutet: Nicht für aufsteigende Diktatoren, sondern für Hoffnungsträger, die für eine gerechte und freiheitliche Grundordnung stehen, setzt man sich laut Eigenbekunden ein. Diese Schicht am oberen Ende der Machtskala, bevölkert mit Entscheidungsträgern, die globales Gewicht besitzen, ist ein enger und wirkungsvoll abgeschirmter Raum, zu dem man sich von unten her nur schwer Zugang verschaffen kann. Baram beleuchtet ihn daher von innen und zeichnet die Abgeschlossenheit dieses Zirkels nach, indem er die Ereignisse auf MSV-Ebene in Form eines E-Mail-Verkehrs zwischen den Beratern erzählt, der private und politische Konstellationen, Firmenstrategien und globale Verflechtungen offenlegt. Zunächst zwischen den Zeilen, nach und nach dann auch direkter, liest man aus diesen Nachrichten heraus, dass die Verantwortlichen von MSV sich im Verlauf ihrer glanzvollen Karrieren nicht nur um linke Politik, sondern auch um ein paar schwerwiegende linke Dinger gekümmert haben. Zwar wird den einzelnen Beratern durchaus ein idealistischer Grundantrieb zugestanden, von dem sie sich während ihrer geschäftlichen Praxis jedoch schleichend entfremdet haben, der gute Zweck heiligt mitunter die schlechtesten Mittel, und so verkommen die hehren Ziele des MSV zum Mäntelchen, das allerlei verdorbene Geschäfte verdeckt. Was würde man auch sonst über mächtige Saubermänner zu lesen erwarten, als dass ihre Hände mächtig schmutzig sind? So weit, so na gut.

In der Allerweltszone zwischen den großen einzelnen Entscheidern und der großen Masse der Machtlosen, im Finanzwirtschaftssektor des kleinen Israel, bewegt sich Gavriel Manzur, über den ein auktorialer Erzähler in nüchternem Ton berichtet. Als sich in den Achtzigerjahren zunehmend ausländische Investoren an Israel heranwagen, um sich neue Märkte zu erschließen, kommt auch der jüdische New Yorker Geschäftsmann Michael Brookman auf den noch jungen Gavriel zu: Man müsse sich gemeinsam dafür einsetzen, den Zusammenhalt des amerikanischen und israelischen Judentums zu stärken. So beginnt Gavriel, in Israel eine Stiftung aufzubauen, die den jüdisch-kulturellen Austausch zwischen den Ländern fördern soll, wofür Michael zu Beginn die finanziellen Mittel stellt. Dass diese Stiftung in erster Linie dazu dient, die US-amerikanische Wirtschaft auf israelischem Boden zu verwurzeln, ist offensichtlich – für den naiven Gavriel allerdings wird der rein ökonomische Zweck seiner Unternehmung erst deutlich, als bei einem der ersten transkontinentalen Treffen nur über die Interessen von US-Exporteuren, insbesondere der Obstbauern, und die zu hohen israelischen Einfuhrzölle, insbesondere für Äpfel, gesprochen wird. Nachdem hier für Gavriel sprichwörtlich der Apfel der Erkenntnis gefallen ist, entwickelt er sich in den Folgejahren zu einem geschickten Vermittler für US-Wirtschaftsinteressen, steigt, als Günstling Michaels, schnell in die höheren gesellschaftlichen Kreise Israels auf, wodurch seine Stiftung floriert und bald auch in großem Stil über Geldmittel verfügt. Beträchtliche Summen daraus fließen wiederum in Michaels Unternehmungen in aller Welt. Dass er sich somit daran beteiligt, leichtfertig mit Millionensummen zu spekulieren, geht bei Gavriel nicht einmal auf Größenwahn zurück, eher weiß er einfach nie so recht, was er eigentlich tut und eigentlich will – ein Mangel, der ihm selbst durchaus bewusst ist und den er zu kompensieren versucht, indem er sich allzu bereitwillig von anderen leiten lässt. Gavriel ist ein Opportunist aus Mangel an eigenem Können; was er verkörpert, ist die Banalität des Skrupellosen. Privat bleibt Gavriel ein fader Charakter, man lobt ihn stets als guten Zuhörer, nie als mutigen Macher, er heiratet eine anständige Frau und tut sich nicht sonderlich als Mitgestalter dieser Ehe hervor, er trifft Geschäftspartner, aber keine Freunde, denn es gibt keine, er verfolgt Projekte, aber keine wirklich eigenen Interessen. Ein erfolgreicher, und doch so langweiliger Mensch – dass sich die Kapitel über Gavriel Manzur ohne viel Drall voran schleppen, mag sogar erzählerisch beabsichtigt sein. Schwierig nur, Interesse für einen Charakter zu entwickeln, an dem selbst der Autor anscheinend keinen Spaß hat. Er wahrt einen distanzierten Blick auf ihn, und er gönnt Gavriel, dem Gewinnler ohne eigene Ideen und Ideale, keine Größe. Umso mehr gönnt er ihm dafür die große Katastrophe zum Schluss. Das ist nachvollziehbar, verliert durch seine Plakativität aber an Reiz.

Schließlich der Blick nach unten: Im gegenwärtigen Liverpool, seit dem Niedergang seiner Schwerindustrie und Hafenwirtschaft eine der zehn ärmsten Städte Großbritanniens, entwickelt eine Clique aus orientierungslosen Unterschichtskids die Idee von einem weltweiten Protest – wogegen genau, das können sie selbst kaum definieren, mit Sicherheit allerdings gegen ihre eigene lausige Lebensrealität. Hier erzählt ein Ich, ein Wir – eine Stimme, die anonym bleibt und dadurch für alle spricht, für die Liverpooler Gruppe, für die, die sich ihr später anschließen werden, am Ende auch für die Toten des großen Aufstands; im Roman ist es die einzige Stimme einer restlosen Identifizierung mit einer Sache, einer Gemeinschaft. Die Ausreißer, die ihr Headquarter mal im schimmligen Hinterraum einer Schlachterei, mal in einer leeren Garage aufstellen, haben anfangs keinen Plan, aber eine Menge Wut, und sie haben Facebook. Was mit kleinen Sachbeschädigungen eines Einzeltrupps beginnt, nimmt bald die Form einer globalen Bewegung an, als mit Julian eine ehrgeizige kleine Assange-Figur das Ruder an sich reißt, der Gruppe eine Struktur, einen Fokus, eine Onlinepräsenz gibt und ein Ziel feststeckt: 11.11., eine Milliarde Streikende. Plötzlich folgen ihnen zigtausende Anhänger im Internet, gründen sich auf allen Kontinenten Mitstreitergruppen, die mit ihnen an diesem Datum den Totalkollaps der globalen Ordnung herbeiführen wollen. Baram baut das Liverpooler Kollektiv um Julian zu einem MSV-Gegenstück auf: Auch die Aktivisten der Verzweiflung erweisen sich als gute Campaigner für die eigene Sache, lernen, wie sich mediale Ströme beeinflussen lassen, professionalisieren ihr Informationsmanagement, bauen Netzwerke auf und erarbeiten gemeinsame Strategien; ebenso treten, parallel zum MSV, bei den Aufständlern interne Konflikte auf, wird die Integritätsfrage immer häufiger gestellt, was sich bis zur Paranoia steigert. Die Bewegung im Ganzen entwickelt sich unterdessen zu einem kaum noch steuerbaren Flächenbrand. In Vorbereitung auf den 11.11. werden von allen Gruppen Manöver durchgeführt, die einen Vorgeschmack auf die Wucht des kommenden Untergangs liefern sollen; der Ursprungszelle sind längst die Kontrolle und die Übersicht über diese Zerstörungsaktionen entglitten. Gemeinsamer Nenner bleibt, dass diese sich nicht etwa gegen die gewohnten Ziele von Globalisierungsgegnern richten, sondern diesmal gegen Kunstgüter und kulturelle Einrichtungen – erst hier wird der Roman endlich einmal wirklich böse:

Nicht Banken, Konzerne oder Regierungen waren unser erstes Ziel […]. Wir wollten den Gleichmut der westlichen Kultur erschüttern, die abgeklärte Gelassenheit aller Liebhaber der Kultur […] und an erster Stelle derjenigen, die arbeiteten, um ihre persönlichen Ziele voranzutreiben, und gleichzeitig die Illusion pflegten, diese Welt, so wie sie ist, könne ungestört funktionieren, während andere untergepflügt werden. Wir wollten diese ehrbaren Institutionen erschüttern, in ihren alten, prächtigen Gebäuden mit den ziselierten Säulen, den hohen Decken und Kronleuchtern […] und Cocktailempfängen zu Ehren irgendeines Künstlers, der es wagte, das Selbstverständliche auszusprechen, oder eines Autors, der Kritik am Kapitalismus oder am Kolonialismus oder an irgendwelchen bescheuerten Fernsehshows geübt hatte. Wir wollten die Seelenruhe dieser Heuchler stören, die in ihren gediegenen Altbauwohnungen leben und mit Taschen voller Geld auf Demonstrationen gegen die Banken gehen, die mit Kulturgütern spekulieren und gleichzeitig die Illusion einer Vielfalt bedienen: Sicher gibt es Millionen, die nichts haben, aber es gibt auch eine Gegenkultur der Schönheit und Katharsis, vielleicht ändern wir diese Welt noch, vielleicht engagieren wir uns noch mal, um der Labour Party zu helfen oder der SPD in Deutschland oder den Sozialisten in Spanien […]. Gar nicht zu reden von den […] Petitionen und Protesten dieser Heuchler, die ihre Arbeiten an Diamanten- oder Sklavenhändler verschachern, welche sich mit den erworbenen Kunstwerken den Dreck und das Blut aus der Fresse wischen […]. Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen, keine Katharsis, während Milliarden von Menschen nicht wissen, wovon sie im nächsten Monat oder am nächsten Tag leben sollen, und es darf auch kein Gequatsche über Gleichheit und Sozialismus geben auf Veranstaltungen für Privilegierte […]. Wir wollten, dass sie den Abgrund zu sehen bekommen, genau so, wie wir ihn täglich sehen, nicht den Marmorboden, auf dem sie im Theaterfoyer stehen, […] anstelle der Institutionen, die sie kannten, würden zerstörte, ausgebrannte Gebäude aufragen, würde es nichts mehr geben, an das man sich klammern konnte, genau so, wie wir nichts hatten, was uns Halt gab.

Nichts darf einen höheren Wert besitzen als ein menschliches Leben. Und alles, was jenes Werteverständnis zuungunsten des menschlichen Lebens verzerrt, verdient es unterzugehen – auch Kultur, wenn sie nur noch als Geldanlage dient, oder als Alibi für die Privilegierten, um sich nicht direkt, also: aktiv, ungefiltert und ohne künstlichen Sicherheitsabstand, mit dem übrigen Leben, mit den übrigen Menschen beschäftigen zu müssen. Da ich dieser Logik durchaus etwas abgewinnen kann, müsste ich nun konsequenterweise und mit sofortiger Wirkung das Bloggen einstellen. Ebenso hätte Baram, dessen Schreibe merklich an Fahrt wie an Empathie gewinnt, als er sich mit den verwahrlosten, hoffnungslosen Jugendlichen und den Zielen ihres Furors befasst, und der wiederum selbst zur Kategorie gefeierter Autor, der Kritik am Kapitalismus übt gehört, an dieser Stelle augenblicklich der Stift aus der Hand fallen müssen, bzw. das Notebook, das übrigens vielleicht so eins mit einem kleinen Apfel drauf sein könnte, um erneut auf dieses Erkenntnisobst zurück zu kommen. Offensichtlich blogge ich immer noch, tippe dieses selbstgefällige Zeug hier, während ein IKEA-Buchregal mit viel nichtssagendem Inhalt und ein Obstkorb in meinem Blickfeld liegen, und kann dafür nur ein Argument vorbringen: Je radikaler eine Ansicht, eine Parole, eine Ideologie ist, umso größer ist ihre Verführungskraft – und umso aufmerksamer wiederum gilt es daher, ihr zu misstrauen, bevor man ihr vielleicht nachrennt. Auch Weltschatten findet dort, wo es unsere teuerste wie unsere billigste Kulturschafferei den Aufständischen als ihren rechtmäßigen Fraß vorwirft, noch nicht seinen Schlusspunkt. Baram ist mit seiner Liverpooler Zelle noch nicht fertig, sondern lässt sie erst einmal in ihrer plötzlichen Berühmtheit und Bedeutsamkeit schmoren, lässt es dann so richtig brennen, um am Ende in der Asche danach zu graben, was sich nach der ganzen Geschichte wohl als reell Widerständiges bewähren könnte. Viele der Widersprüchlichkeiten, die Baram dabei aufwirft, sind von stichelndem Charakter, wie zum Beispiel der Umstand, dass Julian ausgerechnet zu einem abtrünnigen MSV-Mitarbeiter Kontakt pflegt – gemessen an der geringen Tragweite wie der übertriebenen Symbolik dieser Verbindung eher ein überflüssiges dramaturgisches Gimmick. Ganz entscheidend dagegen ist die Frage, was eigentlich kommen soll, sobald das Alte in Ruinen liegen wird: Diese Gruppe katalysiert die destruktive Energie der halben Erdbevölkerung, aber eine Utopie für den Tag nach dem 11.11. kennt sie nicht.

Den Gedankengängen Barams merkt man an, dass er gewohnt ist, sich mit verstrickten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu befassen. Der Handlungsbogen ist hübsch ordentlich aufgebaut, da wackelt nichts. Baram verknüpft die verschiedenen Ebenen sorgfältig miteinander, verheddert sich dabei nie, greift dafür höchstens auf allzu einschlägige Beispiele für schmutzige Globalisierungseffekte zurück, wie etwa die Verwicklungen der Industrienationen in Waffengeschäfte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Charaktere dagegen hat Baram ein nur mäßig gutes Händchen. Er bricht den Komplex Globalisierung auf seine kleinsten Elemente herunter, auf menschliche Einzelschicksale also; gerade diese wirken allerdings oft, als seien sie eher einem Musterkatalog als der eigenen Vorstellung des Autoren entsprungen, die Figuren sind allzu sehr Standardbesetzung für die ihnen zugewiesenen Rollen, und darin besteht denn auch das leichte Humpeln des Romans. Denkwürdiger als die Einzelfiguren selbst ist die zwingende Dynamik, die sie in bestimmte Positionen treibt. Aus ihrer Konstellation im Roman lässt sich, grob formuliert, diese Prognose für die Realität ziehen:

Die Einen haben uns nichts zu bieten außer einer Illusion und einer Aufrechterhaltung der kranken Ordnung. Die Anderen haben uns nichts zu bieten außer einer Gegenillusion und einer gewaltigen Betriebsstörung der kranken Ordnung. Geliefert sind wir alle, denn wie eine gesunde Ordnung überhaupt aussehen sollte, geschweige denn, wie eine solche Ordnung real funktionieren könnte, fällt einfach niemandem von uns ein.

Wir brauchen ganz neue Fähnchen, dringend.


>>Nir Baram, Weltschatten (Hanser), gebunden, €26,-

GLOBAL THINKING // Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Üblicherweise liest man einen Roman, indem man auf der ersten Seite startet und sich dann, schön der Reihenfolge nach, bis zur letzten durcharbeitet. Nimmt man jedoch Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen in die Hand, den neuen Roman von Emma Braslavsky, darf man getrost einen kleinen Umweg einlegen und ganz hinten beginnen, bei den Danksagungen der Autorin, S. 459ff. Dort finden sich die Kürzel Dr., Prof. Dr. oder gleich Univ.-Prof. Dr. Dr. med. in Verbindung mit Fachbereichen und Spezialthemen wie Klimadiagnostik, Meteorologische Extremereignisse, Analyse des Vertebratengenoms, Molecular Embryology, Stammzellenforschung, International Law, Kabbala, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie; dazu ein Captain und Yacht-Gutachter, außerdem zwei Experten für DDR-Bunkerkomplexe. Eingestreute Ortsangaben: Berlin, Buenos Aires, Sarajevo, Comer See. Für sich genommen sagt all das natürlich rein nichts aus, höchstens, dass die Schreibarbeiten der Autorin, die rund acht Jahre in Anspruch genommen haben, eben von allerlei Gesprächen und Ortseindrücken begleitet worden sind. Wenn man aber im Anschluss an den Abschluss nun den Roman – wie es sich eigentlich gehört – von der ersten Seite an zu lesen beginnt, dürfte man bereits ausreichend präpariert sein, um nicht den Fehler der Rezensentin zu teilen, im vorangestellten Personenregister ungerührt über einige Punkte hinweg zu lesen: Mister Sands und Mister Katō, Abgesandte eines milliardenschweren Konsortiums für den Kauf des Bunkers 17-5001 / Marie und Josef, geklonte Golden Retriever / Newman, der neue Mensch im Embryonalstadium. Je deutlicher man nämlich von Anfang an diesen Mischgeruch wittert, den Projekte zur Optimierung des Menschen und Katastrophenszenarien in Kombination miteinander ausströmen, umso leichter liest man sich ein.

Ansonsten wähnt man zunächst, es mit einer einfachen Satire auf die Schicht der Wohlstands-Alternativler zu tun zu haben. Die Eingangsszene liefert bissige Zeitgeist-Schelte; Emma Braslavsky reiht hier eifrig die zwingenden Bestandteile des aktuellen ökologisch, politisch und gender-korrekten Lifestyles aneinander, entblößt gleichzeitig den Egoismus, Chauvisnismus und Karrierismus ihrer Hauptfiguren Jivan und Jo und zeigt die grüne Gesellschaftswelt als kontrollsüchtiges und selbstverliebtes System, das nur diejenigen belohnt, die sich ihm heuchlerisch anbiedern:

Jivan, Anfang vierzig, Bunkerarchitekt und aus verflucht reichem Hause, ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jo, Ende dreißig, selbstberufene Bessere-Welt-Aktivistin und als Jivans Ehefrau finanziell ziemlich sorgenbefreit. Es ist ein Business-Essen, mit dabei sind Verantwortliche der Organisation Animal Rights.

[Jivan] tauscht mit einem Seufzer seine uralten, bequemen Lieblingstreter aus geschmeidigem Boxcalf gegen tierleidfreies Schuhwerk aus wasserfester Mikrofaser. […] Das Blackbird’s Song ist momentan der letzte Schrei in der Stadt in Sachen veganer Küche, die Leute stehen so hartnäckig Schlange, als würde ihnen dort Absolution erteilt. Links und rechts versucht ein schnurgerades Spalier aus blühenden Hyazinthen zwischen blauen Neonlichtern eine streng überwachte Multikulti-Naturschutzpflanzenwelt daran zu hindern, sich auch den Rest des Areals einzuverleiben. Die Ledersneakers verstaut Jivan im Beutel. Bei der Gelegenheit überprüft er Hemd und Hose. […] Sein dunkelblaues Leinenhemd geht noch als tierlieb durch. Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hunderttausende weibliche Cochenilleschildläuse ihre Leben gelassen.

Beinahe hätte Jivan seine Lieblingsledertasche zum Treffen mitgeschleppt, gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, sie zu verstecken. Nur, dass er für vegane Nasen empfindlich nach Döner riecht, weil er vor dem Restaurantbesuch noch einen Sattmacher gebraucht hat, das hat Jivan nicht bedacht. Macht nichts, durch eine schnelle Lüge renkt Jivan die ausgekugelte Stimmung wieder ein. Und mit einer rührseligen Anekdote um ein eingeschüchtertes Krokodil und schließlich mit der Idee, aufblasbare Einhornhörner zu verkaufen, die es ihren menschlichen Trägern ermöglichen, ihre mythologisch verankerte Verbindung zur Tierwelt sichtbar und selbst für Tiere verständlich zum Ausdruck zu bringen, können der hallodrige Jivan und die aparte Jo die Tierrechtler vollends für sich einnehmen. Natürlich möchte Jo Animal Rights im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen und dergleichen tatsächlich gern unterstützen – in erster Linie jedoch will sie unbedingt den Posten als PR-Managerin dieser enorm kapitalstarken Organisation besetzen. Was Jivan wiederum unbedingt will, ist eine zufriedene, besser noch: eine euphorisch gestimmte Frau. Vögel und so interessieren ihn nicht, Vögeln dagegen ungemein. Später beschließt das Kollektiv den geglückten Abend, indem es einverständig ein paar Karaffen Bio-Wein leert.

Da diese Szene glatt als gegenwärtig durchgeht und noch nicht ins Unvertraute vorgreift, funktioniert sie gut als eine Art barrierefreier Einstieg in die Story. Noch macht sich nicht deutlich bemerkbar, dass der Roman zeitlich angesiedelt ist in einer Zukunft, die unserer zeitgenössischen Welt um einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus ist – man erinnere sich bitte der geklonten Golden Retriever.

Der Abstand zum Jetzt ist so gering, dass Yoko Ono noch einen Gastauftritt hinlegen kann, doch gelten in dieser nahen Zukunft bereits vollkommen neue technisch-wisschenschaftliche Standards. Womöglich ist diese Zukunft aber doch entfernter als gedacht, und inzwischen haben sich Revolutionen in der Medizin ereignet, die Yoko Ono ein nahezu unsterbliches Leben ermöglichen? Man weiß es nicht. Eine wichtige Rolle spielen die Experimente der Wissenschaftler Natalie und Jakob, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das menschliche Genom von all seinen Makeln zu befreien, sprich: entscheidend in unsere Evolution einzugreifen und nichts geringeres als den neuen, verbesserten Menschen zu erschaffen. Es ist ein Projekt von solch großer Sprengkraft, dass der Nachname des Forscherehepaars, Oppenheim, wohl nicht von ungefähr an Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, denken lässt. Mittlerweile ist es möglich, Stammzellen beliebig zu züchten. Alles, was das Pärchen dafür benötigt, ist ein bisschen menschliches Zellmaterial, und so sammeln die beiden Haare (man beachte die Umschlagillustration des Romans) und erstellen auf dieser Basis einen manipulierten Gen-Pool für die Zukunft der Menschheit. Offenbar hat sich die Handhabung molekulargenetischer Eingriffe alldieweil wesentlich vereinfacht; Adam und Eva 2.0 können praktischerweise im Heim-Labor des hübschen Stadthäuschens der Oppenheims in Buenos Aires gezeugt werden.

Gesellschaftlich scheint sich indes kaum etwas weiterentwickelt zu haben. Frauen treten innerhalb des Machtsektors hauptsächlich dekorativ in Erscheinung, Führungsrollen übernehmen sie, wenn’s hochkommt, im spirituellen Bereich, und das Thema Mutterschaft gerät im Roman gleich für drei Frauen zur Bewährungsprobe. Nach wie vor lauten die entscheidenden Dominanzfaktoren Testosteron und Geld. Das bekommt auch Roana zu spüren, eine weitere Hauptfigur, die auf einem von Papa verordneten Survival-Trip unterwegs ist. Die gerade Neunzehnjährige soll am Fuße eines einsamen Vulkans zu Vernunft und Eigenständigkeit finden, um danach, so hofft Papa, geläutert zurückzukehren und endlich einzuwilligen, sein höchst erfolgreiches Bauunternehmen später einmal weiterzuführen. Roana schlägt sich jedoch lieber bis nach Buenos Aires durch, wo sie an diverse Weltverbesserercliquen gerät. Mal wird sie von einem verlogenen Ideologen missbraucht, mal darf sie bei einem ambitionierten Projekt nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen ist. Ziemlich ramponiert, aber umso entschlossener sucht sie weiter nach der ganz großen Portion Lebenssinn, um ihren Hunger nach eigener Bedeutung zu stillen. Dann sind da noch Jule und No, ein Aussteigerpärchen, das in einer paradiesischen Bucht Adam und Eva spielt. Nackt, mittellos, frei – um ein völlig neues Leben zu beginnen, haben die beiden alles zurück gelassen, was man eben zivilisiert nennt. Nur einander nicht. Nicht lange, und es verfestigt sich eine Rollenverteilung: sie das Lustobjekt, er der Ernährer. Zwei, die auszogen, um die Zukunft zu suchen, und in der Steinzeit ankamen. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist es in der Zukunft also trostlos bestellt. Die Gleichberechtigung der Tiere dagegen ist das dauertrendende Thema. Auch in der Zukunft können Tiere nun einmal keine eigene Stimme erheben, um sich zu verteidigen – aber eben auch keine Stimme, um denjenigen Menschen, die ihre ureigenen, eitelkeitsgesteuerten Lebensvorstellungen ungefiltert auf die Tierwelt projizieren, zu widersprechen. Eine gerechtere Welt für alle zu schaffen, davon reden die AktivistInnen und Organisationen im Roman unentwegt. Wer aber diese Alle sind, um die es vorgeblich geht, scheint man weder bei Better Planet, noch bei Life from Zero und Konsorten so genau zu wissen. Die wirklich Benachteiligten dieser Erde spielen nach wie vor einfach keine Rolle. Derweil sind die Privilegierten dieser Erde schwer damit beschäftigt, ihren persönlichen Oberflächenglanz zu optimieren, und es scheint, dass sie vor allem deswegen so gern über die Tiere und den besseren Menschen sprechen, um dem echten Menschen und dessen echten Problemen guten Gewissens aus dem Weg gehen zu können. Keineswegs mangelt es jenen ZukunftvisionärInnen am notwendigen Ehrgeiz; an Aufrichtigkeit und Selbsthinterfragung dagegen sehr. Unter den idealistischen Projekten, die Roana durchläuft, als seien es Hindernis-Parcours, findet sich beispielsweise ein Camp, in dem gut situierte Familien einen Sommer lang Kommunismus spielen dürfen. Die Verniedlichung und Kommerzialisierung des Kommunismus als Ferienvergnügen: noch anschaulicher hätte Emma Braslavsky das Absurde am Wohlfühl-Aktivistentum nun wirklich nicht verpacken können. Am Ende aber muss doch jene Welt, in der Individuen jeglicher Art das Recht auf freie Entfaltung so vehement zugesprochen wird, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit so präsente, intensiv diskutierte Themen sind, unserer zeitgenössischen wenigstens irgendwas voraus haben?

Dann aber geht ein Ruck durch die Welt. Genauer: ein Internet-Hype. Mitten im Atlantik wird eine Insel von der Größe Balis entdeckt, die bislang kartographisch nicht erfasst war, eine staatliche Zugehörigkeit liegt nicht vor. Da die Insel von niemandem betreten, sondern nur aus der Ferne fotografiert wurde, steht ihre Eroberung noch aus. Unbekanntes Neuland, 5000 Quadratkilometer Projektionsfläche für utopische Ideen! Seit dem Goldrausch hat es keine derartige globale Euphorie mehr gegeben. Die Insel im Auge des medialen Sturms reißt wirklich alle in ihren Bann, Aussteiger, Forscher, Politiker, Philosophen, Luxusreisende, Umwelt-Aktivisten, und wird so auch zum Brennpunkt, in dem sich die Schicksale von Jo, Jivan, Jule, No, Natalie, Jakob, Roana und Newman schließlich überschneiden.

Völlig zu Recht hat der Verlag diesem Roman einen Bucheinband in pinkigem Beerenton verpasst und dazu noch einen Umschlag, der nur auf den ersten Blick harmlos grau aussieht – hält man ihn ins Licht, glitzert er wie Feenstaub. So viel Übertreibung muss sein, denn auch das Erzählen gibt sich nicht zufrieden, bevor es nicht auf allen Ebenen optimal too much ist. Sprachlich tobt die Autorin ihren merklichen Spaß an Aufgedrehtheit und Flapsigkeit besonders in den von Roana erzählten Abschnitten aus, ohne jedoch ins Unkontrollierte zu kippen. Strukturell lässt sie natürlich mehrere Ereignisebenen parallel laufen. Mit den Figuren springt ihre geistige Schöpferin raubeinig bis boshaft um: Da sie sich hier intensiv mit Genetik befasst, wendet Emma Braslavsky das Prinzip des Survival of the Fittest eben auch konsequent auf ihre Protagonisten an. Thematisch gibt es nichts, das als zu groß oder als unnötiger Ballast betrachtet würde, um nicht doch noch irgendwo zwischen die Zeilen hineingequetscht zu werden. So findet die Installationskunst des Autorinnen-Gatten Noam Braslavsky ihren Kurzauftritt im Roman, Jorge Luis Borges ebenfalls, und selbst die Titanic lässt die Autorin quasi ein zweites Mal untergehen.

Am Ende hat man überraschend viel gelacht während des Lesens. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man müsse sich möglichst bald einmal etwas tiefgehender mit Bunkerkunde befassen.


>>Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp) €24,-


Diesen Beitrag kann man auch auf satt.org lesen. Wer’s insbesondere mit Film und Buch am Herzen hat, sollte dort ohnehin häufiger mal vorbeischauen.


Herzlichen Dank an Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

GRAN FUTURISMO // Anja Kümmel, V oder die Vierte Wand

Vierte Wand

Ein Zukunftsroman, der eigentlich keiner ist: In V oder Die Vierte Wand praktiziert Anja Kümmel ein kreuz und quer wucherndes Erzählen, das einerseits den zeitgenössischen Stand der Dinge zu einer Vision unserer nahen Zukunft hochrechnet, andererseits ausgiebig in Retro-Wehmut schwelgt.

„drüben, auf der anderen seite des hafenbeckens, steht ein gigantischer würfel aus schwarzem glas. undurchsichtig, spiegelhart, wie etwas fälschlich auf die erde gefallenes. etwas, in dem eine rasse bösartiger außerirdischer die wunderwaffe zur vernichtung der menschheit produziert. ich weiß nicht mehr, wohin. ein tiefes brummen geht von dem alien-qauder aus […]. ungefragt übernimmt der hase die führung.“

London, Zukunft. Der Name des Mannes mit der weißen Hasenmaske lautet Squid – das tut nicht viel zur Sache, Squid ist eine der weniger handlungsentscheidenden Figuren, aber er darf gleich zu Anfang eine erzählerische Signalflagge schwenken: Follow the white rabbit ist die Richtung, die Kümmel ihrer Leserschaft und auch ihrer Hauptfigur Mesca weist, indem sie den plüschig kostümierten Squid voranschickt, und jeder, der weiß, wie der Carrollsche Hase läuft, erwartet nun ganz richtig, dass das kommende Geschehen einem Fiebertraum gleichen wird.

Mesca, ein zierlicher Mexikaner, hat sich vom Los Angeles des Jahres 1980 aus nach London aufgemacht, um nach seiner großen Liebe Manolo zu suchen. Nur befindet sich das London, in dem Mesca schließlich gelandet ist, nicht in einer 1980er Gegenwart, sondern in einer unbestimmten Zukunft – einer dystopischen natürlich: Fliegende Kameraaugen erfüllen den Himmel mit dem Dröhnen ihrer Rotoren, jeder Einwohner ist gechipt, innerhalb der Stadt haben sich Parallelgesellschaften gebildet, deren Territorialstreitigkeiten regelmäßig zu blutigen Scharmützeln führen. Anscheinend gehört Europa inzwischen einem Chinesischen Großreich an, die offizielle – weltweite? – Währung heißt Ethercoin; näher ergründet werden die gesellschaftlichen und geopolitischen Zustände aber nicht. Lesend fällt es einem ebenso schwer, sich in dieser neuen Welt und ihrem Vokabular zurecht zu finden, wie dem in der falschen Zeit gestrandeten Mesca.

Was Mesca lange nicht weiß: Er ist nicht der einzige Fehlgezeitete; es gibt außer ihm noch jemanden, der auf der Reise nach London durch einen Riss im chronologischen Gefüge geflutscht ist. Beide irrlichtern sie in einer verkehrten London-Version umher, die für den jeweils Anderen die richtige gewesen wäre. Die Isländerin Fenna, die sich vom hoffnungslosen Leben auf ihrem eisigen Heimateiland verabschiedet hat, um in London einen gut bezahlten Job als Auftragskillerin anzunehmen, findet sich bei der Ankunft in eine für sie fremdartige Vergangenheitswelt versetzt, in der Menschen über Schnurtelefone kommunizieren anstatt über FlexxPads, Tabakzigaretten rauchen anstatt an drip tips zu saugen, in der rechteckige Papier- und runde Metallstückchen als Zahlungsmittel eingesetzt werden und sich nirgendwo Qanuk und Quiesan zur Beruhigung auftreiben lassen.

Dass Fenna und Mesca einander kennenlernen, zusammen feiern gehen und bald gemeinsam einen erbärmlichen, aber sicheren Unterschlupf bewohnen, obwohl sie auf zwei verschiedenen Zeitebenen leben, stiftet erstaunlicherweise keine logische Verwirrung. Anja Kümmel legt die Zeit einfach zusammen wie ein Handtuch, so dass die im ausgebreiteten Zustand von einander entfernt liegenden Ecken sich nun überlagern und berühren.

Nicht nur in der Zeit geht es überkreuz und doch parallel. Fenna und Mesca treten sich in scharfkantiger Deutlichkeit als Komplementärfiguren gegenüber. Mesca: klein, schmächtig, dunkel, liebessüchtig, von lateinamerikanischem Temperament, ein Mensch der analogen Welt, gepolt auf Hitze und Schwüle und auf körperliche Nähe, der Geld heranschafft, indem er als Stricher traurige Glücksgefühle verkauft. Fenna: groß, wuchtig, weißblond, zu verheerenden Wuteruptionen neigend, dabei vertraut mit den kalten Temperaturen und von kalter Regung, ein Zukunftsmensch, der zwischenmenschlichen Kontakt bislang nur durch den Digitalfilter erlebt hat, bislang nicht geliebt hat und beruflich frisch eingestiegen ist in die Todesbranche. Mesca zieht Fenna schließlich mit; beide tauchen gemeinsam ab in die wild feiernde Untergrundszene der Stadt, wo man sich zeitlichen Rahmenvorgaben ohnehin verweigert, wo sich individuelles Zeitempfinden in Rausch auflöst und der Dresscode der Feiernden Retro-Bezüge und Futurismen vermischt, so dass sie sich einer zeitlichen Einordnung entziehen. Die V-Night ist eine solche vom Irdischen abgekoppelt scheinende Sphäre. In Anlehnung an die Untergangsstimmung im durch deutsche Vernichtungswaffen bedrohten Weltkriegslondon, wird hier gefeiert, als ob das Gestern und Morgen keine Rolle mehr spielten. Dort verliebt sich Fenna in E., der eine unsichere Ähnlichkeit ausgerechnet mit der Zielperson ihres Killerauftrags aufweist.

Die aus Mescas bzw. Fennas Perspektive erzählten Romanpassagen werden typographisch unterschieden: Fenna erkennt man am Normalschriftbild, Mesca an der durchgehenden Kleinschreibung. Ab und an wird der stetige, oft abrupt erfolgende, Perspektivwechsel durch Zwischenschaltungen in einer anderen Schriftart ergänzt. Richtig: Da ist noch jemand Drittes, um dessen Identität Anja Kümmel viel Vernebelung betreibt.

Die titelgebende Vierte Wand – ein Begriff aus dem Theaterbereich, der die imaginäre Wand zwischen einem auf der Bühne dargestellten Raum und dem Publikum beschreibt – wird nicht etwa dadurch durchbrochen, dass sich Protagonisten des Romans direkt an die Leserschaft wenden würden. Eher ist die Aufhebung der Vierten Wand als Idee zu verstehen, analog zur zunehmenden Öffnung des individuellen Privatraums zu einer kollektiven Öffentlichkeit hin, wie sie sich durch staatliche Überwachungsmaßnahmen einerseits, durch das Aufgehen des privaten Lebens in einem Social-Media-Äther andererseits vollzieht. Die Auflösung der privaten Einheit des Menschen zeitigt auch eine Auflösung seiner inneren, seiner gedanklichen Integrität. Stilistisch umgesetzt wird diese Zerpflücktheit, indem das Erzählen eine kurze Aufmerksamkeitsspanne imitiert, Gedankengänge plötzlich abbrechen lässt, zusammenhanglos einen neuen Gedanken ankoppelt, der wiederum von Zwischengedanken zerrissen wird und so fort. Damit porträtiert Anja Kümmel eindrücklich eine Krankheit unserer Zeit, treibt den Roman aber an den Rand der Lesbarkeit und oftmals darüber hinaus.

Wir wissen alle, dass Major Tom ein Junkie ist, singt die vertaute, hohe Stimme, zugedröhnt im höchsten Himmel und auf direktem Weg zum absoluten Tief//: return [aa&&a.call (window33.65_ret)] major tom? das klingt nicht nur wie bowie… das ist bowie, ¡chin! muss was neues sein… aber wie kann es angehn, dass sich in meinen ohren der losgelöste astronaut in einen melancholischen junkie verwandelt, während vor meinen augen doch grad das gegenteil pa_677%37jk= cl“ ging’s ähnlich. Eigentlich bis gestern oder so _Ax8IklQ_// function 6. (9klQ) edens stimme. akzentfrei. wie klang sie, da oben im vierzigsten, als er die zwei, drei sätze mir „scr“

Das liest sich wie ein Facebook-Stream auf Drogen, durchsichtig gemacht bis auf die Ebene seiner Algorithmen, seiner digitalen Rechengehirnströme, es ist ein Geratter von Sprach- und Bildfragmenten, die sich kaum noch zu einem Inhalt zusammensetzen lassen. Es bleibt der Eindruck eines Erzählens, das sich selbst abschafft.


>>Anja Kümmel, V oder die Vierte Wand (Hablizel), €18,90


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KOPFGEBÄUDE // Pablo de Santis, Die sechste Laterne

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Alles, was von dem Architekten geblieben war, befand sich in dieser Kiste.

Was von einem Architekten bleibt, das sollten eigentlich Gebäude sein, in denen gelebt wird – aber nur Baupläne, die in einer Kiste verwahrt werden, wie in einem Sarg? Dass diese Kiste, mit deren feierlicher Öffnung der Roman beginnt, sich im Besitz einer gewissen Gesellschaft für Utopische Architektur befindet, zeigt an, wie es um das Vermächtnis des Architekten Silvio Balestri bestellt ist. Dessen fiktive Lebensgeschichte wird von Pablo de Santis in Die sechste Laterne rückblickend erzählt. Da es nun aber natürlich sein sollte, dass ein Architekt von seinem eigenen Werk größenmäßig überragt wird, spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Roman ein Gebäude, neben dem sein Architekt, Balestri, nahezu verschwindet: Zikkurat. Ein Bauvorhaben, betitelt nach den antiken mesopotamischen Tempelanlagen, auf welche auch die Geschichte vom Turm zu Babel zurückgeht; im New York des jungen 20sten Jahrhunderts soll es neuartigen Wohnraum für zigtausende Menschen schaffen.

Silvio Balestri, Sohn eines Steinmetzes in Italien, findet erst auf einem vielsagenden beruflichen Umweg überhaupt zur Architektur: Anstatt in die Fußstapfen des Vaters zu treten und vorrangig Grabmäler zu bildhauern, betätigt sich Balestri zunächst als denkmalkundlicher Sachverständiger für Friedhofsarchitektur. Zwischen Kapellen und Mausoleen – dort schult sich sein Blick für die Bedeutung und die Vergänglichkeit von Bauwerken. Während seines anschließenden Studiums der Architektur veröffentlicht er in Fachzeitschriften einige Beiträge, mit denen er sich als eigenwilliger Architekturtheoretiker profilieren kann, und er schließt Freundschaft mit einem Prager Kunsthistoriker und selbstberufenen Sprach-Archäologen, den es nach Italien verschlagen hat: Oskar Pollak.

Das ist wohl der beste Moment, um zu erwähnen, dass Die sechste Laterne ein kafkaesker Roman ist – das muss nämlich unbedingt erwähnt werden, das ginge beim besten Willen nicht ohne, bisher jedenfalls hat das noch kein Rezensent dieses Romans geschafft. Es schwelt ein lauerndes Verhängnis vor sich hin, auf dessen Eintritt der Handlungsverlauf unausweichlich zuschreitet; Entscheidungsträger und Wirkungszentren bleiben im Dunkeln verborgen und entfalten von dort aus ihre einschüchternde, verunsichernde Wirkung; dazu das irgendwie unpersönliche und ausgesprochen deutungsoffene Erzählen: Wer sich anfangs gefragt hat, ob der Autor nicht vielleicht doch etwas zu viel Kafka gelesen habe, darf sich spätestens nun, als Kafkas Jugendfreund Pollak als Freund Balestris auftritt, von de Santis mit einem Augenzwinkern bedacht fühlen – er imitiert Kafka nicht etwa, sondern er huldigt ihm, indem er ihm diesen Roman zu Füßen legt.

1914, als in Europa der Erste Weltuntergang seinen Lauf zu nehmen beginnt, setzt Silvio Balestri auf der frisch vom Stapel gelaufenen Aquitania nach New York über – neues Schiff, neues Leben, neue Welt. Eine stürmische Reise. Beinahe erinnert das Passagierschiff, das nun hauptsächlich Auswanderer und deren Hoffnungen transportiert, an eine Arche Noah für das vorweltkriegszeitliche Europa. Und da waren Männchen und Weibchen von allem Fleisch, wie es in der Bibel heißt – der junge Architekt, der eigentlich keinerlei amouröse Ambitionen hegt, setzt seiner eigenen Verkuppelung an Bord keinen Widerstand entgegen und heiratet eine Schiffsbekanntschaft. Endlich in New York, muss Balestri feststellen: Mitbringsel aus der alten Welt, die gerade im Krieg versinkt, sind hier, wo die neue Welt mit ihren Wolkenkratzern in den Himmel empor wächst, zu nichts nütze. Das Empfehlungsschreiben eines renommierten italienischen Architekten bringt nicht den gewünschten Erfolg bei der Arbeitssuche; vielmehr scheint Balestris per Dokument beglaubigte Kennerschaft der klassischen Architektur ihm geradezu dabei im Wege zu stehen, in wenigstens irgendeinem der unzähligen Architektenbüros dieser bauboomenden Stadt einen Fuß in die Tür zu kriegen. Und das traditionelle Lebensmodell Ehe, das scheitert im Falle Balestris und seiner Frau Greta ebenfalls gründlich. Balestri muss hier also ganz von vorn anfangen, muss sich selbst, wie einen Wolkenkratzer, von einem neuen Fundament an aufbauen. Dabei wächst auch die Idee zu einem noch nie dagewesenen Gebäude in ihm heran, welches das gesamte Wissen, Können und die Bedeutung seiner Zeit bündeln soll – vollkommen besessen von seinem Zikkurat, arbeitet Balestri in seinem schäbigen Apartement unablässig an den Bauplänen und füllt unzählige Notizbücher mit seinen Überlegungen zur Theorie und zur Philosophie seiner privaten, utopischen Gebäudekunde. Zunächst eignet sich Balestri die neue Sprache als die seine an, er veröffentlicht wieder in Fachzeitschriften, kellnert ein wenig, schafft es schließlich, in einem etablierten Architekturbüro in die bauzeichnerische Abteilung aufgenommen zu werden, und arbeitet sich, mühsam, aber stetig, aus der Kelleretage nach oben. Ab hier wird es dann erst so richtig kafkaesk. Balestri macht die Bekanntschaft eines Museumsbesitzers, der in seinen Ausstellungsräumen Modelle nicht verwirklichter Bauvorhaben hortet – schon bald verbindet Balestri und den undurchsichtigen Caylus eine enge Freundschaft. Als Balestri beruflich in der oberen Etage bei den berühmten Architekten Moran, Morley & Mactran angekommen ist, beauftragt ihn einer der Teilhaber damit, die Architekten auszuspionieren, um herauszufinden, wer Ideen und Know How des Büros an die Konkurrenz weitergibt; im Folgenden versucht Balestri jahrelang, die Geheimschrift zu entschlüsseln, in der die Architekten miteinander kommunizieren – Gespräche führt man nämlich nicht, man schiebt sich stattdessen gegenseitig, unter Bürotüren hindurch, Zettelchen mit chiffrierten Botschaften zu. Greta verschwindet eines Tages spurlos; Caylus wird plötzlich polizeilich gesucht; es stirbt einer der Teilhaber von Moran, Morley & Mactran unter nicht vollauf geklärten Umständen; ein Geheimbund mit dem kryptischen Namen Die sechste Laterne entsendet seinen Botschafter, um Balestri auszurichten, Architektur dürfe sich keinesfalls je wieder dazu aufschwingen, Bedeutung transportieren zu wollen, sie müsse, ganz im Gegenteil, jeglicher Bedeutung entsagen. All dies könnte vielleicht, vielleicht aber auch nicht, in Verbindung stehen mit einer Entscheidung des Architekten Mactran: Zikkurat soll tatsächlich gebaut werden.

Dass de Santis die Geschichte Balestris erst ins Fach der phantastisch angehauchten Kriminalliteratur kippen lässt und dann seinen Protagonisten, nachdem dessen New Yorker Leben aus dem Ruder gelaufen ist, nach Buenos Aires schickt, liest sich wie eine zweite literarische Verneigung des Autoren: diesmal vor seinen argentinischen Landsleuten Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares. Überhaupt hat De Santis merklich Spaß daran, seinen Roman mit Anspielungen zu verzieren und mit Elementen auszubauen, die verschiedensten Genres entlehnt sind, etwa der Detective Novel oder der Gothic Novel, doch verliert sich de Santis dabei nie in überflüssigen Spielereien.

Die heimliche Hauptrolle des Romans übrigens trägt keine der Frauen, die vor oder nach Greta auftauchen, und auch nicht etwa die namenlose Katze, die sich, gegen dessen Willen, bei Balestri einquartiert, sondern: Sprache – Sprache an sich, Sprache als Bedeutungsträger, als Mittel des Zugriffs auf die Welt; antike und gegenwärtige, alltägliche und spezifische, auch magische Sprache; Sprache als Werkstoff unserer Welt. Balestri betrachtet die Architektur nicht nur als universal verständliche Sprache; er strebt an, dieser Sprache eine Energie – eine Art Verbalzauber – einzubauen, die weit über das Gebäude selbst hinaus wirkt. So sagt Balestri, die spätere Ruine eines Gebäudes müsse bereits in ihren Bauplänen angelegt werden – bis in seinen Verfall hinein, müsse ein Gebäude seine Bedeutung wandeln und immer neu vermitteln, so dass es Bedeutung nicht nur zeigen, sondern tatsächlich erzählen könne. Zikkurat wiederum ist offenbar so geplant, dass es, auch nach seiner Fertigstellung, noch immer weiterzuwachsen scheinen soll – oder, wer weiß, womöglich sogar praktisch dieses Wachstum fortzusetzen vermag. Mit diesem Projekt schickt sich Balestri also an, auszubügeln, was einstmals beim Turmbau zu Babel so nachhaltig schief gelaufen war.

Jede Art von Sprache hat die Macht, Dinge mittels ihrer Benennung zu beherrschen – sie zu bannen, oder auch: sie erst in die Welt hinein zu befördern. Jede Art von Macht aber wird umkämpft. Und so werden auch Balestris Gebäudepläne zu Gegenständen eines Machtkampfes zwischen unterschiedlichen Interessenlagern, in dem es für Balestri selbst nichts zu gewinnen gibt. Am Ende gleicht Balestri einem Arsami, einem jener hinduistischen Mönche, über die von einem Mitglied des Clubs der sechsten Laterne berichtet wird:

Die Vorgehensweise der Arsami war es, sich zunächst das Erdgeschoss der Tempel vorzustellen, und erst, wenn sie jede Einzelheit in aller Klarheit vor sich hatten, bis zur letzten Lampe und dem kleinsten Insekt, das um sie herumflog, erst dann machten sie sich an das nächste Stockwerk. Eine Etage konnte sie einen Tag oder ein Jahr kosten […] Sobald ihre mentalen Tempel eine gewisse Höhe erreichten, verloren die Arsami die Sprache.


>> Pablo de Santis, Die sechste Laterne (Unionsverlag) €8,90

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Dietmar Dath, Leider bin ich tot

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Über Leider bin ich tot will ich also schreiben, den aktuellen Roman von Dietmar Dath. „Aha,“ sagt der Roman, und scheint das für eine irgendwie niedliche Idee von mir zu halten, „dann fang mal an, und lass mich bitteschön nicht zu dick aussehen, zu mager aber nun auch wieder nicht, und, weißt du was, mach’s doch wie ich, bind am Ende ’ne hübsche Schleife drumrum, Zeitschleife. Hauptsache nur, du tippst dir dabei keinen Knoten in die Finger. So, viel Glück!“ Na, vielen Dank auch.

Nach diesem Zwiegespräch frage ich mich erstens, ob ich mich womöglich zu sehr vom Panpsychismus habe einstricken lassen, auf den (unter vielem Anderen) im Roman Bezug genommen wird, und der, reichlich vereinfacht ausgedrückt, jedem Ding ein bestimmtes Maß an Geist zuspricht, sei es einem Stein, einer Stubenfliege, einer Butterblume oder einem Romanautoren: Der Geist komme eben nicht aus heiterem Himmel in die Welt, sondern sei direkt im Materiellen bereits angelegt, wobei die Komplexität von Geist graduell zunehme entsprechend der vom Materiellen absolvierten Entwicklungsstufen, von der proto-mentalen Seinsstufe kleinster materieller Einzelelemente bis hin zum komplexen Bewusstsein höherer Organismen. Weiter gedacht – und das ist eine dieser Ideen, mit denen in Leider bin ich tot gespielt wird -, könne ein noch höheres Bewusstsein demnach bestimmten hochkomplexen Systemen zu eigen sein, denen wir Menschen bislang keine eigene Bewusstseinsform zuschreiben, etwa dem Weltklima. Mit mir ist es, nach 461 Seiten in der Dath-Denkmühle, inzwischen so weit gekommen, dass ich dieses Buch, dieses flachziegelförmige, weiße Ding da auf meinem Tisch, schräg von der Seite her anschiele und misstrauisch überlege, auf welchem geistigen Level es sich wohl bewegt – genau, diesmal meine ich damit nicht seine inhaltliche Qualität. Zweitens frage ich mich: Auf einen handlichen Punkt zu bringen, worum es im Roman eigentlich geht, anstatt nur seine Ideenfülle wiederzukäuen, welche andererseits jedoch auf keinen Fall zu kurz kommen darf – wie soll das, bei einem derart vertrackten Content-Cluster, bloß was werden? „Okay, vergessen wir mal das mit der Rundumschleife. Was hältst du davon, ein paar Sprünge einzubauen? Hab ich auch gemacht.“

In Aischylos‘ Orestie, dieser blutrünstigen Familientragödie unter reger göttlicher Beteiligung, tritt ein Chor dunkler Gestalten auf: Die Erinyen kommen, um an Orest ihre Aufgabe als Rachegöttinnen zu erfüllen.

„Ruhm der Menschen, und ist er zum Himmel erhaben, / Nieder schmilzt er und schwindet zur Erde ehrlos, / Wenn wir nahen in schwarzem Gewand / Und tanzen gierigen Reigen. / Springe von oben und schwer / Setze die Spitze des Fußes ich / Nieder. Die Glieder versagen / Dem Flüchtigen – greuliches Irrsal.“ (Chor der Erinyen)*

Diese Fußspitze – da verdeutlicht sich eine Vorstellung praktisch eingesetzter und äußerst massiver Macht: Kaum haben ein paar Götter-Zehen Bodenkontakt erhalten, bricht schon der ganze Mensch körperlich und geistig zusammen. Flucht zwecklos; Ende. Man stelle sich erst den Horror vor, wenn die Erinyen beginnen, ihren zornig stampfenden Reigen zu tanzen. Weil sie dermaßen scheußlich sind, dass man sie im Olymp, unter Göttern, die sich selbst nicht gerade durch Zimperlichkeit auszeichnen, nicht haben will, sind sie der Unterwelt angehörige Göttinnen, während ihr Einsatzgebiet, in dem sie als rasende Rächerinnen viel beschäftigt unterwegs sind, der irdische Raum ist. Mit ihrer vollen Wucht – einer Kraft, welche der des unaufhaltsamen Drängens tektonischer Platten ähneln mag, gezeitraffert zu einem mächtigen Sprungvorgang – stürzen die Erinyen „von oben und schwer“ auf den Menschen hernieder, von dort also, wo der Zugriff des antiken Menschen nicht hinlangte: aus über ihm liegenden Sphären, aus dem Reich des Unbegreiflichen. Bei den alten Griechen, könnte man schlicht sagen, war die Götterwelt also noch in Ordnung.

Die aufgeklärte, wissenschaftsorientierte Welt hat inzwischen das Übernatürliche größtenteils erforscht, erklärt, seziert oder gar domestiziert, hat die himmlischen Gefilde als Flugverkehrsraum für Geschäftsleute, Touristen und das Transportwesen erschlossen, und den Göttern einen Platz am Katzentisch zugewiesen: Kulturell gehören sie eben irgendwie zur Familie, in existentiellen Angelegenheiten aber haben sie nicht mehr viel mitzureden. Gleichzeitig boomt der Markt für esoterische Lebenshilfe: Als bediente die Fantasy-Schwemme in der Populärkultur das Bedürfnis nach ein bisschen magischem Gefühl inmitten unserer mitunter faden Realität noch nicht konsequent genug, hebt der florierende, pseudo-spirituelle Wunscherfüllungsglaube die Unterscheidung zwischen Wundermärchen und Wirklichkeit kurzerhand ganz auf. Daran mögen sich die Geister scheiden, dem Erfolg der Eso-Industrie, die massenweise die passenden Mittel und Methoden zur praktischen Handhabung des Übersinnlichen im Alltag liefert, tut das keinen Abbruch. Weit weniger harmlos kommt dagegen das Phänomen des fanatisierten, radikalisierten Glaubens bis hin zum religiös argumentierenden Terrorismus daher; wer hätte erwartet, dass sakrale Schriften in der heutigen Zeit noch derartig extreme Auslegung und Anwendung erfahren würden? Überhaupt: Wer hätte gedacht, dass Religion als gesellschaftlicher wie geopolitischer Faktor uns im 21.Jahrhundert in solchem Maße beschäftigen würde?

Anstatt allen irgendwie religiös gearteten Ansätzen zur Welterklärung eine kommunistisch-marxistische Abfuhr zu erteilen, macht sich Dietmar Dath in Leider bin ich tot nun selbst auf die Suche nach möglichen Formen des Göttlichen.

„Götter…“ „Natürlich, was sonst? Wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, und ich sage nicht, dass diese Intuition trügt – wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, dass im Wasserfloh weniger los ist als in Ihnen, dann müssten Sie doch zugeben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Bewusstseinsskala bei Ihnen aufhört.“

Das kam unerwartet: Ein Buch über den Glauben – vom studierten Physiker und ausdrücklich politischen Autoren Dietmar Dath? Nun ja, mit Weltreligionen an sich hat Leider bin ich tot herzlich wenig zu tun, obgleich der Klappentext den Eindruck erweckt, Dath verquirle hier Christentum, Islam und Weltpolitik mit einer Prise Science-Fiction. Tatsächlich klaffen der Inhalt des Romans und seine Beschreibungen oft weit auseinander; beispielsweise springt Dath nicht konkret auf den Zug der gegenwärtigen Islamismus-Debatte auf, wie man anhand einiger Reizworte, mit denen das Buch werbetechnisch angepriesen wird, durchaus hätte vermuten können.

Sicher, es gibt da diese Szene, in der ein Musikclub während eines Metal-Konzerts explodiert, und wie könnte man da das Blutbad im Pariser Bataclan nicht mitdenken, zumal Daths Roman nur rund zwei Monate danach erschien? Da ist auch dieses modellhaft gegensätzliche, iranisch-deutsche Geschwisterpärchen: die zutiefst religiöse Nasrin, die als mutmaßlich terrorbereite Islamistin ins Visier des BND gerät, und ihr eher an weltlichen Vergnügungen interessierter Bruder Abel, dessen Leben über seinen Vornamen hinaus keinerlei Bibelnähe aufweist. Es gibt außerdem: Einen Pfarrer, der auf Irrwegen wandelt. Eine ebenso wundersame wie gruselige Zeugungsgeschichte. Eine Erleuchtete, die von einer spirituellen Massenbewegung zur Heilsbringerin verklärt wird. Und Kapitel enden, nach alttestamentlicher Manier, mit einem fettgedruckten Sela. Dazu gibt es allerdings noch ein bisschen Zen, ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen philosophisches Begriffsgeklapper, ach, und so viel mehr: Ein halbirdisches Wesen, das zunächst inkognito unter den Anderen lebt, bis es sich ihnen in seiner ganzen, wahrhaft Furcht einflößenden Macht zu erkennen gibt. Einen monströsen Steingott. Eine junge Rechtsrock-Combo, die sich allmählich vom Nazi-Sumpf, aus dem sie gekrochen kam, entfernt und später den Black-Metal-Sektor revolutionieren wird, nachdem sich ein sehr besonderes Mädchen, das in der Luft herumschwebende Glyphen erkennen und entziffern kann, in die Bandpolitik einmischt. Eine dionysische Party im Porno-Millieu. Eine linkspolitische Bloggerin, die sich, leicht verliebt, für Nasrin interessiert. Einen für die FAZ tätigen Journalisten namens Dietmar Dath. Und eine Clique undurchsichtiger, mächtiger Männer aus dem Nahen und Fernen Osten, die ein wissenschaftliches Geheimprojekt befördern, das Belege für eine aberwitzig anmutende These liefert: Das Wetter denkt, es lernt, und es reagiert – auf uns.

All dies steht nicht jeweils für sich selbst, sondern in unmittelbarer Verbindung zueinander. Nach und nach erfolgt eine Aufdeckung des Beziehungsgeflechts und der Wirkungszusammenhänge, die zwischen den Figuren und Ereignissen bestehen. Dass das Erzählen hierfür auf der chronologischen Linie ohne Vorwarnung hin- und herspringt, leistet anfangs Verständnisschwierigkeiten Vorschub, doch bewährt sich diese Hüpferei zwischen zeitlichen Ebenen, nach kurzer Eingewöhnung, als sehr gekonnt von Dath genutztes Mittel, um eine umfassende Betrachtung der Romancharaktere zu ermöglichen und überdies die Spannung zugkräftig zu halten: Jeder Zeitwechsel liefert neue Einsichten, die sowohl die Leserschaft überraschen als auch den Plot befeuern.

Zunächst lernt man Nasrin, Abel und Wolf kennen, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher angelegt sein könnten, und erfährt bald, dass sie eine enge Kinderfreundschaft verband, die dem Erwachsenwerden zum Opfer fiel. Wolfs Werdegang hatte ihn ins Pfarramt geführt, doch endet seine Existenz als Berufsgeistlicher, nachdem er eine Rollstuhlfahrerin verprügelt hat, als sei der Teufel in ihn gefahren – was in diesem Fall vielleicht mehr Tatsache als Redensart ist. Nasrin hat mit der Zeit zu einem strengen muslimischen Glauben gefunden; derzeit beteiligt sie sich an einer unkonventionellen Forschungsarbeit zur Logik des Windes. Abel führt einen areligiösen Lebenswandel, ist Kosmopolit und erfolgreich als Avantgarde-Filmemacher – eine Karriere, die er maßgeblich seiner ständigen Begleiterin Cyan Cerulean zu verdanken hat, deren Kontakte zu Branchengrößen und Mäzenen Gold wert sind. Cerulean lässt sich mit himmelblau übersetzen – ein Himmelswesen? Wer an dieser Stelle an Engelchen denkt, liegt extrem daneben; mit den Erinyen teilt Cyan schon eher ein paar Gemeinsamkeiten: ihre Rastlosigkeit, oder das Stiften von Wahnsinn. Welchen geheimen Absichten Cyan Cerulean folgt, die sich als eine Art unsterbliches Gestaltwandelwesen entpuppt, dämmert einem bereits, als sich zeigt, dass Cyan mit dem Wind zu kommunizieren vermag, spätestens aber, als Abel, was übrigens so viel wie Hauch oder Vergänglichkeit bedeutet, plötzlich seinem eigenen Doppelgänger gegenübersteht, der sich ihm als Kain vorstellt.

Das fatale Wirken Cyan Ceruleans führt allerdings nicht nur Nasrin, Abel und Wolf wieder zueinander; es dreht mächtig am Schicksalskarussell aller beteiligten Figuren – vorwärts wie rückwärts. Das halbirdische Wesen besitzt die Fähigkeit, sich und Andere nach Belieben innerhalb der Zeit wie von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Und so begeht nicht nur das Erzählen selbst Zeitsprünge, auch die Figuren finden sich mitunter in Vergangenheiten wieder, die sie zuvor anders erlebt hatten. Zeit ist hier nichts Absolutes. Sie wird nicht, menschenüblich, als zweidimensionale Einbahnstrecke, sondern als vieldimensionaler Raum gedacht. Dieser Raum gehört den Göttern; ihnen ist es möglich, die Zeit zu wechseln, sie zu dehnen, zu raffen oder sie aufzuspalten. Darauf beruht auch das allgegenwärtige Spiegel-Motiv: Während ein Spiegel in der menschlichen Dimension als Reflektor funktioniert, der uns lediglich unser eigenes Abbild entgegenwirft, macht Dath jeden Badezimmerspiegel, jede Glasscherbe, jede spiegelnde Messerklinge zu einer Schnittstelle, in der sich Zeit- und somit Möglichkeitsebenen brechen, sodass göttliche Mächte diese praktischerweise als direkte Durchgänge zu anderen Realitätsschichten nutzen können.

Da die Zeit durchlässig ist, zerfließt auch die Eindeutigkeit der erzählten Geschichte zu einem Pool möglicher Geschichtsversionen: Wird eine Figur, die fleißig ins Romangeschehen eingegriffen hat, durch einen Spiegel hindurch in eine Vergangenheit entsorgt, wo sie stirbt, so verästelt sich die Geschichte an dieser Stelle in zwei gleich wahre Verläufe – einen, an dem die Figur beteiligt war, und einen anderen, während dessen sie leider tot war. Als das Buch mit der selben Szene endet, die eingangs aus anderer Perspektive beschrieben wird, ist ebenfalls fraglich, ob dies einen erklärenden Rückgriff darstellt oder vielleicht doch den Beginn eines alternativen Geschichtsverlaufs. Vervielfacht sich aber die Realität, so steht unser Begriff von Wahrheit plötzlich auf beweglichen Füßen – was wahr ist, wissen am Ende also nur die Götter.

Wer sind aber nun diese Götter? Sind es miteinander konkurrierende Übermächte, die ihre Kämpfe auf dem Rücken untergeordneter Wesenheiten austragen? Oder handelt es sich um eine einzelne, alles umfassende göttliche Instanz, die das Ringen ihrer entgegengesetzten Pole in sich selbst aushalten muss? Ist das, was wir Gott nennen, eine Art Mega-Bewusstsein, das sich nach den selben evolutionären Gesetzmäßigkeiten entwickelte wie Fruchtfliege oder Erbse? Oder ist das Göttliche gar menschenähnlich oder menschengleich? Keine Angst, Dath versucht sich in diesem Roman nicht an einer neuen Theologie. Und auch die Religionskunde überlässt er lieber den Fachleuten. Mit einem rein unterhaltenden Göttermärchen hat man es hier wiederum auch nicht zu tun, das wäre Dath zu billig. Leider bin ich tot ist ein schlau ausgeführtes Gedankenspiel, das nach Sprüngen im Wissenschaftskitt sucht, der unser Weltbild zusammenhält – ein Spiel, das die Tatsache, dass Menschen nun einmal glauben, ernst nimmt und gleichzeitig die Trennlinie zwischen Glauben und Wissenschaft fröhlich als Springseil benutzt.


>>Dietmar Dath, Leider bin ich tot (Suhrkamp), €16,99


*Aischylos, Die Orestie, Deutsch von Emil Staiger (Reclam); S.121


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FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf


Übern Stacheldrahtzaun rüber, hinaus ins Gewucher (so ging jede Kinderhose kaputt). Viehweiden. Brachfelder. Feuchterdige Auwiesen. Vereinzelt gedrungene Kopf- und Silberweiden; Pappelreihen schlaksen aus Uferböschungen hervor. (Viel Zeit hatte ich, und immer ein altes Marmeladen- oder Einmachglas dabei für Schneckenhäuser, Mauseknochen, Samenkapseln und tote Insekten.) Meist ein kleiner Wind, der die Haare kraust, die er schon nicht mehr zu fassen kriegt, wenn man sich leeseits beim Holunderknick hinsetzt oder aber in vergessenen Scheunen stöbert. Mancher Jagdsitz längst verwachsen mit seiner Eiche (einmal brach mir eine Leiter unter den Füßen und ich blieb ein ängstliches Weilchen lang da oben, mitverwachsen). Im Frühjahr das Wyywitt der Kiebitze, im Sommer Feldlärchengeträller, im Herbst hohes Gabelweihengeschrei, im Winter das Quorren und Braaken der Krähen; ewig das Tscheckern der Elstern. Insektisches Hintergrundsurren während der Wärme. Wasser wächst frühlings aus den Senken hinaus, überläuft die Ebene, schwindet in der Hitze zu Rinnsalen in trockenrandigen Betten, kehrt groß im Herbst wieder und friert sich danach zurück in den Boden: vierteljährige Tide der Bäche und Pfuhle. Alles darf, wie es will und wie es muss. Friede, durch den man stakst – der aber wegbrechen kann von einem Moment auf den anderen: Wenn man ein mächtiges Gewitter auf sich zurollen sieht und zu weit draußen ist, um es rechtzeitig zu einem Unterstand zu schaffen. Wenn ein Morast die Füße bis über die Knöchel schluckt und nicht wieder loslassen will. Wenn man auf seine Hand schaut und den rostigen Nagel sieht, den man sich beim Klettern hineingerissen hat. (Ein andermal saß ich, meinen Proviant kauend, im hohen Gras, verscheuchte die seltsam vielen Fliegen mit meinem angebissenen Müsliriegel in der Hand und wunderte mich über einen Geruch wie von ranziger Butter, bis meine andere Hand, durchs Gras tastend, einen gärigen Katzenkadaver fand.) Friede und Schauer liegen nah beieinander. (An Tümpel und Fluss hielt ich völlig zeitverloren Ausschau nach dem kleinen Wassermann, glaubte oft, ihn gesehen zu haben und freute mich; ebenso oft rannte ich schnell davon – nur weg, nur nach Haus! – in panischer Kinderangst vor der Russalka.)


Zwischen Niemandsstadt, Niemandsland und Niemandsfluss spielt auch Henning Ahrens‘ Roman Lauf Jäger lauf.

Während der Fahrt nach Nillberg schaut Oskar Zorrow aus dem Zugfenster und entdeckt in der vorbeiwitschenden Landschaft einen Fuchs. Auch der Fuchs sieht zu Zorrow und blickt ihm direkt in die Augen. Da steht Zorrow auf, geht zur Tür und zieht die Notbremse. Auf offener Strecke liegt nun ein stillstehender ICE und ein Mann springt hinaus, um einem Fuchs nachzujagen.

Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt – schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.

Von dem nahen Gutshof und den rätselhaften Bewohnern, die ihn besetzt halten, weiß Zorrow da noch nichts. Doch wird er von ihnen bereits erwartet.

Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege. „Wirst du schießen?“ „Wie lautet Johns Bitte?“ „Wir sollen uns ‚kümmern‘.“ Ohneland grinste in sich hinein. „Was zu deuten wäre.“ Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abzuschneiden. Die Grillen geigten ihren Psalm.

Nachdem die beiden Gestalten sich gekümmert haben, erwacht Zorrow gefesselt im ungenutzten Viehstall des Gutshofs. Von nun an steckt er fest in einer isolierten Welt, deren Regeln sich ihm nicht erschließen. Eine sonderbare Clique hat sich hier im verlassenen Herrenhaus verschanzt. Widergänger seien sie; Zorrow versteht nur Bahnhof. Ihr Oberhaupt John Schmutz – Egomane, Leuteschinder, früher als freischaffender Maler Teil der Nillberger Kulturschickeria – führt seine Mitstreiter Vera Ribbek, Karl Bustermann und Kurt Ohneland im Kampf gegen den Erzfeind Erk Brandstetter, der offenbar Jagd auf die Widergänger macht. Auch der Fuchs gehört zu Schmutz; womöglich war er es, der Zorrow als mutmaßlichen Spion Brandstetters meldete. Da man Zorrow nach eingehender Prüfung für harmlos befunden hat, den Eindringling nun aber nicht mehr gehen lassen mag, wird er aufgenommen in die Gemeinschaft

Man wolle ihn, so hatte Schmutz am Abend, auf dem Sofa liegend verkündet, zum Widergänger machen. Auf seine Frage, wie das vor sich gehen solle, hatte Schmutz ihn bei den Haaren gepackt, zu sich herangezogen und gezischt, er werde schon sehen. […] Neben einer von Brombeeren umrankten Kuhhütte hatten sie Halt gemacht und Aufstellung im Kreis genommen. Schmutz brüllte ein „Horrido!“, welches von seinen drei Gefährten mit „Joho! Joho! Joho!“ beantwortet wurde. Dann wies der Maler auf die Augenklappe. „Du bist Erk.“ Sein langer Arm durchschnitt die Luft. „Wir proben den Ernstfall. Ab in die Büsche!“ Oskar Zorrow, welcher nichts begriff, verharrte unter einer Trauerweide und sah, wie Kurt die Luger hinterm Gürtel hervorzog und lächelnd entsicherte. „Verstecken, Oskar.“ Der Vollbart, dessen Hemdkragen durchnässt war von Schweiß, raunte ihm zu. „Kurt wird uns suchen.“

Und töten – und doch sind am nächsten Tag sie alle wieder beisammen, als sei nichts gewesen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Frage stellt, ob Oskar Zorrow es hier mit tatsächlichen Untoten zu tun hat oder mit Gebilden seiner Fantasie; die Antwort darauf bleibt dem Geschmack der Leserschaft überlassen.

Schmutz steckt Zorrow in ein Kleid, nutzt ihn als Modell für seine Ölmalerei und missbraucht ihn schon bald gewohnheitsmäßig. Zorrows Fluchtversuche scheitern: Alle Wege führen, anstatt nach Nillberg, nur immer wieder zurück zum vermaledeiten Landgut. Auf einer Landkarte, die Zorrow entdeckt, hat dieser Niemandsort einen Namen: Morrzow. (Nicht nur der Ort spielt mit Zorrows Namen – die Anderen nennen ihn mal Zorro, mal Sorrow.) Dass der Versuch, aus Morrzow abzuhauen, nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich ist, liegt am verhängnisvollen Nebelgürtel, der es umgibt. Dort verliert man samt seiner Orientierung sein umfassendes Erinnerungsvermögen und das Denken schrumpft zurück aufs Rudimentäre – so kommt man dort auch geistig im Reich der Wildtiere an. Einzig Schmutz wagt sich, zu experimentellen Zwecken, in den Nebel; wieder hinaus findet er dank einer Hänsel-und-Gretel-Taktik, die besser funktioniert als Brotkrumen.

Der in der Angst der Widergänger allgegenwärtige Erk lässt sich lange nicht blicken. Dafür macht Zorrow Bekanntschaft mit Hans von Lange, einem Aussteiger aus der Widergänger-Clique, der die Enteninsel im großzügig angelegten Feuerlöschteich beim Gut bewohnt. In von Langes Hütte lässt sich gut Cognac trinken, der Fischer mit seemännischer Vergangenheit erzählt dabei in kryptischem Singsang von Erk und John, und immer wieder bramarbasiert er über Lu – es ist ihr Kleid, das Zorrow die ganze Zeit über trägt.

„Lu… Lululu… Lu… Lulu… Busenbrut… Untergang… Lu… Himmelsduft… Lugerschuss… Lululu…“

Unterdessen macht sich eine Luise Drechsler, die das Warten auf John Schmutz endgültig satt hat, auf den Weg von Nillberg nach Morrzow. Und bald taucht auch der zackenbärtige Erk auf. Nachdem ihn in seinem Hauptquartier in einem Nillberger Bunker ein Fax mit den Worten Morrzow. Okay? erreicht hat, schnallt er sich seinen Propellerrucksack um und fliegt zum Angriff auf die Widergänger. Auf dem Gut machen sich die lebendigen Engel und Faune in den Deckengemälden des Weinkellers bereit, um ihre eigene Version eines Jüngsten Gerichts zu veranstalten. John Schmutz stimmt, mitten im Gefecht, das titelgebende Volkslied an: Lauf Jäger lauf. Und Hans von Lange, der vom Löschteich aus alles beobachtet, sagt nicht ohne eine gewisse Genugtuung:

„Wenn Morrzow fällt, fällt auch die Welt.“

So weit, so undurchsichtig. Henning Ahrens fabuliert ungebremst voran, immer einen Schritt schneller, als das Leserverständnis mithalten kann. Auf seine Kosten kommt hier, wer absurdes Feuerwerk wertschätzt. Ich selbst hatte den mitunter zwanghaft verfochtenen Originalitätsanspruch des Ganzen gelegentlich über, muss aber zugeben, dass ich gerade davon eben doch fasziniert war – umso mehr noch, da mich die detailreich und naturverständig beschriebene Provinzwildnis als Setting von Beginn an vollkommen für den Roman eingenommen hat. Ich hab halt (siehe oben) ein Herz fürs öde Nirgendwo und freue mich, dass eine ähnliche Liebe, oder zumindest eine diesbezügliche intensive Kennerschaft, auch bei Ahrens zu Tage tritt, der als Bauernsohn im tiefsten niedersächsischen Einerlei aus Feld, Wald und Flur aufwuchs.

Das heimatliche Wildland als Träger für Schauerlichkeiten oder idyllische Verklärungen – das kennt man aus der Romantik.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
Wenn es aus der Spalte zischt und singt!-
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn der Röhrich knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind-
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor: Diese sechs Strophen kommen mir beim Lesen in den Sinn. Auch weist Lauf Jäger lauf eine solche Gliederung auf: Roman in sechs Folgen lautet der eingangs nachgereichte Untertitel – Zorrow in Not / Zorrow in Morrzow / Zorrow umflort / Zorrow ohne Brot / Zorrow kommt vor / Zorrow entrollt. Ahrens verbastelt Rückgriffe auf die Romantik mit modernem Irrwitz, im weltabgewandten Märchen-Biotop treffen motorisierte Zerstörer und verständnis- und orientierungslose Besucher aus der Gegenwart ein. Da schmeckt man Grimm’sches Salz und Beckett-Pfeffer heraus.

Zwar macht es Lauf Jäger lauf seiner Leserschaft nicht gerade leicht, doch kommt man nicht aus Morrzow zurück ohne anzuerkennen, dass Ahrens hier sprachlich und imaginativ mächtig was aufgefahren hat.


>>Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf (Fischer) €12,00


>>Fotos: Grebe, 2015

FABULIERIOSITÄTEN // Wilhelm Bartsch, Amerikatz

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Die Brooklyn Bridge hängt, Bauch nach oben, am Himmel. Ein Kunststück, das lediglich einer kleinen Handbewegung bedarf: Jensie Immakoolee Stone, genannt Amerikatzhat eines ihrer Fotos der Brücke samt einschlagendem Gewitterblitz kurzerhand verkehrt herum aufgehangen, und so bilden Stein und Stahl nun ein dunkles Firmament, aus dem ein Leuchten herniederfällt.

Was auch immer in der Welt als Festes, Unverrückbares besteht, vermag durch die Kunst einhändig auf den Kopf gestellt zu werden. Dass Wilhelm Bartsch jenes Bild, die Brooklyn Bridge überkopf, als Türöffner verwendet, zeigt in diesem Sinne an, dass sein Roman um einen Detektiv auf Abenteuerpfaden weniger dem festen Boden der Tatsachen verhaftet, sondern in erster Linie der Kunst verpflichtet ist – der des ernsthaften Dichtens wie des wilden Fabulierens: Bartsch dreht die Welt um 180 Grad, schüttelt alles kräftig und macht, was hierbei blitzartig herniedergefallen kommt, zu seinen Figuren, Schauplätzen, Handlungssträngen.

Micah Microbius, Privatschnüffler, Weltenbummler und das Ich dieser Geschichte, betreibt mit seiner Partnerin Adele von Strauch in Berlin-Charlottenburg sein Gewerbe von einer kleinen Klitsche aus, die sich Büro schimpft. Mit seinem neuesten Klienten hängt ein selten dicker Fisch an Micahs Angel: Boris Untied, Stasigeneral a.D. und heute lokaler Sicherheitsunternehmer, öffnet sein großes Portmonee und beauftragt Micah mit der Suche nach seinem verschwundenen Sohn Jan. Die Stasi mag passé sein, für allwissend a.D. hält Micah den alten General jedoch mitnichten, und so verwundert es ihn, weshalb Untied nicht einfach an den eigenen Strippen zieht, die noch immer international greifen, um Untied junior ausfindig zu machen. Eingedenk ausstehender Mietzahlungen, und weil man einen Untied nun einmal nicht los wird – es sei denn, man ist selbst einer -, nimmt Micah den Auftrag an und sein mulmiges Bauchgefühl dabei in Kauf. So beginnt für Micah eine Reise auf den Spuren des Jan Untied, die ihn durch den Wilden Osten und den Wilden Westen führt, mit Stationen von Nagorny Karabach im Kleinen Kaukasus, wo Micah nebenbei eine Familienzusammenführung mit seinem armenischen Großvater erlebt, über New York, bis in die entlegenen Weiten Oklahomas, wo einst für die Cherokee der Pfad der Tränen seinen Endpunkt nahm. Geplant als geordnete Suchaktion, mutiert dieses Unterfangen zur abenteuerlichen Jagd: Micah wird verschleppt, kann sich befreien, trifft auf zwielichtige Geheimdienstler, muss sich zu Fuß durch die Wildnis schlagen, gerät an die falschen Mittelsmänner, in diverse Schusswechsel und verliert beinahe seinen Kopf. Und beinahe sein Herz – allerdings nicht an die cherokesische Künstlerin namens Jensie Stone, Amerikatz, deren Liebhaber Jan Untied war, und deren Lebenspartner Deodat Increase Mason, milliardenschwerer Unternehmer und Abenteurer, womöglich etwas dagegen hatte. Viel wird hier erzählt, auf nichts ist dabei Verlass, am allerwenigsten übrigens auf naheliegende Schlussfolgerungen.

Ein ums andere Mal erwägt Micah ernsthaft, die Flinte ins Korn zu schmeißen. Aber nein, er bleibt dran. Nicht nur zwecks Auftragserfüllung – gleichermaßen nämlich betreibt er Geschichtsfindung im eigenen Auftrag.

Ein wahres Verhängnis nenne ich etwas, das nicht kommt, sondern zu dem man hingeht, hingehen muss. Man benutzt dazu Wege, die auf keiner Karte stehen, und so ergibt sich durchaus eine gar nicht folgerichtige Geschichte. Denn erst, wenn man überhaupt die Chance hat, diese Geschichte halbwegs zu überblicken, sind wirklich zusammengehörige Muster zu erkennen. Vielleicht aber auch nur deshalb, weil wir es so wollen.

Micah erkennt nicht nur, dass Jan und er früher Klassenkameraden waren, sondern findet, indem er reisend und jagend Jans Fluchtwege nachvollzieht, weitere gemeinsame Schnittpunkte. So betätigte sich Jan als Schriftsteller, und auch Micah schreibt seine Erlebnisse mit talentierter Hand nieder. Und wie aus den Fragmenten, die von Jans Literatur geblieben sind, dessen Weg ins Verhängnis ablesbar ist, schreibt sich der Mut zum eigenen Verhängnis in die Reisenotizen des Micah Microbius ein, aus denen nach und nach seine gar nicht folgerichtige Geschichte erwächst. Die Muster zu erkennen, die inmitten jenes Durcheinanders Orientierung bieten – darin besteht nun die eigentliche Herausforderung für Micah.

Nicht anders ergeht es der Leserschaft. Der One-Stroke-No-Stroke-Man (ehemaliger NVA-Panzerhauptmann, in den USA wegen seiner Ein-Strich-kein-Strich-Armeejacke zu diesem Namen gekommen), Foggy Gellhorn (Hobbyschnüffler, Cousin Micahs und dessen Kontaktmann in Iowa), der Hagere und der Hagerere (vermutlich von der NSA auf Micah angesetzt), der Erzbischof von Nagorny Karabach, Kandida Goytia (Modeschöpferin mit Sitz in Kolumbien, Freundin Adeles), Zelda Cazador (mexikanische Totenschnüfflerin), die 99 Teppiche des Mollah Panah Vagif, befreite Sklaven und DDRler auf Abwegen, Rituale der Mohawk und der Cherokee, die Werke des deutschen Raum-Künstlers Gregor Schneider, Itelmenen auf Reisen, Kindheitserinnerungen aus Ost-Berlin, die Geschichte der Stadt Schuscha, ein Beutel voller Turnschuhe, armenischer Kognak – wer oder was eine tatsächlich wichtige Rolle spielt, lässt sich in dieser Geschichte, deren Personenverzeichnis enorm ist und deren Erzählwege oft über holprige Nebenstrecken oder in Sackgassen verlaufen, nur schwer ausmachen. Am besten verlegt man sich also gleichfalls auf Mustererkennung.

Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang, Karl May – Micahs Lieblingslügenbold – und dessen Werk aus dem Hinterköpfchen hervorzukramen und während des Lesens von Amerikatz immer ein Auge darauf zu haben. Ein Gedicht Karl Mays ist dem Roman als Geleitwort vorangestellt, und von dieser Position aus scheint der hochverehrte Pseudologe auf seinen Jünger Micah hinabzuschauen und ihm für dessen erzählerisches Vorhaben seinen Segen zu erteilen. Ein paar Seiten später findet sich dieses Gedicht wieder, ist quasi von außen ins Geschichtsinnere hinübergeschlichen: Es taucht, wie von Geisterhand so aufgeschlagen, in einem Buch auf, das jemand im seltsamsten Fahrstuhl der Welt hat liegen lassen, mit dem Micah täglich fährt und der ihm die schönsten Geistesblitze einflüstert – übrigens war Karl May selbst einst als Fahrgast darin unterwegs gewesen. Bartsch schickt seinen Micah als modernen Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand quer durch Ost und West, lässt ihn verschiedenste Sprachen beherrschen und ihn auf stolze, kriegerische Volksstämme treffen, und Micah kennt sich aus oder passt sich schnell an, hat überall seine Freunde, ob nun in der Provinz Martakert, in Kanatsiohareke-New York State, oder daheim in Berlin-Charlatanburg. Angelehnt an die Federführung Karl Mays, agiert Bartsch schreibend eine ganz ähnliche, ungebremste Fabulieritis aus, löst sich jedoch häufig, wie auch May in seinem Spätwerk, vom Abenteuerroman und wendet sich Ernstzunehmendem zu: Neben ein paar weltanschaulichen Denkanstößen, fallen dabei vor Allem Bartschs Übertragungen von Gedichten Ossip Mandelstams und Grigor Narekatsis ins Auge, die sich nahtlos ins Erzählte einfügen.

Was aber bezweckt Bartsch am Ende mit dieser ganzen hanebüchenen Geschichte, mit all diesen skurrilen Figuren? Wozu einen Karl May literarisch exhumieren, ihn wiederbeleben und in neue Kleider stopfen? Kurz, was soll das alles? Der Klappentext antwortet, dies sei als lustvoller Abgesang auf das Zeitalter der Informationsüberflutung zu verstehen, in dem nur überlebt, wer das wirklich Wichtige nicht aus den Augen verliert. Nur höre ich einen solchen Abgesang nirgendwo heraus. Anstatt für Überblick zu sorgen, hat Bartsch seine helle Freude daran, Überladung zu schaffen – doch diese Überladung an sich formuliert längst noch keine Kritik am Zeitalter der Informationsüberflutung. Trotzdem dient der Aberwitz nicht allein dem Selbstzweck. Der Roman begnügt sich nicht damit, bloß kuriose Unterhaltung zu sein: Er erhebt das Hochstaplertum zur Kunstform. Bartsch verbindet Flapsigkeit mit Virtuosität, Humor mit Tiefgang, er probiert, sprachlich und thematisch, mutig drauflos und versprüht dabei irrlichternde Blitze, die den Kopf erhellen.


>>Wilhelm Bartsch, Amerikatz (Osburg Verlag)


Herzlichen Dank für dieses Buchexemplar an den Osburg Verlag und Buchrevier!


Auch zu finden auf: satt.org

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Marion Poschmann, Die Sonnenposition

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Woraus ist Zeit gemacht? Aus Licht und Dunkel: Ihre ursprünglichste Maßeinheit ist die Abfolge von Tag und Nacht. Ein Wechsel, der sich in den Beschaffenheiten der Zeit fortsetzt: helle Zeiten, finstere Zeiten. So kam sie heran, ist, vergeht – und wohin geht sie dann, die Zeit? Weiter: gen Licht, gen Dunkel.

Draußen geht die Sonne auf und unter. Im Schloß verfallen die Kränze und Kreise. Die Stuckrosetten schwinden, das Deckengemälde Aurora verrottet, in die strahlig angelegten Achsen im Park frißt sich Gras.

Dieses brandenburgische Schloss, Hauptort des Romans Die Sonnenposition von Marion Poschmann, zeigt sich in schäbigem Gewand aus bröckelndem Prachtstuck, Schimmelwucher, verkrauteten Parkflächen, offenliegenden Wunden in Putz und Tapeten: Memento moriendum esse! Einst barocker Fürstensitz, nach dem Krieg als Lagerhalle einer LPG genutzt, beherbergt es heute eine psychiatrische Einrichtung. Im Osten geht die Sonne auf? Von der Stucksonne, die im Speisesaal die Decke nurmehr kläglich ziert, regnen Gipsplacken herab in die Suppenteller der Patienten: Vanitas!

Altfried Janich hat es aus dem Rheinland, dessen menschelnde Fröhlichkeit er nie teilte, hierher verschlagen, in das marode Schloss im maroden Osten, wo er sich um die dunklen Seiten der menschlichen Psyche kümmert. Um die dunklen Flecken, die er durch morsche Wandverkleidungen hindurch erriechen kann, kümmert sich niemand. Als Arzt versucht er, dem man seiner Herkunft, seiner körperlichen Gemütlichkeit und auch seines Vornamens wegen ein ausgeglichenes Wesen unterstellt, seinen Patienten gegenüber ein zentraler, Halt gebender Fixpunkt zu sein – die Sonnenposition einzunehmen. Motivisch ausgedrückt: Licht in ihr seelisches Dunkel zu tragen. Welcher Tendenz die Deutung der Licht-Motivik allerdings folgen sollte, gibt der Eingangssatz des Romans vor: Die Sonne bröckelt. Altfried, der selbst in der Anstalt wohnt, in ihn und sich zersetzenden Räumlichkeiten, spaziert nachts in den Sälen und auf dem Gelände herum, ernährt sich von aus der Küche stibitzten Tiefkühl-Reibekuchen, die er auf dem Heizkörper auftauen lässt, und offenbart nach und nach weitere durchaus pathologische Verhaltensweisen. Oft, sagt er, weiß ich selbst nicht, ob ich mich als Arzt oder als Patient hier aufhalte. 

Nicht etwa als Sonnenkönig tritt Altfried also in Erscheinung, sondern geradezu als nachtwandelndes Schlossgespenst. Er reiht sich damit ein in eine Parade von Spukgestalten, der nicht nur seine Patienten angehören – per Medikation zu zombiösen Flurschlurfern gemachte Figuren, die an der Bewältigung der Wende und anderer Übergangsstadien im Leben psychisch totalgescheitert sind. Fallstudien in episodischer Kürze lassen Einzelschicksale aufblitzen: eine Kindsmörderin, ein Hamsterhorter, eine Brandstifterin, ein Staubbewunderer oder ein Fischstäbchenbefreier zählen dazu. Oft grenzt die Funktion der einzelnen Patienten ans Dekorative; eine Befugnis, im Roman handelnd einzugreifen, wird diesen isolierten Gestalten abgesprochen. Erst, indem man die Insassen der Anstalt als Gesamtheit betrachtet, sieht man sie als Wirkungsverstärker für Poschmanns Licht- und Schattenspiele, nimmt die Patientenschaft die Anmutung eines antiken Chores an, der hier, vor der Kulisse des verfallenen Schlosses, „Auferstanden aus Ruinen“ rückwärts singt.

Auch Altfrieds Großeltern und weitere Anverwandte sind einem Geisterreich zuzurechnen. Einem, das sich durch bewusste und unbewusste Erfahrungsweitergabe entlang der Familienlinie einen Übergangsweg in Altfrieds Lebenswelt gesichert hat. Woher sein eigener Drang, sich unsichtbar machen zu wollen, und vielleicht auch die Wahl seines Arbeitsorts rühren, erklärt sich unter Anderem in der Schilderung des Kriegsschicksals, das seine Großeltern, seine Eltern genommen hatten: die einen ermordet, die anderen, als hilflose Kriegswaisen, Schutz suchend in rettenden Verstecken – das auf die Folgegenerationen übergegangene Erbe solcher Erfahrungen bezeichnet die Psychologie als Schattentrauma. Altfrieds Berufswahl berührt unmittelbar die psychische Blockade seines Vaters und bezieht die Angewohnheit seiner Tante, sich den Geistern der Vergangenheit zu widmen, mit ein. Und indem er in den Osten gegangen ist, an einen Ort, wo Vergangenheit noch in offener Verwesung, unrestauriert zu betrachten ist, ist Altfried in umgekehrter Richtung ein Stück des Wegs gegangen, auf dem sie, die Heimatvertriebenen aus dem Osten, einst westwärts geisterten.

Neben dem Beruf pflegt Altfried ein seltenes und recht verschrobenes Hobby: die Jagd auf Erlkönige. Zur Erklärung: Dieses zielt nicht auf den Elfenkönig, den wir aus der Ballade kennen, sondern ist eine gängige Bezeichnung für Prototypen einer neuen Automodellreihe, deren Fahreigenschaften bei Nacht und Nebel in abgeschiedenen Gebieten ausgetestet werden. Während die Hersteller mit Tarnlacken oder Extra-Verkleidungen die Details ihrer neuen Modelle geheim zu halten suchen, lauern Journalisten und Hobbyfotografen den Erlkönigen auf, aus einfacher Lust an der Jagd oder um exklusive Bilder verkaufen zu können an interessierte Automagazine. Wer Geisterautos jagen will, muss idealerweise selbst zum Geist werden: Viel mehr als für seine Jagd-Objekte selbst, begeistert Altfried sich für die jagdliche Praxis, die Tarnung und lautloses Umherpirschen erfordert und somit seiner Vorliebe fürs Unsichtbarwerden wohltuend entgegenkommt. Es ist ein Wettstreit um die perfekte Tarnung, den er mit den menschenscheuen Erlkönigen austrägt, und jeder gelungene Schnappschuss ist eine Siegertrophäe, ein Beweisfoto seiner, Altfrieds, hohen Verschwindekunst.

Das Hauptgespenst allerdings, das, welches Altfried am meisten beschäftigt, ist sein gerade verstorbener Freund Odilo. Schon die Beerdigungsszene zu Beginn macht deutlich, dass Freundschaft ein Wort ist, das Altfried hier nur unbefriedigt verwendet, eher in Ermangelung eines passenderen Ausdrucks für jene Verbindungsart, die zwischen Odilo und ihm bestanden hat. Als Odilos Mutter den Wunsch äußert, Altfried möge eine Trauerrede für den Freund halten, lehnt Altfried ab, was die Mutter als Zeichen sprachlosen Verlustgefühls deutet. Tatsächlich aber ist es Verzweiflung, vermischt mit Ärger:

[…] dann saß ich nächtelang vor dem weißen Blatt und fand keinen Anfang, überhaupt keinen Ansatz, ich wußte nichts über Odilo, gar nichts, und es lag mir nicht, die glänzende Fassade, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte, diese Fassade, die sein Leben war, nun meinerseits noch einmal nachzuarbeiten.

Und doch ist das nun folgende Erzählen Altfrieds nichts Anderes als das – eine Trauerrede für Odilo, in Form einer Anamnese ihrer, nun ja, Freundschaft. Altfried blickt in die jeweiligen Familiengeschichten hinein, er schildert seine ersten Begegnungen mit Odilo und spätere gemeinsame Ausflüge und Gespräche, er gräbt nach jeglichen verwertbaren Einflüssen, Erfahrungen und Erlebnissen. Überrascht stellt Altfried fest, dass seine Schwester, Mila, ein Verhältnis mit Odilo hatte, wovon seinerzeit niemand wusste. Wie konnte überhaupt irgendeine Frau, wie konnte Mila nur eine Beziehung mit Odilo führen, dessen Egozentrismus ihn doch zum krankhaften Zweisamkeitsversager machte? Was fand Odilo an Mila, was bitteschön fand Mila an ihm? Als Modeschöpferin hatte Mila zu ihrem Stil gefunden, als sie damit begann, die Kleider ihrer alten Tante mit modernen Versatzstücken aufzuwerten, und hat diese Verbrämung des Altmodischem mit dem Gegenwärtigen zum Markenzeichen ihrer inzwischen sehr erfolgreichen Kollektionen gemacht – war es das, ihre Liebe zum Gestrigen, zum Verstaubten, die Odilo für sie interessant werden ließ? Eifersüchtelnd fühlt sich Altfried von beiden betrogen, umso mehr, da Mila sich weiterhin stur verschwiegen zeigt, kein Wissen über den geteilten Freund an den Bruder verschenkt. Ratlosigkeit eines Psychiaters: Mit beruflicher Routine analysiert Altfried die Geheimnisse fremder Menschen, während sich die Geheimnisse der ihm Nahestehenden als für ihn unsichtbar erweisen. Es bleibt ihm nur, die Schatten aufzulesen. Odilo – ewig altkluger Junge:

Ich war in Mission meiner Meßdienergruppe unterwegs [so kam die erste Begegnung Altfrieds und Odilos zustande], wir unterstützten notleidende Kinder in Ruanda. […] Ich drückte die Klingel, ein Junge meines Alters, dünn und dunkelhaarig, öffnete die Tür. Frau Leonberger sei nicht da.[…] Auch Kinder könnten spenden, erklärte ich. Rappelte großspurig mit der Büchse. Man habe Taschengeld. Not in Ruanda. Ein Opfer bringen. Opfer? erwiderte er verächtlich. Seine Mutter hätte eventuell etwas gespendet, aber er persönlich halte nichts davon. Man befriedige sich doch nur selbst in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ich solle mich nicht ausnutzen lassen. Meine Fähigkeiten besser verwenden.

Die Rolle des früh verstorbenen Vaters übernahm Odilo selbstbewusst, gab den gediegenen Hausherrn, altmodisch, dünkelhaft, spukte, gleich seiner in steifer Haltung erstarrten Mutter, umher in den dunklen Räumen des Familienanwesens, das in der Nähe einer Fabrik für Einmachgläser gelegen war – zwei menschliche Konserven einer vergangenen Gutbürgerlichkeit. Später Promotion in Biologie. Die Erforschung der Biolumineszenz, die ihn schon als Kind faszinierte, sollte sein Fachgebiet werden, auf dem er mit bahnbrechenden Ergebnissen brillierte. Den Lichtwesen der Tiefsee und der Nacht stahl er ihre Rezepte, den grauen Mäusen pflanzte er fluoreszierendes Glimmen per Kanüle ein, spielte Gott: Es werde Licht! Odilo selbst dagegen blieb im Dunkeln: Erlkönig, der Altfried entwischte.

Freundschaft? Was die Verbindung zwischen den beiden ausmachte, lässt eher an die Gravitationskräfte denken, welche die Konstellation zweier Planeten zueinander bestimmen. Odilo, schattenäugig, dunkelhaarig, drahtig, seelisch teflonbeschichtet, Dompteur des Lichtscheins, und Altfried, flammend-rothaarig, weichlich, eine Seele von durchlässiger Konsistenz, Schattenflüsterer: Es gleicht einer Versuchsanordnung, wie Poschmann diese zwei Komplementärfiguren aufstellt, zwei aneinander gekoppelte Prismen, in denen sie Licht, Dunkel und Zeit sich brechen lässt.

Wer nun argwöhnt, dieser Roman der profilierten Lyrikerin Poschmann metaphere und motive womöglich handlungsfrei vor sich hin, erhält hiermit Entwarnung. Mit Spannung verfolgt man das Kräftemessen zwischen Licht und Dunkel, und durch die klare und alles beherrschende Bildsprache überstehen rote Fäden auch das Springen zwischen den zeitlichen Ebenen unbeschadet. Was es gewesen sein mag, das Mila und Odilo zusammenbrachte, oder inwiefern Altfried selbst vielleicht darauf zusteuert, in seiner Anstalt von der Arztseite auf die der Patienten zu wechseln, das erklärt sich zwar nicht innerhalb spannungheischender Erzählbögen voller eindeutiger Aussagen. Stattdessen beginnt man – viel unterhaltsamer – bald ein intensives Such-Lesen zu betreiben, man verfällt selbst ins Psychologisieren, übt sich darin, die vielschichtigen Beschreibungen, Schilderungen und Bilderfluten zu filtern. An kaum einer Stelle bedient sich Poschmann dabei des psychologischen Fachvokabulars, sondern bleibt bei einer Sprache, der das Lyrische eingewoben ist und die mit leichter Hand große Bedeutungsräume aufzutun vermag. Sie spielt mit unterschiedlichen Erzählansätzen: So exerziert sie beispielsweise verschiedene Lebenssituationen durch anhand der Beschreibung ihrer, hier wörtlich genommenen, Hintergründe, nämlich der dazugehörigen Wandtapeten. Episoden aus dem Liebesleben von Mila und Odilo lassen rätseln, ob es sich bei ihnen um Einschübe aus Milas Erinnerung oder Altfrieds Imagination handelt – wie verlässlich ist dieses Erzählte, von woher stammt es, und über wen sagt es tatsächlich etwas aus? Poschmann entfaltet ihre Sprachpracht besonders in ausgiebigen gegenständlichen Betrachtungen, ohne sich dabei je in Petitessen zu verlieren, etwa wenn sie eine Wesensbeschreibung des Anstaltsessens unternimmt – man staunt, wie viel Literatur sich aus einer Orange herauspressen lässt, welches wirkliche Gewicht ein Glas Apfelmus hat, oder über den hohen Gehalt von Transzendenz in halbfesten Speisen:

Götterspeise ist höchst unbeliebt und wird als Dessert nur unter größtem Vorbehalt gelten gelassen. Dies liegt daran, daß zu viele andere Speisen ebenfalls dieses Göttrige aufweisen, die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare.

Marion Poschmann erhielt 2013 für Die Sonnenposition den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und war im selben Jahr damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Mit ihrem Gedichtband Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien, der Anfang März erscheinen wird, steht sie unter den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016.


>>Marion Poschmann, Die Sonnenposition (Suhrkamp) €9,99


Ich bedanke mich bei Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


 

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Flore Vasseur, Kriminelle Bande

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Wie unsagbar klein ich bin: kleiner Job, kleine Herkunft, kleine Ahnung. Ich: Von hoch oben aus betrachtet, von dort, wo die großen Jobs erledigt werden, die großen Namen unter sich sind und die großen, die globalen Themen ihren Quellen entspringen und in ihre Fließrichtung gebracht werden, bin ich so klein; ich bin unsichtbar. Umgekehrt gilt: Manche Dinge machen sich durch ihre schiere Größe unsichtbar für mich, ähnlich wie Bär oder Bulle nicht als Ganzes zu sehen sind für den Floh in ihrem Fell. Mit Geld spekulieren hier die Einen, die Anderen spekulieren nur über deren Pläne, Interessen und Verbindungen.

Flore Vasseurs Kriminelle Bande spielt unter den Großen, die von ihrem mir fernen gesellschaftlichen Hochplateau aus Weltpolitik und Weltwirtschaft steuern, indem sie Bären, Bullen und ganze Parlamente nach ihrer Pfeife tanzen lassen – eine Clique von Ministern und Präsidenten, Medienmogulen, Beratergurus, gewichtigen Bankern, PR-Königen, Aufsichtsräten wahrer Monsterkonzerne, Chefs von Rating-Agenturen und dergleichen Hochkalibriges. So sieht´s aus, ist man geneigt zu denken, sofern man, wie ich, keine Ahnung hat, wie´s tatsächlich so aussieht da oben. Eine Truppe von Freunden, die gemeinsam an der Pariser Elite-Universität HEC waren, sind die Hauptfiguren in diesem thrillerartigen Roman, und die Autorin gibt sich alle Mühe, jeden einzelnen von ihnen ein bestimmtes Element im Spektrum der Macht verdeutlichen zu lassen; so finden sich unter ihnen beispielsweise eine preisgekrönte Journalistin, der Kommunikationschef der mächtigsten US-Invenstmentbank, die leitende Managerin einer perfekt vernetzten PR-Agentur und der Vertrauensmann einer Finanzministerin. Verband die damaligen Kommilitonen der Rausch von Sex, Koks und Champagner, teilen sie heute den Rausch ihrer Macht. Nur einer von ihnen ist vom vorgezeichneten Weg abgewichen: Anstatt heute eine Schaltfunktion in Politik, Wirtschaft oder Medien zu erfüllen, hat er seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse im Untergrund zum Einsatz gebracht und steht nun auf der Seite der Hacker und Whistleblower seinen alten Freunden als eine Art schlechtes Gewissen gegenüber, wobei Gewissen in diesen Kreisen ein leerer, nutzloser Begriff ist. Die Anderen leben in ihrer isolierten – von außen hochglänzenden, von innen reichlich schmutzbelasteten – Blase vor sich hin, bis diese schließlich platzt: Die Finanzkrise lässt die Märkte abstürzen, und mit ihnen die Eliten. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, wird hier, mehr oder minder, auf einen einzelnen Namen zurückgeführt: Folman Pachs – eine durchsichtige Namensverschleierung, die unfreiwillig kindisch wirkt, obwohl ihre Verwendung vermutlich verdeutlichen sollte, wie gefährlich es ist, sich dem Namen Goldman Sachs auch nur – und sei´s bloß literarisch – zu nähern. Die Macht dieser Investmentbank ist schlicht zu groß geworden, ihr Name verkörpert die skrupellose Finanzgewalt schlechthin. Weltweit hat sie ihre Gewährsleute an den entscheidenden Stellen installiert und somit eine lautlose Machtübernahme vollzogen, wodurch sie nun munter und unbehelligt ihre eigenen Ziele, über jegliche Allgemeininteressen hinweg, verfolgen kann. Wie gefährlich dieses heimliche Machtmonopol tatsächlich ist, tritt erst im Zuge der globalen Krise zu Tage, als die Großen panisch erkennen: Selbst ihre Macht endet dort, wo die von Folman Pachs beteiligt ist. Unversehens bekommt es auch die HEC-Clique mit den Dunkelmännern der übermächtigen Finanz-Hydra zu tun, und ein verhängnisvolles Dokument sorgt dafür, dass die alten Freunde nah zusammenrücken müssen, um ihre Existenzen zu retten. Als einer der ihrigen vermeintlich Selbstmord begeht, wird klar, dass es dabei um weit mehr als nur um berufliche Positionen und ein sauberes Image geht. Sie wissen, vertrauen können sie in dieser Angelegenheit niemandem. Womöglich nicht einmal einander.

Die Autorin ist ebenfalls Absolventin der HEC und schreibt als Journalistin über die Verwicklungen von Politik und Finanzwesen – ist selbst also Elite-intern und fachlich bewandert. Anstatt aber hier einen Krimi mit Reportage-Charakter zu schreiben, wie ich mir gewünscht hätte, verheizt sie ihr Hintergrundwissen, ohne damit wirkungsvolle Effekte zu erzielen, eher, um es gelegentlich zur Schau zur stellen, lässt Story und Charaktere ersticken unter allzu plakativen Bildern und überflüssigem Hollywood-Klimbim. Den hohen Wahrheitsgehalt des Grundgedankens, Goldman Sachs und Konsorten regierten die Welt, mag ich gar nicht anzweifeln, nur verkommt dieses Szenario zur bloßen Kulisse für eine Darstellung der französischen Oberschicht, die auf arg kalkulierte Weise eine Kleine-Leute-Perspektive einnimmt: Natürlich leben die da oben alle in kaputten Ehen, sind überhaupt emotional verkrüppelt und gönnen einander nicht die Luft zum Atmen – wussten wir´s doch. Ein Eigenleben wird den Figuren nicht zugestanden, sie bleiben durchweg Funktionserfüller, und selbst die verruchtesten Hobbys, dramatische Liebesepisoden oder Verhaltensmarotten vermitteln keinen Geschmack von Echtheit, sondern von künstlicher Garnitur. Als Besonderheit ist der Roman mit QR-Codes versehen, über die sich Hintergrundmaterial zu bestimmten Stichworten abrufen lässt. Als Idee nicht schlecht, würde sich der Einsatz dieses Mittels darauf beschränken, den Leser zu Erläuterungen von komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhängen weiterzuleiten. Dass aber auch jeder erwähnte Song gleich per QR-Code als Video abrufbar ist, macht die Sache zur Spielerei, die den Lesefluss enorm stört und als peinliche Anbiederung des Buches an das Smartphone-Zeitalter daherkommt. Dort, wo es sich tatsächlich anbietet, hätte es sicher auch die gute, alte Fußnote getan. Der Wirtschaftskennerin Vasseur scheint daran gelegen zu sein, mit diesem Roman ein auf allen Ebenen überladenes Produkt verkaufen zu wollen, das ein durchaus begründetes, aber ahnungsloses Unbehagen an der Macht der Hochfinanz bedient. Falls sie, die selbst dazugehört, jedoch ein reelles Oberschichtsportrait hat abliefern wollen, so hat sie das indirekt getan, indem sie per Roman selbst einiges an seelenloser Funktionsorientierung offenbart.


>>Flore Vasseur, Kriminelle Bande (Haffmans&Tolkemitt), €19,95