WHERE THE WEIRD THINGS ARE

Alter Schulatlas, 30er Jahre, Bibl. Institut Brockhaus, Sonja Grebe

WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Was macht eigentlich Fred Vargas?

Das Wochenthema Weird Things hätte sicherlich in Kombination mit dem Buchmesse-Gast Finnland Einiges hergegeben, aber es nützt nichts: Mir liegen die Finnen literarisch oftmals nicht so recht. Dagegen hätte ich zur Zeit einfach mal wieder Lust auf französische Seltsamkeiten. Wie gern würde ich aus der Gerüchteküche hören, Fred Vargas stecke mitten in den Abschlussarbeiten zu ihrem neuesten Roman. Man soll nicht drängeln, doch im Schnitt veröffentlicht der Aufbau-Verlag im Intervall von zwei Jahren eine neue Vargas-Übersetzung – zuletzt Die Nacht des Zorns. Allerdings ist bisher auch in Frankreich noch nichts Konkretes verlautet worden, was Fortschritte oder Veröffentlichungstermine betrifft.

Es ist zwei Jahre her, dass ich Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zuletzt begegnet bin. Da stapfte er durch die Normandie, kümmerte sich im Auftrag einer Greisin um ein Heer blutrünstiger Waldgespenster – denn mit verfluchten Seelen kennt sich der Mann aus -, machte sich tiefgehende Gedanken um Zuckertütchen und ließ eine Taube in seinem Schuh wohnen.

Adamsberg ist ein Sohn der Pyrenäen, ein schrulliger Bergler, dessen ungewöhnliche, labyrinthische Denkweise ihm im Wege zu stehen scheint, sich jedoch seit acht Kriminalromanen mit ihm in der Hauptrolle immer wieder von Neuem als eine besondere Gabe erweist. Im Rahmen dieser Romane steht Adamsberg keineswegs allein mit seiner Seltsamkeit da. Er ist kein lediglich aufrüschendes, würzendes Stilmittel in einer ansonsten handelsüblichen Krimiproduktion, sondern Teil eines doppelbödigen Parallelfrankreichs, das Fred Vargas aus schrägen Charakteren, verwunschenen Orten und skurrillen Gegebenheiten erschaffen hat. In der mit einem eigenwilligen Erzählstil abgedichteten Vargas-Welt sind sämtliche Personen überzeichnet und doch überzeugend, jede Handlung objektiv gesehen abstrus, aber in sich schlüssig, und man selbst fegt schnell seine übliche Lese-Erwartungshaltung bei Seite und schließt sich lieber Adamsbergs verquerer Logik an. Begleitet wird Adamsberg, der in Paris tätig, jedoch oft auf Abwegen ins ländliche Frankreich unterwegs ist, von seiner Brigade criminelle, deren Mitglieder ihm an Wunderlichkeit das Wasser reichen können, denn wie gesagt: Bei Vargas ist das Seltsame der Regelfall. Den Gegenpol zu Adamsbergs traumwandlerischer Arbeitsweise bildet der sachlich-trockene Adrien Danglard, Genie der Brigade, wandelndes Lexikon, Alkoholiker. Vervollständigt wird das Team durch die ewig essende Froissy, den explosiv-unberechenbaren Mordent, den naiven Estalère und die walkürenhafte Retancourt. Wie auch den unwichtigsten Randfiguren, wohnt dem zentralen Personal eine mythische Dimension inne – was oberflächlich kurios oder grotesk wirkt, stellt bei genauerer Betrachtung eine intelligent gezeichnete Allegorie menschlicher Wesenszüge dar. So fürchten zum Beispiel alle heimlich die unerschöpfliche Stärke und den gewaltigen Zorn, zu welchen Violette Retancourt fähig ist, rufen aber in Notsituationen vertrauensvoll nach Rettung durch die alle und alles überragende Frau, die sich dann auch mit grenzenloser Güte und bedingungsloser Treue ein ums andere Mal ihrer Kollegen annimmt. Was Retancourt also verkörpert ist der Mythos mütterlicher Allmacht. Dennoch ist Retancourt eine traurige Figur, denn ihre beeindruckende Größe und Kraft machen sie gelegentlich sehr einsam. Ähnlich wie in Märchen finden sich auch in Vargas´ Welt unterhalb der erzählerischen Oberfläche gesellschaftliche und psychologische Beobachtungen.

>> Der chronologische Adamsberg:

  •  Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord: Des Nachts entstehen Kreidekreise auf Pariser Bürgersteigen, in denen jemand scheinbar willkürlich gewählte Alltagsgegenstände platziert. Niemand sieht voraus, dass sich eines Morgens auch eine Leiche in einem Kreidekreis finden würde – außer Adamsberg natürlich.
  • Bei Anbruch der Nacht: Adamsbergs Begegnung mit der privaten Vergangenheit: Seine frühere Geliebte Camille ruft ihn aufs Land, als Unterstützung bei ihrer Suche nach dem Mörder einer Bäuerin. Unter Verdacht: ein Wolfsmensch.
  • Fliehe weit und schnell: Auf Pariser Haustüren erscheint eine verdrehte Zahl, am Morgen darauf jeweils eine schwärzliche Leiche auf dem Trottoir. Die Pest ist zurück! Und mit ihr ist ein seltsamer Bretone in der Stadt aufgetaucht, dessen wachsende Anhängerschaft Adamsberg beschäftigt.
  • Der vierzehnte Stein: Ein ungelöster Mordfall holt den Kommissar nach dreißig Jahren ein. Es wiederholt sich ein Dreizack-Mord, wie damals ist der einzige Tatverdächtige orientierungs- und gedächtnislos. Gerade zwecks beruflicher Fortbildung in Kanada angekommen, erwacht Adamsberg plötzlich selbst nach einem Filmriss – mit blutigen Händen.
  • Die schwarzen Wasser der Seine: Drei einzelne Adamsberg-Geschichten werden hier zusammengefasst: Von Weihnachtsnächten, Wasserleichen und widerständigen Obdachlosen.
  • Die dritte Jungfrau: Während in der Vorstadt Männer mit durchschnittener Kehle aufgefunden werden, deren einzige Gemeinsamkeit der Dreck unter ihren Fingernägeln ist, plagt sich Adamsberg in seinem frisch erworbenen Pariser Eigenheim mit dem Geist einer männermordenden Nonne herum.
  • Der verbotene Ort: Eine Ansammlung von Schuhen versalzt Adamsberg und Danglard die Freude über ihren London-Aufenthalt, oder vielmehr: die herrenlosen Füße, die noch in jenen Schuhen stecken. Die Fuß-Spur führt nach Serbien, in eine Region, in der archaische Glaubensvorstellungen herrschen.
  • Die Nacht des Zorns: Adamsberg reist in die Normandie, durch deren Wälder der Mythos des Wütenden Heeres geistert, ein schauriger Totenzug, der der Sage nach Todesankündigungen äußert. Nachdem eine Frau am Ort neuerlich von Heeres-Visionen geplagt wird, lassen die Todesfälle nicht lang auf sich warten.

Fred Vargas spricht von ihren Figuren als einer netten Truppe. Mag sein, dass sich die inzwischen hoch dekorierte Autorin in ihrer Romanwelt im Allgemeinen eher von Gleichgesinnten umgeben fühlt als im echten Leben. Vielleicht verweist auch die Wahl eines Synonyms für ihre schriftstellerische Tätigkeit auf eine Abgewandtheit von der Normalwelt. Zwischen den Buchdeckeln würde Vargas selbst wohl nicht als Unikat auffallen, diesseits des Geschriebenen jedoch staunt man ein wenig über manche Schlagworte in ihrer Biographie: Frédérique Audoin-Rouzeau, gebürtige Pariserin, Tochter eines Kulturjournalisten, der Mitglied der Surrealisten war, ist Schriftstellerin, Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin. Ihre Romane schreibt sie während ihrer Ferienzeit. Hauptberuflich forscht sie am CNRS, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, ihr Spezialgebiet ist die Tierwelt des Mittelalters.


>> zur Autorin: Fred Vargas via Aufbau Verlag

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WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Moondogs Reisen

Ein weites Feld der Literatur sind Lebensgeschichten, seien es fiktive oder verbürgte, bekannte oder verborgene, exemplarische oder exzentrische. In manchen Fällen wird die Literatur jedoch von der Realität rechts überholt, was die Originalität der Protagonisten und des Handlungsbogens einer Lebensgeschichte anbelangt. Einer jener Spezialfälle des Schicksals beschäftigt derzeit mein Gehör und heißt Moondog.

Geboren 1916, in der Aufbruchszeit des 20sten Jahrhunderts, verlebte Louis Thomas Hardin als Sohn eines Wanderpredigers eine vom Umherziehen geprägte Kindheit im Mittleren Westen der USA. Gestorben ist er zum Ende jenes Jahrhunderts, 1999,  im „Tiefen Westen“ Deutschlands – als Moondog. Zwischen diesen Eckdaten erstreckt sich zum Einen die Entfaltung der musikalischen Neuzeit, zum Anderen die Biographie eines wunderlichen Musikers und Poeten.

Abenteuerhaftes Potential besitzen bereits seine jungen Jahre, in denen Hardin durch die Tätigkeit seines Vaters unter Anderem Kontakt zu Indianern und deren musikalischer Kultur erhält. Auch Explosionen fehlen nicht in seiner Lebensgeschichte: Der sechzehnjährige Hardin verliert bei einem tragischen Unfall mit einer Dynamitkapsel sein Augenlicht. Dieses Ereignis erweist sich wörtlich als Urknall, rückblickend bezeichnet Moondog seine Erblindung als Grundstein seiner musikalischen Entwicklung. Auf einer Blindenschule erhält er die Gelegenheit mehrere Instrumente zu erlernen. Unermüdlich vertieft er autodidaktisch seine Kenntnisse zu Kompositionslehre und Klassischer Musik, verschlingt alles, was in Blindenschrift zum Thema Musik zu beschaffen ist, und setzt schließlich eigene Werke in Blindenschrift um.

Nach Ablauf seiner Schulzeit verliert sich seine Spur für eine Weile, danach aber taucht Hardin als stadtstreichender Künstler im Big Apple auf. Selbst im von Sondernaturen bevölkerten New York der 1940er Jahre erfährt er eine stetig wachsende Aufmerksamkeit. Zum Teil ist der Zulauf, den seine Straßenauftritte finden, dem Kuriositätswert seiner Erscheinung geschuldet: Der Liebhaber europäischer Sagen – speziell fasziniert ihn die Nordische Mythologie – tritt als skurriles Wikingerwesen auf und nimmt damit bereits eine Erscheinungsform des Phantastischen vorweg, die sich erst später als eigenes Genre etablieren soll: Fantasy. Sozial isoliert ist der Sonderling allerdings nicht, er wird bald als Institution des Straßenbilds Manhattans wahrgenommen und unterhält einen regen Austausch mit Künstlern, die das kulturelle Umfeld gestalten. So ist er regelmäßiger Gast der Carnegie Hall, da er freundschaftliche Beziehungen zu Musikern der New Yorker Philharmoniker sowie deren Dirigenten pflegt. Die weitere Liste seiner künstlerischen Bekanntschaften ist lang: Arturo Toscanini, Igor Strawinski, Leonard Bernstein, Charlie Parker, Julie Andrews, Benny Goodman, Charles Mingus, Allen Ginsberg. Eine Vielzahl prominenter Größen begleitet seinen Weg, er nimmt gemeinsame Alben mit ihnen auf, gestaltet gemeinsame Lesungen, er lernt von ihnen und sie von ihm. Sein Lebenswandel bleibt davon unberührt, Moondog – so nennt er sich nach einem Hund, den er besaß, der besonders wehmütig den Mond anheulte – steht mitten im kulturellen Geschehen und lebt trotzdem für sich.

In den 1970ern verlässt Moondog Manhattan. Vor Ort kann sich niemand sein Verschwinden erklären, Moondog hat sich nirgendwo verabschiedet und keine Spuren hinterlassen, weder Freunde noch Presse wissen um seinen Verbleib. Während Paul Simon im Fernsehen Moondogs mutmaßlichen Tod bedauert, streift dieser in Deutschland umher, nachdem er vom Hessischen Rundfunk zu Bach-Konzertveranstaltungen eingeladen worden war und, ohnehin angezogen von der kontinentalen Kultur, während seines Aufenthaltes den Entschluss gefasst hat, nicht mehr in die USA zurück zu kehren. Er beginnt von Neuem ein vagabundierendes Leben, es zieht ihn von Frankfurt nach Hannover, nach Hamburg, und ihm gefallen Land und Leute. Zu seinem Stammplatz wird schließlich die Recklinghäuser Altstadt. Dort gabelt ihn eines Tages eine Studentin auf, sie hat eine seiner Aufnahmen gekauft und bietet ihm daraufhin eine Bleibemöglichkeit. Aus dem Versuch zu verstehen, was um Himmels Willen einen metropolenerfahrenen Amerikaner mit musikalischer Karriere dazu bringen mag ein Straßendasein in der Provinz Nordrhein-Westfalens zu führen, entwickelt sich nach und nach eine Zusammenarbeit: Ilona Sommer gründet ein Label, das Moondogs Aufnahmen sammelt und vertreibt, sie organisiert und begleitet Konzertreisen und Auftritte Moondogs, agiert als Managerin und bringt darüber hinaus dem rastlosen Streuner eine sesshaftere und etwas bürgerlichere Lebensweise nahe. Nachdem sein Leben während der 1980er Jahre somit erneut auf soliderem Boden verlaufen ist, zieht es ihn für einen einzelnen Auftritt wieder zurück nach New York, des Weiteren nimmt er in England zu Beginn der 1990er ein Album auf, verankert bleibt er jedoch in Deutschland – sein Grab findet man in Münster.