WERK+ZEUG

WERK+ZEUG // Das Wort zum Sonntag

Dein Herz, Sonja Grebe

>>  Bild: Herz-Werkzeug (Grebe, 2014)

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WERK+ZEUG // Hammer, Amboss, Meteorit

Mein jüngerer Bruder und ich ähneln einander sehr. Zum Ausdruck kommt diese Wesensgemeinschaft allerdings auf unterschiedlichen Ebenen. Er ist der Vollblut-Historiker, ich kümmere mich mehr ums Zeitgenössische. Während er das Epische liebt, mag ich eher das Episodische. Er trägt seine Haare sehr lang, ich sehr kurz. Sein Musikgeschmack ist ein zwischen Klassik und Metal gespannter Bogen, meiner hangelt sich an einer von Jazz zu Punk gezogenen Linie entlang. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Kampf- und Kunstmittel unserer Wahl: Meine sind Altpapier, Pappe, mitunter getrocknete Blümchen und dergleichen Leichtgewichtiges. Seine fallen da etwas archaischer aus: Holz, Leder, Knochen und, an erster Stelle, Metall.

Aus einer familienbedingten Marotte heraus wird bei uns beiden prinzipiell möglichst alles selbst gemacht, gesammelt, gehortet, zweckentfremdet und zusammengewerkelt. Die selbst gefertigte Esse, an der mein Bruder sich seit einiger Zeit als Selfmade-Schmied betätigt, entstand folgerichtig nach dem Prinzip Resteverwertung-nahe-der-Dada-Grenze: Das Gestell lieferte ein alter Aquarium-Rahmen, das Gebläse wurde einem Kobold-Staubsauger entnommen, diverse andere Fundstücke aus Gerümpelsammlung und Internet verbauten mein Bruder und ein paar ingenieur- und elektrotechnisch ausgebildete Freunde zu einer sehr praktischen, funktionstüchtigen und – jawohl! – formschönen Aquarium-Kobold-Esse.

Nicht nur wie, sondern auch was geschmiedet wird, klingt oftmals ebenso unkonventionell bis skurril, liefert ungeachtet dessen jedoch die erstaunlichsten Ergebnisse: Kann man alte Fahrradketten zu fein-gemusterten Damaszenerklingen verarbeiten? Man kann. Wird im großflächigen Garten wieder einmal ein wenig Raum freigerodet, fällt oft wertvolles Holz für Messergriffe an. Ich selbst habe einen Ring, den mein Bruder aus nahezu schwarz eingefärbter, jahrhundertealter Mooreiche (nicht aus eigenem Garten) gedrechselt hat; andere Ringe schmiedet er aus unterschiedlichsten Metall-Legierungen. Alles in autodidaktischem Antrieb, mittlerweile auf hohem Niveau – Youtube-Channel-Learning, globaler Vernetzung mit ähnlich Verrückten und viel Mut zu Try-and-Error-Experimenten sei Dank. (Error resultierten bislang übrigens nicht in allzu schwerwiegenden Verletzungen oder anderen Kollateralschäden, sofern man die ständigen Handschwielen, Brandblasen und gelegentliche Bartbrände nicht mitzählt. Obwohl: Eine Weile hatte mein Bruder den Spitznamen Elf-Zehen-Lars inne, nachdem er sich bei einem Probeschlag mit frisch geschmiedeter Axt einen kleinen Zeh halbierte oder sozusagen verdoppelte. Der Zeh ist wieder zum Einzelzeh verheilt – der geliebte Stiefel indes heilt nicht mehr.)

Derzeit werkelt er an etwas, wofür er eigens einen sehr speziellen Einkauf getätigt hat: den Mittelfußknochen eines dem Pleistozän entstammenden Megaloceros giganteus, vulgo: Riesenhirsch. Sein bisher wohl aufwändigstes Projekt war eine 365lagige Meteorit-Damaszener-Klinge, für die er einen wer-weiß-wie-teuer ersteigerten Meteoriten gemeinsam mit Stahlsorten unterschiedlichen Vanadium-, Mangan- und Chromanteils verschmiedet hat – siehe oberstes Beitragsbild. Weitere Bilder habe ich von seiner Facebook-Page geklaut, natürlich mit Genehmigung:

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>> Fotos: Kunstschmiede Brandtbart


WERK+ZEUG // Theodor Däubler, Die Schraube

Für jedes Werk, das es zu schaffen gilt, braucht es das passende Zeug. Allein die zweckorientierte Nutzung von Zeug unterscheidet so streng nicht den Menschen vom Tier – das entstandene Werk, das allerdings macht den Menschen aus. Vielleicht sollten wir unser Werkzeug, etwas ehrfürchtiger, eigentlich Menschzeug nennen?

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Theodor Däubler, Auszug aus Die Schraube (1916):

Die Sterne sind die Vorläufer der Schraube: des Menschen erstes Sternbekenntnis war auch für die Schraube ihr Vorhandensein. Der erste Stern ist überhaupt des Menschen Wunsch zu fliegen: und das, was über uns in heller Schrift am Himmel steht, ist nur das Vorbild zur Schraube. Die Scheinbarkeit der Sternverzackung kann das All befliegen. Die Sterne stehn wartend über den vergangnen Schmieden. (…) Über der Schmiede steht in der höhern Ebene der Dichtung ein Stern. (…) Nun aber verheißt der Mensch sein eignes Sternbild: alle Wirbel der Schraube heißen Sternung: sämtliche Flüge über den Ozean heißen Sternung. (…) Die Erfindung der Schraube hat das Ende der Höllenangst ausgeprägt. (…) Und unsre Begeisterung, unsre Erwartung und Beharrlichkeit vor einem Flug, hat sie nicht andre Erseelungen im Menschen angeregt? Wird nicht die Frage überhaupt, die Frage über unsre Zeit ein Feuersein? (…) Die Erde ist der Wunsch des Menschen: und der Wunsch des Menschen ist von sich aus regsam und belebend, leichterweckt und schwankend: es gibt gar keine Erde, sondern bloß ein Erdbeben. Auf dem Wunscheswesen, das wir selber sind, besteht aber der stille Stern, dem wir, aus uns hervorgewünscht, fern zufluten, den wir, innerlichst stumm, umgluten. Alle Sternschifffahrt über uns führt und sprüht nur mit einem Wunsche fort, hinter dem der Zielstern leuchtet. Aber er zittert noch im Ich. Darum führen alle Wanderringe bloß zum Wandernden zurück. Laßt sie fliegen, Eure Drachen, gebt Euch auf in Pilgerstimmen!, was ihr freigebt, will, weil wunschgewesen, doch nach Haus zum Sterne, und der Stern ist deine Zielverheißung tief im Ich.


>>  Der österreichisch-deutsche Schriftsteller und Kritiker Theodor Däubler (1876 – 1934) wurde zu Lebzeiten durch sein dreibändiges Versepos Das Nordlicht bekannt, woran er über zehn Jahre lang gearbeitet hatte, bis es 1910 erschien und vor allem von seinen literarischen Kollegen gefeiert wurde.

>> Der Text Die Schraube findet sich in: Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne – Das große Lesebuch (Fischer Verlag), kartoniert, € 14,50 – ein Buch, das ich nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Mal hier empfehle, da es eine meiner liebsten Immer-wieder-Lektüren ist.