WAHN-VERWANDTSCHAFTEN > Jürgen Bauer und Marie Hermanson: Familie vs. Paranoia

Als mir Was wir fürchten, der aktuelle Roman des österreichischen Autoren Jürgen Bauer in die Hände fiel, kam mir sofort Der Mann unter der Treppe, ein 2007 erschienener Roman von Marie Hermanson, in den vergleichenden Sinn. Familie und Wahnsinn liegen hier jeweils nah beieinander. Auf den ersten Blick mag man das für eine wenig überraschende Mischung halten, jedoch reichen die von Bauer und Hermanson geschilderten Abgründe schon ein bisschen tiefer als im durchschnittlichen Familienalltag. Denkt man, erst mal. Später hofft man. Beide Romane weisen eine enge Verwandtschaft zum Krimi auf, beide spielen mit dem Leser: Sie verweigern eine klare Einschätzung ihrer Handlungen und Protagonisten und säen stattdessen Unsicherheiten, verlangen eine akribische Spurenlese, führen mit so klug wie beiläufig positionierten Hinweisen in verschiedene Verstehensrichtungen, die es gegeneinander abzuwägen gilt.

was wir fürchten (2)


Georg, die Hauptfigur in Was wir fürchten legt von Beginn an die psychologischen Besonderheiten seiner Lebensgeschichte offen. Setzen sie sich, ich erzähle Ihnen jetzt meine Geschichte – das ist der einleitende Satz. Sind wir gemeint? Man wird sehen. Er beginnt seine Geschichte mit der Schilderung eines Autounfalls. Die Beteiligten sind: er selbst, ein kleines Mädchen, ein Auto mit getönten Scheiben. Es ist Markttag und sommerlich schön – das Szenario einer gelassenen Stadtidylle, doch Georg empfindet die Hitze, die Gerüche als aggressiv, ihm graut vor dem Platz, vor der Menschenmenge, vor dem Fleisch am Metzgerstand. In seiner Wahrnehmung brodelt stetig das Unheil, und doch bedeutet dieser Zustand bereits ein Niveau von Normalität für Georg, das er lange Zeit kaum je zu erreichen geglaubt hätte, er beschreibt: wie viel Kraft mich meine Entwicklung hin zu diesem Punkt gekostet hatte. Ich war stolz auf mich, ein neues Gefühl in meinem Leben. Sein altes Leben, geprägt von seinem psychisch kranken Vater und der eigenen Krankengeschichte, glaubt er hinter sich gelassen zu haben – Eheglück, normaler Alltag, Selbstbestimmtheit sind die Merkmale seines neuen Lebens. Mitten hinein in die unverdächtige Wochenmarktkulisse platzt dann mit einem Knall der Irrsinn. Georg lässt in raschem Wechsel Szenen des Unfallgeschehens und seines Familienlebens aufflackern, sein Unfallbericht liefert gleichzeitig Beschreibungen seiner eigenen Beschädigungen, angerissene Erklärungen zu seinem Krankheitsbild werden eingestreut, auch zu dem seines Vaters, und er gewährt kurze, unfertige Einblicke in das Verhältnis zu seiner Frau und zu seiner Mutter. Wie seinerzeit sein Vater, leidet auch Georg an Paranoia von schwer kontrollierbarem Ausmaß, Medikamente und Therapien sorgen nie für Heilung, nur für Eindämmung, für vermeintliche Beherrschbarkeit der Krankheit. Sylvia, Georgs Frau, ist um einiges älter als er – Liebe, ja, aber vor Allem bietet sie eine stabile Mutterfigur, an der er sich festhalten kann. Denkt man. Aber was war da mit Sylvia und dem Vorfall mit dem Messer in unserer Küche? Als Georg nach dem Unfall am Marktplatz zurück nach Hause kommt, reißt er sich selbst und seiner Frau die Kleider vom Leib und zerrt Sylvia mit sich unter die Duschbrause, um ihr von den Geschehnissen in allen Details zu berichten. Die Tränen seiner erschrockenen Frau ignoriert er. Was versetzt die Paranoia-Maschinerie in seinem Kopf wieder so ungezügelt in Gang? Das Auto mit den getönten Scheiben – im Inneren, da saß doch jemand mit einer Kamera? Die Polizisten mit ihrer trügerischen sachlichen Art, verschweigen die nicht etwas? War dieser Unfall mit Fahrerflucht nicht vielmehr ein missglückter Anschlag auf ihn, auf Georg? Das ist alles nur in deinem Kopf – dieser Satz begleitet Georg (und den Leser) wie ein Mantra, die Stimmen in seinem Kopf wiederholen diesen Satz unablässig, Stimmen, die seinem Vater, seiner Mutter, seiner Frau gehören – und Simon. Welchem Simon, wer ist das? Was meint Georg mit den Ereignissen vor dem Unfall, wie zum Beispiel dem Fund der Mauerteile in unserer Wohnung, die seinen Rückfall in das mühsam abgelegte paranoide Verhalten bereits vorbereitet haben? Als Leser hat man an dieser Stelle längst in einen kriminalistischen Modus gewechselt, man betreibt Indizien-Lese. Überrascht stellt man fest, dass Georgs vermeintliche Ich-Erzählung ein Dialog ist, aber wer ist das rätselhafte Gesprächsgegenüber, und was für eine Art von Gespräch ist das? Auf wessen Terrasse sitzen wir hier, wo bitteschön sind wir überhaupt? Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser?


Die Schwedin Marie Hermanson schickt in Der Mann unter der Treppe ihre Hauptfigur Fredrik durch einen ähnlich aufgestellten Paranoia-Parcours. Die Ausgangssituation dieses psychologischen Romans ist eine sehr viel unproblematischere als diejenige in Was wir fürchten: Während Fredrik einer soliden Tätigkeit im städtischen Amt für Wirtschaftsförderung nachgeht, profiliert sich seine Frau Paula als Künstlerin, Sohn Fabian fühlt sich wohl im Kindergarten, Baby Olivia macht das Glück perfekt. Gerade hat die junge Familie Göteborg verlassen und ein idyllisch gelegenes Eigenheim im ländlichen Kungsvik gekauft und bezogen. Ein Glücksgriff: ein historisches Häuschen in renoviertem Zustand und idealer Lage, mit traumhaftem Grundstück und geschmackvoller Innenarchitektur. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit dem neuen Heim, zumindest spürt Fredrik das. War der Kaufpreis für das kleine Paradies nicht übrigens auffallend günstig? Was verursacht nur diese quälenden Schlafstörungen, unter denen Fredrik neuerdings leidet? Bei Arbeiten im Bad wird das Waschbecken beschädigt, das glaubt Fredrik jedenfalls gesehen zu haben – als er sich den Schaden später genauer ansehen will, findet er das Becken repariert vor. Die seltsamen Geräusche, die gelegentlich im Haus zu hören sind, schiebt Paula zwar bei Seite – es arbeite eben in alten Häusern – , doch Fredrik hegt längst ein diffuses Misstrauen gegenüber seinem Heim. Eines Nachts steht Fredrik dann einer verstörenden Erscheinung gegenüber: Ein kleinwüchsiger, verwildert aussehender Mann begegnet ihm in der Diele, er heiße Kwådd und lebe unter der Treppe, sagt der unaufgeregte, ziemlich selbstbewusste kleine Mann. Fredrik ist außer sich und verlangt von dem Männchen den sofortigen Auszug aus dem Haus. Kwådd denkt aber gar nicht daran sein Zuhause aufzugeben, und so werden die beiden zu Kontrahenten, die auf engstem Raum einander belauern und bekriegen. Das klingt eindeutig nach Phantastik, aber einige Andeutungen über Fredriks Familienvergangenheit ziehen die Geschichte wieder zurück auf psychologisches Terrain. Wie starb sein leiblicher Vater? Hat Fredrik vielleicht Veranlagungen zu psychischen Erkrankungen? Parallel dazu demontiert Hermanson das perfekte Familienglück: Paula musste einst wegen einer Verletzung ihre Träume von einer Karriere als Ballerina aufgeben – füllt das Leben als Ehefrau und zweifache Mutter sie aus, oder arbeitet sie, indem sie ihre Kunstprojekte voran treibt, in Wirklichkeit an einem Ausstiegsplan, um diesem Leben entfliehen zu können? Treibt etwa Paula ihren Mann gesteuert in den Wahnsinn? Den Schwiegereltern war Fredrik ohnehin nie gut genug, haben sie vielleicht Paula endgültig von Fredriks Mangelhaftigkeit überzeugt? Ein Haustier verschwindet – hat Kwådd da seine Finger im Spiel, oder ist doch etwas dran an der Aggressivität und Unkontrolliertheit, die Fredrik neuerdings von den Kollegen attestiert wird und die er verharmlosend mit seinen Schlafstörungen begründet? Wie zurechnungsfähig ist Fredrik? Wie real ist Kwådd? Hermanson, die neben ihrem Studium in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, lässt ihre doppelbödige Geschichte über den Untergang einer Familie raffiniert und spektakulär eskalieren. Dabei macht es einen als Leser halb verrückt, dass sich während des gesamten Romans diese Uneindeutigkeit der Verhältnisse nicht aufklären lässt, obwohl es doch angesichts einer derartig gründlichen Katastrophe – es wird hysterisch, es wird blutig – unmöglich so schwer sein dürfte, irgendeine klare Auflösung zu finden. Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser? (Habe ich übrigens diesen letzten Satz nicht schon einmal geschrieben?)


Jürgen Bauer, Was wir fürchten (Septime), Gebunden €21,90

Marie Hermanson, Der Mann unter der Treppe (Suhrkamp), Kartoniert €8,90


WAHN-VERWANDTSCHAFTEN > Irgendwann werden die Biester uns holen kommen – deal with it.


A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard one day
My father got his gun, shot it up, they ran away, okay
A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard
And as my own dog ran away with them

I didn’t say much of anything at all
Didn’t say much of anything at all
Didn’t say much of anything at all

A wild pack of family dogs came runnin‘ through the yard
As my little sister played
The dogs took her away and I guess she was eaten up okay
Yeah, she was eaten up okay

My mother’s cryin‘ blood dust now
My mother’s cryin‘ blood dust now
Mother’s cryin‘ blood dust now

My dad, he quit his job today
Well, I guess he was fired but that’s okay
And I’m sittin‘ outside by my mud lake waiting for the pack to take me away
Right after I die, the dogs start floating up towards the glowing sky

Now they’ll receive their reward
Now they will receive their reward
Yeah, they will receive their rewards


Irgendwas stimmt einfach nicht mit der Welt – das merkt man spätenstens, sobald einen neben den unvermeidbaren heimtückischen Überraschungen des Lebens auch noch die Pubertät heimsucht. Pünktlich zu meiner selbigen trat die Band Modest Mouse auf den Plan. Schülerbandmäßig geschrammelt und nuschelig dahingeträllert, dazu dann ein Text, der irgendwie Bauchweh macht, fertig ist die Modest-Mouse-ja was?-Ballade. Oft kreisen die Texte um Kontrollverlust, da bieten sich die Themen Familie und Liebesbeziehung geradezu an als Minenfelder der mangelnden Kontrollgarantie. Die Feststellung, etwas stimme nicht mit der Welt, ihren Bewohnern und Einrichtungen ist der Kern der Modest-Mouse-Logik – der ständige Unterton lautet allerdings eher: Etwas stimmt nicht mit mir. Ein wiederkehrendes Motiv ist das Gehirn, das unkontrolliert rast oder pennt, wie es gerade will – es reagiert willkürlich auf emotionale Reize, ist untauglich als Steuerungsinstrument, vielmehr die reinste Chaosmaschine, die überempfindlich und unvorhersehbar ausschlägt und explodiert. My brain’s the burger and my heart’s the charcoal (Lounge). All das wirkt sich entsprechend auf die Weltsicht aus: Vater, Mutter, zwei Kinder, Garten. Könnte nett sein, kommt melodisch auch daher wie ein Kinderlied. In der einzig denkbaren, nämlich der Abgrund-Version von Idylle aber zerreißen dann menschenfressende Rudelbestien die Familie und man sitzt fatalistisch am Matschtümpel um auf den Tod zu warten.

Oft von hypsterischen Nachfolgern kopiert, aber nie erreicht ist neben dem Pixies-verwandten Sound vor Allem jenes mitunter kryptische Songwriting – Texte, die tief in der Magengrube, wo sich vielleicht das lichtscheue Unterbewusstsein hin verkriecht, wenn´s im Gehirn mal zu hell wird, eine Menge Tumult verursachen. Um vordergründige Horror-Effekte geht es dabei nie, vielmehr werden die Schocks und Scheußlichkeiten im Leben, diese wirklich unangenehm bohrenden Dinge, Verunsicherungen, Wahn und Wut als gegebene Lebensrealitäten achselzuckend in den Lyric-Kosmos mit einbezogen. Keine Psychiatrie-Dichtung, sondern lediglich Texte, die als Ventil für die Kehrseiten der Alltagsnormalität funktionieren. Logisch, dass sich das musikalisch auch in handfestem Krach und Geschrei ausdrückt, womit die Band ihre lethargisch-ironische Fassade immer dann, wenn sie gerade Lust dazu hat, pulverisiert, um sie gleich danach gemütlich wieder aufzubauen. Unverstellte gutgelaunte und entspannte Momente wirken darin umso zerbrechlicher.

Seit rund zwanzig Jahren bereits sind die eigenwillig-bis-eigenartigen Modest Mouse aktiv und wegen ihrer eckigen, unrunden Energie so was wie meine Herzensband. Man muss sie nicht mögen – lieben kann man sie dafür umso mehr. Ist mir auch wurscht, wenn jetzt wieder einer kommt und sagt, die seien inzwischen auch längst im Mainstream angekommen. Die schrullige Truppe um den sehr speziellen Frontman Isaac Brock hat übrigens gerade mit Strangers to Ourselves ein neues Album vorgelegt, das aufs Neue das Kunststückchen vollbringt gleichermaßen einlullend wie aufkratzend zu sein – aber nicht nur diesen Album-Tipp wollte ich hier loswerden. Die weitere Diskografie der Band ist eine ziemliche Fundgrube voller doppelbödiger Indie-Stampfer, -Brüller und -Säusler, gelegentlich sogar tanzbarer Hymnen für die Party zum 18. Geburtstag. Und selbst wer musikalisch nicht so warm damit werden mag, kann durchaus seine Freude an den Song- und Albumtiteln haben, die oberflächlich betrachtet alle Qualitäten von verqueren Werbe-Slogans besitzen, darüber hinaus aber mit textlichem Tiefgang unterfüttert sind. Perlen der Hintersinnigkeit und schöne Anti-Titel: The Fruit That Ate Itself, The Gravity Involved in Climbing, An Apology From Dog to Cat Concerning a Comment Made Earlier ‚Bout Cats Breath, Talking Shit About a Pretty Sunset, This Is a Long Drive for Someone With Nothing to Think About, Space Travel Is Boring, Dramamine, Edit the Sad Parts, The Lonesome Crowded West, Teeth Like God´s Shoeshine, Heart Cooks Brain, Jesus Christ Was an Only Child, Long Distance Drunk, Styrofoam Boots, Building Nothing out of Something, Tiny Cities Made of Ashes, Worms vs. Birds, Four Fingered Fisherman, Classy Plastic Lumber, Baron von Bullshit Rides Again, Doin‘ the Cockroach, The Good Times Are Killing Me, Good News for People Who Love Bad News, The Devil’s Workday, We Were Dead Before the Ship Even Sank, und so weiter und so fort. Zu allen irgendwie ins Schiefe geratenen Lebensgefühlen findet sich da schon was Passendes.

WAHN-VERWANDTSCHAFTEN > Allen´s Mum

Ginsberg Gedichte

Naomi, Naomi – schweißgebadet, glupschäugig, dick, das Kleid aufgeknöpft an der Seite – Haar ins Gesicht, die Strümpfe hexig verrutscht – schreiend um Bluttransfusion – eine gerechte Hand erhoben – Schuh darin – barfuß beim Apotheker –

Der Feind kommt näher – welche Gifte? Tonbandgeräte? FBI? Zhdanov versteckt sich hinter der Budel? Trotzkij mischt Rattenbakterien hinten im Laden? Onkel Sam in Newark Todesdämpfe heckend im Schwarzendistrikt? Onkel Ephraim, von Mord berauscht in der Politbar, taktiert für Haag? Tante Rose pissend in die Nadeln des Spanischen Bürgerkriegs?

bis die 35$ Mietambulanz aus Red Bank da war – Griffen ihre Arme – geschnallt auf die Bahre – stöhnend, vergiftet von Imaginarien, Chemie speiend durch Jersey, Gnade erflehend von Bezirk Essex bis Morristown –

Wieder retour ins Greystone wo sie drei Jahre lag – das war der letzte Durchbruch, ins Tollhaus zurück gebracht –

In welchen Abteilungen – Ich ging dort später, öfter – ältere katatonische Damen, grau wie Wolke, Asche oder Mauern – sitzen summend auf den Böden – Stühle – und die zerknitterten Hexen auf Schlurf und Fluch – betteln um mein 13-Jahre-Mitleid –

– Ich ging manchmal allein und suchte die verlorene Naomi, Schock behandelt – und mußte antworten, „Nein, Mama, du bist verrückt – Vertrau den Drn.“ –

(Ausschnitt aus Kaddisch, Für Naomi Ginsberg, 1894 – 1956)

In seinem Lang-Gedicht Kaddisch arbeitet sich Allen Ginsberg durch Erinnerungen und Gedanken an seine Mutter Naomi. Ihre psychische Erkrankung: Telephon um zwei Uhr früh – Notfall – durchgedreht – Naomi versteckt unterm Bett schreit Blutsauger Mussolinis. Die Hilflosigkeit des Vaters: Louis im Pyjama lauscht ins Phon, erschrocken – was jetzt? Der klägliche Bruder, all dem nicht gewachsen: – sein Gesicht verwirrt, so jung, dann Augen in Tränen – dann krochen weinend übers Gesicht – „Warum?“ Weh bebt in den Backen, Augen ganz zu, Fistelstimme – Eugenes Schmerzensgesicht. Der Tod der Mutter: Wir sind im Schlamassel. Du bist draußen, Tod ließ dich raus, Tod hatte das Mitleid, du bist fertig mit deinem Jahrhundert, fertig mit Gott, fertig dein Weglein hindurch – Endlich fertig mit dir – Rein – Wieder zum Säugling dunkel vor deinem Vater, vor uns allen – vor der Welt – Da, ruhe. Nie mehr leiden. Ich weiß wo du dahin bist, es ist gut. Ginsbergs Beschäftigung mit ihr und deren Auswirkung auf seinen Lebensgang: Zurückträumend durch Zeiten, Deine – und meine schnellend Richtung Apokalypse. Und vielleicht, denke ich bei mir, war Kaddisch für Ginsberg nur die Verarbeitung im Speziellen, während die Art seines Lebens, Liebens, Schreibens zur Verarbeitung im Allgemeinen wurde: Wuchtige Fragmente stottern Gedichte, Lücken bilden Verbindungen, Schreck wird ausgesprochen, Schmerz wird gewälzt und umgewälzt, Gefühl bricht aus, bricht durch, bricht Verstand und Genick.


Allen Ginsberg, Gedichte (Rowohlt) antiquarisch