VERGISSMEINICH > ICH, DU, ES und WIR

Dass man umgezogen ist, merkt man ja auch daran, dass die Namen der umliegenden Nachbar-WLANs plötzlich andere sind.

Außerdem natürlich daran, dass man sich zu kümmern hat. Um, na, Dinge.

Vom Frühstückstisch aus ändere ich Daueraufträge und erledige zwei Überweisungen.
(Meine Mutter erzählte erst vorgestern am Telefon, wie empört man im Dorf darüber sei, dass nach der Sparkasse nun auch die Volksbank ihre örtliche Filiale schließe und es somit im weiteren Umfeld keine einzige Bank mehr gebe. Die Banken und die Kommunalpolitik sehen in dieser Empörung eine irgendwie rührende Rentnerschrulle. Meine Mutter selbst klang nicht rührend empört, sondern traurig.)

Das Serviceportal meines Stromanbieters weist mich darauf hin, wie bequem und einfach ich mein Anliegen online abwickeln könne. Schnell und direkt – registrieren, loslegen, fertig!
Ich registriere mich.
Für mein etwas umwegiges Anliegen finde ich keine passende Rubrik. Also doch die Servicenummer wählen.
Warteschleifenmusik loopt vor sich hin. (Eine bunte Maschine, die Erdbeer-Slushy quirlt. Im Ohr.) Mich begrüßt eine freundliche Schauspielerstimme – Vorabendseriendoktor? -, die mich durch allerlei Filter schickt: Postleitzahl, Kundennummer, Anliegen. Danach bricht eine Wartephase an, während der sich mein Fernsehdoktor loopend dafür entschuldigt, dass bislang alle Berater im Gespräch seien, sich für meine Geduld bedankt, mir verspricht, dass sich so bald wie möglich um mich gekümmert werde.
Die Frau, die schließlich meinen Anruf annimmt, weiß, dass mich die achtzehn Minuten Loopmusik und Loopgerede inzwischen völlig eingeloopt haben, und fängt mein Erschrecken über das plötzliche Umschaltknacken in der Leitung professionell auf, indem sie beruhigend, dabei zügig ihre Begrüßungsfloskeln runterspult. Ihren Namen nennt sie nicht (vielleicht hat sie’s vergessen). Ich spule meinerseits Begrüßungsfloskeln und eine Kurzbeschreibung meines Anliegens runter. Die Frau spricht mit leichtem, für mich nicht identifizierbarem Akzent. Ihr Deutsch ist grammatikalisch überkorrekt, ihre Sätze reihen Worte aneinander wie scharfkantige Bauklötze, und es kommt mir vor, als unterdrücke sie eine natürliche Sprachmelodie, indem sie ihre Stimmlage bewusst monoton halte. Sie arbeitet sich systematisch durch mein Anliegen, fragt mich Standardfragen, gibt mir Standardantworten; das klappt sehr geschmeidig. Sobald ich Nachfragen anstelle, die von einem unsichtbaren Schema abweichen, schweigt es in der Leitung über lange Zeitspannen, bis Antworten in plötzlich ungelenkem Deutsch erfolgen, in das sich auch melodische Auffälligkeiten hineingeschmuggelt haben.
Ich könnte keine Wette darauf abgeben, ob ich mit einem Callcenter in Norddeutschland verbunden bin oder einem in Bulgarien oder Indien – mein Anliegen ist jedenfalls verstanden, mein Problem behoben worden, und ein unsichtbares Schema besagt, dass unser Zweckgespräch somit beendet ist.

Welchen Unterschied hätte ich bemerkt, wenn ich dieses Telefonat ausschließlich mit einem Chatbot geführt hätte? Habe ich vielleicht mit einem –
Ich hätte keine Wartezeit gehabt.

Keine zehn Minuten nach dem Telefonat erhalte ich eine automatische SMS mit der Frage, ob mein soeben erfolgtes Gespräch mit dem Kundenservice zu meiner Zufriedenheit verlaufen sei.
Sowohl der Fernsehdoktor und die Kundenberaterin als auch die automatische SMS verwenden peinlich oft das Wort WIR.

Die Kassiererin im Supermarkt sagt Guten Tag, zieht meine Ware über den Scanner und nennt mir schließlich eine Summe. Ich zahle zumeist mit der Karte; heute lege ich einen Geldschein in den Kassenautomaten, der mein Wechselgeld sofort und fehlerfrei abgezählt ausspuckt. Weil ich mir auch nicht den Kassenbon von ihr geben lasse, besteht zwischen der Kassiererin und mir keinerlei Kontakt. Ein Namensschildchen trägt sie nicht (wahrscheinlich vergessen).

Im Baumarkt sind zwei Kassenplätze mit Kassiererinnen besetzt. Vier Kassenplätze sind Selbstbezahlterminals (nur für EC-Zahler).

Zu Hause. Das Serviceportal meiner Krankenkasse weist mich darauf hin, wie bequem und einfach ich mein Anliegen online abwickeln könne. Ich bin bereits registriert und wickle mein Anliegen bequem und einfach online ab.

Ich überlege, mich wieder mehr meinem Kleingewerbe zu widmen, d.h. einen neuen Online-Shop einzurichten.

Ich schreibe mit einem Auge auf dem Handy ein paar WhatsApps an Freunde, während ich mit dem anderen auf dem Laptop kurz mal den Newsfeed durchgucke (Tiervideos). Zwischendurch google ich herum, tippe drauflos – ich tippe „Ich ist ein anderer“ und „Der Mensch wird am Du zum Ich“ . Ich tippe auch ein paar Zeilen Blogbeitrag.

Weil ich etwas bestimmtes, was das Kind demnächst braucht, in der Stadt nicht auf Anhieb finden würde, bestelle ich’s binnen einer halben Minute im Online-Shop.

(Meinen Kaffee muss ich schon noch analog kochen.)

Danach fange ich an, die Steuererklärung zu machen. Via Elster.

Wie ich den Tag bislang verbracht habe, empfinde ganz und gar nicht als unproduktiv. Zugleich wundert es mich ganz und gar nicht, als mich irgendwann das Bedürfnis anfällt, jemanden anzurufen, um zu quatschen, vielleicht meine Mutter (schon wieder, aber warum nicht?) – das heftige Bedürfnis, jemanden zu fragen: Wie geht es Dir?

Meine Mutter hat kein WhatsApp.

Ich muss an den Laden denken, früher; an die verwitweten RentnerInnen, die einmal täglich an der Kasse standen, um einen einzelnen Klecker-Artikel zu kaufen. Und sich zu unterhalten: das Wetter, der Hund, die Baustelle, Politik, Frisuren, ein Kochrezept. Das heftige Bedürfnis, jemanden zu fragen: Gilt die Zweineunundneunzig für Cappuccino aus’m Prospekt eigentlich für diese Woche oder ab Montag erst? / Ist das nicht heiß da draußen? / Brauchen Sie vielleicht noch Kleingeld, junge Frau?

Die Einsamkeit der RentnerInnen.
Qualitativ gar nicht so anders als dreißig Minuten in der Service-Schleife. Oder zwei Stunden auf Twitter.

Ich will nicht darüber jammern, wie unpersönlich alles geworden ist im Zuge von Automatisierung und Digitalisierung. Aber ich muss. Man vergisst es so gern – Automatisierung und Digitalisierung machen einem dieses Vergessen so einfach und bequem.

Was machte man früher bloß, in Fleckeby oder Düdinghausen, wenn es dort niemandem gab, der die Jazz-Sendung im Radio-Nachtprogramm genauso liebte – und auch keinen Plattenladen weit und breit? Wenn man sich an ferne Orte wünschte, sich nach den Straßen von Toronto oder Buenos Aires sehnte, ohne Aussicht, je dorthin fliegen zu können? Wenn man gerne mal thailändisch gekocht hätte, oder karibisch? Wenn man einmal Herzlichen Glückwunsch auf Finnisch sagen wollte? Wenn man ein Klavier zu verkaufen hatte? Wenn man ohne Stadtplan nach Bonn musste? Wenn man etwas über Verhütung und andere Intimangelegenheiten wissen wollte? Wissen musste? Dringend!? Wenn man schwul war?

Man ist nicht mehr allein, seitdem wir uns gemeinsam in dieser digitalen Dimension bewegen können. Und das ist viel.

Und doch nicht genug, um nie mehr einsam sein zu müssen.

Wer kennt mich noch, und wen kenne ich noch – in diesem Raum, wo jeder jeden kennen kann? Wo das Sich-kennen keine physische Begegnung mehr voraussetzt, sondern nach Belieben online hergestellt werden kann?
Wo Datenaustausch zum Maßstab für das Sich-kennen wird, ist es, uneinholbar, das Internet selbst, das mich am besten kennt – dieses diffuse ES. Kein DU mehr. Auch nicht mehr das ICH selbst.
(„Wenn du lange genug ins Internet blickst, blickt das Internet auch in dich hinein.“ – Friedrich Nietzsche)

Das Internet, dieses körperlose, ubiquitäre ES. Eigentlich ulkig, dass man, nachdem man Glauben und Aberglauben schon so weit zurückgedrängt hatte, etwas erschuf, dessen Umfang die Kapazitäten des menschlichen Verstandes und der Sinne dermaßen überschreitet und das seinem Wesen nach, nun ja, als transzendent bezeichnet werden darf, oder nicht?

Behördliche Einrichtungen atmen schale, traurige Luft. Man verplempert Zeit, wenn man wartend diese Luft atmet. Durch Anfahrt und Rückweg verplempert man zusätzlich Zeit.
In der Behörde hat die schale Traurigkeit ein Gesicht, ist gebunden an die Möblierung, die einfallslose Bürobeleuchtung, an einen langen, erdfarbenen Flur und den V-Pullover meines zuständigen Sachbearbeiters.
Selbstverständlich freut man sich über jede Möglichkeit, solche traurig-schalen und Zeit verplempernden Angelegenheiten zu bequemisieren. Indem man Behördengänge in die Online-Dimension verlegt, erspart man sich Umstände.
Zugleich entzieht man damit der Realität eines ihrer Gesichter.

Na und? Muss es denn schade drum sein? Was sollte schon passieren, nur weil wir das eine oder andere Realitätsgesicht, das uns nicht gefällt, abschaffen und irgendwann schließlich vergessen?

Zunehmende Digitalisierung und Automatisierung bedeutet zunehmende Depersonalisierung, Anonymisierung. Das Andere, das Gegenüber – das DU also – wird allmählich unsichtbar.
Wenn jedoch das DU allmählich unsichtbar wird, bedeutet das zugleich, dass auch das ICH allmählich unsichtbar wird, denn mein ICH ist bloß das DU für einen anderen.

Ich bin inzwischen mit Elster fertig.
Im Anschluss google ich weiter herum, weil ich einem undeutlichen Gedanken nicht so recht zu Klarheit verhelfen kann. Ich suche nach einer Formel, die ihn einfasst.
„Ich ist ein anderer“ wird zumeist gelesen als das Motto eines Ich, das alles sein kann, was es will. Mir fällt auf, dass ich niemanden ausfindig machen kann, der es anders liest, nämlich im Sinne von „Der Mensch wird am Du zum Ich“.
Ohne DU kein ICH: Das ist vielleicht nicht die bequemste Formel, aber die wahrste.
Jeder Mensch lebt im anderen.

Ich bin ein simpel gestrickter Mensch. Um philosophische Konzepte kümmere ich mich nicht sonderlich, mein Mindset ist nicht das Produkt teurer Coaching-Sitzungen, religiöse oder esoterische Anwandlungen sind mir fremd.
Fragen zum Stand und zum Wesen der Dinge, zu Gott und der Welt erkläre ich mir, indem ich mir einen einzelnen Begriff vornehme, und dieser Begriff lautet „Weitergabe“. Er lässt sich gut in die Hand nehmen und durchkneten. Man kann kleine Religionen daraus machen, oder Utopien für die ganz nahe oder sehr ferne Zukunft. Man kann den Kopf des ersten wie des letzten Menschen daraus modellieren, und auch seinen eigenen. Man kann daraus Häuser formen. Oder Waffen. „Weitergabe“ ist der Begriff, der als Bestandteil in so ziemlich allen Überlegungen steckt, die mich beschäftigen – gleich, ob es um die Europawahl geht, den Syrienkrieg, den Heringssalat meiner Mutter -, denn alles ist auf die eine oder andere Weise ein Ergebnis von erfolgter Weitergabe, und alles ist Material zukünftig erfolgender Weitergabe.
Alles ICH, alles DU, alles ES und alles WIR sind Stoff von Weitergabe.
Ich bin aus all denen gemacht, die vor mir waren. Das ist einfache Genetik. Ich bin auch aus ihrem Verhalten, also aus ihren Erfahrungen und ihren Anpassungen an diese Erfahrungen gemacht – das ist Epigenetik. Ich bin außerdem aus ihren Sehnsüchten, Freuden, Ängsten und Alltäglichkeiten gemacht – das ist dann wohl Kultur. (Lassen Sie mich an dieser Stelle mit Begriffen wie „Volk“ oder „Rasse“ bloß in Ruhe. In diesem Sumpf suhle ich mich nicht, und wer das tut, weiß halt nicht, was ein „Mensch“ ist, und wird’s auch nie lernen.) In zweihundert Jahren, in achthundert Jahren und genauso in viertausend Jahren wird es (wohl noch) Menschen geben, und die werden aus all denen gemacht sein, die vor ihnen waren – auch aus mir. Sie werden auch aus meinem Verhalten, also meinen Erfahrungen und meinen Anpassungen an diese Erfahrungen gemacht sein. Und auch aus meinen Sehnsüchten, Freuden, Ängsten und Alltäglichkeiten.
Dass man als winziger, aber unweigerlicher Bestandteil in die Nachkommenden eingeht und das kleine, was man selbst ist (das Gute wie das Schlechte), auf diese Weise das Sein und des Ganzen mitgestaltet (im Guten wie im Schlechten) – das ist die einzige Füllung für Worthülsen wie Heiliger Geist und Ewiges Leben, die ich gelten lasse.
Wichtig ist: Man besteht nicht allein aus seinen Eltern und deren Eltern, und man gibt sich nicht allein an seine Kinder und deren Kinder weiter. Weitergabe schert sich nicht um Blutlinien. Jeder Mensch ist dem anderen ein Prüfstein, und wir alle bedingen einander.
Ob ich mein Gegenüber nun mag oder auch nicht, ist völlig nebensächlich: Ich erweise mich an ihm als ich selbst – im Guten wie im Schlechten.

Als was stehe ich aber da, wenn niemand mehr vor mir steht? Wer bin ich, wenn ich irgendwann nicht mehr anhand des Anderen ich selbst werden kann, sein kann, sein muss? Über zunehmende Digitalisierung und Automatisierung und das Internet nachzudenken, heißt auch, einmal gründlich über Personalpronomen nachdenken zu müssen. Wenn das Andere, das Gegenüber aus meinem Alltag verschwindet, weil es wegbequemisiert wurde, wird es immer mehr zum ES. Und zusammen mit dem DU geht auch das ICH immer weiter ins ES ein.

Wenn irgendwann das ES in uns allen ist, und wir alle bloß noch das ES sind – wer sind dann noch ICH, DU, WIR?
Wenn ich diese Personalpronomen einmal ganz vergesse, vergesse ich damit mich selbst.

VERGISSMEINICH > Albert Camus, Der Wind in Djemila

Camus

Es gibt Orte, wo der Geist stirbt um einer Wahrheit willen, die ihn verneint.

Das ist allemal ein mustergültiger Camus-Satz. Allerdings befinden wir uns in keinem seiner Romane oder philosophischen Artikel, sondern in einem autobiografischen, noch dazu ziemlich emotionalisierenden Prosatext, und der Camus, den man kennt, ist nicht unbedingt der Camus, den man hier antrifft.

Als ich nach Djemila kam, wehte es, und die Sonne schien […]. Einige Vogelschreie, der gedämpfte Ton der dreigelochten Flöte, das Getrippel von Ziegen – all diese Geräusche brachten mir die Stille und Trostlosigkeit des Ortes erst zu Bewusstsein. Hin und wieder flog flügelklatschend und schreiend ein Vogel aus den Trümmern. Jeder Weg, jeder Pfad zwischen den Häuserresten, die großen gepflasterten Straßen zwischen den leuchtenden Säulen, das riesige, auf einer Anhöhe zwischen Triumphbogen und Tempel gelegene Forum – alle enden in jenen Schluchten, die von allen Seiten Djemila umgeben, das wie ein ausgebreitetes Kartenspiel unter dem endlosen Himmel liegt. Und dort ist man nun, einsam und umringt von Stille und Steinen; und der Tag geht hin, und die Berge wachsen und werden violett. Aber der Wind bläst über die Hochebene von Djemila.

Das schreibt ein junger Camus – etwa 23 Jahre alt.

Djemila ist eine Ruinenstadt, gelegen in der kargen, bergigen Kabylei, einer küstennahen Region Algeriens. Ursprünglich eine Berbersiedlung, wurde der in antiker Zeit als Cuicul bekannte Ort zu einer römischen Veteranenkolonie, fiel später unter die Kontrolle der Vandalen, dann ans byzantinische Reich, erlebte die arabische Eroberung und wurde vermutlich verlassen, als das ehedem fruchtbare Klima sich zu trockener Hitze wandelte.

Unermüdlich blies und jagte [der Wind] durch die Ruinen, drehte sich in einer Kies- und Staubwolke im Kreise, hagelte auf die durcheinandergeworfenen Steinquader nieder […]. Ich flatterte wie ein Segel im Wind. Mein Magen zog sich zusammen; meine Augen brannten, meine Lippen sprangen auf, und meine Haut trocknete aus, bis ich sie kaum noch als meine empfand. […] Der Wind verwandelte mich in ein Zubehör meiner kahlen und verdorrten Umgebung; seine flüchtige Umarmung versteinte mich, bis ich, Stein unter Steinen, einsam wie eine Säule oder ein Ölbaum unter dem Sommerhimmel stand.

Schon der Weg nach Djemila ist nicht unbeschwerlich – er führt spürbar ins Abseits und scheint, solange er währt, kein Ende nehmen zu wollen. Hat man die Ruinenstadt mitten im himmelweiten Nirgendwo schließlich erreicht, findet man dort: nichts. Und zugleich findet man so das „klopfende Herz der Welt“ . Die Einsamkeit, die Unwirtlichkeit, auch die schiere Gestorbenheit dieses Ortes zehren an seinem Besucher, verschlingen ihn. Doch verschlingen sie ihn in Freundschaft.

Schließlich bin ich, in alle Winde verstreut, alles vergessend, sogar mich selbst, nur noch dieser wehende Wind und im Wind diese Säule und dieser Bogen, dieses glühende Pflaster und dieses bleiche Gebirge rings um die verlassene Stadt. Nie habe ich in einem solchen Maße beides zugleich, meine eigne Auflösung und mein Vorhandensein in der Welt, empfunden.

Angesichts eines solchen Anschauungsorts für Vanitas – Camus nennt die ausgeblichenen Ruinen einen „Knochenwald“ – driftet das Denken wohl zwingend in Richtung Leben, Sterben, Sinn. Doch erst im Zurückschauen. Solange man dort ist, geht es nicht um barocke Überlegungen zur Hinfälligkeit alles Irdischen; es geht nicht um letzte Fragen, auch nicht um reine Historienkunde und erst recht nicht um touristische Romantik.

Dort, zwischen ein paar Bäumen, liegt die gestorbene Stadt und verteidigt sich mit all ihren Bergen und all ihren Trümmern gegen billige Bewunderung, malerisches Missverstehen und törichte Träume.

Inmitten unbewegter Ruinen und wildbewegter, harscher Winde, unter dörrender Sonne lässt sich nichts suchen, fragen, denken, geschweige denn schreiben. Solange man dort ist, IST man, und zugleich ist man nicht. Solange man dort ist, geht es nur darum, selbst Gebein unter Gebeinen zu sein. Bevor sich der Abend senkt und man Djemila, dem Wind und seinem Zug schließlich nachgebend, verlässt.


In der Zeit um 1936/37, bevor er seine Arbeiten an Der Fremde aufnahm, schrieb Camus einige Essays von persönlicher, aber nicht rein privater Natur, die in Frankreich 1938 unter dem Titel Noces erschienen – darunter Der Wind in Djemila. Sie zeigen den algerischen (und Algerien vermissenden) Camus, und sie zeigen sich nicht nur als philosophische, sondern zugleich poetische, mitunter ins Schwärmische gehende Prosastücke, weswegen oft Bezug auf sie genommen wird als Camus‘ „lyrische Essays“. Zwischen 1939 und 1953 schrieb Camus weitere Essays dieser Art, die 1954 unter dem Titel L’été publiziert wurden. Hochzeit des Lichts versammelt diese Texte. (Aktuell als Hardcover-Ausgabe im Arche Verlag lieferbar. Antiquarisch sind unter dem Titel  Hochzeit des Lichts oder Hochzeit des Lichts/Heimkehr nach Tipasa ebenfalls hübsche Ausgaben zu finden.)

VERGISSMEINICH > Alltag, Nichtsnacht

Sie kennen Müdigkeit. Verschiedenste Arten von Müdigkeit. Sie kennen Schläfrigkeit, ermattete Schlappheit oder tief, sehr tief wurzelnde Kraftlosigkeit. Sie kennen auch genügsamere, zufriedenere Arten von Erschöpfungsmüdigkeit. Viele von Ihnen kennen Mischformen der Müdigkeit, wo sie sich mit Aggressivität oder auch dumpfer Orientierungslosigkeit verbindet. Einige unter Ihnen haben Erfahrung mit jener trost- und bodenlosen Müdigkeit, die einen reell glauben macht, ein verirrtes, halb verhungertes und schließlich in sibirischer Januarkälte erfrorenes Nutzvieh zu sein.
Aber kennen Sie auch E.I.N.S.C.H.L.A.F.E.N?
Es gibt das Einschlafen vorm Fernseher, das Einschlafen mit Buch, das Einschlafen in der Bahn, dem Auto oder Flugzeug, auch das nicht ungefährliche Einschlafen in der Badewanne; es gibt das sprichwörtliche Einschlafen im Stehen, das zügige Einschlafen nach harter Arbeit oder Sport, das anspruchslose, routinierte, somit nebensächlich gewordene Einschlafen, das Einschlafen unter Alkohol- oder sonstigem Einfluss, das Einschlafen unter Bauchweh und natürlich das unruhige, unbefriedigende (weil unbefriedende) Einschlafen unter Sorgen, Sorgen, Sorgen.
E.I.N.S.C.H.L.A.F.E.N. aber ist etwas anderes.
Lichtschimmer, Farben und Gerüche um Sie her sind milde und weich. Frische Bettwäsche. Ein Kerzchen auf der Kommode spendet zart flackerndes Sonnenuntergangsleuchten. Ihnen ist warm (die übliche Kriechkälte ist restlos aus Ihren Fasern verschwunden; sowohl das Gefühl als auch die bloße Idee von Kälte sind so vollständig verschwunden, dass sich bei Ihnen nicht der kleinste Gedanke daran regt, wie kalt und klamm sich Einschlafen für gewöhnlich anfühlt), zugleich liegt ein angenehm luftiger Hauch im Raum.
Sie mögen diesen Raum. Sie haben sich darauf gefreut, hier zu schlafen; Sie haben die Wandfarbe, das neue Bett, die neuen Bettbezüge, die Bilder, Zimmerpflanzen und sparsame Deko bedachtsam (und in der seltenen, wohligen Gewissheit, sich hierbei nicht zu verschulden oder es sonstwie zu übertreiben) ausgewählt.
Sie hatten einen leichten Tag. Sie haben gelacht. Sie wurden geküsst. Sie haben etwas Gutes gekocht und gut gegessen, ohne Hast, gemeinsam mit Menschen, die Sie lieben und in deren Nähe Sie sich gesund fühlen (der Nachhall ihrer Stimmen liegt Ihnen, leise, noch im Ohr).
Durchs geöffnete Fenster hören Sie das entfernte Rauschen der Stadt und, näher, das nicht zu ungestüme Ein- und Ausatmen des Windes; nirgendwo bellt ein einsamer Hund.
Sie selbst sind nichts weiter als das sachte Pochen, das Sie mit zwei Fingerspitzen unterhalb Ihrer Daumenwurzel ertasten. (Ihr Puls, der mitunter wie eine Horde durchpreschender, um sich keilender Stiere gegen diese zwei Fingerkuppen schlägt, dann wieder flach, unrund plitschernd, wie Sand unter ihnen wegrieselt, rollt und rollt nun in unbeirrtem Takt an ihnen vorbei, flink, aber nicht getrieben, fest, aber dabei geschmeidig. Ein kleines, samtpelziges, agiles Tierchen.)
Sie fühlen sich in dieser Wohnung so wohl wie lange nicht. Ihre Lieben genauso. Es sind nicht nur die schönen Fliesen, die lichte Aufteilung des Wohnbereichs und derlei Banales: Noch ist diese Wohnung bloß ein unbeschriebener Raum. Ein freundlicher, duftiger Kokon. Und Sie leben nun darin.
All Ihre Dinge und auch Sie selbst haben inzwischen hinreichend Ihre Ordnung gefunden; Alltag bahnt sich an. (Ein freundlicher, duftiger Alltag, will man glauben.) Ruhe.
Die Kerze: Der buttergelbe Hof des Flämmchens simmert brav vor sich hin. Irgendwann wird er sich zunächst verkleinern, dann verlöschen. Sie lassen es achtlos brennen, ohne Sorge: Das Kerzchen wird sich von selbst löschen, und nichts kann Feuer fangen, nichts wird schwelen. Aufbrennen, Ausgehen, ganz folgenlos.
Halbgeschlossenen Auges schauen Sie in den Raum und spüren halbbewusst, dass Sie, indem Sie sich selbst so ganz vergessen, einmal so ganz bei sich ankommen. Sie sind ein rundgeschliffener, von sommerlicher Sonne erwärmter Stein – ach was, Sie sind Pudding! Süß wunschloser, ichloser Pudding. Nichts-Ich.
(Das, was Sie eigentlich sind und was Sie immer waren – das, was Sie also wirklich ausmacht, das liegt nach dem Umzug noch immer in diesen ein, zwei Kartons, die Sie bislang nicht ausgeräumt haben. Auf dem Dachboden. Immer sind es diese ein, zwei unausgeräumten Kartons im Oberstübchen, die beinhalten, was einen Menschen grundlegend ausmacht. Sie haben das bloß vollkommen vergessen, heute.)
Und so
S.C.H.L.A.F.E.N.
Sie schließ
lich
E.
I.
N.