USA

KÖTER // Schlüppi

A Giant Dog ist so ein Bandname, bei dem man sofort begreift, wie’s gemeint ist, sobald man die ersten Songs hört. Die Texte handeln nicht unbedingt von Quantenphysik, fröhlich großmäulige Energie treibt das Ganze an, und wer an dieser Art von, was weiß ich, sagen wir Glam-Punk keinen Spaß hat, dem ist wahrscheinlich auch sonst nicht zu helfen.
Schade also, dass das allmählich mich selbst betrifft: Neuerdings tritt Frontbiest Sabrina Ellis eher kraftlos trällernd in Erscheinung, deutlich ausgezehrt, zwar mit vorzeigbarem Sixpack und Make Up, aber eben irgendwie ungesund. Mag sein, dass ich damit etwas dazu beisteuere, den kommerziellen Erfolg schlechtzureden, der die Band inzwischen verändert hat, aber das ist nicht meine Absicht – der ist schließlich verdient.
Tatsächlich steht enorme Arbeit dahinter, Alben über Alben, Tour- und Festivalauftritte am Fließband, und das für Sabrina Ellis nicht nur als singender, shoutender und leitender Kopf von A Giant Dog, sondern parallel und in gleicher Funktion beim noch etwas mehr am 70er Jahre Glam & Glitter orientierten Projekt Sweet Spirit. Da schleift sich die Substanz unweigerlich runter. Und gleichzeitig professionalisiert sich rundum alles, vom Merchandising über das Auftreten in Interviews bis hin zum Look der Frontfrau.
Gerade der hatte es bislang aber so schön in sich: Sabrina Ellis, ungeschminkt, unfrisiert, körperlich proper, die mitunter barfuß, mal in Hotelpagen-Uniform, Bademantel oder Glitzer-Trenchcoat über schlabberigem Top (gern BH-befreit) und im legendären rosa Schlüppi über die Bühne zappelt.
Und nun plötzlich flacher Bauch, Porzellanteint, Helene-Fischer-Outfits, und auch die Songs werden glatter: Ich will nicht oberflächlich sein, aber ich finde, dass hier etwas ins Oberflächliche verschwindet, dem ich richtiggehend traurig hinterherschaue, mit einem Taschentuch winkend.

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KÖTER // Dog Content

Wes Anderson beschäftigt mich seit Jahren, da ich einfach nicht durchschaut kriege, was mir an seinen Filmen immer wieder so seltsam gegen den Strich geht. Mit der Zeit hat sich in mir die Theorie verfestigt, dieses Unbehagen beruhe darauf, dass ich Andersons jeweilige Filmwelten einfach lieben müsste, da sie immer irgendeinen nostalgischen Kindheits- und Jugendnerv bei mir zum Klingen bringen (besonders die Cousteau-eske Welt der Tiefseetaucher hat es mir angetan – wie oft hatte ich früher vorm Fernseher die Expeditionsfahrten der Calypso verfolgt, und wie sehr hatte mir dieses Farbspektrum gefallen, vom Korallenriff-Bonbonbunt bis hin zum leuchtenden Wollmützen-Rot), während jedoch ein irgendwie versnobtes Flair, das den Filmen innewohnt, jedem bei mir aufkommenden Gefühl von Vertraulichkeit und Heimeligkeit direkt den Stecker zieht.

Diesmal aber bin ich nicht so sicher, ob es nicht womöglich doch einmal zündet. Das liegt gar nicht primär an der Story – in naher Zukunft werden nach dem Ausbruch einer furchtbaren Hunde-Grippe alle Hunde aus einer japanischen Mega-Stadt auf eine vorgelagerte Müll-Insel verfrachtet, wo sich ein Trupp aus fünf befreundeten Hunden gemeinsam durchschlägt und später einen Jungen begleitet, der sich auf die Insel geschlichen hat, um seinen geliebten Hund Spot aus der Verbannung zu retten. Schließlich leben Andersons Filme nie primär von irgendeiner Story, sondern natürlich von ihrer überintensiven Optik. Und genau die erwischt mich hier: Das farbliche Schema lautet diesmal offenbar Mattweiß-Rostrot-Rußschwarz, dazu kommt dieser ganze dystopische Pseudo-Japan-Schnickschnack, wunderbar.
Und auch die Filmmusik: tiefe Bläser, Flöten, Trommeln und Gedengel – passend ergänzt durch ein bisschen historische Filmmusik aus Kurosawas epischem Die sieben Samurai, und dazu, unverzichtbar, ein paar wiederentdeckte Perlen aus den 60ern.
Zuallererst ist Isle of Dogs (wie der 2009 gedrehte Der fantastische Mr. Fox) natürlich ein Stop-Motion-Film, und auch das stößt bei mir auf einen Haufen Zuneigung. Während es in gefühlt keinem einzigen Film mehr handgemachte Effekte zu sehen gibt und sich von der Kulisse bis zum Hauptdarsteller alles täuschend real computeranimieren lässt, fühlt es sich umso wohlig-wärmer an, einen in mühevollster Handarbeit entstandenen Film mit bewegten Puppen anzuschauen.
Ich weiß bloß noch nicht, wie ich meinem Sohn verklickern soll, dass ich mir einen Animationsfilm mit Hundepuppen im Kino ansehen will, den er aber wirklich nicht mit mir zusammen anschauen darf, weil er, beim besten Willen, wirklich, wirklich kein Kinderfilm ist.

>> Isle of Dogs – Ataris Reise läuft am 10.05. in den deutschen Kinos an

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Erzähl-Erinnerung

Brodkey

Mein Vater verfolgt mich. Mein Gott, ich fühle es die Wirbelsäule rauf und runter, wie er über den Rasen stapft, wie sich seine Hände nähern, seine riesigen Hände, das mächtige, pochende Anschwellen seines Atems, wenn er sich an mich heranmacht: er versucht, sich auszudehnen. […] Daddy ist so flink: wer hätte je von solcher Flinkheit gehört? Genau wie im Märchen… […] Ich werde in die Luft gehoben – und während ich benommen keuche und glotze, erscheint eine Landkarte, eine Karte der dunklen Erde, auf der ich eben noch lief: ich hänge schlaff, und trotzdem erhebe ich mich auf diesem gemästeten Balken, dem Arm meines Vaters, und ich sehe: da unten ist Gras, da ist der Weg, da ist ein Blumenbeet. Ich richte mich auf. Da sind die erleuchteten Fenster unseres Hauses, ziemlich weit weg. Das Gesicht meines Vaters ist nah und mit Geräusch erfüllt: undeutlich ragt es auf: sein verborgenes Gesicht: bist du das, alter Geldverdiener? Mein Hintern kerbt sich auf dem Trapez seines Arms. Mein Vater ist so groß wie ein Auto.

Aus Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben von Harold Brodkey.

Jemand, der vielleicht noch Junge oder auch längst Mann sein könnte, ruft sich seinen Vater, welcher vielleicht nur verschwunden oder auch längst verstorben sein könnte, ins Gedächtnis, indem er das Erinnern auf die körperlichen Größen- und Kräfteverhältnisse konzentriert, die zwischen Kleinkind und Vater bestanden. Auf rein physische Relationen also – aber natürlich ist dem Ganzen, sobald es sich dabei um die menschliche Physis handelt, automatisch ein ganzer Batzen Psychologie anhängig.

Es ist so eine Eigenart von Brodkeys Prosa, das Körperliche und seine Bewegungen, Positionsbestimmungen, sensorischen Erlebnisse als Prisma zu nutzen, worin sich das schwärende Unerzählte bricht, um doch zutage zu treten und vielfarbig sichtbar zu werden. Nicht anders verhält es sich in dieser Kurzgeschichte.

[…] ich brauche zwei Augen, um eins seiner Augen zu sehen – und dann sehe ich meistens in mein eigenes Auge: von hier aus ist er sogar noch unsichtbarer, dieser Umarmer: mein Kopf sinkt gegen seinen Hals.

Um das Kind zu trösten, das sich gerade eben traurig verkrümelt hat, hebt es der Vater über den Rand seiner kindlichen Begrenzung hinaus, hinauf auf die Schwelle zu Welt und Weitblick, Glück und Gold – aber Obacht, das hier ist ein Höhenflug im Angesicht eines Untergangs:

Da war ein Gesicht; es war so groß wie mein Brustkorb; da waren Augen, unmenschlich groß, feucht – was mochten sie bedeuten? Wie konnte ich in ihnen lesen? […] Er sagte: „Das gefällt dir doch“, und er stellte mich auf den Rand der Mauer, die den Park säumte, den Rand eines Steilufers, eine Mauer, zu hoch für mich, hinüberzusehen, eine Mauer, die ich nicht überklettern durfte: er stellte mich auf die stoppeligen Steinberge und auf den Mörtelbewurf auf der Mauer. Er schlang die Arme um meine Mitte: ich lehnte mich an ihn: und wagte einen Ausblick, hinaus, dem Salz der Gefahr entgegen, des Anblicks (hundertfünzig Fuß hoch befanden wir uns mindestens, aber mindestens! Hunderte Fuß hoch in der Luft); dünne, reißende Windgirlanden schlugen mir ins Gesicht, Abendwind, von der frischen Sonne des Sonnenuntergangs geädert, schon stark von Kälte angeweht. […] Am Fuß der Senkung waren Bäche, Eisenbahnschienen, Landstraßen, Autobahnen, Häuser, Silos, Brücken, Bäume, Felder […]: es war Panorama als persönliches Privileg. Die Sonne am Ende des weiten, vom Sonnenuntergang geschwollenen Himmels war von einem glühenden und dringlichen Orange, eingefaßt von sich ausdehnenden Knospen aus Rosa und stratosphärischem Gold. […] Ich begriff, daß er mir Vergessen plus Genuß anbot […]. „Vertrau mir doch – laß du dich nur weiter aufheitern – sieh dir den Sonnenuntergang an – ein toller Sonnenuntergang, findest du nicht? – alles wird gut – glaub mir – wirst schon sehen – nur die Ruhe…“

War er absichtlich ein Schwindler?

So eng sich Brodkey nämlich, was dieses Vater-Sohn-Verhältnis anbetrifft, auch an der somatischen Ebene orientiert und damit eine Rekonstruktion des unmittelbaren, kindlich-sinnlichen Zugangs zu den Dingen unternimmt, so sehr unterliegt all das gleichzeitig einem analytischen, Rückschau haltenden Blick.

Unsere Verbundenheit äußert sich in überfallartiger, zupackender und einschmeichelnder Zuwendung, darin, daß einer sich vom anderen unterhalten läßt, für den Augenblick.

Ich frage Sie, wie soll so etwas andauern?

Manchmal, wenn wir uns voneinander unterhalten fühlen, werden wir dreist, aber genauso oft, genauso oft sind wir befremdet, und wir wenden den Blick ab.

Das ist freilich Storytelling, das im Wesentlichen auf Story verzichtet; stattdessen irrt das Erzählen in einem dunklen Erinnerungsstollen herum, rennt einsam flirrenden Leuchtpunkten nach, plumpst durch Löcher von einer Tiefenschicht zur nächsten. Passagenweise funktionieren der erzählerische Ablauf und die darin geschilderten Wahrnehmungen nach Art eines Traums oder auch Märchens: Raum und Zeit sind ausgehebelte Dimensionen; der Junge sieht sich als Zwerg, oder schwebend, oder als von Fressfeinden bedrohtes Tier, das sich wieder in einen Jungen zurückverwandelt, indem der Vater es auf seine magischen Arme nimmt, es emporhebt. Mitunter kippt, vor lauter Gegenwärtigkeit des erinnerten Gefühls, das Tempus plötzlich ins Präsens – um ebenso abrupt wieder ins Präteritum zu fallen. Ähnlich willkürlich, wie starke Erinnerungsschübe aus dem Nichts heraus das ganze Gehirn, das ganze Dasein überspülen, bevor sie schlagartig wieder auf Normalnull absickern.

Damals, mitten in der Nacht, hob er mich […] auf, wickelte mich in eine Decke, drückte mich an sich, trug mich im Dunkeln die Treppe hinunter; wir gingen hinaus in die Nacht; es war dunkel und kühl,  aber es gab einen Mond – ich dachte, er würde mich zur Mauer bringen, aber er blieb auf unserem Hinterhof stehen. Es wurde ihm lästig, mich zu lieben; er war abgelenkt und vergaß mich: die Liebe, die eben noch so nachdrücklich und fest an mir herumgeklammert und -gedrückt hatte, entfernte sich, und ich war entlassen, in die kühle Nachtluft, die fließende Feuchtigkeit, die Stille, und um uns die verdunkelten Häuser. Ich sah den silbernen Mond, hörte den Atem meines Vaters, fühlte, wie kratzig die Wolldecke auf meinen Händen war, bemerkte ihren Geruch nach Wolle. Ich hatte diese Empfindungen allein, und ich wartete. Dann, als er nicht zurückkam, wurde ich schläfrig und legte meinen Kopf gegen seinen Hals: er war nirgends in meiner Nähe. Ich schlief, in seinen Armen, allein.

Dass Brodkey bis zum Anschlag auf Intensität abzielt, zahlt sich zumeist aus, sorgt gelegentlich aber auch für Bruchlandungen – da kommen dann Wortverbindungen wie Häkelfehler zustande, da verpufft die Energie eines bestimmten Gedankengangs in einer übermütig abgehobenen, aber nicht mehr tragfähigen Konstruktion. Etwa so:

Durch die gestreichelte Verwirrung meiner inneren Luft macht sich linderndes Zwielicht bemerkbar […].

Himmel… Soll das so? Mit ein bisschen Fantasie und viel gutem Willen könnte man annehmen, dergleichen solle illustrieren, welch harter Kampf um den treffenden Ton hier gegen das schwer zu bändigende Gestrüpp der Erinnerung geführt und mitunter eben auch verloren wird. Oder man könnte es natürlich auch einfach als verquastes Geschwafel bezeichnen. Sei’s drum. Sicher ist jedenfalls, dass Brodkey in dieser Kurzgeschichte keine Spur nostalgischer Leichtigkeit zulässt, sondern Erinnern als Schwerstarbeit, Erinnerung als Stressfaktor zeigt – und zwar nicht allein ihrer Inhalte wegen, sondern gleichermaßen deswegen, weil es nun einmal quälend ist, einer flatterigen Erinnerung, die einen bedrängt, einfach nicht habhaft werden zu können, sie einfach nicht am Schlafittchen gepackt zu kriegen, geschweige denn sie auf eine ästhetisch adäquate Weise in Literatur übersetzt zu bekommen.

Sehr ausdauernd, und anhaltend fiebrig, spielt Brodkey unterschiedliche Qualitäten von Erinnerung durch: Speziell die Gattung Kindheitserinnerung wird aufgespalten in die kindliche Erinnerung und die adulte Erinnerung an die Kindheit; allgemein wird Erinnern aufgedröselt in konkretes, diffuses oder abstraktes Erinnern, welches mal blühend intuitiv, mal streng deskriptiv erfolgt. Das Bemühen, dem vielfältigen Wesen der Erinnerung auf die Schliche zu kommen, wird von Brodkey umgesetzt in reiche, ungestüme, bisweilen heillos überbordende Prosa – einem hitzigen Impetus entspringend, der sinnliche Wucht erzeugen will und sich dabei weder um Sauberkeit schert, noch um niederschwellige Zugänglichkeit bemüht.

Das eigentlich Interessante an dieser Kurzgeschichte liegt für mich jedoch in etwas Anderem, was zunächst nicht so recht ins Auge stechen kann, da das Auge erst einmal zu sehr mit Brodkeys Sprachkunsteleien beschäftigt ist, die sich um den Vater drehen:

Sein Sohn in seinen Armen ist eine Familiengeschichte – neben Daddy sind da auch Momma und eine Schwester. Sie gehören zum Geschehen dazu, sorgen für Unterhaltung, Geschäker und Plänkeleien. Doch im Zentrum der Erinnerung des Jungen steht, in epischer Größe und neben sich keinen Platz lassend, Daddy. Gut, Beziehungen zwischen Vater und Sohn sind eben an sich etwas speziell, und so erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass der Junge dem Vater eine große Bühne gibt und ihn dort mittels aufwändiger Lichttechnik (Suchscheinwerfer, Lasershow, Stroboskop, UV-Lampen, etc.) von allen Seiten ausleuchtet – während Mutter und Schwester lediglich im indirekten Licht dieses Spektakels stehen. Als Randfiguren, denke ich. Aber etwas an diesem Lichtspektakel ist faul:

Also barg ich mein Gesicht vor der Sonne – so, daß es gegen den Hals meines Vaters gepreßt war -, und dann wußte ich, […] merkte es an der Hitze (seines Halses, seines Hemdkragens), wußte es aus kindischer Beweisableitung heraus, daß sein Gesicht vor der Helligkeit um uns völlig ungeschützt war: und ich sah hin; und es war so: sein Gesicht […] war in diesem Licht gefangen. In einer zufälligen Glorie.

Diese Glorie – das ist kein erleuchtetes Erkennen, sondern es ist Verklärung. Die bitter-romantische Faszination, die von den Verschwundenen ausgeht. An Daddy selbst ist kein Herankommen. Es gibt keinen anderen Daddy, als lediglich den gefühlten Daddy für den Jungen; keine handfeste Daddy-Substanz, nur ein Daddy-Fluid, das der Junge aus einem kleinen Ball aus zusammengeknüllten Erinnerungen, den er in seinen Fäustchen zerdrückt, hervorpresst.

Und die Frauen? Während der Junge von Vaters Schuhgröße über Vaters Bartstoppeln bis hin zum atmosphärischen Ton, den Vaters Gegenwart bewirkt, alles vehement erinnert und in seiner eigenen Gefühlssprache beschreibt, bleiben die Frauen schlicht vollkommen unbeschrieben, und der Erzählton, der für die beiden reserviert ist, ist konventionell.

Anfangs halte ich das für einen Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber der Mutter, der Schwester. Dann aber finde ich, dass gerade dieses Nicht-Spektakel, das der Junge um sie macht, ganz einfach dafür spricht, was für vertraute, präsente, gesicherte Figuren sie für ihn sein müssen.

Im Umkehrschluss erscheint mir der dem Vater gewidmete, kräftezehrende Erinnerungsaufwand, den der Junge so ausschweifend betreibt, dass es ans Fanatische grenzt, als Zeichen dafür, dass der Vater all dies nicht ist: vertraut, präsent, gesichert. Gerade dieses heftige, geistige Suchen nach Daddy weist ihn aus als einen Familienunangehörigen – als ein Phantom.


Harold Brodkey wurde 1930 in Illinois geboren und starb 1996 in New York, wo er sich in den 50er Jahren niedergelassen hatte und dort bald zu den exzentrischen Lieblingen der Kultur-Szene zählte. Er sorgte als Autor vielbeachteter Kurzgeschichten und Essays für Aufsehen und wurde berühmt für einen Roman, an dem er dreißig Jahre lang schrieb, der von der literarischen Welt dreißig Jahre lang herbeigesehnt wurde und über den sich Feuilletonisten dreißig Jahre lang in vorauseilender Kritik die Finger wundschrieben, bis sich das, was da am Ende tatsächlich erschien, als blasser, aufs Rudimentäre zusammengekürzter Schatten des epochalen Werks entpuppte, als das er angekündigt gewesen war. In den 80ern noch als amerikanischer Marcel Proust gefeiert, spielt Brodkey heute kaum noch eine populäre Rolle. Damals wurde mitunter entnervt beanstandet, seine Prosa, die stark autobiografisch orientiert ist, sei scheußlich Ich-süchtig – heutzutage lesen wir alle fleißig unseren Knausgård.


>>Die Kurzgeschichte Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben ist hier zu finden: Harold Brodkey, Unschuld – Nahezu klassische Stories (Rowohlt), €11,99

 

PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

Dorf1a - Kopie (2)

[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels einer reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe; es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt kräftig auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren, schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit – da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum unfeinen Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht: Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihn nun endgültig in die Finger kriegt und ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner in den Boden zu stampfen oder am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem kraftstrotzenden Dockarbeiter von einst nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John bei seinen Bemühungen zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte in Bewegung, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate, mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt raketenartig von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker. Und als sei der hiesige Mob nicht schon explosiv genug, halten nun zusätzlich Fan-Scharen aus Pottville in der Stadt Einzug wie eine Horde von apokalyptischen Reitern.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist vielleicht das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

DIE BESESSENEN // Rollin‘ just to keep on rollin’*

Mark Lanegan darf das. Und zwar: diesen jauligen Song, der sich durchaus in der Romantik der Selbstzerstörung suhlt, und den zuvor schon Johnny Cash sang, schön elegisch nachbrummeln. Und er darf das deshalb, weil man ihm schlechterdings nicht vorwerfen kann, sich fahrlässig an der Verklärung ruinöser Verhaltensauswüchse zu beteiligen, ohne dabei deren unappetitliche Konsequenzen je selbst kennengelernt zu haben – davon nämlich ist unbedingt auszugehen. Weil er dem smarten Val Kilmer von damals ja längst nicht so ähnlich sieht wie hier, sondern sich eben, höchstmutmaßlich, tatsächlich damit auskennt, wie das so ist: Wenn man von einem biestigen Etwas besessen ist, das einem ab und an die Psyche umkrempelt, so dass man ständig irgendeinen Mist auszubaden hat, den man sich doch gar nicht vorsätzlich hatte einbrocken wollen, bis man, nach und nach, gleichgültig wird, das Bedauern und Wiedergeradebiegen der Dinge schließlich einstellt und fortan das Biest einfach machen lässt.

So ein Biest kann man sich natürlich einfangen, indem man, wie Lanegan das vorgemacht hat, ab und an zu tief ins Glas guckt. Da übersieht man vielleicht eine kleine, unscheinbare Veranlagung oder eine akute, aber eigentlich nicht zwingende Gefährdungslage, denkt sich nichts dabei, und unversehens entfaltet sich schon ein prächtiges Problem zu vollster, grausamster Blüte. Dieser Vorgang verläuft so simpel und doch so komplex – entsprechend gestaltet sich auch die Bewältigung des Rückwegs so scheinbar einfach und doch zum Haareraufen schwierig: Komm, du musst halt einfach aufhören zu saufen, irgendwie. Zurück zu Lanegan: Man kann natürlich versuchen, sich vom Alkohohl zu verabschieden, indem man sich wiederum noch humorloseren Drogen zuwendet. Was erwiesenermaßen eine ganz schlechte Idee ist – die bestenfalls noch in einen *Methamphetamine Blues mündet anstatt direkt in irgendeine Crack-Hölle.

Selbstredend sollte man das lieber alles von Anfang an bleiben lassen, Kinder, und zwar kategorisch.

Das gilt im Übrigen für jedwede Form von Besessenheit. Ganz gleich, ob man sich, sagen wir, in einer allzu heftigen Leidenschaft aufreibt, oder etwa einem pathologischen Karrierewahn unterliegt, oder, meinetwegen, ein krankhaftes, gleichwohl gesundheitsorientiertes Selbstoptimierungsprogramm betreibt, oder aber sich bis zur Besinnungslosigkeit einer ideellen Verblendung hingibt oder einer auf Angst basierenden Raserei und so fort: Der zwingenden Dynamik hat man bitteschön zu widerstehen, unbedingt muss man die Finger davon lassen, solange man noch kann! Denn auch die schönste Besessenheit befördert am Ende freilich gar nichts als immer nur sich selbst – und ihren Träger, der sie an der Leine zu haben glaubt, samt Leine in den Abgrund. Aber das weiß man ja. Nur: Wo bleibt sie denn, die Vernunft, wenn man sie am dringendsten braucht? Macht sie Urlaub? Hat man ihr womöglich irgendwann gekündigt und kann sich bloß nicht mehr so recht daran erinnern?

Andererseits, wie lasch wäre das Leben denn so ganz ohne Raserei und Wahn, ohne manche reizvolle und lehrreiche Grenzberührung mit dem Fatalen, die mitunter den Treibstoff liefern für Enthusiasmus, Empathie, Erfolg?

Fragt sich bloß, wie man so genau wissen soll, ob man einfach anständig brennt oder nicht vielleicht doch längst explodiert?


 

SPRACHMUSIK // „I speak that acient tounge / There lies a language in the noise and the hum“*

So mit vierzehn, fünfzehn ließ ich, wie sich das damals gehörte, unter anderem natürlich Rage Against the Machine, House of Pain, Wu-Tang Clan, Tool, Nine Inch Nails, The Prodigy und Tricky aus meinem Kinderzimmer dröhnen, bis der Rest der Familie das Jaulen kriegte. Höre ich gedanklich zurück, vermischen sich diese jeweiligen Klangrichtungen zu einer einzigen Industrial-Rap-Elektro-TripHop-Wall of Sound. Derartig konditioniert, komme ich nicht umhin, Dälek, die genau so klingen, eben großartig zu finden – obwohl inzwischen deutlich über vierzehn, und nach wie vor im Grunde ahnungslos im Sektor Hip Hop. Während der Nullerjahre hat das mal Trio, mal Duo aus New Jersey fünf Alben rausgehauen, darunter ein Gemeinschaftsalbum mit den Hamburger Krautrockern Faust -wie auch immer diese Verbindung zustande gekommen sein mag -, außerdem eine Handvoll weiterer Kollaborationen nebenher betrieben, etwa mit den Elektrokrachkombos Techno Animal und Kid606; dazu tourten sie nebenher als Support für die Melvins und die Post-Metaller ISIS. Vom hypnotischen, zehnminütigen Kopfnicker-Stück bis zum Noise-Ragnarök gibt das Dälek-Spektrum eigentlich alles her. Nach längerer Pause war 2016 mit Asphalt for Eden (Profound Lore Rec.) auch endlich wieder ein neues Album drin. (*From Mole Hills)

Young Fathers könnten nun, obwohl sich ihr 2015er Album White Men Are Black Men Too (Big Dada Rec.) noch längst nicht ausgelutscht anhört, eigentlich auch mal was nachlegen. Das Schotten-Trio entzieht sich mit seiner Vielseitigkeit so gewollt wie gekonnt einer entschiedenen Einordnung in die Hip Hop-Sparte, hat dort jedoch seine Wurzeln und kommt gern auf sie zurück. Im Ganzen aber ist das mehr als bloß Soul hier, Hip Hop zwischendurch und Indiepop da, sondern eine quecksilbrige Legierung diverser urbaner Stile, aus denen ihr archaischter gemeinsamer Nenner hervorgegraben wird: Trommeln, Beschwörungsformeln, Trance.

KOPFGEBÄUDE // Tom’s House

Wer baut, vertraut. Oder: Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Ja ja. Man will eben einer guten Zukunft einen Ankerplatz in dieser Gegenwart einrichten. Wohin einen diese Zukunft aber führen wird, kann man nie wirklich sagen; das gilt selbst dann, wenn man, anders als ich, sie schon fest an einem Ort verankert zu haben glaubt. Ein geistiges Haus, so einen mentalen Stützpunkt, so was braucht man natürlich auch – und kann man nötigenfalls einfach mitnehmen. Planung und Pflege muss man dem allerdings ebenso angedeihen lassen; vielleicht, indem man drüber schreibt, meinetwegen auch singt. Ach, wie banal das klingt, aber: Ach, wie schön es doch ist, sich in einem Song zuhause zu fühlen:

SELBSTBEGEGNUNGEN // Sylvia Plath, In Plaster

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In Plaster

Ein Ich, und sein Gegenbild in Gips:

 

I shall never get out of this!  There are two of me now:

Zwiegespalten ist schon ein Spalt zu viel.

This new absolutely white person and the old yellow one,

And the white person is certainly the superior one.

She doesn’t need food, she is one of the real saints.

At the beginning I hated her, she had no personality —

She lay in bed with me like a dead body

And I was scared, because she was shaped just the way I was

 

Only much whiter and unbreakable and with no complaints.

Die Eine: schadhafte Persönlichkeit. Die Andere: makelloses, heiligweißes Gespenst.

I couldn’t sleep for a week, she was so cold.

I blamed her for everything, but she didn’t answer.

Sich in sich selbst zu streiten führt zu nichts…

I couldn’t understand her stupid behavior!

When I hit her she held still, like a true pacifist.

Then I realized what she wanted was for me to love her:

She began to warm up, and I saw her advantages.

 

Without me, she wouldn’t exist, so of course she was grateful.

I gave her a soul, I bloomed out of her as a rose

…oder vielleicht doch: zu sich als Ganzem? Nein, so billig ist das Ganze nicht zu haben.

Blooms out of a vase of not very valuable porcelain,

And it was I who attracted everybody’s attention,

Not her whiteness and beauty, as I had at first supposed.

I patronized her a little, and she lapped it up —

You could tell almost at once she had a slave mentality.

Sklavin und Herrin – voneinander, das darf man nicht aus dem Blick verlieren, wechselseitig abhängig. Was, wenn sich die Vorzeichen umkehren?

 

I didn’t mind her waiting on me, and she adored it.

In the morning she woke me early, reflecting the sun

From her amazingly white torso, and I couldn’t help but notice

Her tidiness and her calmness and her patience:

She humored my weakness like the best of nurses,

Holding my bones in place so they would mend properly.

Knochen bedeuten Struktur – von geduldigem Gips schützend umhüllt und fixiert.

In time our relationship grew more intense.

 

She stopped fitting me so closely and seemed offish.

I felt her criticizing me in spite of herself,

As if my habits offended her in some way.

She let in the drafts and became more and more absent-minded.

And my skin itched and flaked away in soft pieces

Haut dagegen bedeutet Gefühl – unter gipserner Starrheit abgestorben.

Simply because she looked after me so badly.

Then I saw what the trouble was:  she thought she was immortal.

 

She wanted to leave me, she thought she was superior,

And I’d been keeping her in the dark, and she was resentful —

Wasting her days waiting on a half-corpse!

And secretly she began to hope I’d die.

Then she could cover my mouth and eyes, cover me entirely,

Bösartig, diese Vorstellung von gegenseitiger Annäherung: der Einen die Anpassung an sich, die Andere, aufzuzwingen…

And wear my painted face the way a mummy-case

Wears the face of a pharaoh, though it’s made of mud and water.

…um sich dann mit der Einen schmücken zu können.

 

I wasn’t in any position to get rid of her.

She’d supported me for so long I was quite limp —

I had forgotten how to walk or sit,

So I was careful not to upset her in any way

Or brag ahead of time how I’d avenge myself.

Living with her was like living with my own coffin:

Yet I still depended on her, though I did it regretfully.

Wer ist nun die Sklavin?

 

I used to think we might make a go of it together —

After all, it was a kind of marriage, being so close.

Now I see it must be one or the other of us.

Scheidung! Nur, wie die Andere von der Einen amputieren? Wie geht Schluss machen?

She may be a saint, and I may be ugly and hairy,

But she’ll soon find out that that doesn’t matter a bit.

I’m collecting my strength; one day I shall manage without her,

And she’ll perish with emptiness then, and begin to miss me.

Aber lässt sich ein Zwiespalt rückgängig machen? Oder geht der Schluss nicht eher so: Die Eine sammelt ihre Stärke, um zu gehen, und die Andere vergeht vor lauter Leere – und beide zusammengenommen begehen diesen einen Selbstmord?


>>Gedicht aus: Sylvia Plath, Poems (Faber And Faber Ltd.)

SELBSTBEGEGNUNGEN // Maya Deren, Meshes of the Afternoon

Dieses Stückchen Film ist über 70 Jahre alt. Seit der Zeit seines Entstehens hat es, in der Filmkunst und darüber hinaus, wirkungsvoll Gebrauchsspuren produziert, selbst aber keinen Kratzer abbekommen. Unmittelbar rieche ich staubig warme Sommerluft, ich möchte das Tischtuch anfassen, das Bakelit-Telefon und den Polstersessel, schleiche selbst traumergeben durchs Haus und lasse das gestuft ansteigende Unbehagen heranbülgen und anbranden. Eine psychologische Kunstballade in Bildern (wer allerdings das Bild eines Selbstmordes scheut, beende das Schauen bitte vor Minute Unglückszahl 13).

Mit ihrem Erstlingswerk Meshes of the Afternoon lieferte Maya Deren (geb. als Eleanora Solomonovna Derenkovskaya, Kiew, 1917; gest. 1961, New York City) gleich einen der wichtigsten amerikanischen Avantgardefilme. Er entstand 1943 als gemeinsames Projekt mit ihrem zweiten Ehemann, dem Regisseur Alexander Hammid. Ihr dritter Ehemann, Teiji Ito, fügte später, in den 50ern, dem Stummfilm Musik hinzu.

Itos Spiel intensiviert die Stimmung des Films in einer Weise, dass es mir förmlich unter der Hirnschale kriebelt. Ich schalte Ito stumm, unterlege stattdessen das Ganze mit Midori Takada – wer mag, kann das ja selbst einmal ausprobieren.

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Flackertanz

Üblicherweise verheißen Kerzen, sobald sie in Songtexten angezündelt werden, brennenden Kitsch oder wächserne Pathetik. Don van Vliet aber vernichtete das eine wie das andere durch krude Fröhlichkeit. Und tut das – man könnte das als Tele-Booglarisierung bezeichnen – immer noch, inzwischen eben von irgendwo hinter der Venus aus, wo er dieses Jahr auch seinen 75.Geburtstag feierte. Die Topografie der Van Vliet´schen Innenwelt bleibt wundersam: verwunschenes Gelände, beschienen von fremden Himmelskörpern und durchzogen von Schattenschluchten, bevölkert von Fabelgetier. Dieses flackertanzende Hirn, wilde Ton- und Farbschleuder – vielleicht war die Erde auch gar nicht sein angestammter Lebensraum.