Thema Zukunft

HÖHENUNTERSCHIEDE // Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin

Schickes Buchcover, nicht wahr? Ziemlich clean. Bisschen kühl, das Silber. Deswegen wohl auch das Neon-Orange, das schafft da einen gewissen Ausgleich.

Google weiß, dass mir eine solche Ästhetik liegt. Sobald ich irgendwo online war, pop-upte dieses Cover andauernd in mein Sichtfeld hinein.

Dabei gehe ich Romanen, die – wie Die Hochhausspringerin – zahllose Verweise auf Orwell einheimsen, für gewöhnlich aus dem Weg. Wozu noch der ganze Future-Überwachungsdiktatur-Quatsch, wenn nicht bloß noch der Ästhetik wegen, bloß noch zur Unterhaltung? Ich habe mein Interesse an Dystopien solcher Art verloren. Ich weiß nicht, was sie noch für uns bedeuten sollten, wovor sie uns noch warnen könnten, wo wir doch längst selbst in einer fernen Zukunft angekommen sind, die als „Gegenwart“ zu benennen mir manchmal noch schwerfällt. Ich meine, es ist 2019 und ich begreife noch immer nicht, dass Menschen einen sprechenden Plastikklotz kaufen, um sich mit ihm zu unterhalten und sich nebenbei aushorchen zu lassen.

Ich habe Die Hochhausspringerin schließlich doch gekauft. War’s das Neon-Orange?

Übrigens hätte ich sie besser einfach so kaufen sollen, Die Hochhausspringerin, ohne vorher irgendwelche Artikel darüber zu lesen. So wäre ich nicht im Vorhinein auf den Trichter gekommen, ich hätte keine Lust, „solche“ Romane zu lesen. Es ist nämlich gar kein „solcher“ Roman. Und ich fand ihn sehr gut, so im Nachhinein.

Wenn Die Hochhausspringerin ein Zukunftsroman sein soll, dann einer, der sich überhaupt nicht um die Zukunft schert. Er spielt in einer Zukunft, ja, aber in dieser Zukunft findet man nichts als Gegenwart. Die Hochhausspringerin ist eine Parabel auf die Gegenwart, all ihre Themen sind gegenwärtig, es bedarf lediglich des Kniffs mit der zeitlichen Versetzung in die Zukunft, um das Gegenwärtige so zugespitzt, verschärft darstellen zu können, dass das Groteske daran umso schöner hervortritt.

Julia von Lucadou verschwendet Gott sei Dank nicht mehr Zeit als nötig, um ihre Zukunftswelt auszumalen. Hochstraßen, die sich um Himmelhochhäuser winden, glitzernde Fassaden, oben teuer, unten kein Licht mehr – fertig. Sie vertraut da schlicht auf den Autopiloten unserer Imagination und der ruft, ganz richtig, sofort von selbst alle urvertrauten Bilder zur Megametropole ab. Mehr braucht es auch nicht, denn die Geschichte konzentriert sich ganz und gar auf Personen statt Panorama.

Riva Karnovsky ist professionelle Hochhausspringerin. Ihren Sport könnte man als eine Fortentwicklung des Turmspringens bezeichnen: Man springt von Dächern, vollführt bestimmte Bewegungsfiguren; ein FlySuit verhindert den Aufprall. Die Wettbewerbe sind hart, das Privatleben wird kontrolliert vom Fan- und Medienrummel und Verpflichtungen gegenüber den Sponsoren; ihr Lebenspartner spielt hier und überhaupt nur eine Nebenrolle.
Hitomi Yoshida ist Wirtschaftspsychologin. Sie arbeitet für eine Agentur, die von den Sponsoren Riva Karnovskys den Auftrag erhält, die Hochhausspringerin wieder zurück auf Kurs zu bringen, nachdem die sich aus heiterem Himmel zu einem Ausstieg aus dem Geschäft entschieden hat. Die Hochhausspringerin lässt sich gewissermaßen fallen, ist physisch und psychisch plötzlich ganz unten. Ein Skandal.
Riva ist schließlich die Beste; sie darf auf keinen Fall mit dem Springen aufhören. Hitomi ist ihrerseits die Beste ihres Fachs; sie muss ihren Auftrag, Riva wieder zum Springen zu bringen, auf jeden Fall erfüllen.
Während Riva nichts von Hitomi weiß – sie ahnt nicht einmal, dass es sie gibt -, weiß Hitomi über Riva technisch gesehen alles. Sie verfolgt Rivas Vitalkurven und ihren Kommunikationsaustausch in Echtzeit, beobachtet sie in ihrer Privatwohnung via Kamera, als wäre Riva ein Versuchstier im Käfig. Und doch kennt sie Riva nicht.
Beide haben es in der Stadt zu etwas gebracht, beide wohnen in teuren Appartements im Zentrum, in den höheren Hochhaus-Etagen, dort, wo die Sonne zum Fenster hereinscheint. (Kaum verfügbarer Wohnraum, teure Bestlagen – klingelt da bei Ihnen was?) Sollte Riva bei ihrer Arbeitsverweigerung bleiben, können sowohl Riva als auch Hitomi schrittweise die Privilegien verlieren, die sie sich erarbeitet haben. Ihre Wohnlage zum Beispiel.

Für jede körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Leistung bekommt man Credits, die auf einem Konto gutgeschrieben werden – für jedes körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Fehlverhalten werden Credits vom Konto abgezogen. Die Höhe des privaten Creditkontos bestimmt, auf welchem Höhenlevel man lebt.
Damit ist längst nicht nur gemeint, dass man bei eklatant gesunkenem Creditkontostand in weit niedriger gelegene Wohnungen umgesetzt wird. Wer sich ein bisschen zuviel zuschulden kommen lässt, landet schnell in den Peripherien: Hitze, Staub, jenseits der Stadtmauer – noch mehr Stichworte benötigt unser Autopilot auch hier nicht.

Dass mit Hitomi ausdrücklich eine Wirtschaftspsychologin auf die Zielperson Riva angesetzt wird, um deren Privatleben zu beeinflussen, verwundert keineswegs. Die Frage der Zeit lautet schließlich: Wie wirtschaftlich ist das Private? (Welcher Zeit, frage ich Sie?)
Wie alle Menschen, die sich in der Stadt behaupten können, ist Riva in erster Linie Investitionsobjekt, nicht Persönlichkeit. Die Stadtbevölkerung hat mehrheitlich irgendeine der diversen Akademien absolviert – eine kostspielige Angelegenheit, geknüpft an den Druck, später durch hohe Leistungen und Creditgewinne zu rechtfertigen, dass man den Akademiebesuch auch wert war. Riva ist es ihren Sponsoren, die eine bestimmte Rendite erwarten, schuldig, sowohl ihre Fitness als auch ihre Medien-Performance auf Höchstniveau zu halten. Hitomi fühlt sich derweil vor allem gegenüber ihrem beruflichen Förderer, ihrem Vorgesetzten namens Master, verpflichtet, effiziente Arbeit zu leisten.

So wie Riva von Hitomi beobachtet und ausgewertet wird, beobachtet und bewertet wiederum das Credit-System jeden einzelnen der Stadtmenschen – im Stillen, umfassend, und doch ohne dabei wirklich etwas von Menschen zu verstehen. Ein Beeper schlägt Alarm, wenn man sein obligatorisches Trainigsprogramm für Körper und Geist vernachlässigt, nicht ausreichend schläft oder der Pulsschlag ein zu hohes Anspannungsniveau verrät.
Von außen her wird an die einzelne Person schon genug Perfektionsdruck herangetragen. Zugleich ist dieser Optimierungszwang jedem Menschen in Fleisch und Blut übergegangen; vollkommen selbstverständlich absolviert man seine Mindfulness-Übungen, optimiert seine Performance und kümmert sich an erster Stelle um die Höhen und Tiefen seines Creditstands.

Bei Effizienz und Selbstoptimierung angekommen, befinden wir uns freilich im Kern der Gegenwart. Alle Bereiche, die im Roman herangezogen werden, um das bewertungsorientierte Denken des Systems wie auch des Einzelnen zu illustrieren, funktionieren schon heute nach sehr ähnlichem Muster.
Natürlich denkt man unweigerlich an China und sein monströs anmutendes Sozialkreditsystem, das 2020 seine Testphase abschließen und in Vollbetrieb gehen wird.
Doch allzu weit in die Ferne braucht man gar nicht zu schauen. Man denke an die Bonuspunkte-Programme von Krankenkassen. Die Schufa. Google Rankings. Bewertungsmechanismen und Algorithmen, die den Verkaufserfolg eines Produktes und genauso den Verkupplungserfolg zwischen Singles beeinflussen. Fitnesstracker, die über Facebook posten, wann, wie lange und wie viele Kilometer man heute gejoggt ist. Apps, mithilfe derer man sich von oben bis unten auswerten, sich alles antrainieren oder abgewöhnen kann.

Die Überzeichnung dieser Entwicklungslinien unternimmt von Lucadou ganz ohne futuristischen Schnickschnack, ohne Gedöns. Sie stellt schlicht die Figuren einander gegenüber und zeichnet mit klinischem Blick die Wechselwirkungen zwischen ihnen auf. Hitomi im Büro, auf ihrem Bildschirm Riva. Riva auf dem Sofa, neben ihr der ratlose, panische Aston, ihr Partner. Hitomi im Performance-Gespräch mit Master. Die Schwankungen von Hitomis Pulshöhe – abhängig von Rivas Verhaltensauffälligkeiten. Hitomis Kontrollverlust, der nach und nach auf all ihre Lebensaspekte übergreift, je länger sich Riva – allen manipulierenden Maßnahmen Hitomis zum Trotz – in ihrer unerklärlichen Verweigerungshaltung ergeht. Rivas Sehnsucht nach einem Unten, einem Boden, notfalls den Peripherien. Masters unerträglich zur Schau gestellte Arbeitsbereitschaft, Leistungsfähigkeit, Erfolgsmentalität.

Über allem schwebt hier, neben dem allumfassenden Optimierungsgedanken, sehr greifbar die Unfähigkeit der Einzelperson, echten menschlichen Kontakt zu knüpfen. (Falls Sie bis hierhin gelesen haben – tun Sie das auf Ihrem Smartphone? In der Bahn vielleicht? In der letzten halben Stunde mal aufgeschaut und Menschen in Ihrer näheren Umgebung registriert?)
Sobald Menschen interagieren, performen sie bloß noch, denn jeder Kontakt wird auf die eine oder andere Weise bewertet. (Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor?)
Biologische Eltern zu haben, bedeutet bereits eine Dimension des Zwischenmenschlichen, die alle Seiten emotional überfordert, weshalb der Kontakt zwischen Kindern und Bioeltern zumeist nach wenigen Jahren eingestellt wird. Natürlich gibt es Apps, die eventuelle emotionale Lücken schließen sollen. Es gibt Agenturen, bei denen man „Familienangehörige“ mieten kann. Hitomi führt häufig Gespräche mit einem Bot, der ihre Biomutter kopiert. (Kommen Ihnen dabei auch z.B. diese professionellen Kuschel-Dienstleister in den Sinn?)

In seinen besten Szenen lässt der Roman kein bisschen an Blade Runner denken, sondern zeigt unsägliche menschliche Trostlosigkeit. Während Hitomi, die Erzählerin, ihre Arbeit am Projekt Riva, ihre Gespräche mit Master, ihrem Mutterbot oder ihren Datingpartnern, ihren sonstigen Alltag, auch ihre Familiengeschichte beschreibt, denke ich: So muss sich der Teppich in Strombergs Büro fühlen.
Den Gipfel der hyperoptimierten Trostlosigkeit aber verpackt von Lucadou in einen schimmernden Sportanzug und nennt ihn Hochhausspringen. Wer springt von Hochhausdächern? Mannschaftssport verstehe ich als den zivilen Stellvertreter des Kriegsgefechts. Das Hochhausspringen ist der öffentliche Stellvertreter des privaten Selbstmords – mit zigtausenden von Zuschauern.


>>Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin (Hanser Berlin) €19,-


 

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KÖTER // Dog Content

Wes Anderson beschäftigt mich seit Jahren, da ich einfach nicht durchschaut kriege, was mir an seinen Filmen immer wieder so seltsam gegen den Strich geht. Mit der Zeit hat sich in mir die Theorie verfestigt, dieses Unbehagen beruhe darauf, dass ich Andersons jeweilige Filmwelten einfach lieben müsste, da sie immer irgendeinen nostalgischen Kindheits- und Jugendnerv bei mir zum Klingen bringen (besonders die Cousteau-eske Welt der Tiefseetaucher hat es mir angetan – wie oft hatte ich früher vorm Fernseher die Expeditionsfahrten der Calypso verfolgt, und wie sehr hatte mir dieses Farbspektrum gefallen, vom Korallenriff-Bonbonbunt bis hin zum leuchtenden Wollmützen-Rot), während jedoch ein irgendwie versnobtes Flair, das den Filmen innewohnt, jedem bei mir aufkommenden Gefühl von Vertraulichkeit und Heimeligkeit direkt den Stecker zieht.

Diesmal aber bin ich nicht so sicher, ob es nicht womöglich doch einmal zündet. Das liegt gar nicht primär an der Story – in naher Zukunft werden nach dem Ausbruch einer furchtbaren Hunde-Grippe alle Hunde aus einer japanischen Mega-Stadt auf eine vorgelagerte Müll-Insel verfrachtet, wo sich ein Trupp aus fünf befreundeten Hunden gemeinsam durchschlägt und später einen Jungen begleitet, der sich auf die Insel geschlichen hat, um seinen geliebten Hund Spot aus der Verbannung zu retten. Schließlich leben Andersons Filme nie primär von irgendeiner Story, sondern natürlich von ihrer überintensiven Optik. Und genau die erwischt mich hier: Das farbliche Schema lautet diesmal offenbar Mattweiß-Rostrot-Rußschwarz, dazu kommt dieser ganze dystopische Pseudo-Japan-Schnickschnack, wunderbar.
Und auch die Filmmusik: tiefe Bläser, Flöten, Trommeln und Gedengel – passend ergänzt durch ein bisschen historische Filmmusik aus Kurosawas epischem Die sieben Samurai, und dazu, unverzichtbar, ein paar wiederentdeckte Perlen aus den 60ern.
Zuallererst ist Isle of Dogs (wie der 2009 gedrehte Der fantastische Mr. Fox) natürlich ein Stop-Motion-Film, und auch das stößt bei mir auf einen Haufen Zuneigung. Während es in gefühlt keinem einzigen Film mehr handgemachte Effekte zu sehen gibt und sich von der Kulisse bis zum Hauptdarsteller alles täuschend real computeranimieren lässt, fühlt es sich umso wohlig-wärmer an, einen in mühevollster Handarbeit entstandenen Film mit bewegten Puppen anzuschauen.
Ich weiß bloß noch nicht, wie ich meinem Sohn verklickern soll, dass ich mir einen Animationsfilm mit Hundepuppen im Kino ansehen will, den er aber wirklich nicht mit mir zusammen anschauen darf, weil er, beim besten Willen, wirklich, wirklich kein Kinderfilm ist.

>> Isle of Dogs – Ataris Reise läuft am 10.05. in den deutschen Kinos an

GLOBAL THINKING // Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Üblicherweise liest man einen Roman, indem man auf der ersten Seite startet und sich dann, schön der Reihenfolge nach, bis zur letzten durcharbeitet. Nimmt man jedoch Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen in die Hand, den neuen Roman von Emma Braslavsky, darf man getrost einen kleinen Umweg einlegen und ganz hinten beginnen, bei den Danksagungen der Autorin, S. 459ff. Dort finden sich die Kürzel Dr., Prof. Dr. oder gleich Univ.-Prof. Dr. Dr. med. in Verbindung mit Fachbereichen und Spezialthemen wie Klimadiagnostik, Meteorologische Extremereignisse, Analyse des Vertebratengenoms, Molecular Embryology, Stammzellenforschung, International Law, Kabbala, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie; dazu ein Captain und Yacht-Gutachter, außerdem zwei Experten für DDR-Bunkerkomplexe. Eingestreute Ortsangaben: Berlin, Buenos Aires, Sarajevo, Comer See. Für sich genommen sagt all das natürlich rein nichts aus, höchstens, dass die Schreibarbeiten der Autorin, die rund acht Jahre in Anspruch genommen haben, eben von allerlei Gesprächen und Ortseindrücken begleitet worden sind. Wenn man aber im Anschluss an den Abschluss nun den Roman – wie es sich eigentlich gehört – von der ersten Seite an zu lesen beginnt, dürfte man bereits ausreichend präpariert sein, um nicht den Fehler der Rezensentin zu teilen, im vorangestellten Personenregister ungerührt über einige Punkte hinweg zu lesen: Mister Sands und Mister Katō, Abgesandte eines milliardenschweren Konsortiums für den Kauf des Bunkers 17-5001 / Marie und Josef, geklonte Golden Retriever / Newman, der neue Mensch im Embryonalstadium. Je deutlicher man nämlich von Anfang an diesen Mischgeruch wittert, den Projekte zur Optimierung des Menschen und Katastrophenszenarien in Kombination miteinander ausströmen, umso leichter liest man sich ein.

Ansonsten wähnt man zunächst, es mit einer einfachen Satire auf die Schicht der Wohlstands-Alternativler zu tun zu haben. Die Eingangsszene liefert bissige Zeitgeist-Schelte; Emma Braslavsky reiht hier eifrig die zwingenden Bestandteile des aktuellen ökologisch, politisch und gender-korrekten Lifestyles aneinander, entblößt gleichzeitig den Egoismus, Chauvisnismus und Karrierismus ihrer Hauptfiguren Jivan und Jo und zeigt die grüne Gesellschaftswelt als kontrollsüchtiges und selbstverliebtes System, das nur diejenigen belohnt, die sich ihm heuchlerisch anbiedern:

Jivan, Anfang vierzig, Bunkerarchitekt und aus verflucht reichem Hause, ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jo, Ende dreißig, selbstberufene Bessere-Welt-Aktivistin und als Jivans Ehefrau finanziell ziemlich sorgenbefreit. Es ist ein Business-Essen, mit dabei sind Verantwortliche der Organisation Animal Rights.

[Jivan] tauscht mit einem Seufzer seine uralten, bequemen Lieblingstreter aus geschmeidigem Boxcalf gegen tierleidfreies Schuhwerk aus wasserfester Mikrofaser. […] Das Blackbird’s Song ist momentan der letzte Schrei in der Stadt in Sachen veganer Küche, die Leute stehen so hartnäckig Schlange, als würde ihnen dort Absolution erteilt. Links und rechts versucht ein schnurgerades Spalier aus blühenden Hyazinthen zwischen blauen Neonlichtern eine streng überwachte Multikulti-Naturschutzpflanzenwelt daran zu hindern, sich auch den Rest des Areals einzuverleiben. Die Ledersneakers verstaut Jivan im Beutel. Bei der Gelegenheit überprüft er Hemd und Hose. […] Sein dunkelblaues Leinenhemd geht noch als tierlieb durch. Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hunderttausende weibliche Cochenilleschildläuse ihre Leben gelassen.

Beinahe hätte Jivan seine Lieblingsledertasche zum Treffen mitgeschleppt, gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, sie zu verstecken. Nur, dass er für vegane Nasen empfindlich nach Döner riecht, weil er vor dem Restaurantbesuch noch einen Sattmacher gebraucht hat, das hat Jivan nicht bedacht. Macht nichts, durch eine schnelle Lüge renkt Jivan die ausgekugelte Stimmung wieder ein. Und mit einer rührseligen Anekdote um ein eingeschüchtertes Krokodil und schließlich mit der Idee, aufblasbare Einhornhörner zu verkaufen, die es ihren menschlichen Trägern ermöglichen, ihre mythologisch verankerte Verbindung zur Tierwelt sichtbar und selbst für Tiere verständlich zum Ausdruck zu bringen, können der hallodrige Jivan und die aparte Jo die Tierrechtler vollends für sich einnehmen. Natürlich möchte Jo Animal Rights im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen und dergleichen tatsächlich gern unterstützen – in erster Linie jedoch will sie unbedingt den Posten als PR-Managerin dieser enorm kapitalstarken Organisation besetzen. Was Jivan wiederum unbedingt will, ist eine zufriedene, besser noch: eine euphorisch gestimmte Frau. Vögel und so interessieren ihn nicht, Vögeln dagegen ungemein. Später beschließt das Kollektiv den geglückten Abend, indem es einverständig ein paar Karaffen Bio-Wein leert.

Da diese Szene glatt als gegenwärtig durchgeht und noch nicht ins Unvertraute vorgreift, funktioniert sie gut als eine Art barrierefreier Einstieg in die Story. Noch macht sich nicht deutlich bemerkbar, dass der Roman zeitlich angesiedelt ist in einer Zukunft, die unserer zeitgenössischen Welt um einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus ist – man erinnere sich bitte der geklonten Golden Retriever.

Der Abstand zum Jetzt ist so gering, dass Yoko Ono noch einen Gastauftritt hinlegen kann, doch gelten in dieser nahen Zukunft bereits vollkommen neue technisch-wisschenschaftliche Standards. Womöglich ist diese Zukunft aber doch entfernter als gedacht, und inzwischen haben sich Revolutionen in der Medizin ereignet, die Yoko Ono ein nahezu unsterbliches Leben ermöglichen? Man weiß es nicht. Eine wichtige Rolle spielen die Experimente der Wissenschaftler Natalie und Jakob, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das menschliche Genom von all seinen Makeln zu befreien, sprich: entscheidend in unsere Evolution einzugreifen und nichts geringeres als den neuen, verbesserten Menschen zu erschaffen. Es ist ein Projekt von solch großer Sprengkraft, dass der Nachname des Forscherehepaars, Oppenheim, wohl nicht von ungefähr an Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, denken lässt. Mittlerweile ist es möglich, Stammzellen beliebig zu züchten. Alles, was das Pärchen dafür benötigt, ist ein bisschen menschliches Zellmaterial, und so sammeln die beiden Haare (man beachte die Umschlagillustration des Romans) und erstellen auf dieser Basis einen manipulierten Gen-Pool für die Zukunft der Menschheit. Offenbar hat sich die Handhabung molekulargenetischer Eingriffe alldieweil wesentlich vereinfacht; Adam und Eva 2.0 können praktischerweise im Heim-Labor des hübschen Stadthäuschens der Oppenheims in Buenos Aires gezeugt werden.

Gesellschaftlich scheint sich indes kaum etwas weiterentwickelt zu haben. Frauen treten innerhalb des Machtsektors hauptsächlich dekorativ in Erscheinung, Führungsrollen übernehmen sie, wenn’s hochkommt, im spirituellen Bereich, und das Thema Mutterschaft gerät im Roman gleich für drei Frauen zur Bewährungsprobe. Nach wie vor lauten die entscheidenden Dominanzfaktoren Testosteron und Geld. Das bekommt auch Roana zu spüren, eine weitere Hauptfigur, die auf einem von Papa verordneten Survival-Trip unterwegs ist. Die gerade Neunzehnjährige soll am Fuße eines einsamen Vulkans zu Vernunft und Eigenständigkeit finden, um danach, so hofft Papa, geläutert zurückzukehren und endlich einzuwilligen, sein höchst erfolgreiches Bauunternehmen später einmal weiterzuführen. Roana schlägt sich jedoch lieber bis nach Buenos Aires durch, wo sie an diverse Weltverbesserercliquen gerät. Mal wird sie von einem verlogenen Ideologen missbraucht, mal darf sie bei einem ambitionierten Projekt nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen ist. Ziemlich ramponiert, aber umso entschlossener sucht sie weiter nach der ganz großen Portion Lebenssinn, um ihren Hunger nach eigener Bedeutung zu stillen. Dann sind da noch Jule und No, ein Aussteigerpärchen, das in einer paradiesischen Bucht Adam und Eva spielt. Nackt, mittellos, frei – um ein völlig neues Leben zu beginnen, haben die beiden alles zurück gelassen, was man eben zivilisiert nennt. Nur einander nicht. Nicht lange, und es verfestigt sich eine Rollenverteilung: sie das Lustobjekt, er der Ernährer. Zwei, die auszogen, um die Zukunft zu suchen, und in der Steinzeit ankamen. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist es in der Zukunft also trostlos bestellt. Die Gleichberechtigung der Tiere dagegen ist das dauertrendende Thema. Auch in der Zukunft können Tiere nun einmal keine eigene Stimme erheben, um sich zu verteidigen – aber eben auch keine Stimme, um denjenigen Menschen, die ihre ureigenen, eitelkeitsgesteuerten Lebensvorstellungen ungefiltert auf die Tierwelt projizieren, zu widersprechen. Eine gerechtere Welt für alle zu schaffen, davon reden die AktivistInnen und Organisationen im Roman unentwegt. Wer aber diese Alle sind, um die es vorgeblich geht, scheint man weder bei Better Planet, noch bei Life from Zero und Konsorten so genau zu wissen. Die wirklich Benachteiligten dieser Erde spielen nach wie vor einfach keine Rolle. Derweil sind die Privilegierten dieser Erde schwer damit beschäftigt, ihren persönlichen Oberflächenglanz zu optimieren, und es scheint, dass sie vor allem deswegen so gern über die Tiere und den besseren Menschen sprechen, um dem echten Menschen und dessen echten Problemen guten Gewissens aus dem Weg gehen zu können. Keineswegs mangelt es jenen ZukunftvisionärInnen am notwendigen Ehrgeiz; an Aufrichtigkeit und Selbsthinterfragung dagegen sehr. Unter den idealistischen Projekten, die Roana durchläuft, als seien es Hindernis-Parcours, findet sich beispielsweise ein Camp, in dem gut situierte Familien einen Sommer lang Kommunismus spielen dürfen. Die Verniedlichung und Kommerzialisierung des Kommunismus als Ferienvergnügen: noch anschaulicher hätte Emma Braslavsky das Absurde am Wohlfühl-Aktivistentum nun wirklich nicht verpacken können. Am Ende aber muss doch jene Welt, in der Individuen jeglicher Art das Recht auf freie Entfaltung so vehement zugesprochen wird, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit so präsente, intensiv diskutierte Themen sind, unserer zeitgenössischen wenigstens irgendwas voraus haben?

Dann aber geht ein Ruck durch die Welt. Genauer: ein Internet-Hype. Mitten im Atlantik wird eine Insel von der Größe Balis entdeckt, die bislang kartographisch nicht erfasst war, eine staatliche Zugehörigkeit liegt nicht vor. Da die Insel von niemandem betreten, sondern nur aus der Ferne fotografiert wurde, steht ihre Eroberung noch aus. Unbekanntes Neuland, 5000 Quadratkilometer Projektionsfläche für utopische Ideen! Seit dem Goldrausch hat es keine derartige globale Euphorie mehr gegeben. Die Insel im Auge des medialen Sturms reißt wirklich alle in ihren Bann, Aussteiger, Forscher, Politiker, Philosophen, Luxusreisende, Umwelt-Aktivisten, und wird so auch zum Brennpunkt, in dem sich die Schicksale von Jo, Jivan, Jule, No, Natalie, Jakob, Roana und Newman schließlich überschneiden.

Völlig zu Recht hat der Verlag diesem Roman einen Bucheinband in pinkigem Beerenton verpasst und dazu noch einen Umschlag, der nur auf den ersten Blick harmlos grau aussieht – hält man ihn ins Licht, glitzert er wie Feenstaub. So viel Übertreibung muss sein, denn auch das Erzählen gibt sich nicht zufrieden, bevor es nicht auf allen Ebenen optimal too much ist. Sprachlich tobt die Autorin ihren merklichen Spaß an Aufgedrehtheit und Flapsigkeit besonders in den von Roana erzählten Abschnitten aus, ohne jedoch ins Unkontrollierte zu kippen. Strukturell lässt sie natürlich mehrere Ereignisebenen parallel laufen. Mit den Figuren springt ihre geistige Schöpferin raubeinig bis boshaft um: Da sie sich hier intensiv mit Genetik befasst, wendet Emma Braslavsky das Prinzip des Survival of the Fittest eben auch konsequent auf ihre Protagonisten an. Thematisch gibt es nichts, das als zu groß oder als unnötiger Ballast betrachtet würde, um nicht doch noch irgendwo zwischen die Zeilen hineingequetscht zu werden. So findet die Installationskunst des Autorinnen-Gatten Noam Braslavsky ihren Kurzauftritt im Roman, Jorge Luis Borges ebenfalls, und selbst die Titanic lässt die Autorin quasi ein zweites Mal untergehen.

Am Ende hat man überraschend viel gelacht während des Lesens. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man müsse sich möglichst bald einmal etwas tiefgehender mit Bunkerkunde befassen.


>>Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp) €24,-


Diesen Beitrag kann man auch auf satt.org lesen. Wer’s insbesondere mit Film und Buch am Herzen hat, sollte dort ohnehin häufiger mal vorbeischauen.


Herzlichen Dank an Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!