Thema Zeitgeist

HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (1)

Ich muss Édouard Louis gar nicht lesen. Wozu? Ich brauche mir nicht von einem Schriftsteller erklären, schildern, begreiflich machen zu lassen, was ich aus eigenem Erleben kenne oder aus engeren Kreise erfahren kann.
Hab ich’s nötig, dass überhaupt irgendwer mir behilflich sein will, etwas zu verstehen, MICH zu verstehen? Hilfe jeglicher Art ist eh bloß Einmischung. Überflüssig. Verdächtig, scheinheilig.
Und sowieso: Was sollen denn immer diese Privatschauen, diese literarische Wühlerei in den eigenen Kinderwindeln – seinen eigenen Quatsch behält man gefälligst für sich!

Dahinter steht, ganz klar, eine dieser Maximen, die schon immer Gültigkeit besaßen für die EINFACHEN LEUTE: dieses ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Wer unter einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Himmel, in einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Haus aufgewachsen ist, entwickelt seltener den Gedanken, wie wichtig für sich selbst – vielleicht sogar übergeordnet wichtig – es sein könnte, von den Dingen zu berichten, mit denen man allein klarzukommen hat. Sie erklären, schildern, begreiflich machen zu wollen.

Natürlich habe ich Édouard Louis rauf und runter gelesen und bin, wenn ich auch nicht immer auf seiner Linie liege, heilfroh, dass es ihn gibt. So geht es mir wirklich – ich sehe einen frisch erschienenen Louis irgendwo ausliegen, nehme ihn mit und denke: Ich bin froh, dass du da bist, Édouard.

Diese Art von Solidarität ist freilich abhängig vom Kontostand. Das nicht einmal 80seitige Wer hat meinen Vater umgebracht gibt es hierzulande gebunden für schlappe 16€; in Frankreich kostet das Original natürlich auch Geld.
Louis schreibt von den EINFACHEN LEUTEN bzw. der UNTERSCHICHT, und er schreibt durchaus für sie, also: in ihrem Sinne. Als Produkt richtet sich das Ganze aber gezielt an Haushalte, wo Stimmen der EINFACHEN LEUTE, der UNTERSCHICHT eher selten und vielleicht auch nur mittels eines teuren, hübschen, viel besprochenen Bändchens Prosa Eingang finden.

Es ist eine Streitschrift über herrschende Ungerechtigkeit innerhalb der französischen Gesellschaft, die, Louis zufolge, lange gewachsen und politisch legitimiert ist. Über die Arroganz der Politik gegenüber der Mittel- und Unterschicht. Über die pauschale Verächtlichmachung bestimmter Milieus durch die Eliten. Und nicht zuletzt über die Menschen jener Milieus, die unter dem Eindruck permanenter Herabwürdigungen vonseiten der Politik, Wirtschaft, Medien ihre Fähigkeit verloren haben, für sich selbst in der ersten Person zu sprechen.

Eigentlich geht es in dieser Schrift über den Vater, den man bereits aus >Das Ende von Eddy kennt, um zutiefst Privates. Wie immer, bei Louis. Aber wie immer, und nicht nur bei Louis, geht es zugleich um die klassische Frage: Wie politisch ist das Private?

Édouard Louis antwortet, indem er die Verzahnung von Politik und Privatem am Beispiel seines Vater schildert, und zwar nachdrücklich: „Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.“ Seit einem Arbeitsunfall lebt Louis‘ Vater im wahrsten Sinne mit gebrochenem Rückgrat. Nun als kraft- und nutzlos dazustehen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR also nicht mehr erfüllen zu können, empfindet er als Schande. Die ohnehin prekäre Lage der Familie rutscht mit dem Unfall ins Elende ab. Gesundheitlich erholt sich der Vater nie, im Gegenteil arbeitet er seinen Körper, um nicht seinen schmalen Unterstützungsanspruch zu verlieren, in immer wechselnden, ungesunden Jobs zugrunde – so verlangen es die Ämter. Und die folgen den Vorgaben der Politik. „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat,“ schreibt sein Sohn über ihn. Gemeint seien die Menschen, die Macron „Faulpelze“ nenne.

(Louis könnte hinzufügen, der Zustand der Vater-Sohn-Beziehung, die er beschreibe, sei eine Anklage des gesellschaftlichen Zustands. Man wird so sehr fremdbestimmt, dass man sich unweigerlich selbst fremd wird – wie soll man da Anderen nahekommen?)

Das alles haben Sie sicher schon zigmal über den neuen Louis gelesen und gehört, so oder so ähnlich.
Im Feuilleton spielen alle wieder mit. Die einen tätscheln ihren Liebling, die anderen freuen sich über neuerliche Gelegenheit, ihn als überschätzt zu deklarieren. Man zeigt sich entweder ergriffen und empfindet den Ton als berührend, als feinfühlig, poetisch. Man ist bewegt. Oder man rümpft die Nase. Man fragt, ob Louis hier nicht etwas zu übermütig den Boden der Literatur verlassen habe, ob er zu nah am Populismus operiere – Iris Radisch druckst wenigstens nicht so herum, sondern betitelt Wer hat meinen Vater umgebracht in ihrer Rezension vom 24.01. (DIE ZEIT 05/2019) direkt als „vulgärsoziologisches Pamphlet“ .

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, Wer hat meinen Vater umgebracht sei keine Literatur mehr. Aber dann hat Louis nie welche geschrieben. Was Louis schreibt, vom Debüt an, sind stets autobiografische Schilderungen des Privaten, das sich zugleich politisch verstanden wissen will. War das je Literatur? Es war immer Politik der ersten Person.

Generell wirken sich politische Entscheidungen auf das gesellschaftliche Klima aus, und dieses Klima bestimmt, was darin gedeiht und was nicht. Für die EINFACHEN LEUTE und insbesondere für die UNTERSCHICHT gilt indessen, so Louis, dass sich politische Entscheidungen viel direkter, konkreter auf das Leben der Einzelnen auswirken.
Louis erzählt von dem Herbst, als der Zuschuss für Schulbedarf der Kinder um hundert Euro erhöht wurde – es wurde gejubelt, man fuhr gemeinsam ans Meer. „Der ganze Tag war das reinste Fest für uns.“ Ein anderer Herbst, 2017: „Emmanuel Macron nimmt den ärmsten Franzosen fünf Euro pro Monat weg […]. Seine Regierung erläutert, fünf Euro seien doch unerheblich. Sie haben keine Ahnung […]. Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“
Ob man Politik so unmittelbar zu spüren bekommt oder nicht, das definiert für Louis den Unterschied zwischen Oben und Unten: „Die Herrschenden mögen sich über eine Linksregierung beklagen, sie mögen sich über eine Rechtsregierung beklagen, aber keine Regierung bereitet ihnen jemals Verdauungsprobleme, keine Regierung ruiniert ihnen jemals den Rücken, keine Regierung treibt sie jemals dazu, ans Meer zu fahren. […] Sie bestimmen die Politik, obgleich die Politik kaum Auswirkungen auf ihr Leben hat.“

„Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können, die zum Stillschweigen verdammt sind“, sagt Louis. Was heißt „zum Stillschweigen verdammt“? Es heißt zum Einen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht überwinden zu können, um wirklich von sich selbst zu sprechen. Es heißt zum Anderen, dass ein Gegenüber fehlt, das sich angesprochen fühlen und zuhören würde.

Und nun? Das Feuilleton liest Louis, ist gerührt, legt ihn wieder weg. Das Feuilleton liest Louis, ist degoutiert, legt ihn wieder weg. In keinem Fall fragt das Feuilleton: Was will Louis – von uns?

Das Feuilleton deutet Louis‘ Schreiben erstaunlich einseitig aus – regelmäßig. Mit seinem Debüt räche er sich an seiner Familie für seine unglückliche Kindheit; in seinem Debüt zeige er seinen Hass auf den Vater und fände nun jedoch, in Wer hat meinen Vater umgebracht, zu einer Versöhnung mit ihm; mit Wer hat meinen Vater umgebracht schlage sich Louis, wohlgemerkt ein Bildungsemporkömmling aus dem Prekariat, medienwirksam (Gelbwestenalarm!) auf die Seite des Pöbels.
Was Louis‘ Prosa für mich ausmacht, ist dagegen gerade die Ambiguität der privaten Betrachtungen. Als Kind liebt UND hasst Louis seinen Vater (innerhalb der Familie beruht das jeweils auf Gegenseitigkeit); er wünscht, er könne mehr Zeit mit seinem Vater verbringen, UND er wünscht, der Alte würde einfach verschwinden; inzwischen, als Erwachsener, kommt er seinem Vater nah UND bleibt ihm dabei doch fremd. Louis schreibt über die Verhältnisse seiner Herkunft, ohne sie zu schonen, aber doch in aller Vielschichtigkeit.
Das Feuilleton sieht diese Vielschichtigkeit nicht oder lässt sie nicht gelten, sondern es setzt einseitige Sichtweisen einfach voraus. Es denkt: Ein unglückliches Leben ist automatisch eines, in dem man nie auch glücklich war. Wer einen Vater hat, der nichts taugt, muss automatisch froh sein, nicht mehr mit ihm reden zu müssen, anstatt traurig, weil er gern mehr mit ihm geredet hätte. Wer den Bildungsaufstieg geschafft hat, ist automatisch erleichtert, nicht mehr zu den Deppen zu gehören, genießt sein neues Leben und schreibt bloß noch aus Rache über früher.
Das Feuilleton denkt hier in Pauschalurteilen.

Von einer Anklage spricht Louis nie im Zusammenhang mit seiner Familie. Die einzigen Anklagen, die Louis wörtlich ausspricht, richten sich konkret an einzelne, namentlich genannte Politiker, und pauschal an die Eliten.

Natürlich darf man Wer hat meinen Vater umgebracht ein Pamphlet nennen, denn es ist ja eins – es formuliert scharf und polemisch. Zwiespalte darzulegen, relative Sichtweisen auszuarbeiten, das sind bloß schöne Hobbys, solange sie nicht bewirken, dass andernorts endlich ein Erkennen, ein Verstehen, eine Reaktion stattfinden. Und es ist genau diese Trägheit andernorts, die Louis diesmal so angriffslustig werden lässt: „Auch das habe ich bereits erzählt – aber ich muss mich doch wiederholen, wenn ich von deinem Leben erzähle, denn von einem solchen Leben will niemand hören! Man muss sich doch wiederholen, bis sie uns zuhören! Um sie zum Zuhören zu zwingen! Wir müssten doch eigentlich schreien!“
Da ist er, der Zorn.

Das Feuilleton fragt nie: Was will Louis von uns? Es fühlt sich selbst – als Organ der Bildungseliten, denen Louis eine vereinfachende und herablassende Sichtweise auf die EINFACHEN LEUTE vorwirft – nicht von Louis angesprochen.
Es fragt sich gar nicht erst, ob es in dessen Wutschrift wohl mitgemeint sein könnte.

Louis stellt dieser Wutschrift eine Art Regieanweisung voran: Wäre dies ein Theaterstück, müsse es mit einer Szene beginnen, die Vater und Sohn nebeneinander aufgestellt zeige, „in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum“ . Der Sohn versuche zu seinem Vater zu sprechen, dieser könne ihn aber nicht hören; der Vater selbst spreche wiederum kein Wort.
In seinem Herkunftsroman Das Ende von Eddy beschreibt Édouard Louis, wie die von Mangel geprägten Familienverhältnisse und der trostlos-ruppige Charakter seiner Heimatgegend alles erdrückten, was nicht selbst betonhart war. Wie er mit seiner eigenen Homosexualität haderte, weil er ihretwegen aus der Norm fiel, die hier für die Leute, für ihn galt. Wie sein Vater ebenso mit ihm haderte – nicht allein deswegen, weil sein Sohn sich als schwul entpuppte, sondern zudem als begabt, interessiert, sportlich schwach, gut in der Schule.
Louis erklärt, dass er ohne sein Schwulsein, das ihn von der Norm entfernte, diese Norm gar nicht erst bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt hätte. Und dass es sein Schwulsein und seine Flucht in die Bildung waren, die ihn von seinen Verwandten, besonders seinem Vater entfernten, da diese stets eins mit der Norm waren: Sie hatten die Norm nie bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt. Aber den Sohn, Bruder, Cousin stellte man in Frage – und fühlte sich zugleich durch ihn arrogant in Frage gestellt.

Vom Prekariat in die Bildungsschicht aufgestiegen, behält Louis seinen Fokus bei: der einzelne Mensch vs. die Verhältnisse. Nur die Blickrichtung ist hier eine umgekehrte: Während er in Das Ende von Eddy aus eigener Perspektive erzählt, wie die Unterschicht ihm das Leben schwer machte und die Elite ihn aufnahm, berichtet er in Wer hat meinen Vater umgebracht stellvertretend für seinen Vater, wie die Unterschicht diesen prägte und die Oberschicht dessen Leben sabotierte.

Nehmen wir einmal an, Louis und sein Vater, die nebeneinander im Raum stehen und keinen Zugang zueinander finden, funktionieren, über das private Bild hinaus, auch als Gesellschaftsbild. Nehmen wir einmal an, wir sehen hier zugleich eine akademisch geprägte Schicht und eine prekäre Schicht, die sich nicht miteinander verständigen können, und der Raum, den sie teilen ist, sagen wir, Frankreich.

Nur Frankreich?


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HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (2)

Sie merken, das wird ein ausufernder Text, aber ich habe heute keine Lust, oberflächlich zu bleiben.

Meine Eltern haben nie gesagt: „Spiel nicht mit den Unternehmerkindern!“
Ich weiß nicht, wann und wodurch genau mir bewusst wurde, dass es soziale Trennlinien gibt, die entlang von Einkommensgrenzen verlaufen. Vielleicht waren’s die Schulhofprügel, die ich für meinen mangelnden Style kassierte. Vielleicht war es die Beobachtung, dass am Gymnasium niemand außer mir die Putzfrau grüßte – nicht einmal diejenigen Mitschüler, die mit mir und dem Sohn der Putzfrau in der Grundschule Klassenkameraden gewesen waren. Vielleicht war es auch der Gedanke irgendwann, dass die SPD bloß noch Politik für Betriebsräte mache.

Eine Zeitlang habe ich in einem Kleindiscounter gearbeitet – Kassieren, Ware abpacken, Bürokram. Ein Polo-Shirt-Job. Einem ständig hohem Krankenstand und einer versaubeutelten Personalführung sei Dank, arbeitete ich dort viel zu viel und über weite Strecken mit nur einer weiteren Mitarbeiterin. Kollegin A.: kein Schulabschluss, alleinerziehend mit zwei Kindern, lebenslang wohnhaft im Nachbarort, ohne PKW, Mundwinkelqualmerin. Wir schimpften den Laden kurz und klein, lachten viel, waren uns immer einig – ich arbeitete gern mit A.
Nachdem ich irgendwann gekündigt hatte, las A. nach Kassenabschluss oft aus den nach und nach eingehenden Bewerbungsschreiben vor. „Nä, was ist das denn? Gerade Abitur gemacht. Will hier arbeiten, bis er an die Uni kommt… Hör mal, ich hab keinen Bock auf so’n scheiß Gymmi-Spasti hier!“ Ich pruste gespielt empört: „Hallo! Ich hab auch Abitur, ja?“ – nichts, was A. nicht wüsste. A. tätschelt mütterlich mein Knie: „Halt die Fresse, du zählst nicht.“ „Türlich! Ich war sogar mal an der Uni, Hase!“ A. gackert und winkt ab: „Ja ja, ksssscht!“

„Du zählst nicht“ – an der Uni hatte ich das auch oft gedacht. Meine Geschwister waren entweder weniger hemdsärmelig als ich, oder sie waren einfach weniger dünnhäutig.

Spielplatz. Wir unterhalten uns mit einer fremden Mutter, wie man das auf Spielplätzen so macht, und sind einander ganz sympathisch. Ihr Mann sei Opernsänger, erzählt die Andere irgendwann, sie selbst arbeite am Institut für XY. Über unsere eigenen Berufe erzählen wir derweil nichts; stattdessen kommt unser Gespräch bald wie von selbst auf die AfD, weil die, zu jener Zeit relativ frisch gegründet, gerade zum Thema auf allen Kanälen geworden ist. „Es ist unfassbar“, empört sich die Andere, „dass sich solche ungebildeten Prolls auf einmal zu einer Partei zusammenrotten und ihren Blödsinn so öffentlich verbreiten können! Es ist widerlich! Ich meine, die stehen wirklich für alles, wogegen unsere [ihre Hand fuchtelt einen Kreis, der mich und meinen Mann einschließt] Eltern ’68 auf die Straße gingen!“
„Unsere Eltern“. Woher diese automatische Einordnung?
Was liegt ihr zugrunde? Die blinde Annahme, jenseits des Bildungsbürgertums existiere kein intelligentes Leben?

Meine Eltern stammen aus traditionell kleinbäuerlichen Familien. ’68 waren meine Eltern 20 Jahre alt, arbeiteten seit fünf Jahren (mein Vater als Elektriker, meine Mutter als Bürofräulein), hatten vor einem Jahr geheiratet und das erste Kind bekommen; außerdem bauten sie in Eigenleistung ihr eigenes Wohngeschoss aufs Elternhaus drauf, fernab der Großstadt. Meine Eltern verstanden sich als EINFACHE LEUTE.

Was für Bezeichnungen und Attribute würde man ihnen im heutigen Diskurs wohl zuweisen?

Zurück zum Spielplatz. Ein Kind klatscht hin und heult. Eine Mutter, deren Garderobe, Spielzeugsortiment und Wortwahl ziemlich schlicht anmuten, ruft ihm zu: „Heul nicht – steh auf!“ Der Klassiker.
Unter EINFACHEN LEUTEN selten kritisch hinterfragt, denn: Mit genau dieser Parole hält man sich selbst einigermaßen senkrecht, so im Alltag. Wozu sollte man sein Kind, dem später wohl kaum ein rosigerer Alltag blühen wird, erst an was anderes gewöhnen? Schöne Verarsche wäre das!
HEUL NICHT – STEH AUF leitet sich direkt ab von ICH KOMME ALLEIN KLAR, da besteht eine erstgradige Verwandtschaft. Zur selben Familie gehören auch WAS EINEN NICHT UMBRINGT HÄRTET AB, SELBST IST DER MANN (bzw. DIE FRAU), SO IST DAS und EIN INDIANER KENNT KEINEN SCHMERZ.

Wem genau nützt diese Familie von Leitsätzen? Wer profitiert eigentlich von der psychologischen Arbeit, die diese Sätze leisten?

Mein Vater hat sich sein Leben lang nie beklagt. Auch während seiner Krebsbehandlung hat sich mein Vater nie beklagt; er hat alles getragen WIE EIN MANN. Kein Jammerwort, niemals. ICH KOMME ALLEIN KLAR. HEUL NICHT – STEH AUF.
Ich weiß nicht, ob das gesund für ihn war. Das ist keine rhetorische Anmerkung – ich weiß das wirklich nicht.

Harte, folgsame, duldsame Männer brauchte man seit jeher, um sie in Kriegen verschleudern zu können. Ein überzüchtetes Männlichkeitsideal ist, so seh ich das, eine bange Anpassung ans soldatische Ideal, das bis ins Zivile hinein ausstrahlt. Unverändert.

Wenn mein Vater als Kind hinklatschte und heulte, bekam er eine Klatsche extra, „damit du wenigstens weißt, warum du heulst“ (noch so ein Klassiker).
Kurz nach dem Führerschein fuhr ich meine erste Delle ins Familienauto, stellte die lädierte Karre auf den Hof und heulte Rotz und Wasser. Ich schämte mich, bodenlos. Jedes Auto blieb mindestens ein Hundeleben lang in der Familie; mein Vater hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Ein Auto war ein Familienmitglied, verdammt. Abgesehen davon kostete ein neuer Kotflügel natürlich Geld. Mein Vater besah sich den Schlamassel. „Ist doch nur Blech, Mädchen!“, tröstete er. „Musst nicht heulen, Mensch.“ Aber ich kriegte mich noch nicht wieder ein, ich war scheißwütend auf mich. Mein Vater versetzte mir also einen ironischen Spaßklaps auf den Hintern: „So, damit du wenigstens weiß, warum du heulst!“ Er lachte, ich lachte; Ende der Geschichte.

Mein Vater kam aus tristen Verhältnissen und bekam seine Klatschen routinemäßig. Mir wurde zu Hause nie irgendwas um die Ohren gehauen; Dresche gab’s bei uns kategorisch nicht.
Heute bemerke ich oftmals an mir, dass ich mich im Umgang mit meinem Kind unbewusster Muster bediene. Handgriffe, die meine Eltern, Großeltern, Urgroßmutter so oft an mir taten, dass sie in meine eigene Motorik übergegangen sind. Reaktionsmuster, die aus erlebter Kindheit abgerufen werden. Natürlich ist man viel mehr als die bloße Blaupause seiner Eltern, und doch ist es viel schwerer als ich früher, ohne Kind gedacht hätte, sich bestimmter Muster bewusst zu werden und sich, nötigenfalls, ihrer zu entledigen.
Sich, wie mein Vater zum Beispiel, seinen Kindern gegenüber entschieden anders, besser zu verhalten, als man es von seinen eigenen Eltern kannte, ist eine echte Entwicklungsleistung.
Für solche Leistungen gibt es im gesellschaftlichen Schrank für Kompetenzen, Qualifikationen und Meriten keine Schublade. Sie zählen nicht. Es sind stille Leistungen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass Prügel in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens sind.
Vieles ist in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens, und viel zu selten wird daran erinnert.

Mein Vater war ein echter Marlboro-Mann. Er trug Jeans, Karohemd, Schnauzer. In der Hosentasche immer einen kleinen Blechkamm, im Mundwinkel immer eine Kippe. Seine Wangen wurden abends schon kratzig, Gesicht und Nacken im Sommer sofort siouxbraun; seine Handwerkerhände blieben ewig rau.
Heutzutage würde er, da bin ich sicher, unbesehen in die Kiste mit den reaktionären Machos sortiert werden, in die er nie gehörte.
Mein Vater brachte uns Töchtern bei, wie man Lampen anschließt, eine Bohrmaschine bedient, sich selbst zu helfen weiß. Wir mussten keine Prinzessinnen sein. Sein Sohn musste selbstverständlich kein Fußballspieler sein, auch wenn mein Vater Fußball liebte. Meiner Mutter gegenüber gab es keine herablassenden Worte, keine Grobheiten, keine zotigen Sprüche, niemals, und das kannte ich schon als Kind aus manch anderer Familie ganz, ganz anders.

Obwohl man uns als „bildungsfernen Haushalt“ klassifiziert hätte, gingen meine Eltern mit uns, wenn es irgendwie ging, in jedes Museum, das sich anbot. Der Fernseher wurde hauptsächlich angeschaltet, wenn die Nachrichten oder Doku-Filme liefen. Wir spielten Dame und Schach. Auf Ausflügen wurde jede Kirche, jede historische Anlage, jedes Hafenschiff, jedes Denkmal begutachtet. Wir gruben Fossilien aus alten Steinbrüchen und stiegen auf hohe Aussichtstürme. Gucken kostet nichts. Leute, die sichtlich nichts dagegen hatten, dass wir sie bei Bauarbeiten beobachteten oder beim akrobatischen Übungen im Park, beim Krebsfang, Holzschnitzen, Stelzenlauf oder was auch immer, wurden ausgiebig interviewt. Fragen kostet nichts.
Neugier kostet nichts.
Meine älteste Schwester machte als erstes Kind aus dem Ort Abitur, studierte Sonderpädagogik. Schwester 2 wurde Grafikdesignerin, mein Bruder Historiker. Ich bin die einzige, die im Studium nach zwei Semestern merkte, dass sie keine Akademikerin ist, aber auch Buchhändlerin ist kein bildungsferner Beruf.
Wir Geschwister haben nicht TROTZ unseres Elternhauses die Kurve gekriegt.

Wir hatten zwar keine wirklichen Rücklagen, aber wir kamen immer ALLEIN KLAR. Was wäre gewesen, wenn mein Vater damals nicht immer hätte arbeiten können, sondern in die Arbeitslosen- und später Sozialhilfe gekommen wäre?
Nachdem mein Vater starb, hatte meine Mutter immerhin noch das fast schon abbezahlte Haus, bekam ein bisschen Rente, ein bisschen Pflegegeld, Kindergeld; irgendwie ging’s. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn die Eltern gegen Monatsende kein Essen mehr kaufen können und man zusammen zur Tafel geht. Ich weiß, dass das nicht schlimm ist, schämen sollte man sich für ganz andere Dinge und nicht dafür – aber wie es sich anfühlt, weiß ich eben nicht. Wie es sich auswirkt, das weiß ich nicht.

Meine Mutter wäre gern Damenschneiderin geworden, wurde aber Bürofräulein, später Hausfrau. Erst betreute sie uns vier Kinder, pflegte ihre Großmutter, im Anschluss dann ihre Mutter und zwischendrin meinen sterbenden Vater; alles zu Hause.
Eine andere Kollegin aus dem Discounter arbeitete in Vollzeit bei uns, außerdem abends und an den Wochenenden an einer Tankstelle, um genug für sich und ihre unfallinvalide Mutter zu verdienen. Sobald die üblichen Zeitverträge ausliefen, suchte sie sich einen neuen Discounter, eine neue Tankstelle.
Was für zeitliche Reserven, was für Energiereserven sollten solche Leute noch locker machen können, um sich weiterzubilden?
Oder gar, um sich gesellschaftlich, politisch zu engagieren?

Oder auch nur, um mal von sich selbst zu erzählen, sich diese Ohnmacht ein bisschen von der Seele zu reden? Widerhall zu erfahren?
Von sich selbst zu sprechen, in der ersten Person, das ist ein Schritt in Richtung Selbstermächtigung.

Was hätte meine Mutter während ihrer Jahre als pflegende Angehörige geschrieben, hätte sie da einen Facebook-Account gehabt?
Nichts natürlich. In den schlimmsten Phasen schaffte sie binnen der wenigen freien Minuten knapp zu essen, duschen, schlafen.
Rein, wirklich rein hypothetisch hätte sie geschrieben: „Brauche neue Tipps zu Dekubitus-Profylaxe – stop – Kann jemand einfache Gymnastikübungen gegen Rückenschmerzen empfehlen – stop“. Fünf Leute hätten geantwortet, wie gut ihre Angehörigen es in diesem oder jenem [unbezahlbaren] Heim hätten; acht hätten geschrieben, die Ausländer seien an allem schuld; zwei hätten von homöopathischen Mittelchen geschwärmt; vierzehn hätten Herzchen geschickt; zwei hätten gefragt: „Und wer denkt an die erschütternden Zustände in der Putenmast? Keiner, oder was?!“; einer hätte kommentiert: „wie dumm bis du denn“; einer hätte erwähnt, dass Gott all seine Kinder liebe; achtundzwanzig hätten meiner Mutter erklärt, dass man Prophylaxe nicht mit f schreibe, sondern mit ph, und dass, auch wenn es danach aussehe, es noch lange keine eingedeutschte Form von…

Obwohl meine Eltern fürchterlich stolz auf uns waren, brachten uns das Abitur in der Stadt, das Studium in der Großstadt auch auseinander, nicht nur räumlich. Das war ein stiller Vorgang.
Ich glaube, ich habe erst in den letzten Jahren, in denen meine Mutter und ich plötzlich zum ersten Mal so richtig Zeit hatten, als Erwachsene miteinander zu sprechen, verstanden, was meine Mutter tatsächlich alles zu erzählen hat. Genauso hat meine Mutter erst jetzt verstanden, dass sie erzählen kann und darf. Wenn ich jetzt an die Jahre zuvor denke, kommt es mir rückblickend fast so vor, als hätten wir einander da gar nicht gekannt.

Pflegen und Kümmern zählen übrigens auch zu diesen stillen Leistungen, für die sich niemand interessiert.

Unsere Straße wird gerade saniert. Da es sich um eine Anliegerstraße handelt, werden die Baukosten auf die Privathaushalte umgelegt. Ein 150 Jahre altes Hofgrundstück wird von der Eigentümerin, einer 80jährigen Bauernwitwe nun verkauft. Der Hof ist unmodern, teils sind die Böden nur gestampft, die Dachstöcke nicht alle isoliert, die Gebäudeteile nicht alle elektrifiziert. Ställe, Scheunen, Jauchegruben. Wer das kaufen wird, wird wohl alles abreißen. Die Baukosten-Umlage berechnet sich anhand der Grundstücksfläche; anhängige Agrarflächen werden zu 85% mitberechnet. 80.000€. Die Witwe klagt nicht selbst; Anwohner-Sammelklagen sind nicht zulässig. Sie beklagt sich auch nicht – in einer kleinen Wohnung habe man es vielleicht auch leichter, nicht? ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Ich liebe unsere alte Straße. Als ich zurück aufs Dorf kam, wollte ich unbedingt hierher. Jedes Mal, wenn ich nun an diesem Hof vorbeikomme, den ich schon als Kind schön fand, wird mir schlecht.
Mein Elternhaus ist in der Nebenstraße. Wenn ich daran denke, die Nebenstraße wäre damals saniert worden und meine Mutter hätte 80.000DM bezahlen sollen, natürlich nicht bezahlen können, das Haus verkaufen müssen, nicht verkaufen können (auch so ein altes, verbautes Bauernhaus), wird mir schlecht. 80.000DM – solche Summen gab’s doch nur im Fernsehen! Was hätte sie gemacht? Mit meiner bettlägerigen Oma und zwei Kindern im Haus?
Wenn ich mir bloß ausmale, die Nebenstraße würde nächstes Jahr saniert werden und meine Mutter müsste 40.000€ bezahlen, wird mir so übel, ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Man kann so schnell, so schnell aus allen Sicherheiten fallen.

Menschen wie meine Eltern, und solche Menschen, die prekärer leben, als meine Eltern das taten, spielen im gesellschaftlichen Diskurs zumeist keine gestaltende Rolle. Zumeist schaffen sie und ihre Belange es gar nicht erst in die öffentliche Wahrnehmung. Sie kamen sowieso immer irgendwie ALLEIN KLAR, und den Rest machte die SPD. Das war innerhalb der letzten Jahrzehnte wohl nie viel anders.
Anders ist nun allerdings, dass einst so geläufige, in sich einheitliche Identitätsbilder – Unterschicht, Arbeiterschicht, Bildungsschicht – nicht mehr recht zur Einordnung und Feststellung von Identität taugen. Und mit den geläufigen Identitätsbildern zerfallen auch die geläufigen Kongruenzen zwischen einem bestimmten Identitätsbild und der dafür zuständigen Volkspartei.
Über unserem Haus wehte, unsichtbar, immer eine rote Fahne. Ich wusste immer, welche Art von Politik für Leute wie meine Eltern untragbar, unwählbar war; heute dagegen weiß ich gar nicht zu sagen, was Leute wie meine Eltern überhaupt noch wählen könnten, wählen sollten.

Wiederum sehr genau weiß ich, was mein Vater zu Pegida, AfD etc. gesagt hätte, und die Rechtspopulisten sollten sich hüten, so großspurig zu verkünden, sie sprächen im Namen aller EINFACHEN LEUTE.

Die Rechtspopulisten – und zählen Sie bitte die BILD-Zeitung hinzu – nehmen für sich in Anspruch, Stimme des Volkes zu sein, wen auch immer sie damit meinen. Sicher ist aber: Den EINFACHEN LEUTEN verhelfen sie nicht zu einer Selbstermächtigung.
Rechtspopulisten wollen keine selbstermächtigten, sondern soldatische Menschen. Schritte zu echter Selbstermächtigung ermöglichen sie niemandem; sie nehmen die Identitätsfragen, sozialen Fragen, Alltagsfragen der EINFACHEN LEUTE nicht als solche ernst, sie suchen nicht nach wertigen Antworten.
Sie bieten billige Identitätslösungen. Die faule Masche, aus dem Geburtsort ein pseudoeinheitliches Wir abzuleiten. Eine Fantasie-Gemeinschaft.
Sie bieten billige Steigbügel, um aus der Schwächeposition gefühlt in eine Position der Stärke zu wechseln. Den faulen Mechanismus, noch Schwächere in den Keller zu trampeln, um sich selbst eine Etage höhergestellt zu fühlen. Fantasie-Problemlösungen.
Dieser Inklusionsquatsch an Schulen zum Beispiel? Teure, schulvergiftende Gutmenschen-Romantik! Der Rechtspopulismus identifiziert stets die Schwächsten, schreibt ihnen die Rolle der Problemträger zu und agitiert auf den gesellschaftlichen Ausschluss solcher Problemträger hin. Das ist billig. Der politische Wille, der politische Einsatz, die nötig sind, um aus einem System voller bröckelnder Schulen, dem es überall an Geld, Personal und Technik mangelt, ein grundsätzlich besseres zu machen, nämlich ein gut funktionierendes System für alle Kinder – dieser Wille und Einsatz wären teuer.
Der Rechtspopulismus drückt sich strukturell davor, echte Probleme anzugehen, echte Lösungen zu finden, echte Stärke zu schaffen. Das ist schlicht feige. Der Rechtspopulismus ist – um seine eigenen Sprachbilder anzuwenden – ein feiger Polit-Schmarotzer, der sich von gesellschaftlichen Problemen ernährt.

Warum sagen die EINFACHEN LEUTE selbst unter einer Präsenz der AfD in Bundestag, allen Landesparlamenten und auf Lokalebene, in Tagespresse, Fernsehen und Radio gebetsmühlenartig „Uns hört ja keiner zu“ ? Die Einen genießen es, vorsätzlich die Opferrolle zu spielen. Den Anderen hört wirklich keiner zu, denn auch wenn die AfD ja viel spricht, spricht sie im Dienste einer Ideologie und nicht der Menschen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass eine Vorliebe für rechtspopulistische Positionen in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens ist.
Die Afd bezieht ihr Personal und ihre Wählerschaft auch, und zwar nicht zu knapp, aus akademischen und Unternehmerkreisen.
Dieser in allen Medienformaten so beliebte Schluss Afd = EINFACHE LEUTE ist nicht bloß zu einseitig. Viel fataler ist, dass er – als falscher Signalverstärker – den EINFACHEN LEUTEN geradezu suggeriert, die AfD sei genau ihre Partei.

Édouard Louis wettert in Wer hat meinen Vater umgebracht ebenfalls reichlich agitatorisch daher, steht allerdings links der Mitte. Weit links. Er staubt die rote Fahne ab, holt sie raus zum Marschieren, wendet das Vokabular des Klassenkampfs an: die „Herrschenden“ , die „Unterdrückung“ . Louis will den Rechtspopulisten die Deutungshoheit über das Prekariat entziehen. Er will aber nicht einfach, dass das Prekariat soldatisch marschiert, links der Mitte bitteschön, sondern er will, dass es für sich, in der ersten Person, spricht, redet, schreit. Und er will die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Eliten, die Politik zurückpassen, will ihnen diese Verantwortung um die Ohren hauen, denn es sind die Schwächsten, die den Mangel an Problemlösungen seit Jahren ausbaden, sozial, finanziell, psychisch und physisch; er will ihnen die Schuld zurückgeben, die seit Jahren auf die Schwächsten geschoben wird.

Ob er hier nicht für persönliche Zwecke seinen Vater instrumentalisiere, wird hier und da kritisch gefragt. Ob diese Zurschaustellung des Vaters ebendieser Selbstermächtigung, die Louis sich für seinen Vater wünsche, nicht vollkommen widerspreche, nicht vielmehr eine gewaltsame Aneignung darstelle – das ist ein Aspekt, der Louis selbst beschäftigt, wie er in diversen Interviews äußert. Aber welche Plattformen würden seinem Vater schon offenstehen? Facebook vielleicht?

Den Schlusssatz seines aktuellen Buchs spricht Louis‘ Vater. Der fragt den Sohn, ob er, wie als Jugendlicher, immer noch so viel auf Demos gehe, politisch interessiert und aktiv sei, worauf Louis antwortet, das sei er „jetzt mehr denn je“ . Der Vater erwidert: „Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.

Wer sollte eine solche Revolution gestalten? Die Rechten, die Linken? Sollen die Gelbwesten ruhig hier ein bisschen Revolution fürs Prekariat machen, die Jugendlichen da ein bisschen Revolution fürs Klima, die Gewerkschaften immer mal ein bisschen Revolution für den öffentlichen Dienst?

Wer profitiert vom Mangel an Geschlossenheit zwischen gesellschaftlichen Lagern und Splittergruppen, von Reibungsverlusten an gesellschaftlicher Energie? Wen füttert all unsere im Stillen gehaltene oder fehlgeleitete Wut?

Eine Revolution für alle müsste damit beginnen, dass wir erkennen, welche gemeinsamen Probleme abseits aller Filterblasen tatsächlich bestehen:
Es mag dem akademisch ausgebildeten Freiberufler, der an selbstausbeuterische Arbeit und unsichere Auftragslagen gewöhnt ist, vielleicht nicht in den Sinn kommen, aber er teilt seine Probleme seltener mit seiner Auftraggeberschaft, deren Milieu er sich zurechnet, als viel häufiger mit einer Zeitarbeiterin mit Hauptschulabschluss, die im Arbeitsalltag genauso wenig Planungs- und Verdienstsicherheit kennt wie er.
Das Unternehmertum beklagt oftmals eine Neidkultur, die uneinsichtig ignoriere, welches Risiko das Unternehmertum, zumal in Zeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung, zu tragen habe. Wer sagt, die EINFACHEN LEUTE trügen keine Risiken? Worin sollte sich die Angst davor, ein Unternehmen zu verlieren und danach mit Nichts in den Händen dazustehen, grundsätzlich unterscheiden von der Angst davor, einen existenzsichernden Arbeitsplatz in einem Unternehmen zu verlieren und danach mit nichts in den Händen dazustehen?
Sollte die pegidanahe Kleinjobberin, die einen Teilzeit- und mehrere Nebenjobs jongliert, um über die Runden zu kommen, und die sich deswegen nah am Burnout bewegt, sich zugleich aber keine Auszeiten erlauben kann, nicht einsehen, dass der türkischstämmige Teilzeitarbeiter, der zusätzlich mehrere Nebenjobs unterhält, um über die Runden zu kommen, und der sich deswegen nah am Burnout usw., nicht der Volksfeind ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Peergroup?
Wenn die Alleinerziehende es nicht wegen kaum bezahlbaren Wohnraums, unflexibler Arbeitsmodelle bei gleichzeitiger Minderbezahlung von Frauen, zurechtgeschusterter Betreuungsmodelle und zig anderer Dinge im Alltag so schwer hätte, sondern von wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Seite her mehr Unterstützung erfahren würde, hätte sie womöglich auch leichter Reserven übrig, um sich um Klimafragen zu kümmern.
Gehen Sie in ein Krankenhaus. Fragen Sie AssistenzärztInnen, PflegerInnen und dazu PatientInnen quer durch alle Einkommenslagen, Bildungsschichten, Parteisympathien, Religionszugehörigkeiten, Altersstufen und, was weiß ich, Schuhgrößen, ob sie die Verhältnisse im deutschen Klinikwesen prima finden!

Auch wenn Gemeinsamkeiten mitunter nur partiell bestehen – sind sie deswegen nicht trotzdem valide? Taugen solche Gemeinsamkeiten nicht vielleicht am ehesten zur validen Grundlage für eine Revolution, von der wir alle profitieren würden – und eben nicht bloß die Populisten hier und das Großkapital da, denen wir alle, egal aus welchem mehr oder minder bodennahen Biotop wir stammen, nun wirklich scheißegal sind?


>>Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht (S.Fischer)


HÖHENUNTERSCHIEDE // Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin

Schickes Buchcover, nicht wahr? Ziemlich clean. Bisschen kühl, das Silber. Deswegen wohl auch das Neon-Orange, das schafft da einen gewissen Ausgleich.

Google weiß, dass mir eine solche Ästhetik liegt. Sobald ich irgendwo online war, pop-upte dieses Cover andauernd in mein Sichtfeld hinein.

Dabei gehe ich Romanen, die – wie Die Hochhausspringerin – zahllose Verweise auf Orwell einheimsen, für gewöhnlich aus dem Weg. Wozu noch der ganze Future-Überwachungsdiktatur-Quatsch, wenn nicht bloß noch der Ästhetik wegen, bloß noch zur Unterhaltung? Ich habe mein Interesse an Dystopien solcher Art verloren. Ich weiß nicht, was sie noch für uns bedeuten sollten, wovor sie uns noch warnen könnten, wo wir doch längst selbst in einer fernen Zukunft angekommen sind, die als „Gegenwart“ zu benennen mir manchmal noch schwerfällt. Ich meine, es ist 2019 und ich begreife noch immer nicht, dass Menschen einen sprechenden Plastikklotz kaufen, um sich mit ihm zu unterhalten und sich nebenbei aushorchen zu lassen.

Ich habe Die Hochhausspringerin schließlich doch gekauft. War’s das Neon-Orange?

Übrigens hätte ich sie besser einfach so kaufen sollen, Die Hochhausspringerin, ohne vorher irgendwelche Artikel darüber zu lesen. So wäre ich nicht im Vorhinein auf den Trichter gekommen, ich hätte keine Lust, „solche“ Romane zu lesen. Es ist nämlich gar kein „solcher“ Roman. Und ich fand ihn sehr gut, so im Nachhinein.

Wenn Die Hochhausspringerin ein Zukunftsroman sein soll, dann einer, der sich überhaupt nicht um die Zukunft schert. Er spielt in einer Zukunft, ja, aber in dieser Zukunft findet man nichts als Gegenwart. Die Hochhausspringerin ist eine Parabel auf die Gegenwart, all ihre Themen sind gegenwärtig, es bedarf lediglich des Kniffs mit der zeitlichen Versetzung in die Zukunft, um das Gegenwärtige so zugespitzt, verschärft darstellen zu können, dass das Groteske daran umso schöner hervortritt.

Julia von Lucadou verschwendet Gott sei Dank nicht mehr Zeit als nötig, um ihre Zukunftswelt auszumalen. Hochstraßen, die sich um Himmelhochhäuser winden, glitzernde Fassaden, oben teuer, unten kein Licht mehr – fertig. Sie vertraut da schlicht auf den Autopiloten unserer Imagination und der ruft, ganz richtig, sofort von selbst alle urvertrauten Bilder zur Megametropole ab. Mehr braucht es auch nicht, denn die Geschichte konzentriert sich ganz und gar auf Personen statt Panorama.

Riva Karnovsky ist professionelle Hochhausspringerin. Ihren Sport könnte man als eine Fortentwicklung des Turmspringens bezeichnen: Man springt von Dächern, vollführt bestimmte Bewegungsfiguren; ein FlySuit verhindert den Aufprall. Die Wettbewerbe sind hart, das Privatleben wird kontrolliert vom Fan- und Medienrummel und Verpflichtungen gegenüber den Sponsoren; ihr Lebenspartner spielt hier und überhaupt nur eine Nebenrolle.
Hitomi Yoshida ist Wirtschaftspsychologin. Sie arbeitet für eine Agentur, die von den Sponsoren Riva Karnovskys den Auftrag erhält, die Hochhausspringerin wieder zurück auf Kurs zu bringen, nachdem die sich aus heiterem Himmel zu einem Ausstieg aus dem Geschäft entschieden hat. Die Hochhausspringerin lässt sich gewissermaßen fallen, ist physisch und psychisch plötzlich ganz unten. Ein Skandal.
Riva ist schließlich die Beste; sie darf auf keinen Fall mit dem Springen aufhören. Hitomi ist ihrerseits die Beste ihres Fachs; sie muss ihren Auftrag, Riva wieder zum Springen zu bringen, auf jeden Fall erfüllen.
Während Riva nichts von Hitomi weiß – sie ahnt nicht einmal, dass es sie gibt -, weiß Hitomi über Riva technisch gesehen alles. Sie verfolgt Rivas Vitalkurven und ihren Kommunikationsaustausch in Echtzeit, beobachtet sie in ihrer Privatwohnung via Kamera, als wäre Riva ein Versuchstier im Käfig. Und doch kennt sie Riva nicht.
Beide haben es in der Stadt zu etwas gebracht, beide wohnen in teuren Appartements im Zentrum, in den höheren Hochhaus-Etagen, dort, wo die Sonne zum Fenster hereinscheint. (Kaum verfügbarer Wohnraum, teure Bestlagen – klingelt da bei Ihnen was?) Sollte Riva bei ihrer Arbeitsverweigerung bleiben, können sowohl Riva als auch Hitomi schrittweise die Privilegien verlieren, die sie sich erarbeitet haben. Ihre Wohnlage zum Beispiel.

Für jede körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Leistung bekommt man Credits, die auf einem Konto gutgeschrieben werden – für jedes körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Fehlverhalten werden Credits vom Konto abgezogen. Die Höhe des privaten Creditkontos bestimmt, auf welchem Höhenlevel man lebt.
Damit ist längst nicht nur gemeint, dass man bei eklatant gesunkenem Creditkontostand in weit niedriger gelegene Wohnungen umgesetzt wird. Wer sich ein bisschen zuviel zuschulden kommen lässt, landet schnell in den Peripherien: Hitze, Staub, jenseits der Stadtmauer – noch mehr Stichworte benötigt unser Autopilot auch hier nicht.

Dass mit Hitomi ausdrücklich eine Wirtschaftspsychologin auf die Zielperson Riva angesetzt wird, um deren Privatleben zu beeinflussen, verwundert keineswegs. Die Frage der Zeit lautet schließlich: Wie wirtschaftlich ist das Private? (Welcher Zeit, frage ich Sie?)
Wie alle Menschen, die sich in der Stadt behaupten können, ist Riva in erster Linie Investitionsobjekt, nicht Persönlichkeit. Die Stadtbevölkerung hat mehrheitlich irgendeine der diversen Akademien absolviert – eine kostspielige Angelegenheit, geknüpft an den Druck, später durch hohe Leistungen und Creditgewinne zu rechtfertigen, dass man den Akademiebesuch auch wert war. Riva ist es ihren Sponsoren, die eine bestimmte Rendite erwarten, schuldig, sowohl ihre Fitness als auch ihre Medien-Performance auf Höchstniveau zu halten. Hitomi fühlt sich derweil vor allem gegenüber ihrem beruflichen Förderer, ihrem Vorgesetzten namens Master, verpflichtet, effiziente Arbeit zu leisten.

So wie Riva von Hitomi beobachtet und ausgewertet wird, beobachtet und bewertet wiederum das Credit-System jeden einzelnen der Stadtmenschen – im Stillen, umfassend, und doch ohne dabei wirklich etwas von Menschen zu verstehen. Ein Beeper schlägt Alarm, wenn man sein obligatorisches Trainigsprogramm für Körper und Geist vernachlässigt, nicht ausreichend schläft oder der Pulsschlag ein zu hohes Anspannungsniveau verrät.
Von außen her wird an die einzelne Person schon genug Perfektionsdruck herangetragen. Zugleich ist dieser Optimierungszwang jedem Menschen in Fleisch und Blut übergegangen; vollkommen selbstverständlich absolviert man seine Mindfulness-Übungen, optimiert seine Performance und kümmert sich an erster Stelle um die Höhen und Tiefen seines Creditstands.

Bei Effizienz und Selbstoptimierung angekommen, befinden wir uns freilich im Kern der Gegenwart. Alle Bereiche, die im Roman herangezogen werden, um das bewertungsorientierte Denken des Systems wie auch des Einzelnen zu illustrieren, funktionieren schon heute nach sehr ähnlichem Muster.
Natürlich denkt man unweigerlich an China und sein monströs anmutendes Sozialkreditsystem, das 2020 seine Testphase abschließen und in Vollbetrieb gehen wird.
Doch allzu weit in die Ferne braucht man gar nicht zu schauen. Man denke an die Bonuspunkte-Programme von Krankenkassen. Die Schufa. Google Rankings. Bewertungsmechanismen und Algorithmen, die den Verkaufserfolg eines Produktes und genauso den Verkupplungserfolg zwischen Singles beeinflussen. Fitnesstracker, die über Facebook posten, wann, wie lange und wie viele Kilometer man heute gejoggt ist. Apps, mithilfe derer man sich von oben bis unten auswerten, sich alles antrainieren oder abgewöhnen kann.

Die Überzeichnung dieser Entwicklungslinien unternimmt von Lucadou ganz ohne futuristischen Schnickschnack, ohne Gedöns. Sie stellt schlicht die Figuren einander gegenüber und zeichnet mit klinischem Blick die Wechselwirkungen zwischen ihnen auf. Hitomi im Büro, auf ihrem Bildschirm Riva. Riva auf dem Sofa, neben ihr der ratlose, panische Aston, ihr Partner. Hitomi im Performance-Gespräch mit Master. Die Schwankungen von Hitomis Pulshöhe – abhängig von Rivas Verhaltensauffälligkeiten. Hitomis Kontrollverlust, der nach und nach auf all ihre Lebensaspekte übergreift, je länger sich Riva – allen manipulierenden Maßnahmen Hitomis zum Trotz – in ihrer unerklärlichen Verweigerungshaltung ergeht. Rivas Sehnsucht nach einem Unten, einem Boden, notfalls den Peripherien. Masters unerträglich zur Schau gestellte Arbeitsbereitschaft, Leistungsfähigkeit, Erfolgsmentalität.

Über allem schwebt hier, neben dem allumfassenden Optimierungsgedanken, sehr greifbar die Unfähigkeit der Einzelperson, echten menschlichen Kontakt zu knüpfen. (Falls Sie bis hierhin gelesen haben – tun Sie das auf Ihrem Smartphone? In der Bahn vielleicht? In der letzten halben Stunde mal aufgeschaut und Menschen in Ihrer näheren Umgebung registriert?)
Sobald Menschen interagieren, performen sie bloß noch, denn jeder Kontakt wird auf die eine oder andere Weise bewertet. (Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor?)
Biologische Eltern zu haben, bedeutet bereits eine Dimension des Zwischenmenschlichen, die alle Seiten emotional überfordert, weshalb der Kontakt zwischen Kindern und Bioeltern zumeist nach wenigen Jahren eingestellt wird. Natürlich gibt es Apps, die eventuelle emotionale Lücken schließen sollen. Es gibt Agenturen, bei denen man „Familienangehörige“ mieten kann. Hitomi führt häufig Gespräche mit einem Bot, der ihre Biomutter kopiert. (Kommen Ihnen dabei auch z.B. diese professionellen Kuschel-Dienstleister in den Sinn?)

In seinen besten Szenen lässt der Roman kein bisschen an Blade Runner denken, sondern zeigt unsägliche menschliche Trostlosigkeit. Während Hitomi, die Erzählerin, ihre Arbeit am Projekt Riva, ihre Gespräche mit Master, ihrem Mutterbot oder ihren Datingpartnern, ihren sonstigen Alltag, auch ihre Familiengeschichte beschreibt, denke ich: So muss sich der Teppich in Strombergs Büro fühlen.
Den Gipfel der hyperoptimierten Trostlosigkeit aber verpackt von Lucadou in einen schimmernden Sportanzug und nennt ihn Hochhausspringen. Wer springt von Hochhausdächern? Mannschaftssport verstehe ich als den zivilen Stellvertreter des Kriegsgefechts. Das Hochhausspringen ist der öffentliche Stellvertreter des privaten Selbstmords – mit zigtausenden von Zuschauern.


>>Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin (Hanser Berlin) €19,-


 

GLOBAL THINKING // Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Üblicherweise liest man einen Roman, indem man auf der ersten Seite startet und sich dann, schön der Reihenfolge nach, bis zur letzten durcharbeitet. Nimmt man jedoch Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen in die Hand, den neuen Roman von Emma Braslavsky, darf man getrost einen kleinen Umweg einlegen und ganz hinten beginnen, bei den Danksagungen der Autorin, S. 459ff. Dort finden sich die Kürzel Dr., Prof. Dr. oder gleich Univ.-Prof. Dr. Dr. med. in Verbindung mit Fachbereichen und Spezialthemen wie Klimadiagnostik, Meteorologische Extremereignisse, Analyse des Vertebratengenoms, Molecular Embryology, Stammzellenforschung, International Law, Kabbala, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie; dazu ein Captain und Yacht-Gutachter, außerdem zwei Experten für DDR-Bunkerkomplexe. Eingestreute Ortsangaben: Berlin, Buenos Aires, Sarajevo, Comer See. Für sich genommen sagt all das natürlich rein nichts aus, höchstens, dass die Schreibarbeiten der Autorin, die rund acht Jahre in Anspruch genommen haben, eben von allerlei Gesprächen und Ortseindrücken begleitet worden sind. Wenn man aber im Anschluss an den Abschluss nun den Roman – wie es sich eigentlich gehört – von der ersten Seite an zu lesen beginnt, dürfte man bereits ausreichend präpariert sein, um nicht den Fehler der Rezensentin zu teilen, im vorangestellten Personenregister ungerührt über einige Punkte hinweg zu lesen: Mister Sands und Mister Katō, Abgesandte eines milliardenschweren Konsortiums für den Kauf des Bunkers 17-5001 / Marie und Josef, geklonte Golden Retriever / Newman, der neue Mensch im Embryonalstadium. Je deutlicher man nämlich von Anfang an diesen Mischgeruch wittert, den Projekte zur Optimierung des Menschen und Katastrophenszenarien in Kombination miteinander ausströmen, umso leichter liest man sich ein.

Ansonsten wähnt man zunächst, es mit einer einfachen Satire auf die Schicht der Wohlstands-Alternativler zu tun zu haben. Die Eingangsszene liefert bissige Zeitgeist-Schelte; Emma Braslavsky reiht hier eifrig die zwingenden Bestandteile des aktuellen ökologisch, politisch und gender-korrekten Lifestyles aneinander, entblößt gleichzeitig den Egoismus, Chauvisnismus und Karrierismus ihrer Hauptfiguren Jivan und Jo und zeigt die grüne Gesellschaftswelt als kontrollsüchtiges und selbstverliebtes System, das nur diejenigen belohnt, die sich ihm heuchlerisch anbiedern:

Jivan, Anfang vierzig, Bunkerarchitekt und aus verflucht reichem Hause, ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jo, Ende dreißig, selbstberufene Bessere-Welt-Aktivistin und als Jivans Ehefrau finanziell ziemlich sorgenbefreit. Es ist ein Business-Essen, mit dabei sind Verantwortliche der Organisation Animal Rights.

[Jivan] tauscht mit einem Seufzer seine uralten, bequemen Lieblingstreter aus geschmeidigem Boxcalf gegen tierleidfreies Schuhwerk aus wasserfester Mikrofaser. […] Das Blackbird’s Song ist momentan der letzte Schrei in der Stadt in Sachen veganer Küche, die Leute stehen so hartnäckig Schlange, als würde ihnen dort Absolution erteilt. Links und rechts versucht ein schnurgerades Spalier aus blühenden Hyazinthen zwischen blauen Neonlichtern eine streng überwachte Multikulti-Naturschutzpflanzenwelt daran zu hindern, sich auch den Rest des Areals einzuverleiben. Die Ledersneakers verstaut Jivan im Beutel. Bei der Gelegenheit überprüft er Hemd und Hose. […] Sein dunkelblaues Leinenhemd geht noch als tierlieb durch. Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hunderttausende weibliche Cochenilleschildläuse ihre Leben gelassen.

Beinahe hätte Jivan seine Lieblingsledertasche zum Treffen mitgeschleppt, gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, sie zu verstecken. Nur, dass er für vegane Nasen empfindlich nach Döner riecht, weil er vor dem Restaurantbesuch noch einen Sattmacher gebraucht hat, das hat Jivan nicht bedacht. Macht nichts, durch eine schnelle Lüge renkt Jivan die ausgekugelte Stimmung wieder ein. Und mit einer rührseligen Anekdote um ein eingeschüchtertes Krokodil und schließlich mit der Idee, aufblasbare Einhornhörner zu verkaufen, die es ihren menschlichen Trägern ermöglichen, ihre mythologisch verankerte Verbindung zur Tierwelt sichtbar und selbst für Tiere verständlich zum Ausdruck zu bringen, können der hallodrige Jivan und die aparte Jo die Tierrechtler vollends für sich einnehmen. Natürlich möchte Jo Animal Rights im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen und dergleichen tatsächlich gern unterstützen – in erster Linie jedoch will sie unbedingt den Posten als PR-Managerin dieser enorm kapitalstarken Organisation besetzen. Was Jivan wiederum unbedingt will, ist eine zufriedene, besser noch: eine euphorisch gestimmte Frau. Vögel und so interessieren ihn nicht, Vögeln dagegen ungemein. Später beschließt das Kollektiv den geglückten Abend, indem es einverständig ein paar Karaffen Bio-Wein leert.

Da diese Szene glatt als gegenwärtig durchgeht und noch nicht ins Unvertraute vorgreift, funktioniert sie gut als eine Art barrierefreier Einstieg in die Story. Noch macht sich nicht deutlich bemerkbar, dass der Roman zeitlich angesiedelt ist in einer Zukunft, die unserer zeitgenössischen Welt um einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus ist – man erinnere sich bitte der geklonten Golden Retriever.

Der Abstand zum Jetzt ist so gering, dass Yoko Ono noch einen Gastauftritt hinlegen kann, doch gelten in dieser nahen Zukunft bereits vollkommen neue technisch-wisschenschaftliche Standards. Womöglich ist diese Zukunft aber doch entfernter als gedacht, und inzwischen haben sich Revolutionen in der Medizin ereignet, die Yoko Ono ein nahezu unsterbliches Leben ermöglichen? Man weiß es nicht. Eine wichtige Rolle spielen die Experimente der Wissenschaftler Natalie und Jakob, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das menschliche Genom von all seinen Makeln zu befreien, sprich: entscheidend in unsere Evolution einzugreifen und nichts geringeres als den neuen, verbesserten Menschen zu erschaffen. Es ist ein Projekt von solch großer Sprengkraft, dass der Nachname des Forscherehepaars, Oppenheim, wohl nicht von ungefähr an Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, denken lässt. Mittlerweile ist es möglich, Stammzellen beliebig zu züchten. Alles, was das Pärchen dafür benötigt, ist ein bisschen menschliches Zellmaterial, und so sammeln die beiden Haare (man beachte die Umschlagillustration des Romans) und erstellen auf dieser Basis einen manipulierten Gen-Pool für die Zukunft der Menschheit. Offenbar hat sich die Handhabung molekulargenetischer Eingriffe alldieweil wesentlich vereinfacht; Adam und Eva 2.0 können praktischerweise im Heim-Labor des hübschen Stadthäuschens der Oppenheims in Buenos Aires gezeugt werden.

Gesellschaftlich scheint sich indes kaum etwas weiterentwickelt zu haben. Frauen treten innerhalb des Machtsektors hauptsächlich dekorativ in Erscheinung, Führungsrollen übernehmen sie, wenn’s hochkommt, im spirituellen Bereich, und das Thema Mutterschaft gerät im Roman gleich für drei Frauen zur Bewährungsprobe. Nach wie vor lauten die entscheidenden Dominanzfaktoren Testosteron und Geld. Das bekommt auch Roana zu spüren, eine weitere Hauptfigur, die auf einem von Papa verordneten Survival-Trip unterwegs ist. Die gerade Neunzehnjährige soll am Fuße eines einsamen Vulkans zu Vernunft und Eigenständigkeit finden, um danach, so hofft Papa, geläutert zurückzukehren und endlich einzuwilligen, sein höchst erfolgreiches Bauunternehmen später einmal weiterzuführen. Roana schlägt sich jedoch lieber bis nach Buenos Aires durch, wo sie an diverse Weltverbesserercliquen gerät. Mal wird sie von einem verlogenen Ideologen missbraucht, mal darf sie bei einem ambitionierten Projekt nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen ist. Ziemlich ramponiert, aber umso entschlossener sucht sie weiter nach der ganz großen Portion Lebenssinn, um ihren Hunger nach eigener Bedeutung zu stillen. Dann sind da noch Jule und No, ein Aussteigerpärchen, das in einer paradiesischen Bucht Adam und Eva spielt. Nackt, mittellos, frei – um ein völlig neues Leben zu beginnen, haben die beiden alles zurück gelassen, was man eben zivilisiert nennt. Nur einander nicht. Nicht lange, und es verfestigt sich eine Rollenverteilung: sie das Lustobjekt, er der Ernährer. Zwei, die auszogen, um die Zukunft zu suchen, und in der Steinzeit ankamen. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist es in der Zukunft also trostlos bestellt. Die Gleichberechtigung der Tiere dagegen ist das dauertrendende Thema. Auch in der Zukunft können Tiere nun einmal keine eigene Stimme erheben, um sich zu verteidigen – aber eben auch keine Stimme, um denjenigen Menschen, die ihre ureigenen, eitelkeitsgesteuerten Lebensvorstellungen ungefiltert auf die Tierwelt projizieren, zu widersprechen. Eine gerechtere Welt für alle zu schaffen, davon reden die AktivistInnen und Organisationen im Roman unentwegt. Wer aber diese Alle sind, um die es vorgeblich geht, scheint man weder bei Better Planet, noch bei Life from Zero und Konsorten so genau zu wissen. Die wirklich Benachteiligten dieser Erde spielen nach wie vor einfach keine Rolle. Derweil sind die Privilegierten dieser Erde schwer damit beschäftigt, ihren persönlichen Oberflächenglanz zu optimieren, und es scheint, dass sie vor allem deswegen so gern über die Tiere und den besseren Menschen sprechen, um dem echten Menschen und dessen echten Problemen guten Gewissens aus dem Weg gehen zu können. Keineswegs mangelt es jenen ZukunftvisionärInnen am notwendigen Ehrgeiz; an Aufrichtigkeit und Selbsthinterfragung dagegen sehr. Unter den idealistischen Projekten, die Roana durchläuft, als seien es Hindernis-Parcours, findet sich beispielsweise ein Camp, in dem gut situierte Familien einen Sommer lang Kommunismus spielen dürfen. Die Verniedlichung und Kommerzialisierung des Kommunismus als Ferienvergnügen: noch anschaulicher hätte Emma Braslavsky das Absurde am Wohlfühl-Aktivistentum nun wirklich nicht verpacken können. Am Ende aber muss doch jene Welt, in der Individuen jeglicher Art das Recht auf freie Entfaltung so vehement zugesprochen wird, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit so präsente, intensiv diskutierte Themen sind, unserer zeitgenössischen wenigstens irgendwas voraus haben?

Dann aber geht ein Ruck durch die Welt. Genauer: ein Internet-Hype. Mitten im Atlantik wird eine Insel von der Größe Balis entdeckt, die bislang kartographisch nicht erfasst war, eine staatliche Zugehörigkeit liegt nicht vor. Da die Insel von niemandem betreten, sondern nur aus der Ferne fotografiert wurde, steht ihre Eroberung noch aus. Unbekanntes Neuland, 5000 Quadratkilometer Projektionsfläche für utopische Ideen! Seit dem Goldrausch hat es keine derartige globale Euphorie mehr gegeben. Die Insel im Auge des medialen Sturms reißt wirklich alle in ihren Bann, Aussteiger, Forscher, Politiker, Philosophen, Luxusreisende, Umwelt-Aktivisten, und wird so auch zum Brennpunkt, in dem sich die Schicksale von Jo, Jivan, Jule, No, Natalie, Jakob, Roana und Newman schließlich überschneiden.

Völlig zu Recht hat der Verlag diesem Roman einen Bucheinband in pinkigem Beerenton verpasst und dazu noch einen Umschlag, der nur auf den ersten Blick harmlos grau aussieht – hält man ihn ins Licht, glitzert er wie Feenstaub. So viel Übertreibung muss sein, denn auch das Erzählen gibt sich nicht zufrieden, bevor es nicht auf allen Ebenen optimal too much ist. Sprachlich tobt die Autorin ihren merklichen Spaß an Aufgedrehtheit und Flapsigkeit besonders in den von Roana erzählten Abschnitten aus, ohne jedoch ins Unkontrollierte zu kippen. Strukturell lässt sie natürlich mehrere Ereignisebenen parallel laufen. Mit den Figuren springt ihre geistige Schöpferin raubeinig bis boshaft um: Da sie sich hier intensiv mit Genetik befasst, wendet Emma Braslavsky das Prinzip des Survival of the Fittest eben auch konsequent auf ihre Protagonisten an. Thematisch gibt es nichts, das als zu groß oder als unnötiger Ballast betrachtet würde, um nicht doch noch irgendwo zwischen die Zeilen hineingequetscht zu werden. So findet die Installationskunst des Autorinnen-Gatten Noam Braslavsky ihren Kurzauftritt im Roman, Jorge Luis Borges ebenfalls, und selbst die Titanic lässt die Autorin quasi ein zweites Mal untergehen.

Am Ende hat man überraschend viel gelacht während des Lesens. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man müsse sich möglichst bald einmal etwas tiefgehender mit Bunkerkunde befassen.


>>Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp) €24,-


Diesen Beitrag kann man auch auf satt.org lesen. Wer’s insbesondere mit Film und Buch am Herzen hat, sollte dort ohnehin häufiger mal vorbeischauen.


Herzlichen Dank an Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

SINN UND GEHALT // Bored to be wild*



Stumpfsinnige Arbeit unter prekären Bedingungen nagt an der seelischen Substanz. Wer das für reines Gejammer hält, war noch nie auf sie angewiesen. Von denjenigen, die an dieser Stelle an ihre Putzfrau oder ihren Paketboten denken und sich diese achselzuckend als ohnehin seelenlose Lebewesen vorstellen, mag ich gar nicht erst anfangen.

Bei allem Willen zur geistigen Selbstbehauptung, zwingt einem der tägliche, von Unsicherheit, finanzieller Knappheit und Perspektivenmangel bestimmte Existenz-Limbo irgendwann eine dauerhaft verrenkte, angespannte Haltung auf. Anstrengende Angelegenheit. Nur stempeln gehen zu müssen ist schlimmer.

Besser: Musik draus zu machen. Über das große Sinndefizit und das mickrige Gehalt. Und über deren Ursachen, Ausbreitung und Begleiterscheinungen; über High-End-Kapitalismus, Ungleichheit der Chancen, eine Kultur der Inhaltsleere, das große zwischenmenschliche Egal, Selbstentfremdung und die ständige Nähe zum Abgrund, der nur eine Kündigung entfernt liegt. Sicherlich eine ergiebige Stichwortliste für Gejammer. Besser: für Gepöbel und Gedicht.



 

*Titel eines Songs vom 2013er Sleaford-Mods-Album Austerity Dogs

BRENNSTOFF // Gutfeuer

Gutfeuer, Sonja Grebe

Ein Gutmensch bin ich also? Ist mir jahrelang gar nicht aufgefallen. Ich: Gutfrau. Ja, wo kämen wir nur hin ohne die Bescheidwisser, die Weltdurchschauer, die einem erklären, wer man ist, wie der Hase läuft, wo der Frosch die Locken hat und was es unter Adolf nicht gegeben hätte: die Wahrheitsmenschen. Sie essen Wahrheit, sie saufen Wahrheit und rülpsen sie, sie schlafen auf Wahrheitsmatratzen, marschieren in Wahrheitsschuhen herum, auf Wahrheitsstraßen. Unbegreiflich, warum dies hier nicht längst ihr Wahrheitsstaat geworden ist, auf den sie mit so viel Feuereifer hinarbeiten. Schuld daran, sagt ihnen ihr innerer Erkläromat, sind diese lästigen Gutmenschen, die der Wahrheit immer im Wege stehen müssen. Um mit diesem Titel bedacht zu werden, braucht man inzwischen schon nicht mehr gleichzeitig Veganer, Umweltschützer, Waldorf-Pädagoge und Linkswähler zu sein, sondern es genügt, Brandanschläge auf Unschuldige als abartig zu bezeichnen. Die Gutfrau sagt das gern noch mal deutlich: BRANDANSCHLÄGE AUF UNSCHULDIGE ZU VERÜBEN IST ABARTIG. Die Gutmenschen, so hallt es wider, diese Schwachmenschen, Weichmenschen, Blindmenschen, kapierten eben nicht, was Mut zur Wahrheit bedeute, und dass dieser sich hier nun in Taten zeige. Gefaselgeschwulste, pathologische Pathetik: Eine Wahrheit, für die Andere brennen sollen, ist eine Geisteskrankheit. Wenn schon, dann selber brennen. Gutfrau, die ich also bin, will ich, dass meine Hütte vor Gutfeuer lodert, für´s Gute will ich selbst als Brennstoff funktionieren, Feuer und Flamme sein für was Warmes, was Positives. Ihr kalten Deppen!


Bild: „And we´re carrying the fire“ (Grebe, 2014)


DISPO FEVER // Kristine Bilkau, Die Glücklichen

Isabell und Georg, ein alternativ-bürgerliches Großstadtpärchen, das sich mit Kleinkind Matti inzwischen ins Familienleben gewagt hat – das sind hier die Glücklichen. Eine Stichwortwolke: Altbau, Dinkelpulver, Adagio, Süßkartoffelmedaillons, Seidenpapier, Wertigkeit, Biokiste, Petit Fours, Parkettboden, Globuli, Glockenrock, Kinderboutique, Makler, Maronencreme, leichthändig, Engagements, Kaschmirstrickjacke, Veggieaufstrich, Stil, Expertise, Yogastudio, Dufflecoat, Konferenzsitzung, Hutmacherei, Babyschwimmen, Alpaka-Decke, geschmackvoll, Fitnessstudio, Sushi, Nachhaltigkeit, Hotelzimmer, Persönlichkeit, ausgewogen, Kronleuchter. Isabell ist Berufsmusikerin, Cellistin, Georg arbeitet als Journalist für eine große Zeitung. Unausgesprochen, aber eindeutigen Hinweisen nach zu urteilen ist Hamburg ihr Zuhause, übertragbar sind die Ortsbeschreibungen jedoch auf jede beliebige großstädtische beste Wohnlage. Die junge Familie lebt idyllisch-urban im begehrten Altbauviertel, die wunderbare Wohnung besitzt Charakter, Blumenläden heißen hier Floristenwerk, Bäckereien nennen sich Manufaktur. So weit, so gut durchgekaut. Als ich zu lesen beginne, möchte ich das Buch schon gleich wieder weglegen: Plakativ wie irgend möglich werden jene Marker für gentrifizierte Strukturen angebracht, als müsse ein feststehender Begriffskatalog abgearbeitet werden – da ist er ja promt, dieser nervtötende bürgerliche Genauigkeitswahn -, und dann geht es eingangs auch noch hinein in die Gedankenwelt einer Cellistin, deren Hände neuerdings vor ihren Einsätzen im Orchester zu zittern beginnen. Ach, lasst mich doch alle in Ruhe mit euren Luxussorgen! Aber Kristine Bilkau gräbt tiefer, der Eindruck von Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit verflüchtigt sich zu Gunsten des Gedankens, dass da eine Autorin sehr gewissenhaft das Sittengemälde einer bestimmten Schicht zu einer bestimmten Zeit zeichnet – ein Portrait, das so detail- und symbolgeladen ist, dass sich in dreißig Jahren, wenn man dieses Buch erneut aufschlägt, dieser dann vergangene gesellschaftliche Moment haarklein zum Leben wiedererwecken lassen wird.

Was Bilkau aus den Betulichkeiten einer Wohlstands-Familie herausarbeitet, sind die rissigen Schichten unterhalb der wertigen Oberfläche, die auf einen großen Bruch hinarbeiten. Für Isabell und Georg werden diese Risse zunehmend sichtbar, der Putz wackelt, Reparaturen werden nötig. Aber können behütete Kulturmenschen so was überhaupt, ist Dinge zu reparieren nicht eher Handwerkersache? Zuerst treten die Risse in der Fassade ihres Altbauwohnhauses zu Tage. Isabell stört sich an der Bauplane, die den Räumen die Aussicht nimmt, und an der Dauergegenwart der Handwerker, deren Lärm die Heimeligkeit der Wohnung und den sorgsam getakteten Tagesablauf mit Matti stört. Als sie einen der Handwerker vor ihrem Fenster etwas platt fragt, was er da den ganzen Tag so werkele, erzählt er ihr von den Rissen, den oberflächlichen und den versteckten, den harmlosen und den fatalen, wie man sie entdeckt, unterscheidet, und was man dann tut. Die verblüffte Isabell bringt dem Herren dafür glatt einen Kaffee ans Fenster. Auf anderen Ebenen gilt es ebenfalls die Lehre von den Rissen anzuwenden: Nach der Babypause findet Isabell nur schwer in ihren Berufsalltag zurück, ein Zittern schleicht sich in ihre Finger, durchzieht ihren Arm, versetzt sie in innerliches Beben. Was sie anfänglich zu verstecken versucht, tritt mit unbarmherziger Stärke immer sicht- und vor Allem hörbarer zu Tage und bedroht schließlich ihre berufliche Existenz. Georg, dessen Redaktionstätigkeit von solider Routine geprägt ist, schnappt irgendwann zufällig ein Gerücht auf, das sich nach und nach zu einem handfesten Verdacht auswächst: Die Zeitung – eigentlich eine feste Mediengröße – bleibt vom großen Printsterben nicht unberührt, sie strauchelt. Der Verdacht wird zur Erwartung, schließlich zur Gewissheit: Stellenabbau. Beide betrachten hilflos die Auflösung ihrer beruflichen Identität, und beinahe umfasst dieser Erosionsvorgang auch die Auflösung ihrer Ehe. Das Geld, der Motor aller Leichtigkeit, fehlt plötzlich. Der Geldmangel wird zum Ausgangspunkt eines Risses, der Isabell und Georg sowohl als Personen als auch als familiäres Gefüge massiv destabilisiert. Naiv sind die beiden von Beginn an nicht, sie wissen genau, dass ihr Lebenswandel nur ab einer bestimmten Summe Gehaltseingang funktioniert. Die Liebe in Zeiten der Staffelmiete: ohnehin nicht einfach. Sicherheit bedeutet finanzielle Sicherheit, Zufriedenheit bedeutet finanzielle Zufriedenheit, Zukunft bedeutet finanzielle Zukunft – wie verhält es sich mit dem Glück? Wenn Perfektion zum Standard geworden ist, und Geld alles absichert, auch die emotionale Perfektion – wie geht man dann mit einem Absturz um? Bilkau zeichnet diesen Absturz in dokumentarisch wirkendem Stil nach. In kleinen Alltagsschilderungen protokolliert sie den stufenweisen Verfall einer kontrollierten Wohlfühlwelt. Zwischen Isabell und Georg, die einander ehrlich lieben, schiebt sich plötzlich Unausgesprochenes: Jeder für sich wissen sie nicht mit ihren Ängsten umzugehen, verkapseln sich in Schweigen, treten einander immer verunsicherter und gereizter gegenüber. Dort, wo es unter Pärchen etwas gründlicher kracht, wird unter Eltern oft weitergeschwiegen, dem Kind zuliebe – ein Druckkessel. Zweite Stichwortwolke: erschöpft, Schmerzen, verkrampft, Abgrund, dünnhäutig, Dispo, Verlust, teuer, Discounter, Mieterhöhung, Minderwertigkeit, disqualifiziert, verschuldet, verzichten, Bewerbungen, Abschied, Verlierer, Ende, Grau, Kostenfaktor, sparen, Tränen, egal, unglücklich, billig, bezahlbar, Herzrasen, Kalkulation, ausdruckslos, schuldig, Krankheit, verwundbar, Theatralik, Schwermut, Desinteresse, Geld, abgewiesen, zahlen, Drohung, Drama, verrückt, Trennung, Last, kläglich, nötig, Grummeln, beschädigt, Konto, Kredit, Ohrensausen, beschützen, gnadenlos, Mitleid, frustriert, abwarten, warten, Leere, Defekt, Enttäuschung, Aus. Während dieses Vokabular ihr Umfeld, ihre Sprache und ihre Gedanken zu beherrschen beginnt, beschäftigen sich Isabell und Georg obsessiv mit ihren voneinander unabhängigen Fantasiewelten: Isabell stolpert im Internet über eine Familie, die ihr unsäglich perfektes Leben in wunderschönen Fotos teilt, teilt, teilt, und sie kann es nicht lassen diesen Beiträgen zu folgen, obwohl sie sie quälen. Georg forstet sich zwanghaft durch unbezahlbare Maklerangebote für Landhäuser, Resthöfe, abgelegene, naturverbundene Refugien, und träumt sich durch diffuse Aussteigerszenarien.

Aber wie geht aussteigen? Mit verschiedenen Varianten von Ausstieg werden beide konfrontiert. Georg besucht einen Aussteiger auf dessen Ökohof, einen ehemaligen Verpackungsdesigner, der sich nach der Insolvenz seiner einst extrem erfolgreichen Firma radikal neu erfunden hat: Tierhaltung, Ackerbau, Selbstversorgung, blutjunge neue Freundin. Aber Georg misstraut der Wollpullover-Utopie, er erkennt, dass er hier nicht die gesuchte Sicherheit findet, sondern nur neue (finanzielle) Risiken. Isabell, die sich verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Musiker-Misere sehnt, wird Zeugin einer zwischenmenschlichen Explosion in ihrem Orchester, die die Karriere eines Kollegen von einer Sekunde zur anderen beendet. Doch anstatt Empathie bei ihr auzulösen, bewirkt dieser Knall bei Isabell einen stumpfen Schock. Und schließlich ein Todesfall in der Familie – Isabell und Georg stehen plötzlich vor der direkten Antwort auf die Frage Was bleibt?, und diese Antwort ist ernüchternd. Oder vielleicht doch nicht? Welches Ende die Geschichte um Isabell, Matti und Georg nimmt, wird nicht vollends verraten. Ob Glück, Liebe und Hoffnung sich erstens von ihrer Überidealisierung, zweitens von ihrer Abhängigkeit vom Monetären emanzipieren können, muss man während der abschließenden Kapitel für sich beantworten. Ein Roman, den man unbedingt als Selbsttest lesen sollte, auch oder gerade, wenn er schmerzhaft an innere Risse rührt.


>> Kristine Bilkau, Die Glücklichen (Luchterhand), gebunden €19,99 Vielen Dank an Luchterhand für das Lese-Exemplar!


PROVINZLEBEN // Dorf!

Da denkt man einmal nicht drüber nach und bemerkt im Nachhinein, dass man doch glatt einem Trend gefolgt ist:

Der moderne Mensch will partout ins Grüne. Seit Jahren grassieren in Feuilleton und Sachbuch Berichte über die Neuentdeckung des Landlebens. Es hat sich eine eigene Sparte von Zeitschriften etabliert, deren Sujet eine idealisierte, bisweilen reichlich verkitschte Form des Landlebens ist. Lebensmittel werden epidemisch mit dem Präfix Land- etikettiert. Auch musikalische Zeugnisse von Großstadtmüdigkeit und Sehnsucht nach ländlicher Einfachheit häufen sich.

Vor unserem Wechsel von Kiel nach Hannover kam, nach dem wie üblich nervtötenden Verlauf, den eine Wohnungssuche eben so nimmt, irgendwann der Tag, da uns der Rappel packte. Schluss, aus – keine Lust mehr auf überteuertes Wohnen in beengten Stadtverhältnissen mit tendenziell kinderfeindlicher Nachbarschaft. Und siehe da, nach einigen urbanen Jahren wohnen wir nun also in einem umgebauten Bauernhof.

Fachwerk, roter Backstein, Kopfsteinpflaster. Rechts ein Pferdestall, links die Wohnungen, mittig eine große Scheune und im Innenhof ein mächtiger Kastanienbaum. Der riesige Garten ist eher ein Stück abgeteilter Brachwiese, hinterm Zaun beginnen gleich die Pferdekoppeln – wir sind hier schließlich in Niedersachsen. Störche nisten auf alten Schornsteinen, hinter den Giebeln hausen Mäuse, Marder, Fledermäuse, Schleiereulen. Flüsse und Bäche durchwinden eine pfannkuchenplatte Landschaft aus Weideflächen und Feldern von Weichweizen, Futtermais, Zuckerrüben, Raps, woraus als einzige Landmarke die Kali-Abbau-Halde hervorsticht, ein gewaltiger Steinsalz-Berg, der bei Schlechtwetter die Farbe von Weiß-Grau zu Schwarz wechselt; ein Dorf voller Bergleute und Bauern. Beim Autofahren muss man freilaufende Hühner beachten und höllisch auf die Massen überall herumschleichender Hof-Katzen aufpassen. Die Zahl frei umherstreunender Dorfhunde ist in den letzten zehn Jahren wegen der zunehmenden Autozahl im Dorf auf Null gesunken, doch ansonsten hat die Zeit an diesem Ort in vielen Bereichen kaum ihre Wirkung getan. Die Klänge, die die Ruhe begleiten, sind das Muhen, Schnurpsen und Schnaufen der Kühe, die ewig krächzenden Krähen-Horden, regelmäßig ein dröhnender Trecker, Vogelgezwitscher, Hähne rufen Kikeriki; später im Jahr Grashüpfergezirp, Froschquaken, Mähdrescherbrummen.

Man könnte uns nun für ökoromantische Hipster halten oder für einen Teil jenes grünen Wohlstandsbürgertums, das zwecks naturnahen Lebens massenweise in malerische Dörfchen abwandert. Und: Wäre nicht tatsächlich etwas dran an der Idylle, wären wir ja nicht hier. Nur käme ich nie auf die Idee, als Neuling plötzlich zum Landleben zu wechseln, und auch als Landkind würde ich nicht in ein Dorf ziehen, aus dem ich nicht ursprünglich selbst komme. Ich meine das ernst: niemals.

Hier jedoch bin ich geboren und aufgewachsen, meine Familie ist mehr als alteingesessen: Hier kann (und will) mir keiner was. Es spielt dabei keine Rolle, dass ich, wie der Rest meiner Familie seit jeher, nie mit Freiwilliger Feuerwehr, Schützenverein oder Kirchengemeinde zu tun hatte. Auch die Jahre, in denen ich weg war, entscheiden nicht über die Dorf-Identität. Das regelt ein etwas eigenwilliges, archaisches Geburtsrecht, das sich übrigens auch auf meinen Mann erstreckt, der zwar selbst wohl recht dauerhaft Der-Mann-von-der-Tochter-von bleiben wird, aber trotz fehlender Einbindung ins Vereinswesen nicht als Fremdling zählt. Wir können einen noch so eigenen Kopf haben und als Sonderlinge auffallen – da die Familie über mehr als drei Generationen mit dem Ort verbunden ist, besteht ein unverrückbares Dazugehören auch abseits des Überall-Dazugehörens. Automatisch und ungefragt als Teil des Ganzen vereinnahmt zu werden: Einerseits ist es das, was einen besonders im jugendlichen Alter am Dorfleben in den Wahnsinn treiben kann, andererseits sorgt dieser Mechanismus für ein Klima, in dem auch seltsame Figuren irgendwie besser gedeihen und eine selbstverständlichere Duldung erfahren als andernorts, wo sie zur Rechtfertigung ihrer Eigenarten schon mehr als nur den Familienstammbaum abliefern müssten. (Dass trotzdem getratscht wird – immer, über jeden, von allen -, muss einem klar sein.)

Ich selbst bin bis heute Dörchens Lütsche (die Kleine bleibe ich wohl noch bis Ende 40). Über seine Urgroßmutter definiert zu werden ist hier völlig normal. Außerdem kannte jeder Dörchen, und eine sehr bezeichnende Episode für die Gepflogenheiten in diesem Dorf ist jene, wie meine Mutter und ich einmal auf dem Friedhof (op´n Kaarkhof) am Grab meiner vor Jahren verstorbenen Urgroßmutter standen und uns plötzlich zum ersten Mal aufging, dass dort eigentlich gar nicht Dörchen eingraviert stehen dürfte – schließlich war ihr Name Dora. Weder der Dorf-Arzt, der den Totenschein mit dem Kosenamen ausfüllte, noch der Steinmetz, der Bestatter oder die Pastorin (geschweige denn die restliche Dorfgemeinschaft) wäre je auf die Idee gekommen, dass daran irgendwas nicht stimmen könnte. Befreundet war meine Urgroßmutter übrigens auch mit der Familie, der dieser Hof gehört, auf dem wir nun wohnen. In meinem jetzigen Wohnzimmer ging sie also schon vor 90 Jahren ein und aus. So ist das hier eben.

Die Gentrifizierung werden wir hier wohl nicht einläuten. Doch wer weiß – der Speckgürtel der nahen Großstadt weitet sich zunehmend ins grüne Umland aus, bis statt Gülle und Idylle sterile Neubauviertel und hochglanzrenovierte Althöfe das Bild bestimmen werden. Auch in diesem Dorf gibt es sie schließlich schon, die großstädtisch aufgewachsenen Akademiker, die sich hier niederlassen um vergessene Nutztierrassen nachzuzüchten, und die ersten Bauherren von außerhalb, die die Grundstücke von Bauern aufkaufen, die aus Alters- und finanziellen Gründen ihre Höfe nicht mehr bewirtschaften. Und wir? Ziehen die Gummistiefel schließlich auch nur zum Spazierengehen an.


>> Bilder: aus meinem Dorf und meinem Urgroß-/Groß-/Elternhaus (Grebe, 2015)


OBERFLÄCHENKULTUR // Leider wunderbar: Mac DeMarco, Salad Days


Obacht, ein Hipster-Beitrag! Von den Paradeschnöseln Phoenix als Tour-Support gebucht zu werden, kommt wohl einem zeitgeistlichen Ritterschlag gleich. Und mit seinem aktuellen Album Salad Days folgt der kanadische Singer-Songwriter Mac DeMarco denn auch Kernmotiven modischer Kulturschafferei: der unerträglichen Leichtigkeit des Seins und der Ironisierung alles Unerträglichen. Aber es nützt nichts – ich liebe dieses Album.

Bereits bei Blue Boy, und das ist Track Nummer zwei, war mir klar, ich würde Salad Days tagelang rauf und runter spielen, gleichwohl ich mich irgendwie als unrechtmäßige Besitzerin dieser Musik empfinde. Wie gut, dass dem kleinen Album (sein Umfang beträgt eine süße halbe Stunde) völlig gleichgültig ist, wo es gespielt wird, andernfalls würde es sich in unserem Bonbonfarben-freien Haushalt ohne Dreieck- oder Hirschgeweih-Gedöns wohl etwas fehl am Platz fühlen. Kein Helvetica-Schriftzug weit und breit, keine geometrischen Windspiele vorm Fenster, einzig meine originalen 90er-Jahre-Jutebeutel könnten mit Mühe ein paar Credits einheimsen. Aber egal, in besagten 90ern standen auch Beck (bezüglich DeMarcos eine beliebte Vergleichsperson für die Presse) und Henry Rollins nebeneinander in meinem CD-Regal, ob ihnen das nun gepasst hat oder nicht. Auf diesem CD-Regal lag übrigens ein ungeordneter Haufen Kassetten, auf deren buntbekritzelten Index-Zettelchen sich unter Anderem folgende Namen und Musiktitel fanden:

Gerry Rafferty, Right Down the Line / The Korgis, Everybody´s Got to Learn Sometimes / Fleetwood Mac, Dreams / Al Stewart, Year of the Cat / Neil Young, Heart of Gold / Kenny Rogers, Ruby Don´t Take Your Love to Town / Pink Floyd, Time / Paul Simon, Fifty Ways to Leave Your Lover / J.J. Cale, Call Me the Breeze.

In der Loveparade-Ära natürlich alles geschmackliche Todsünden, aber eben das geschmackliche Vermächtnis meiner älteren Schwestern, und von mir per Tapedeck in mühseliger Sammeltätigkeit beim Radiohören mitgeschnitten. Bis heute bekomme ich angesichts von Softpop-Perlen und 70er-Jahre-Plüschigkeit eine etwas verschämte Gänsehaut, und in den frühen 80ern fühle ich mich ohnehin kinderzimmerwohl.

Als hätte man sämtliche jener Mixtapes zusammen mit dem halben Inhalt des CD-Regals – genau: Beck, aber da waren auch Cake, Pixies, Violent Femmes, Lou Reed und enorm viel Grunge – in einem Mixer getan, so klingt Salad Days. Die abgegriffene Mixer-Metapher musste sein, nämlich der Schrammig- und Schiefigkeit des Klanges wegen: Der Sound kommt zwar urvertraut, aber auch kaputtgemacht daher, die Verzerrungseffekte klingen nach sich anbahnendem Kassettenbandsalat, schwächelnder Walkman-Batterie und dicken Kratzern auf analogen Tonträgern. Herrlich also. Natürlich legt DeMarco damit die selbe Rückbeziehungswut an den Tag, die ich andernorts als nervtötend empfinde: Die vollkommen freie Kombination aus vergangenen Stil-Elementen verbunden mit einem Basis-Paket akuter Trends ist eben der Stil der Zeit, aber solange es keine Prise Originäres darin gibt, kann man seine eklektisch gewählten Referenz-Zutaten noch so hochtourig verquirlen – etwas Eigenes entsteht dadurch doch nicht. Es ist nur so, dass die Liste von Referenzen bei diesem Album so perfekt meinen Nerv trifft, dass ich es unmöglich nicht mögen kann. Ich wünschte übrigens, eine Zeitschleife würde Blue Boy erfassen und im Jahr 1998 auf dem Soundtrack von The Big Lebowski platzieren – soviel zu der Frage, wie sehr ich vielleicht doch selbst rückbeziehungswütig bin. Erwischt.

Textlich betrachtet ist das Album eine Aneinanderreihung postpubertärer Belanglosigkeiten. Geschrieben aus Langeweile, kreisend um Pseudo-Melancholie, undramatische Herz-Wehwehchen und Alltagsstimmungen, sind die Songtexte reinster Wohlfühlkitsch. Voll in Ordnung, denke ich. Ich könnte mich auch, wie sonst, darüber ärgern, dass die kunstschaffende Oberschicht sich mal wieder selbst egal ist – für Augenblicke aber glaube ich tatsächlich, dass DeMarco einfach die kunstschaffende Oberschicht egal ist. Denn mit dem Titel Salad Days ist genau jene schlabberige Gehaltlosigkeit, das Fehlen von Biss, von Brennwert, also die inhaltliche Anspruchslosigkeit, die der Generation Y so vehement vorgeworfen wird, nicht nur perfekt ausgedrückt, sondern perfekt überzeichnet. Ist DeMarco nun ironisierender Hipster – oder doch die Ironisierung des Hipsters? Man beachte, der Mann trägt keinen Vollbart… Wie auch immer: Er steht in meinem CD-Regal. Ich weiß nicht recht, wie seine Nachbarn dort das so finden, aber der gute alte Henry Rollins hat sich mit der Zeit schon an ganz Anderes gewöhnt.


>> Mac DeMarco, Salad Days (Captured Tracks)

Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

OBERFLÄCHENKULTUR // Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Man nehme eine beliebige alternativkulturelle Zeitschrift, schlage sie wahllos auf, blättere zum nächstbesten Bild und lege dann dieses Buch daneben: Schon macht Antonia Baum mit Vollkommen leblos, bestenfalls tot aus jedem noch so aufwändig als voll natürlich zurechtposierten Lächeln einen Albtraum in Bleaching-weiß (siehe oben). Dieser Roman ist giftig, ätzend, hysterisch und wütend, er will energisch klar machen: Hier gibt´s überhaupt nichts, was voll natürlich wäre, und was zu Lachen erst recht nicht.

Wie man in den Wald ruft, so schallt´s hinaus – Antonia Baum hat folgerichtig viel Geschrei geerntet für ihren Roman, als der vor drei Jahren erschien. Aber auch der Odenwald echote schon mal mit Empörung und Geplärr, das war Anfang dieses Jahres, als Baum einen stinksauren Schimpfbericht über ihre Heimat Odenwaldhölle in der FAZ veröffentlichte, für die Baum seit 2012 als Redakteurin arbeitet. Die Wut in Baums Schreiben ist echt: So zynisch und laut und streckenweise kopflos wie sie wird man nicht einfach so aus stilistischen Beweggründen. Echtheit allein aber schützt nicht vor Eigentoren.

Handlung und Geisteshaltung des knapp 240 Seiten kurzen Romans sind schnell umrissen: Alles Dreck, überall Heuchelei, alle Egoisten – man ahnt, das wird anstrengend. Die erste unerträgliche Lüge, die in dieser Hass-Tirade auf die kaputte hochkulturelle Gesellschaftsschicht ausführlich bejault wird, ist die bloße Existenz der Ich-Erzählerin selbst: Die gutbürgerlichen Eltern hatten sich kein Kind gewünscht, die Schwangerschaft war ein Unfall, das Kind war und ist ein ungebetener Gast auf dieser Welt. Von Geburt an ging es also schon bergab für die junge Protagonistin. Wir lernen sie pünktlich zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs aus der verlogenen Heimatidylle inmitten der Provinz kennen. Die Eltern heißen Carmen und Götz, ihre Wohlstandssymptome lauten Selbstbetrug, Egoismus, krankhafte Fassadenpflege, Empathieunfähigkeit. Die Flucht vor Karrierevater, Heuchelmutter und deren Post-Scheidungs-Neupartnerschaften führt die Ich-Erzählerin allerdings nur noch tiefer hinein ins Herz der Finsternis: in die Großstadt, ins Zentrum einer verdorbenen Kulturschickeria. Dort lauern sie auch schon, die hochkultivierten Raubtiere: der Karrierist und somit die Vater-Kopie Patrick, danach der Lügner Johannes, nebenher stutenbissige Kolleginnen, machtgierige und geldverblödete Chefs und Auftraggeber. All jenen hängt sich die Protagonistin jedoch an den Hals.

Sie hängt eben an dem, was sie hasst. Weil sie nichts anderes kennengelernt hat. So haben das die Eltern vorgelebt, so pflanzt sich das in ihrem Wesen fort. Immer wieder liegt die Schuld bei den Anderen, doch die Ich-Erzählerin seziert auch sich selbst: Sie hegt einen ausgiebig kultivierten Selbsthass, der ihrer klaren Erkenntnis entspringt, die Haut der Eltern zu teilen und nicht aus ihr heraus zu können. Der gnadenlose Detailblick, den die Autorin übrigens perfekt beherrscht, und der ekelerfüllte Widerwille gelten im selben Maße der Protagonistin selbst wie ihrem Umfeld. Auf diese Weise entzieht sie ihrer himmelschreienden Wut jegliche Wirkungskraft und macht sie zu ihrer eigenen Ohnmacht. Zwar mangelt es Vollkommen leblos, bestenfalls tot nicht an Szenen, in denen die Wut sich auslebt – es wird brutal, es gibt Backpfeifen, Biss- und andere Blutwunden -, doch was auch immer die Protagonistin austeilt, fällt in der einen oder anderen Form wieder auf sie zurück. All ihre Wut bewirkt nichts, denn sie schlägt keine Ausbruchsschneise, sondern rotiert, sich endlos fortpflanzend, in ihrem hermetisch geschlossenen Lebensraum, dem höheren Gesellschaftskreis. Ihr Job für ein Kulturmagazin endet, nachdem sie, aus Abscheu vor der sich selbst beweihräuchernden Elite, das Magazin kurzerhand sabotiert. Einen anderen Weg um Geld zu verdienen als indem man für Kulturmagazine arbeitet kann sie sich jedoch schwer vorstellen. Sie verlässt ihren Freund, den Art Director, der sie einsperrt und ausnutzt, um sich kurz darauf auf einen Schauspieler einzulassen, der sie betrügt und ausnutzt. Doch sind auch ihre eigenen Gründe um eine Beziehung einzugehen von anderen Kriterien bestimmt als Liebe. Um die Figuren nicht allzu reißbretthaft zu zeichnen, bemüht sich die Autorin bei jeder einzelnen um eine kurze psychologische Grundlagenuntersuchung: Patrick ist kontrollsüchtig, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Johannes ist bindungsscheu, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Zu welchen Ergebnissen die weiteren psychologischen Rückverfolgungen führen – und wovor die Protagonistin selbst eigentlich Angst hat -, darf man nun kreativ raten. Ein wenig Leben in die funktionell dargestellten Charaktere bringt Antonia Baum nur an seltenen Stellen, die inmitten aller Aufgesetztheit echte Gefühlsdilemmata vermitteln: Wie sagt man als empathieunfähige Tochter dem empathieunfähigen Vater, dass man ihn lieb hat? Und warum überlegt man überhaupt, bevor man es sagt? Weil es gar nicht stimmt? Oder vielleicht aus Angst vor einer Antwort, im schlimmsten Falle: Ich dich auch?

Hysterische Pauschal-Wut, Überreiztheit und gleichzeitiges Unvermögen sich zu emanzipieren: Kennt man – wir waren alle mal 15. Angesichts jener Symptome, die sich im hyper-emotionalen Sprachgebrauch (Kraftausdrücke inklusive) und dem schonungslosen Erzähltempo widerspiegeln, muss sich der Roman natürlich den Vorwurf gefallen lassen, über das Niveau des Pubertären nicht hinaus zu gelangen. Thema und Ton bedingen sich jedoch gegenseitig, und welchen Zweck erfüllte es, einen höflichen Roman über gesellschaftliche Katastrophen zu schreiben? Die Frage ist eher, welchem Zweck dieser Roman im Ganzen eigentlich folgt: Sind die Katastrophen darin nicht allesamt selbst gemacht, steht am Ende nicht gutbürgerliches Selbstmitleid als Selbstzweck? Auf die gleiche Art gehadert hatte ich auch mit Christian Krachts Faserland: Eine sprachlich und inhaltlich eindrückliche Schilderung der Verkommenheit der Bildungselite, ja, aber von einem Autoren, der die Präzision seines Blicks nur dem Umstand verdankt, Teil ebendieser Elite zu sein. Kritik an einer Welt, die nur sich selbst betrachtet – mittels literarischer Selbstbetrachtung? Einsicht ist der beste Weg zur Besserung, und so arbeitet sich der Antrieb beider Romane engagiert durch verschiedene Ebenen von Einsicht hindurch, versagt aber jeweils auf dem Weg zu einem konstruktiven Fazit.

Man kann mit Recht genervt sein von dieser sich um sich selbst drehenden Suada Antonia Baums. Sie nach ein paar Jahren wieder hervor zu holen lohnt dennoch: Mir ist in letzter Zeit kein Buch untergekommen, in dem sich eine Autorin oder ein Autor unter vollem Einsatz ihrer Wutkräfte so weit und mit so großer Klappe aus dem Fenster lehnen würden, wie es Antonia Baum in diesem Buch getan hat. Mit der Wut an sich bin ich einverstanden, die lässt sich gebrauchen. Aber ich suche nach Autoren und Autorinnen, die dieser Wut auch ein Angebot zur Kraftentfaltung machen, ihr ein Ziel geben, einen Sinn abseits des Selbsthasses verleihen.


>> Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot (Suhrkamp) TB € 8,99