Thema Weihnachten

WINTER // Wehnachten

Weihnachten – du rotbackiger Nostalgie-Tsunami! Du ach so fröhliche, herzliche, merry Christmas, du dreitägige Bezirksmeisterschaft in Besinnlichkeitssport, du Geschenkekanone und Glitzergranate, du Wirtschaftsfaktor du!
O Weihnachten! Würdest du dich doch bitte mehr als melancholisches, zugleich aber tröstliches Fest inmitten der dunkelsten Zeit des Jahres verstehen anstatt bloß noch als fröhlichfröhlichfröhliche Kitschparty, ach!
Weihnachten. Kinder, die es gut haben, die lieben dich, ja, und auch die gläubigen Christen tun’s – und für die übrigen bist du bestenfalls egal, zumeist jedoch zwiespältig bis problematisch; mir zumindest haust du alljährlich auf die Tränendrüsen mit deiner Kinderlachen-und-Beisammensein-Keule.

Heute die letzten Weihnachtserledigungen getätigt. Erleichtert. Im Drogeriemarkt außerdem die Gelegenheit genutzt, mich an Parfum-Testern zu bedienen: linkes Handgelenk 4711 Kölnisch Wasser, rechtes Handgelenk Tabac Original. Bekümmerte Knitterstirn gemacht, weil ich das Aftershave, das mein Vater immer benutzte, nicht ausfindig machen konnte. Mit brenzligem Geschmack im Mund an die „Schönen Advent“-Whatsapps gedacht, die ich auch diesen Sonntag nicht an diejenigen schicken werde, die sie bekommen sollten, denn weil ich mich bereits so schäbig lange zu melden versäumt habe, traue ich mich nun gar nicht mehr, mich überhaupt zu melden. (Es tut mir ehrlich leid, Ihr Lieben.) Daheim die Taschen im Flur gestapelt, dann ein Graubrot mit Knappwurst (die ich hauptsächlich in dieser weinerlichen Zeit kaufe, so verlangt es das Vermissen) beschmiert und beim Kauen die Nase abwechselnd am Wurstbrot, am linken und am rechten Handgelenk gehabt: Abendbrot mit den Großeltern. Um ein festliches abendliches Beisammensein anno, sagen wir, 1990 zu simulieren, fehlten noch einer der duftseifenaromatisierten Seidenschals meiner Urgroßmutter, ein Frottee-Kinderpyjama, in der Luft ein Hauch Müller-Thurgau halbtrocken und blauer Qualm Marke Krone oder Ernte 23. Noch was? Die Große-Mädchen-Düfte meiner Schwestern. Simon & Garfunkel vom krisselig tönenden Plattenspieler. Hundehecheln. Geklapper mit Schüsseln und Tellern. Der Odem von Bienenwachskerzen. Lachen: Loriot lag den Älteren nicht so, aber Heinz Erhardt liebten wir alltohoop.

Feste

Der Karpfen kocht, der Truthahn brät,
man sitzt im engsten Kreise
und singt vereint den ersten Vers
manch wohlvertrauter Weise.

Zum Beispiel “O du fröhliche”,
vom “Baum mit grünen Blättern” –
und aus so manchem Augenpaar
sieht man die Tränen klettern.

Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum
ist völlig unverständlich:
Man sollte lachen, fröhlich sein,
denn ER erschien doch endlich!

Zu Ostern – da wird jubiliert,
manch buntes Ei erworben!
Da lacht man gern – dabei ist er
erst vorgestern gestorben.

(Heinz Erhardt)


>>Foto: Grebe, 2018

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