Thema Traum

DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben.

Als 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs U-Bahn gefahren, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen, frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.
Einmal fliegen mir nachts die Augen auf, nachdem ich gerade einen merkwürdigen Hasen-Fluch in vollem Gange erlebt habe:
Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein wahres Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen geholt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich postwendend.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


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FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge hier nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde, bald die anderen Autos. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge musste ich wiederum garstige, wespenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

WORAUF WARTE ICH HIER? // Jorge Luis Borges, Die Wartezeit

Jorge Luis Borges

Die Droschke setzte ihn vor Nr.4004 dieser Straße im Nordwesten ab. Es war noch nicht neun Uhr morgens; der Mann bemerkte befriedigt die gefleckten Platanen, das Erdquadrat am Fuß  jeder einzelnen, die schlichten Häuser mit kleinen Balkonen, die Apotheke nebenan, die abgeblaßten Rhomben der Farben- und Eisenwarenhandlung. […] Der Mann dachte, alle diese Dinge (jetzt beliebig und zufällig und durcheinander wie Dinge, die man in Träumen sieht) würden mit der Zeit […] unwandelbar, notwendig und vertraut sein.

Mit diesem Einstieg setzt Jorge Luis Borges den Protagonisten seiner Erzählung Die Wartezeit einsam in einem Randviertel Buenos Aires‘ aus. Dort erwarten ihn eine spärliche Unterkunft, eine verhuschte Haushälterin, ein Alltag in der geduckten Haltung eines Verfolgten. Den Kutscher, der ihn dort abgeliefert hat, bezahlt er versehentlich mit einem uruguayischen Zwanziger, den er seit jener Nacht im Hotel von Melo in der Tasche trug. Der Mann reichte ihm vierzig Centavos und dachte dabei: „Ich bin verpflichtet, so zu handeln, daß alle mich vergessen. Ich habe zwei Fehler gemacht: Ich habe eine ausländische Münze gegeben und merken lassen, daß mich dieser Irrtum stört.“

Eine Kriminalgeschichte könnte sich daraus entspinnen: Was ist in jenem Hotel geschehen? Was hat den Protagonisten dazu gezwungen, über Landesgrenzen zu fliehen, abzutauchen? Oder wer?

[…] als die Frau ihn fragte, wie er heiße, sagte er Villari, nicht in heimlichem Trotz, […] sondern weil dieser Name ihn quälte, weil es ihm unmöglich war, an einen anderen zu denken. Bestimmt verfiel er nicht in den literarischen Irrtum zu meinen, es sei schlau, den Namen des Feindes anzunehmen.

Am Fluchtort angekommen – entkommen jedoch nicht. In seinem Versteck fühlt sich der Mann keineswegs befreit, im Gegenteil erkennt er sich hier als Gefangener seines Feindes, mehr noch, als vollkommen durch ihn „Vereinnamter“: Man ist, was man fürchtet. Villari, der Verfolger, dessen Abwesenheit ihm gleichsam Allgegenwärtigkeit verleiht, führt indirekt Herrschaft über die Gedanken, Träume, den Alltag des Verfolgten. Über Tage hinweg verlässt der Mann seinen Unterschlupf nicht, wagt sich nur gelegentlich im Schutz der Dunkelheit hinaus, um ein Kino zu besuchen, verkriecht sich, liest. Besonders gründlich die Zeitungen, aber nicht etwa, um wenigstens lesend am Leben der Außenwelt teilzuhaben, sondern in der Hoffnung, womöglich etwas über Villari in Erfahrung bringen zu können. Im Kino sieht er Gangsterfilme – sicher kamen in ihnen auch Bilder vor, wie es sie in seinem früheren Leben gegeben hatte -, verlässt jedoch den Kinosaal jeweils vor Filmende. Wohl möchte er die Berührung mit den ausströmenden Besuchern umgehen. Vielleicht ist es aber auch das Finale, die Abrechnung zwischen den Kontrahenten im Film, die er meidet? Weil sie ihn zu sehr betrifft, oder ihn gerade nicht betrifft? Tagsüber arbeitet er sich gewissenhaft durch eine Divina Commedia, die sein möbliertes Zimmer bereit hielt. Er glaubte nicht, daß Dante ihn zum letzten Höllenkreis verdammt hätte, wo Ugolinos Zähne ohne Ende den Nacken Ruggieris benagen. Ugolino, der von Ruggieri gefangen genommen und zum Hungertod verdammt worden war, frisst nun, während der Ewigkeit der Hölle, an Ruggieris Kopf – auch diese Variante der Abrechnung gehört ins Reich der Kunst, und die Kunst trennt der Mann strikt von seinem Leben: Er sah sich nie als Kunstfigur. Sein Leben ist kein Epos, auch keine Kriminalgeschichte, sondern ein Wartetraum: Während Realität durch Handlungen produziert wird, gleicht das Leben des Mannes mehr dem verarbeitenden Prozess Traum, ist passiv, Zeit und Raum haben darin ihre Verbindlichkeit verloren. Sein eigenes finales Zusammentreffen mit seinem Feind vollzieht sich nicht einmalig, sondern in Dauerschleife – in Gedanken, in Alpträumen. Indem das Finale so vorauswirkt, ohne tatsächlich zu geschehen, ist die Wartezeit das eigentliche Finale: In seinem Warten besteht das eigentliche Kämpfen des Mannes mit seinem Feind Villari.

Gegen Morgen träumte er oft einen Traum gleichen Inhalts mit veränderlichen Umständen. Zwei Männer und Villari betraten mit Revolvern sein Zimmer oder überfielen ihn, wenn er aus dem Kino kam, oder waren alle drei zusammen der Unbekannte, der ihn angerempelt hatte, oder erwarteten ihn traurig im Patio und schienen ihn nicht zu kennen. Wenn der Traum zu Ende war, nahm er den Revolver aus der Schublade des Nachttischs dicht neben seinem Bett (und tatsächlich bewahrte er in dieser Schublade einen Revolver auf) und schoß ihn auf die Männer ab. Der Knall der Waffe weckte ihn, aber immer war es nur ein Traum, und in einem anderen Traum wiederholte sich der Überfall,  und in einem anderen Traum musste er sie wiederum töten.

Schließlich – an einem trüben Morgen – stehen Villari und ein Unbekannter vor dem Bett des gerade aufwachenden Mannes und richten ihre Waffen auf ihn. Er dreht sich von ihnen ab, stellt sich schlafend oder kehrt vielleicht sogar schnell zurück in seinen Schlaf. Tat er es, um das Mitleid derer, die ihn töteten, zu erwecken, oder weil es weniger hart ist, ein schreckliches Ereignis hinzunehmen, als es sich immerzu vorzustellen und endlos darauf zu warten, oder […] damit die Mörder ein Traum seien, wie sie es am selben Ort, zur selben Stunde schon so oft gewesen waren? Der darauf folgende Schlusssatz lautet: In dieser Magie befand er sich, als der Schuß ihn auslöschte.

Ihn, den Mann? Oder doch seinen Traum?


Die Erzählung Die Wartezeit findet sich in:

>>Jorge Luis Borges, Das Aleph – Erzählungen 1944-1952 (Fischer), €8,95

NACHTEINSAMKEIT // Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht

Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Sonja Grebe)

2014 jährt sich der Geburtstag des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar zum hundertsten, sein Todestag zum dreißigsten mal. Grund genug ihm (mehr als) eine surreale Lesenacht zu widmen. Auf deren Risiken und Nebenwirkungen darf man sich freuen.

Es ist unerklärlich, wie sehr das Wachsein und das Träumen in den ersten Augenblicken der Erwachens vermischt bleiben und sich weigern, ihre Wasser zu scheiden. (S.109)

So beschreibt Gabriel, Protagonist der Erzählung Rückkehr aus der Nacht, eingangs seinen Verstörungszustand. Aber er scheint damit über den Rand der Erzählung hinaus zu sprechen, denn gleichzeitig artikuliert er in diesem Satz das Grundgefühl des Lesers, der sich in der Cortazár-Dimension verfangen hat: Hier stehen die Grundgerüste von Traum, Realität, Zeit und Raum auf frei beweglichen Füßen. Julio Cortázars Prosa ist in der surrenden, zirpenden, nebelsprühenden Schublade der Phantastischen Literatur zu Hause, wo sie in artverwandtschaftlicher Eintracht neben den Werken von Franz Kafka, Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder seines Landsmanns Jorge Luis Borges liegt – für Bescheidenheit im literarischen Vergleich besteht dabei für den großen JC kein Grund.

Aber zurück zu Gabriel, der mitten in der Nacht erwacht – noch unschlüssig, ob in einem Albtraum oder aus einem solchen -, aufsteht, sich im Spiegel betrachtet und dabei im Spiegelbild seiner eigenen Leiche gewahr wird, die auf dem Bett liegt, ohne ihn. Mit traumwandlerischer Gelassenheit betrachtet Gabriel die Situation zunächst als kniffelig. Eine hochgradige Akzeptanz gegenüber dem Absurden und Erschütternden ist ein weiteres Cortázar-Merkmal, das dem Leser jedoch nach wenigen Seiten keinerlei Verwunderung mehr abringt: An diesem Punkt hat Cortázars Spracheleganz längst den sanften Übergang in die Welt der aufgelösten Maximen bereitet – nahezu unbemerkt, einzig ein seltsam wohliges Unbehagen stellt sich ein. Man wittert gärende Verhängnisse, die in Zeitlupe ihrer Explosion zustreben. Cortázars Kernmotiv ist der Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute. Das eigentliche Opfer dieses Einbruchs findet sich allerdings nicht im Geschriebenen, sondern ist das Ziel des Geschriebenen: Der Leser selbst findet sich unversehens in den vermischten Wassern von Wach- und Traumwahrnehmung treibend. Die phantastischen Elemente stehen nicht unterhaltend im Vordergrund, sondern sind das technische Mittel, um dem Leser Argwohn und Neugier gegenüber der alltäglichen Realität beizubringen, um Gewissheiten zu zersetzen und gewohnte Denkabläufe zu stören. So also auch in Rückkehr aus der Nacht: Da träumt jemand, er sei gestorben, denkt man, und fixiert damit bereits seine Vorstellung, es handele sich bei dieser Erzählung um eine Traumschilderung. Gabriel, so heißt der Erzähler mit Namen. Das erfährt man so nebenbei, aber es führt eine gedankliche Vollbremsung herbei: Erzengel Gabriel, denkt man jetzt – zuständig für Deutungen von Visionen, Engel der Verkündigung und der Auferstehung. Stopp. Nochmal von vorn lesen, um festzustellen, dass man im ersten Anlauf nur gedacht hat, man lese genau, denn nun liest man ganz anders. Aber das war erst der Anfang, und Cortázar ist längst noch nicht fertig. Mit uns.

Sein sicherer Sinn für das Verunsichernde mag wohl zurückgehen auf Cortázars Biographie, die eine Reihe von Weltenwechseln und privaten Brüchen beinhaltet. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Brüssel als Sohn eines argentinischen Handelsattachés geboren, wird Cortázar als Kleinkind im erschütterten Europa hin und her verpflanzt, bis die Familie schließlich nach Buenos Aires zurückkehrt. Dort verlässt der Vater die Familie und verschwindet spurlos. Julio wächst als kränkelnder Junge unter Frauen auf, die Mutter versucht die Familie mit einem Bürojob zu ernähren, der Gemüsegarten und das Hausvieh der Großmutter verhindern das Verhungern. Überliefert ist eine Geschichte, nach der Julio daran verzweifelt, dass die von ihm angepflanzten Nudeln einfach nicht wachsen wollen. Angesichts des sich weiter verschlimmernden Elends flieht der Junge sich in eine eigene Welt, das Lesen, die Bücher – alle Bücher, zu denen sich ihm in seiner Armut irgendein Zugang bietet. Der literaturhungrige Junge wird später Lehrer, in den 1940ern sogar Professor für französische Literatur. Unter dem Peron-Regime jedoch emigriert er nach Europa, wo er als Schriftsteller und Übersetzer arbeitet. Dreimal ist Cortázar verheiratet, seine letzte Ehefrau, rund dreißig Jahre jünger als er, stirbt nur drei Jahre nach der Heirat. Cortázar bleibt auf dem Kontinent seiner frühen Kindheit und stirbt in Paris.

Die Erzählungen Cortázars in der oben abgebildeten Sammlung Rückkehr aus der Nacht (zusammengestellt und mit einem Nachwort von Clemens Meyer) sind ein einladender Einstieg in sein umfangreiches literarisches Werk, das von einem ungezügelten literarischen Spieltrieb und hochkonzentrierter Sprache geprägt ist. Sein Meisterwerk Rayuela, dt. Himmel-und-Hölle, war eines meiner wichtigsten Lese-Erlebnisse.

Cortázar nachts lesen? Unbedingt! Wer nicht aufpasst, liest sich durch die Nachtstunden, hat damit aber den Schlaf gegen etwas Wertvolleres getauscht. Das manipulative Erzähltalent Cortázars ist besonders wirksam, wenn man – ebenso nachteinsam wie Gabriel – den vermischten Wassern ungestört erlauben kann Zeit, Raum und Realität um sich herum zu unterspülen. Und weil für Cortázar selbst die eigene Jenseitigkeit kein schriftstellerisches Hindernis ist um die Fließbewegungen unserer Gedanken zu steuern, nimmt er, während wir ihn lesen, an einer Stelle schon vorweg, wie sich unsere eigene Rückkehr aus der Nacht anfühlt:

Und das Orchester des Tagesanbruchs stimmte leise seine kupferfarbenen Instrumente. (S.117)


>>Julio Cortázar via Suhrkamp Verlag

>>Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Suhrkamp), €8,90