Thema Provinz

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Sven Amtsberg, Superbuhei

Langenhagen

Kennen Sie zufällig Langenhagen? Nicht nur den Flughafen, meine ich? Ich schon. Das ist eine dieser Vorstädte, die den Tellerrand Hannovers bilden, und der Tellerrand ist nun einmal nicht dort, wo das Schnitzel platziert wird, sondern wo sich ein schlaffes Salatblatt und die Pommes befinden, die als erste auskühlen. Dort, wo die letzten, müdesten Ausläufer des großstädtischen Gebiets auf die ländliche Region treffen. Das ist Ödnis für Fortgeschrittene. Dort wohnt Jesse Bronske.

Was macht man so in Langenhagen? Nicht viel. Aber nicht zuletzt: viel saufen. Einigen lokalen Gewohnheitstrinkern ist Jesses Kneipe ein Zuhause geworden. Das Klaus Meine liegt, wie anderswo Bäckereifilialen oder Blumenläden, im Eingangsbereich eines Supermarktes – dem örtlichen Superbuhei. Vom Tresen aus hat Jesse einen guten Blick auf seine Freundin Mona, sonnenbankgebräunte Kassiererin und, wie Jesse sagt, „eine Sitzschönheit“. Erfreulichere Ausblicke bieten sich nirgends, nach Abwechslung sucht man hier vergebens. Im Klaus Meine – das Jesse zwar aus juristischen Gründen umbenennen musste, der Einfachheit halber in Kleine Maus, was aber von ihm wie von der Stammtrinkerschaft konsequent ignoriert wird – laufen pausenlos die Songs der Scorpions, allmorgendlich eingeleitet von Wind of Change; das illustriert schön das Ausmaß der Tristesse des Bronske’schen Alltags, sowie das ironische Gemüt des Sven Amtsberg.

Während Musik und Trinkergefasel Déjà-vu-Ketten produzieren, spielt sich Jesses Leben im Ganzen ebenso als Wiederholungsschleife ab: Aus „dem brackigen Becken der Gewöhnlichkeit“ nämlich, worin Jesse sich abstrampelt, schafften es schon seine Eltern nicht heraus. Die Parallelen zu Jesses eigenem Lebenslauf sind so deutlich, dass er zu der Überzeugung gefunden hat, die Durchschnittlichkeit seiner Eltern, an und unter der sie so sehr litten, sei eine auf ihn übergegangene Erbkrankheit. Statt einer Kneipe in einem Supermarkt, betrieben die beiden einen Imbiss auf einem Supermarktparkplatz. Und ganz ähnlich, wie Jesse vertrauliche Briefe an Klaus Meine schreibt, zwängte sich Vater Bronske seinerzeit in einen weißen Glitzeranzug, um sich seinem Idol nahe zu fühlen, und brachte es als „Elvis von Rahlstedt“ zu kläglicher Berühmtheit. Dort nämlich, in Rahlstedt, Hamburger Nordost-Tellerrand, lebten sie damals: Vater, Mutter, Jesse – und Aaron. Solange jedenfalls, bis erst Mutter, dann Vater verschwand, und es für Jesse bald mit Aaron nicht mehr auszuhalten war.

Was Jesse rückblickend über seine Kindheit und Jugend, seine Eltern und den Bruder vor sich hin sinniert, lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner herunterkürzen: das erfolglose, sich in Oberflächlichkeiten erschöpfende Ringen um Größe, Sichtbarkeit, Liebe. Und wenn das, in Zeiten von Selfie und Clickbait, von filtergeschönter Selbstpräsentation und der Marktschreierei der Egos, kein hohes Identifikationspotential besitzt, dann weiß ich’s auch nicht – heutzutage sind wir schließlich alle ein bisschen Bronske, manche vielleicht mehr, manche vielleicht weniger. Mutter trat erfolglos im Laientheater auf, klapperte regionale Schönheitswettbewerbe ab und bekam das Heulen über den Grillfettgeruch, der so hartnäckig von ihrer Haut Besitz ergriffen hatte, dass er sich schließlich nicht einmal mehr durch ausgiebiges Baden beseitigen ließ. Vater versuchte sich, bevor er vollends Elvis wurde, als fiebriger Erfinder, außerdem als Salzteigkünstler. Die Bronske-Brüder probierten es mit einer Metal-Band, von der sie beide als Metal-Duo übrig blieben, bis sie das mit der Musik am Ende einfach ganz an den Nagel hängten.

Für Jesse folgte der Abgang nach Langenhagen – aber wie ging’s mit Aaron weiter? Und warum verschanzt sich Jesse allabendlich im gemeinsam mit Mona bewohnten Haus, hat sich eine Schusswaffe organisiert und starrt beunruhigt ins wogende Maisfeld, das direkt hinter der Grundstücksgrenze beginnt?

Wem von klein auf ein erbittertes Streben nach Besonderheit vorgelebt, wem eingetrichtert worden ist, dass allein individuelles Hervorstechen – und sei es auf dem banalsten oder albernsten Gebiet – die Basis liefert, um geliebt zu werden, um zu überleben gar, der verteidigt jegliche Einzigartigkeit, die er für sich zu beanspruchen vermag, mit allen Mitteln. Und gegen jede Konkurrenz. Angesichts der elterlichen Vorarbeit, die im Hause Bronske diesbezüglich geleistet wurde, verwundert es nicht, welche Abgründe sich da zwischen Jesse und Aaron, den eineiigen Zwillingsbrüdern, auftun.

Je härter Jesse sich gegen Aaron verteidigt, desto mehr kommt ihm abhanden, was noch zu verteidigen wert ist, und das ist ohnehin schon herzlich wenig. Vor allem droht Mona sich zu verabschieden. Langsam bekommt sie es nämlich mit der Angst zu tun – aber nicht wegen Aaron. Sondern wegen Jesse selbst. Denn Mona, die Aaron noch nie begegnet ist und seltsam findet, dass es keine Fotos gibt, die beide Brüder zusammen zeigen würden, glaubt nicht daran, dass Aaron überhaupt existiert. Schließlich wäre Jesse nicht der Erste, dessen Psyche in Reaktion auf die Unerträglichkeit der eigenen Alltagstristesse eine Persönlichkeitsstörung ausbrütet. Sicher, denkt man altklug, Jesse tickt nicht ganz sauber. Nur kommt man nach und nach ins Schwanken: Indem Amtsberg das Normalwesen dermaßen grotesk überzeichnet, dass hier eine bis auf die Knochen gestörte Kollektiv-Psyche offenbar wird, zeigt sich, dass es vielmehr die Anderen sind, die ganz und gar nicht sauber ticken, und so fragt man sich, ob es nicht eher ausgerechnet Jesse ist, dessen Urteil man trauen sollte.

Wäre dieser Roman ein Zimmer, dann wär’s wohl das eines mittel-uncoolen Teenagers anno 1995, das, ganz ironisch, flächendeckend mit Scorps- und Elvis-Postern plakatiert wäre – aus der Stereoanlage aber käme rund um die Uhr das Geschrammel der Hamburger Schule. Zu nicht unerheblichen Teilen hatte ja auch die ihre Wurzeln in der Provinz. Ähnlich, wie deren später auf den Plan getretene Dunstkreisgenossen: der musikalische Klüngel ums Grand Hotel van Cleef etwa, oder das Entertainmentkunstprojekt namens Studio Braun. Und genauso, wie Amtsberg selbst, der gebürtiger Langenhagener, seit den Neunzigern in der Hansestadt ansässig und dort prima vernetzt ist. Jedenfalls: In Superbuhei quält sich Jesse so hilflos mit der Bitterkeit des Gewöhnlichen herum, dass er glatt einem Song von Tocotronic oder Die Sterne entstiegen sein könnte. So distinguiert, wie man das vom Diskursrock her kennt, kommt Amtsbergs Romandebüt aber nicht daher – der Ton erinnert mitunter eher an den eines Rocko-Schamoni-alias-Georgie-Snyder-Telefonstreichs. Wer’s mag; nur käme der Roman, der durchaus mit Thriller-Elementen hantiert, im Ganzen sicherlich etwas zugkräftiger voran, hätte Amtsberg auf die ein oder andere Szene verzichtet, deren Skurrilität mehr dem Selbstzweck als der Story dient. Klar ist es witzig, dem Marktleiter des Superbuhei den Namen Stanislawski zu verpassen – kleine Anspielung auf den Sankt-Pauli-Kulttrainer, der seinen Trainerjob irgendwann aufgab und stattdessen überraschenderweise einen Rewe in Winterhude als Marktleiter übernahm. Klar auch, dass man in einem Roman, der ein bisschen Milleustudie unter Trinkern und Proleten betreibt, um ein paar eingestreute Kalauer nicht herumkommt – und die Sprache der Hauptfiguren, die bis zum Hals in jenem Millieu stecken, dem herrschenden Umgangston ein Stück weit angleichen muss. Dass Amtsberg streckenweise etwas zu ausgiebig in derlei Kleinkram und Kolorit badet, lässt allerdings eine Grundfrage, die vom Plot transportiert wird und in der es um Abgrenzung und Eigenständigkeit geht, aus dem Fokus geraten: Wo hören die Anderen auf und fängt das Ich an?


>>Sven Amtsberg, Superbuhei (Frankfurter Verlagsanstalt), gebunden, €24,-


Foto:Grebe

PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

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[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels einer reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe; es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt kräftig auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren, schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit – da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum unfeinen Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht: Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihn nun endgültig in die Finger kriegt und ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner in den Boden zu stampfen oder am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem kraftstrotzenden Dockarbeiter von einst nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John bei seinen Bemühungen zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte in Bewegung, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate, mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt raketenartig von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker. Und als sei der hiesige Mob nicht schon explosiv genug, halten nun zusätzlich Fan-Scharen aus Pottville in der Stadt Einzug wie eine Horde von apokalyptischen Reitern.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist vielleicht das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

PROVINZLEBEN // Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern

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Normalerweise höre ich keine Musik nebenher, während ich lese oder schreibe. Nie. Jetzt aber will ich etwas über Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing ins Laptop tippen – und dazu muss ich entschiedenermaßen das  Küchenradio anknipsen und NDR 1 Niedersachsen dudeln lassen, sonst fehlt mir hier was.

Wer den ländlich-norddeutschen Alltag nicht so richtig kennt, der versteht auch das mit dem Radio nicht so richtig, das in solchen Ortschaften, deren Skyline, wenn’s hochkommt, aus Kirchturm, Getreidesilo, Windrädern und Biogasanlage besteht, im Hintergrund eines jeden Haushalts, eines jeden landwirtschaftlichen Betriebs permanent irgendein Regionalwelle-Programm abdudelt. Und der versteht auch das mit dem ewigen Likörsaufen nicht; oder das mit dem Rechtsrock, und wie verbreitet es unter den Kids und jungen Erwachsenen ist, den zu hören; oder wie dramatisch sich die Milchpreisentwicklung auf Familienbetriebe mit kleinerer Viehwirtschaft auswirkt; oder wie normal es in so einigen Familien, in so einigen Gegenden ist, Diskussionen lieber mit körperlichen Mitteln auszutragen, und wie schwierig es das besonders den Mädels macht, da nicht automatisch und ununterbrochen den Kürzeren zu ziehen im Leben.

Und der versteht auch nicht, wie man als Mädel so blöd sein kann, sich, aus einer Laune heraus, zu wildfremden Typen in den Wagen zu setzen und nach Hamburg mitnehmen zu lassen, ganz spontan und direkt vom Feldrand weg, nur um dann schön doof dazustehen, so in Gummistiefeln, irgendwo in Hamburg. – Das verstehe ich wiederum ziemlich gut.

Der Bach, der nahe an meinem Elternhaus vorbeiplätschert, vereint sich mit ein paar weiteren Rinnsalen zu einem Flüsschen, und dieses Flüsschen ergießt sich, etwas weiter weg, in einen richtigen Fluss, und dieser Fluss läuft, in der Ferne, einem großen Strom zu, und dieser große Strom, der mündet schließlich ein ins große Meer. Und die Dorfstraße, an der ich mir als Jugendliche die Beine in den Bauch stand, während ich auf den Schulbus wartete, die geht über in eine holprige Kreisstraße, und die Kreisstraße, die führt zur vielbefahrenen Bundesstraße, und über die Bundesstraße kommt man zur Autobahn, und die Autobahn, die bringt einen in die große Stadt. Einfach irgendwo einsteigen, mitfahren so weit es geht, und weg bin ich – ging mir manchmal genauso durch den Kopf. Aber wenn man vom Dorf kommt, traut man den Auswärtigen nicht, versteht sich, und zu einem von denen ins Auto steigen, einfach so, das täte man nie und nimmer. Zweitens ist man, nur weil man Landkind ist, ja nicht gleich doof, wie das manche Städter gern glauben, und darum plant man seinen Abschied vom Landleben lieber gründlich und nachhaltig, anstatt Hals über Kopf auszubüxen und damit in einen Haufen Schwierigkeiten zu geraten. Und drittens halten Auswärtige auf Durchreise sowieso eigentlich nie im Kuhdorf an.

Christin, Mitte zwanzig, ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ist dagegen herzlich egal, was für Schwierigkeiten sie erwarten könnten, als sie sich kurz mal von daheim absetzt, so auf die unüberlegte Tour. Das mag nach Dummheit aussehen, aber was Christin antreibt, ist natürlich die reine Verzweiflung: Wenn man, wie eben Herbings Anti-Heldin, aus einem solchen Niemandsort wie Schattin in Nordwestmecklenburg kommt, dann bleibt einem schlechterdings nichts anderes übrig, als ab und an irgendeinen potenziell lebensgefährlichen Blödsinn zu verzapfen, sonst erlebt man nämlich nichts. Gar nichts. Nie.

Seit Christin bei ihrem Freund Jan und dessen Eltern auf dem Hof eingezogen ist, hilft sie beim Melken und Kühetränken und guckt dabei zu, wie ihre Hände nach und nach schwielig werden. Heiraten, Kinder kriegen, den Hof übernehmen – alles schon vorgezeichnet. Von Quasi-Schwiegervater Frank gibt’s ein monatliches Taschengeld und eine Menge giftiger Sprüche. Und ob das zwischen ihr und dem humorlosen, schnell aufbrausenden Jan nun Liebe ist oder bloß, na ja, irgendwas, das fragt sich Christin vorsichtshalber nicht allzu ehrlich. Zwar graust ihr vor dem Leben zwischen Küche und Kuhstall, das ihr da blüht, nur sieht es mit Alternativen ziemlich mau aus. Frisörin hatte sie mal werden wollen, aber ihr Ausbildungsbetrieb ging insolvent; der Vater säuft, die Mutter ist irgendwann einfach verschwunden, spurlos. Weit und breit also keine Familie, auf die man bauen könnte, und kein Job in Aussicht. Damit ist sie in Schattin nicht allein, aber weniger einsam fühlt sie sich darum noch lange nicht. Und während Christin in Gummistiefeln durch Ackerboden und Mist stapft, guckt sie den Flugzeugen nach, die von Lübeck aus, das bloß einen Steinwurf und doch eine Welt weit weg ist von Schattin, in alle Himmelsrichtungen fliegen.

Dort, wo der Norden besonders strukturschwach ist, ist man schon froh, sich so gerade eben durchschlagen zu können, von Träumen kann da keine Rede sein. In Schattin hat man nach der Wende einfach nicht die Kurve gekriegt: Die Alten trauern den alten Zeiten hinterher – als LPG, da war man noch wer -, und die Jüngeren schmoren in trostlosen Arbeitswelten oder in trostloser Arbeitslosigkeit vor sich hin. Auf den immergleichen Schlagerpartys wird rumgehangen und gesoffen. Die immergleichen Freunde bauen die immergleiche Scheiße; manche allerdings haben sich inzwischen schon totgefahren. Als Mädchen hat man nichts zu melden, aber anstatt sich darüber zu beklagen – besonders dann, wenn wieder mal einer grob zu einem geworden ist -, kippt man sich halt noch einen Kirschlikör hinter die Binde. Da kann man beinahe verstehen, weshalb Christin sich einem doppelt so alten, schnauzbärtigen Windanlagentechniker aus Hamburg an den Hals wirft, obwohl sich die Beziehungs- oder wenigstens Fluchtoption, auf die Christin spekuliert hatte, allzu vorhersehbar als Rohrkrepierer entpuppt. Ziemlich gut verstehen kann man, warum sich Christin mitunter zu boshaften, heimlichen Zerstörungsakten hinreißen lässt: Um Schattin zu verlassen, fehlen ihr die nötigen Mittel; um sich hier, in ihrem grobschrötigen Umfeld zu behaupten, fehlen ihr die Kraft und der Wille; aber um diese öde, rohe Welt zu sabotieren und es ihr auf diese Weise heimzuzahlen, dass sie es ihrerseits wirklich nicht gut meint mit Christin, dafür genügt manchmal ein Taschenmesser, oder ein Feuerzeug, oder ein bisschen Rattengift.

Wenn Christin von alledem erzählt, in ihrer abgestumpften Art, durch die viel Elend, viel unterschwellige Aggressivität hindurchblitzen, wünscht man ihr sehr, dass sie es nach draußen schafft, weg aus Schattin, irgendwie. Gleichzeitig weiß man ganz sicher: Das wird nix. Oder wenigstens nicht mit heiler Haut. Ein paar Tage im Hochsommer – länger hält Herbing sich erzählerisch nicht auf in Schattin, und mehr braucht es auch gar nicht, um zu verdeutlichen, weshalb das mit der Autodestruktion in so hundseinsamen, lieblosen Landstrichen wie diesem ein solcher Breitensport ist.

Um mit dem zeitgenössischen, florierenden Missverständnis aufzuräumen, Landleben sei die pure Idylle, schwingt Niemand ist bei den Kälbern eifrig die Realitätskeule. Alina Herbing selbst besitzt die nötige Credibility, um sich übers Land auslassen zu dürfen: Geboren in Lübeck, aufgewachsen allerdings in einem winzigen Dorf im Meck-Pomm der Nachwendezeit – der Autorin des Heimatkollerromans kaufe ich sofort ab, dass dessen Bitterkeit von Herzen kommt. Nur hat Herbing hier allzu gründlich geliefert. Es wirkt, als hätte sie beim Schreiben eine Checkliste abgehakt: Kühe, Trecker, Windräder, Hunde, Hühner, Alkohol, Freiwillige Feuerwehr, Zeltfeten, überkommene Geschlechterrollen, Esoterikglaube, biedere Wohneinrichtungen, usf.; Erzählprinzip Was muss, das muss. Und wegen ebendieser Mustergültigkeit wirken die Figuren und ihre Kulissen zumeist schon arg blutleer. Zufällig korreliert das freilich mit dem Sujet: Den quälend drögen Alltag in einem abgehängten Landstrich beschreibt Herbing umso glaubwürdiger, indem sie auch literarisch keine großen Experimente veranstaltet. Das Bild eines Fliegenfängers samt dran klebenden Zappelinsekten wird pflichtschuldig als Allegorie des zähen, vergeblichen sich Abstrampelns im Leben bemüht. Ein Nandu, der aus einer Farm ausgebrochen ist, wird als Symbol für Freiheitswillen, für exotische Unangepasstheit, plakativ in die Geschichte hineingepflanzt und am Ende verheizt. Das ist im Großen und Ganzen so ordentlich aufgebaut, so brav nach Lehrbuch installiert; das wäre auch prima als Lektüre für den Deutsch-LK. Lebendigkeit bricht da eher selten durch – aber wenn, dann immerhin mit Wucht, und in diesen Momenten schafft der Roman dann doch etwas besonderes: Er belässt es nicht dabei, die Verschlafenheit, Kleinkariertheit, Beengtheit des dörflichen Alltagslebens nachzuzeichnen, sondern traut sich außerdem, die darunterliegende Härte zutage treten zu lassen. Dies ist ein Land-, aber kein Familienroman, und zu sich selbst findet hier auch keiner, sondern es geht um eine Mittzwanzigerin, die sich selbst dann nicht beschwert, als einer eine Zigarette auf ihr ausdrückt. Während sich bloße Tristesse und Einsamkeit dagegen notfalls noch unter den Landkitsch-Teppich kehren lassen, wagt sich Niemand ist bei den Kälbern in einzelnen Szenen an schmerzhafte Kaltschnäuzigkeit, an beiläufige Brutalität und andere harsche Varianten dörflicher Lebensrealität heran und jagt dabei jeglichen Anflug von Landromantik durch den Schredder. Das ist allemal sehr lesenswert.


>>Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern (Arche Literatur Verlag), 20,00€


Foto: Grebe, 2017

FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf

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Übern Stacheldrahtzaun rüber, hinaus ins Gewucher (so ging jede Kinderhose kaputt). Viehweiden. Brachfelder. Feuchterdige Auwiesen. Vereinzelt gedrungene Kopf- und Silberweiden; Pappelreihen schlaksen aus Uferböschungen hervor. (Viel Zeit hatte ich, und immer ein altes Marmeladen- oder Einmachglas dabei für Schneckenhäuser, Mauseknochen, Samenkapseln und tote Insekten.) Meist ein kleiner Wind, der die Haare kraust, die er schon nicht mehr zu fassen kriegt, wenn man sich leeseits beim Holunderknick hinsetzt oder aber in vergessenen Scheunen stöbert. Mancher Jagdsitz längst verwachsen mit seiner Eiche (einmal brach mir eine Leiter unter den Füßen und ich blieb ein ängstliches Weilchen lang da oben, mitverwachsen). Im Frühjahr das Wyywitt der Kiebitze, im Sommer Feldlärchengeträller, im Herbst hohes Gabelweihengeschrei, im Winter das Quorren und Braaken der Krähen; ewig das Tscheckern der Elstern. Insektisches Hintergrundsurren während der Wärme. Wasser wächst frühlings aus den Senken hinaus, überläuft die Ebene, schwindet in der Hitze zu Rinnsalen in trockenrandigen Betten, kehrt groß im Herbst wieder und friert sich danach zurück in den Boden: vierteljährige Tide der Bäche und Pfuhle. Alles darf, wie es will und wie es muss. Friede, durch den man stakst – der aber wegbrechen kann von einem Moment auf den anderen: Wenn man ein mächtiges Gewitter auf sich zurollen sieht und zu weit draußen ist, um es rechtzeitig zu einem Unterstand zu schaffen. Wenn ein Morast die Füße bis über die Knöchel schluckt und nicht wieder loslassen will. Wenn man auf seine Hand schaut und den rostigen Nagel sieht, den man sich beim Klettern hineingerissen hat. (Ein andermal saß ich, meinen Proviant kauend, im hohen Gras, verscheuchte die seltsam vielen Fliegen mit meinem angebissenen Müsliriegel in der Hand und wunderte mich über einen Geruch wie von ranziger Butter, bis meine andere Hand, durchs Gras tastend, einen gärigen Katzenkadaver fand.) Friede und Schauer liegen nah beieinander. (An Tümpel und Fluss hielt ich völlig zeitverloren Ausschau nach dem kleinen Wassermann, glaubte oft, ihn gesehen zu haben und freute mich; ebenso oft rannte ich schnell davon – nur weg, nur nach Haus! – in panischer Kinderangst vor der Russalka.)


Zwischen Niemandsstadt, Niemandsland und Niemandsfluss spielt Henning Ahrens‘ Roman Lauf Jäger lauf.

Während der Fahrt nach Nillberg schaut Oskar Zorrow aus dem Zugfenster und entdeckt in der vorbeiwitschenden Landschaft einen Fuchs. Auch der Fuchs sieht zu Zorrow und blickt ihm direkt in die Augen. Da steht Zorrow auf, geht zur Tür und zieht die Notbremse. Auf offener Strecke liegt nun ein stillstehender ICE und ein Mann springt hinaus, um einem Fuchs nachzujagen.

Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt – schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.

Von dem nahen Gutshof und den rätselhaften Bewohnern, die ihn besetzt halten, weiß Zorrow da noch nichts. Doch wird er von ihnen bereits erwartet.

Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege. „Wirst du schießen?“ „Wie lautet Johns Bitte?“ „Wir sollen uns ‚kümmern‘.“ Ohneland grinste in sich hinein. „Was zu deuten wäre.“ Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abzuschneiden. Die Grillen geigten ihren Psalm.

Nachdem die beiden Gestalten sich gekümmert haben, erwacht Zorrow gefesselt im ungenutzten Viehstall des Gutshofs. Von nun an steckt er fest in einer isolierten Welt, deren Regeln sich ihm nicht erschließen. Eine sonderbare Clique hat sich hier im verlassenen Herrenhaus verschanzt. Widergänger seien sie; Zorrow versteht nur Bahnhof. Ihr Oberhaupt John Schmutz – Egomane, Leuteschinder, früher als freischaffender Maler Teil der Nillberger Kulturschickeria – führt seine Mitstreiter Vera Ribbek, Karl Bustermann und Kurt Ohneland im Kampf gegen den Erzfeind Erk Brandstetter, der offenbar Jagd auf die Widergänger macht. Auch der Fuchs gehört zu Schmutz; womöglich war er es, der Zorrow als mutmaßlichen Spion Brandstetters meldete. Da man Zorrow nach eingehender Prüfung für harmlos befunden hat, den Eindringling nun aber nicht mehr gehen lassen mag, wird er aufgenommen in die Gemeinschaft

Man wolle ihn, so hatte Schmutz am Abend, auf dem Sofa liegend verkündet, zum Widergänger machen. Auf seine Frage, wie das vor sich gehen solle, hatte Schmutz ihn bei den Haaren gepackt, zu sich herangezogen und gezischt, er werde schon sehen. […] Neben einer von Brombeeren umrankten Kuhhütte hatten sie Halt gemacht und Aufstellung im Kreis genommen. Schmutz brüllte ein „Horrido!“, welches von seinen drei Gefährten mit „Joho! Joho! Joho!“ beantwortet wurde. Dann wies der Maler auf die Augenklappe. „Du bist Erk.“ Sein langer Arm durchschnitt die Luft. „Wir proben den Ernstfall. Ab in die Büsche!“ Oskar Zorrow, welcher nichts begriff, verharrte unter einer Trauerweide und sah, wie Kurt die Luger hinterm Gürtel hervorzog und lächelnd entsicherte. „Verstecken, Oskar.“ Der Vollbart, dessen Hemdkragen durchnässt war von Schweiß, raunte ihm zu. „Kurt wird uns suchen.“

Und töten – und doch sind am nächsten Tag sie alle wieder beisammen, als sei nichts gewesen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Frage stellt, ob Oskar Zorrow es hier mit tatsächlichen Untoten zu tun hat oder mit Gebilden seiner Fantasie; die Antwort darauf bleibt dem Geschmack der Leserschaft überlassen.

Schmutz steckt Zorrow in ein Kleid, nutzt ihn als Modell für seine Ölmalerei und missbraucht ihn schon bald gewohnheitsmäßig. Zorrows Fluchtversuche scheitern: Alle Wege führen, anstatt nach Nillberg, nur immer wieder zurück zum vermaledeiten Landgut. Auf einer Landkarte, die Zorrow entdeckt, hat dieser Niemandsort einen Namen: Morrzow. (Nicht nur der Ort spielt mit Zorrows Namen – die Anderen nennen ihn mal Zorro, mal Sorrow.) Dass der Versuch, aus Morrzow abzuhauen, nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich ist, liegt am verhängnisvollen Nebelgürtel, der es umgibt. Dort verliert man samt seiner Orientierung sein umfassendes Erinnerungsvermögen und das Denken schrumpft zurück aufs Rudimentäre – so kommt man dort auch geistig im Reich der Wildtiere an. Einzig Schmutz wagt sich, zu experimentellen Zwecken, in den Nebel; wieder hinaus findet er dank einer Hänsel-und-Gretel-Taktik, die besser funktioniert als Brotkrumen.

Der in der Angst der Widergänger allgegenwärtige Erk lässt sich lange nicht blicken. Dafür macht Zorrow Bekanntschaft mit Hans von Lange, einem Aussteiger aus der Widergänger-Clique, der die Enteninsel im großzügig angelegten Feuerlöschteich beim Gut bewohnt. In von Langes Hütte lässt sich gut Cognac trinken, der Fischer mit seemännischer Vergangenheit erzählt dabei in kryptischem Singsang von Erk und John, und immer wieder bramarbasiert er über Lu – es ist ihr Kleid, das Zorrow die ganze Zeit über trägt.

„Lu… Lululu… Lu… Lulu… Busenbrut… Untergang… Lu… Himmelsduft… Lugerschuss… Lululu…“

Unterdessen macht sich eine Luise Drechsler, die das Warten auf John Schmutz endgültig satt hat, auf den Weg von Nillberg nach Morrzow. Und bald taucht auch der zackenbärtige Erk auf. Nachdem ihn in seinem Hauptquartier in einem Nillberger Bunker ein Fax mit den Worten Morrzow. Okay? erreicht hat, schnallt er sich seinen Propellerrucksack um und fliegt zum Angriff auf die Widergänger. Auf dem Gut machen sich die lebendigen Engel und Faune in den Deckengemälden des Weinkellers bereit, um ihre eigene Version eines Jüngsten Gerichts zu veranstalten. John Schmutz stimmt, mitten im Gefecht, das titelgebende Volkslied an: Lauf Jäger lauf. Und Hans von Lange, der vom Löschteich aus alles beobachtet, sagt nicht ohne eine gewisse Genugtuung:

„Wenn Morrzow fällt, fällt auch die Welt.“


So weit, so undurchsichtig. Henning Ahrens fabuliert ungebremst voran, immer einen Schritt schneller, als das Leserverständnis mithalten kann. Auf seine Kosten kommt hier, wer absurdes Feuerwerk wertschätzt. Ich selbst hatte den mitunter zwanghaft verfochtenen Originalitätsanspruch des Ganzen gelegentlich über, muss aber zugeben, dass ich gerade davon eben doch fasziniert war – umso mehr noch, da mich die detailreich und naturverständig beschriebene Provinzwildnis als Setting von Beginn an vollkommen für den Roman eingenommen hat. Ich hab halt (siehe oben) ein Herz fürs öde Nirgendwo und freue mich, dass eine ähnliche Liebe, oder zumindest eine diesbezügliche intensive Kennerschaft, auch bei Ahrens zu Tage tritt, der als Bauernsohn im tiefsten niedersächsischen Einerlei aus Feld, Wald und Flur aufwuchs.

Das heimatliche Wildland als Träger für Schauerlichkeiten oder idyllische Verklärungen – das kennt man aus der Romantik.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
Wenn es aus der Spalte zischt und singt!-
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn der Röhrich knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind-
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor: Diese sechs Strophen kommen mir beim Lesen in den Sinn. Auch weist Lauf Jäger lauf eine solche Gliederung auf: Roman in sechs Folgen lautet der eingangs nachgereichte Untertitel – Zorrow in Not / Zorrow in Morrzow / Zorrow umflort / Zorrow ohne Brot / Zorrow kommt vor / Zorrow entrollt. Ahrens verbastelt Rückgriffe auf die Romantik mit modernem Irrwitz, im weltabgewandten Märchen-Biotop treffen motorisierte Zerstörer und verständnis- und orientierungslose Besucher aus der Gegenwart ein. Da schmeckt man Grimm’sches Salz und Beckett-Pfeffer heraus.

Zwar macht es Lauf Jäger lauf seiner Leserschaft nicht gerade leicht, doch kommt man nicht aus Morrzow zurück ohne anzuerkennen, dass Ahrens hier sprachlich und imaginativ mächtig was aufgefahren hat.


>>Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf (Fischer) €12,00


>>Fotos: Grebe, 2015

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Marion Poschmann, Die Sonnenposition

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Woraus ist Zeit gemacht? Aus Licht und Dunkel: Ihre Maßeinheit ist die Abfolge von Tag und Nacht. Ein Wechsel, der sich in den Beschaffenheiten der Zeit fortsetzt: helle Zeiten, finstere Zeiten. So kam sie heran, ist, vergeht – und wohin geht sie dann? Weiter: gen Licht, gen Dunkel.

Draußen geht die Sonne auf und unter. Im Schloß verfallen die Kränze und Kreise. Die Stuckrosetten schwinden, das Deckengemälde Aurora verrottet, in die strahlig angelegten Achsen im Park frißt sich Gras.

Dieses brandenburgische Schloss, Hauptort des Romans Die Sonnenposition von Marion Poschmann, zeigt sich in schäbigem Gewand aus bröckelndem Prachtstuck, Schimmelwucher, verkrauteten Parkflächen, offenliegenden Wunden in Putz und Tapeten: Memento moriendum esse! Einst barocker Fürstensitz, nach dem Krieg als Lagerhalle einer LPG genutzt, beherbergt es heute eine psychiatrische Einrichtung. Im Osten geht die Sonne auf? Von der Stucksonne, die im Speisesaal die Decke nurmehr kläglich ziert, regnen Gipsplacken herab in die Suppenteller der Patienten: Vanitas!

Altfried Janich hat es aus dem Rheinland, dessen menschelnde Fröhlichkeit er nie teilte, hierher verschlagen, in das marode Schloss im maroden Osten, wo er sich um die dunklen Seiten der menschlichen Psyche kümmert. Um die dunklen Flecken, die er durch morsche Wandverkleidungen hindurch erriechen kann, kümmert sich niemand. Als Arzt versucht er, dem man seiner Herkunft, seiner körperlichen Gemütlichkeit und auch seines Vornamens wegen ein ausgeglichenes Wesen unterstellt, seinen Patienten gegenüber ein zentraler, Halt gebender Fixpunkt zu sein – die Sonnenposition einzunehmen. Motivisch ausgedrückt: Licht in ihr seelisches Dunkel zu tragen. Welcher Tendenz die Deutung der Licht-Motivik allerdings folgen sollte, gibt der Eingangssatz des Romans vor: Die Sonne bröckelt. Altfried, der selbst in der Anstalt wohnt, in ihn und sich zersetzenden Räumlichkeiten, spaziert nachts in den Sälen und auf dem Gelände herum, ernährt sich von aus der Küche stibitzten Tiefkühl-Reibekuchen, die er auf dem Heizkörper auftauen lässt, und offenbart nach und nach weitere durchaus pathologische Verhaltensweisen. Oft, sagt er, weiß ich selbst nicht, ob ich mich als Arzt oder als Patient hier aufhalte. 

Nicht etwa als Sonnenkönig tritt Altfried also in Erscheinung, sondern geradezu als nachtwandelndes Schlossgespenst. Er reiht sich damit ein in eine Parade von Spukgestalten, der nicht nur seine Patienten angehören – per Medikation zu zombiösen Flurschlurfern gemachte Figuren, die an der Bewältigung der Wende und anderer Übergangsstadien im Leben psychisch totalgescheitert sind. Fallstudien in episodischer Kürze lassen Einzelschicksale aufblitzen: eine Kindsmörderin, ein Hamsterhorter, eine Brandstifterin, ein Staubbewunderer oder ein Fischstäbchenbefreier zählen dazu. Oft grenzt die Funktion der einzelnen Patienten ans Dekorative, eine Befugnis, im Roman handelnd einzugreifen, wird diesen isolierten Gestalten abgesprochen. Erst, indem man die Insassen der Anstalt als Gesamtheit betrachtet, sieht man sie als Wirkungsverstärker für Poschmanns Licht- und Schattenspiele, nimmt die Patientenschaft die Anmutung eines antiken Chores an, der hier, vor der Kulisse des verfallenen Schlosses, „Auferstanden aus Ruinen“ rückwärts singt.

Auch Altfrieds Großeltern und weitere Anverwandte sind einem Geisterreich zuzurechnen. Einem, das sich durch bewusste und unbewusste Erfahrungsweitergabe entlang der Familienlinie einen Übergangsweg in Altfrieds Lebenswelt gesichert hat. Woher sein eigener Drang, sich unsichtbar machen zu wollen, und vielleicht auch die Wahl seines Arbeitsorts rühren, erklärt sich unter Anderem in der Schilderung des Kriegsschicksals, das seine Großeltern, seine Eltern genommen hatten: die einen ermordet, die anderen, als hilflose Kriegswaisen, Schutz suchend in rettenden Verstecken – das auf die Folgegenerationen übergegangene Erbe solcher Erfahrungen bezeichnet die Psychologie als Schattentrauma. Altfrieds Berufswahl berührt unmittelbar die psychische Blockade seines Vaters und bezieht die Angewohnheit seiner Tante, sich den Geistern der Vergangenheit zu widmen, mit ein. Und indem er in den Osten gegangen ist, an einen Ort, wo Vergangenheit noch in offener Verwesung, unrestauriert zu betrachten ist, ist Altfried in umgekehrter Richtung ein Stück des Wegs gegangen, auf dem sie, die Heimatvertriebenen aus dem Osten, einst westwärts geisterten.

Neben dem Beruf pflegt Altfried ein seltenes und recht verschrobenes Hobby: die Jagd auf Erlkönige. Zur Erklärung: Dieses zielt nicht auf den Elfenkönig, den wir aus der Ballade kennen, sondern ist eine gängige Bezeichnung für Prototypen einer neuen Automodellreihe, deren Fahreigenschaften bei Nacht und Nebel in abgeschiedenen Gebieten ausgetestet werden. Während die Hersteller mit Tarnlacken oder Extra-Verkleidungen die Details ihrer neuen Modelle geheim zu halten suchen, lauern Journalisten und Hobbyfotografen den Erlkönigen auf, aus einfacher Lust an der Jagd oder um exklusive Bilder verkaufen zu können an interessierte Automagazine. Wer Geisterautos jagen will, muss idealerweise selbst zum Geist werden: Viel mehr als für seine Jagd-Objekte selbst, begeistert Altfried sich für die jagdliche Praxis, die Tarnung und lautloses Umherpirschen erfordert und somit seiner Vorliebe fürs Unsichtbarwerden wohltuend entgegenkommt. Es ist ein Wettstreit um die perfekte Tarnung, den er mit den menschenscheuen Erlkönigen austrägt, und jeder gelungene Schnappschuss ist eine Siegertrophäe, ein Beweisfoto seiner, Altfrieds, hohen Verschwindekunst.

Das Hauptgespenst allerdings, das, welches Altfried am meisten beschäftigt, ist sein gerade verstorbener Freund Odilo. Schon die Beerdigungsszene zu Beginn macht deutlich, dass Freundschaft ein Wort ist, das Altfried hier nur unbefriedigt verwendet, eher in Ermangelung eines passenderen Ausdrucks für jene Verbindungsart, die zwischen Odilo und ihm bestanden hat. Als Odilos Mutter den Wunsch äußert, Altfried möge eine Trauerrede für den Freund halten, lehnt Altfried ab, was die Mutter als Zeichen sprachlosen Verlustgefühls deutet. Tatsächlich aber ist es Verzweiflung, vermischt mit Ärger: […] dann saß ich nächtelang vor dem weißen Blatt und fand keinen Anfang, überhaupt keinen Ansatz, ich wußte nichts über Odilo, gar nichts, und es lag mir nicht, die glänzende Fassade, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte, diese Fassade, die sein Leben war, nun meinerseits noch einmal nachzuarbeiten. Und doch ist das nun folgende Erzählen Altfrieds nichts Anderes als das – eine Trauerrede für Odilo, in Form einer Anamnese ihrer, nun ja, Freundschaft. Altfried blickt in die jeweiligen Familiengeschichten hinein, er schildert seine ersten Begegnungen mit Odilo und spätere gemeinsame Ausflüge und Gespräche, er gräbt nach jeglichen verwertbaren Einflüssen, Erfahrungen und Erlebnissen. Überrascht stellt Altfried fest, dass seine Schwester, Mila, ein Verhältnis mit Odilo hatte, wovon seinerzeit niemand wusste. Wie konnte überhaupt irgendeine Frau, wie konnte Mila nur eine Beziehung mit Odilo führen, dessen Egozentrismus ihn doch zum krankhaften Zweisamkeitsversager machte? Was fand Odilo an Mila, was bitteschön fand Mila an ihm? Als Modeschöpferin hatte Mila zu ihrem Stil gefunden, als sie damit begann, die Kleider ihrer alten Tante mit modernen Versatzstücken aufzuwerten, und hat diese Verbrämung des Altmodischem mit dem Gegenwärtigen zum Markenzeichen ihrer inzwischen sehr erfolgreichen Kollektionen gemacht – war es das, ihre Liebe zum Gestrigen, zum Verstaubten, die Odilo für sie interessant werden ließ? Eifersüchtelnd fühlt sich Altfried von beiden betrogen, umso mehr, da Mila sich weiterhin stur verschwiegen zeigt, kein Wissen über den geteilten Freund an den Bruder verschenkt. Ratlosigkeit eines Psychiaters: Mit beruflicher Routine analysiert Altfried die Geheimnisse fremder Menschen, während sich die Geheimnisse der ihm Nahestehenden als für ihn unsichtbar erweisen. Es bleibt ihm nur, die Schatten aufzulesen. Odilo – ewig altkluger Junge: Ich war in Mission meiner Meßdienergruppe unterwegs, so kam die erste Begegnung Altfrieds und Odilos zu Stande, wir unterstützten notleidende Kinder in Ruanda. […] Ich drückte die Klingel, ein Junge meines Alters, dünn und dunkelhaarig, öffnete die Tür. Frau Leonberger sei nicht da.[…] Auch Kinder könnten spenden, erklärte ich. Rappelte großspurig mit der Büchse. Man habe Taschengeld. Not in Ruanda. Ein Opfer bringen. Opfer? erwiderte er verächtlich. Seine Mutter hätte eventuell etwas gespendet, aber er persönlich halte nichts davon. Man befriedige sich doch nur selbst in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ich solle mich nicht ausnutzen lassen. Meine Fähigkeiten besser verwenden. Die Rolle des früh verstorbenen Vaters übernahm Odilo selbstbewusst und gewissenhaft, gab den gediegenen Hausherrn, altmodisch, dünkelhaft, spukte, gleich seiner in steifer Haltung erstarrten Mutter, umher in den dunklen Räumen des Familienanwesens, das in der Nähe einer Fabrik für Einmachgläser gelegen war, zwei menschliche Konserven einer vergangenen Gutbürgerlichkeit. Später Promotion in Biologie. Die Erforschung der Biolumineszenz, die ihn schon als Kind faszinierte, sollte sein Fachgebiet werden, auf dem er mit bahnbrechenden Ergebnissen brillierte. Den Lichtwesen der Tiefsee und der Nacht stahl er ihre Rezepte, den grauen Mäusen pflanzte er fluoreszierendes Glimmen per Kanüle ein, spielte Gott: Es werde Licht! Odilo selbst dagegen blieb im Dunkeln – Erlkönig, der Altfried entwischte.

Freundschaft? Was die Verbindung zwischen den beiden ausmachte, lässt eher an die Gravitationskräfte denken, welche die Konstellation zweier Planeten zueinander bestimmen. Odilo, schattenäugig, dunkelhaarig, drahtig, seelisch teflonbeschichtet, Dompteur des Lichtscheins, und Altfried, flammend-rothaarig, weichlich, eine Seele von durchlässiger Konsistenz, Schattenflüsterer: Es gleicht einer Versuchsanordnung, wie Poschmann diese zwei Komplementärfiguren aufstellt, zwei aneinander gekoppelte Prismen, in denen sie Licht, Dunkel und Zeit sich brechen lässt.

Wer nun argwöhnt, dieser Roman der profilierten Lyrikerin Poschmann metaphere und motive womöglich handlungsfrei vor sich hin, erhält hiermit Entwarnung. Mit Spannung verfolgt man das Kräftemessen zwischen Licht und Dunkel, und durch die klare und alles beherrschende Bildsprache überstehen rote Fäden auch das Springen zwischen den zeitlichen Ebenen unbeschadet. Was es gewesen sein mag, das Mila und Odilo zusammenbrachte, oder inwiefern Altfried selbst vielleicht darauf zusteuert, in seiner Anstalt von der Arztseite auf die der Patienten zu wechseln, das erklärt sich zwar nicht innerhalb spannungheischender Erzählbögen voller eindeutiger Aussagen. Stattdessen beginnt man – viel interessanter – bald ein intensives Such-Lesen zu betreiben, man verfällt selbst ins Psychologisieren, übt sich darin, die vielschichtigen Beschreibungen, Schilderungen und Bilderfluten zu filtern. An kaum einer Stelle bedient sich Poschmann dabei des psychologischen Fachvokabulars, sondern bleibt bei einer Sprache, der das Lyrische eingewoben ist und die mit leichter Hand große Bedeutungsräume aufzutun vermag. Sie spielt mit unterschiedlichen Erzählansätzen: So exerziert sie beispielsweise verschiedene Lebenssituationen durch anhand der Beschreibung ihrer, hier wörtlich genommenen, Hintergründe, nämlich der dazugehörigen Wandtapeten. Episoden aus dem Liebesleben von Mila und Odilo lassen rätseln, ob es sich bei ihnen um Einschübe aus Milas Erinnerung oder Altfrieds Imagination handelt – wie verlässlich ist dieses Erzählte, von woher stammt es, und über wen sagt es tatsächlich etwas aus? Poschmann entfaltet ihre Sprachpracht besonders in ausgiebigen gegenständlichen Betrachtungen, ohne sich dabei je in Petitessen zu verlieren, etwa wenn sie eine Wesensbeschreibung des Anstaltsessens unternimmt – man staunt, wie viel Literatur sich aus einer Orange herauspressen lässt, welches wirkliche Gewicht ein Glas Apfelmus hat, oder über den hohen Gehalt von Transzendenz in halbfesten Speisen: Götterspeise ist höchst unbeliebt und wird als Dessert nur unter größtem Vorbehalt gelten gelassen. Dies liegt daran, daß zu viele andere Speisen ebenfalls dieses Göttrige aufweisen, die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare.

Marion Poschmann erhielt 2013 für Die Sonnenposition den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und war im selben Jahr damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Mit ihrem Gedichtband Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien, der Anfang März erscheinen wird, steht sie unter den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016.


>>Marion Poschmann, Die Sonnenposition (Suhrkamp) €9,99


Ich bedanke mich bei Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


 

PROVINZLEBEN // Édouard Louis, Das Ende von Eddy

Nein, dies ist kein Coming-of-Age-Roman in vorsommerlicher Stimmung – von der Covergestaltung ließ ich mich dahingehend zunächst fehlleiten -, sondern ein beklemmender Kindheitsrückblick: Der erst 22jährige Édouard Louis erzählt in seinem Romandebüt Das Ende von Eddy von trostlosen Zeiten des Aufwachsens in der nordfranzösischen Provinz-Tristesse.

Bezeichnenderweise beginnt Eddy Bellegueules Geschichte mit einer Prügelszene: Zwei ältere Mitschüler misshandeln den zu zart, zu still geratenen Außenseiter in einem abgelegenen Schulflur. Die Schläge und Demütigungen wiederholen sich fortan stetig. Eddys Umfeld außerhalb der Schule ist nicht sonderlich milder oder freundlicher. Sein Heimatort liegt in der strukturschwachen Picardie, einziger nennenswerter Arbeitgeber weit und breit ist eine Messingfabrik, in der die Männer des Ortes, nachdem sie mit fünfzehn, sechzehn die Schule verlassen haben, sich stumpf und krumm arbeiten, während sich die Frauen von Jugend an als Kassiererinnen oder Frisörinnen abschuften. Das war schon immer so, da kommt nichts neues. Die einfachsten Arbeiten bilden die höchste Stufe erreichbaren Wohlstands, für die meisten gibt es keinen Weg weiter hinauf, nur die Fallgrube nach unten steht allen bedrohlich offen. Der Mangel ist die allgegenwärtige Regel: Mangel an Geld, an Essen, an Zahngesundheit, an Zuwendung, an Sinn. Eddys Elternhaus spiegelt, wie die meisten Häuser, den Zustand der Gegend wieder: baufällig, verwohnt, zu beengt um Eltern und mehreren Geschwistern irgendeinen Raum für sich zu lassen – ein Druckkessel, in dem es täglich krachen muss. Anfangs arbeitet auch Eddys Vater in besagter Fabrik, bis ein Rückenleiden ihn schließlich ans Haus fesselt. Das ohnehin magere Familieneinkommen schrumpft damit ins Erbärmliche. Pastis zu saufen und endlos Zigaretten zu rauchen wird zur Grundbeschäftigung des Vaters, die Mutter kultiviert dagegen ihre Dickhäutigkeit. Gemeinschaftliches Fernsehen wird als Familienleben verstanden – glotzen, Klappe halten, still sitzen ist die einzige bekannte Form von Harmonie. Auch liefern die immergleichen Fernsehshows und Trickserien die einzige Alternative zu dem immergleichen Blick auf das Dorf, auf sich selbst. Die Fabrik-Region ist eine hermetisch abgeschlossene Welt, niemand verlässt sie, niemand kommt von außerhalb hinzu, schon Urlaub machen ist ein absurder Witz, den man nur in weit entfernten bürgerlichen Sphären versteht. In sich geschlossen ist auch der Kreis sich ewig wiederholender Entwicklungen und Verhaltensmuster: Man wächst nahtlos, von Kindheit an, über das Jugendalter, in die Rolle der Eltern hinein – als Junge kleiner Raufbold, dann großer Raufbold, schließlich Papa Raufbold, als Mädchen schimpft man über die Jungs, über die Kerle, irgendwann über die Ehemänner. So bewegen sich auch Eddys Denkweisen und Vorstellungen auf den vorgezeichneten Kreiswegen, nur bemerkt er schon als Kind, dass etwas an ihm sich nicht in diese unverrückbare Ordnung der Dinge einfügen lässt, etwas an ihm sticht unangenehm hervor. Wie jedes Kind hier, begreift er von Anfang an die althergebrachten Geschlechterrollen als die entscheidenden sozialen Messlatten: Wer etwas taugen will, muss ein richtiger Kerl sein, ob Junge oder Mann, muss sich prügeln, Fußball spielen, später Mädchen abschleppen, muss Muskeln haben und eine große Klappe, während die Mädchen nur als Anhängsel der Jungs, später der Männer etwas gelten. Eddy versteht, dass die Welt so funktioniert, und so erfüllt ihn seine frühe Erkenntnis, dass er selbst so nicht funktionieren kann, mit beständiger Panik. Er erkennt seine zierliche Gestalt als herbes Problem, betrachtet sich argwöhnend im Kontrast zu den anderen Jungs, die Andersartigkeit seiner kieksigen Stimme und seiner eher femininen Gestik sind sogar seinen eigenen Eltern unangenehm. Vor allem seine Mentalität macht ihm zu schaffen: So sehr er sich von sich aus darum bemüht oder auch vom Vater dazu gedrängt wird, findet er doch keinen Weg um sich irgendwie für die Dinge begeistern zu können, die ihn als Jungen ausmachen sollten. Stattdessen ist er gut in der Schule, was besonders für den Vater eher einem Makel gleichkommt als einem Grund zur Freude. Schon mittelmäßig gut in der Schule zu sein bedeutet sich der Streberei schuldig zu machen, und wer sich von den Anderen nach oben hin absetzt, steht sofort unter dem Verdacht ihnen auf den Kopf spucken zu wollen. Vorsorglich wird Eddy also von seinen Mitschülern bespuckt und obendrein gezwungen den Rotz danach aufzulecken. Eddy nimmt diese Demütigungen hin, denn er versteht die Regeln, er gehorcht den Gesetzen, von denen sie bedingt werden: Nicht die Aggressivität der Anderen ist der Fehler, sondern seine eigene Weichheit. Zwar haben die Frauen des Dorfes den kleinen Bellegueule für seine zurückhaltende und freundliche Art gern, beneiden sogar die Mutter um den lieben Kerl, den sie als anständig und vernünftig loben, sodass seine Mutter zunehmend hofft, es könne vielleicht einmal etwas Besonderes aus ihm werden. Während Eddy weiter heranwächst, verliert seine Zartheit jedoch den Bonus kindlicher Niedlichkeit, er wird mehr und mehr unfreundlich beäugt. Eddy kämpft dagegen an, indem er gegen sich selbst ankämpft und sich mit aller Macht bei den Jungs zu bewähren versucht. Saufen, rauchen, Witze reißen. Eines Tages nehmen ein paar gelangweilte Jugendliche aus Eddys Umfeld ihn mit in einen Gartenschuppen, und anstatt wie üblich gemeinsam Pornos zu schauen, wird sich nun die Zeit damit vertrieben Mann-und-Frau zu spielen. Als dieses Spielchen auffliegt, kippt die Stimmung endgültig, und wer sich bis dahin damit begnügt hatte, den seltsamen kleinen Bellegueule zu belächeln, beginnt nun ihn offen zu beschimpfen. Die anderen Beteiligten des Spielchens werden nicht zu seinen Leidensgenossen, sondern einigen sich unausgesprochen mit dem Rest des Dorfes darauf, dass allein Eddy zum Träger dieser Schande wird. Für Eddy wird die geladene Atmosphäre um ihn herum vollends zur Dauerbedrohung, aus der Opferrolle gibt es keinen Ausweg mehr. Und doch versucht er sich nun noch vehementer als zuvor den Anderen anzugleichen, reißt tatsächlich Mädchen auf, jeder Kuss wird strategisch platziert, jede Fummelei vor Zeugen bedeutet einen kleinen Betrag in einer Währung, in der sich Eddy von seinem Makel loskaufen zu können glaubt. Sozial geht es dadurch sogar wieder bergauf mit Eddy, seelisch dagegen radikal bergab. Aber es gibt einen unverhofften Ausstieg aus der Talfahrt: ein Stipendium, das ihn wegbringt, weg von Zuhause, weg von der Fabrik, weg von den Prügeln der Mitschüler, weg nach Paris.


Die Frage, was einen Soziologie-Studenten aus – Achtung! – Paris dazu treibt eine Millieustudie über das ärmliche Kleinstadtleben in der Picardie zu verfassen, beantwortet sich anders, als ich vor dem Lesen ganz automatisch vermutet hatte. Mir kam zunächst der Vergleich mit Moritz von Uslar, Deutschboden in den Sinn, jenem Provinz-Portrait eines adligen Society-Intellektuellen aus Berlin, der sich etwas, nun ja, besonderes einfallen ließ, um doch noch irgendwie auffallen zu können in Zeiten, in denen jeder schon alles kennt und alles weiß (und sei es nur aus dem Internet) und der weiten Welt beim besten Willen kein Fünkchen echter Exotik mehr zu entlocken ist: Das echte Abenteuer findet man nicht mehr dort, wo alle schon mal waren, sondern dort, wo keiner hin will – also auf nach Brandenburg, in die schäbige Ostprovinz, ein paar Wochen lang als Schriftsteller-Schrägstrich-Reporter under cover zwischen Rentnern, Arbeitslosen und Proleten über die Nicht-Erlebnisse in einem gottverlassenen Örtchen schreiben. Das Buch, das als teilnehmende Beobachtung untertitelt ist, liefert denn auch nur das: Beobachtungen, die jedoch weniger teilnehmend sind als vielmehr ein klarer Fall von Gaffertum. Gelangweilte Bürgerkinder schauen sich gern klischeeorientierte RTL2-Formate mit hohem Proll-Asi-Faktor an um sich selbst noch ein gutes Stück kultivierter zu fühlen, als sie tatsächlich sind; in Deutschboden überträgt ein gelangweilter Autor diesen Mechanimus in den Bereich der Literatur. Bei Édouard Louis jedoch ist der Grad der persönlichen Teilnahme ein ganz anderer. Er tritt nicht etwa als Außenstehender mit soziologischem Besteck an das Familien- und Gesellschaftsleben in einem heruntergekommenen Städtchen heran, sondern schreibt sich mit aller Macht aus ebendiesem Gefüge hinaus: Eddy Bellegueule, der Protagonist, ist Édouard Louis, der Schriftsteller – Eddys Geschichte, Eddys Ende ist autobiographisch. Bellegueule musste erst seine Kindheit und Jugend in einem Buch abschließen und versiegeln, das Eddy-Dasein in einem ausgiebigen Schreibvorgang beenden, damit unter seinem zu Édouard Louis geänderten Namen ein neuer Mensch aus ihm werden konnte.


Verlegen wollte das so entstandene Buch zunächst niemand. Zu sehr hinge die Schilderung des Provinzalltags aus der Sicht eines jungen, verzweifelten Homosexuellen überstrapazierten Klischees nach, zu banal trete das Proletarische hier auf, zu plakativ gestalteten sich die Charaktere, so die abwertenden Beurteilungen, mit denen Louis sich konfrontiert sah. Er konterte: Was wisse der akademische Kulturbetrieb in Paris schon von der bildungsfernen Realität im ländlich und industriell geprägten Nirgendwo?

Mein Vater war brutal, wie alle Männer im Dorf. Und meine Mutter klagte über die Brutalität ihres Mannes, wie alle Frauen im Dorf. Vor allem klagte sie darüber, wie er sich aufführte, wenn er betrunken war Bei deinem Vater weiß man nie, was kommt, wenn er einen sitzen hat. Entweder der Suff macht ihn weich, dann geht er mir auf die Nerven mit seiner Anhänglichkeit, dann kann ich mich gar nicht retten vor lauter Küsschen und meine Süße hier und meine Süße da, oder der Suff macht ihn gemein. Meistens gemein, dann macht er mich fertig. (S.38)

Wenn es nun einmal so ist, so schlicht, so plakativ, so schäbig-einfach, wozu dann nach Komplexität suchen, wo man in Wahrheit keine fühlt? Das Ende von Eddy ist Edouard Louis´ private Abrechnung mit seiner unbarmherzigen Vergangenheit und eben keine neutrale Abhandlung über soziokulturelle Zusammenhänge. Dennoch ist sein Roman keineswegs als hitziger Rachefeldzug zu lesen, im Gegenteil sind Inhalt und Ton von einer fast schmerzhaften Nüchternheit bestimmt. Louis gibt nicht den Geschmähten, der davonkam und es nun seinen Peinigern heimzahlt. Er unternimmt schlicht eine Bestandsaufnahme seines bisherigen Lebens, das er in geduckter Haltung und unter panischer Verleumdung seines wahren Ichs verbracht hat, indem er es hier – endlich – mit radikaler Präzision und Ehrlichkeit betrachtet und beschreibt. Was daran als vermeintliche Klischee-Wiedergabe kritisiert wurde, ist allein der Realität geschuldet, von der das Klischee oftmals rechts überholt wird. Louis ergeht sich also nicht in Ungerechtigkeiten gegenüber dieser Realität. Von den Kritikern wenig hervorgehoben, lässt Louis vielmehr allen Figuren und Geschehnissen eine konsequent ehrliche Behandlung widerfahren, ungeachtet der Sympathien oder Abneigungen, die er ihnen gegenüber hegen mag. So reduziert sich zum Beispiel die Rolle des Vaters nicht auf die Trinker-Blaupause. Zwar lernt man ihn mitunter als scheußlichen Tyrannen, mal auch als heillosen Blödmann kennen, aber zu einfach macht es sich Louis mit der Darstellung seines Vaters keineswegs. Der zeigt im Rahmen seiner emotionalen Unbegabtheit eine schwierige, sperrige Art von Liebe: Indem er, wenn seine Wut aufkocht, sich seine Fäuste an der Wand kaputtschlägt um sie nur ja nicht die Kinder treffen zu lassen, weil er es so unbedingt besser machen will als sein eigener prügelnder Vater. Oder indem er, nachdem Eddy von Zuhause ausbüchsen wollte, ebendiese mühsam eingehaltene Grenze doch überschreitet, ihm zur Strafe, vor Allem aber aus Angst und in elterlicher Verzweiflung, eine Abreibung verpasst, und ihm danach heulend vermittelt, dass er daheim doch geliebt werde – Schwuchtel hin oder her – und um Gottes Willen nicht auf so dumme Gedanken komme dürfe. Auch die Dorfgemeinschaft wird in ihrer Ambivalenz, nicht nur in ihrer Klischeehaftigkeit gezeigt: Generell schimpft man über die Schwarzen, aber nur über die aus dem Fernsehen – den einzigen Farbigen am Ort, Jordan, hat man gern. Und nicht zuletzt sich selbst, Eddy Bellegueule, untersucht Louis mit schonungsloser Genauigkeit: Wäre er nicht einfach anders gewesen, er hätte sich zwangsläufig so wie alle Anderen entwickelt, hätte sich den Verhältnissen gedankenlos gefügt. Als ihm seine Andersartigkeit deutlich wird, steht für ihn an erster Stelle sie zu verdrängen und nach Möglichkeit irgendwie abzustellen, nicht aber sie auszuleben. Es gibt eine Szene, die das Bittere daran besonders deutlich macht: In den unteren Schulklassen taucht irgendwann ein Neuling auf, der Eddy sehr ähnelt, ein neues Opfer, eine neue Schwuchtel. Eddy überlegt auf diesen Jungen zuzugehen, er könnte ihm sagen, was er sich selbst so verzweifelt von irgendjemandem einmal zu hören gewünscht hätte, Du bist nicht allein, und vielleicht sogar könnte er, indem er mit jemandem die Schande teilt, zum ersten mal einen echten Freund gewinnen. Aber die Versuchung, endlich die schwer auf den Schultern lastende Schande, anstatt sie zu teilen, billig an einen anderen loswerden zu können, ist zu groß: Als der Neue ihm auf dem Schulflur entgegenkommt, schreit auch Eddy Arschficker. Welche Urteile jedoch über all das zu fällen sind, das überlässt Louis allein dem Leser – er selbst liefert nur einen Stapel detailliert verfasster Steckbriefe.


Im kurzen Epilog schildert Louis die Zeit seines Ankommens in Paris. Immer wieder während des Lesens, besonders aber in diesem Nach-Schluss, versetzen mir kleine Beobachtungen, die Louis mit seinem präzisen Blick und seiner klaren Sprache wiedergibt, einen Stich, denn ich erkenne mich selbst so sehr in ihnen wieder. Ich will betonen, dass ich keineswegs die ganze Kindheitsgeschichte Eddys teile, im Gegenteil war mein Elternhaus ein besonders liebevolles, ein stabiles, bedingungslos verlässliches, an Aggressivitäten oder gar Schläge wäre niemals auch nur zu denken gewesen, außerdem mangelte es nie an Materiellem. Es geht mir nur um das Erkennen des beklemmend starken Kontrasts zwischen den einfachen Verhältnissen, aus denen man stammt, und dem Umfeld, in das man später durch Schule oder Beruf hineinkommt, ohne zu wissen, wie man sich darin bewegen soll, ohne einschätzen zu können, welchen Gebrauchswert die eigenen Erfahrungen darin überhaupt noch haben, ohne zu verstehen, wie das eigene Reden und Handeln hier wohl verstanden werden mag. Erst, indem man Anderes kennenlernt, beginnt einen das, was man kennt, was man ist, in eine verunsicherte Haltung zu zwingen. Unscheinbar anmutende Szenen und Detailbeschreibungen mit großer Signalkraft – sie beißen mich geradezu – zeugen von diesem Umschlagen der Selbstbetrachtung und verraten ganz deutlich die Echtheit und Aufrichtigkeit des Geschriebenen. Mit seinem Schritt von der Provinz nach Paris stolpert Eddy von der einen Außenseiterrolle in die nächste hinein: Er passt ebenso wenig in Paris ins gutbürgerlich geprägte Umfeld, das er mit geradezu ungläubigen Neulingsaugen erforscht, wie zuvor in die Dorfgemeinschaft. Dennoch findet er gerade, indem er sich diesem Kontrast aussetzt, den Weg zu seiner eigenen Identität. Die Freiheit dazu wird ihm in Paris jedenfalls erstmals gewährt.


>> Édouard Louis, Das Ende von Eddy (Fischer) gebunden €18,99

PROVINZLEBEN // Dorf!

Da denkt man einmal nicht drüber nach und bemerkt im Nachhinein, dass man doch glatt einem Trend gefolgt ist:

Der moderne Mensch will partout ins Grüne. Seit Jahren grassieren in Feuilleton und Sachbuch Berichte über die Neuentdeckung des Landlebens. Es hat sich eine eigene Sparte von Zeitschriften etabliert, deren Sujet eine idealisierte, bisweilen reichlich verkitschte Form des Landlebens ist. Lebensmittel werden epidemisch mit dem Präfix Land- etikettiert. Auch musikalische Zeugnisse von Großstadtmüdigkeit und Sehnsucht nach ländlicher Einfachheit häufen sich.

Vor unserem Wechsel von Kiel nach Hannover kam, nach dem wie üblich nervtötenden Verlauf, den eine Wohnungssuche eben so nimmt, irgendwann der Tag, da uns der Rappel packte. Schluss, aus – keine Lust mehr auf überteuertes Wohnen in beengten Stadtverhältnissen mit tendenziell kinderfeindlicher Nachbarschaft. Und siehe da, nach einigen urbanen Jahren wohnen wir nun also in einem umgebauten Bauernhof.

Fachwerk, roter Backstein, Kopfsteinpflaster. Rechts ein Pferdestall, links die Wohnungen, mittig eine große Scheune und im Innenhof ein mächtiger Kastanienbaum. Der riesige Garten ist eher ein Stück abgeteilter Brachwiese, hinterm Zaun beginnen gleich die Pferdekoppeln – wir sind hier schließlich in Niedersachsen. Störche nisten auf alten Schornsteinen, hinter den Giebeln hausen Mäuse, Marder, Fledermäuse, Schleiereulen. Flüsse und Bäche durchwinden eine pfannkuchenplatte Landschaft aus Weideflächen und Feldern von Weichweizen, Futtermais, Zuckerrüben, Raps, woraus als einzige Landmarke die Kali-Abbau-Halde hervorsticht, ein gewaltiger Steinsalz-Berg, der bei Schlechtwetter die Farbe von Weiß-Grau zu Schwarz wechselt; ein Dorf voller Bergleute und Bauern. Beim Autofahren muss man freilaufende Hühner beachten und höllisch auf die Massen überall herumschleichender Hof-Katzen aufpassen. Die Zahl frei umherstreunender Dorfhunde ist in den letzten zehn Jahren wegen der zunehmenden Autozahl im Dorf auf Null gesunken, doch ansonsten hat die Zeit an diesem Ort in vielen Bereichen kaum ihre Wirkung getan. Die Klänge, die die Ruhe begleiten, sind das Muhen, Schnurpsen und Schnaufen der Kühe, die ewig krächzenden Krähen-Horden, regelmäßig ein dröhnender Trecker, Vogelgezwitscher, Hähne rufen Kikeriki; später im Jahr Grashüpfergezirp, Froschquaken, Mähdrescherbrummen.

Man könnte uns nun für ökoromantische Hipster halten oder für einen Teil jenes grünen Wohlstandsbürgertums, das zwecks naturnahen Lebens massenweise in malerische Dörfchen abwandert. Und: Wäre nicht tatsächlich etwas dran an der Idylle, wären wir ja nicht hier. Nur käme ich nie auf die Idee, als Neuling plötzlich zum Landleben zu wechseln, und auch als Landkind würde ich nicht in ein Dorf ziehen, aus dem ich nicht ursprünglich selbst komme. Ich meine das ernst: niemals.

Hier jedoch bin ich geboren und aufgewachsen, meine Familie ist mehr als alteingesessen: Hier kann (und will) mir keiner was. Es spielt dabei keine Rolle, dass ich, wie der Rest meiner Familie seit jeher, nie mit Freiwilliger Feuerwehr, Schützenverein oder Kirchengemeinde zu tun hatte. Auch die Jahre, in denen ich weg war, entscheiden nicht über die Dorf-Identität. Das regelt ein etwas eigenwilliges, archaisches Geburtsrecht, das sich übrigens auch auf meinen Mann erstreckt, der zwar selbst wohl recht dauerhaft Der-Mann-von-der-Tochter-von bleiben wird, aber trotz fehlender Einbindung ins Vereinswesen nicht als Fremdling zählt. Wir können einen noch so eigenen Kopf haben und als Sonderlinge auffallen – da die Familie über mehr als drei Generationen mit dem Ort verbunden ist, besteht ein unverrückbares Dazugehören auch abseits des Überall-Dazugehörens. Automatisch und ungefragt als Teil des Ganzen vereinnahmt zu werden: Einerseits ist es das, was einen besonders im jugendlichen Alter am Dorfleben in den Wahnsinn treiben kann, andererseits sorgt dieser Mechanismus für ein Klima, in dem auch seltsame Figuren irgendwie besser gedeihen und eine selbstverständlichere Duldung erfahren als andernorts, wo sie zur Rechtfertigung ihrer Eigenarten schon mehr als nur den Familienstammbaum abliefern müssten. (Dass trotzdem getratscht wird – immer, über jeden, von allen -, muss einem klar sein.)

Ich selbst bin bis heute Dörchens Lütsche (die Kleine bleibe ich wohl noch bis Ende 40). Über seine Urgroßmutter definiert zu werden ist hier völlig normal. Außerdem kannte jeder Dörchen, und eine sehr bezeichnende Episode für die Gepflogenheiten in diesem Dorf ist jene, wie meine Mutter und ich einmal auf dem Friedhof (op´n Kerkhof) am Grab meiner vor Jahren verstorbenen Urgroßmutter standen und uns plötzlich zum ersten Mal aufging, dass dort eigentlich gar nicht Dörchen eingraviert stehen dürfte – schließlich war ihr Name Dora. Weder der Dorf-Arzt, der den Totenschein mit dem Kosenamen ausfüllte, noch der Steinmetz, der Bestatter oder die Pastorin (geschweige denn die restliche Dorfgemeinschaft) wäre je auf die Idee gekommen, dass daran irgendwas nicht stimmen könnte. Befreundet war meine Urgroßmutter übrigens auch mit der Familie, der dieser Hof gehört, auf dem wir nun wohnen. In meinem jetzigen Wohnzimmer ging sie also schon vor 90 Jahren ein und aus. So ist das hier eben.

Die Gentrifizierung werden wir hier wohl nicht einläuten. Doch wer weiß – der Speckgürtel der nahen Großstadt weitet sich zunehmend ins grüne Umland aus, bis statt Gülle und Idylle sterile Neubauviertel und hochglanzrenovierte Althöfe das Bild bestimmen werden. Auch in diesem Dorf gibt es sie schließlich schon, die großstädtisch aufgewachsenen Akademiker, die sich hier niederlassen um vergessene Nutztierrassen nachzuzüchten, und die ersten Bauherren von außerhalb, die die Grundstücke von Bauern aufkaufen, die aus Alters- und finanziellen Gründen ihre Höfe nicht mehr bewirtschaften. Und wir? Ziehen die Gummistiefel schließlich auch nur zum Spazierengehen an.


>> Bilder: aus meinem Dorf und meinem Urgroß-/Groß-/Elternhaus (Grebe, 2015)


PROVINZLEBEN // Tom´s Country

Way Back Home Sonja Grebe

Zum Bild des amerikanischen Nirgendwos entlang endloser Highways zählte während der 50er Jahre die massive Werbe-Beschilderung für eine bestimme Rasierschaum-Marke: Ein Kommerzgedicht, je Zeile ein Schild – als Schlusspunkt ein großes Logo-Schild von Burma Shave. Indirekt funktionierte Burma Shave so als Maßeinheit für abgerissene Autokilometer in eintöniger Weite. Wo Trostlosigkeit und Billigpoesie aufeinandertreffen, bestehen natürliche Biotope für Tom Waits´ Figuren. Reflexhaft verbindet man mit Waits das abseitige Großstadtleben als sein klassisches Sujet; seine bittersüßen Dramen und kaputte Romantik findet er jedoch ebenso in einsamen ruralen Gegenden, in Kaffs und Kleinstädten, zwischen Farmen und Fabriken.

Hell, Marysville ain´t nothing but a white spot in the road/ Some nights my heart pounds just like thunder/ I don´t know why it don´t explode/ ´cause everyone in this stinking town has got one foot in the grave/ and I´d rather take my chances out in/ Burma Shave

(Meine Lieblingsversion dieses Songs – der miesen Bild-/Tonqualität zum Trotz.)

Mag sein, dass es eine Zeitungsmeldung war, die Waits diese Autounfall-Episode hat erzählen lassen; beim notorischen Geschichtenerfinder bleibt absichtlich meist offen, wie sich die Anteile von Erfundenem und Verbürgtem in seinen oft authentisch erscheinenden Song-Geschichten zueinander verhalten. Das Städtchen Marysville jedenfalls gibt es: Benannt ist Marysville nach Mary Murphy Covillaud, einer Überlebenden der Donner Party, einer Siedlergruppe, die im Winter 1846/47 in der Sierra Nevada nur durch Kannibalismus überlebte. Im Kalifornischen Goldrausch war Marysville ein wichtiger Ort auf dem Weg in die nördlichen Goldfelder. (Wikipedia)

Waits selbst wuchs in einem mittelgroßen Städtchen in Kalifornien auf. Nach reichlich wilden Jahren in Los Angeles und dem völlig aus dem Ruder gelaufenen Versuch, in New York ein glückliches Leben zu führen, lebt er inzwischen seit Langem mit seiner Familie auf einem abgeschotteten Farmgelände in Nordkalifornien. Dort, mitten im Burma Shave-Nirgendwo, hat er seinen Fernseher im Garten beerdigt, beobachtet gern die Truthahngeier und Opossums und tobt sich an einem, von ihm Conundrum getauften Schlagistrument aus, das er sich von einem Nachbarfarmer aus Metallschrott-Funden zusammenschweißen lassen hat. Die provinzielle Ödnis kann ihre gute oder ihre schlechte Wirkung tun, kann sich lähmend auf die Seele auswirken oder Ruhe und Freiraum schenken.

I went down to town. I lost all my mind. I´m not going down there no more.

(Den fehlenden Rest dieser Doku konnte ich leider nicht ausfindig machen – wäre sicherlich lohnend.)


>> Bild: Ausschnitt aus Way Back Home (Grebe, 2012) mit einem Zitat aus Blind Love von Tom Waits: They say if you get far enough away, you´ll be on your way back home. (Die Erde ist schließlich ein kugelrundes Ding – aber nicht nur das ist gemeint.)