Thema Nordamerika

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Jim Nisbet, Dunkler Gefährte

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Banerjhee Rolf besprengte gerade seine Zinnien mit gechlortem Gletscherwasser, als Toby Pride seine Arme auf den gemeinsamen Zaun legte. So beginnt Jim Nisbets Roman Dunkler Gefährte: Durch den paradiesischen Garten eines Grundstücks in bester Lage betritt man hier das Silicon Valley, Verdichtungspunkt von IT-Weltspitze und kalifornischer Lebensart. Banerjhee Rolf, indischstämmiger Chemiker, hatte es in seinen mittleren Jahren zu einem hübschen Eigenheim für die glückliche Kleinfamilie und einem eigenen Biotech-Unternehmen gebracht. Sohn Sam studiert inzwischen in Chicago, Frau Madja verdient als Buchhalterin selbst nicht schlecht. Banerjhee jedoch hat neuerdings reichlich Zeit, um den Garten zu hegen: Nach einer feindlichen Übernahme seiner Firma durch ein Konkurrenzunternehmen wurde er, der Mitbegründer, kurzerhand vor die Tür gesetzt. Zwar genügen das Einkommen Madjas und Banerjhees Einkünfte aus gelegentlichen Auftritten als Gastdozent noch für gutes Essen und guten Wein, aber die berufliche Perspektive für den Endfünfziger sieht düster aus: Der kalifornische Boom ist nur noch Wirtschaftsnostalgie, die Glücksritter werden nicht mehr belohnt, in den Verteilungskämpfen um immer seltener werdende gute Posten hat Banerjhee keine Chance mehr gegen die jungen Karriere-Pilger, die direkt von den Universitäten aus das Valley überschwemmen. Unterdessen wird Banerjhees Abfindung von den Alltagskosten aufgezehrt, und seine Altersvorsorge hat ihren Wert von heute auf morgen verloren. Nachdem sich der Amerikanische Traum für die Rolfs erfüllt hatte, stehen sie nun vor der Bedrohung, ihn im Rückwärtsgang zu erleben, zusteuernd auf Überschuldung, Altersarmut, Unterversorgung, am Ende womöglich Wohnungslosigkeit.

Der Sog der Krise zerrt indes nicht allein an Familie Rolfs finanziellem Unterbau, sondern an den hübschen Fassaden der gesamten Nachbarschaft, wo sich die verkaufsanzeigenden Maklerschilder bereits häufen – das Valley im Ganzen verhält sich ähnlich wie ein einzelnes, ins Straucheln geratenes Unternehmen: Diejenigen Bestandteile, die nicht mehr nutzen, werden von der Masse abgespalten, und hinter der Konzentration auf die rettenden Elemente schwinden die Überlebenschancen der Restsubstanzen. Madja sieht das in aller Klarheit, ihrer drohenden Vertreibung aus dem kränkelnden Paradies will sie zuvorkommen: das Haus loswerden, so lange es noch etwas einbringt, Umzug nach Chicago. Aus der Buchhalterin spricht hier die rechnerische Vernunft, und der Wahrheit der Zahlen, an die auch der Naturwissenschaftler gebunden ist, vermag Banerjhee nichts entgegenzustellen. Und dennoch – es behauptet sich ein hartnäckiger Widerwille in ihm, ein unvernünftiges inneres Ankämpfen gegen diese Planungen. Dessen Kern beruht auf einer bitter-unverdaulichen Erfahrung: Ihm, dem Wissenschaftler, dem sachlichen Denker, ist mit dem unvorhergesehenen Eintritt seines beruflichen und finanziellen Absturzes der Glaube an die Berechenbarkeit der Dinge abhanden gekommen. Der psychologische Strohhalm, an den er sich weiterhin klammert, ist seine Liebe zur Astrophysik: zur Lehre der festen Himmelskörper, der unverrückbaren Gesetze, die den Kosmos formen. Seinem wohlgeregelten Leben jedoch, das spürt Banerjhee, droht die unabwendbare, feindliche Übernahme durch das Chaos.

Glück lässt sich nicht planen, auch nicht absichern, nicht ewig haltbar machen. Sein Zustandekommen mag mittels Wissenschaft nachvollziehbar sein – steuerbar ist es nicht. So erlangen ein paar Lottozahlen, die gleich in der Eingangsszene auf die willkürliche Natur des Glückes verweisen, die Bedeutung eines Menetekels. Toby Pride, Banerjhees Nachbar, der sich ihm über den Zaun entgegenlehnt, verkörpert mit seiner undurchsichtigen Halbweltzugehörigkeit und seinem ungepflegten Grundstück ein ohnehin überdeutliches Kontrastbild zu Banerjhees Bedürfnis nach geordneten Verhältnissen. Nun wedelt er vor Banerjhees Nase mit einer Hand voller Lottoscheine herum, und damit greift gleichsam die Hand des Schicksals über den Zaun: „Heute ist der Tag der Tage, BJ, mein arbeitsloser Freund ohne Nebeneinkünfte. Und ich bin gekommen, um dir zu helfen.“ Zwar nimmt Banerjhee die angebotenen Lottoscheine von seinem arbeitslosen Freund mit Nebeneinkünften, wie er Toby betitelt, nicht an. Jetzt nicht. Später aber werden sie noch eine entscheidende Rolle zu spielen haben: Der Wahrheit der Zahlen vermag Banerjhee nun einmal nichts entgegenzustellen – am wenigsten, so wird sich zeigen, die eigenen Berechnungen.

Als Madja, die Stimme der Vernunft, zu einem Besuch nach Chicago verreist ist, nimmt das Schicksal für Banerjhee eines Abends seinen heillosen Lauf, und zwar gründlich. Dabei beginnt alles eigentlich ganz harmlos, indem Banerjhee die Einladung von Nachbar Toby und dessen halbseiden anmutender Bettfreundin Esme annimmt, auf ein Bier rüberzukommen. Die Zaungrenze hat Banerjhee bislang nie überschritten, die Rolfs hielten es wegen Tobys aufdringlicher Redseligkeit und vermuteter Verwicklungen in Drogendeals für ratsam, etwas Distanz zu wahren. Banerjhee verzichtet nun dieses eine Mal auf seinen Sicherheitsabstand – und zieht damit den Anti-Jackpot. Die Mächte des Zufalls lassen es krachen und bescheren Banerjhee einen spektakulären Untergang: falscher Ort und falsche Zeit, Porno- und Kriegsbilder, Wahrheit und Wahn, Blut und FBI, Lottoscheine und ein schnelles Auto, ein Casino und eine Pistole, die keinem Schützen gehorcht.

Was als Gesellschaftsbetrachtung begonnen hat, kippt erst spät um in Richtung Noir, und das so plötzlich, dass es geradezu die förmliche Entsprechung des stets gegenwärtigen Willkür-Motivs darstellt. Die extrem überdrehte Wendung ins Chaotische schert sich nicht um Glaubwürdigkeit, aber auch das fügt sich nur konsequent ins Thema. Mag das unrunde Poltern des Plots beim Lesen auch an mancher Stelle irritieren, am Ende zeigt sich Strategie dahinter, die Verbindung aus Unternehmer-Drama und Krimi funktioniert, man darf sich das als Leser also durchaus gefallen lassen. Gut, dass Nisbet seiner Story so wenig Ballast wie möglich angehängt hat, sie benötigt kaum 200 Seiten – da kommen manch andere Thriller gerade erst in Fahrt. Keineswegs leiden die Charaktere unter dieser Knappheit: Um etwa die Ehe Banerjhees und Madjas als geglückte und unermüdete Beziehung deutlich zu machen, oder um das Nachbarpärchen lebendig werden zu lassen als skurille Idioten, denen unheimlicherweise anzumerken ist, dass mehr hinter ihnen steckt, benötigt Nisbet ein, zwei unangestrengte Seiten, nach denen geschickt und unaufdringlich alles gesagt ist, was man wissen muss.

Frank Nowatzki, Herausgeber der Reihe Pulp Master, hat dem Roman ein ziemlich persönliches Vorwort vorangestellt, in dem er über seinen Bezug zu Nisbet und anderen Noir-Autoren, deren ausbleibende Kassenerfolge und literarischen Wert plaudert. Ein kleiner Lobgesang auf die Männer hinter den Romanen, selbst reichlich eingefärbt von Noir-Romantik – ein lesenswerter Einstieg zu Nisbet.


>>Jim Nisbet, Dunkler Gefährte (Pulp Master), €12,80

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LONESOME TRAVELLER // „Wie eine Dampflok, die hundert Waggons zieht“…

…so, sagte Jack Kerouac, schrieb er diese acht autobiografischen Prosaskizzen, die in Lonesome Traveller zusammengefasst sind. Voll angefeuert also, schnaufend, rackernd, kraftsprotzend. Filigranität und Feinsinn? Pah. Damit besitzt Lonesome Traveller keinerlei Sonderstatus unter Kerouacs Werken – es ist sein neuntes Buch und es zeigt im gleichen Maße wie die vorangegangenen und die nachfolgenden Titel, dass Kerouac eben nur eine einzige Gangart kannte: Volldampf.


Da ich als Kind nicht besonders leseaffin war, gab es kaum eine Handvoll Kinder- und Jugendbuchhelden, die sich als Wegbegleiter in mein Leben hineinschmuggeln konnten. Einer, der es trotzdem geschafft hat, meine Hand zu fassen zu kriegen und mich mitzureißen, war Huckleberry Finn. Eine Allegorie der Anarchie, ein, im Wortsinne, junger Wilder, ein Sinnbild sicherlich des ungezähmten Amerika – für mich damals in erster Linie aber einfach einer, mit dem ich gern gemeinsam auf endlose Streifzüge durch die Gegend gegangen wäre. Ich mochte sein furchtloses und unverwüstliches Wesen, sein struppiges Haar, die löchrigen Hosen, die dreckigen Finger. Alles in allem: seine Unabhängigkeit – und wenn dieses Zauberwort auch nicht allein den Amerikanern gehört, so besitzen die großen amerikanischen Autoren doch speziell hierfür einen besonderen Sinn.

Irgendwann war ich plötzlich älter als der gute alte Huck, und der konnte seine Funktion als Großer-Bruder-Figur somit nicht mehr so recht erfüllen. In diese Bresche sprang später Jack Kerouac – für mich die logische Fortführung des Prinzips Huckleberry Finn im frühen Erwachsenenalter. Eine ebenso uramerikanische Figur, eine ebensolche Verkörperung von Unbezähmbarkeit und Unabhängigkeit. Beiden gemeinsam ist dabei einerseits die überromantisierte Darstellung dieser Unabhängigkeit, was sich bei Kerouac bis in die Verblendung hineinsteigert, andererseits aber auch die Einbeziehung der Kehrseiten des Lebens als Unbezähmbarer: Bei Huck Finn spürt man trotz aller Rotzlöffeligkeit dennoch die Verlorenheit und Verletzlichkeit des elternlosen Kindes heraus, und bei Kerouac lauten die Begleiterscheinungen seines entgrenzten Lebens Alkohol- und Drogenmissbrauch, körperliche wie seelische Defekte, Bindungslosigkeit sowie Beziehungshorror.


In Lonesome Traveller gibt Kerouac einleitend eine Art steckbriefliches Portrait von sich selbst und seinem literarischen Werk ab, dessen letzter Punkt die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses, seines neuesten Buches ist:

Lonesome Traveller ist eine Sammlung veröffentlichter und unveröffentlichter Stücke, die ein gemeinsames Thema verbindet: das Reisen. Diese Reisen führen quer durch die Vereinigten Staaten, vom Süden zur Ostküste zur Westküste in den entlegenen Nordwesten, durch Mexiko, Marokko in Afrika, London, per Schiff durch den Atlantischen und Pazifischen Ozean, und sie machen mit allerlei interessanten Menschen und Städten bekannt. Arbeit bei der Eisenbahn, Arbeit auf See, Mystizismus, Arbeit in den Bergen, Geilheit, Solipsismus, Hemmungslosigkeit, Stierkämpfe, Drogen, Kirchen, Kunstmuseen, Großstadtstraßen, der Lebensmischmasch eines selbständig gebildeten mittellosen und nach allen Seiten offenen Lebemannes.

Nun, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen: Ganz ähnlich wie Eichendorffs Taugenichts zieht es auch Kerouac in alter, romantischer Grand-Tour-Manier hinaus in die Welt, auf dass er sie kennenlerne. Wo der Taugenichts allerdings eher hineinstolpert  – etwa in die verwickelte Liebesgeschichte zu seiner Aurelie -, stampft Kerouac mit viel Schmackes und ohne Rücksicht auf eigene oder Anderer Verluste voran. Immer stehen Fernweh und Frauen einander im Wege, rastlos tingelt er von Land zu Land, von Job zu Job, auch von einer Dummheit zur nächsten.

Im Kapitel Piere der heimatlosen Nacht will er auf einem Schiff anheuern, auf dem ein Kumpel unterwegs ist, für den er auch noch eine Waffe abholen soll, was er aber vertrödelt, woraufhin die beiden sich verzanken, ungeachtet dessen aber doch wieder irgendwo in Downtown gemeinsam versacken, wodurch sie beinahe das Auslaufen des Schiffes verpassen, auf dem Kerouac am Ende dann doch nicht mitfahren darf. Fellachen in Mexiko ist eine Liebeserklärung an das Land südlich unterhalb der USA, das sich zu jenen zu verhalten scheint, wie das brodelnd lebendige Unterbewusste sich zur glatten und leblosen Fassade eines gepflegten menschlichen Äußeren verhält: Kerouac beschreibt Stierkämpfe, öffentliches Leben, Verwurzelung in ehrlicher Religiosität, indianische Drogen. Um ein klassisches amerikanisches Motiv, die Eroberung des Kontinents per Lokomotive, dreht es sich in Die Eisenbahnerde. Schlamper der Küchensee ist ein Ausflug in Kerouacs Zeiten als Kabinenstewart bei der Marine. Kerouacs literarische und musikalische Zeitgenossen, seine Beatnik-Freunde, tauchen in den New Yorker Szenen auf: hübsche Mädchen, Trinker und Tunichtgute, Thelonious Monk spielt dazu am Klavier, Allen Ginsberg und John Coltrane sind auch dabei und alle, die es unverwechselbar machen, das Nachtleben der Beats in New York. In Allein auf einem Berggipfel hat Kerouac allerdings genug von dem ganzen New Yorker Trubel und will für sich sein, in der Natur: Er bewirbt sich beim Landwirtschaftsministerium um einen Job als Brandwache in den Wäldern des Nordwestens, er schreibt über die Reinigung der Seele durch die reine Naturerfahrung, über Floßfahrten, Lagerfeuer-Kaffee, wohlige Langeweile und er schreibt dieses:

Ein Grashalm, der in den Winden der Unendlichkeit schwankt, verankert in einem Felsen, und für dein eigenes armes Fleisch gibt es keine Antwort. Deine Öllampe brennt in der Unendlichkeit.

Die Große Reise nach Europa führt Kerouac – nach den Bergen – wieder auf See, mit dem Schiff nach Marokko, von dort nach Marseille und schließlich nach London. Abschließend behandelt er in Der amerikanische Tramp verschwindet unter Anderem die gar nicht so schwierige Frage nach dem Unterschied zwischen Jesus, Buddha und einem beliebigen anderen Landstreicher.

Im Grunde nichts Neues also in diesem Buch, nichts, was Kerouac nicht so oder so ähnlich schon einmal  andernorts geschrieben hätte. Das rastlose Reisen aber war sein Lebensthema, weil es schlichtweg sein Leben war. Nur, wo führte es ihn hin? Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein: In die Welt gehen und sein Glück machen, das gehört zu unseren Initiationsriten, wie die erste Liebesbeziehung, der erste Alkoholrausch, erster Ärger mit den Behörden und Autoritäten, ekstatische Erst-Erfahrungen mit Kunst und Musik. Von Allem genug erlebt für ein ganzes Leben hätte Kerouac schon nach ein paar Jahren Reiserei und Raserei, aber er bekam eben nie genug. Als Kerouac Lonesome Traveller verfasste, war er 38 Jahre alt und hatte sich bisher mit nichts Anderem als dieser Art zu leben befasst. Der Bruch, den das Erwachsenwerden und das Überschreiten der Grenzen, hinein in ein unabhängiges Leben, bedeuten, fällt bei manchen radikaler und ungezügelter, bei manchen wiederum viel gemäßigter aus. Kerouac kam über diesen Bruch nicht hinüber und verblieb einfach in dieser so aufregenden wie kräftezehrenden Lebens-Testphase – vielleicht auf Kosten einer Form des Erwachsenwerdens, die es ihm ermöglicht hätte, mit 47 nicht so ausgebrannt zu sein, wie er es bei seinem Tod war. Für diejenigen, die – wie ich – gern älter als das werden und dabei möglichst weniger kaputtgehen möchten, funktioniert er immerhin hervorragend als eine Art Stellvertreter in Sachen Abenteuer.


>> Jack Kerouac, Lonesome Traveller (Rowohlt) €6,95

PROVINZLEBEN // Tom´s Country

Way Back Home Sonja Grebe

Zum Bild des amerikanischen Nirgendwos entlang endloser Highways zählte während der 50er Jahre die massive Werbe-Beschilderung für eine bestimme Rasierschaum-Marke: Ein Kommerzgedicht, je Zeile ein Schild – als Schlusspunkt ein großes Logo-Schild von Burma Shave. Indirekt funktionierte Burma Shave so als Maßeinheit für abgerissene Autokilometer in eintöniger Weite. Wo Trostlosigkeit und Billigpoesie aufeinandertreffen, bestehen natürliche Biotope für Tom Waits´ Figuren. Reflexhaft verbindet man mit Waits das abseitige Großstadtleben als sein klassisches Sujet; seine bittersüßen Dramen und kaputte Romantik findet er jedoch ebenso in einsamen ruralen Gegenden, in Kaffs und Kleinstädten, zwischen Farmen und Fabriken.

Hell, Marysville ain´t nothing but a white spot in the road/ Some nights my heart pounds just like thunder/ I don´t know why it don´t explode/ ´cause everyone in this stinking town has got one foot in the grave/ and I´d rather take my chances out in/ Burma Shave

(Meine Lieblingsversion dieses Songs – der miesen Bild-/Tonqualität zum Trotz.)

Mag sein, dass es eine Zeitungsmeldung war, die Waits diese Autounfall-Episode hat erzählen lassen; beim notorischen Geschichtenerfinder bleibt absichtlich meist offen, wie sich die Anteile von Erfundenem und Verbürgtem in seinen oft authentisch erscheinenden Song-Geschichten zueinander verhalten. Das Städtchen Marysville jedenfalls gibt es: Benannt ist Marysville nach Mary Murphy Covillaud, einer Überlebenden der Donner Party, einer Siedlergruppe, die im Winter 1846/47 in der Sierra Nevada nur durch Kannibalismus überlebte. Im Kalifornischen Goldrausch war Marysville ein wichtiger Ort auf dem Weg in die nördlichen Goldfelder. (Wikipedia)

Waits selbst wuchs in einem mittelgroßen Städtchen in Kalifornien auf. Nach reichlich wilden Jahren in Los Angeles und dem völlig aus dem Ruder gelaufenen Versuch, in New York ein glückliches Leben zu führen, lebt er inzwischen seit Langem mit seiner Familie auf einem abgeschotteten Farmgelände in Nordkalifornien. Dort, mitten im Burma Shave-Nirgendwo, hat er seinen Fernseher im Garten beerdigt, beobachtet gern die Truthahngeier und Opossums und tobt sich an einem, von ihm Conundrum getauften Schlagistrument aus, das er sich von einem Nachbarfarmer aus Metallschrott-Funden zusammenschweißen lassen hat. Die provinzielle Ödnis kann ihre gute oder ihre schlechte Wirkung tun, kann sich lähmend auf die Seele auswirken oder Ruhe und Freiraum schenken.

I went down to town. I lost all my mind. I´m not going down there no more.

(Den fehlenden Rest dieser Doku konnte ich leider nicht ausfindig machen – wäre sicherlich lohnend.)


>> Bild: Ausschnitt aus Way Back Home (Grebe, 2012) mit einem Zitat aus Blind Love von Tom Waits: They say if you get far enough away, you´ll be on your way back home. (Die Erde ist schließlich ein kugelrundes Ding – aber nicht nur das ist gemeint.)


VINTAGE AMERICAN // James Salter, Alles, was ist

Was ist das eigentlich, dieses Alles, was ist? Für Philip Bowman, den Protagonisten dieses viel besprochenen Alterswerks des als Literatur-Großkaliber gefeierten James Salter, sind es der Krieg und die Frauen, die alles ausmachen. Und auch die Literatur, diese jedoch eher in umrandender als zentraler Funktion.

Bowman ist ein Mann einer Epoche, die im Verlauf seines eigenen Alterns ihr Ende erlebt. Der Zweite Weltkrieg bildet den Einstieg in dieses Zeitgemälde, in diese Lebensgeschichte. Daran anschließend verfolgt man Bowman durch drei, vier Jahrzehnte, zunächst durch die Glanzzeit eines Geistes, der sich unter der Bezeichnung Mid-Century Modern einfangen lässt, dann durch Jahre eines grundlegenden Wandels, der die Gesellschaft, die Wirtschaft, Kultur und Politik erfasst, bei Bowman selbst jedoch nicht greift. Er verkörpert ein Edward-Hopper-Amerika, seine Mentalität ist geprägt durch eine Art US-Klassik, die in Post-Kennedy-Zeiten ausstirbt, in Bowmans Charakter jedoch bestehen bleibt. Salters Roman zeichnet sich vor Allem dadurch aus, dass er jene Atmosphäre atmet, die beispielsweise Serien wie Mad Men im Zuge der Retro-Welle mit viel Aufwand künstlich zu erzeugen versuchen.

Man lernt Bowman eingangs als Lieutenant junior zur See kennen und befindet sich unmittelbar im Geschehen auf den Schauplätzen des Pazifik-Krieges. Als gewissenhafter Marineoffizier erfüllt Bowman seine ihm zugewiesenen Funktionen an Bord eines Kriegsschiffes. Mehr als das – ein zuverlässiger und tüchtiger junger Mann – ist über Bowman zu diesem Zeitpunkt nicht zu berichten, während sich seine Kameraden durch ganz andere Charakterzüge und Erlebnisse auszeichnen: Spaßvögel, Frauenhelden, heimliche Poeten. Für Bowman werden erst seine Kriegserlebnisse zum Auslöser seiner charakterlichen Entwicklung. Die Schilderung dieser entscheidenden Jahre erfolgt in überraschender, aber bewusster Knappheit: Auf rund zehn Seiten reihen sich allgemein gehaltene Ereignisbeschreibungen aneinander und bereiten den Weg für eine einzelne, etwas ausführlichere Episode um Bowmans eigenen Kriegseinsatz. Der schnelle erzählerische Wechsel zum zivilen Leben erscheint allzu abrupt, doch die Scharfkantigkeit dieses Bruches verdeutlicht eine Zweiteilung, die Bowmans Leben fortan unwiderruflich bestimmt. Im Licht jenes prägenden Infernos, das den Roman kurz und heftig einläutet, zeichnen sich die Folgejahre in Bowmans Leben durch ihren Mangel an existentiellen Erfahrungen und Erlebnissen aus.

Während des Lesens entfaltet ebendieser Mangel eine ermüdende, bisweilen irritierende Wirkung. Bowman beginnt in New York – eher zufällig als zielgerichtet – bei einem literarisch durchaus ambitionierten Verlag als Lektor zu arbeiten. Doch die Einblicke in seine eigentliche berufliche Tätigkeit halten sich in Grenzen. Nur sehr selten werden Autoren, mit denen Bowman zusammenarbeitet, überhaupt dargestellt. Im Vordergrund stehen dagegen die gesellschaftlichen Verpflichtungen und Zerstreuungen, die nun, da sein Umfeld aus der illustren New Yorker Kultur-Szene besteht, Bowmans Alltag bestimmen. Privat glaubt Bowman sein Glück mit Vivian, der schönen Tochter einer wohlhabenden Familie vom Lande, gefunden zu haben. Was er anfangs selbstverständlich für Liebe hielt, begreift er nach und nach als oberflächliche Anziehung, der es an einem Fundament aus Gemeinsamkeiten fehlt. Die baldige Scheidung verläuft unspektakulär. Übrigens zählen Scheidungen in der Salterschen Gesellschaft zum Alltag, jede Charakterisierung einer noch so nebensächlichen Figur beinhaltet einen Scheidungszähler. So wird durchs Hintertürchen die Trautes-Heim-Idylle, die das Bild der 50er und 60er Jahre oft mitbestimmt, als nostalgieverklärter Mumpitz entlarvt. Gleichzeitig wird eine nervtötende Oberflächlichkeit im gesellschaftlichen Umgang offenbar, der sich auf Klatsch und Banalitäten konzentriert. Bowman selbst heiratet nach seiner ernüchternden Ehe-Erfahrung nicht noch einmal, in willkürlich zu Stande kommende Beziehungen stürzt er sich jedoch immer wieder. Wie im Beruf legt er auch in seinem Beziehungsleben eine zunehmende Professionalität an den Tag, was im gesellschaftlichen Punktesystem nach Salters Darstellung einen steigenden Männlichkeitswert bedeutet. Sexuelle und allgemeine Ereignisse und Erfahrungen haben hier einen gleichrangigen Stellenwert. Salter erzählt seine Geschichte Amerikas aus einer Privatperspektive. Die Konsequenz daraus ist, dass den intimen Meilensteinen eine größere Bedeutung in Bowmans Lebenslauf zukommt als so große historische Ereignisse wie zum Beispiel die Attentate auf Martin Luther King oder die Kennedys erlangen, die zu einer öffentlichen Geschichte Amerikas gehören. In Bowmans Geschichte finden sie, wenn überhaupt, eine erstaunlich gleichgültige Erwähnung – nur gelegentlich gibt ein halber Nebensatz hier und da einen Hinweis auf eigentlich welterschütternde Begebenheiten, weniger wegen ihres Eindrucks auf Bowman, denn tatsächlich üben sie auf diesen keinerlei Wirkung aus, sondern wohl nur um dem Leser anstelle von Jahresangaben eine zeitliche Einordnung zu ermöglichen. Es drückt sich dadurch aber auch eine Verkapselung Bowmans in seiner eigenen Welt aus, was sich im Verlauf der Geschichte als generelles Merkmal der gutverdienenden Kultur-Schicht, der Bowman angehört, erweist. Abenteuer und Neugier auf Unbekanntes erlaubt man sich ausschließlich auf sexuellem Gebiet. So wirken Salters Figuren auch nur in Schilderungen ihrer intimen Seiten überhaupt lebendig. Allerdings schafft selbst die wildeste Zweisamkeit noch längst keine echte Nähe. Bowman beginnt eine Affäre mit der unglücklich verheirateten Engländerin Enid, die er heiß und kopflos begehrt. Doch trotz ihrer körperlichen Innigkeit kommt zwischen den beiden keine emotionale Eindeutigkeit zu Stande, die Unsicherheiten bleiben. Gemeinsam erleben sie traumhafte Reisen in Europa, die nichts anderes als eine besonders intensive Form von Realitätsflucht darstellen. Während Vivian und Bowman weder aus sexueller noch charakterlicher Sicht gut zusammenpassten, kann sich Bowman in der Affäre mit Enid körperlich bewähren und ausleben. Der transatlantische Abstand zwischen ihnen ist aber auch Sinnbild eines innerlichen Getrenntseins: Einerseits macht es einen besonderen Reiz aus, dass die beiden für einander undurchschaubar bleiben, denn dadurch nutzt sich die gegenseitige Faszination lange Zeit nicht ab, andererseits bleibt eine Fremdheit bestehen, die eine Vertiefung ihrer Verbindung verhindert. Erst mit Christine lernt Bowman eine Frau kennen, mit der er nicht nur auf körperlicher Ebene harmoniert, sondern auch im Wesen eine Verbindung erlebt. Tatsächlich lässt Bowman sich dazu hinreißen, wieder ein gemeinsames Alltagsleben mit einer Frau zu führen – und findet Gefallen daran. Die grobe Enttäuschung jedoch folgt nur kurze Zeit später und bezeugt, dass selbst in dieser vermeintlich perfekten Beziehung wieder nichts von Bestand geschaffen werden konnte. Danach folgen nur noch Episoden, die Bowman zwei Aspekte vor Augen führen, die ihm klar machen, dass er seinen Lebenshöhepunkt überschritten hat, bevor man in der dahinplätschernden Geschichte jenen Höhepunkt überhaupt recht wahrgenommen hat: Einerseits ändern sich die Frauen – man stellt fest, dass die emanzipierte Frau in Bowmans Wahrnehmung auf die Stufe eines reizlosen Backfischchens zurückfällt, dessen Eroberung nicht lohnt. Andererseits wird Bowman schlicht und einfach alt, was ihm so plötzlich bewusst wird, dass es eine der seltenen wirklichen Überraschungen in seinem Leben darstellt.

Ich war einige Male durchaus geneigt dieses Buch vor dem Ende aus der Hand zu legen. Man wird nicht warm mit Salters Roman-Personal, alles wirkt glatt und gleichgültig, klassisch, aber oberflächlich. Das Cover der deutschen Ausgabe gibt diese Atmosphäre in perfekter Weise wieder: Die imposanten Fassaden New Yorks, so schön, aber so steril, hunderte Fenster und doch kein Mensch zu sehen, im Vordergrund allein ein Sternenbanner als bewegter Farbtupfer. Selbst Bowmans Beziehung zu seiner Mutter, der einzigen Frau, die ihm wirklich nahe kam, bleibt in ihrer Darstellung uneindeutig: Das, was seine Mutter ihm gab, nämlich die Sicherheit ein geliebtes Kind zu sein, wird zwar lobend erwähnt, aber gleichzeitig marginalisiert, indem die Erzählung von Bowmans Leben als Startpunkt die Zeit des Krieges und nicht der Kindheit wählt. (Nur in kurzen Rückblenden wird ein Einblick in jene Kindheit gewährt – doch der Krieg steht als Trennmauer zwischen der Gegenwart und dem Jungen, der Philip war, seine eigene Kindheit wirkt eher wie das vergangene Leben eines Fremden.) Manches Mal glaubt man, nun arbeite sich die Geschichte auf eine dramatische Spitze hin, dann versandet jedoch jegliche Sensation in ihrer Einbettung in Beiläufigkeiten. Und doch: Rückblickend verstehe ich das als konsequent angewandtes Stilmittel, das zwar allgegenwärtigen Einsatz findet und dennoch nicht so plakativ ins Auge springt, dass ich sofort dessen Absicht bemerkt hätte. Erst kurz vor dem unaufgeregten Roman-Ende kommen mir wieder die Beschreibungen von Bowmans Einsatz auf einem Kriegsschiff im Pazifik in den Sinn, was Salter still und leise provoziert, indem er einen von Bowmans damaligen Kameraden zufällig auf einer Party auftauchen lässt, wo sich die beiden dann freundlich und unverbindlich in ein paar Sätzen über ihr Leben austauschen. Hier ist der Bogen, von dem Bowman die ganze Zeit durch seinen Namen spricht, plötzlich vollzogen. In manchen Leben muss sich eben alles, was ist, an einer einzigen Erfahrung messen – und scheitert daran.


Auch James Salter selbst ist einer dieser Männer, die in sich eine vergangene Epoche zu konservieren scheinen. Mit seinem Protagonisten Philipp Bowman teilt er einige markante Eigenschaften und biographische Stichpunkte. 1925 geboren als Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmannes und einer anspruchsvollen jungen Dame aus bestem Hause, wächst Salter in gutbürgerlichen Verhältnissen in New York auf. Rückblickend beschreibt er sich als verwöhntes und naives Kind. Dem imposanten Vater ist nur schwerlich etwas anteilnehmende Aufmerksamkeit für den blassen Sohn abzuringen, zumindest solange Salter Junior sich vorrangig mit Büchern beschäftigt. Vielleicht auf Druck des Vaters, vielleicht aber auch um den alten Herren zu beeindrucken, der seinerzeit jahrgangsbester Absolvent an der Militärakademie West-Point war, geht Salter mit 17 ebenfalls nach West-Point. Sein Leben ändert sich dadurch umfassend. Der Drill und die abgeschlossene Gemeinschaft beeinflussen stark seinen Charakter, und das Thema Männlichkeit entwickelt sich zu seinem literarischen Leitfaden. Außerdem beginnt dort seine langjährige militärische Laufbahn, er durchläuft eine Ausbildungen zum Air-Force-Piloten und unternimmt zunächst – der Zweite Weltkrieg hat kurz zuvor sein Ende gefunden – Transportflüge im Pazifik-Raum. Eine Farmerstochter aus Virginia wird in jener Zeit die erste Mrs.Salter. Über dieses Ehe gibt Salter bemerkenswert wenige, gleichgültige Kommentare ab. Bezüglich seiner zahlreichen Affären in jenen Jahren erweist er sich in diversen Interviews dafür als umso auskunftsfreudiger. Alte Fotos zeigen Salter als attraktiven jungen Mann mit anziehender Ausstrahlung in Uniform oder Fliegeranzug – gut gebaut, militärisch verwegen, selbstgewiss. Entsprechend der weltweiten Verstreuung von Air-Force-Stützpunkten, führt es Salter beruflich nach Europa, nach Asien oder nach Hawaii, wo er jeweils diverse Techtelmechtel unterhält. Im Korea-Krieg wird Salter als Jagdflieger eingesetzt. Seine Kriegserfahrungen bezeichnet er als unwiderruflich prägend, wenn auch nicht als traumatisch. Dennoch bewegt das Erleben des Krieges etwas in ihm, erzeugt den Drang zu schreiben, erzwingt in ihm ein verändertes Denken über Lebensinhalte, Lebensaufgaben. Seine Zeit als Kampfpilot verarbeitet er in The Hunters (hierzulande erscheint The Hunters 2014 unter dem Titel Jäger, die deutsche Ausgabe entspricht einer 1997 von Salter überarbeiteten Version des Romans). Schließlich wagt er, Anfang dreißig, den zweiten radikalen Richtungswechsel in seinem Leben, gibt die vertraute Uniform ab und lebt fortan als Schriftsteller. Es entstehen Kurzgeschichten, Romane, Drehbücher. Als Quereinsteiger in die Schriftstellerwelt sind seine Zukunftsaussichten ungewiss – zumal verglichen mit den Zeiten im geregelten Militärdienst -, doch Salter besitzt Charisma, ist gesellschaftsfähig und schafft es, die richtigen Menschen für sich und sein Talent zu interessieren. The Hunters wird mit Robert Mitchum verfilmt. Salter orientiert sich nun verstärkt in Richtung Filmbranche. Er verdient Geld und erarbeitet sich Renommee als Drehbuchautor, unterhält Freundschaften mit Roman Polanski, Federico Fellini, Robert Redford. Salter fühlt sich wohl in seiner Rolle als Mitglied der intellektuellen Society, er leistet sich einen ausgesuchten Lebensstil und wohl auch reichliche amouröse Abenteuer. Inzwischen lebt er mit seiner zweiten Frau, der Dramatikerin Kay Eldredge, wahlweise in New York, auf seinem Anwesen in den berühmten Hamptons oder in seinem Häuschen im Aspen, einem noblen Ski-Örtchen in Colorado mit recht prominenter Einwohnerschaft.


>> James Salter, Alles, was ist (Berlin Verlag) kartoniert €10,99

VINTAGE AMERICAN // At the Village Vanguard

Taucht die Ortsangabe Live at the Village Vanguard im Namen eines Albums auf, wird das als Gütesiegel verstanden. Ich war nie in New York, aber käme ich aus irgendwelchen utopischen Gründen eventuell doch einmal dorthin, sähe mein (genau: utopisches) Touristenprogramm folgendermaßen aus: Leute gucken, Straßenmusikern zuhören, unzählige Gebäude-Fotos machen, Leute gucken, mich im Central Park verlaufen, Leute gucken, permanent essen (Hot Dogs, Bibimbap, Knisch, Pastrami, Tsimmes, Sukiyaki – unzählige Delis bedeuten unzählige Möglichkeiten), vielleicht einmal Edgar Allan Poes Häuschen anschauen, Galerien abklappern, Leute gucken, Kaffee über Kaffee trinken, Museen-Marathon, immer noch essen, Musikclubs besuchen. Wahrscheinlich könnte ich es mir nicht verkneifen vor bzw. in der Modeboutique herumzulungern, in deren Räumlichkeiten zuvor das CBGB (OMFUG) beheimatet war. An utopischen Abenden würde ich gern in ein Yellow Cab steigen und dem Fahrer per Zielangabe irgendein Pub oder Club mit lauter Live-Musik selbst überlassen, wohin er mich dann bringt – The Trash Bar, The Bell House, Old Man Hustle, wer weiß. Und an jedem zweiten Abend jenes utopischen Aufenthalts würde ich dann die Jazz-Clubs besuchen, deren Eintritt deutlich teurer ausfällt: Blue Note, Birdland Jazz Club NYC, Iridium Jazz Club, Village Vanguard. Und um nun endgültig vom Utopischen ins Phantastische zu kippen, würde ich natürlich meine Besuche im Village Vanguard in der Vergangenheit machen, hauptsächlich in den 1960ern: Thelonious Monk dort sehen und Miles Davis, John Coltrane, Sonny Rollins und Bill Evans. Solange, bis ich eine Möglichkeit gefunden haben werde, diesen Plan irgendwie zu verwirklichen (ich baue da sehr auf die Techniken der kommenden Zukunft), erfolgt die Reise vorerst rein akustisch.



VINTAGE AMERICAN // Von Veilchen und Felsen

T.Williams Zitat (Sonja Grebe)

Das Lebendige setzt sich durch gegen das Leblose, das Bewegte gegen das Statische, das Farbenfrohe gegen das Triste: In diesem Satz – einer Zeile aus seinem Theaterstück Camino Real – kommt einmal ganz unverschleiert zum Ausdruck, was bei Tennessee Williams (26.03.1911 – 25.02.1983) für gewöhnlich tief unterhalb einer dicken Schicht Verrücktheit, Verzweiflung und Verdammnis, kurz: Allzumenschlichem, verborgen liegt. Obwohl es immer das menschlich und gesellschaftlich Abgründige war, dem Williams sich widmete, und Abstieg, Niedergang, Verfall in ihren vielen Formen den Kern seiner Stücke ausmachen, glaubte dieser Autor doch an die unbändige Kraft des Lebens. Nicht, dass sich das in banal-romantischen Happy Endings äußern würde. Doch blitzt inmitten allen Schmutzes und Gerölls, wenn man nur fleißig und hoffnungsvoll genug die Goldwäsche betreibt, irgendwann etwas Glänzendes im Sichertrog auf.


Was wäre der hiesige Englisch-Unterricht ohne Tennessee Williams? Oder besser gesagt: Trotz der wiederkäuenden und lieblosen Abarbeitung in meinem Englisch-Unterricht hat es der Ur-Südstaatler Williams doch geschafft mich zu prägen. Vielleicht sind auch Marlon Brando und der unsterbliche Paul Newman daran schuld, wer weiß – die folgenden beiden, zufällig prominent verfilmten Stücke jedenfalls sind wohl nicht von ungefähr meine Allzeit-Lieblinge:


What is the victory of a cat on a hot tin roof? (Brick) – I wish I knew. Just staying on it, I guess, as long as she can. (Maggie)

Big Daddy wird bald sterben, doch niemand traut sich dem unantastbaren Patriarchen die Wahrheit über seine Krebserkrankung mitzuteilen. Zu seinem 65. Geburtstag kommt die Familie zusammen: Lieblingssohn Brick – alkoholkrank und lebensmüde – mit Maggie, seiner frustrierten Frau, sowie der ältere Bruder, der geschäftstüchtige Gooper mit seiner Frau Mae und den Kindern. Während Brick der familiären Gesellschaft mit Aggressionen gegenübertritt und reichlich Drinks zu sich nimmt, versuchen Gooper und Mae, deren Liebe zu Big Daddy sich durchaus ebenfalls in Grenzen hält, sich mit allerlei Theater bei dem Todkranken lieb Kind zu machen, um bei der Verteilung des Erbes so gut wie möglich dazustehen. Die gespielte Harmonie kippt sehr bald, die schwelenden Streitigkeiten zwischen Brick und Gooper, zwischen Maggie und Mae, zwischen Big Daddy und seinen Kindern und besonders zwischen dem ohnehin zänkischen Pärchen Brick und Maggie eskalieren zur allerschönsten Familienkatastrophe. In Die Katze auf dem heißen Blechdach (Uraufführung 1955) entladen sich die Spannungen jahrzehntelang aufrecht erhaltener Heuchelei und Maskerade in zwischenmenschlichen Gewittern. Natürlich besiegeln diese den Untergang der mondänen und soliden Fassade, die das bislang einzige einende Merkmal der Angehörigen des Südstaaten-Clans um Big Daddy war. Doch der große Knall zeigt reinigende Wirkung, führt zu neuer Offenheit und Demut. So erröffnet sich trotz aller seelischen Versehrungen für Brick und Maggie die Möglichkeit ihre Ehe vielleicht doch noch zu retten und mit etwas Ehrlichkeit womöglich sogar eine bessere daraus zu machen als sie von Beginn an gewesen war.


– HEY, S-T-E-L-L-A-A-A-A-A-A-A-A! (Stanley)

Stella, Stanley, die Haustreppe – die Mutter aller US-Theaterszenen! Nachdem die letzten Überbleibsel des Erbes ihres einst vermögenden Familienclans völlig aufgebraucht sind und sie noch dazu ihre Anstellung als Lehrerin verloren hat, sucht die verzärtelte und zu Schwindeleien neigende Blanche Zuflucht bei ihrer jüngeren Schwester Stella. Diese lebt längst in sehr einfachen Verhältnissen, verheiratet mit dem polnischen Einwanderer Stanley, in einer Arbeitergegend in New Orleans. Blanche, die sich von ihrem Dünkel und ihren Träumen von der glanzvollen Familienvergangenheit nicht trennen kann, will sich mit dem proletarischen Umfeld nicht anfreunden und treibt allmählich einen Keil zwischen Stella und Stanley. Dafür rächt sich Stanley, zunächst, indem er in Blanches Vergangenheit stöbert und ihre zahlreichen Affären – unter Anderem mit einem ihrer Schüler – verwendet um ihren Ruf zu ruinieren. Der Konflikt zwischen beiden eskaliert, und Stanley vergewaltigt Blanche. Als Blanche Stanley offen beschuldigt, glaubt ihr jedoch niemand, da ihr Wort im ganzen Viertel nichts gilt. In Endstation Sehnsucht (Uraufführung 1947) trifft der Aufstieg der von Einwanderern geprägten Arbeiterklasse mit vernichtender Wirkung auf den im Untergang begriffenen alten Südstaatenadel. Während Blanche schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet und in einer Klinik endet, bekommt Stella ein Baby und richtet sich – auf seiten ihres Mannes, nicht ihrer Schwester – in einer Zukunft ein, die völlig abgelöst ist von ihrer Vergangenheit. Untergang, Verzweiflung, Verrohung, und doch, mittendrin: ein Baby.


Seine eigene Familie und Tennessee Williams selbst hätten wohl sein bestes literarisches Personal sein können, und häufig liegen die Parallelen zwischen Werk und Biographie so nahe, dass Interpretationen immer wieder auf Williams´ Lebensgeschichte zurückgreifen. Der Vater versuchte sein Glück als reisender Schuhverkäufer, die Mutter stammte aus einer ehemals reichen Südstaatenfamilie. Die Familie zog nach einer Phase des Niedergangs in ein ärmliches Viertel in St.Louis. Bruder Dakin war der bevorzugte Sohn des Vaters, Schwester Rose litt an psychischen Erkrankungen und wurde schließlich, in Absprache mit den Eltern, einer Lobotomie unterzogen, was Williams seinen Eltern nie verzieh. Während der Vater prügelte und die Mutter lebensgleichgültig wurde, hielt Williams offenbar einen Drang zum Schönen und zum Lebendigen stets aufrecht. So soll zum Beispiel sein Stück Das Glasperlenspiel darauf zurückgehen, dass er seiner labilen Schwester ihr dunkles und enges Zimmer mit weißen Möbeln und viel Glaszierrat neu einrichtete um ihr eine Freude zu machen. Später versuchte sich Williams an einem Literaturstudium, das er jedoch abbrach, und hielt sich über Wasser, indem er in einer Schuhfabrik arbeitete. Dennoch verfasste er als Mittzwanziger seine ersten, erfolgreichen Theaterstücke. Er begann seine Homosexualität auszuleben und fand in seinem Sekretär Frank Merlo einen langjährigen Partner. Williams verfasste, bis Merlos Tod 1963 eine jahrelang andauernde Depression bei ihm auslöste, seine meist beachteten Theaterstücke und Drehbücher.


>> Bild: Tusche, Kuli, Papierschnipsel und ein paar geklaute, schöne Worte – fertig ist das neue Lesezeichen. (Grebe, 2015)



GROSSE FRAUHEIT // Auf Provinzflucht mit Judy Henske


Im Büro eines Provinz-College und später einer Quäker-Kooperative zu arbeiten, mag für viele eine erfüllende Aufgabe sein. Judy Henske teilte wohl nicht diese Zufriedenheit und schulte sich kurzerhand selbst um, von der Sekretärin zur Sängerin. Geboren wurde Judy Henske 1936 in einer Kleinstadt im Nord-Osten der USA namens Chippewa Falls/Wisconsin. Immerhin konnte der Nachbarstaat Illinois mit Chicago eine veritable Metropole als Fluchtpunkt anbieten. Aber das war für Judy Henske längst nicht alles in Sachen Fernziele: Ende der 50er Jahre zog es sie aus dem waldreichen Norden den Stränden und der Sonne Kaliforniens entgegen, wo sie in San Diego zeitweise auf einem Schiff wohnte und singend durch die Kaffeehäuser Los Angeles´ tingelte. Dort schloss sie sich Anfang der 60er einer Gesangstruppe namens Whiskey Hill Singers an, die sich jedoch bald wieder zerstreute. Henske landete auf Umwegen in Hollywood, wo sie an einer Dokumentation über die Folk-Bewegung und an Album-Aufnahmen anderer Musiker mitwirkte. Außerdem trat sie als schnell populär gewordener Side-Act in der Judy-Garland-Show auf, flog wegen ihres deftigen Humors jedoch bald wieder aus der Besetzung – so schlug sie sich also weiter als Solo-Sängerin durch. Regelmäßig ging sie für Auftritte nach New York und lernte dort Woody Allen kennen, kurze Beziehung inklusive. Der Mann, den sie später heiratete, hieß dann aber Yerry Jester, Mitglied des Modern Folk Quartet. Das Musiker-Ehepaar hielt sich mit pausenlosen, auch gemeinsamen Auftritten in New York und entlang der Ostküste über Wasser. Für eine Karriere als Entertainerin ging Henske nach Los Angeles zurück, floppte aber gründlich und wechselte wieder an die Ostküste, als Yester Ende der 60er Jahre dort einem vielversprechendem Band-Projekt namens The Lovin´ Spoonful beitrat. Parallel dazu kehrte Henske wieder ganz zur Musik zurück und nahm gemeinsam mit Yester ein Psychedelic-Folk-Album auf, das Frank Zappa auf seinem Label Straight Records verlegte. Das Ehepaar wirkte fortan als Rosebud gemeinsam weiter – bis schließlich das Ende Rosebuds und damit auch der Ehe zwischen Henske und Yester ins Haus stand, als sich Henske und der für Rosebud als Keyboarder verpflichtete Craig Doerger verliebten. Seither lebte Judy Henske weitestgehend im Privaten und trat erst ab den 90er Jahren wieder vereinzelt musikalisch auf. Obwohl ihr Einfluss mit der Zeit in Vergessenheit geriet, gilt sie rückblickend als wichtige Inspirationsquelle vieler amerikanischer Schriftsteller und Musiker.


WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Moondogs Reisen

Ein weites Feld der Literatur sind Lebensgeschichten, seien es fiktive oder verbürgte, bekannte oder verborgene, exemplarische oder exzentrische. In manchen Fällen wird die Literatur jedoch von der Realität rechts überholt, was die Originalität der Protagonisten und des Handlungsbogens einer Lebensgeschichte anbelangt. Einer jener Spezialfälle des Schicksals beschäftigt derzeit mein Gehör und heißt Moondog.

Geboren 1916, in der Aufbruchszeit des 20sten Jahrhunderts, verlebte Louis Thomas Hardin als Sohn eines Wanderpredigers eine vom Umherziehen geprägte Kindheit im Mittleren Westen der USA. Gestorben ist er zum Ende jenes Jahrhunderts, 1999,  im „Tiefen Westen“ Deutschlands – als Moondog. Zwischen diesen Eckdaten erstreckt sich zum Einen die Entfaltung der musikalischen Neuzeit, zum Anderen die Biographie eines wunderlichen Musikers und Poeten.

Abenteuerhaftes Potential besitzen bereits seine jungen Jahre, in denen Hardin durch die Tätigkeit seines Vaters unter Anderem Kontakt zu Indianern und deren musikalischer Kultur erhält. Auch Explosionen fehlen nicht in seiner Lebensgeschichte: Der sechzehnjährige Hardin verliert bei einem tragischen Unfall mit einer Dynamitkapsel sein Augenlicht. Dieses Ereignis erweist sich wörtlich als Urknall, rückblickend bezeichnet Moondog seine Erblindung als Grundstein seiner musikalischen Entwicklung. Auf einer Blindenschule erhält er die Gelegenheit mehrere Instrumente zu erlernen. Unermüdlich vertieft er autodidaktisch seine Kenntnisse zu Kompositionslehre und Klassischer Musik, verschlingt alles, was in Blindenschrift zum Thema Musik zu beschaffen ist, und setzt schließlich eigene Werke in Blindenschrift um.

Nach Ablauf seiner Schulzeit verliert sich seine Spur für eine Weile, danach aber taucht Hardin als stadtstreichender Künstler im Big Apple auf. Selbst im von Sondernaturen bevölkerten New York der 1940er Jahre erfährt er eine stetig wachsende Aufmerksamkeit. Zum Teil ist der Zulauf, den seine Straßenauftritte finden, dem Kuriositätswert seiner Erscheinung geschuldet: Der Liebhaber europäischer Sagen – speziell fasziniert ihn die Nordische Mythologie – tritt als skurriles Wikingerwesen auf und nimmt damit bereits eine Erscheinungsform des Phantastischen vorweg, die sich erst später als eigenes Genre etablieren soll: Fantasy. Sozial isoliert ist der Sonderling allerdings nicht, er wird bald als Institution des Straßenbilds Manhattans wahrgenommen und unterhält einen regen Austausch mit Künstlern, die das kulturelle Umfeld gestalten. So ist er regelmäßiger Gast der Carnegie Hall, da er freundschaftliche Beziehungen zu Musikern der New Yorker Philharmoniker sowie deren Dirigenten pflegt. Die weitere Liste seiner künstlerischen Bekanntschaften ist lang: Arturo Toscanini, Igor Strawinski, Leonard Bernstein, Charlie Parker, Julie Andrews, Benny Goodman, Charles Mingus, Allen Ginsberg. Eine Vielzahl prominenter Größen begleitet seinen Weg, er nimmt gemeinsame Alben mit ihnen auf, gestaltet gemeinsame Lesungen, er lernt von ihnen und sie von ihm. Sein Lebenswandel bleibt davon unberührt, Moondog – so nennt er sich nach einem Hund, den er besaß, der besonders wehmütig den Mond anheulte – steht mitten im kulturellen Geschehen und lebt trotzdem für sich.

In den 1970ern verlässt Moondog Manhattan. Vor Ort kann sich niemand sein Verschwinden erklären, Moondog hat sich nirgendwo verabschiedet und keine Spuren hinterlassen, weder Freunde noch Presse wissen um seinen Verbleib. Während Paul Simon im Fernsehen Moondogs mutmaßlichen Tod bedauert, streift dieser in Deutschland umher, nachdem er vom Hessischen Rundfunk zu Bach-Konzertveranstaltungen eingeladen worden war und, ohnehin angezogen von der kontinentalen Kultur, während seines Aufenthaltes den Entschluss gefasst hat, nicht mehr in die USA zurück zu kehren. Er beginnt von Neuem ein vagabundierendes Leben, es zieht ihn von Frankfurt nach Hannover, nach Hamburg, und ihm gefallen Land und Leute. Zu seinem Stammplatz wird schließlich die Recklinghäuser Altstadt. Dort gabelt ihn eines Tages eine Studentin auf, sie hat eine seiner Aufnahmen gekauft und bietet ihm daraufhin eine Bleibemöglichkeit. Aus dem Versuch zu verstehen, was um Himmels Willen einen metropolenerfahrenen Amerikaner mit musikalischer Karriere dazu bringen mag ein Straßendasein in der Provinz Nordrhein-Westfalens zu führen, entwickelt sich nach und nach eine Zusammenarbeit: Ilona Sommer gründet ein Label, das Moondogs Aufnahmen sammelt und vertreibt, sie organisiert und begleitet Konzertreisen und Auftritte Moondogs, agiert als Managerin und bringt darüber hinaus dem rastlosen Streuner eine sesshaftere und etwas bürgerlichere Lebensweise nahe. Nachdem sein Leben während der 1980er Jahre somit erneut auf soliderem Boden verlaufen ist, zieht es ihn für einen einzelnen Auftritt wieder zurück nach New York, des Weiteren nimmt er in England zu Beginn der 1990er ein Album auf, verankert bleibt er jedoch in Deutschland – sein Grab findet man in Münster.

AM FLUSS // Von Vätern und Söhnen: Blues am Mississippi und am Niger

Wer Blues sagt, denkt den Mississippi mit – an wohl kaum einem anderen Ort sind Musik und Fluss so eng miteinander verbunden. Der Delta-Blues, entstanden zu Beginn des letzten Jahrhunderts, hat sich für die Entwicklung moderner Musikrichtungen als Zündfunke von unschätzbarem Wert erwiesen. In der Fortentwicklung des Neuen jedoch ging das Wissen um dessen Wurzeln weitgehend verloren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Blues hervorgebracht hatten, durchliefen grundlegende Veränderungen, es stockte dadurch auch die mündliche Tradierung des Liedguts. Neue Tonaufnahme- und Wiedergabetechniken waren noch nicht demokratisiert verfügbar. Vermutlich wäre die Vielfalt des Blues bald undokumentiert verklungen und ein großer Teil vergessen worden.

Go and get this material while it can be found. Preserve the words and music. That’s your job.*  Mit diesen Worten wurde John Lomax von Seiten der Harvard-Universität in seiner Forschungsarbeit ermutigt, die ihn kreuz und quer durch die USA führen sollte: Die Dokumentation amerikanischer Musikfolklore. Lomax, dessen Kindheit auf der elterlichen Farm begleitet worden war von den Gesängen der Tagelöhner, befreiten Sklaven und Cowboys, hatte durch Ernteerlöse und den Verkauf seines Ponys genug Geld zusammenkratzen können um eine akademische Ausbildung zu finanzieren, die sich bald in den Kulturwissenschaftsbereich verlagern sollte, wo sie sich schließlich auf die Musikforschung konzentrierte. Beginnend mit seiner Studienzeit, sammelte Lomax über Jahrzehnte hinweg tausende von Dokumenten traditioneller amerikanischer Musik. Zunächst allein, ab den 1930er Jahren dann begleitet von seinem Sohn Alan und einem annähernd drei Zenter schweren Phonographen, begab er sich auf seine als Field Trips bekannt gewordenen Aufnahme-Reisen. Steigende akademische Anerkennung und gelegentliche Radioauftritte sorgten dafür, dass Lomax´ zunehmende Popularität teilweise auch auf die von ihm besuchten Musiker abstrahlte: Zum Beispiel beschäftigte Lomax sich intensiv mit Prison Songs – die Gefängnisse galten als Enklave ungebrochener Weitergabe traditionellen Liedguts, auch in Form der von den Chain Gangs gesungenen Work Songs – und stieß in diesem Zusammenhang auf einen ehemaligen Häftling namens Lead Belly. Diesem war als erstem Blues-Musiker eine veritable Karriere beschieden, die von Lomax durchgehend gefördert wurde. Die von Lead Belly adaptierten oder selbst geschriebenen Stücke sind ein elementarer Bestandteil der amerikanischen Musikkultur geworden. Alan Lomax setzte die Arbeit des Vaters fort, indem er einem vielleicht noch intensiveren Weg folgte. Über die USA hinaus führten ihn seine Aufnahmereisen unter anderem bis nach Haiti, Marokko, Großbritannien und auf die Bahamas. Ihn trieb die Idee an, durch das Verdeutlichen von Entwicklungszusammenhängen in regional getrennten Musiktraditionen eine Art musikalischer Internationale aufzuzeigen. Geprägt war die Musikforschung der Lomaxes jahrzehntelang von finanziellen und gesundheitlichen Widrigkeiten. Eine breite öffentliche Wertschätzung ihrer Arbeit bestand jedoch stetig. Über zehntausend Aufnahmen lagern in der Library of Congress. In digitalisierten Zeiten vereinfacht sich der Zugriff auf die Dokumentationen für die breite Öffentlichkeit. Inzwischen findet sich via Youtube eine Zusammenstellung vieler beeindruckender Aufnahmen im Alan Lomax Archive.

(*Charles Wolf and Kip Lornell, Life and Legend of Leadbelly (New York: Da Capo Press,1999), S.108)

Die Wurzeln des Blues zurückzuverfolgen, führt in letzter Konsequenz über den Ozean, den Abstammungsspuren amerikanischer Sklaven – nach Afrika. Dort hat sich derweil eine eigene Ausrichtung des Blues entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gitarre, bisher dort wenig verbreitet, ein populäres Instrument auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Und im Zuge verschiedener Unabhängigkeitsbewegungen vormaliger Kolonialstaaten zeigten in den 50er und 60er Jahren viele Regionen auch Mut zu ihrer musikalischen Identität. Die afrikanische Musik im Allgemeinen wurde zugänglicher für internationale Einflüsse und fand im Austausch größere Verbreitung auf dem europäischen und amerikanischen Kontinent.

Entlang des Niger zeigt sich eine ganz eigene musikalische Prägung. Den wenigsten unter uns dürften Instrumente namens Njarka, Ngoni oder Gurkel ein Begriff sein. In Verbindung mit der neu entdeckten Gitarre schufen Musiker in den Niger-Anreinerstaaten aus dem Klang jener traditionellen Instrumente und modernen Einflüssen den mittlerweile international populären Klang des Mali-Blues. Der inzwischen verstorbene Ali Farka Touré hat als zweimaliger Grammy-Gewinner unter jenen Musikern einen besonderen Status inne. Geboren am Niger und aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, profitierte Touré in den 60er Jahren nach der Unabhängigkeit Malis von staatlichen Programmen zur Förderung lokaler Musiker. Seine erste eigene Gitarre kaufte Touré übrigens in Sofia; das Interesse an Folk-Musik erreichte in den späten 60er Jahren neue Höhen in Europa und führte auch afrikanische Musiker auf Tourneen zum Kontinent im Norden. In den 90er Jahren entstand mit dem amerikanischen Blues- und World-Musiker Ry Cooder eine Zusammenarbeit, die nicht nur Ali Farka Touré, sondern dem Mali Blues generell eine enorme internationale Aufmerksamkeit bescherte: Das Projekt Talking Timbuktu wurde mit einem Grammy geehrt und sicherte Touré auch finanziellen Erfolg. Inzwischen führt Tourés Sohn Vieux Farka Touré den musikalischen Weg seines Vaters fort und hat sich durch Auftritte in Afrika, Europa und Nordamerika als improvisationsbegabter Live-Musiker profiliert.