Thema New York

KOPFGEBÄUDE // Pablo de Santis, Die sechste Laterne

de santis

Alles, was von dem Architekten geblieben war, befand sich in dieser Kiste.

Was von einem Architekten bleibt, das sollten eigentlich Gebäude sein, in denen gelebt wird – aber nur Baupläne, die in einer Kiste verwahrt werden, wie in einem Sarg? Dass diese Kiste, mit deren feierlicher Öffnung der Roman beginnt, sich im Besitz einer gewissen Gesellschaft für Utopische Architektur befindet, zeigt an, wie es um das Vermächtnis des Architekten Silvio Balestri bestellt ist. Dessen fiktive Lebensgeschichte wird von Pablo de Santis in Die sechste Laterne rückblickend erzählt. Da es nun aber natürlich sein sollte, dass ein Architekt von seinem eigenen Werk größenmäßig überragt wird, spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Roman ein Gebäude, neben dem sein Architekt, Balestri, nahezu verschwindet: Zikkurat. Ein Bauvorhaben, betitelt nach den antiken mesopotamischen Tempelanlagen, auf welche auch die Geschichte vom Turm zu Babel zurückgeht; im New York des jungen 20sten Jahrhunderts soll es neuartigen Wohnraum für zigtausende Menschen schaffen.

Silvio Balestri, Sohn eines Steinmetzes in Italien, findet erst auf einem vielsagenden beruflichen Umweg überhaupt zur Architektur: Anstatt in die Fußstapfen des Vaters zu treten und vorrangig Grabmäler zu bildhauern, betätigt sich Balestri zunächst als denkmalkundlicher Sachverständiger für Friedhofsarchitektur. Zwischen Kapellen und Mausoleen – dort schult sich sein Blick für die Bedeutung und die Vergänglichkeit von Bauwerken. Während seines anschließenden Studiums der Architektur veröffentlicht er in Fachzeitschriften einige Beiträge, mit denen er sich als eigenwilliger Architekturtheoretiker profilieren kann, und er schließt Freundschaft mit einem Prager Kunsthistoriker und selbstberufenen Sprach-Archäologen, den es nach Italien verschlagen hat: Oskar Pollak.

Das ist wohl der beste Moment, um zu erwähnen, dass Die sechste Laterne ein kafkaesker Roman ist – das muss nämlich unbedingt erwähnt werden, das ginge beim besten Willen nicht ohne, bisher jedenfalls hat das noch kein Rezensent dieses Romans geschafft. Es schwelt ein lauerndes Verhängnis vor sich hin, auf dessen Eintritt der Handlungsverlauf unausweichlich zuschreitet; Entscheidungsträger und Wirkungszentren bleiben im Dunkeln verborgen und entfalten von dort aus ihre einschüchternde, verunsichernde Wirkung; dazu das irgendwie unpersönliche und ausgesprochen deutungsoffene Erzählen: Wer sich anfangs gefragt hat, ob der Autor nicht vielleicht doch etwas zu viel Kafka gelesen habe, darf sich spätestens nun, als Kafkas Jugendfreund Pollak als Freund Balestris auftritt, von de Santis mit einem Augenzwinkern bedacht fühlen – er imitiert Kafka nicht etwa, sondern er huldigt ihm, indem er ihm diesen Roman zu Füßen legt.

1914, als in Europa der Erste Weltuntergang seinen Lauf zu nehmen beginnt, setzt Silvio Balestri auf der frisch vom Stapel gelaufenen Aquitania nach New York über – neues Schiff, neues Leben, neue Welt. Eine stürmische Reise. Beinahe erinnert das Passagierschiff, das nun hauptsächlich Auswanderer und deren Hoffnungen transportiert, an eine Arche Noah für das vorweltkriegszeitliche Europa. Und da waren Männchen und Weibchen von allem Fleisch, wie es in der Bibel heißt – der junge Architekt, der eigentlich keinerlei amouröse Ambitionen hegt, setzt seiner eigenen Verkuppelung an Bord keinen Widerstand entgegen und heiratet eine Schiffsbekanntschaft. Endlich in New York, muss Balestri feststellen: Mitbringsel aus der alten Welt, die gerade im Krieg versinkt, sind hier, wo die neue Welt mit ihren Wolkenkratzern in den Himmel empor wächst, zu nichts nütze. Das Empfehlungsschreiben eines renommierten italienischen Architekten bringt nicht den gewünschten Erfolg bei der Arbeitssuche; vielmehr scheint Balestris per Dokument beglaubigte Kennerschaft der klassischen Architektur ihm geradezu dabei im Wege zu stehen, in wenigstens irgendeinem der unzähligen Architektenbüros dieser bauboomenden Stadt einen Fuß in die Tür zu kriegen. Und das traditionelle Lebensmodell Ehe, das scheitert im Falle Balestris und seiner Frau Greta ebenfalls gründlich. Balestri muss hier also ganz von vorn anfangen, muss sich selbst, wie einen Wolkenkratzer, von einem neuen Fundament an aufbauen. Dabei wächst auch die Idee zu einem noch nie dagewesenen Gebäude in ihm heran, welches das gesamte Wissen, Können und die Bedeutung seiner Zeit bündeln soll – vollkommen besessen von seinem Zikkurat, arbeitet Balestri in seinem schäbigen Apartement unablässig an den Bauplänen und füllt unzählige Notizbücher mit seinen Überlegungen zur Theorie und zur Philosophie seiner privaten, utopischen Gebäudekunde. Zunächst eignet sich Balestri die neue Sprache als die seine an, er veröffentlicht wieder in Fachzeitschriften, kellnert ein wenig, schafft es schließlich, in einem etablierten Architekturbüro in die bauzeichnerische Abteilung aufgenommen zu werden, und arbeitet sich, mühsam, aber stetig, aus der Kelleretage nach oben. Ab hier wird es dann erst so richtig kafkaesk. Balestri macht die Bekanntschaft eines Museumsbesitzers, der in seinen Ausstellungsräumen Modelle nicht verwirklichter Bauvorhaben hortet – schon bald verbindet Balestri und den undurchsichtigen Caylus eine enge Freundschaft. Als Balestri beruflich in der oberen Etage bei den berühmten Architekten Moran, Morley & Mactran angekommen ist, beauftragt ihn einer der Teilhaber damit, die Architekten auszuspionieren, um herauszufinden, wer Ideen und Know How des Büros an die Konkurrenz weitergibt; im Folgenden versucht Balestri jahrelang, die Geheimschrift zu entschlüsseln, in der die Architekten miteinander kommunizieren – Gespräche führt man nämlich nicht, man schiebt sich stattdessen gegenseitig, unter Bürotüren hindurch, Zettelchen mit chiffrierten Botschaften zu. Greta verschwindet eines Tages spurlos; Caylus wird plötzlich polizeilich gesucht; es stirbt einer der Teilhaber von Moran, Morley & Mactran unter nicht vollauf geklärten Umständen; ein Geheimbund mit dem kryptischen Namen Die sechste Laterne entsendet seinen Botschafter, um Balestri auszurichten, Architektur dürfe sich keinesfalls je wieder dazu aufschwingen, Bedeutung transportieren zu wollen, sie müsse, ganz im Gegenteil, jeglicher Bedeutung entsagen. All dies könnte vielleicht, vielleicht aber auch nicht, in Verbindung stehen mit einer Entscheidung des Architekten Mactran: Zikkurat soll tatsächlich gebaut werden.

Dass de Santis die Geschichte Balestris erst ins Fach der phantastisch angehauchten Kriminalliteratur kippen lässt und dann seinen Protagonisten, nachdem dessen New Yorker Leben aus dem Ruder gelaufen ist, nach Buenos Aires schickt, liest sich wie eine zweite literarische Verneigung des Autoren: diesmal vor seinen argentinischen Landsleuten Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares. Überhaupt hat De Santis merklich Spaß daran, seinen Roman mit Anspielungen zu verzieren und mit Elementen auszubauen, die verschiedensten Genres entlehnt sind, etwa der Detective Novel oder der Gothic Novel, doch verliert sich de Santis dabei nie in überflüssigen Spielereien.

Die heimliche Hauptrolle des Romans übrigens trägt keine der Frauen, die vor oder nach Greta auftauchen, und auch nicht etwa die namenlose Katze, die sich, gegen dessen Willen, bei Balestri einquartiert, sondern: Sprache – Sprache an sich, Sprache als Bedeutungsträger, als Mittel des Zugriffs auf die Welt; antike und gegenwärtige, alltägliche und spezifische, auch magische Sprache; Sprache als Werkstoff unserer Welt. Balestri betrachtet die Architektur nicht nur als universal verständliche Sprache; er strebt an, dieser Sprache eine Energie – eine Art Verbalzauber – einzubauen, die weit über das Gebäude selbst hinaus wirkt. So sagt Balestri, die spätere Ruine eines Gebäudes müsse bereits in ihren Bauplänen angelegt werden – bis in seinen Verfall hinein, müsse ein Gebäude seine Bedeutung wandeln und immer neu vermitteln, so dass es Bedeutung nicht nur zeigen, sondern tatsächlich erzählen könne. Zikkurat wiederum ist offenbar so geplant, dass es, auch nach seiner Fertigstellung, noch immer weiterzuwachsen scheinen soll – oder, wer weiß, womöglich sogar praktisch dieses Wachstum fortzusetzen vermag. Mit diesem Projekt schickt sich Balestri also an, auszubügeln, was einstmals beim Turmbau zu Babel so nachhaltig schief gelaufen war.

Jede Art von Sprache hat die Macht, Dinge mittels ihrer Benennung zu beherrschen – sie zu bannen, oder auch: sie erst in die Welt hinein zu befördern. Jede Art von Macht aber wird umkämpft. Und so werden auch Balestris Gebäudepläne zu Gegenständen eines Machtkampfes zwischen unterschiedlichen Interessenlagern, in dem es für Balestri selbst nichts zu gewinnen gibt. Am Ende gleicht Balestri einem Arsami, einem jener hinduistischen Mönche, über die von einem Mitglied des Clubs der sechsten Laterne berichtet wird:

Die Vorgehensweise der Arsami war es, sich zunächst das Erdgeschoss der Tempel vorzustellen, und erst, wenn sie jede Einzelheit in aller Klarheit vor sich hatten, bis zur letzten Lampe und dem kleinsten Insekt, das um sie herumflog, erst dann machten sie sich an das nächste Stockwerk. Eine Etage konnte sie einen Tag oder ein Jahr kosten […] Sobald ihre mentalen Tempel eine gewisse Höhe erreichten, verloren die Arsami die Sprache.


>> Pablo de Santis, Die sechste Laterne (Unionsverlag) €8,90

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VINTAGE AMERICAN // At the Village Vanguard

Eine Ortsangabe als Prädikat: Taucht die Zeile Live at the Village Vanguard im Namen eines Albums auf, wird das als Gütesiegel verstanden. Ich war nie in New York, aber käme ich aus irgendwelchen utopischen Gründen eventuell doch einmal dorthin, sähe mein (genau: utopisches) Touristenprogramm folgendermaßen aus: Leute gucken, Straßenmusikern zuhören, unzählige Gebäude-Fotos machen, Leute gucken, mich im Central Park verlaufen, Leute gucken, permanent essen (Hot Dogs, Bibimbap, Knisch, Pastrami, Tsimmes, Sukiyaki – unzählige Delis bedeuten unzählige Möglichkeiten), vielleicht einmal Edgar Allan Poes Häuschen anschauen, Galerien abklappern, Leute gucken, Kaffee über Kaffee trinken, Museen-Marathon, immer noch essen, Musikclubs besuchen. Wahrscheinlich könnte ich es mir nicht verkneifen vor bzw. in der Modeboutique herumzulungern, in deren Räumlichkeiten zuvor das CBGB (OMFUG) beheimatet war. An utopischen Abenden würde ich gern in ein Yellow Cab steigen und dem Fahrer per Zielangabe irgendein Pub oder Club mit lauter Live-Musik selbst überlassen, wohin er mich dann bringt – The Trash Bar, The Bell House, Old Man Hustle, wer weiß. Und an jedem zweiten Abend jenes utopischen Aufenthalts würde ich dann die Jazz-Clubs besuchen, deren Eintritt deutlich teurer ausfällt: Blue Note, Birdland Jazz Club NYC, Iridium Jazz Club, Village Vanguard. Und um nun endgültig vom Utopischen ins Phantastische zu kippen, würde ich natürlich meine Besuche im Village Vanguard in der Vergangenheit machen, hauptsächlich in den 1960ern: Thelonious Monk dort sehen und Miles Davis, John Coltrane, Sonny Rollins und Bill Evans. Solange, bis ich eine Möglichkeit gefunden haben werde, diesen Plan irgendwie zu verwirklichen (ich baue da sehr auf die Techniken der kommenden Zukunft), erfolgt die Reise vorerst rein akustisch:





WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Moondogs Reisen

Ein weites Feld der Literatur sind Lebensgeschichten, seien es fiktive oder verbürgte, bekannte oder verborgene, exemplarische oder exzentrische. In manchen Fällen wird die Literatur jedoch von der Realität rechts überholt, was die Originalität der Protagonisten und des Handlungsbogens einer Lebensgeschichte anbelangt. Einer jener Spezialfälle des Schicksals beschäftigt derzeit mein Gehör und heißt Moondog.

Geboren 1916, in der Aufbruchszeit des 20sten Jahrhunderts, verlebte Louis Thomas Hardin als Sohn eines Wanderpredigers eine vom Umherziehen geprägte Kindheit im Mittleren Westen der USA. Gestorben ist er zum Ende jenes Jahrhunderts, 1999,  im „Tiefen Westen“ Deutschlands – als Moondog. Zwischen diesen Eckdaten erstreckt sich zum Einen die Entfaltung der musikalischen Neuzeit, zum Anderen die Biographie eines wunderlichen Musikers und Poeten.

Abenteuerhaftes Potential besitzen bereits seine jungen Jahre, in denen Hardin durch die Tätigkeit seines Vaters unter Anderem Kontakt zu Indianern und deren musikalischer Kultur erhält. Auch Explosionen fehlen nicht in seiner Lebensgeschichte: Der sechzehnjährige Hardin verliert bei einem tragischen Unfall mit einer Dynamitkapsel sein Augenlicht. Dieses Ereignis erweist sich wörtlich als Urknall, rückblickend bezeichnet Moondog seine Erblindung als Grundstein seiner musikalischen Entwicklung. Auf einer Blindenschule erhält er die Gelegenheit mehrere Instrumente zu erlernen. Unermüdlich vertieft er autodidaktisch seine Kenntnisse zu Kompositionslehre und Klassischer Musik, verschlingt alles, was in Blindenschrift zum Thema Musik zu beschaffen ist, und setzt schließlich eigene Werke in Blindenschrift um.

Nach Ablauf seiner Schulzeit verliert sich seine Spur für eine Weile, danach aber taucht Hardin als stadtstreichender Künstler im Big Apple auf. Selbst im von Sondernaturen bevölkerten New York der 1940er Jahre erfährt er eine stetig wachsende Aufmerksamkeit. Zum Teil ist der Zulauf, den seine Straßenauftritte finden, dem Kuriositätswert seiner Erscheinung geschuldet: Der Liebhaber europäischer Sagen – speziell fasziniert ihn die Nordische Mythologie – tritt als skurriles Wikingerwesen auf und nimmt damit bereits eine Erscheinungsform des Phantastischen vorweg, die sich erst später als eigenes Genre etablieren soll: Fantasy. Sozial isoliert ist der Sonderling allerdings nicht, er wird bald als Institution des Straßenbilds Manhattans wahrgenommen und unterhält einen regen Austausch mit Künstlern, die das kulturelle Umfeld gestalten. So ist er regelmäßiger Gast der Carnegie Hall, da er freundschaftliche Beziehungen zu Musikern der New Yorker Philharmoniker sowie deren Dirigenten pflegt. Die weitere Liste seiner künstlerischen Bekanntschaften ist lang: Arturo Toscanini, Igor Strawinski, Leonard Bernstein, Charlie Parker, Julie Andrews, Benny Goodman, Charles Mingus, Allen Ginsberg. Eine Vielzahl prominenter Größen begleitet seinen Weg, er nimmt gemeinsame Alben mit ihnen auf, gestaltet gemeinsame Lesungen, er lernt von ihnen und sie von ihm. Sein Lebenswandel bleibt davon unberührt, Moondog – so nennt er sich nach einem Hund, den er besaß, der besonders wehmütig den Mond anheulte – steht mitten im kulturellen Geschehen und lebt trotzdem für sich.

In den 1970ern verlässt Moondog Manhattan. Vor Ort kann sich niemand sein Verschwinden erklären, Moondog hat sich nirgendwo verabschiedet und keine Spuren hinterlassen, weder Freunde noch Presse wissen um seinen Verbleib. Während Paul Simon im Fernsehen Moondogs mutmaßlichen Tod bedauert, streift dieser in Deutschland umher, nachdem er vom Hessischen Rundfunk zu Bach-Konzertveranstaltungen eingeladen worden war und, ohnehin angezogen von der kontinentalen Kultur, während seines Aufenthaltes den Entschluss gefasst hat, nicht mehr in die USA zurück zu kehren. Er beginnt von Neuem ein vagabundierendes Leben, es zieht ihn von Frankfurt nach Hannover, nach Hamburg, und ihm gefallen Land und Leute. Zu seinem Stammplatz wird schließlich die Recklinghäuser Altstadt. Dort gabelt ihn eines Tages eine Studentin auf, sie hat eine seiner Aufnahmen gekauft und bietet ihm daraufhin eine Bleibemöglichkeit. Aus dem Versuch zu verstehen, was um Himmels Willen einen metropolenerfahrenen Amerikaner mit musikalischer Karriere dazu bringen mag ein Straßendasein in der Provinz Nordrhein-Westfalens zu führen, entwickelt sich nach und nach eine Zusammenarbeit: Ilona Sommer gründet ein Label, das Moondogs Aufnahmen sammelt und vertreibt, sie organisiert und begleitet Konzertreisen und Auftritte Moondogs, agiert als Managerin und bringt darüber hinaus dem rastlosen Streuner eine sesshaftere und etwas bürgerlichere Lebensweise nahe. Nachdem sein Leben während der 1980er Jahre somit erneut auf soliderem Boden verlaufen ist, zieht es ihn für einen einzelnen Auftritt wieder zurück nach New York, des Weiteren nimmt er in England zu Beginn der 1990er ein Album auf, verankert bleibt er jedoch in Deutschland – sein Grab findet man in Münster.