Thema Nacht

DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben.

Als 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs U-Bahn gefahren, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen, frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.
Einmal fliegen mir nachts die Augen auf, nachdem ich gerade einen merkwürdigen Hasen-Fluch in vollem Gange erlebt habe:
Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein wahres Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen geholt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich postwendend.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


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FLUGWESEN // Was vom Himmel fällt

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Wenn es Nacht wird, bin ich zumeist daheim, sortiere das Geschirr, zähle Staubkörnchen oder rühre in Farbtöpfen herum. Es ergibt sich kaum noch, dass ich mal nachts an die Luft komme, noch dazu allein, wobei nachts übrigens das bloße im Dunkeln meint und nicht etwa nach Mitternacht oder gar über Nacht, und ich — Aber mecker nicht, Ilsebill, Zeiten ändern sich halt, und irgendwann ändern sie sich wieder aufs Neue, und was soll überhaupt die Klagerei? Ja ja.

Wenn es Nacht wird, öffnet sich, indem die Bläue des Himmels westwärts davonschiebt, die Schleuse ins unfassbare Schwarz, das sich im Pupillenrund spiegelt. Sobald der Blick ein Körnchen von der sich auftuenden All-Ewigkeit zu fassen kriegt, zischt dieses Körnchen zur Pupille herein und via Sehnerv direkt ins Hirn, boom!, wo es aufkeimt, sternenartige Blüten und ein Gewucher von Galaxien austreibt, und so einen Raum entfaltet, der gefüllt zu werden verlangt. Rasch ringeln sich ganze Schöpfungsketten dahin, und es bildet sich ein Äther, ein Stoffgemisch aus kostbarsten Substanzen: Klarheit, Neugier, Liebe, Sehnsucht, glorreichem Mut zum Blödsinn. Das macht einen Menschen aus: dass sich darin solche Tiefe und Größe und auch Schwärze auftun, wie sie sonst nur dem Weltall gegeben sind. Dass wir in erster Linie Tag-Aktive sind, kommt mir wiederum glatt wie eine gelebte Bitte an die beruhigend blaue bis weißgraue Himmelsdecke vor, sie möge uns doch vor solcher Tiefe und Größe und auch Schwärze behüten.

Wenn es Nacht wird, kommen die Minusgrade besonders zur Geltung, es ist, als speiste sich die Kraft der hiesigen Winterkälte direkt aus dem sperrangelweit offenstehenden All, wo ihre große Schwester herrscht – ungleich brutaler, als es die mickrige Erdlingin je könnte, versteht sich. Die Luft ist lupenrein und ohne jede Regung, sie ist leergefroren, Nebel und Wind und alles müssen vor Kälte einfach zu Boden gefallen sein. Das leise Bersten mikroskopisch kleiner Türme und Brücken aus Eiskristall unter meinen Stiefelsohlen wächst sich in der Stille zu etwas Großem aus, das sich stachelig ins Ohr drückt. Überhaupt wird nun so allerlei hörbar, was sonst unter Alltagsklang verborgen liegt, wie das rauschende Blutgestöber, das den Körper durchläuft. Außerdem rätselhafter Schall – vielleicht das Restbrausen entfernter Städte und Stürme, oder eine akustische Ahnung von den Schwingungen, die durch das Glühen und Quirlen des äußeren Erdkerns verursacht werden, weit, weit unter uns, ganz tief, so tief, tief… un…….ten…………….. Auch die Stille an sich ist ein besonderer Klang.

Wenn es Nacht wird, beginnen irrationale Versuchungen zu zirpen – ganz verschiedenartige, je nachdem, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land und in welchem Alter man sich befindet. Ich stehe gerade am Ackerrand, Weg und Siedlung im Rücken, vor mir nichts als Flachland. Die Horizontlinie erstreckt sich ungebrochen von einem Ende meines Gesichtsfeldes zum anderen, sie ist ein massiv anmutender Balken und tiefschwarz – die Entfernung verdichtet das Dunkel, und der Querbalken markiert dessen höchsten Sättigungsgrad. Der Raum, dessen Grundfläche von der platten Ebene gebildet wird und der sich aufspannt bis weit hinter die mir bekannten Sternbilder, liegt still und klar und wie aus Glas gegossen da. Es kommt selten vor, dass er bequem begehbar ist, nur wenn eine solche trockene Kälte länger andauert und der Oberboden steinhart gefroren ist wie jetzt, lässt es sich quer über die Ackerflächen spazieren. Noch im Dezember wäre man dort in knietiefem Schlamm stecken geblieben, da Temperaturen und Niederschlagsmengen diesen Winter lange Zeit so hoch gewesen sind. Später wird das Frühjahrshochwasser kommen und aus den Agrarflächen eine Seenplatte machen, die wiederum eine einzige Morastlandschaft hinterlassen wird. Das Jahr über ist die rohe Ackerkrume zu weich, es wird gepflügt, geeggt, gedrillt, gesät, außerdem Jauche gefahren, und dann schießen die Rüben und Kartoffeln, der Weizen und der Raps.
Nun aber ist die ganze Ebene verwaist und außerdem durchgehend trittfest. Der ferne schwarze Streifen zieht an mir – ich stapfe los. Ich laufe schnurgerade auf seine Mitte zu, ich wünsche mir unsinnigerweise nichts anderes, als mich in dieses dicke Schwarz hinein aufzulösen, worin sich alles auflöst, indem es sich in- und übereinander verdichtet. Ich marschiere quer zur Pflugrichtung, trete auf die verharschten Rücken der Traljen und meide ihre Täler, die von Frost und Flugschnee marmoriert sind – flüchtige Ebenbilder des Gesprenksels, das da über mir gleißt. Meine Wangen brennen, meine Schritte haben in einen runden Rhythmus gefunden, rattern über den linierten Boden hin und machen Strecke, es ist herrlich.
Da löst sich etwas aus dem schwarzen Horizontbalken, tropft daraus hervor, ein Klecks, der allmählich, indem ich ihm näherkomme, die Form eines Vogelkörpers annimmt. Eine tote Krähe. Es ist nichts Sonderbares, auf verendete Tiere zu stoßen, und die Witterung tut ihr übriges dazu. Allerdings frage ich mich, gerade angesichts der Kälte, weshalb so ein Kadaver noch keinen winterhungrigen Verwerter gefunden hat. Fuchs, Marder, Bussard und die Rabenverwandten verputzen für gewöhnlich in Windeseile alles, was sich nicht mehr rührt. Ich bleibe ein Weilchen bei der Krähe stehen und betrachte sie, im kaltweißen Mond- und Schneeschimmer glänzen Schnabel und Gefieder metallisch, sie liegt hier wohl noch nicht allzu lang. Man darf totes Getier nicht anfassen, ja ja, ich weiß, aber ich ziehe einen Handschuh aus und streiche einmal über den Vogelkopf. Hart, glatt und kalt wie ein Flusskiesel.
Das Ziehen verschwindet augenblicklich – indem ich den Vogelkopf loslasse, lässt mich der Horizont los. Ich habe etwas gefunden, und wer etwas gefunden hat, der kann nach Hause gehen. Wird auch Zeit, der Elternabend ist schon lange vorbei, und allmählich denken die zu Hause noch, ich wär auf dem Heimweg verfroren.

NACHTEINSAMKEIT // Die mischtechnische Collagerei und ihr Soundtrack

Mond Sonja Grebe


Every single night / I endure the flight / Of little wings of white-flamed / Butterflies in my brain / These ideas of mine / Percolate the mind / Trickle down the spine / Swarm the belly, swelling to a blaze / That´s when the pain comes in / Like a second sceleton / Trying to fit beneath the skin / I can´t fit the feelings in / Oh every single night´s alight / With my brain (Fiona Apple, Every Single Night)


Der Tisch ist voll. Papiersammelsurium ausgebreitet, Kaffeetassen dazwischen, Acryltuben, Schmiertücher, verklebte Pinsel und noch ungebrauchte, ein Senfglas-Kleckerpott, ein altes Eiswürfelfach als Palette, die letzte Wochenzeitung schützt die Tischplatte, Scheren, Cutter, Brettchen, Klebestifte, Schwamm, angeschwärzte Zahnbürste, Klopapier, eine Leinwand liegt ständig im Weg herum, ADAC Faltkarte Norddeutschland von 1992, Brigitte von 1988, Sprühkleberdose, Kuli, Edding, Kohle, irgendwo Kekse, Fineliner, Bleistift, Spitzerspäne, Pappe, Packpapier, Geschenkpapierreste, Tonkartonstreifen, Malerkrepp, auch die Wort- und Buchstabenschnipselmappe liegt offen da, obwohl ich nichts daraus brauche – man schmeiße zuerst restlos alles auf den Tisch, so die Grundregel, erst dann lege man los.


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Musik muss laufen – ich will jetzt ja nicht lesen, sondern das Gegenteil davon. Nachts, beim Bildermachen, höre ich gern Hysterisches, Theatralisches, Schrulliges. Ich habe da so ein Faible für fiebrighirnige Frauen, die ihre Stimmen und Instrumente überlasten. Es lassen sich auch ganze Nächte mit Modest Mouse bestreiten. Völlig begeistert habe ich zuletzt David Fiuczynskis Planet MicroJam gehört, Microtonaler Jazz, bis mir davon reell schwindelig in der Magengegend wurde. Klassisch Waits Bone Machine und Beefhearts Shiny Beast gehen immer. Soundfrickler wie Tortoise und Labradford allerdings genauso, dazu ein bisschen The Notwist, Autechre, Radiohead und UNKLE. Gelegentlich unvermeidbar: Pink Floyd. Mit Alban Darche, Henri Texier oder Ibrahim Maalouf geht es eher schon gegen Frühmorgen.



My heart´s made of parts of all that’s surround me / And that´s why the devil just can´t get around me / Every single night´s alright / Every single night´s a fight / And every single fight´s alright / With my brain (Fiona Apple, Every single night)


Ein Abschnitt, ein Bild, zwei Bilder – am Ende wird immer etwas fertig. Kann sein, dass es taugt, kann sein, dass es in den Müll geht. Kann sein, dass ich etwas wieder aus dem Müll heraus fische, weil es doch noch für irgendetwas brauchbar ist.

Jedes Fertigwerden ist schön, eigentlich aber traurig. Und jetzt muss ich auch noch aufräumen.


Bilder: Mondnacht; Nachttisch-Fotos (Grebe, 2015)

NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

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Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

^

Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,

Darin ein kurzer, gelber Schein so tot

Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin

Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

^

Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht

In öden Straßen und in Gassen krumm.

Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.

Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

^

Am Wasser, in dem nassen Flackerschein

Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,

Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

^

Und wenig kleine Lichter sind verstreut

Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig

Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

^

Der Mond stand auf den Giebeldächern,

Er glänzte tief durch das Geäst

Der hohen Linden und der Nachtwind

Trug ihren Duft zum Fenster her.

^

Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand

Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.

Und ab und zu huschte ein bleicher Schein

Hinauf, und Donner grollte fern.

^

Und da, von einem hohen Baum

Ganz nah, löste ein heller Klang

Sich, stieg empor, schwebte im Glanz und starb.

Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

NACHTEINSAMKEIT // Michael Wollnys Nachtmusiken


Der Wechsel vom September zum Oktober: Zeit des Hummeltods, das Flügelgesplirr der Libellen verstummt, aus den Kehlen dahinziehender Gänseschwärme klingt es zum Abschied wie aus rauen Klarinetten, der Froschwinterschlaf beginnt bald und die meeresrauschenden Pappelblätter werden nach und nach zu Bodenlaub. In die stille Bresche, die der Herbst schlägt, springen der tockende Fall der Eicheln und Kastanien, Regenplippeln, das zahnlose Schmatzen von Nasserde. Danach, später, stecke ich in der Wintertaubheit. Erst im Frühjahr höre ich wieder klar.

Früher einmal war die dunkle Jahreszeit die von fernem Wolfsgeheul und nahem Kaminprasseln. An Vergangenes, leicht Schauergemütliches, an die Romantik und ihre Dunkelheitsliebe erinnert mich Der Wanderer, der auf Michael Wollnys Album Nachtfahrten zu finden ist, das heute erscheint. Wollny (Klavier) und sein langjähriger Begleiter Eric Schaefer (Schlagzeug) haben die wechselnde Bassistenrolle im Trio dieses Mal mit Christian Weber besetzt. Anders als beim zuletzt erschienenen Weltentraum mit seinem zeitweiligen Popsong-Nachgeschmack, klingen die Hörproben zu Nachtfahrten (beides ACTmusic) danach, als sei der Ton hier etwas getragener, etwas klassischer – ich kann´s mir gut vorstellen als Herbst- und Winternachtmusik.




>> Michael Wollny (geb. 1978 in Schweinfurt) tourte bereits als Zwanzigjähriger als Konzertpianist umher und arbeitete fortan mit einer Vielzahl profilierter Jazz-Musiker wie Hubert Winter, Heinz Sauer und Nils Landgren zusammen. Neben kommerziellem Erfolg, sicherten ihm sowohl diese und weitere Ko-Produktionen als auch die Aufnahmen mit seinem eigenen Trio diverse Preise und Stipendien. Inzwischen lebt Wollny in Leipzig, wo er als Professor an der Hochschule für Musik und Theater tätig ist.


Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 - war schön

Jazznight mit Michael Wollny Trio, Nils Landgren, Lars Danielsson, Laeiszhalle Hamburg, 2014 – war schön


(Das Schlagwort NACHTEINSAMKEIT übrigens habe ich noch einmal aufgegriffen, nachdem es mir bereits letztes Jahr im Oktober als roter Faden diente. Manchen Schlagwörtern, dachte ich, kann ich ja mal wieder einen Besuch abstatten, sobald sich  – wie hier – neue Beladung für sie angesammelt hat.)

SPONTANE PAUSE // Käffchen?

Wach, Sonja Grebe

Unter-dem-Bett-Monster sind eine besondere Spezies Ungeziefer. In der Kindheit ehrfürchtig, überhaupt fürchtig!, als Herrscher der Nacht betrachtet, schrumpfen sie sich, schritthaltend mit dem Entwachsen aus der Kindheit, immer kleiner, bis man als großer Mensch unterm Lattenrost schließlich nichts anderes mehr entdecken kann als zwar dunkelschattige, allerdings gebiss- und klauenlose Staubflusen. Verschwunden sind sie deswegen aber keineswegs.

Immer noch kommen sie nachts herauf. Haben mit den Jahren längst ihre Namen bekommen und ihre Faschingskostüme an den Nagel gehängt, spielen ab und an zwar noch die Karte ihrer unbestreitbaren Lästigkeit aus und wollen aus Langeweile ein bisschen Radau machen, wissen sich aber inzwischen durchaus geduldet. Sie gehören eben dazu, nicht anders als Familie, Kollegen, Nachbarn. In letzter Zeit allerdings hat es mit ihrer Aufsässigkeit ein bisschen überhand genommen. Dass sie ihre Aktivität inzwischen bis in den Tag hinein ausdehnen, gefällt mir gar nicht.

Ich frage sie, was sie da heute Mittag bitteschön für Unfug getrieben hätten, und da gucken sie gespielt unschuldig. Jetzt sei mal nicht so, wir tun nur unseren Job, nörgeln sie. Als ob!, sage ich, Ihr spukt inzwischen von morgens bis abends und macht nachts keine Pausen – was sagt eure Gewerkschaft denn dazu? Betretenes Schweigen. Na ja, raunt da einer, ist halt Hochsaison jetzt, da guckt doch keiner so genau hin. Im Hintergrund nimmt das gewohnte Gekicher, Gejaule und Zähneknischen schon wieder an Fahrt auf.

Ich seufze, rappele mich hoch und koche eine Kanne Kaffee für mich und die ganze Bagage. Milch und Zucker will keiner, wie immer. Einer kräht mal wieder nach einem Gläschen Rotwein, aber das habe ich bereits kategorisch verboten – da lasse ich mich nicht drauf ein, mit denen darf man nicht trinken! Beim anschließenden Geplauder muss man ebenso Obacht walten lassen: am besten immer gezielte Fragen stellen, Monologe sofort unterbinden und sich bloß nicht von geschickter Rhetorik aufs Glatteis führen lassen.

Eine charmante Art haben sie, Vorwürfe in den Raum zu stellen: Wie schön, dass wir heut alle mal beisammen sind, nicht?, schnurrt eine, Wir dachten nämlich schon, dass du dich gar nicht mehr um uns kümmern magst! Dauernd tippst du diesen Kram in dein Laptop, stundenlang geht das so, immer nachts – und da wunderst du dich, dass wir deinetwegen zusätzlich Tagschichten einlegen? Da gucke nun ich etwas betreten.

Die Lümmel in den hinteren Reihen machen unterdessen tosenden Krawall und blöde Witze. Da muss ich gleich mal dazwischen gehen, bevor sie noch zu Höchstform auflaufen; im Moment sind sie gut im Training. Einer der Streber hat anscheinend eine schauerliche Präsentation vorbereitet und wedelt, ebenfalls Aufmerksamkeit einfordernd, mit den betreffenden Unterlagen in der Luft herum. Ich stelle mich auf eine lange Nacht ein und klappere vernehmlich mit der Kanne: Noch´n Käffchen, jemand?


>>Bild: Wach! (Grebe, 2014)


NACHTEINSAMKEIT // Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht

Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Sonja Grebe)

2014 jährt sich der Geburtstag des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar zum hundertsten, sein Todestag zum dreißigsten mal. Grund genug ihm (mehr als) eine surreale Lesenacht zu widmen. Auf deren Risiken und Nebenwirkungen darf man sich freuen.

Es ist unerklärlich, wie sehr das Wachsein und das Träumen in den ersten Augenblicken der Erwachens vermischt bleiben und sich weigern, ihre Wasser zu scheiden. (S.109)

So beschreibt Gabriel, Protagonist der Erzählung Rückkehr aus der Nacht, eingangs seinen Verstörungszustand. Aber er scheint damit über den Rand der Erzählung hinaus zu sprechen, denn gleichzeitig artikuliert er in diesem Satz das Grundgefühl des Lesers, der sich in der Cortazár-Dimension verfangen hat: Hier stehen die Grundgerüste von Traum, Realität, Zeit und Raum auf frei beweglichen Füßen. Julio Cortázars Prosa ist in der surrenden, zirpenden, nebelsprühenden Schublade der Phantastischen Literatur zu Hause, wo sie in artverwandtschaftlicher Eintracht neben den Werken von Franz Kafka, Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder seines Landsmanns Jorge Luis Borges liegt – für Bescheidenheit im literarischen Vergleich besteht dabei für den großen JC kein Grund.

Aber zurück zu Gabriel, der mitten in der Nacht erwacht – noch unschlüssig, ob in einem Albtraum oder aus einem solchen -, aufsteht, sich im Spiegel betrachtet und dabei im Spiegelbild seiner eigenen Leiche gewahr wird, die auf dem Bett liegt, ohne ihn. Mit traumwandlerischer Gelassenheit betrachtet Gabriel die Situation zunächst als kniffelig. Eine hochgradige Akzeptanz gegenüber dem Absurden und Erschütternden ist ein weiteres Cortázar-Merkmal, das dem Leser jedoch nach wenigen Seiten keinerlei Verwunderung mehr abringt: An diesem Punkt hat Cortázars Spracheleganz längst den sanften Übergang in die Welt der aufgelösten Maximen bereitet – nahezu unbemerkt, einzig ein seltsam wohliges Unbehagen stellt sich ein. Man wittert gärende Verhängnisse, die in Zeitlupe ihrer Explosion zustreben. Cortázars Kernmotiv ist der Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute. Das eigentliche Opfer dieses Einbruchs findet sich allerdings nicht im Geschriebenen, sondern ist das Ziel des Geschriebenen: Der Leser selbst findet sich unversehens in den vermischten Wassern von Wach- und Traumwahrnehmung treibend. Die phantastischen Elemente stehen nicht unterhaltend im Vordergrund, sondern sind das technische Mittel, um dem Leser Argwohn und Neugier gegenüber der alltäglichen Realität beizubringen, um Gewissheiten zu zersetzen und gewohnte Denkabläufe zu stören. So also auch in Rückkehr aus der Nacht: Da träumt jemand, er sei gestorben, denkt man, und fixiert damit bereits seine Vorstellung, es handele sich bei dieser Erzählung um eine Traumschilderung. Gabriel, so heißt der Erzähler mit Namen. Das erfährt man so nebenbei, aber es führt eine gedankliche Vollbremsung herbei: Erzengel Gabriel, denkt man jetzt – zuständig für Deutungen von Visionen, Engel der Verkündigung und der Auferstehung. Stopp. Nochmal von vorn lesen, um festzustellen, dass man im ersten Anlauf nur gedacht hat, man lese genau, denn nun liest man ganz anders. Aber das war erst der Anfang, und Cortázar ist längst noch nicht fertig. Mit uns.

Sein sicherer Sinn für das Verunsichernde mag wohl zurückgehen auf Cortázars Biographie, die eine Reihe von Weltenwechseln und privaten Brüchen beinhaltet. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Brüssel als Sohn eines argentinischen Handelsattachés geboren, wird Cortázar als Kleinkind im erschütterten Europa hin und her verpflanzt, bis die Familie schließlich nach Buenos Aires zurückkehrt. Dort verlässt der Vater die Familie und verschwindet spurlos. Julio wächst als kränkelnder Junge unter Frauen auf, die Mutter versucht die Familie mit einem Bürojob zu ernähren, der Gemüsegarten und das Hausvieh der Großmutter verhindern das Verhungern. Überliefert ist eine Geschichte, nach der Julio daran verzweifelt, dass die von ihm angepflanzten Nudeln einfach nicht wachsen wollen. Angesichts des sich weiter verschlimmernden Elends flieht der Junge sich in eine eigene Welt, das Lesen, die Bücher – alle Bücher, zu denen sich ihm in seiner Armut irgendein Zugang bietet. Der literaturhungrige Junge wird später Lehrer, in den 1940ern sogar Professor für französische Literatur. Unter dem Peron-Regime jedoch emigriert er nach Europa, wo er als Schriftsteller und Übersetzer arbeitet. Dreimal ist Cortázar verheiratet, seine letzte Ehefrau, rund dreißig Jahre jünger als er, stirbt nur drei Jahre nach der Heirat. Cortázar bleibt auf dem Kontinent seiner frühen Kindheit und stirbt in Paris.

Die Erzählungen Cortázars in der oben abgebildeten Sammlung Rückkehr aus der Nacht (zusammengestellt und mit einem Nachwort von Clemens Meyer) sind ein einladender Einstieg in sein umfangreiches literarisches Werk, das von einem ungezügelten literarischen Spieltrieb und hochkonzentrierter Sprache geprägt ist. Sein Meisterwerk Rayuela, dt. Himmel-und-Hölle, war eines meiner wichtigsten Lese-Erlebnisse.

Cortázar nachts lesen? Unbedingt! Wer nicht aufpasst, liest sich durch die Nachtstunden, hat damit aber den Schlaf gegen etwas Wertvolleres getauscht. Das manipulative Erzähltalent Cortázars ist besonders wirksam, wenn man – ebenso nachteinsam wie Gabriel – den vermischten Wassern ungestört erlauben kann Zeit, Raum und Realität um sich herum zu unterspülen. Und weil für Cortázar selbst die eigene Jenseitigkeit kein schriftstellerisches Hindernis ist um die Fließbewegungen unserer Gedanken zu steuern, nimmt er, während wir ihn lesen, an einer Stelle schon vorweg, wie sich unsere eigene Rückkehr aus der Nacht anfühlt:

Und das Orchester des Tagesanbruchs stimmte leise seine kupferfarbenen Instrumente. (S.117)


>>Julio Cortázar via Suhrkamp Verlag

>>Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Suhrkamp), €8,90

NACHTEINSAMKEIT // Draußen vor der Tür

Hamburger Meile, Sonja Grebe

Spätestens seit der Romantik kennen wir Deutschen uns hinlänglich aus mit der Idealisierung der Einsamkeit. Zum einen trieb es die Romantiker in den Wald – Waldeinsamkeit ist eine der schönsten deutschsprachigen Unübersetzbarkeiten -, zum Anderen waren sie verliebt in die Nacht. Die Gemeinsamkeit von Wald und Nacht besteht in ihrer sichtverkürzenden Eigenschaft: Durch Dickicht oder Dunkel schließen sie einen Raum um ihre Besucher, bewirken damit bei ihnen das Gefühl von Vereinzeltsein. Sicher spürt man die Wirkung der Nacht ebenso in Momenten, in denen man im Schein seiner Leselampe in tiefster Ruhe zeitvergessen ein Buch liest. Andere häusliche Nachthobbys sind Nähen für Schlaflose, Mitternachtsmalerei, Mondscheinbacken etc. Man ist dabei ganz bei sich, vielleicht aber nicht ganz bei der Nacht. Ebenso wie dem Wald ist der Nacht eine Wesenhaftigkeit zu eigen, ein eigener Geruch, eigene Geräusche, ein eigener Herzschlag. Erst draußen vor der Tür entfaltet sie sich ganz.

Hamburger Meile, Sonja GrebeHamburger Rathaus, Sonja Grebe

Nachts auf der Elbfähre, Sonja Grebe


>>Fotos: Hamburger Straße, Hamburg / Adolph-Schönfelder-Straße, Hamburg / Hamburger Rathaus, durch verglastes Pavillon-Dach / Nachtfahrt mit der Elbfähre zwischen Glückstadt und Wischhafen, Lichter am niedersächsischen Elbufer (Grebe, 2013/2014)