Thema Liebe

FABULIERIOSITÄTEN // Mynona, Goethe spricht in den Phonographen (Eine Liebesgeschichte)

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„Es ist doch schade“, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, „daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!“ „Warum?“ fragte Professor Abnossah Pschorr. „Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es ist Manches schade, liebe Pomke.“ „Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!“

Da sich das Fräulein Pomke doch so sehr danach sehnt, Herrn Goethes wahre Stimme einmal zu hören, macht sich Professor Pschorr, der sich doch so sehr danach sehnt, der lieben Pomke einmal näher zu kommen, nun daran, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Die Hoffnung, im Gegenzug von ihr mit herzlicher Zuwendung belohnt zu werden, lässt ihn ein aberwitziges Vorhaben planen und dieses mit Mut und Tücke in die Tat umsetzen.

Professor Pschorr, Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme […] Schwingungen hervor […]. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen.

Das weitere Grübeln des Erfinders fördert allerdings ein grundlegendes Problem zu Tage: Um einen solchen Empfänger auf eine einzelne Stimmfrequenz justieren zu können, müsste diese zunächst einmal genauestens bestimmt werden, wozu ausführliche Studien des dazugehörigen organischen Sendeapparats von Nöten wären – hierfür also müsste Pschorr dem lieben Goethe an die Kehle.

Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, dass ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte.

Nur empfängt dieser Goethe keine Gäste mehr: Der honorige Leichnam steht für Forschungszwecke nicht zur Verfügung; Pschorrs entsprechender Antrag wird in Weimar kategorisch abgelehnt. Daran aber soll es nicht scheitern, befindet der Herr Professor, und so macht er sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit allerlei Einbruchsgerät im Gepäck auf den Weg zur Weimarer Fürstengruft. Der handwerkliche Aspekt des geplanten Einstiegs in die Grabstätte stellt für Pschorr kein Hindernis dar – dafür qualifiziert ihn sein ingenieurstechnisches Geschick. Und darüber hinaus verfügt er über die nötigen psychophysiologischen Fähigkeiten, um die Bewacher der Gruft auszuschalten. In seinem Hotelzimmer übt Pschorr zunächst eine tiefe, sonore Stimmlage und eine geheimratliche Haltung ein. Um Mitternacht dann erscheint er, verkleidet als der leibhaftige alte Goethe, vor der Gruft und setzt die Wächterschaft per Spezial-Hypnose außer Gefecht.

Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben.

[Und überhaupt: Hätte nicht gerade der forschungsbegeisterte Goethe selbst an einem solchen Unternehmen Gefallen finden müssen? Noch dazu, da doch die Gunst einer Frau damit errungen werden soll?] Gleich nach Pschorrs Abreise am nächsten Morgen geht die Erfinderei in ihre heiße Phase über, und bald sind die Kehlkopfrekonstruktion sowie ein Miniaturphonograph mit Mikrophonvorrichtung fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der Erfindung soll in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer stattfinden, wo die höchste Schwingungsdichte der Goethestimme zu erwarten ist. Mit dem Versprechen, ihren Goethe für sie plaudern zu lassen, lädt Pschorr die Pomke zu einem Ausflug nach Weimar ein, wo die beiden mit ihrem Anliegen bei Hofrat Professor Böffel vorstellig werden:

„Was wollen sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?“ „Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.“ „Und sie haben das Modell?“ – „Hier!“ Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.

Anfänglich skeptisch, gibt Böffel seiner Neugier nach; Pschorr darf den sonderbaren Apparat in Goethes Arbeitszimmer zum Einsatz bringen. Der Durchführung des Experiments, bei dem per Blasebalg Luft durch den Kehlkopfapparat gefiltert und die daraus isolierten Stimmschwingungen vom Phonographen hörbar gemacht werden sollen, wohnen Pomke, Böffel und einige Assistenten bei, und tatsächlich werden sie, nachdem Pschorr ein wenig geblasebalgt hat, zu Zuhörern eines der berühmten Gespräche Goethes mit Eckermann. [Eckermann fungierte in jenen Gesprächen sozusagen als Interviewführer, der Goethe, indem er diesem offene Fragen stellte und sachkundig gezielt nachhakte, zu wissenschaftlichen und philosophischen Ausführungen anregte. Diese Unterhaltungen veröffentlichte Eckermann, wie es Goethes Wunsch gewesen war, nach dessen Tod.] Die hier gehörte Passage ist überdies von besonderer Sensation; elektrisiert lauscht das Publikum, wie Goethe sich über die Farbenlehre nach Newton auslässt. [Goethe verteidigte den Wahrheitsanspruch seiner eigenen Farbenlehre gegenüber der Newtons, die seiner vorausgegangen war, wie eine Furie. An Newton selbst ließ er kaum ein gutes Haar. Als begabt zwar, doch nicht schöpfungsbegabt beschrieb Goethe diesen, und so einer – etwas frei formuliert nach Goethes Polemik gegen Newton -, der von Schöpfung an sich schon nichts verstehe, solle doch bitte die Finger davon lassen, die Schöpfung selbst mit seinen eitlen und gar fehlerhaften Erklärungen zu etikettieren. Bisweilen garstig überheblich, strebte Goethe mit seiner eigenen Farbenlehre nichts Geringeres an, als den frei denkenden Dichter als Weltversteher über den begrenzt denkenden Naturwissenschaftler zu erheben. Newton habe, indem er künstliche Versuchsanordnungen zur Erforschung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten verwendete, der Natur, einem Inquisitor gleich, unwahre Geständnisse abgefoltert. Goethe führte dagegen den Ansatz der Aufklärung ins Feld: Aus verengten Blickwinkeln lässt sich kein umfassendes Erkennen erreichen, dazu bedarf es des fragenden Blickes auf die ganze Welt und den ganzen Menschen.]

„Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. […]“ Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte: „Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick meines Lebens.“

Die Zuhörerschaft tobt vor Begeisterung, das Fräulein Pomke allen voran. [Fraglich ist allerdings, ob in diesem Falle nicht vielleicht der Sinn des Ohres insonders der Kritik des Urteils bedurft hätte. Pschorr verstaut seine Gerätschaften nach erfolgreicher Demonstration allzu schnell wieder im Köfferchen und scheint auch zu wissenschaftlichen Plaudereien nicht aufgelegt zu sein. Man erinnere sich außerdem der besonderen Fähigkeiten des Professors Pschorr (nebst dessen eigenen Stimmübungen), der hier geradezu als Magier vor verzaubertem Publikum auftritt. Ob also bei diesem Experiment alles mit rechten, naturwissenschaftlichen Dingen zugegangen ist, sei dahingestellt. Das Fräulein zumindest schwelgt glücklich in kritikloser Sensation. Und was Pschorr ernstlich will, ist eben Pomke.] Nach diesem außerordentlichen Erlebnis machen sich der Professor und sein Fräulein wieder auf den Heimweg, Pschorr bietet der noch vollkommen berauschten Pomke seinen Arm, man schlendert selig gemeinsam umher. Endlich scheint die Gelegenheit zu einem Geständnis günstig:

„[…] Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist Du! Du!“ Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen. „Wie er die R’s betont!“ hauchte sie beklommen. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut: „Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!“

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a.S. schmiß er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf: „Was haben Sie getan?“ „Geliebt“, seufzte Pschorr, „und bald auch gelebet – und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.“ Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs.


Mynona – man lese diesen Namen bitte einmal rückwärts, um ihm auf die Schliche zu kommen – war das Pseudonym des Schriftstellers Salomo Friedlaender (1871 – 1946). Geboren in Posen, kam er zwecks Medizinstudium nach München und Berlin, wechselte jedoch alsbald in die Fächer Kunst und Philosophie. Nach seiner Promotion lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er Freundschaften mit Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Alfred Kubin unterhielt und Raoul Hausmann, Hannah Höch und Paul Scheerbart kennenlernte. Unter seinem Pseudonym schrieb Friedlaender für diverse expressionistische Zeitschriften und war selbst Mitherausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Fachgebiet: Individualistischer Anarchismus). Seine Texte, in denen Expressionismus und Dadaismus, Groteske und Parodie zu erkennen sind, nahmen Einfluss auf die Literarische Avantgarde. 1934 emigrierte Friedlaender nach Frankreich, zwölf Jahre lang lebte er in Paris. Er starb dort in verarmten Verhältnissen.


Die Erzählung findet sich in dieser rundum schönen Anthologie:

>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne, Das große Lesebuch (Fischer Verlag) €14,50

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FORMWANDLUNGEN // Juri Rytchëu, Teryky

Dieser Roman wird in diesem Jahr 35 Jahre alt. Zeit kann ihm jedoch nichts anhaben, oder besser gesagt: Die Geschichte, die er erzählt, spielt in einer Welt, in der Jahrzehnte ohnehin nichts bedeuten. Gemessen wird Zeit dort nicht in Jahren oder Epochen, denn wichtig sind nur die ewig wiederkehrenden Zeitenwechsel – von Dürre zu Schwemme, von Licht zu Dunkel, von Frost zu Schmelze und so fort. Der tschuktschische Schriftsteller Juri Rytchëu (1930 – 2008), Sohn eines arktischen Jägers, schrieb über 30 Romane über seine Heimat, jene kalte Wildnis im russischen Norden, und über seine Landsleute. In seinen frühen Jahren vom Sowjetregime reglementiert, verfasste Rytchëu linientreue Geschichten über den vermeintlich fraglos segensreichen Fortschritt, den der Einzug des kommunistischen Systems bis in die entlegensten Landesregionen und das dortige traditionelle Leben hinein bewirkt hatte. Seit Perestroika-Zeiten wagte Rytchëu jedoch, sich durchaus anklagend zur Lage der indigenen Bevölkerung in Russland zu äußern und auch in seinen Romanen eine kritische Haltung gegenüber der staatlichen Zwangszivilisierung ganzer Volksgruppen einzunehmen.

Teryky allerdings ist frei von zeitgenössischen kulturpolitischen Bezügen und erzählt eine zeitlose Liebesgeschichte, eingekleidet in eine traditionelle tschuktschische Legende: Der Sage nach verwandelt sich ein Jäger, den das Pech ereilt auf einer Eisscholle abgetrieben zu werden, während seiner Zeit auf dem offenen Wasser in einen Teryky, ein bepelztes, entmenschlichtes Ungeheuer. Sollte jener Jäger, nun als Teryky, jemals wieder an Land zurückkehren, so muss er getötet werden, da er sonst als raubendes Untier die Menschen in ihren Siedlungen bedrohen würde. In Rytchëus Roman ist es der junge Goigoi, der eines Tages nicht mehr von der Robbenjagd heimkehrt. Als Kind der unbarmherzigen Polar-Welt ist sich Goigoi der lebensbedrohenden Kräfte von Eis und Meer bewusst, und nachdem er auf einer Eisplatte, die sich im wechselhaften Frühjahrswetter vom Festland gelöst hat, aufs offene Meer getrieben worden ist, rechnet er sich keine größeren Chancen auf ein Überleben aus. Doch Goigoi hat gerade erst angefangen sein Leben mit neuen Augen zu betrachten: Nur kurze Zeit vor seinem vermeintlichen Ende ist er diesem Mädchen begegnet, Tin-Tin, Tochter eines Nomaden, gerade eben hat er ein gemeinsames Leben mit ihr begonnen – und so stemmt er sich der Liebe wegen entschlossen gegen den Tod. Indessen beweint Tin-Tin an Land das Verschwinden ihres Geliebten und befindet sich in einer zunehmend heiklen Situation: Da Goigoi und Tin-Tin als junges Pärchen noch keine eigene Behausung, Jaranga genannt, aufbauen konnten, haben die beiden bislang in einer Ecke der Familien-Jaranga des nächstälteren Bruders von Goigoi, Piny, gewohnt. Obwohl dieser sich zunächst gegen seine Gefühle wehrt, wächst eine rasch zunehmende Begierde nach der jungen Gefährtin des kleineren Bruders in ihm heran. Als Goigoi als verschwunden gilt, beginnt Piny Tin-Tin zu bedrängen. Doch der Sitte nach sollte der älteste der Brüder, Këu, die Braut des Jüngsten nach dessen Tod bei sich aufnehmen. Dabei denkt Tin-Tin gar nicht daran die Hoffnung auf eine Rückkehr ihres geliebten Goigoi aufzugeben. Und dann, als das Wetter wechselt und die offene Bucht wieder vom Packeis geschlossen wird, kommt es zur unerwarteten Begegnung, die dramatisch in das Leben Tin-Tins und der drei Brüder einschneidet.

Man benötigt keinerlei Hang zu Schmonzetten mit Ethno-Hintergrund um sein Herz an diese Geschichte zu verlieren – im Gegenteil: Rytchëus Prosa formt unverschnörkelt die karge und doch komplexe Polar-Natur nach. Ohne überbordende Beschreibungen von Landschaft und Leuten, bildet sich durch Rytchëus sparsames, aber präzises Vokabular und das strukturierte Erzählen wie von selbst eine arktisch klare Atmosphäre. Mit erstaunlich geringem sprachlichem Aufwand erweckt Rytchëu unzählige Varianten von Schnee, Eis, Wind und Licht zum Leben, beschreibt mit treffsicheren Bildern die Wechsel von Landschaften und Jahreszeiten, sodass man während der Lektüre die feuchte, von Moosduft gesättigte Frühjahrsluft zu riechen glaubt oder beinahe selbst den Biss der Kälte durch nass gewordene Fellbekleidung hindurch spürt. Und die Schilderung der Liebesbeziehung zwischen Goigoi und Tin-Tin besticht in ihrer stillen Zartheit ungemein. Nur 160 Seiten schmal, beinhaltet dieses Buch eine höchst konzentrierte Geschichte, die lange nachwirkt.


>> Juri Rytchëu, Teryky (Unionsverlag) kartoniert €7,90

KULTURSPRÜNGE // Dinaw Mengestu, Unsere Namen

Afrikanisches Flüchtlingsdrama trifft auf amerikanischen Provinzalltag: Jeder für sich und aus seiner Sicht, erzählen der Afrikaner Isaac und die Amerikanerin Helen diesen Roman über eine Welt, in der alles beschädigt und vermint scheint – und über eine Liebe, der es schwer fällt kulturelle und persönliche Trennlinien zu überwinden.

Wer vielleicht – wie ich – den Kurzbeschreibungen nach erwartet hätte, in Unsere Namen einen Roman mit zeitaktuellem Hintergrund zu finden, ist zunächst davon überrascht, in dem aktuellen Buch des äthiopisch-amerikanischen Autors Dinaw Mengestu eine Geschichte aus den 1970er Jahren zu lesen: Was da in perspektivischem Wechsel aufeinanderprallt, sind zum Einen die Bugwellen imperialen Wohlstands, die afrikanischen Bürgerkriege nämlich, die im Zuge der Dekolonialisierung sich anbahnten und ausbrachen, zum Anderen die Kehrseiten der Goldenen Siebziger, jener Hochphase des amerikanischen Wohlstands, die in Schilderungen des hochaggressiven Kleinbürgertums und von Sozialverlierer-Schicksalen sichtbar werden, wodurch das gesellschaftliche Erfolgsmodell USA hier seinen Glanz verliert.

Dass Mengestu jenes zeitliche Setting der Gegenwart vorgezogen hat, obwohl doch das gegenwärtige Zeitgeschehen auf amerikanischem und afrikanischen Gebiet Potential für literarische Bearbeitungen im Überfluss enthielte, geht wohl auf diese besondere Plakativität beider Gesellschaften zu jener Zeit zurück. Darüber hinaus wirkte sich jenes Jahrzehnt auf Mengestus eigene Familiengeschichte prägend aus: Er wurde in Addis Abeba geboren, die Familie verließ Äthopien während des Bürgerkriegs, der 1974 ausgebrochen war, und emigrierte in die USA, wo Mengestu bis heute, inzwischen als erfolgreicher Autor und Journalist, lebt.


Auch Unsere Namen beginnt mit einem jungen Mann, der aus Äthiopien stammt.

Auf der Busfahrt in die Hauptstadt legte ich alle Namen ab, die meine Eltern mir gegeben hatten.

Die gemeinte Hauptstadt ist jedoch nicht etwa das äthiopische Addis Abeba, sondern die – aus Sicht des Namenlosen – Hauptstadt aller Hauptstädte, die Haupt-Stätte nämlich eines jungen, ambitionierten Afrika: Kampala, Regierungssitz Ugandas. Hier bildet Afrika seine eigenen Eliten, hier entwickelt es eine neue, eine selbst geschaffene Identität. Ab den 1950er Jahren steht Afrika unter dem Eindruck nationaler Unabhängigkeitsentwicklungen, 1962 wurde Uganda unabhängig vom britischen Protektorat. In jenen Zeiten greift der Geist von Selbstbestimmung und Identitätsfindung einend über die Landesgrenzen hinaus. So wird Kampala, die Millionenmetropole und moderne Universitätsstadt, zum Konzentrationspunkt einer idealistischen Generation junger Afrikaner. Mit seinem Bildungsschwerpunkt etabliert sich Kampala innerhalb Ostafrikas als Gegengewicht zum ebenso einflussreichen Nairobi (Hauptstadt des Nachbarlandes Kenia), welches mit dem Negativ-Image eines Vergnügungsmolochs belegt ist. Doch der Umbruch der Machtgefüge in Afrika durch das Aufweichen und den Rückzug kolonialer Gewaltstrukturen zieht Flächenbrände nach sich. Länder, die keinerlei Eigeninteressen hatten verfolgen dürfen – selbst die Landesgrenzen sind koloniales Erbe -, müssen nun ein vernichtetes Eigenwesen in Stand setzen. Dabei werden sie konfrontiert mit einem Vakuuum, das mit einheimischen Möglichkeiten nicht aufzufüllen ist: Es zeigt sich in politischer Erfahrungslosigkeit, wirtschaftlicher Verwaisung, infrastruktureller Verwahrlosung, krimineller Verwilderung. Ordnung schaffende Zentralorgane funktionieren nicht, Zersplitterung der Gewalten ist die Folge: Es gibt keine einfachen Machtübergänge, sondern es beginnt eine Epoche der Verteilungskämpfe.

Unser junger Äthiopier, den es nach Kampala gezogen hat, verkörpert jene Umbrüche und die damit verbundenen Hoffnungen und Konflikte in sich: Seine Namen, die für seine bäuerlich-unmündige Herkunft stehen, streift er auf dem Weg nach Kampala ab – angekommen in der städtisch geprägten und geistig erwachten Moderne findet er jedoch nicht zu seiner neuen Identität, wie er es sich vorgestellt hätte, und bleibt der Namenlose. Auch heimatlos bleibt er. Seine Schlafstätten, die er teilen muss, sind ihm ein armseliges Obdach, kein Zuhause. Geld ist schwer zu verdienen, und klare Perspektiven eröffnen sich ihm nicht. Sein Ziel war es seit jeher gewesen, Schriftsteller zu werden, aber an der Universität, auf deren Campus er nun herumstreunt, als gehöre er dazu, findet er keine Aufnahme. Ein Phantom-Leben – und die Stadt ist übervoll von geisterhaft lebenden Menschen: Als seinesgleichen erkennt der Namenlose einen Einheimischen, der wie er den studentischen Cliquen auf dem Campus nachschleicht und dessen tägliche Versorgungswege sich mit den seinen überschneiden. So wie er, stammt auch dieser junge Mann aus kargen dörflichen Verhältnissen, ist allerdings aus klareren Motiven in die Hauptstadt gegangen und trägt einen Namen, mit dem er für seine Sache einsteht: Isaac. Es ist Isaacs starke Politisierung, die den Unterschied zum Namenlosen ausmacht.

Wir sind hier in Afrika. Es gibt also nur ein Studienfach, das infrage kommt, erklärte er. (…) Politik. Etwas anderes haben wir hier nicht.

Isaac wird zum ersten echten Bezugspunkt für den Namenlosen in diesem neuen Leben. Aus der Interessengemeinschaft der beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die jedoch stets auf der Schneide ihres gefährlichen Lebensumfeldes steht: Isaac findet Eingang in machtpolitisch orientierte radikale Kreise und kann sich durch seine neuen Verbindungen eine etwas stabilere Versorgung sichern. Dabei zieht er den Namenlosen jedoch mit hinein in ein Verpflichtungsgeflecht, das einen blutigen Weg für beide vorzeichnet.

Das unabhängige Uganda erlebte viele unterschiedliche Regierungsformen – und viel Leid: Angefangen mit einer Republik unter König Mutesa II. als Präsident und Premierminister Obote (1962), wurde von Obote nach kurzer Zeit unter Einsatz brutaler Methoden ein Einparteiensystem errichtet – ein Versuch in Afrikanischem Sozialismus – (1966), welches wiederum nach dem Militärputsch Idi Amins in eine Diktatur umgewandelt wurde (1971). Unter Idi Amins Gewaltherrschaft ereigneten sich Massenmorde an Oppositionellen und Minderheiten, Ugandas Überfall auf Tansania war der Beginn eines bald unkontrollierbaren Bürgerkrieges (1978). In den Folgejahren wurde die Diktatur wieder abgelöst, erneut durch Obote, der jedoch seinerseits seinen brutalen Politikstil weiterführte, und der ungelöste Konflikt mit Tansania äußerte sich in dauerhaften Guerilla-Gefechten. Nach kriegerischer Übernahme verlor Obote seine Macht an den bis heute als Staatschef aktiven Museveni, dessen Herrschaftsstil dem Obotes ähnelt. Erst 2008 gab es einen ersten Waffenstillstand, seit 2011 jedoch schwelen erneut starke Unruhen im Land.

Die Lebenswege des Namenlosen und Isaacs führen, ebenso direkt wie Ugandas unabhängiger Weg, nach dem Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben in die Mühlen militärisch ausgetragener Machtkämpfe. Und so wie das Land, werden auch die Freunde durch die eskalierenden Verhältnisse in zwei Lager gerissen: Die Einen bleiben und gehen ins Elend, die Andern gehen elend in die Diaspora. Das Wertvollste, was der namenlose Äthiopier schließlich auf seiner Flucht aus Uganda mitnimmt, ist ein Pass mit einem Namen: Isaac.


Helens Geschichte bedarf keiner ähnlich ausführlichen Einleitung: Aufgewachsen in kleinstädtischem US-amerikanischen Umfeld, die elterliche Ehe war ein liebloses Zweckbündis, vom Vater des Ansehens wegen, von der Mutter aus Versorgungsängsten aufrecht erhalten. Angesiedelt im Zentrum des provinziellen Amerika, in einer Provinzstadt in Maryland, sind die Lebensumstände Helens den unseren vergleichbarer als die Isaacs. Trotz ihrer Herkunft aus getrennten Welten ist ihr jeweiliger Wunsch nach Identitätsfindung ein Motiv, das beide Charaktere eint. Helen ist um die dreißig und alleinstehend, und sie arbeitet für einen Sozialdienst, kümmert sich um Veteranen, begleitet unheilbar Kranke, leistet Familienberatung und dergleichen. Dass ihre Motive für diese Berufswahl durch ihre Familiengeschichte beeinflusst sein könnten, denkt man früh: Ihr Elternhaus ist einer der ersten Maßstäbe, den Helen im Roman anlegt um sich selbst zu beschreiben.

Meine Mutter war eine Flüsternde. Sie sprach grundsätzlich leise, damit mein Vater sich nicht aufregte oder in eine seiner düsteren Stimmungen verfiel. Das behielt sie auch dann noch bei, als er sie längst verlassen hatte.

Im Anschluss daran sagt Helen über sich selbst, nicht zur Flüsternden zu taugen. Ihre berufliche Zuwendung zu Not und Leid scheint einen Versuch auszudrücken, das kleinbürgerliche Idyll, in dessen Eingeweiden häusliche Gewalt und finanzielle Not versteckt wüten, von innen nach außen zu kehren – das Elend rückwirkend von der Fassade zu befreien, um ihm heilend begegnen zu dürfen. Jedoch reibt diese Arbeit sie auf. Es gibt viel Du in Helens Leben, vielleicht zu viel – zum Ich hat sie nie so recht gefunden. Beruflich wie privat ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie glaubt kaum noch emotionale Kräfte investieren zu können, als ihr die Aufgabe zugewiesen wird, einen Schwarzafrikaner namens Isaac während seiner Eingliederung ins amerikanische Alltagsleben zu betreuen.


Isaac und Helen verbindet sofort eine Sympathie miteinander, die sich bald zu einer Liebesgeschichte entwickelt. Doch gibt es keine öffentliche Version dieser Liebesgeschichte, alles spielt sich in geschlossenen Räumen ab. Die gesetzliche Rassentrennung mag abgeschafft sein, das gesellschaftliche Klima jedoch, zumal abseits der Großstädte, trennt noch immer nach Hautfarbe. Der vielleicht amerikanischste geschlossene Raum ist das Auto: Während gemeinsamer Autofahrten können Helen und Isaac ungestört und unbelauscht miteinander reden, während gleichzeitig das amerikanische Panorama durch ihr Sichtfeld zieht. Das Auto, Sinnbild für Mobilität, wird zum Sinnbild für das Weglaufen, die Auto-Nation zur Nation von Davonläufern, sei es vor privaten oder gesellschaftlichen Geißeln. Dass gerade Isaac, der Flüchtling, nie gelernt habe Auto zu fahren, erscheint vor diesem Hintergrund unstimmig – es erweist sich als eine Lüge Isaacs: Helen beobachtet ihn eines Tages zufällig, während er in ein Auto steigt und davonfährt, und stellt sich die Frage, was sie wirklich über Isaac wissen kann, wenn nicht nur zum Schutz nach außen hin, sondern auch zwischen ihnen Lügen stehen. Vom Autositz aus spioniert Helen ihm fortan nach, und entdeckt weitere Rätsel. Die Vergangenheit Isaacs als Aufständischer gegen Idi Amins Gewaltherrschaft ist für Helen eine weitestgehend unbekannte Größe: War seine Rolle im Kriegsgefüge eine heldenhafte? Oder beging auch er Kriegsverbrechen? Und in welcher Funktion ist Isaac wirklich hier, in den USA? Warum wird der einfache Flüchtling von Kontaktpersonen besucht, von denen Helen nichts wissen soll? Das mag sich nach einer Liebesgeschichte mit politischer Aufpeppung anhören. Mengestu erzählt jedoch etwas Tiefergehendes: Es geht um gegenseitiges Erkennen – und darum, welche Faktoren den Blick auf einander irritieren.


Dinaw Mengestu sah sich bezüglich seiner Vorgängerromane oft der Kritik ausgesetzt zu perfekt zu schreiben. Unsere Namen bestätigt das. Es fehlt dem Schreibstil keineswegs an technischer Qualität, doch etwas fehlt trotzdem. Vieles, was sich erst im Kopf des Lesers zu einem atmosphärischen Bild der Schauplätze und Handlungen zusammensetzen sollte, wird in einem Halbsatz Mengestus vorweggenommen. In der guten Absicht seine Geschichte bis ins Letzte zu kontrollieren, nimmt er also die Imagination des Leser gleich mit an die kurze Leine. Was sich aber als bemerkenswert erweist, ist Mengestus Fähigkeit, große Zusammenhänge einzig durch die Eigenschaften und Konstellationen seiner Figuren auszudrücken – Kontraste aufzubauen, die eine gegenseitige Beleuchtung bewirken.


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