Thema Krieg

ARES WAR HIER // Mathias Énard, Zone

Setzt Ares, der hübsche Olympier, der freilich nach Blut, Brand und Verwesung stinken muss, seinen Fuß hinab vom heiligen Berge, so steht er in seinem herrlichen Vorgarten: Die Mitte ziert ein von Schiffen befahrener Teich, den reich bevölkerten Saum bilden Europa, der Nahe Osten, Nordafrika. Diese Gefilde – einen etwas ins Inländige erweiterten Mittelmeer-Kreis – nennt Mathias Énard die Zone. Auf über 500 Seiten, in denen der französische Orientalist die unzähligen Konflikte in der Geschichte der Zone zu einem einzigen Gewaltstrudel verschmilzt, erzählt Énard gleichsam, mit welchen Mitteln der vor lauter Fleiß schwitzende Ares seinen kriegsfruchtbaren Vorgarten pflügt, düngt und begießt.

Mythen, Epen, Gesänge, Träume, Aktenberichte einerseits, andererseits Blut, Fleisch, Hirnmasse, Gebein, Urin, Kot, Sperma, Speichel, Tränen, auch Alkohol: Die Bedeutung von Krieg wird transportiert von menschlichen und menschgemachten Stoffen. Énard hat sein großes Buch über den Krieg darum gleichermaßen mit Göttern und Dichtern bevölkert wie mit Opfern und Schlächtern. Es erzählt, anhand der Genealogie ihrer Kriege seit der Antike, eine dunkle Kulturgeschichte der Zone. Énard belässt dabei nichts in der Schwebe der Vergangenheit: Schrecken, Abgründe, Ungetüme löst er aus dem Abstrakten heraus und vergegenwärtigt sie im Leben und den Gedanken seines Protagonisten, eines Erben jener Geschichte; in einem einzelnen Menschen bricht sich die ganze Woge.

es gibt so viele Fügungen, Wege, die sich im großen Meeresfraktal kreuzen, durch das ich seit einer Ewigkeit ahnungslos wate, seit der Zeit meiner Ahnen seit der Zeit meiner Väter meiner Eltern meiner selbst meiner Toten und meiner Schuld

Mythos, Geschichte und persönliche Erinnerung bilden den Krieg ab, der sich in den Protagonisten hineingefressen hat, zu dessen innerem Zustand er geworden ist. Für dieses inwendige Brausen und Branden hat Énard eine spezielle Schriftform gewählt: einen einzigen, hunderte Seiten anhaltenden Satz. Der beginnt kleinbuchstabig und treibt immer weiter voran, verlängert und wieder verlängert durch Gedankenstriche, gegliedert nur durch Kommata, und selbst diese werden oft als überflüssig betrachtet – sie fehlen beispielsweise in Aufzählungen. Eine Ausnahme davon stellen nur drei Kapitel dar, die als Auszüge eines fiktiven Romans über das im Bürgerkrieg untergehende Beirut geschrieben sind. Nach diesen kurzen Einschüben rattert, strudelt, zieht der Satz ungebremst weiter, wie die Menschheit selbst, und wie die Gedanken des Einzelnen. Die ungebrochene Linie, das große Warten auf den einen Punkt in der radikalen Ruhelosigkeit – damit findet die inhaltliche Symbolik ihre Konsequenz in der Form.

Eine weitere Besonderheit der Romanstruktur: In der Unterteilung in 24 Kapitel wird die thematische Anlehnung an Homers Ilias auch äußerlich deutlich. Zwar findet im Roman nicht etwa der gesamte alte Stoff eine Übertragung ins Moderne, doch der Zorn als grundlegendes Motiv, sowie die Figuren Achill, Patroklos und Hektor haben ihre Parallelen bei Énard. Und überhaupt diese unzähligen Parallelen, Querverweise, Anspielungen, die sich, mal flüsternd, mal als Nebelhörner, überall heraushören lassen, diese vorsätzliche, eigentlich größenwahnsinnige Überladung der Inhaltsebene, und dazu dann noch die experimentelle Form – bersten müsste die Erzählung unter dieser Last. Man staunt: Sie tut es nicht; das ist die Leistung des Stils, der Sprache Énards.

Ähnlich wie der Autor, der nach dem Studium des Arabischen und Persischen in Paris über längere Zeit in verschiedenen Ländern des Mittleren Osten lebte und danach in Barcelona arbeitete – ein Weltenpendler -, ist der Ich-Erzähler ein rastloser Pendler in der Zone. Francis Servain Mirković, auch Francis Mirkovi, alias Yvan Deroy: geboren in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines französischen Algerien-Veteranen und einer kroatischen Nationalistin, Politikstudent, dann Soldat im Jugoslawien-Krieg auf kroatischer Seite in einem zusammengewürfelten Freiwilligen-Korps, schließlich Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes.

Man begleitet den Erzähler während einer Zugreise, die in Paris ihren Anfang genommen hat. Der Leser steigt in Mailand zu, Ziel der Reise ist Rom, oder genauer: der Vatikan. Francis/Yvan trägt einen Koffer voller Akten über Kriegsverbrechen und Waffenhandel in der Zone bei sich, der mit einer Kette gesichert ist – wie ein Biest, das es im Zaum zu halten gilt; gleichzeitig wie eine Eisenkugel, die den Gefangenen, als der sich Francis entpuppt, in seiner Unfreiheit festhält. Ein Koffer als Massengrab, als Lager, aus dem Schreie und Gestank dringen. Kein Hauch von Reiseromantik, keine Spur von klassischem Spionage-Abenteuer. Innerhalb eines erzählerischen Labyrinthes bildet diese Zugfahrt den Ariadnefaden; es ist Francis‘ innerer Monolog, in dem der Leser wie der Erzähler, am Faden entlang tastend, umherirren.

Francis‘ Gedankenstrudel lässt Erinnerungen in einem geschichtlichen Rahmen aufgehen, bindet umgekehrt das Historische ins Private ein, sucht und findet darin das Mythologische, das Epische, und schäumt über vor Anekdotischem. Nicht chronologisch, sondern fragmentarisch wird erzählt, wobei jedoch nicht der Eindruck entsteht, die Dinge bestünden lediglich nebeneinander her – auf der Assoziationsebene begegnen sie sich als gleichwertig, gleichzeitig, sie spiegeln sich ineinander, alles ist durchtränkt von allem.

eine mediterrane Symmetrie mehr, wenn die Achse Rom-Berlin den Falz bildet, berühren sich Beirut und Barcelona

Am Mailänder Hauptbahnhof, Stazione di Milano Centrale, wo Francis umsteigt, prophezeit ein Verrückter den Passanten den nahen Weltuntergang, und die wahre Verrücktheit daran scheint es zu sein, dass er die Apokalypse in der Zukunft verortet, anstatt zu erkennen, mit welcher Regelmäßigkeit sie sich in der Geschichte wiederholt. Francis bemerkt beiläufig, er zöge die Verrückten eben an. Vielleicht, weil zwischen ihnen und ihm kein sonderlicher Unterschied zu erkennen ist: Francis sieht die Zone als eine Aneinanderreihung von Nekropolen, dort, wo Menschen wandeln, sieht er gleichzeitig Geisterparaden marschieren, und in seinem Kopf – oder auch laut – spricht er mit den Göttern und Gespenstern.

heute Morgen glänzten die Alpen wie Messer, ich zitterte vor Erschöpfung auf meinem Sitzplatz und konnte kein Auge zutun, ich bin völlig zerschlagen wie ein Drogensüchtiger, im Zug habe ich ganz laut mit mir selber geredet, oder ganz leise

Mag sein, dass man auch Francis verrückt nennen könnte – sicher ist nur, dass der Kriegszustand, den er erlebt hat, in Francis‘ Innerem nachhaltig fortbesteht, und wo liegt schon der Unterschied zwischen Krieg und Wahn? Beides ist schließlich Raserei, und Francis‘ Denken ist nichts Anderes. Milano: Im Namen der Stadt steckt der Raubvogel, der Milan; das Zerpflücken blutiger Beutestücke denkt Francis dabei mit, und gleichzeitig den Namen eines vielfach verwundeten Generals, Millán Astray, der, gemeinsam mit Franco, die Spanische Fremdenlegion begründete. Astray, der bemerkenswert Versehrte – wie Ghassan: ein lybischer Bürgerkriegsveteran, mit dem sich Francis in seiner Zeit in Venedig systematisch betrinkt, um den Tod seines liebsten Kameraden – Andrija, Francis‘ Patroklos – zu vergessen. Ghassan spendet, mal mehr, mal weniger bewusst, viel Material für Francis‘ hungrigen Aktenkoffer. Am interessantesten aber ist die Geschichte der Narben Ghassans:

wie er verwundet wurde, wie er dachte, er sei tot, als er nach der Explosion einer Granate plötzlich von Dutzenden von Splittern zerschnitten wurde, er sah wie seine Drillichjacke aufging unter dem Hagel der Geschosse anschwoll, plötzlich war er voller Blut, war vom Knöchel bis zu den Schultern von zahllosen Stichen durchlöchert, seine ganze rechte Körperseite war von einer scheußlichen schleimigen Masse überzogen, mit Krämpfen vor Schmerz und Panik brach Ghassan zusammen, überzeugt dies sei das Ende, die Granate war nur wenige Meter entfernt eingeschlagen, die Ärzte entfernten acht fremde Zähne und siebzehn Knochensplitter, die in seinem Körper steckten, Überreste des armen Kerls, der vor ihm von der Explosion zerrissen worden war und sich in eine menschliche Granate verwandelt hatte, in rauchende Schädelfragmente, die in einer Blutfontäne fortgeschleudert wurden, deren einziger Metallsplitter ein goldener Vorbackenzahn war, Ghassan hatte Glück im Unglück, es lief ihm noch immer kalt den Rücken hinunter, der Ekel reize noch immer zum Brechen […] Ghassan verwandelt in ein lebendiges Grab, trägt die Reliquien des Märtyrers direkt unter seiner Haut, hat die Vereinigung der Krieger vollzogen durch die Magie der Sprengkörper […]  besonders am Hals hatte Ghassan noch immer winzige unsichtbare oder höchstens unter Röntgenstrahlen sichtbare Knochensplitter unter der Haut, die sich manchmal Jahre später, man weiß nicht warum, in Form von Zysten und Schwielen zeigten und dann herausoperiert werden mussten, am meisten ärgerte ihn aber, dass er dem Arzt davon erzählen musste, erklären musste, warum sein Körper Knochenstücke ausspie

Der Soldat als wandelndes Grab eines anderen Soldaten – dieser Gedanke über die Verkettung von Tod, seine aufs Körperliche zugespitzte Verbildlichung beschäftigen mich auch nach Buchende hartnäckig weiter.

Francis‘ eigene Narben sind weniger spektakulär. Marianne fragt dennoch nach ihnen. Marianne, in der Francis, der sich als Ares sehen wollte, seine Aphrodite fand. Marianne, die Schöne, mit ihrer wohligen Vitalität, ihren Rundungen, ihrer Weichheit, ihrem Duft, ihrer unverdorbenen Körperlichkeit. Marianne – wie die französische Nationalfigur, verkörpert von Brigitte Bardot bis Sophie Marceau. Marianne, die sich mit einem Tritt in seine Weichteile von ihm löst, weil er zu viel Zeit mit dem Alkohol und den Narben Ghassans verbringt, während Marianne so gern in seinen, Francis‘ Narben gelesen hätte.

Es ist ein klassischer weiblicher Fehler, unbedingt an die Gefühlszentren der Männer rühren zu wollen – Stephanie wiederholt ihn. Stephanie, die, wenngleich auch sie eine aphroditische Seite besitzt, eher einer Athene ähnelt. Stephanie, die Taktikerin, die Strategin, die Karrieristin beim Geheimdienst, die Francis immerhin einen kurzen Augenblick von Vaterschaft, von Familie spüren lässt. Was aber soll eine Frau – irgendeine – mit einem Kriegsungeheuer, einem Francis auf Dauer schon anfangen?

Besser ein Anderer sein: ein Yvan Deroy. Dessen Namen trägt Francis spazieren, während der echte Yvan in einer geschlossenen Anstalt vor sich hindämmert – da, wieder ein Verrückter. Diesmal einer, der über seine eigene krude Nazi-Ideologie seinen Verstand verloren hat, zum ahumanen Monster mutiert ist, als hätte Énard hier (Zone erschien 2008 in Frankreich) einen Anders Behring Breivik vorausgeahnt, den er vorsorglich gleich in ein Irrenhaus hineinschrieb. Indem er Francis den Namen Yvans als Pseudonym annehmen lässt, zeigt Énard ein gefährliches, frei in der Zone umherstreifendes Gespenst auf: das des Nationalismus und Faschismus.

Francis‘ Beziehung zu diesem nicht totzukriegenden ideologischen Gespenst ist nicht willkürlich angelegt, und auch nicht allein dadurch hergestellt, dass Yvan sein Schulfreund war, sondern sie besteht bereits in Francis‘ Erbgut: Franjo Mirković, Francis‘ Großvater, war ein kroatischer Faschist der ersten Stunde, wichtiger Funktionär des NDH, des Unabhängigen Staat Kroatien, ein Ustascha. Diese Bewegung hatte mit Ante Pavelić ihren eigenen Führer, mit dem Lager Jasenovac ihr eigenes Auschwitz, ihr fielen im Laufe des Zweiten Weltkrieg, unterschiedlichen Schätzungen nach, 400 000 bis 600 000 Serben, Juden, Roma und antifaschistische Kroaten zum Opfer.

Als Wiedergänger dieses ersten Schlächters unter dem Namen Mirković zog Francis später in den Balkankrieg. Und nicht nur die Tradition seines Großvaters, auch die seines Vaters führte er fort, indem er töten ging: Ob in Jugoslawien oder Algerien – die Morde, Vergewaltigungen, Folterungen bleiben sich gleich.

Von einem Namen zum Nächsten, endlosen Verknüpfungssträngen folgend, strömt Francis‘ Satz punktlos voran. Neun Stationen passiert der Zug auf dem Weg von Mailand zu Francis‘ Ziel – neun Kreise des Inferno, neun Bereiche des Purgatorio, neun Himmel des Paradiso müssen in Dantes Göttlicher Komödie durchwandert werden. Bei Francis verlieren Hölle, Vorhölle und Paradies ihre klaren Umrisse, das Eine durchwabert das Andere. Tag der Zugreise ist übrigens der 8.Dezember, der Tag der Unbefleckten Empfängnis, und über den religiösen Verweis hinaus, liefert Énard hier einen erneuten megalomanischen Querbezug, macht, wie Joyce, einen Tag zu seinem eigenen, und seinen Roman, diesen Gedankenstrom-Koloss, zum Bloomsday eines Erlösungssuchenden.

Einmal noch sucht Francis bei einer Frau nach Erlösung, bei Saschka, der zart-blassen Engelsfigur, die Ikonen malt. Diesmal verschweigt er seine Francis-Substanz und geht unter der Deckidentität eines Insektenforschers namens Yvan Deroy, die Saschka ihm gutgläubig abkauft, in diese Beziehung hinein. Den Namen Yvans zu tragen, fühlt sich für ihn kaum als Lüge an, und auch die Insektenkundler-Identität weist genug Wesensähnlichkeit zu seiner Tätigkeit als Aktensammler auf, um einer für Francis brauchbaren Form von Wahrheit Genüge zu leisten – schließlich ist Francis sattsam kundig auf dem Gebiet der kriechenden oder schwärmenden Massen-Tiere, dieser ruhelosen Betreiber der Verwesung von Fleisch und anderen Strukturen. Doch etwas bremst ihn, bevor er Saschka zu nahe kommt; womöglich sind es tatsächliche Skrupel, dieses Unschuldswesen zu verderben, oder auch nur Francis‘ umfassende Lebensmüdigkeit. Und sowieso, was sollen die Frauen immer alles heilen, und was sollen sie gleichzeitig aushalten: Monster wie Francis oder Andrija, wie zuvor all diese Väter und Vorväter, die denen Francis‘ entsprachen.

Gleich den Kriegern, suchen auch manche Dichter in körperlicher Nähe nach einer Erlösung von ihrer eigenen Scheußlichkeit, und mache kommen von weit her in die Zone, wo die allseits spürbare Geschichte von Gewalt und Untergang ein gutes Pflaster zu bieten scheint, um sich mit seinen eigenen Untiefen zu befassen – wie Borroughs, nachdem er bedröhnt seine Frau erschossen hatte. Doch die meisten verheddern sich hier erst recht unrettbar in ihren dunklen Seiten, sie fügen sich viel zu gut ins Elend aus Prostitution, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Dass Francis seine Erlösung genauso wenig findet, liegt daran, dass er, ähnlich wie die von Énard eingestreuten Dichter, verirrt, besoffen und bekifft immer weiter in Richtung Anti-Erlösung taumelt.

Außerdem gibt es in seiner Weltsicht keine funktionierenden Richtungsweiser mehr: Moralische Kategorien wie Gut und Böse, zeitliche Dimensionen wie Gestern und Morgen – all jene Einordnungen haben für ihn, der nur noch trüben Brei denken kann, ihre Klarheit verloren, und Begriffe wie Schuld, Sühne, Erlösung bieten da keine Trittsicherheit. Einzig der Begriff SCHICKSAL tritt großbustabiert aus dem Strudel hervor.

Indem Énard den moralischen Boden schwammig hält, drückt er sich jedoch nicht etwa um die Frage nach Francis‘ eigener Schuld. Diese Schuld ist deutlich, und sie ist massiv. Francis hatte sich, vielleicht nur um der Mutter zu gefallen, vielleicht auch aus eigener Eitelkeit, freiwillig in den Krieg begeben. Er suchte dort nach dem Helden, dem Mann Francis und fand stattdessen Francis, das Ungeheuer. Aus niederen Beweggründen gehasst, aus Zorn getötet zu haben: Darin besteht die Schuld seiner Soldatenzeit. Und während seiner Geheimdienstzeit erhöht er seinen Schuldzähler um die Folgen seiner Abmachungen mit dieser oder jener Instanz im Machtgemenge der Zone – dort wird jeder Vorteil durch einen Verrat erkauft, und jeder Verrat ist der Ausgangspunkt neuer Opfer-Biografien, in denen Francis‘ Name nicht selten als Fußnote angeführt werden dürfte. Im Laufe des Buchs wird deutlich, wie sehr Francis‘ Inneres und das des Koffers Eins sind.

als der Koffer voll war, musste ich ihn verkaufen, diese unzähligen überall in meiner Zone geduldig zusammengetragenen Dokumente Namen Berichte loswerden (…), die in fünf Jahren endloser Nachforschungen gesammelten Dokumente, die aus Archiven gestohlenen Geheimunterlagen, die abgeglichenen Zeugenaussagen, wozu diese zahllosen Stunden des geduldigen Zusammenstellens dieser Liste um das leere Leben (…) zu füllen, um meinem Dasein einen Sinn zu geben, vielleicht, wer weiß, um einen schönen Abgang zu haben, um Vergebung für meine Toten zu erhalten, fragt sich nur, von wem

Jene Einheit von Mensch und Aktensammlung ist eine Art wandelnde Büchse der Pandora. Während der Koffer allerdings in umgekehrter Form so funktioniert, das Grauen also nicht in die Welt schickt, indem er geöffnet wird, sondern es in sich sammelt, ist Francis selbst ein Unheilsbringer, und wer an sein Inneres rührt – wie manche seiner Kriegsgegner das taten, und auch die Frauen, die ihn liebten -, entfesselt damit eine scheußliche Bestie. Sich selbst hält Francis daher lieber verschlossen, doch er legt sein Leben mit in den Koffer und will diesen Koffer abgeben, in den Koffer soll hineingeschaut werden, Andere sollen, so wie Francis, in Gräber, Folterkammern und andere Abgründe blicken.

Dass nun vatikanische Diener diesen Blick tun sollen, ist nicht von offizieller Seite entschieden worden, sondern es ist Francis‘ eigene Mission, wie auch die Aktensammlung selbst in privater Arbeit entstanden ist und nicht in geheimdienstlichem Auftrag. Warum aber Francis gerade den Vatikan zum Adressaten seiner Privatmission erwählt hat, beantwortet sich nur in Andeutungen:

von Paris nach Rom, um zitternden Prälaten fünfzig Jahre alte Geheimnisse und auch weitaus jüngere – Ware bleibt Ware, ob Pizzas oder Blumen – gegen klingende Münze auszuhändigen, ich habe den Preis auf dreihunderttausend Dollar festgesetzt, die Ironie würde den Kirchenmännern sicher nicht entgehen, dachte ich, dreißig Silberlinge, sie haben kein Wort darüber verloren, stimmten ohne Murren zu, wagen es nicht mit dem Sünder über den Preis für den Verrat zu verhandeln, Rom bleibt Rom, wer auch immer dort herrscht

Moderne dreißig Silberlinge für den modernen Judas. Immerhin sollte, was Francis zusammenspioniert hat, wohl genügen um den Tatbestand des einen oder anderen Landesverrats zu erfüllen; den Verrat eines Erlösers allerdings kann man ihm schwerlich vorwerfen. Vielleicht ist die Einreichung des Koffers für Francis die eine, die große, mit Fußnoten und Zusatzmaterial versehene Beichte seines Lebens und er hofft doch auf irgendeine Art von Absolution. Vielleicht spielt in Francis versteckten Beweggründen auch eine andere Betrachtung des Judas, die diesem innerhalb der Gnosis zuteil wird, eine Rolle. Dort nämlich werden Judas‘ Motive nicht in Untreue und Geldgier gesehen. Vielmehr wird die Funktion des Judas Ischariot als die eines Erfüllungsgehilfen für Gottes Plan verstanden: Judas, so die Gnostiker, habe den Opferwillen des Gotteslammes Jesus im Sinne der göttlichen Vorsehung gedeutet und mit der Übergabe Jesu an die Römer die Erlösungsgeschichte überhaupt erst in ihren Lauf gebracht. Vielleicht also soll es nicht nur Francis‘ eigener, sondern einer General-Erlösung der gesamten Zone dienen, die Wahrheit ins Licht der Ewigkeit, deren weltlicher Stellvertreter der Vatikan ist, hineinzutragen. Oder vielleicht nutzt Francis die vatikanische Schleuse ins Reich des Transzendenten in dem rotzfrechen Versuch, den Göttern zurückzugeben, ihnen vor die Füße zu pfeffern, was sie auf Erden angerichtet haben – als ob sie nicht darauf antworten würden, für Schuldfragen solle man sich da unten gefälligst als selbst zuständig betrachten. Vielleicht aber braucht Francis, der Söldner aus Gewohnheit, derzeit auch einfach nur das Geld. Wer weiß.

Andere Fragen beantworten sich zum Ende, zum Beispiel die, ob der Koffer sein Ziel tatsächlich erreichen wird, oder ob der endlose Satz doch noch zu seinem Punkt findet. Bis dahin sind es hunderte unruhevoller Seiten, die mitunter anstrengend zu lesen sind – alles andere wäre auch ein Hohn angesichts ihrer Thematik -, aus denen jedoch die gewissenhafte Arbeit des Autors spricht. Man kann nur erahnen, welchen gedanklichen und welchen Recherche-Aufwand er für diesen Roman wohl betrieben hat. Gelohnt hat er sich unbedingt.


>> Mathias Énard, Zone (Berlin Verlag), kartoniert €12, 95

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ARES WAR HIER // Agota Kristof, Das große Heft

Dieses Buch ist eine Übung in Aushalten. Agota Kristofs mühevolles Aushalten ihrer eigenen Vergangenheit hallt darin wider. Und auch als Leser gilt es Einiges auszuhalten: verstörende Schilderungen aus dem Inneren einer dunklen Fallgrube, die eine alte Welt verschluckte, zerkaute und wieder ausspuckte – als eine neue Welt, deren langwierige und schwergängige Beschäftigung es werden sollte, sich den Schwefelgeruch ihres Ursprunges von der Haut zu waschen.

Ihren Roman Das große Heft erzählt Agota Kristof als Aneinanderreihung absolvierter Übungen. Heftiges Kapitelgeratter gibt den Erzähltakt vor; über 60 Abschnitte, bei etwa 200 Seiten Buchumfang. Form und Sprache halten sich nicht auf mit Schönheitspflege, haben ihr Marschgepäck auf das Existenzielle reduziert und preschen ungerührt hinein in die Zentren heißer Breie.

Die Eigenschaften des Tons stimmen überein mit dem Charakter der zwei Brüder im Mittelpunkt dieses Romans – was nur folgerichtig ist, lässt Agota Kristof doch diese beiden Jungen, ein Zwillingspärchen im nicht näher bestimmten Schulalter, den Roman selbst schreiben: Das große Heft ist ihr Heft, die Kapitel darin sind ihre eigenen Aufsätze, in denen sie ihr Schreiben üben und ihre Übungen beschreiben. Sie betätigen sich als Chronisten eines vom Krieg entstellten Alltagslebens. Im Kapitel Unsere Studien erklären sie, wie sie üben, schreiben und denken:

Wir beginnen zu schreiben. Wir haben zwei Stunden, um das Thema zu behandeln, und zwei Blatt Papier zur Verfügung. Nach zwei Stunden tauschen wir unsere Blätter aus, jeder von uns korrigiert die Schreibfehler des andern mit Hilfe des Wörterbuchs und schreibt unten auf die Seite: „Gut“ oder „Nicht gut“. Wenn es „Gut“ ist, können wir den Aufsatz in das Große Heft abschreiben. Um zu entscheiden, ob es „Gut“ oder „Nicht gut“ ist, haben wir eine einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen. Zum Beispiel ist es verboten zu schreiben: „Großmutter sieht wie eine Hexe aus“, aber es ist erlaubt zu schreiben: „Die Leute nennen Großmutter eine Hexe“. […] Auch wenn wir schreiben: „Der Adjutant ist nett“, ist das keine Wahrheit, weil der Adjutant vielleicht zu Gemeinheiten imstande ist, die wir nicht kennen. Wir werden also einfach schreiben: „Der Adjutant gibt uns Decken.“ Wir werden schreiben: „Wir essen viele Nüsse“, und nicht: „Wir lieben Nüsse“, denn das Wort „lieben“ ist kein sicheres Wort, es fehlt ihm an Genauigkeit und Sachlichkeit.

Ihre Sammlung von Aufsätzen beginnt mit der Schilderung ihrer Ankunft bei der Großmutter: Die Mutter bringt die Zwillinge hinaus aus der Großen Stadt, die bombardiert wird und wo Hunger und Tod Einzug halten, weg, aufs Land, zur Hexe.

Großmutters Haus ist fünf Minuten Fußmarsch von den letzten Häusern der Kleinen Stadt entfernt. Danach kommt nur noch die staubige Straße, bald von einer Barriere durchschnitten. Es ist verboten, weiter zu gehen, ein Soldat hält dort Wache. […] Wir wissen, daß es hinter der Barriere, durch Bäume verborgen, einen geheimen Militärstützpunkt gibt und, hinter dem Stützpunkt, die Grenze und ein anderes Land.

Für die Mutter ist dies ein scheußliches Wiedersehen, für die Jungen eine befremdende erste Begegnung mit jener Großmutter mütterlicherseits.

Unsere Mutter sagt: – Es sind ihre Enkel. – Meine Enkel? Ich kenne sie nicht mal. Wieviel sind es? – Zwei. Zwei Jungen. Zwillinge. […] – Was hast du mit den andern gemacht? […] – Welchen andern? – Hündinnen werfen viele Junge auf einmal. Man behält zwei, die andern ersäuft man.

Mit der Mutter, die sich nach der Abgabe der Kinder weinend in die Große Stadt zurück quält, verabschieden die Brüder auch jegliche Behutsamkeit und Zärtlichkeit aus ihrem Leben. Das Reich der Großmutter, in dem sie fortan leben, ist ein archaisches. Nicht nur das Tragen von ordentlicher Kleidung und das Schlafen in sauberen Decken und Laken sind Angewohnheiten, die nicht hierher gehören. Zu spielen ist plötzlich nur noch eine alte, vergessene Idee, auf die die Jungen hier nicht kommen – es gibt die Arbeit, die sie zur Selbstversorgung zu erledigen haben, und es gibt die Übungen, die sie absolvieren.

Verschiedene Übungen werden in einer Reihe von Kapitelüberschriften benannt: Übung zur Abhärtung des Geistes, Übung in Fasten, Übung in Blindheit und Taubheit, Übung zur Abhärtung des Körpers, Übung im Betteln, Übung in Grausamkeit. Andere Kapitel heißen Der Schmutz, Der Adjutant, Der Deserteuer, Die Magd des Pfarrers oder Die Menschenherde, Der Leichenacker. In sachlich-trockenem Ton beschreiben die Jungen ihr Umfeld und alltägliche oder ungewöhnliche Begebenheiten. Die Großmutter zeigen sie als körperlich verwahrlostes, jedoch geistig hellwaches Relikt einer primitiv anmutenden Vergangenheit. Die Leute erzählen, die Hexe habe einst ihren Ehemann vergiftet – daran zweifeln die Jungen nicht. In einem Zimmer in Großmutters Haus haben sich ein Offizier und sein Adjutant einquartiert, zu denen die Zwillinge im Lauf der Zeit ein spezielles Verhältnis entwickeln. In der Kleinen Stadt sind die Zwillinge als Neulinge, zumal als Enkel der Hexe, schnell überall bekannt – und gefürchtet. Wegen ihrer stoischen Art, die als unnatürlich und kaltblütig empfunden wird, wegen ihres zunehmend verwahrlosten Äußeren, und weil sie nichts fürchten und niemandem gehorchen, gelten sie als unheimliche Teufel. Dass da der Pfarrer wenigstens eine Nebenrolle im Buch einnehmen muss, ergibt sich zwangsläufig – es überrascht ebenfalls nicht, dass die Rolle des Pfarrers die eines verdorbenen Feiglings ist. Der Buchhändler ist unfreundlich zu den Brüdern, der Briefträger beschimpft sie als Mörderbrut. Mit den Ausgestoßenen allerdings vertragen sich die Zwillinge. Mit Hasenscharte etwa, der Nachbarstochter, die eine erbärmliche Gestalt ist: unschön pubertär und verzweifelt süchtig nach Zuneigung, die sie in jeder – auch schmerzhafter – körperlichen Form einfordert. Oder mit dem Schuster, der ihnen Stiefel gibt ohne Bezahlung dafür zu wollen – er ahnt, dass er ohnehin bald deportiert werden wird. Bombardierungen treten immer häufiger in der Nachbarschaft der Zwillinge auf, und während Zivilisten wegsterben, vermehrt sich die Soldatenzahl am Ort. Man beobachtet, wie der Große Krieg sich die Kleine Stadt einverleibt. Um sich in diesem Umfeld behaupten zu können, exerzieren die Brüder ihren selbst aufgestellten Lehrplan durch.

Wenn es was zu töten gibt, müssen Sie uns rufen. Wir werden es tun. Sie sagt: – Ihr mögt das, was?Nein, Großmutter, wir mögen es nicht. Gerade deswegen müssen wir uns daran gewöhnen. Sie sagt: – Ich verstehe. Eine neue Übung. Ihr habt recht. Man muss töten können, wenn es nötig ist. […] Wir gewöhnen uns schnell daran, die Tiere zu töten, die zum Essen bestimmt sind: Hühner, Kaninchen, Enten. Später töten wir Tiere, die zu töten nicht nötig wäre. […] Eines Tages hängen wir unsere Katze an einen Ast, einen roten Kater. […] Er wird von Zuckungen, Krämpfen geschüttelt. Als er sich nicht mehr rührt, hängen wir ihn ab. Er bleibt flach im Gras liegen, reglos, dann springt er plötzlich auf und rennt davon. Seitdem sehen wir in manchmal von weitem, aber er kommt nicht mehr in die Nähe des Hauses. […] Großmutter sagt: – Diese Katze wird immer scheuer. Wir sagen: – Keine Bange, Großmutter, wir kümmern uns um die Mäuse. Wir basteln Fallen, und die Mäuse, die sich fangen lassen, ersäufen wir in kochendem Wasser.

Anstatt des Katers, erfüllen also nun die Zwillinge die Raubtier-Rolle im Haus. Was sie dort, im Kleinen, lernen und üben, wenden sie später in größerem Rahmen an. Nachdem sie damit begonnen haben, über sich selbst und über einander hart zu urteilen, richten sie bald auch über Andere, unterziehen die Menschen in der Kleinen Stadt prüfenden Betrachtungen, fällen Urteile – und vollstrecken sie. Einen im Wald aufgefunden Soldatenleichnam plündern sie aus und verstecken daheim die erbeuteten Waffen für spätere Zwecke. Aus diesem Bestand stammt eine Handgranate, die bald im Pfarrhaus zum Einsatz gebracht werden wird. Nicht gegen den Pfarrer selbst, den die Jungen zu Gute der Versorgung von Hasenscharte erpressen, sondern gegen dessen Magd. Das Todesurteil wird nach einer Beobachtung über sie verhängt, die die Zwillinge während des Tages machen, an dem die Menschenherde durch die Stadt getrieben wird:

Wir sind ins Pfarrhaus gekommen, um unsere saubere Wäsche zu holen. Wir essen mit der Magd Butterbrote in der Küche. Wir hören Schreie auf der Straße. Wir legen unsere Brote hin und gehen hinaus. […] An der Straßenecke erscheint ein Militärjeep mit fremden Offizieren. Der Jeep fährt langsam, gefolgt von Soldaten, die ihr Gewehr quer über der Brust tragen. Hinter ihnen eine Art Menschenherde. Kinder wie wir. Frauen wie unsere Mutter. Alte Männer wie der Schuster. Es sind zweihundert oder dreihundert, die vorwärtsgehen, eskortiert von Soldaten. Einige Frauen tragen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken, auf der Schulter oder an ihre Brust gedrückt. Eine von ihnen fällt hin; Hände ergreifen das Kind und die Mutter; man trägt sie, denn ein Soldat hat schon das Gewehr angelegt. […] Genau vor uns ragt ein magerer Arm aus der Menge, eine schmutzige Hand streckt sich aus, eine Stimme bittet: – Brot. Lächelnd macht die Magd eine Geste, wie um den Rest des Butterbrots herzugeben; sie nährt es der ausgestreckten Hand, dann, laut lachend, zieht sie das Stück Brot zurück, zu ihrem Mund, beißt hinein […]. Ein Soldat, der alles gesehen hat, gibt der Magd einen Klaps auf den Hintern; er zwickt sie in die Backe, und sie winkt ihm mit ihrem Taschentuch nach […]. Wir gehen ins Haus zurück. […] Die Magt sagt: – Eßt eure Brote auf. Wir sagen: – Wir haben keinen Hunger mehr. […] – Ihr seid zu empfindlich. Am besten vergeßt ihr, was ihr gesehen habt. – Wir vergessen nie etwas. Sie schiebt uns zum Ausgang: – Nun beruhigt euch! […] Diese Leute sind nichts weiter als Tiere.

Die Jungen sind und bleiben namenlos. Die Zeit, die sie erleben, der Ort an dem sie wohnen ebenfalls, so auch die Menschen in ihrer Familie und am Ort. Statt Namen gibt es nur Funktionsbezeichnungen und Eigenschaftsbegriffe, die Mutter, die Magd, der Polizist, die Kleine Stadt und so fort. Die Militärs sprechen in fremder Sprache, die nicht näher bestimmt wird, auch die Großmutter spricht gelegentlich in einer fremden, allerdings einer wieder anderen Sprache. Machtbereiche und deren Grenzen lassen sich nicht einordnen. Und so besitzt das Großmutter-Reich eine kriegsspezifische Allgemeingültigkeit. Es spiegelt einerseits verborgene Zustände im Menscheninneren wider, andererseits den Zustand ganzer Gesellschaften während Kriegszeiten: Jegliches Denken schrumpft auf den Überlebensgedanken zusammen, jegliche Empfindsamkeit verstumpft, am Ende füllen wild wuchernde Perversionen die Lücken, die das große Sterben der Gefühle gerissen hat.

Die Fokussierung auf die zivile Kehrseite des Krieges ignoriert konsequent seine politische Dimension und seinen militärischen Verlauf. Welche Ursachen und Ziele der Krieg hatte, spielt keine Rolle, welche Ergebnisse sein Ende bringt, wird nicht in Begrifflichkeiten wie Sieg und Niederlage ausgedrückt. Ein Kriegsroman ohne den Krieg als Hauptdarsteller – worum es geht, sind die Schatten, die er wirft. Zunächst hebelt der Ausnahmezustand Krieg die Ordnung der menschlichen Dinge aus, dann etabliert er seine eigene Ordnung. Die Schulen schließen, die Kinder beginnen damit sich zu gruppieren und nach Opfern zu suchen, die sie dann quälen. Die Versorgungsketten brechen ein, der Mangel an Nahrung und Kleidung wird schmerzlich, lebensgefährlich, oft tödlich, gleichzeitig funktioniert die Logistik der Kriegsindustrie prächtig. Alle Strukturen, von der Familie bis zum Staatswesen, werden radikal umgepflügt, und menschliche Zusammenhänge, Besitzverhältnisse, Gesetzgebungen gelten nichts mehr. Gewalt ersetzt Sprache als Kommunikationsmittel. In der Folge findet ein fester Kanon der Gräuel seine Anwendung: Enteignung, Vertreibung, Deportation, Vernichtung, Folter, Vergewaltigung, Mord, Totschlag. Agota Kristof beschreibt das archetypische Wesen des Krieges, indem sie eine Geschichte über menschliche Verrohung schreibt.

Die Barbarei ist ein grundlegendes, wiederkehrendes Motiv in der Menschheitsgeschichte, und insofern steht der erzählerische Ton, den Agota Kristof anschlägt – die Reduziertheit der Form, die stoische Härte -, nicht von ungefähr dem Ton grundlegender Menschheitserzählungen nahe: den Mythen, Sagen und Urgeschichten – den Volksmärchen etwa, oder den griechischen und römischen Sagen, den alttestamentlichen Geschichten. Angesichts der Anklänge ans Epische fällt besonders ins Auge, dass Agota Kristof ihrer Geschichte jedoch die Helden, die göttliche, rechtsprechende Instanz, sowie die klare Trennung zwischen Gut und Böse verweigert.

Die Brüder selbst stellen nicht etwa Kain und Abel oder Romulus und Remus dar, sie verkörpern keine klaren Konflikte, sondern eine komplizierte Einheit. Am ehesten noch erinnern sie an die Gebrüder Grimm, indem sie sich dem gewissenhaften Niederschreiben von Geschichten verpflichtet haben. All diese Überlegungen zu literarischen oder historischen Parallelfiguren aber führen nirgendwo hin. Die Zwillinge schreiben ihr Epos nirgendwo ab, sie schreiben ihr eigenes.

Zum Schluss kümmern sich die Brüder um die Gebeine ihrer Mutter, und sie nutzen die Gebeine ihres Vaters als Brücke in ihre Zukunft. Die Vergangenheit ist tot, nur die Einheit der Brüder besteht noch. Dass diese Einheit schließlich aufgespalten wird in zwei von einander getrennte Leben in zwei verschiedenen Ländern, darin besteht die wohl nachhaltigste Auswirkung des Krieges auf die Brüder. Um die literarische Funktion der Zwillinge zu klären, lohnt am meisten der Blick auf diese Trennung – und auf die Biografie der Autorin. Vielleicht, denke ich, verkörpern die Zwillingsbrüder eine seelische Einheit, die beim Schritt ins Exil zerreißt: Ein Teil entflieht den Schrecken der Heimat, der andere verbleibt in Verbundenheit zu ihr.

>>Agota Kristof wurde 1935 im ungarischen Csikvánd geboren. Sie wuchs auf in einer Kleinstadt nahe der ungarischen Grenze, Kőszeg, die Agota Kristof als Vorlage für die Schauplätze ihrer Romane nahm. Mit 14 wurde sie ins Internat geschickt. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, der – man möchte fast sagen: bezeichnenderweise – ihr Geschichtslehrer war. Als der Ungarische Volksaufstand 1956 das Land erschütterte, flohen über 200 000 Ungarn aus ihrer Heimat. Agota Kristof, gerade Mutter geworden, ging mit Mann und Kind ins schweizer Exil. Dort haderte sie mit der Sprache, litt an der Sehnsucht nach der Heimat, verzweifelte schließlich an der Ehe und behielt Jahrzehntelang ihr Unglück am Exil bei – trotz ihrer perfekten Aneignung des Französischen, das zur Sprache wurde, in der sie ihre Romane verfasste. 2011 starb Agota Kristof in Neuenburg in der Schweiz.


>> Agota Kristof, Das große Heft (Piper Verlag), in diversen kartonierten Ausgaben ab €8,99

ARES WAR HIER // Nachmittag am Badesee

Während des Zweiten Weltkrieges ging ein Gespenst um, das seine Signatur allenorts hinterließ, wo amerikanische und britische Truppen auf dem Vormarsch waren: Ein comichaftes Gesichtchen, unterschrieben mit dem Tag Kilroy was here, fand sich auf unzähligen Hauswänden, LKW-Planen, Schiffsrumpfen, Flugzeugverkleidungen, in europäischen Kleinstädten, im Norden Afrikas, auf pazifischen Inseln und, einer hübschen Anekdote zufolge, sogar während der Jalta-Konferenz in den Toilettenräumen eines gesicherten Gebäudes, was Stalin zu einem irritierten Kommentar bewegt haben soll. Die Magie Kilroys bestand darin, der eigentlichen Truppenbewegung immer bereits einen halben Schritt voraus zu sein (dahinter steckte ein halsbrecherischer, sportlicher Wettbewerb der Soldaten, was der Magie indes keinen Abbruch tat). Vom dahingeblödelten truppeninternen Running Gag wurde Kilroy zur Identifikationsfigur für, zunächst, die US-Streitkräfte, nach und nach dann für die Gesamtheit der westlichen Alliierten; die Territorialmarkierung per Kritzelei bildete ein geradezu kindliches Pendant zu den Raumeroberungen, die, jenseits aller kindlichen Verspieltheit, mit Waffen und schwerem Gerät gemacht wurden. Kilroy, diese Strichmännchen-Version des Boy Next Door, war mehr als nur bloßes Maskottchen, nämlich: ein kleiner Gott der Unverwundbarkeit, der sich weit in Feindesland hinaus wagte und sich mit List und Zähigkeit durch Gefechte kämpfte, um schließlich, unberührt geblieben von der Wucht des Grausamen, den geschlagenen Schlachten seinen lakonischen Pennälerspruch als Pointe aufzusetzen – Kilroy was here. Nachdem er seine Blütezeit im Zweiten Weltkrieg und Koreakrieg erlebt hatte, während derer er unbestreitbar weit herumgekommen war in der Welt, fand Kilroy seinen Platz in den Annalen der kollektiven Popkultur.

Im gleichen Verhältnis wie die Popkultur zur griechischen Mythologie stehen die Figur Kilroy und eine andere, eine olympische Figur des Krieges zueinander: Ares ist kein Phänomen einer Zeit, sondern die Allegorie eines zeitlosen Phänomens, er drückt keinen Kollektivgeist aus, sondern stellt eine kollektiv empfundene Absolutheit dar – die des Kriegsschreckens. Während seine Halbschwester Athene für Kampf und Weisheit gleichermaßen steht und ihre schutzgottheitliche Zuständigkeit somit ins Ressort Strategie-Operation-Taktik fällt, ist Ares, ihr (nicht zufällig) männlicher Gegenpart, der Gott des kriegerischen Handwerks, der Schlacht, des Massakers. Wie Kilroy bewegt sich Ares inmitten des Feldgeschehens, doch anstatt darauf bedacht zu sein, irgendwie mit heiler Haut durchzukommen, liebt Ares das Blutbad, schwingt sein Schwert, dass es kracht, und das nicht etwa Kaugummi kauend – er kaut Knochen. Ares verkörpert die viehische Rohheit des Tötens an sich. Ehrbegriffe wie Heldenhaftigkeit oder Ruhm gelten ihm nichts, ebenso wenig die Wissenschaften oder schönen Künste, und seine Verhasstheit unter den Menschen setzt sich unter den Göttern des Olymps fort: Selbst von Zeus wird sein allen geistigen Dingen so abgewandter und den düstersten Vergnügungen zugeneigter Sohn verachtet. Die sinnliche Liebe Aphrodites dagegen zieht er an, sie bleibt ihm in einer notorischen, ehebrecherischen Beziehung dauerhaft verbunden. Und sie ist bei weitem nicht seine einzige Liebhaberin. Mit seiner Entsetzlichkeit einher gehen Ares‘ bestechende Attraktivität und seine archaische Sexualität, wodurch der Krieger zum männlichen Idealbild erhoben wird. Zu den Kindern, die aus seinen verschiedenen Verbindungen hervorgegangen sind, zählen nicht von ungefähr Deimos, der Gott des Grauens, und Phoibos, Gott der Furcht. Als kennzeichnende Attribute werden Ares naheliegenderweise Schwert, Schild und Helm zugewiesen, außerdem die brennende Fackel, der Hund und der Geier, sprich: Er betreibt Brandschatzung, schafft verbrannte Erde, verbrannte Seelen, ist Kommandant der willigen Gehorsamen, voll Geifer, auf Hetz- und Treibjagd, fördert Gezänk und Aasfresserei und gräbt die Knochen aus dem Fleisch hervor.

Ausflug mit meinem Sohn zum Badesee: Alljährlich im Frühjahr wird der Strandabschnitt des chronisch modderigen Binnensees, der unsere Gegend im Sommer zum überlaufenen Naherholungsgebiet für Großstädter macht, mit unverbrauchtem Sand aufgeschüttet. Eine Spezialfirma pumpt einfach sandigen Seeboden an Land, und der frische Aushub bietet reichlich Gelegenheit für Schatzsichtungen, sofern man eben Feuersteinen und Flussmuschelschalen, einst über Bord gegangenen Sonnenbrillen, sandgeschmirgelten Glasscherben oder Möwenknochen etwas abgewinnen kann. Darüber hinaus birgt der See jedoch allerhand Kriegsaltlasten. Ob Bombenschutt hier verklappt worden ist, kann ich nicht sagen, sicher ist aber, dass die hiesige Bevölkerung im Vorfeld der Entnazifizierungsmaßnahmen durch die Westalliierten sich ihrer Hitlerzeit-Restbestände entledigte, indem sie Uniformen und Munition im See versenkte. Mein Sohn quietscht aufgeregt, als er einen messing- und rostfarbenen Klumpen entdeckt, den ich ihm jedoch augenblicklich aus der Hand reiße. Hey! trötet er los, dann Was ist das?, und da tue ich etwas, das sonst nicht so meine Art ist, ich drücke mich um die Antwort: Äh, ich pack das mal weg, okay? Aber zum Glück ist der gerade noch brandheiße Kaffee jetzt schon ein kalter, jetzt nämlich hat mein Sohn die nächste Sensation entdeckt, ein rätselhaftes Plastikteil, und während ihn dieses schwer beschäftigt, schaue ich mir den korrodierten Patronen-Batzen in meiner Hand etwas genauer an. Kilroy war hier, denke ich, und Ares auch.

Ging mein Vater als Junge mit seinen Freunden auf Schatzjagd, im Sandsteinbruch und dem umliegenden Waldgebiet, nicht allzu weit von hier gelegen, trugen die Kinder in ihren Taschen danach stolz ihre speziellen Funde nach Haus. Fossilien gab es dort zu entdecken, Ammoniten, mitunter groß wie Suppenteller, versteinerte Muscheln oder zwischen den Schichten des Gesteins gepresste Ur-Blumen. Und Handgranaten. Das Eine wie das Andere waren diese Dinge Zeugen untergegangener Reiche voller Ungetüme, und so trieben sie die Fantasie an, wodurch sich schauderhaft-abenteuerliche Vorstellungen von der Vergangenheit entsponnen. Nach den Steinplatten mit Saurierspuren durfte man den Dorfschullehrer ausgiebig befragen. Fragte man aber nach den Handgranaten, gab es keine Antworten, nicht vom Lehrer, und von den Eltern oder Großeltern schon gar nicht.

Ob nun Patronenklump aus dem See oder Handgranate aus dem Steinbruch – so ein Stück Kriegsmetall in Händen zu halten, erklärt einem ein ganzes Generationendrama in nur einem Satz: Es gibt die, die den Krieg erlebt haben, und es gibt die, die ihn nicht erlebt haben.

Stirbt hierzulande heute ein Kind, versteht man das als unvorstellbare Tragödie. Erhält man Nachricht von der unheilbaren Krankheit eines nahen Angehörigen, ist die Wirkung dieses Schlags unerträglich mächtig. Szenarien wie Vergewaltigung oder systematische, sadistische Quälerei lassen uns deren Opfern ein erschüttertes Mitleid entgegenbringen. Verliert man Freunde durch einen Unfall, begleitet einen für längere Zeit ein unwirklich anmutender Schrecken. Brutaler Mord sticht als für die Angehörigen unverwindbarer Sonderfall aus der heutigen Lebensnormalität heraus. Der Katalog der möglichen traumatischen Lebenserfahrungen ist lang, und für uns selbst und die von uns Geliebten fürchten wir nichts so sehr wie eine persönliche Begegnung mit ihm. Erlebt man heute Versehrungen oder Verluste, fordert man mit selbstverständlichem Anspruch sein Recht auf Untersuchung, Aufklärung und Rechtsprechung in jener Angelegenheit ein.
Wir bewerten Leid als eine Besonderheit, und wir betrachten es immer als singuläres Leid. Leid und Unrecht im Krieg betrachten wir dagegen gängigerweise, vielleicht aus Einfachheitsliebe, als Kollektiverfahrung. Doch Qualen bemessen sich nicht an ihrem Umfeld, ihren Umständen, ihren äußerlichen Zusammenhängen, sondern sie sind und bleiben ein individuelles Erfahren, und so muss jedem Leid im Einzelnen begegnet werden, auch wenn es sich vieltausendfach ereignet hat.

Ein Krieg ist mehr als die Summe seiner Toten. Vielleicht ist jeder Krieg ein irdisches Schwarzes Loch. Vielleicht ist er auch tatsächlich ein Spielplatz von Gott und Teufel – aber was glaube, was weiß ich denn schon? Die Wirkung eines Krieges jedenfalls geht weit hinaus über den Zeitraum, in dem er währte, und über die Verluste, die man haargenau zu berechnen vermag oder auch nicht. Jedem Leid wohnt eine Expansionsenergie inne, ein Einfluss, der das Folgegeschehen maßgeblich mitbestimmt, auch über Generationengrenzen hinweg. Das wird besonders dort greifbar, wo eine ganze Gesellschaft geprägt wird von verschleppten Traumata oder verschwiegener Schuld, von Unverwundenem oder Ungebeichtetem. Der Dauerdruck, den das Kontrollieren einer solchen psychologischen Gemengelage schafft, explodiert mitunter eine Generation später, wenn der Nachwuchs beginnt über die Eltern zu richten.

Die gute alte Zeit: Eingedenk der vielsagenden, innerhalb meiner Familie erzählten Episoden aus dem Damals, die ja bloß einen Bruchteil dieses Damals abbilden, frage ich mich immer wieder, wie groß das tatsächliche Ausmaß des Wahnsinns hinter den Fassaden zu jener Zeit gewesen sein muss. Ich denke da nicht nur hinter die Spitzengardinen des Nachkriegsreihenhäuschens irgendwo im ländlichen Niedersachsen, sondern an den Alltag überall dort, also weltweit verstreut, wo das aus Panik, Hunger, Tod und Gewalt gemachte Gestern das Heute fest in seinem Griff hielt.
Man kommt aber an diesen Wahnsinn nicht heran, sofern man ihm nicht selbst unterliegt. Man macht gleich zum Einstieg den Fehler in den falschen Dimensionen zu denken. Man denkt sich – man kann eben nicht anders – von außen heran, geht von Zahlen aus, anstatt sich Gerüche und Geräuschkulissen auszumalen, man hört sich an, was Menschen erzählen, versäumt dabei aber, das darin Verschwiegene gefühlsdetektivisch zu rekonstruieren. Man vergisst den Faktor der Kriegsdauer und dessen zermürbende, zersetzende Wirkung: Versucht man, sich selbst in eine solche Situation zu versetzen, stellt man sich meist eine falsche Version von sich selbst, nämlich sich selbst in seiner aktuellen Verfassung, in jener Situation vor, man bedenkt oft nicht, welche Auswirkungen auf Umwelt und Mensch die vorangegangenen Monate oder Jahre bereits gezeitigt hatten. Die eigenen Erfahrungen taugen nicht als Besteck, um die Erfahrungen der Anderen zu sezieren, sofern dazwischen keine Deckungsgleichheiten bestehen: Körperlicher Schmerz, Hunger, Todesangst – solcherlei Dinge lassen sich durch Nachdenken nicht nachfühlen.
Man kann problemlos wissen, was Zwangsarbeit ist, ohne den leisesten Schimmer davon zu haben, wie Zwangsarbeit ist. Man begreift ein KZ nicht, indem man es besucht. Man versteht eine Atombombe nicht, indem man sich in Physik weiterbildet. Man fragt sich, wie viele Steine durch Trümmerfrauen-Hände gegangen sind, aber man fragt nicht auch automatisch, wie viele Leichenteile. Man fragt sich, wie Zivilisten in Stalingrad überleben konnten, aber man scheut davor zurück, sich bis ins Detail vorzustellen, wie ein halbverwester Pferdekadaver schmeckt.
Blickt man auf die Folgejahre, auf Rock´n Roll und 68er, erfasst man zwar die Motive einer Generation, die ausbrechen wollte aus einem beklemmenden, vergifteten Heimat-Mief, doch man schaut mit heutigen Augen darauf und besitzt nicht den umfassenden Blick für die Bedingungen, die die Zeit stellte: Man erkennt nicht mehr, wie minenverseucht, hysterisch, oft sprachlos solche Auseinandersetzungen tatsächlich verlaufen sein müssen, wie beispielsweise die zwischen einer Mütterschicht, die von existenziellen Versorgungsängsten geprägt worden war, deren eheliches Leben mit kriegsheimgekehrten Männern oft alptraumhafte Züge angenommen hatte, die mitunter mit kriegszeitlichen Vergewaltigungserfahrungen vollkommen allein gelassen worden waren, die sich nie mitteilen konnten und durften, und einer Töchterschicht, die sich nicht mehr fremdbestimmen lassen, die sich sexuell nicht mehr verstecken wollte.

Dass man den Krieg nie begriffen bekommt, bevor man nicht selbst bis über beide Ohren drinsteckt – vielleicht hat Ares selbst das so eingerichtet. Dass sich aus der brodelnden Traumasuppe vorangegangener Kriege oft der Beginn des nächsten herausbildet, könnte auch eine seiner Ideen gewesen sein. Falls er da wirklich seine Finger im Spiel hatte, waren das clevere Weichenstellungen, die Ares eine rosige Gegenwart und Zukunft sichern.

OSTWÄRTS // Radnótis Schritte

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Seine ersten Gedichte veröffentlichte Miklós Radnóti (geb.1909 in Budapest, gest.1944 bei Abda) Ende der 1920er Jahre. In den anschließenden Jahren erschien seine vom Expressionismus beeinflusste, mitunter wegen Obszönität verbotene Lyrik in hoher Schlagzahl. Junger Dichter, wildes Schreiben.

Im Gedicht Nicht einmal der Wind bläßt hier wird, erinnernd an Alfred Lichtensteins Sommerfrische (wo es heißt: Wär doch ein Sturm…), ebenso nach Aufruhr verlangt, hier jedoch möchte das Ich selbst die aufrührende Kraft sein: bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien als Sonne scheinen. Ostwärts gehen, sonnenaufgangwärts sehen.


Nicht einmal Wind bläßt hier  (1931)

Alles schläft hier, auch zwei Blumen, schnaufend, lehnen sich aneinander, träumen von Regen, erschauern und dehnen sich; bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien als Sonne scheinen, wo auf weißen Straßen morgens der Aufruhr umläuft mit den jungen Massen in seinem schönen Rothaar! oder ich glänze als Schnee auf Siebenbürgens Firsten, wo in die bestickten Röcke der Balladen schwarz der Nachtwind bläst, denn nicht einmal mehr Wind bläst hier! bäuchlings liegt hier der Sonnenschein auf den Straßen und kratzt sich, von großen Dingen träumend, am Hintern.


Der große Aufruhr wird kommen und ins Entsetzliche umschlagen, er wird Radnóti wegen dessen jüdischer Abstammung verfolgen, ihn zum Zwangsarbeiter in serbischen Kupferminen machen und ihn schließlich westwärts, untergangwärts auf einen allesfressenden Gewaltmarsch schicken, den zum Schluss die Erschießungskommandos in Massengräber umleiten werden. In einem solchen wird man 1946 bei Exhumierungsarbeiten in Westungarn Radnótis letzte Gedichte auffinden. Untergegangenes, Wiederaufgegangenes.


Gewaltmarsch (1944)

Verrückt ist, wer, gestürzt, sich erhebt und weiterschreitet, Knöchel und Knie knickt, trotzend dem Schmerz, der ihn durchschneidet, und weiterschreitet, so als würden ihn Flügel heben, umsonst ruft ihn der Graben, er wagt nicht, nicht zu leben. Vielleicht sagt er dir, was ihm solch Weitermühn gebot: die Frau, die auf ihn wartet und einst ein weisrer Tod. Dabei ist er verrückt, der Gute: in seinem Heim gehn Brandwind, Staub und Asche sonst niemand aus und ein. Die Rückwand fiel zerstückelt, geknickt der Pflaumenbaum, voll Angst die stillen Nächte verloren ihren Flaum. Könnt ich doch glauben: Nicht nur im Herz blieb unversehrt das Heim, die Heimat, alles was uns im Leben wert, und man zurückkehrn könnte und sitzen hinterm Haus; friedlich die Bienen summen das Pflaumenmus kühlt aus, Altweibersommer sonnt sich, ein Ast im Garten knackt, in den Laubkronen wiegen sich Früchte prall und nackt und Fanni steht und wartet blond vorm Rotdornenhag, und langsam Schatten schreibt der langsame Vormittag. – Vielleicht kann’s doch so werden der Mond strahlt brüderlich. Freund, bleib doch stehen, ruf mich an: ich erhebe mich!


KULTURSPRÜNGE // Dinaw Mengestu, Unsere Namen

Afrikanisches Flüchtlingsdrama trifft auf amerikanischen Provinzalltag: Jeder für sich und aus seiner Sicht, erzählen der Afrikaner Isaac und die Amerikanerin Helen diesen Roman über eine Welt, in der alles beschädigt und vermint scheint – und über eine Liebe, der es schwer fällt kulturelle und persönliche Trennlinien zu überwinden.

Wer vielleicht – wie ich – den Kurzbeschreibungen nach erwartet hätte, in Unsere Namen einen Roman mit zeitaktuellem Hintergrund zu finden, ist zunächst davon überrascht, in dem aktuellen Buch des äthiopisch-amerikanischen Autors Dinaw Mengestu eine Geschichte aus den 1970er Jahren zu lesen: Was da in perspektivischem Wechsel aufeinanderprallt, sind zum Einen die Bugwellen imperialen Wohlstands, die afrikanischen Bürgerkriege nämlich, die im Zuge der Dekolonialisierung sich anbahnten und ausbrachen, zum Anderen die Kehrseiten der Goldenen Siebziger, jener Hochphase des amerikanischen Wohlstands, die in Schilderungen des hochaggressiven Kleinbürgertums und von Sozialverlierer-Schicksalen sichtbar werden, wodurch das gesellschaftliche Erfolgsmodell USA hier seinen Glanz verliert.

Dass Mengestu jenes zeitliche Setting der Gegenwart vorgezogen hat, obwohl doch das gegenwärtige Zeitgeschehen auf amerikanischem und afrikanischen Gebiet Potential für literarische Bearbeitungen im Überfluss enthielte, geht wohl auf diese besondere Plakativität beider Gesellschaften zu jener Zeit zurück. Darüber hinaus wirkte sich jenes Jahrzehnt auf Mengestus eigene Familiengeschichte prägend aus: Er wurde in Addis Abeba geboren, die Familie verließ Äthopien während des Bürgerkriegs, der 1974 ausgebrochen war, und emigrierte in die USA, wo Mengestu bis heute, inzwischen als erfolgreicher Autor und Journalist, lebt.


Auch Unsere Namen beginnt mit einem jungen Mann, der aus Äthiopien stammt.

Auf der Busfahrt in die Hauptstadt legte ich alle Namen ab, die meine Eltern mir gegeben hatten.

Die gemeinte Hauptstadt ist jedoch nicht etwa das äthiopische Addis Abeba, sondern die – aus Sicht des Namenlosen – Hauptstadt aller Hauptstädte, die Haupt-Stätte nämlich eines jungen, ambitionierten Afrika: Kampala, Regierungssitz Ugandas. Hier bildet Afrika seine eigenen Eliten, hier entwickelt es eine neue, eine selbst geschaffene Identität. Ab den 1950er Jahren steht Afrika unter dem Eindruck nationaler Unabhängigkeitsentwicklungen, 1962 wurde Uganda unabhängig vom britischen Protektorat. In jenen Zeiten greift der Geist von Selbstbestimmung und Identitätsfindung einend über die Landesgrenzen hinaus. So wird Kampala, die Millionenmetropole und moderne Universitätsstadt, zum Konzentrationspunkt einer idealistischen Generation junger Afrikaner. Mit seinem Bildungsschwerpunkt etabliert sich Kampala innerhalb Ostafrikas als Gegengewicht zum ebenso einflussreichen Nairobi (Hauptstadt des Nachbarlandes Kenia), welches mit dem Negativ-Image eines Vergnügungsmolochs belegt ist. Doch der Umbruch der Machtgefüge in Afrika durch das Aufweichen und den Rückzug kolonialer Gewaltstrukturen zieht Flächenbrände nach sich. Länder, die keinerlei Eigeninteressen hatten verfolgen dürfen – selbst die Landesgrenzen sind koloniales Erbe -, müssen nun ein vernichtetes Eigenwesen in Stand setzen. Dabei werden sie konfrontiert mit einem Vakuuum, das mit einheimischen Möglichkeiten nicht aufzufüllen ist: Es zeigt sich in politischer Erfahrungslosigkeit, wirtschaftlicher Verwaisung, infrastruktureller Verwahrlosung, krimineller Verwilderung. Ordnung schaffende Zentralorgane funktionieren nicht, Zersplitterung der Gewalten ist die Folge: Es gibt keine einfachen Machtübergänge, sondern es beginnt eine Epoche der Verteilungskämpfe.

Unser junger Äthiopier, den es nach Kampala gezogen hat, verkörpert jene Umbrüche und die damit verbundenen Hoffnungen und Konflikte in sich: Seine Namen, die für seine bäuerlich-unmündige Herkunft stehen, streift er auf dem Weg nach Kampala ab – angekommen in der städtisch geprägten und geistig erwachten Moderne findet er jedoch nicht zu seiner neuen Identität, wie er es sich vorgestellt hätte, und bleibt der Namenlose. Auch heimatlos bleibt er. Seine Schlafstätten, die er teilen muss, sind ihm ein armseliges Obdach, kein Zuhause. Geld ist schwer zu verdienen, und klare Perspektiven eröffnen sich ihm nicht. Sein Ziel war es seit jeher gewesen, Schriftsteller zu werden, aber an der Universität, auf deren Campus er nun herumstreunt, als gehöre er dazu, findet er keine Aufnahme. Ein Phantom-Leben – und die Stadt ist übervoll von geisterhaft lebenden Menschen: Als seinesgleichen erkennt der Namenlose einen Einheimischen, der wie er den studentischen Cliquen auf dem Campus nachschleicht und dessen tägliche Versorgungswege sich mit den seinen überschneiden. So wie er, stammt auch dieser junge Mann aus kargen dörflichen Verhältnissen, ist allerdings aus klareren Motiven in die Hauptstadt gegangen und trägt einen Namen, mit dem er für seine Sache einsteht: Isaac. Es ist Isaacs starke Politisierung, die den Unterschied zum Namenlosen ausmacht.

Wir sind hier in Afrika. Es gibt also nur ein Studienfach, das infrage kommt, erklärte er. (…) Politik. Etwas anderes haben wir hier nicht.

Isaac wird zum ersten echten Bezugspunkt für den Namenlosen in diesem neuen Leben. Aus der Interessengemeinschaft der beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die jedoch stets auf der Schneide ihres gefährlichen Lebensumfeldes steht: Isaac findet Eingang in machtpolitisch orientierte radikale Kreise und kann sich durch seine neuen Verbindungen eine etwas stabilere Versorgung sichern. Dabei zieht er den Namenlosen jedoch mit hinein in ein Verpflichtungsgeflecht, das einen blutigen Weg für beide vorzeichnet.

Das unabhängige Uganda erlebte viele unterschiedliche Regierungsformen – und viel Leid: Angefangen mit einer Republik unter König Mutesa II. als Präsident und Premierminister Obote (1962), wurde von Obote nach kurzer Zeit unter Einsatz brutaler Methoden ein Einparteiensystem errichtet – ein Versuch in Afrikanischem Sozialismus – (1966), welches wiederum nach dem Militärputsch Idi Amins in eine Diktatur umgewandelt wurde (1971). Unter Idi Amins Gewaltherrschaft ereigneten sich Massenmorde an Oppositionellen und Minderheiten, Ugandas Überfall auf Tansania war der Beginn eines bald unkontrollierbaren Bürgerkrieges (1978). In den Folgejahren wurde die Diktatur wieder abgelöst, erneut durch Obote, der jedoch seinerseits seinen brutalen Politikstil weiterführte, und der ungelöste Konflikt mit Tansania äußerte sich in dauerhaften Guerilla-Gefechten. Nach kriegerischer Übernahme verlor Obote seine Macht an den bis heute als Staatschef aktiven Museveni, dessen Herrschaftsstil dem Obotes ähnelt. Erst 2008 gab es einen ersten Waffenstillstand, seit 2011 jedoch schwelen erneut starke Unruhen im Land.

Die Lebenswege des Namenlosen und Isaacs führen, ebenso direkt wie Ugandas unabhängiger Weg, nach dem Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben in die Mühlen militärisch ausgetragener Machtkämpfe. Und so wie das Land, werden auch die Freunde durch die eskalierenden Verhältnisse in zwei Lager gerissen: Die Einen bleiben und gehen ins Elend, die Andern gehen elend in die Diaspora. Das Wertvollste, was der namenlose Äthiopier schließlich auf seiner Flucht aus Uganda mitnimmt, ist ein Pass mit einem Namen: Isaac.


Helens Geschichte bedarf keiner ähnlich ausführlichen Einleitung: Aufgewachsen in kleinstädtischem US-amerikanischen Umfeld, die elterliche Ehe war ein liebloses Zweckbündis, vom Vater des Ansehens wegen, von der Mutter aus Versorgungsängsten aufrecht erhalten. Angesiedelt im Zentrum des provinziellen Amerika, in einer Provinzstadt in Maryland, sind die Lebensumstände Helens den unseren vergleichbarer als die Isaacs. Trotz ihrer Herkunft aus getrennten Welten ist ihr jeweiliger Wunsch nach Identitätsfindung ein Motiv, das beide Charaktere eint. Helen ist um die dreißig und alleinstehend, und sie arbeitet für einen Sozialdienst, kümmert sich um Veteranen, begleitet unheilbar Kranke, leistet Familienberatung und dergleichen. Dass ihre Motive für diese Berufswahl durch ihre Familiengeschichte beeinflusst sein könnten, denkt man früh: Ihr Elternhaus ist einer der ersten Maßstäbe, den Helen im Roman anlegt um sich selbst zu beschreiben.

Meine Mutter war eine Flüsternde. Sie sprach grundsätzlich leise, damit mein Vater sich nicht aufregte oder in eine seiner düsteren Stimmungen verfiel. Das behielt sie auch dann noch bei, als er sie längst verlassen hatte.

Im Anschluss daran sagt Helen über sich selbst, nicht zur Flüsternden zu taugen. Ihre berufliche Zuwendung zu Not und Leid scheint einen Versuch auszudrücken, das kleinbürgerliche Idyll, in dessen Eingeweiden häusliche Gewalt und finanzielle Not versteckt wüten, von innen nach außen zu kehren – das Elend rückwirkend von der Fassade zu befreien, um ihm heilend begegnen zu dürfen. Jedoch reibt diese Arbeit sie auf. Es gibt viel Du in Helens Leben, vielleicht zu viel – zum Ich hat sie nie so recht gefunden. Beruflich wie privat ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie glaubt kaum noch emotionale Kräfte investieren zu können, als ihr die Aufgabe zugewiesen wird, einen Schwarzafrikaner namens Isaac während seiner Eingliederung ins amerikanische Alltagsleben zu betreuen.


Isaac und Helen verbindet sofort eine Sympathie miteinander, die sich bald zu einer Liebesgeschichte entwickelt. Doch gibt es keine öffentliche Version dieser Liebesgeschichte, alles spielt sich in geschlossenen Räumen ab. Die gesetzliche Rassentrennung mag abgeschafft sein, das gesellschaftliche Klima jedoch, zumal abseits der Großstädte, trennt noch immer nach Hautfarbe. Der vielleicht amerikanischste geschlossene Raum ist das Auto: Während gemeinsamer Autofahrten können Helen und Isaac ungestört und unbelauscht miteinander reden, während gleichzeitig das amerikanische Panorama durch ihr Sichtfeld zieht. Das Auto, Sinnbild für Mobilität, wird zum Sinnbild für das Weglaufen, die Auto-Nation zur Nation von Davonläufern, sei es vor privaten oder gesellschaftlichen Geißeln. Dass gerade Isaac, der Flüchtling, nie gelernt habe Auto zu fahren, erscheint vor diesem Hintergrund unstimmig – es erweist sich als eine Lüge Isaacs: Helen beobachtet ihn eines Tages zufällig, während er in ein Auto steigt und davonfährt, und stellt sich die Frage, was sie wirklich über Isaac wissen kann, wenn nicht nur zum Schutz nach außen hin, sondern auch zwischen ihnen Lügen stehen. Vom Autositz aus spioniert Helen ihm fortan nach, und entdeckt weitere Rätsel. Die Vergangenheit Isaacs als Aufständischer gegen Idi Amins Gewaltherrschaft ist für Helen eine weitestgehend unbekannte Größe: War seine Rolle im Kriegsgefüge eine heldenhafte? Oder beging auch er Kriegsverbrechen? Und in welcher Funktion ist Isaac wirklich hier, in den USA? Warum wird der einfache Flüchtling von Kontaktpersonen besucht, von denen Helen nichts wissen soll? Das mag sich nach einer Liebesgeschichte mit politischer Aufpeppung anhören. Mengestu erzählt jedoch etwas Tiefergehendes: Es geht um gegenseitiges Erkennen – und darum, welche Faktoren den Blick auf einander irritieren.


Dinaw Mengestu sah sich bezüglich seiner Vorgängerromane oft der Kritik ausgesetzt zu perfekt zu schreiben. Unsere Namen bestätigt das. Es fehlt dem Schreibstil keineswegs an technischer Qualität, doch etwas fehlt trotzdem. Vieles, was sich erst im Kopf des Lesers zu einem atmosphärischen Bild der Schauplätze und Handlungen zusammensetzen sollte, wird in einem Halbsatz Mengestus vorweggenommen. In der guten Absicht seine Geschichte bis ins Letzte zu kontrollieren, nimmt er also die Imagination des Leser gleich mit an die kurze Leine. Was sich aber als bemerkenswert erweist, ist Mengestus Fähigkeit, große Zusammenhänge einzig durch die Eigenschaften und Konstellationen seiner Figuren auszudrücken – Kontraste aufzubauen, die eine gegenseitige Beleuchtung bewirken.


>> Dinaw Mengestu, Unsere Namen (Kein & Aber) gebunden €22,90

DAS LEBEN VON GESTERN // Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt

 

Gestern ist mehr als nur ein Zeitbegriff, es beschreibt auch einen Zustand: Vergangensein. Dass aber das Vergangene uns im Jetzt fest umschließt und uns bestimmt, während wir es nicht mehr bestimmen können, macht diesen Zustand allzu oft schwer erträglich. Zumal die Gestern-Kraft, wie in Ulrike Draesners aktuellem Roman wuchtig zum Ausdruck kommt, über unser eigenes Leben hinaus auch in jene hineingreift, die mit diesem verbunden sind.

In Sieben Sprünge vom Rand der Welt besteht das Gestern, dessen Bannkraft vier Generationen einer Familie entscheidend in deren Lebensgängen beeinflusst, aus dem alten Weltkriegs-Dreiklang Verlust, Tod, Trauma. Beginnend mit schlesischen Kindheitserinnerungen des Verhaltensforschers Eustachius Grolmann, verwebt die Autorin, deren eigene Familie teils schlesische Wurzeln und Fluchterfahrungen besitzt, Erzählstränge aus sieben unterschiedlichen Perspektiven ineinander – von der in der vorkriegszeitlichen Welt verhafteten Generation der Urgroßeltern bis zur zukunftsgerichteten Urenkelin.

Wer die 555 Seiten starke Lektüre beginnt, gerät weniger in den klassischen Lesesog als eher in einen Recherche-Modus: Man folgt Hinweisen, sucht nach Erklärungen, versucht hinter dem Erzählten zu lesen. So entwickelt man eine Lese-Haltung, die durch Wachsamkeit und Suchbereitschaft gekennzeichnet ist und dadurch das Verständnis für die Charaktere unterstützt, die ihrerseits in ihrer Familiengeschichte, in ihrer eigenen Psyche auf Verstehensgrenzen stoßen. Wie zum Beispiel der zunächst skurril wirkende Kontrast zwischen Fluchtschilderungen und Szenen aus dem Alltag einer Affenforscherfamilie den Leser vor die Frage nach den inneren Zusammenhängen dieser Geschichte stellt, stehen auch die Figuren Draesners vor der Frage nach den tieferen Beweggründen ihrer jeweiligen Entwicklungen.

Damit sind auch schon die zwei Hauptlinien beschrieben, die sich im Verlauf des Buches aus den vermischten Erzählabschnitten herausarbeiten: Die Geschichte von Vertreibung und Flucht auf der Vergangenheitsebene, auf der Gegenwartsebene ein schräger Familienroman im Forschermilieu. Im Zentrum all dessen steht mit Eustachius Grolmann eine Figur, die ihrer romantragenden Rolle gewachsen ist. Der große Grolmann, körperlich ein Riese, als Wissenschaftler eine Institution, als Mensch ein Rätsel (ein Charmeur bis ins hohe Alter, und doch ein Kauz – beim Lesen erscheint er einem als Mischgestalt aus Thor Heyerdahl und Karl Valentin vor Augen). Die Gegenwartsebene zeigt ihn als Familienoberhaupt einer mit den üblichen Konflikten geschlagenen Sippe, das aber keine Leitrolle einnimmt, sondern als unberechenbarer und zielverblendeter alter Sturkopf im Zentrum der Sorge seiner Tochter und Enkeltochter steht, die Grolmann in seiner hoffnungslos eigensinnigen Art jedoch ungewürdigt lässt. Enkelin Esther besitzt zwar das Privileg, einen so offenen Umgang mit dem Großvater pflegen zu können wie sonst niemand, was an Grolmanns ehrlicher Vernarrtheit in sie liegt – doch nicht einmal ihr zuliebe richtet Grolmann sein Handeln vorausschauend auf familienverträgliche Wirkung aus. Auf der Vergangenheitsebene erklärt sich anhand Eustachius´ Überlebensgeschichte, wie der Krieg nur demjenigen, der lernt sich nicht zu kümmern, das Weiterkommen gewährt. Immer wieder treten Momente auf, an denen die verschiedenen Ebenen miteinander verklebt zu sein scheinen: So verläuft die Flucht des kleinen Eustachius durch lebensfeindlichen Schnee, und seine Tochter Simone wird, wiederum in der Gegenwart, geplagt von einer ungewöhnlichen Schnee-Phobie. Auch das Rätsel um das Verschwinden seines behinderten Bruders während der Flucht, das Eustachius bis ins Alter nicht loslässt, sorgt für Verbindungsstellen zwischen den Erzählebenen, die den linearen Verlauf der Zeit zumindest empfundenermaßen aufheben.

Dass übrigens manch Rätselhaftes, dessen Klärung der Leser zum Ende des Buches hin nach langer Puzzlearbeit erwartet, nun doch ungelöst im Raum hängen bleibt, ist ein gnadenloser, aber genialer Dreh der Autorin. Sie reicht schlicht die Verwirrungen und Verzweiflungen der Charaktere an den Leser weiter, indem sie das Buch in mancher Hinsicht unbeendet lässt und seinen Fragen somit die Tür vor der Nase zuschlägt.

Mittels ihrer eindrucksvollen Sprachstärke und ihrer perfekten Beherrschung atmosphärischer Mittel gelingt es Susanne Draesner, ein mächtiges Zeitpanorama zu entfalten und den Leser zum Nachfühlen des Ungeheuren zu zwingen. Gebrochen durch Kapitel voll absurden Humors und warmherzigen Erzählens, erhält ihre Vermittlung der Kriegsschrecken eine besonders schmerzliche Wirkung. Und das Gestern und seinen Zugriff auf die Folgegenerationen betrachtet man nach dieser Lektüre plötzlich als einen ganz logisch auf unsere Gegenwart einwirkenden Faktor.

Besonders berührt hat mich dieses Buch, da ich in meiner eigenen Familie den Nachhall des Gestern – des Kriegstraumas, des Vertriebenenschicksals, der Erfahrungen von Verlust, Hunger, Leid – als Kraft kennengelernt habe, die sich über Generationen hinweg prägend auswirkt, und in diesem Buch nun eine besonders ausdrucksstarke Auseinandersetzung mit diesem Thema gefunden habe. Die mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnete Ulrike Draesner hat einen großen Anspruch mit diesem Roman verfolgt, und es ist ein großes Buch daraus geworden.


>> Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand Literaturverlag), Gebunden €21,99