Thema Krawall & Remmidemmi

HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (1)

Ich muss Édouard Louis gar nicht lesen. Wozu? Ich brauche mir nicht von einem Schriftsteller erklären, schildern, begreiflich machen zu lassen, was ich aus eigenem Erleben kenne oder aus engeren Kreise erfahren kann.
Hab ich’s nötig, dass überhaupt irgendwer mir behilflich sein will, etwas zu verstehen, MICH zu verstehen? Hilfe jeglicher Art ist eh bloß Einmischung. Überflüssig. Verdächtig, scheinheilig.
Und sowieso: Was sollen denn immer diese Privatschauen, diese literarische Wühlerei in den eigenen Kinderwindeln – seinen eigenen Quatsch behält man gefälligst für sich!

Dahinter steht, ganz klar, eine dieser Maximen, die schon immer Gültigkeit besaßen für die EINFACHEN LEUTE: dieses ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Wer unter einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Himmel, in einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Haus aufgewachsen ist, entwickelt seltener den Gedanken, wie wichtig für sich selbst – vielleicht sogar übergeordnet wichtig – es sein könnte, von den Dingen zu berichten, mit denen man allein klarzukommen hat. Sie erklären, schildern, begreiflich machen zu wollen.

Natürlich habe ich Édouard Louis rauf und runter gelesen und bin, wenn ich auch nicht immer auf seiner Linie liege, heilfroh, dass es ihn gibt. So geht es mir wirklich – ich sehe einen frisch erschienenen Louis irgendwo ausliegen, nehme ihn mit und denke: Ich bin froh, dass du da bist, Édouard.

Diese Art von Solidarität ist freilich abhängig vom Kontostand. Das nicht einmal 80seitige Wer hat meinen Vater umgebracht gibt es hierzulande gebunden für schlappe 16€; in Frankreich kostet das Original natürlich auch Geld.
Louis schreibt von den EINFACHEN LEUTEN bzw. der UNTERSCHICHT, und er schreibt durchaus für sie, also: in ihrem Sinne. Als Produkt richtet sich das Ganze aber gezielt an Haushalte, wo Stimmen der EINFACHEN LEUTE, der UNTERSCHICHT eher selten und vielleicht auch nur mittels eines teuren, hübschen, viel besprochenen Bändchens Prosa Eingang finden.

Es ist eine Streitschrift über herrschende Ungerechtigkeit innerhalb der französischen Gesellschaft, die, Louis zufolge, lange gewachsen und politisch legitimiert ist. Über die Arroganz der Politik gegenüber der Mittel- und Unterschicht. Über die pauschale Verächtlichmachung bestimmter Milieus durch die Eliten. Und nicht zuletzt über die Menschen jener Milieus, die unter dem Eindruck permanenter Herabwürdigungen vonseiten der Politik, Wirtschaft, Medien ihre Fähigkeit verloren haben, für sich selbst in der ersten Person zu sprechen.

Eigentlich geht es in dieser Schrift über den Vater, den man bereits aus >Das Ende von Eddy kennt, um zutiefst Privates. Wie immer, bei Louis. Aber wie immer, und nicht nur bei Louis, geht es zugleich um die klassische Frage: Wie politisch ist das Private?

Édouard Louis antwortet, indem er die Verzahnung von Politik und Privatem am Beispiel seines Vater schildert, und zwar nachdrücklich: „Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.“ Seit einem Arbeitsunfall lebt Louis‘ Vater im wahrsten Sinne mit gebrochenem Rückgrat. Nun als kraft- und nutzlos dazustehen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR also nicht mehr erfüllen zu können, empfindet er als Schande. Die ohnehin prekäre Lage der Familie rutscht mit dem Unfall ins Elende ab. Gesundheitlich erholt sich der Vater nie, im Gegenteil arbeitet er seinen Körper, um nicht seinen schmalen Unterstützungsanspruch zu verlieren, in immer wechselnden, ungesunden Jobs zugrunde – so verlangen es die Ämter. Und die folgen den Vorgaben der Politik. „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat,“ schreibt sein Sohn über ihn. Gemeint seien die Menschen, die Macron „Faulpelze“ nenne.

(Louis könnte hinzufügen, der Zustand der Vater-Sohn-Beziehung, die er beschreibe, sei eine Anklage des gesellschaftlichen Zustands. Man wird so sehr fremdbestimmt, dass man sich unweigerlich selbst fremd wird – wie soll man da Anderen nahekommen?)

Das alles haben Sie sicher schon zigmal über den neuen Louis gelesen und gehört, so oder so ähnlich.
Im Feuilleton spielen alle wieder mit. Die einen tätscheln ihren Liebling, die anderen freuen sich über neuerliche Gelegenheit, ihn als überschätzt zu deklarieren. Man zeigt sich entweder ergriffen und empfindet den Ton als berührend, als feinfühlig, poetisch. Man ist bewegt. Oder man rümpft die Nase. Man fragt, ob Louis hier nicht etwas zu übermütig den Boden der Literatur verlassen habe, ob er zu nah am Populismus operiere – Iris Radisch druckst wenigstens nicht so herum, sondern betitelt Wer hat meinen Vater umgebracht in ihrer Rezension vom 24.01. (DIE ZEIT 05/2019) direkt als „vulgärsoziologisches Pamphlet“ .

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, Wer hat meinen Vater umgebracht sei keine Literatur mehr. Aber dann hat Louis nie welche geschrieben. Was Louis schreibt, vom Debüt an, sind stets autobiografische Schilderungen des Privaten, das sich zugleich politisch verstanden wissen will. War das je Literatur? Es war immer Politik der ersten Person.

Generell wirken sich politische Entscheidungen auf das gesellschaftliche Klima aus, und dieses Klima bestimmt, was darin gedeiht und was nicht. Für die EINFACHEN LEUTE und insbesondere für die UNTERSCHICHT gilt indessen, so Louis, dass sich politische Entscheidungen viel direkter, konkreter auf das Leben der Einzelnen auswirken.
Louis erzählt von dem Herbst, als der Zuschuss für Schulbedarf der Kinder um hundert Euro erhöht wurde – es wurde gejubelt, man fuhr gemeinsam ans Meer. „Der ganze Tag war das reinste Fest für uns.“ Ein anderer Herbst, 2017: „Emmanuel Macron nimmt den ärmsten Franzosen fünf Euro pro Monat weg […]. Seine Regierung erläutert, fünf Euro seien doch unerheblich. Sie haben keine Ahnung […]. Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“
Ob man Politik so unmittelbar zu spüren bekommt oder nicht, das definiert für Louis den Unterschied zwischen Oben und Unten: „Die Herrschenden mögen sich über eine Linksregierung beklagen, sie mögen sich über eine Rechtsregierung beklagen, aber keine Regierung bereitet ihnen jemals Verdauungsprobleme, keine Regierung ruiniert ihnen jemals den Rücken, keine Regierung treibt sie jemals dazu, ans Meer zu fahren. […] Sie bestimmen die Politik, obgleich die Politik kaum Auswirkungen auf ihr Leben hat.“

„Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können, die zum Stillschweigen verdammt sind“, sagt Louis. Was heißt „zum Stillschweigen verdammt“? Es heißt zum Einen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht überwinden zu können, um wirklich von sich selbst zu sprechen. Es heißt zum Anderen, dass ein Gegenüber fehlt, das sich angesprochen fühlen und zuhören würde.

Und nun? Das Feuilleton liest Louis, ist gerührt, legt ihn wieder weg. Das Feuilleton liest Louis, ist degoutiert, legt ihn wieder weg. In keinem Fall fragt das Feuilleton: Was will Louis – von uns?

Das Feuilleton deutet Louis‘ Schreiben erstaunlich einseitig aus – regelmäßig. Mit seinem Debüt räche er sich an seiner Familie für seine unglückliche Kindheit; in seinem Debüt zeige er seinen Hass auf den Vater und fände nun jedoch, in Wer hat meinen Vater umgebracht, zu einer Versöhnung mit ihm; mit Wer hat meinen Vater umgebracht schlage sich Louis, wohlgemerkt ein Bildungsemporkömmling aus dem Prekariat, medienwirksam (Gelbwestenalarm!) auf die Seite des Pöbels.
Was Louis‘ Prosa für mich ausmacht, ist dagegen gerade die Ambiguität der privaten Betrachtungen. Als Kind liebt UND hasst Louis seinen Vater (innerhalb der Familie beruht das jeweils auf Gegenseitigkeit); er wünscht, er könne mehr Zeit mit seinem Vater verbringen, UND er wünscht, der Alte würde einfach verschwinden; inzwischen, als Erwachsener, kommt er seinem Vater nah UND bleibt ihm dabei doch fremd. Louis schreibt über die Verhältnisse seiner Herkunft, ohne sie zu schonen, aber doch in aller Vielschichtigkeit.
Das Feuilleton sieht diese Vielschichtigkeit nicht oder lässt sie nicht gelten, sondern es setzt einseitige Sichtweisen einfach voraus. Es denkt: Ein unglückliches Leben ist automatisch eines, in dem man nie auch glücklich war. Wer einen Vater hat, der nichts taugt, muss automatisch froh sein, nicht mehr mit ihm reden zu müssen, anstatt traurig, weil er gern mehr mit ihm geredet hätte. Wer den Bildungsaufstieg geschafft hat, ist automatisch erleichtert, nicht mehr zu den Deppen zu gehören, genießt sein neues Leben und schreibt bloß noch aus Rache über früher.
Das Feuilleton denkt hier in Pauschalurteilen.

Von einer Anklage spricht Louis nie im Zusammenhang mit seiner Familie. Die einzigen Anklagen, die Louis wörtlich ausspricht, richten sich konkret an einzelne, namentlich genannte Politiker, und pauschal an die Eliten.

Natürlich darf man Wer hat meinen Vater umgebracht ein Pamphlet nennen, denn es ist ja eins – es formuliert scharf und polemisch. Zwiespalte darzulegen, relative Sichtweisen auszuarbeiten, das sind bloß schöne Hobbys, solange sie nicht bewirken, dass andernorts endlich ein Erkennen, ein Verstehen, eine Reaktion stattfinden. Und es ist genau diese Trägheit andernorts, die Louis diesmal so angriffslustig werden lässt: „Auch das habe ich bereits erzählt – aber ich muss mich doch wiederholen, wenn ich von deinem Leben erzähle, denn von einem solchen Leben will niemand hören! Man muss sich doch wiederholen, bis sie uns zuhören! Um sie zum Zuhören zu zwingen! Wir müssten doch eigentlich schreien!“
Da ist er, der Zorn.

Das Feuilleton fragt nie: Was will Louis von uns? Es fühlt sich selbst – als Organ der Bildungseliten, denen Louis eine vereinfachende und herablassende Sichtweise auf die EINFACHEN LEUTE vorwirft – nicht von Louis angesprochen.
Es fragt sich gar nicht erst, ob es in dessen Wutschrift wohl mitgemeint sein könnte.

Louis stellt dieser Wutschrift eine Art Regieanweisung voran: Wäre dies ein Theaterstück, müsse es mit einer Szene beginnen, die Vater und Sohn nebeneinander aufgestellt zeige, „in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum“ . Der Sohn versuche zu seinem Vater zu sprechen, dieser könne ihn aber nicht hören; der Vater selbst spreche wiederum kein Wort.
In seinem Herkunftsroman Das Ende von Eddy beschreibt Édouard Louis, wie die von Mangel geprägten Familienverhältnisse und der trostlos-ruppige Charakter seiner Heimatgegend alles erdrückten, was nicht selbst betonhart war. Wie er mit seiner eigenen Homosexualität haderte, weil er ihretwegen aus der Norm fiel, die hier für die Leute, für ihn galt. Wie sein Vater ebenso mit ihm haderte – nicht allein deswegen, weil sein Sohn sich als schwul entpuppte, sondern zudem als begabt, interessiert, sportlich schwach, gut in der Schule.
Louis erklärt, dass er ohne sein Schwulsein, das ihn von der Norm entfernte, diese Norm gar nicht erst bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt hätte. Und dass es sein Schwulsein und seine Flucht in die Bildung waren, die ihn von seinen Verwandten, besonders seinem Vater entfernten, da diese stets eins mit der Norm waren: Sie hatten die Norm nie bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt. Aber den Sohn, Bruder, Cousin stellte man in Frage – und fühlte sich zugleich durch ihn arrogant in Frage gestellt.

Vom Prekariat in die Bildungsschicht aufgestiegen, behält Louis seinen Fokus bei: der einzelne Mensch vs. die Verhältnisse. Nur die Blickrichtung ist hier eine umgekehrte: Während er in Das Ende von Eddy aus eigener Perspektive erzählt, wie die Unterschicht ihm das Leben schwer machte und die Elite ihn aufnahm, berichtet er in Wer hat meinen Vater umgebracht stellvertretend für seinen Vater, wie die Unterschicht diesen prägte und die Oberschicht dessen Leben sabotierte.

Nehmen wir einmal an, Louis und sein Vater, die nebeneinander im Raum stehen und keinen Zugang zueinander finden, funktionieren, über das private Bild hinaus, auch als Gesellschaftsbild. Nehmen wir einmal an, wir sehen hier zugleich eine akademisch geprägte Schicht und eine prekäre Schicht, die sich nicht miteinander verständigen können, und der Raum, den sie teilen ist, sagen wir, Frankreich.

Nur Frankreich?


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HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (2)

Sie merken, das wird ein ausufernder Text, aber ich habe heute keine Lust, oberflächlich zu bleiben.

Meine Eltern haben nie gesagt: „Spiel nicht mit den Unternehmerkindern!“
Ich weiß nicht, wann und wodurch genau mir bewusst wurde, dass es soziale Trennlinien gibt, die entlang von Einkommensgrenzen verlaufen. Vielleicht waren’s die Schulhofprügel, die ich für meinen mangelnden Style kassierte. Vielleicht war es die Beobachtung, dass am Gymnasium niemand außer mir die Putzfrau grüßte – nicht einmal diejenigen Mitschüler, die mit mir und dem Sohn der Putzfrau in der Grundschule Klassenkameraden gewesen waren. Vielleicht war es auch der Gedanke irgendwann, dass die SPD bloß noch Politik für Betriebsräte mache.

Eine Zeitlang habe ich in einem Kleindiscounter gearbeitet – Kassieren, Ware abpacken, Bürokram. Ein Polo-Shirt-Job. Einem ständig hohem Krankenstand und einer versaubeutelten Personalführung sei Dank, arbeitete ich dort viel zu viel und über weite Strecken mit nur einer weiteren Mitarbeiterin. Kollegin A.: kein Schulabschluss, alleinerziehend mit zwei Kindern, lebenslang wohnhaft im Nachbarort, ohne PKW, Mundwinkelqualmerin. Wir schimpften den Laden kurz und klein, lachten viel, waren uns immer einig – ich arbeitete gern mit A.
Nachdem ich irgendwann gekündigt hatte, las A. nach Kassenabschluss oft aus den nach und nach eingehenden Bewerbungsschreiben vor. „Nä, was ist das denn? Gerade Abitur gemacht. Will hier arbeiten, bis er an die Uni kommt… Hör mal, ich hab keinen Bock auf so’n scheiß Gymmi-Spasti hier!“ Ich pruste gespielt empört: „Hallo! Ich hab auch Abitur, ja?“ – nichts, was A. nicht wüsste. A. tätschelt mütterlich mein Knie: „Halt die Fresse, du zählst nicht.“ „Türlich! Ich war sogar mal an der Uni, Hase!“ A. gackert und winkt ab: „Ja ja, ksssscht!“

„Du zählst nicht“ – an der Uni hatte ich das auch oft gedacht. Meine Geschwister waren entweder weniger hemdsärmelig als ich, oder sie waren einfach weniger dünnhäutig.

Spielplatz. Wir unterhalten uns mit einer fremden Mutter, wie man das auf Spielplätzen so macht, und sind einander ganz sympathisch. Ihr Mann sei Opernsänger, erzählt die Andere irgendwann, sie selbst arbeite am Institut für XY. Über unsere eigenen Berufe erzählen wir derweil nichts; stattdessen kommt unser Gespräch bald wie von selbst auf die AfD, weil die, zu jener Zeit relativ frisch gegründet, gerade zum Thema auf allen Kanälen geworden ist. „Es ist unfassbar“, empört sich die Andere, „dass sich solche ungebildeten Prolls auf einmal zu einer Partei zusammenrotten und ihren Blödsinn so öffentlich verbreiten können! Es ist widerlich! Ich meine, die stehen wirklich für alles, wogegen unsere [ihre Hand fuchtelt einen Kreis, der mich und meinen Mann einschließt] Eltern ’68 auf die Straße gingen!“
„Unsere Eltern“. Woher diese automatische Einordnung?
Was liegt ihr zugrunde? Die blinde Annahme, jenseits des Bildungsbürgertums existiere kein intelligentes Leben?

Meine Eltern stammen aus traditionell kleinbäuerlichen Familien. ’68 waren meine Eltern 20 Jahre alt, arbeiteten seit fünf Jahren (mein Vater als Elektriker, meine Mutter als Bürofräulein), hatten vor einem Jahr geheiratet und das erste Kind bekommen; außerdem bauten sie in Eigenleistung ihr eigenes Wohngeschoss aufs Elternhaus drauf, fernab der Großstadt. Meine Eltern verstanden sich als EINFACHE LEUTE.

Was für Bezeichnungen und Attribute würde man ihnen im heutigen Diskurs wohl zuweisen?

Zurück zum Spielplatz. Ein Kind klatscht hin und heult. Eine Mutter, deren Garderobe, Spielzeugsortiment und Wortwahl ziemlich schlicht anmuten, ruft ihm zu: „Heul nicht – steh auf!“ Der Klassiker.
Unter EINFACHEN LEUTEN selten kritisch hinterfragt, denn: Mit genau dieser Parole hält man sich selbst einigermaßen senkrecht, so im Alltag. Wozu sollte man sein Kind, dem später wohl kaum ein rosigerer Alltag blühen wird, erst an was anderes gewöhnen? Schöne Verarsche wäre das!
HEUL NICHT – STEH AUF leitet sich direkt ab von ICH KOMME ALLEIN KLAR, da besteht eine erstgradige Verwandtschaft. Zur selben Familie gehören auch WAS EINEN NICHT UMBRINGT HÄRTET AB, SELBST IST DER MANN (bzw. DIE FRAU), SO IST DAS und EIN INDIANER KENNT KEINEN SCHMERZ.

Wem genau nützt diese Familie von Leitsätzen? Wer profitiert eigentlich von der psychologischen Arbeit, die diese Sätze leisten?

Mein Vater hat sich sein Leben lang nie beklagt. Auch während seiner Krebsbehandlung hat sich mein Vater nie beklagt; er hat alles getragen WIE EIN MANN. Kein Jammerwort, niemals. ICH KOMME ALLEIN KLAR. HEUL NICHT – STEH AUF.
Ich weiß nicht, ob das gesund für ihn war. Das ist keine rhetorische Anmerkung – ich weiß das wirklich nicht.

Harte, folgsame, duldsame Männer brauchte man seit jeher, um sie in Kriegen verschleudern zu können. Ein überzüchtetes Männlichkeitsideal ist, so seh ich das, eine bange Anpassung ans soldatische Ideal, das bis ins Zivile hinein ausstrahlt. Unverändert.

Wenn mein Vater als Kind hinklatschte und heulte, bekam er eine Klatsche extra, „damit du wenigstens weißt, warum du heulst“ (noch so ein Klassiker).
Kurz nach dem Führerschein fuhr ich meine erste Delle ins Familienauto, stellte die lädierte Karre auf den Hof und heulte Rotz und Wasser. Ich schämte mich, bodenlos. Jedes Auto blieb mindestens ein Hundeleben lang in der Familie; mein Vater hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Ein Auto war ein Familienmitglied, verdammt. Abgesehen davon kostete ein neuer Kotflügel natürlich Geld. Mein Vater besah sich den Schlamassel. „Ist doch nur Blech, Mädchen!“, tröstete er. „Musst nicht heulen, Mensch.“ Aber ich kriegte mich noch nicht wieder ein, ich war scheißwütend auf mich. Mein Vater versetzte mir also einen ironischen Spaßklaps auf den Hintern: „So, damit du wenigstens weiß, warum du heulst!“ Er lachte, ich lachte; Ende der Geschichte.

Mein Vater kam aus tristen Verhältnissen und bekam seine Klatschen routinemäßig. Mir wurde zu Hause nie irgendwas um die Ohren gehauen; Dresche gab’s bei uns kategorisch nicht.
Heute bemerke ich oftmals an mir, dass ich mich im Umgang mit meinem Kind unbewusster Muster bediene. Handgriffe, die meine Eltern, Großeltern, Urgroßmutter so oft an mir taten, dass sie in meine eigene Motorik übergegangen sind. Reaktionsmuster, die aus erlebter Kindheit abgerufen werden. Natürlich ist man viel mehr als die bloße Blaupause seiner Eltern, und doch ist es viel schwerer als ich früher, ohne Kind gedacht hätte, sich bestimmter Muster bewusst zu werden und sich, nötigenfalls, ihrer zu entledigen.
Sich, wie mein Vater zum Beispiel, seinen Kindern gegenüber entschieden anders, besser zu verhalten, als man es von seinen eigenen Eltern kannte, ist eine echte Entwicklungsleistung.
Für solche Leistungen gibt es im gesellschaftlichen Schrank für Kompetenzen, Qualifikationen und Meriten keine Schublade. Sie zählen nicht. Es sind stille Leistungen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass Prügel in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens sind.
Vieles ist in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens, und viel zu selten wird daran erinnert.

Mein Vater war ein echter Marlboro-Mann. Er trug Jeans, Karohemd, Schnauzer. In der Hosentasche immer einen kleinen Blechkamm, im Mundwinkel immer eine Kippe. Seine Wangen wurden abends schon kratzig, Gesicht und Nacken im Sommer sofort siouxbraun; seine Handwerkerhände blieben ewig rau.
Heutzutage würde er, da bin ich sicher, unbesehen in die Kiste mit den reaktionären Machos sortiert werden, in die er nie gehörte.
Mein Vater brachte uns Töchtern bei, wie man Lampen anschließt, eine Bohrmaschine bedient, sich selbst zu helfen weiß. Wir mussten keine Prinzessinnen sein. Sein Sohn musste selbstverständlich kein Fußballspieler sein, auch wenn mein Vater Fußball liebte. Meiner Mutter gegenüber gab es keine herablassenden Worte, keine Grobheiten, keine zotigen Sprüche, niemals, und das kannte ich schon als Kind aus manch anderer Familie ganz, ganz anders.

Obwohl man uns als „bildungsfernen Haushalt“ klassifiziert hätte, gingen meine Eltern mit uns, wenn es irgendwie ging, in jedes Museum, das sich anbot. Der Fernseher wurde hauptsächlich angeschaltet, wenn die Nachrichten oder Doku-Filme liefen. Wir spielten Dame und Schach. Auf Ausflügen wurde jede Kirche, jede historische Anlage, jedes Hafenschiff, jedes Denkmal begutachtet. Wir gruben Fossilien aus alten Steinbrüchen und stiegen auf hohe Aussichtstürme. Gucken kostet nichts. Leute, die sichtlich nichts dagegen hatten, dass wir sie bei Bauarbeiten beobachteten oder beim akrobatischen Übungen im Park, beim Krebsfang, Holzschnitzen, Stelzenlauf oder was auch immer, wurden ausgiebig interviewt. Fragen kostet nichts.
Neugier kostet nichts.
Meine älteste Schwester machte als erstes Kind aus dem Ort Abitur, studierte Sonderpädagogik. Schwester 2 wurde Grafikdesignerin, mein Bruder Historiker. Ich bin die einzige, die im Studium nach zwei Semestern merkte, dass sie keine Akademikerin ist, aber auch Buchhändlerin ist kein bildungsferner Beruf.
Wir Geschwister haben nicht TROTZ unseres Elternhauses die Kurve gekriegt.

Wir hatten zwar keine wirklichen Rücklagen, aber wir kamen immer ALLEIN KLAR. Was wäre gewesen, wenn mein Vater damals nicht immer hätte arbeiten können, sondern in die Arbeitslosen- und später Sozialhilfe gekommen wäre?
Nachdem mein Vater starb, hatte meine Mutter immerhin noch das fast schon abbezahlte Haus, bekam ein bisschen Rente, ein bisschen Pflegegeld, Kindergeld; irgendwie ging’s. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn die Eltern gegen Monatsende kein Essen mehr kaufen können und man zusammen zur Tafel geht. Ich weiß, dass das nicht schlimm ist, schämen sollte man sich für ganz andere Dinge und nicht dafür – aber wie es sich anfühlt, weiß ich eben nicht. Wie es sich auswirkt, das weiß ich nicht.

Meine Mutter wäre gern Damenschneiderin geworden, wurde aber Bürofräulein, später Hausfrau. Erst betreute sie uns vier Kinder, pflegte ihre Großmutter, im Anschluss dann ihre Mutter und zwischendrin meinen sterbenden Vater; alles zu Hause.
Eine andere Kollegin aus dem Discounter arbeitete in Vollzeit bei uns, außerdem abends und an den Wochenenden an einer Tankstelle, um genug für sich und ihre unfallinvalide Mutter zu verdienen. Sobald die üblichen Zeitverträge ausliefen, suchte sie sich einen neuen Discounter, eine neue Tankstelle.
Was für zeitliche Reserven, was für Energiereserven sollten solche Leute noch locker machen können, um sich weiterzubilden?
Oder gar, um sich gesellschaftlich, politisch zu engagieren?

Oder auch nur, um mal von sich selbst zu erzählen, sich diese Ohnmacht ein bisschen von der Seele zu reden? Widerhall zu erfahren?
Von sich selbst zu sprechen, in der ersten Person, das ist ein Schritt in Richtung Selbstermächtigung.

Was hätte meine Mutter während ihrer Jahre als pflegende Angehörige geschrieben, hätte sie da einen Facebook-Account gehabt?
Nichts natürlich. In den schlimmsten Phasen schaffte sie binnen der wenigen freien Minuten knapp zu essen, duschen, schlafen.
Rein, wirklich rein hypothetisch hätte sie geschrieben: „Brauche neue Tipps zu Dekubitus-Profylaxe – stop – Kann jemand einfache Gymnastikübungen gegen Rückenschmerzen empfehlen – stop“. Fünf Leute hätten geantwortet, wie gut ihre Angehörigen es in diesem oder jenem [unbezahlbaren] Heim hätten; acht hätten geschrieben, die Ausländer seien an allem schuld; zwei hätten von homöopathischen Mittelchen geschwärmt; vierzehn hätten Herzchen geschickt; zwei hätten gefragt: „Und wer denkt an die erschütternden Zustände in der Putenmast? Keiner, oder was?!“; einer hätte kommentiert: „wie dumm bis du denn“; einer hätte erwähnt, dass Gott all seine Kinder liebe; achtundzwanzig hätten meiner Mutter erklärt, dass man Prophylaxe nicht mit f schreibe, sondern mit ph, und dass, auch wenn es danach aussehe, es noch lange keine eingedeutschte Form von…

Obwohl meine Eltern fürchterlich stolz auf uns waren, brachten uns das Abitur in der Stadt, das Studium in der Großstadt auch auseinander, nicht nur räumlich. Das war ein stiller Vorgang.
Ich glaube, ich habe erst in den letzten Jahren, in denen meine Mutter und ich plötzlich zum ersten Mal so richtig Zeit hatten, als Erwachsene miteinander zu sprechen, verstanden, was meine Mutter tatsächlich alles zu erzählen hat. Genauso hat meine Mutter erst jetzt verstanden, dass sie erzählen kann und darf. Wenn ich jetzt an die Jahre zuvor denke, kommt es mir rückblickend fast so vor, als hätten wir einander da gar nicht gekannt.

Pflegen und Kümmern zählen übrigens auch zu diesen stillen Leistungen, für die sich niemand interessiert.

Unsere Straße wird gerade saniert. Da es sich um eine Anliegerstraße handelt, werden die Baukosten auf die Privathaushalte umgelegt. Ein 150 Jahre altes Hofgrundstück wird von der Eigentümerin, einer 80jährigen Bauernwitwe nun verkauft. Der Hof ist unmodern, teils sind die Böden nur gestampft, die Dachstöcke nicht alle isoliert, die Gebäudeteile nicht alle elektrifiziert. Ställe, Scheunen, Jauchegruben. Wer das kaufen wird, wird wohl alles abreißen. Die Baukosten-Umlage berechnet sich anhand der Grundstücksfläche; anhängige Agrarflächen werden zu 85% mitberechnet. 80.000€. Die Witwe klagt nicht selbst; Anwohner-Sammelklagen sind nicht zulässig. Sie beklagt sich auch nicht – in einer kleinen Wohnung habe man es vielleicht auch leichter, nicht? ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Ich liebe unsere alte Straße. Als ich zurück aufs Dorf kam, wollte ich unbedingt hierher. Jedes Mal, wenn ich nun an diesem Hof vorbeikomme, den ich schon als Kind schön fand, wird mir schlecht.
Mein Elternhaus ist in der Nebenstraße. Wenn ich daran denke, die Nebenstraße wäre damals saniert worden und meine Mutter hätte 80.000DM bezahlen sollen, natürlich nicht bezahlen können, das Haus verkaufen müssen, nicht verkaufen können (auch so ein altes, verbautes Bauernhaus), wird mir schlecht. 80.000DM – solche Summen gab’s doch nur im Fernsehen! Was hätte sie gemacht? Mit meiner bettlägerigen Oma und zwei Kindern im Haus?
Wenn ich mir bloß ausmale, die Nebenstraße würde nächstes Jahr saniert werden und meine Mutter müsste 40.000€ bezahlen, wird mir so übel, ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Man kann so schnell, so schnell aus allen Sicherheiten fallen.

Menschen wie meine Eltern, und solche Menschen, die prekärer leben, als meine Eltern das taten, spielen im gesellschaftlichen Diskurs zumeist keine gestaltende Rolle. Zumeist schaffen sie und ihre Belange es gar nicht erst in die öffentliche Wahrnehmung. Sie kamen sowieso immer irgendwie ALLEIN KLAR, und den Rest machte die SPD. Das war innerhalb der letzten Jahrzehnte wohl nie viel anders.
Anders ist nun allerdings, dass einst so geläufige, in sich einheitliche Identitätsbilder – Unterschicht, Arbeiterschicht, Bildungsschicht – nicht mehr recht zur Einordnung und Feststellung von Identität taugen. Und mit den geläufigen Identitätsbildern zerfallen auch die geläufigen Kongruenzen zwischen einem bestimmten Identitätsbild und der dafür zuständigen Volkspartei.
Über unserem Haus wehte, unsichtbar, immer eine rote Fahne. Ich wusste immer, welche Art von Politik für Leute wie meine Eltern untragbar, unwählbar war; heute dagegen weiß ich gar nicht zu sagen, was Leute wie meine Eltern überhaupt noch wählen könnten, wählen sollten.

Wiederum sehr genau weiß ich, was mein Vater zu Pegida, AfD etc. gesagt hätte, und die Rechtspopulisten sollten sich hüten, so großspurig zu verkünden, sie sprächen im Namen aller EINFACHEN LEUTE.

Die Rechtspopulisten – und zählen Sie bitte die BILD-Zeitung hinzu – nehmen für sich in Anspruch, Stimme des Volkes zu sein, wen auch immer sie damit meinen. Sicher ist aber: Den EINFACHEN LEUTEN verhelfen sie nicht zu einer Selbstermächtigung.
Rechtspopulisten wollen keine selbstermächtigten, sondern soldatische Menschen. Schritte zu echter Selbstermächtigung ermöglichen sie niemandem; sie nehmen die Identitätsfragen, sozialen Fragen, Alltagsfragen der EINFACHEN LEUTE nicht als solche ernst, sie suchen nicht nach wertigen Antworten.
Sie bieten billige Identitätslösungen. Die faule Masche, aus dem Geburtsort ein pseudoeinheitliches Wir abzuleiten. Eine Fantasie-Gemeinschaft.
Sie bieten billige Steigbügel, um aus der Schwächeposition gefühlt in eine Position der Stärke zu wechseln. Den faulen Mechanismus, noch Schwächere in den Keller zu trampeln, um sich selbst eine Etage höhergestellt zu fühlen. Fantasie-Problemlösungen.
Dieser Inklusionsquatsch an Schulen zum Beispiel? Teure, schulvergiftende Gutmenschen-Romantik! Der Rechtspopulismus identifiziert stets die Schwächsten, schreibt ihnen die Rolle der Problemträger zu und agitiert auf den gesellschaftlichen Ausschluss solcher Problemträger hin. Das ist billig. Der politische Wille, der politische Einsatz, die nötig sind, um aus einem System voller bröckelnder Schulen, dem es überall an Geld, Personal und Technik mangelt, ein grundsätzlich besseres zu machen, nämlich ein gut funktionierendes System für alle Kinder – dieser Wille und Einsatz wären teuer.
Der Rechtspopulismus drückt sich strukturell davor, echte Probleme anzugehen, echte Lösungen zu finden, echte Stärke zu schaffen. Das ist schlicht feige. Der Rechtspopulismus ist – um seine eigenen Sprachbilder anzuwenden – ein feiger Polit-Schmarotzer, der sich von gesellschaftlichen Problemen ernährt.

Warum sagen die EINFACHEN LEUTE selbst unter einer Präsenz der AfD in Bundestag, allen Landesparlamenten und auf Lokalebene, in Tagespresse, Fernsehen und Radio gebetsmühlenartig „Uns hört ja keiner zu“ ? Die Einen genießen es, vorsätzlich die Opferrolle zu spielen. Den Anderen hört wirklich keiner zu, denn auch wenn die AfD ja viel spricht, spricht sie im Dienste einer Ideologie und nicht der Menschen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass eine Vorliebe für rechtspopulistische Positionen in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens ist.
Die Afd bezieht ihr Personal und ihre Wählerschaft auch, und zwar nicht zu knapp, aus akademischen und Unternehmerkreisen.
Dieser in allen Medienformaten so beliebte Schluss Afd = EINFACHE LEUTE ist nicht bloß zu einseitig. Viel fataler ist, dass er – als falscher Signalverstärker – den EINFACHEN LEUTEN geradezu suggeriert, die AfD sei genau ihre Partei.

Édouard Louis wettert in Wer hat meinen Vater umgebracht ebenfalls reichlich agitatorisch daher, steht allerdings links der Mitte. Weit links. Er staubt die rote Fahne ab, holt sie raus zum Marschieren, wendet das Vokabular des Klassenkampfs an: die „Herrschenden“ , die „Unterdrückung“ . Louis will den Rechtspopulisten die Deutungshoheit über das Prekariat entziehen. Er will aber nicht einfach, dass das Prekariat soldatisch marschiert, links der Mitte bitteschön, sondern er will, dass es für sich, in der ersten Person, spricht, redet, schreit. Und er will die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Eliten, die Politik zurückpassen, will ihnen diese Verantwortung um die Ohren hauen, denn es sind die Schwächsten, die den Mangel an Problemlösungen seit Jahren ausbaden, sozial, finanziell, psychisch und physisch; er will ihnen die Schuld zurückgeben, die seit Jahren auf die Schwächsten geschoben wird.

Ob er hier nicht für persönliche Zwecke seinen Vater instrumentalisiere, wird hier und da kritisch gefragt. Ob diese Zurschaustellung des Vaters ebendieser Selbstermächtigung, die Louis sich für seinen Vater wünsche, nicht vollkommen widerspreche, nicht vielmehr eine gewaltsame Aneignung darstelle – das ist ein Aspekt, der Louis selbst beschäftigt, wie er in diversen Interviews äußert. Aber welche Plattformen würden seinem Vater schon offenstehen? Facebook vielleicht?

Den Schlusssatz seines aktuellen Buchs spricht Louis‘ Vater. Der fragt den Sohn, ob er, wie als Jugendlicher, immer noch so viel auf Demos gehe, politisch interessiert und aktiv sei, worauf Louis antwortet, das sei er „jetzt mehr denn je“ . Der Vater erwidert: „Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.

Wer sollte eine solche Revolution gestalten? Die Rechten, die Linken? Sollen die Gelbwesten ruhig hier ein bisschen Revolution fürs Prekariat machen, die Jugendlichen da ein bisschen Revolution fürs Klima, die Gewerkschaften immer mal ein bisschen Revolution für den öffentlichen Dienst?

Wer profitiert vom Mangel an Geschlossenheit zwischen gesellschaftlichen Lagern und Splittergruppen, von Reibungsverlusten an gesellschaftlicher Energie? Wen füttert all unsere im Stillen gehaltene oder fehlgeleitete Wut?

Eine Revolution für alle müsste damit beginnen, dass wir erkennen, welche gemeinsamen Probleme abseits aller Filterblasen tatsächlich bestehen:
Es mag dem akademisch ausgebildeten Freiberufler, der an selbstausbeuterische Arbeit und unsichere Auftragslagen gewöhnt ist, vielleicht nicht in den Sinn kommen, aber er teilt seine Probleme seltener mit seiner Auftraggeberschaft, deren Milieu er sich zurechnet, als viel häufiger mit einer Zeitarbeiterin mit Hauptschulabschluss, die im Arbeitsalltag genauso wenig Planungs- und Verdienstsicherheit kennt wie er.
Das Unternehmertum beklagt oftmals eine Neidkultur, die uneinsichtig ignoriere, welches Risiko das Unternehmertum, zumal in Zeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung, zu tragen habe. Wer sagt, die EINFACHEN LEUTE trügen keine Risiken? Worin sollte sich die Angst davor, ein Unternehmen zu verlieren und danach mit Nichts in den Händen dazustehen, grundsätzlich unterscheiden von der Angst davor, einen existenzsichernden Arbeitsplatz in einem Unternehmen zu verlieren und danach mit nichts in den Händen dazustehen?
Sollte die pegidanahe Kleinjobberin, die einen Teilzeit- und mehrere Nebenjobs jongliert, um über die Runden zu kommen, und die sich deswegen nah am Burnout bewegt, sich zugleich aber keine Auszeiten erlauben kann, nicht einsehen, dass der türkischstämmige Teilzeitarbeiter, der zusätzlich mehrere Nebenjobs unterhält, um über die Runden zu kommen, und der sich deswegen nah am Burnout usw., nicht der Volksfeind ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Peergroup?
Wenn die Alleinerziehende es nicht wegen kaum bezahlbaren Wohnraums, unflexibler Arbeitsmodelle bei gleichzeitiger Minderbezahlung von Frauen, zurechtgeschusterter Betreuungsmodelle und zig anderer Dinge im Alltag so schwer hätte, sondern von wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Seite her mehr Unterstützung erfahren würde, hätte sie womöglich auch leichter Reserven übrig, um sich um Klimafragen zu kümmern.
Gehen Sie in ein Krankenhaus. Fragen Sie AssistenzärztInnen, PflegerInnen und dazu PatientInnen quer durch alle Einkommenslagen, Bildungsschichten, Parteisympathien, Religionszugehörigkeiten, Altersstufen und, was weiß ich, Schuhgrößen, ob sie die Verhältnisse im deutschen Klinikwesen prima finden!

Auch wenn Gemeinsamkeiten mitunter nur partiell bestehen – sind sie deswegen nicht trotzdem valide? Taugen solche Gemeinsamkeiten nicht vielleicht am ehesten zur validen Grundlage für eine Revolution, von der wir alle profitieren würden – und eben nicht bloß die Populisten hier und das Großkapital da, denen wir alle, egal aus welchem mehr oder minder bodennahen Biotop wir stammen, nun wirklich scheißegal sind?


>>Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht (S.Fischer)


PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels dieser reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe. Es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren – schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit, da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht. Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem ehedem kraftstrotzenden Dockarbeiter nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John dabei zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte ein, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt nun von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist wahrscheinlich das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

SPRACHMUSIK // „I speak that acient tounge / There lies a language in the noise and the hum“*

So mit vierzehn, fünfzehn ließ ich, wie sich das damals gehörte, unter anderem natürlich Rage Against the Machine, House of Pain, Wu-Tang Clan, Tool, Nine Inch Nails, The Prodigy und Tricky aus meinem Kinderzimmer dröhnen, bis der Rest der Familie das Jaulen kriegte. Höre ich gedanklich zurück, vermischen sich diese jeweiligen Klangrichtungen zu einer einzigen Industrial-Rap-Elektro-TripHop-Wall of Sound. Derartig konditioniert, komme ich nicht umhin, Dälek, die genau so klingen, eben großartig zu finden – obwohl inzwischen deutlich über vierzehn, und nach wie vor im Grunde ahnungslos im Sektor Hip Hop. Während der Nullerjahre hat das mal Trio, mal Duo aus New Jersey fünf Alben rausgehauen, darunter ein Gemeinschaftsalbum mit den Hamburger Krautrockern Faust -wie auch immer diese Verbindung zustande gekommen sein mag -, außerdem eine Handvoll weiterer Kollaborationen nebenher betrieben, etwa mit den Elektrokrachkombos Techno Animal und Kid606; dazu tourten sie nebenher als Support für die Melvins und die Post-Metaller ISIS. Vom hypnotischen, zehnminütigen Kopfnicker-Stück bis zum Noise-Ragnarök gibt das Dälek-Spektrum eigentlich alles her. Nach längerer Pause war 2016 mit Asphalt for Eden (Profound Lore Rec.) auch endlich wieder ein neues Album drin. (*From Mole Hills)

Young Fathers könnten nun, obwohl sich ihr 2015er Album White Men Are Black Men Too (Big Dada Rec.) noch längst nicht ausgelutscht anhört, eigentlich auch mal was nachlegen. Das Schotten-Trio entzieht sich mit seiner Vielseitigkeit so gewollt wie gekonnt einer entschiedenen Einordnung in die Hip Hop-Sparte, hat dort jedoch seine Wurzeln und kommt gern auf sie zurück. Im Ganzen aber ist das mehr als bloß Soul hier, Hip Hop zwischendurch und Indiepop da, sondern eine quecksilbrige Legierung diverser urbaner Stile, aus denen ihr archaischter gemeinsamer Nenner hervorgegraben wird: Trommeln, Beschwörungsformeln, Trance.

GLOBAL THINKING // Nir Baram, Weltschatten

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Als Israeli im Allgemeinen und als Sprössling einer israelischen Politikerfamilie im Besonderen kommt man wohl nicht umhin, die Themen Gesellschaft und  Politik irgendwie sehr persönlich zu nehmen. Nir Baram, dessen Vater und Großvater beide in der Arbeitspartei, beide Minister unter Rabin waren, hat sich der linkspolitischen Familienlinie als Autor, Herausgeber, Journalist und Aktivist verschrieben und sich in seiner Heimat als Gesellschaftskritiker profiliert. Baram setzt sich umtriebig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein, lehnt dabei die Zwei-Staaten-Lösung ab und fordert stattdessen das Ende der Segregation, gemeinsamen Alltag, gemeinsame Schulen, gleiche Bürgerrechte für beide Seiten. (Anfang des Jahres erschien bei Hanser unter dem Titel Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete eine Sammlung von Reportagen, in denen Baram von seinen Besuchen und Gesprächen jenseits der Grünen Linie berichtet.) 
In seinem fünften Roman widmet sich Baram nun dem Thema Globalisierung und zieht dafür ein ganz ähnliches Betrachtungsmuster heran, wie es auch seinen Beiträgen zur israelisch-palästinensischen Frage zugrunde liegt: Solange die Mächtigen den Unterdrückten das Recht auf Beteiligung verweigern, verstärkt sich der Strudel aus schwelenden und offenen Konflikten immer weiter, bis am Ende die Mächtigen selbst davon erfasst und zerstört werden. Aus dem Weltschatten entspringt hier eine Flamme des Aufstands, die den Globus in Brand setzt – wer sich nun aufgerufen fühlt, kann direkt Die Internationale vor sich hin schmettern, in der es heißt: Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Beinahe schade, dass es bei Buchkauf kein rotes Fähnchen gratis gab. Aber ist Weltschatten denn wirklich ein kämpferischer Roman?

Drei verschiedene Ebenen, die sich selbst als geschlossene Sphären verstehen und doch unmittelbar miteinander korrelieren, lässt Baram in Weltschatten kollidieren: Es sind erstens die Strippenzieher, zweitens die Profiteure, drittens die Verlierer der Globalisierung. Jedem dieser drei Lager ist eine eigene bestimmte Erzählperspektive zugeordnet. Das erleichtert der Leserschaft die Orientierung im Figuren- und Ereignisspektrum; gleichzeitig erzählt bereits die gewählte Perspektive etwas über den jeweiligen Grundcharakter der Gruppen.

Als Weltlenker treten die Mitglieder einer Consulting-Firma auf, die den Mächtigen zu gewünschten Erfolgen verhilft. MSV – Mayo, Steinbeck, Vanderslice, so die Namen der Gründungspartner – erarbeitet und führt Kampagnen für Präsidenten und solche, die es werden wollen, für Mega-Konzerne und mitunter für ganze Staaten. Die erfahrenen Campaigner liefern maßgeschneiderte Image-Lösungen und bilden darüber hinaus einen einzigartigen Kontakt-Knotenpunkt zwischen Medien, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Finanzwelt. Wer so erfolgreich darin ist, die öffentliche Wahrnehmung zu analysieren und zu steuern, dessen eigener Ruf ist freilich lupenrein: MSV pflegt eine Außendarstellung, die den Beraterstab ins Licht der guten Sache stellt, seine Mitglieder gar zu Fackelträgern demokratischer Werte stilisiert. Das MSV-Grundlagenpapier betont, man vertrete nur Klienten, deren Werteverständnis mit dem der Firma übereinstimme, was bedeutet: Nicht für aufsteigende Diktatoren, sondern für Hoffnungsträger, die für eine gerechte und freiheitliche Grundordnung stehen, setzt man sich laut Eigenbekunden ein.
Diese Schicht am oberen Ende der Machtskala, bevölkert mit Entscheidungsträgern, die globales Gewicht besitzen, ist ein enger und wirkungsvoll abgeschirmter Raum, zu dem man sich von unten her nur schwer Zugang verschaffen kann. Baram beleuchtet ihn daher von innen und zeichnet die Abgeschlossenheit dieses Zirkels nach, indem er die Ereignisse auf MSV-Ebene in Form eines E-Mail-Verkehrs zwischen den Beratern erzählt, der private und politische Konstellationen, Firmenstrategien und globale Verflechtungen offenlegt.
Zunächst zwischen den Zeilen, nach und nach dann auch direkter, liest man aus diesen Nachrichten heraus, dass die Verantwortlichen von MSV sich im Verlauf ihrer glanzvollen Karrieren nicht nur um linke Politik, sondern auch um ein paar schwerwiegende linke Dinger gekümmert haben. Zwar wird den einzelnen Beratern durchaus ein idealistischer Grundantrieb zugestanden, von dem sie sich während ihrer geschäftlichen Praxis jedoch schleichend entfremdet haben, der gute Zweck heiligt mitunter die schlechtesten Mittel, und so verkommen die hehren Ziele des MSV zum Mäntelchen, das allerlei verdorbene Geschäfte verdeckt. Was würde man auch sonst über mächtige Saubermänner zu lesen erwarten, als dass ihre Hände mächtig schmutzig sind? So weit, so na gut.

In der Allerweltszone zwischen den großen einzelnen Entscheidern und der großen Masse der Machtlosen, im Finanzwirtschaftssektor des kleinen Israel, bewegt sich Gavriel Manzur, über den ein auktorialer Erzähler in nüchternem Ton berichtet. Als sich in den Achtzigerjahren zunehmend ausländische Investoren an Israel heranwagen, um sich neue Märkte zu erschließen, kommt auch der jüdische New Yorker Geschäftsmann Michael Brookman auf den noch jungen Gavriel zu: Man müsse sich gemeinsam dafür einsetzen, den Zusammenhalt des amerikanischen und israelischen Judentums zu stärken. So beginnt Gavriel, in Israel eine Stiftung aufzubauen, die den jüdisch-kulturellen Austausch zwischen den Ländern fördern soll, wofür Michael zu Beginn die finanziellen Mittel stellt. Dass diese Stiftung in erster Linie dazu dient, die US-amerikanische Wirtschaft auf israelischem Boden zu verwurzeln, ist offensichtlich – für den naiven Gavriel allerdings wird der rein ökonomische Zweck seiner Unternehmung erst deutlich, als bei einem der ersten transkontinentalen Treffen nur über die Interessen von US-Exporteuren, insbesondere der Obstbauern, und die zu hohen israelischen Einfuhrzölle, insbesondere für Äpfel, gesprochen wird. Nachdem hier für Gavriel sprichwörtlich der Apfel der Erkenntnis gefallen ist, entwickelt er sich in den Folgejahren zu einem geschickten Vermittler für US-Wirtschaftsinteressen, steigt, als Günstling Michaels, schnell in die höheren gesellschaftlichen Kreise Israels auf, wodurch seine Stiftung floriert und bald auch in großem Stil über Geldmittel verfügt. Beträchtliche Summen daraus fließen wiederum in Michaels Unternehmungen in aller Welt. Dass er sich somit daran beteiligt, leichtfertig mit Millionensummen zu spekulieren, geht bei Gavriel nicht einmal auf Größenwahn zurück, eher weiß er einfach nie so recht, was er eigentlich tut und eigentlich will – ein Mangel, der ihm selbst durchaus bewusst ist und den er zu kompensieren versucht, indem er sich allzu bereitwillig von anderen leiten lässt.
Gavriel ist ein Opportunist aus Mangel an eigenem Können; was er verkörpert, ist die Banalität des Skrupellosen. Privat bleibt Gavriel ein fader Charakter, man lobt ihn stets als guten Zuhörer, nie als mutigen Macher, er heiratet eine anständige Frau und tut sich nicht sonderlich als Mitgestalter dieser Ehe hervor, er trifft Geschäftspartner, aber keine Freunde, denn es gibt keine, er verfolgt Projekte, aber keine wirklich eigenen Interessen.
Ein erfolgreicher, und doch so langweiliger Mensch – dass sich die Kapitel über Gavriel Manzur ohne viel Drall voran schleppen, mag sogar erzählerisch beabsichtigt sein. Schwierig nur, Interesse für einen Charakter zu entwickeln, an dem selbst der Autor anscheinend keinen Spaß hat. Er wahrt einen distanzierten Blick auf ihn, und er gönnt Gavriel, dem Gewinnler ohne eigene Ideen und Ideale, keine Größe. Umso mehr gönnt er ihm dafür die große Katastrophe zum Schluss. Das ist nachvollziehbar, verliert durch seine Plakativität aber an Reiz.

Schließlich der Blick nach unten: Im gegenwärtigen Liverpool, seit dem Niedergang seiner Schwerindustrie und Hafenwirtschaft eine der zehn ärmsten Städte Großbritanniens, entwickelt eine Clique aus orientierungslosen Unterschichtskids die Idee von einem weltweiten Protest – wogegen genau, das können sie selbst kaum definieren, mit Sicherheit allerdings gegen ihre eigene lausige Lebensrealität. Hier erzählt ein Ich, ein Wir – eine Stimme, die anonym bleibt und dadurch für alle spricht, für die Liverpooler Gruppe, für die, die sich ihr später anschließen werden, am Ende auch für die Toten des großen Aufstands; im Roman ist es die einzige Stimme einer restlosen Identifizierung mit einer Sache, einer Gemeinschaft.
Die Ausreißer, die ihr Headquarter mal im schimmligen Hinterraum einer Schlachterei, mal in einer leeren Garage aufstellen, haben anfangs keinen Plan, aber eine Menge Wut, und sie haben Facebook. Was mit kleinen Sachbeschädigungen eines Einzeltrupps beginnt, nimmt bald die Form einer globalen Bewegung an, als mit Julian eine ehrgeizige kleine Assange-Figur das Ruder an sich reißt, der Gruppe eine Struktur, einen Fokus, eine Onlinepräsenz gibt und ein Ziel feststeckt: 11.11., eine Milliarde Streikende. Plötzlich folgen ihnen zigtausende Anhänger im Internet, gründen sich auf allen Kontinenten Mitstreitergruppen, die mit ihnen an diesem Datum den Totalkollaps der globalen Ordnung herbeiführen wollen.
Baram baut das Liverpooler Kollektiv um Julian zu einem MSV-Gegenstück auf: Auch die Aktivisten der Verzweiflung erweisen sich als gute Campaigner für die eigene Sache, lernen, wie sich mediale Ströme beeinflussen lassen, professionalisieren ihr Informationsmanagement, bauen Netzwerke auf und erarbeiten gemeinsame Strategien; ebenso treten, parallel zum MSV, bei den Aufständlern interne Konflikte auf, wird die Integritätsfrage immer häufiger gestellt, was sich bis zur Paranoia steigert.
Die Bewegung im Ganzen entwickelt sich unterdessen zu einem kaum noch steuerbaren Flächenbrand. In Vorbereitung auf den 11.11. werden von allen Gruppen Manöver durchgeführt, die einen Vorgeschmack auf die Wucht des kommenden Untergangs liefern sollen; der Ursprungszelle sind längst die Kontrolle und die Übersicht über diese Zerstörungsaktionen entglitten. Gemeinsamer Nenner bleibt, dass diese sich nicht etwa gegen die gewohnten Ziele von Globalisierungsgegnern richten, sondern diesmal gegen Kunstgüter und kulturelle Einrichtungen – erst hier wird der Roman endlich einmal wirklich böse:

Nicht Banken, Konzerne oder Regierungen waren unser erstes Ziel […]. Wir wollten den Gleichmut der westlichen Kultur erschüttern, die abgeklärte Gelassenheit aller Liebhaber der Kultur […] und an erster Stelle derjenigen, die arbeiteten, um ihre persönlichen Ziele voranzutreiben, und gleichzeitig die Illusion pflegten, diese Welt, so wie sie ist, könne ungestört funktionieren, während andere untergepflügt werden. Wir wollten diese ehrbaren Institutionen erschüttern, in ihren alten, prächtigen Gebäuden mit den ziselierten Säulen, den hohen Decken und Kronleuchtern […] und Cocktailempfängen zu Ehren irgendeines Künstlers, der es wagte, das Selbstverständliche auszusprechen, oder eines Autors, der Kritik am Kapitalismus oder am Kolonialismus oder an irgendwelchen bescheuerten Fernsehshows geübt hatte. Wir wollten die Seelenruhe dieser Heuchler stören, die in ihren gediegenen Altbauwohnungen leben und mit Taschen voller Geld auf Demonstrationen gegen die Banken gehen, die mit Kulturgütern spekulieren und gleichzeitig die Illusion einer Vielfalt bedienen: Sicher gibt es Millionen, die nichts haben, aber es gibt auch eine Gegenkultur der Schönheit und Katharsis, vielleicht ändern wir diese Welt noch, vielleicht engagieren wir uns noch mal, um der Labour Party zu helfen oder der SPD in Deutschland oder den Sozialisten in Spanien […]. Gar nicht zu reden von den […] Petitionen und Protesten dieser Heuchler, die ihre Arbeiten an Diamanten- oder Sklavenhändler verschachern, welche sich mit den erworbenen Kunstwerken den Dreck und das Blut aus der Fresse wischen […]. Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen, keine Katharsis, während Milliarden von Menschen nicht wissen, wovon sie im nächsten Monat oder am nächsten Tag leben sollen, und es darf auch kein Gequatsche über Gleichheit und Sozialismus geben auf Veranstaltungen für Privilegierte […]. Wir wollten, dass sie den Abgrund zu sehen bekommen, genau so, wie wir ihn täglich sehen, nicht den Marmorboden, auf dem sie im Theaterfoyer stehen, […] anstelle der Institutionen, die sie kannten, würden zerstörte, ausgebrannte Gebäude aufragen, würde es nichts mehr geben, an das man sich klammern konnte, genau so, wie wir nichts hatten, was uns Halt gab.

Nichts darf einen höheren Wert besitzen als ein menschliches Leben. Und alles, was jenes Werteverständnis zuungunsten des menschlichen Lebens verzerrt, verdient es unterzugehen – auch Kultur, wenn sie nur noch als Geldanlage dient, oder als Alibi für die Privilegierten, um sich nicht direkt, also: aktiv, ungefiltert und ohne künstlichen Sicherheitsabstand, mit dem übrigen Leben, mit den übrigen Menschen beschäftigen zu müssen.
Da ich dieser Logik durchaus etwas abgewinnen kann, müsste ich nun konsequenterweise und mit sofortiger Wirkung das Bloggen einstellen. Ebenso hätte Baram, dessen Schreibe merklich an Fahrt wie an Empathie gewinnt, als er sich mit den verwahrlosten, hoffnungslosen Jugendlichen und den Zielen ihres Furors befasst, und der wiederum selbst zur Kategorie gefeierter Autor, der Kritik am Kapitalismus übt gehört, an dieser Stelle augenblicklich der Stift aus der Hand fallen müssen, bzw. das Notebook, das übrigens vielleicht so eins mit einem kleinen Apfel drauf sein könnte, um erneut auf dieses Erkenntnisobst zurück zu kommen. Offensichtlich blogge ich immer noch, tippe dieses selbstgefällige Zeug hier, während ein IKEA-Buchregal mit viel nichtssagendem Inhalt und ein Obstkorb in meinem Blickfeld liegen, und kann dafür nur ein Argument vorbringen: Je radikaler eine Ansicht, eine Parole, eine Ideologie ist, umso größer ist ihre Verführungskraft – und umso aufmerksamer wiederum gilt es daher, ihr zu misstrauen, bevor man ihr vielleicht nachrennt. Auch Weltschatten findet dort, wo es unsere teuerste wie unsere billigste Kulturschafferei den Aufständischen als ihren rechtmäßigen Fraß vorwirft, noch nicht seinen Schlusspunkt. Baram ist mit seiner Liverpooler Zelle noch nicht fertig, sondern lässt sie erst einmal in ihrer plötzlichen Berühmtheit und Bedeutsamkeit schmoren, lässt es dann so richtig brennen, um am Ende in der Asche danach zu graben, was sich nach der ganzen Geschichte wohl als reell Widerständiges bewähren könnte. Viele der Widersprüchlichkeiten, die Baram dabei aufdeckt, sind von stichelndem Charakter, wie zum Beispiel der Umstand, dass Julian ausgerechnet zu einem abtrünnigen MSV-Mitarbeiter Kontakt pflegt – gemessen an der geringen Tragweite wie der übertriebenen Symbolik dieser Verbindung eher ein überflüssiges dramaturgisches Gimmick. Ganz entscheidend dagegen ist die Frage, was eigentlich kommen soll, sobald das Alte in Ruinen liegen wird: Diese Gruppe katalysiert die destruktive Energie der halben Erdbevölkerung, aber eine Utopie für den Tag nach dem 11.11. kennt sie nicht.

Den Gedankengängen Barams merkt man an, dass er gewohnt ist, sich mit verstrickten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu befassen. Der Handlungsbogen ist hübsch ordentlich aufgebaut, da wackelt nichts. Baram verknüpft die verschiedenen Ebenen sorgfältig miteinander, verheddert sich dabei nie, greift dafür höchstens auf allzu einschlägige Beispiele für schmutzige Globalisierungseffekte zurück, wie etwa die Verwicklungen der Industrienationen in Waffengeschäfte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Charaktere dagegen hat Baram ein nur mäßig gutes Händchen. Er bricht den Komplex Globalisierung auf seine kleinsten Elemente herunter, auf menschliche Einzelschicksale also; gerade diese wirken allerdings oft, als seien sie eher einem Musterkatalog als der eigenen Vorstellung des Autoren entsprungen, die Figuren sind allzu sehr Standardbesetzung für die ihnen zugewiesenen Rollen, und darin besteht denn auch das leichte Humpeln des Romans. Denkwürdiger als die Einzelfiguren selbst ist die zwingende Dynamik, die sie in bestimmte Positionen treibt. Aus ihrer Konstellation im Roman lässt sich, grob formuliert, diese Prognose für die Realität ziehen:

Die Einen haben uns nichts zu bieten außer einer Illusion und einer Aufrechterhaltung der kranken Ordnung. Die Anderen haben uns nichts zu bieten außer einer Gegenillusion und einer gewaltigen Betriebsstörung der kranken Ordnung. Geliefert sind wir alle, denn wie eine gesunde Ordnung überhaupt aussehen sollte, geschweige denn, wie eine solche Ordnung real funktionieren könnte, fällt einfach niemandem von uns ein.

Wir brauchen ganz neue Fähnchen, dringend.


>>Nir Baram, Weltschatten (Hanser), gebunden, €26,-

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Geldherrschaft

Here come the puppet men with their fists
You know those backroom ghouls, 

diese düsteren Halbgötter im Geld-Olymp. Marionetten ihres Systems, aber an diesen Fäden hängen wir ja irgendwie alle, manche wenige eben an den oberen Fädenenden, die meisten an den unteren – bewegt einer weiter oben einen Arm, zappeln in der Tiefe gleich ganze Kollektive nach diesem Takt. Die Fäuste der Oberen sind natürlich schmutzig: Über Leichen zu den Sternen – so hangelt man sich hinauf.

Wie ist das eigentlich: Macht das große Geld die Menschen schlecht, oder sind es nun einmal die schlechten Menschen, die das große Geld machen? Oder ist das Ganze nur ein moderner, medialer Schauermythos, der den in die Jahre gekommenen Herren Teufel und Beelzebub ein neues Make Up verpasst: die feindliche Übernahme der Welt durch eine verdorbene Geld-Elite? Oder müssen wir uns tatsächlich sehr fürchten? Ach, und eins noch: Wer sind die, die profitieren, wenn wir das tun?

WORAUF WARTE ICH HIER? // Wartemelodie

Warten erfüllt mit Ungeduld – darin steckt, dass es etwas widerwillig zu erdulden gilt: Warten ist Passivität, ein Aussetzen der eigenen Bestimmungskraft, und das schmeckt nach Schwäche und Ausgeliefertsein. Auch zwingt es zum Erdulden des Kontrastes zwischen jener Passivität und dem plötzlich brodelnd und mächtig produktiv erscheinenden Tun ringsumher. Warten isoliert mich unangenehm von diesem Tun, und es spielt dabei keine Rolle, ob ich nun bis in eine fünf Minuten, fünf Jahre oder ganz ungewiss entfernte Zukunft in diese Blase eingeschlossen bin. Dort, im Warten, wo das eigene Tun und Bestimmen ausgesetzt sind, wurmt mich also ein Kontrollmangel. Das Gehirn, diese Kontrollmaschine, rebelliert dagegen, drückt, wenn es mangelnde Kontrolle registriert, den Alarmknopf – Ungeduld als Warnsignal. Dort nämlich, wo es nicht selbst bestimmen kann, fürchtet es Chaos. Falls Warten die Neuronen auf bestimmte Weise zum Klingen bringt, hört das Gehirn es vielleicht so:

 

 

SINN UND GEHALT // Bored to be wild*



Stumpfsinnige Arbeit unter prekären Bedingungen nagt an der seelischen Substanz. Wer das für reines Gejammer hält, war noch nie auf sie angewiesen. Von denjenigen, die an dieser Stelle an ihre Putzfrau oder ihren Paketboten denken und sich diese achselzuckend als ohnehin seelenlose Lebewesen vorstellen, mag ich gar nicht erst anfangen.

Bei allem Willen zur geistigen Selbstbehauptung, zwingt einem der tägliche, von Unsicherheit, finanzieller Knappheit und Perspektivenmangel bestimmte Existenz-Limbo irgendwann eine dauerhaft verrenkte, angespannte Haltung auf. Anstrengende Angelegenheit. Nur stempeln gehen zu müssen ist schlimmer.

Besser: Musik draus zu machen. Über das große Sinndefizit und das mickrige Gehalt. Und über deren Ursachen, Ausbreitung und Begleiterscheinungen; über High-End-Kapitalismus, Ungleichheit der Chancen, eine Kultur der Inhaltsleere, das große zwischenmenschliche Egal, Selbstentfremdung und die ständige Nähe zum Abgrund, der nur eine Kündigung entfernt liegt. Sicherlich eine ergiebige Stichwortliste für Gejammer. Besser: für Gepöbel und Gedicht.



 

*Titel eines Songs vom 2013er Sleaford-Mods-Album Austerity Dogs

BRENNSTOFF // Fieber-Musik

Diese Gelee-Tage: Jede Bewegung muss ich gegen eine widrige Substanz durchsetzen, die meine eigene ist. Ein Gelee-Ich im Gelee-Raum. Bekäme ich nicht die allmorgendliche Starthilfe durch einen kräftesprotzenden Vierjährigen, würde ich jene Tage so verbringen wie die Mücke ihre Äonen im Bernstein. Kinder beherrschen, ganz von Natur aus, die hohe Kunst des positiven Radaumachens. Die Musik professionalisiert das. Sie hat den Krach urbar gemacht, sodass er Ernteerträge abwirft, die mitunter überraschend ausfallen. In ihrer unruhigen, juckigen Form erhöht Musik heilsamerweise meine mentale Temperatur und macht damit krankheitsträchtige Substanzen unschädlich. Rabimmel, rabammel, rabumm – mein Mixtape für heute:



 

PUBERTÄT REVISITED // Big Henry

WAAAHAAHAHAHAAA! WHOOHOHOHOOO…. SUCKER! SUCKER! WHOOOOOAH… S-U-C-K-E-R!!! (Rollins Band, Liar)

Als ich gerade damit begann meine Bibi-Blocksberg-Kassetten gegen Musik-Alben einzutauschen, waren Henry Rollins´ Zeiten bei State of Alert und Black Flag lange vorbei. Rollins Band hieß sein zu jener Zeit aktuelles Projekt, und zum ersten Mal sah und hörte ich das spätabends auf MTV: Rollins tobte halbnackt und in blutrote Farbe getaucht vor der Kamera herum und brüllte sich, um es blumig auszudrücken, direkt in mein Teenager-Herz. Nach den üblichen endlosen Beschaffungsmühen stand dann endlich Rollins´ 1994er Album Weight in meinem Regal, neben Pearl Jams Vitalogy, Tom Waits´ Bone Machine, Soundgardens Superunknown, neben Tool, Kyuss und Clutch, neben den Sex Pistols, The Clash und diversen Brit-Punk-Compilations – alles in reichlich zerkratzten CD-Hüllen, billig ergattert auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops. Als schüchternes Akne-Opfer mit gegen Null tendierendem Selbstwertgefühl hatte ich diese Alben mehr als bitter nötig – allein meinen Eltern und Großeltern, die im Hause mithörten, ob sie nun wollten oder nicht, war schwer zu vermitteln, wie segnungsreich die Entdeckung des Krachs als therapeutisches Mittel für mich war.


Die Methode, den Krach und die Wut als reinigenden Sturm durch sich hindurchfegen zu lassen um sich von Zögerlichkeit, von Halbheiten, von oft selbst auferlegten Fesseln zu befreien, wirkt Wunder. Als Lebenseinstellung jedoch lässt sich die Fokussierung auf Explosionsenergie schlecht permanent durchhalten. Speziell Punk und Pubertät teilen die Eigenschaft des Transitorischen: Ihre destruktiven Kräfte zersetzen alles, und das beinhaltet am Ende auch sich selbst. Die Wut von der Kette zu lassen – das funktioniert nicht als Dauerzustand. Aber es kann sehr hilfreich dazu beitragen, notwendige, neue Wege zu bereiten, wenn es in konstruktives Toben umschlägt.

No such thing as spare time. No such thing as free time. No such thing as down time. All you got is lifetime – GO! (Rollins Band, Shine)

Man sollte für spätere Zwecke unbedingt eine handliche Portion Pubertäts-Furor in Reserve halten. Insbesondere im Umgang mit sich selbst tut es oft gut, sich dem allmorgendlichen Spiegelbild nicht mit abwägender Unentschlossenheit, sondern mit wutbefeuerter Kompromisslosigkeit zu stellen.


Henry Rollins hat seit der Kindheit einige Wandlungsstufen absolviert. Vom schmächtigen und verhaltensauffälligen Knirps zum Bodybuilder, von der grauen Maus zum zeitweiligen Black-Flag-Frontmann und später zur Rampensau in eigenem Auftrag. Auf seinen Lorbeeren als Rock-Ikone hätte er sich durchaus ausruhen können, aber Rollins funktioniert nun einmal wie ein Hubschrauber im Flug: Sobald er nicht mehr rotiert, stürzt er ab. Weder Sex noch Drugs gehören für Rollins zum Rock´n Roll dazu, seine einzige Droge heißt Arbeit. Der bekennende Workoholic hat, anstatt irgendwann im Off zu verschwinden und Andere seinen Mythos pflegen zu lassen, lieber den riskanten Weg eingeschlagen, sich selbst auf verschiedensten neuen Feldern auszuprobieren – durchaus auf Kosten seines Mythos, denn mit seiner regen Aktivität geht er inzwischen unzähligen Menschen auf den Keks. Er ist Autor und Verleger, Schauspieler und Synchronsprecher, Menschenrechtsaktivist, er betreute Radio- und TV-Formate, produzierte Dokumentationen und tourt seit Jahren mit seinen Spoken-Word-Programmen durch die Welt. Dafür liebt oder hasst man ihn, je nachdem, ob man ihm, dem alternden Rockstar, die Wut und den allmorgendlichen kompromisslosen Blick in den Spiegel abnimmt oder nicht. Denn davon erzählt Rollins, in Interviews, in seinen Texten, besonders bei seinen Spoken-Word-Auftritten: vom ständigen Überdenken des eigenen Denken, vom Aufräumen mit dem Ego und anderen Scheinwahrheiten. Seine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen bringt er allenorts laut und dickschädelig mit ein, ob gefragt oder nicht, doch seine Härte gegen Andere geht bei Rollins einher mit einer großen Härte gegen sich selbst. Offensichtlich legt er keinen Wert darauf, sein Image aus seinen besonders erfolgreichen Zeiten zu konservieren, im Gegenteil zerlegt er in unzähligen erzählten Episoden sich selbst und beschreibt seine frühere Attitüde als Arroganz, die ihm heute peinlich ist, als billige Verschleierung von Unsicherheit, der man sich stattdessen offensiv stellen müsse. Immer wieder erntet er harsche Kritik für harsche Statements, mit denen Rollins in seiner Funktion als nimmermüder Alles-Kommentator tatsächlich manches mal übers Ziel hinausschießt. Doch zu Gute halten muss ich ihm den unbedingten Mut, immer eine eigene Meinung zu äußern, die Entschlossenheit, seinen ganzen Antrieb in den Dienst seiner Überzeugungen zu stellen, und seinen Spaß an Selbstkritik. All das kommt zum Ausdruck, wenn man ihm zuhört – sei es, wenn er sich als Vertreter der Spezies harter Kerl kategorisch für die Rechte von Schwulen ausspricht, sei es, wenn er seine Haltung gegenüber Männern mit Vokuhila-Haarschnitt (engl. Mullet) radikal überdenkt. Wer mag, findet dank Rollins´ hyperaktiver Produktivität Stunden über Stunden solchen Materials, das tatsächlich abbildet, wie Rollins sich über die Jahre verändert hat.