Thema Konsum

DINGE // Über Dinge, Bücher als Dinge und ein Buch über die Dinge


Jérôme war vierundzwanzig Jahre alt, Sylvie zweiundzwanzig. Beide waren Psychosoziologen. Ihre Arbeit, kein Beruf oder Metier im eigentlichen Sinn, bestand darin, Menschen mit Hilfe diverser Methoden über verschiedene Themen zu befragen. Es war eine schwierige Arbeit, die zumindest starke nervliche Konzentration erforderte, aber sie war nicht uninteressant, verhältnismäßig gut bezahlt und ließ ihnen beachtlich viel frei verfügbare Zeit.

Zunächst fällt gar nicht auf, dass es sich hier um Fiktion handelt – alles erweckt ganz den Anschein einer realen soziologischen Bestandsaufnahme. Was nicht von ungefähr kommt. George Perec brach, nicht anders als Sylvie und Jérôme im Roman, erst einmal sein Soziologiestudium ab; anschließend verfasste er mit seinem Erstlingswerk Die Dinge eine Milieustudie, deren Hauptfiguren prototypisch für eine moderne, städtische Mittelschicht stehen, die ihre Erfüllung im Konsum sucht.

Jung und ungebunden, verleben Sylvie und Jérôme in ihrer kleinen Wohnung in einem nicht noblen, aber charaktervollen Pariser Viertel eine unbekümmerte Zeit. Ihr Leben verlangt ihnen nicht ab, sich sonderlich um irgendetwas zu bemühen oder zu scheren, außer um ihre planvoll betriebene Zerstreuung. Sie lesen vormittags Lifestyle-Magazine, die ihnen die Hochglanzversion ihres eigenen Alltagsumfelds zeigen, und treffen abends Freunde, die sich von ihnen durch nichts unterscheiden. Dabei suchen sie gerade, und zwar permanent, wenn nicht sogar im Schlaf: das SPEZIELLE. Persönlichkeit gilt ihnen als die entscheidende Währung, doch Persönlichkeit ist genau das, woran es den Romanfiguren bitterlich mangelt.

Perec betrachtet Sylvie und Jérôme nicht im Lichte ihrer Herkunftsgeschichten, sondern konzentriert sich streng auf ihre unmittelbaren Lebensumstände und ihr Kaufverhalten – derweil lässt er die beiden im Dienste der Marktforschung ihrerseits Konsumenten zu deren Lebensumständen und Kaufverhalten befragen. Arbeiten die zwei gerade mal nicht, konsumieren sie selbst, soviel ihr Gehalt eben hergibt, und widmen sich geflissentlich der Verfeinerung ihres Stils bezüglich Kleidung, Inneneinrichtung, Lebenswandel. Die Ziele, die ihrem Denken Orientierung geben, sind nicht ideeller, sondern materieller Natur; unzählige Stunden verwenden sie darauf, sich ihren idealen Look für den Ausflug ins ländliche Umland auszumalen, nach dem perfekten Rotwein zu suchen oder sich, bis ins allerkleinste Detail, ihre Traumwohnung zusammenzufantasieren:

Es wäre ein Wohnraum, etwa sieben Meter lang, drei breit. Links, in einer Art Nische, stände ein großes schwarzes, abgewetztes Ledersofa zwischen zwei Bücherschränken aus heller Kirsche, in denen die Bände sich kunterbunt übereinanderstapelten. Über dem Sofa nähme eine alte Seekarte die ganze Länge der Wand ein. Hinter einem kleinen niedrigen Tisch, unter einem seidenen, mit drei breitköpfigen Messingnägeln an der Wand befestigten Gebetsteppich, würde ein anderes, mit hellbraunem Samt bezogenes, rechtwinklig zum ersten aufgestelltes Sofa zu einem kleinen hochbeinigen, dunkelrot lackierten Möbelstück mit drei Fächern führen, in dem sich Nippes befände: Achate und Steineier, Schnupftabakdosen, Bonbonnieren, Jadeaschenbecher, eine Perlmuschel, eine silberne Taschenuhr, ein geschliffenes Glas, eine Kristallpyramide, eine Miniatur in ovalem Rahmen.

Das ist nur ein kurzer Ausschnitt, bei dem ich’s hier bewenden lassen will – Perec zieht das beschreibende Erzählen an dieser und anderer Stelle im Roman indes seitenlang durch. Was ich keineswegs ermüdend finde. Vielmehr erzielen diese stoisch-ausführlichen Aufzählungsstrecken wirksam eine Bloßstellung des Zeitgeistes in seiner totalen, gähnenden Inhaltsleere.

Trotz seines neutralen Tons ist der Roman tatsächlich unterhaltsam. Sein Witz ist jedoch zugleich schmerzhaft: Jeder von uns kennt Sylvie und Jérôme, manche von uns SIND Sylvie und Jérôme, und während man anfangs bereitwillig dem Reflex nachgibt, die beiden für ihre harmlose Konsumsucht, die uns selbst so vertraut ist, zu belächeln, stellt sich nach und nach das bohrende, lastende Gefühl ein, man beobachte hier zwei Junkies während ihrer zunehmenden Verelendung, aus der sie aus eigener Kraft keinen Ausweg mehr finden.

Die Dinge ist ein Roman, der den Nerv der Zeit exakt trifft, um nicht zu sagen: ihn mit der Präpariernadel aufspießt. Der Gag daran: Die Dinge ist keine Novität im Herbstprogramm 2018, sondern erschien 1965 im französischen Original, 1967 dann in deutscher Übersetzung.

Vor über fünfzig Jahren, Herrgott! Was ist bloß dran an den Dingen, dass sie so an uns kleben, und wir an ihnen?


Seit ich Bücher als meine eigenen Bücher begreife (also seit Huckleberry Finn), pflege ich konsequent den Tick, jedem Buch, das als nächstes dran ist, vorab ein Lesezeichen aus meinem Fundus zuzuweisen.
Diese Wahl erfolgt zielstrebig, nur manchmal kommt es vor, dass ich den Bucheinband einem suchenden Abgleich mit meinem gesamten Lesezeichensortiment unterziehen muss, um die einzig stimmige, einzig gültige Kombination ausfindig zu machen. Meine Lesezeichen füllen einen großen Schuhkarton und sind nur selten echte Lesezeichen, hauptsächlich Postkarten und Fotos, außerdem Eintrittskarten für Museen und Konzerte, Fahrausweise, Flyer, Bierdeckel, Spielkarten, alte Ausschnitte aus Magazinen oder Zeitungen, Farbmuster-Streifen und so weiter.
Ich neige nicht dazu, mich mit Krempel zu belasten, aber dieser Karton ist mir heilig; zweifelsohne habe ich zu vielen Stücken darin eine nostalgische Verbindung. Doch die tritt während der Auswahl eines Lesezeichens hinter synästhetischen Aspekten zurück, so wie ich auch das betreffende Buch nicht allein einer Thematik oder einer Epoche, sondern einem Empfindungskomplex zuordne – das ergibt sich ganz von selbst aus dem spezifischen Gemisch von Optik und Haptik des Buchs, von Schriftgeruch, klanglicher Dynamik und Temperatur der ersten Textseite etc.
Es gibt weiche oder raue Bücher, es gibt grelle, dumpfe, kühle, grobkörnige, verkohlte, glasige oder katzige oder obstige Bücher, eins verströmt durch die ihm eigene Mixtur von Schriftart, Papierqualität, Kaffeeflecken, kritzeligen Anstreichungen mit Kugelschreiber und, schließlich, den Wörtern für mich den Geruch von Schmieröl, ein anderes den von Meerwasser, im nächsten rollt etwas auf und ab wie ein harter, körperwarmer Lederball, wieder eins vibriert innerlich grünglimmend, und so verhält es sich auch mit den Lesezeichen – und das ist lange nicht alles, aber es tut nicht not, der Menschheit mit Schilderungen quergekoppelter Sinneseindrücke auf die Nerven zu fallen.
Nur so viel: Ich verstehe gut, dass Dinge – völlig unabhängig von ihrer etwaigen Aufgeladenheit mit Konnotationen oder Erinnerungen – durchaus mehr bedeuten können als das, was ihnen in ihrer bloßen Dinghaftigkeit eigentlich zu bedeuten erlaubt ist.

Je nachdem, wie man gestrickt ist, neigt man ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger zu syn- oder ideasthetischen Wahrnehmungen, aber so wirklich fremd ist ihre Einflussnahme wohl niemandem.
Freilich spielen Erfahrung, Prägung, Konditionierung, die mindestens durchs unbewusste Hintertürchen Einzug in die Wahrnehmung halten, immer mit hinein – eine Abgrenzung lässt sich auf diesem Gebiet mit seinem wolkigen Grund und Boden oftmals schwer, mitunter gar nicht unternehmen. Dass man seinen Kaffee im Pausenraum deutlich lieber aus der, sagen wir, dunkelblauen bauchigen Tasse trinkt als aus dem zahnweißen zylindrischen Becher, das mag vielleicht auf eine lange, mikrokleinteilige und entsprechend unwichtige Erlebniskette zurückgehen, oder man hat’s einfach mit einem Hirn zu tun, das es mit der getrennten Verarbeitung von visuellen und gustatorischen Reizen nicht ganz so genau nimmt.
Wahrscheinlich gilt oft beides.
Ausdrücke wie „klirrende Kälte“, „Formensprache“, „runder Geschmack“, „schreiendes Gelb“ sind eingängig und eindeutig; sie sind für jeden nachempfindbar, wobei im Grunde keiner weiß, wie das kommt. Es ist selbstverständlich, während es objektiv doch gar keinen Sinn ergibt, dass man bestimmte Eigenschaften an Dingen, eine Ansammlung von Dingen, überhaupt irgendwas Dingliches abstrakt empfindet, etwa einen Stuhl als schön, oder die Einrichtung eines Badezimmers als fröhlich, oder eine bestimmte Architektur als kalt.

Natürlich sind Dinge immer etwas mehr als nur Dinge: Dinge konzentrieren und transportieren Geist.

Unser Verhältnis zu den Dingen ist ebenso vielschichtig wie unser Gehirn, weil es sich parallel zu diesem entwickelt hat und das auch weiterhin tut – eine lange Linie fortschreibend, die irgendwo im Dunkeln ihren Anfang nimmt und dann entlang der ersten Feuersteinklingen verläuft, die weiter zu Pelzkleidung und Knochenflöten und Klumpen von Birkenteer führt, weiter, weiter, zum ersten handgeschnitzten Holzpferdchen, zum ersten Totempfahl, immer weiter, zu Talg-Licht, Pinsel, Tongeschirr, zu Glasperle und Schutzamulett, zu Axt, Schwert und Pflug, zu Pferdesattel und Schiffskiel, Sandale, Krone, Dachziegel, Spinnrad, und immer noch weiter, zu Perücke, Pfefferstreuer, Puddingschüssel, Hosenträger, Zahnbürste, Kartoffel, Brille, Gießkanne, Dampfkessel, Propeller, Kugelschreiber, Stacheldraht, Lichtschalter, Muskatreibe, Fön, Plattenspieler, Schaltknüppel, Lakritzschnecke, Fidget-Spinner, iPad. Und als Mitläufer dieser großen Gesamtlinie erstrecken sich nebenher die ungezählten einzelnen Linien in ihrer winzigen Spannbreite. Eine zieht sich vom Strohlager ausgehend über den täglichen Graupeneintopf und stumpfgoldene Weizenfelder bis zur geriffelten braunen Panzerung des schädlichen Kornkäfers, wo sie auch schon wieder endet. Eine andere verläuft von gestärkter Leinenbettwäsche zu Matrosenkragen und Schultafel, über Bakelit-Telefon, Bartwichse, Blutwurst, Zaumzeug, die „noch lebende“ Druckerschwärze frisch hergestellter Zeitungen und abschließend zur Torpedorrohrklappe eines U-Boots Typ VII A. Meine führt vom petrolblauen Kinderbettbezug zum Salz-und-Pfeffer-farbenen Polstersofa, weiter über den Werkzeugschrank meines Vaters, die jadegrüne Badewanne, die Armbanduhr meiner Mutter, das Häkelgarn, die Kauri-Muschel, Apfelkompott, die gesprenkelte Murmel, die großväterliche Hustenbonbon-Dose, den Ringelpulli, Krawatten, Flachsteck- und Torpedosicherungen, den abgegriffenen Lack der Dame-Spielsteine, stumpfgoldene Weizenfelder, die polterigen Holzbohlen der Schulweg-Brücke, Runkelrüben, Dahlienknollen, die Sense, Schmieröl, den Schmetterlingskasten, den 1988er Passat Variant in Metallic-Braun, die bekritzelte Tischplatte in der Oberstufe, das silberne Feuerzeug, weiter, über die rußschwarze Fabriklampe und den Wanderrucksack, den gebrochenen Terrazzoboden im EG in der Sauerweinstraße 3, die Elbfähre, das Linolschnitt-Besteck, die Tresortür und die dunkelblaue bauchige Tasse im Pausenraum, noch weiter, über noch viel mehr, den Frottee-Elefanten und den gelben Pfannenwender, das steinerne Eichhörnchen, den anthrazit-grünen Buggy, die Schwanenfedern, das Umzugskarton-Raumschiff, den Kastanienbaum und bis zum glänzend roten Kochtopf mit Polka-Dots, in dem jetzt gerade das Essen köchelt.

Welcher Geist den Dingen innewohnt, und welchen Reiz sie aussenden – eine Zeit, die es einem erlaubt, sich (wie ich heute) tagesfüllend mit solchen Überlegungen zu beschäftigen, muss schlechterdings eine paradiesisch sorglose sein. Anders ausgedrückt: eine höllisch fade.

Was natürlich Blödsinn ist. Existenzielle Themen lauern an jeder Ecke, Autounfälle, Krebsdiagnosen und Konsorten metzeln sich eher still, aber nimmermüde durch den Privatalltag, irgendwo, ob in der Supermarktschlange, im Park, auf dem Elternabend, im Arztwartezimmer oder mitunter beim Blick in den Spiegel, hat man’s täglich unweigerlich mit Menschen zu tun, deren Leben gerade kein bisschen sorglos und fade ist.
Wer die Hölle also sucht, der findet sie garantiert. Und wer nicht, den findet sie auch von sich aus.
Das tatsächlich sorglos-fade Leben, in dem sich alles nur um Krempel dreht, ist nicht unbedingt der Mainstream, auch wenn dieser Eindruck medial breitgeschlagen wird. Ob es uns generell zu gut geht, ist eine Frage, die viel geschmacklichen Spielraum bietet.
Dass wir allerdings nicht damit umzugehen wissen, wenn es uns selbst und anderen reell schlecht geht, das glaube ich dagegen sicher – da ist man ganz schnell allein, der Ofen aus und alles im Eimer.

Ist es menschlich da nicht nachvollziehbar, wenn die Flucht vor der lauernden Hölle alias dem echten Leben im IKEA-Showroom endet? Wenn ein Pinterest-tauglicher Alltag zum Ideal verklärt wird? Unser tägliches Zeug gib uns heute, und vergib uns unsere Schulden! Wenn eine Klimaerwärmung um 4°, die das Ende unserer Zivilisation bedeutet, eh unausweichlich ist, in ziemlich naher Zukunft sogar, was haben wir dann noch von Nachhaltigkeit? Von Verzicht? Wenn schon aussterben, dann bitte mit Stil – die Eiswürfelmaschine hilft, die Cocktails zu kühlen, mit denen wir uns schnell noch betrinken, und die schmelzenden Sohlen unserer neuen Sneaker kleben total hübsch an der glühenden Erdkruste fest.
Es ist doch völlig wurscht, welch billige Art von Halt und Trost teurer Nippes so bietet – die Hölle bietet jedenfalls keinen.


Ich kaufe meine Bücher übrigens gern gebraucht. Hab ich immer schon. Ich mag den Gedanken sehr, dass ein Buch, das bereits durch andere Hände gewandert ist, von diesen Händen je einen Hauch PERSÖNLICHKEIT aufgesaugt und weitergetragen haben könnte – bis zu mir. Ich sehe keine Flecken oder Knicke, ich sehe nur akkumulierten CHARAKTER!

Die Dinge war in dieser Hinsicht ein guter Treffer: Überraschenderweise erwies sich mein antiquarisch gekauftes Exemplar als ein durch viele Hände gewandertes (und dann wahrscheinlich geklautes) Bibliotheksstück! Aus – guck einer an – London! Ist das nicht total SPEZIELL?


>>Georges Perec, Die Dinge ist derzeit bei diaphanes lieferbar bzw. antiquarisch in diversen hübschen Varianten zu kriegen


Fotos: Grebe

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DINGE // The Ineradicable Krempel

Geparden haben Probleme. Ich meine welche außer uns Menschen, unabhängig von uns Menschen; ich meine genuine Gepardenprobleme.
Das schnellste Landtier der Welt hat eine ungeheure Jagderfolgsquote. Dank seiner Spitzengeschwindigkeiten. Aber gerade da liegt der Gepardenhaken: Ein 60kg-Tier, das es auf rund 100km/h bringt, verlangt seiner Physis damit freilich das Äußerste ab. Mehr geht nun wirklich nicht. Nach der energieintensiven Jagd muss der Flitzer möglichst sofort fressen – häufig aber wird ihm seine Beute postwendend von den kräftigeren Räubern abgenommen, denn mit seinem auf Schnelligkeit ausgerichteten Körperbau ist gegen, sagen wir, eine wuchtige Hyäne einfach kein Ankommen. Im ohnehin zierlichen Gepardenkopf, dessen Nasengänge dem Atemvolumen entsprechend auch noch übergroß gebaut sind, ist kein Platz für ein konkurrenzfähiges Gebiss – usw. Und nicht zuletzt bedeutet die Sprintorientiertheit der Geparden auch einen natürlichen Deckel für ihre Geburtenrate: Trächtige Tiere erreichen keine Höchstgeschwindigkeiten, die Rate ihrer Jagderfolge sinkt.
Ich könnte mir stundenlang Aufnahmen jagender Geparden anschauen, das wird nie langweilig. Zeitlupengedehnte Muskelkontraktionen, das Zusammenspiel von Sehnen, Gelenken und Hochleistungswirbelsäule, dieser Schub, der in der Schulter-Unterrücken-Achse wurzelt und den die zerbrechlich erscheinenden Gliedmaßen auf unebenem Boden in bombastische, eigentlich unfassbare Beschleunigung übersetzen: von 0 auf 100 in drei Sekunden.
Ein Produkt jahrtausendelanger Anpassung an die Anforderungen, die ihre Umwelt den Geparden stellte, denke ich und blinzle einmal, zweimal andächtig. Gleichzeitig frage ich mich aber doch, ob die Natur sich da nicht irgendwie verrannt hat und das, was ich jetzt bestaune, womöglich bereits ein Auslaufmodell ist – Hyperspezialisierung erschließt selbst die kleinsten Lücken, ja, aber in diesen Lücken ist es eben eng. Und winkt nicht da hinten, am Zielpunkt solcher arg zugespitzten Wege, als Trophäe oft bloß noch das Aussterben?

Im Drogeriemarkt.
Ich stehe ratlos am wöchentlich wechselnd bestückten Angebotsregal und frage mich, warum zum Kuckuck wir tatsächlich diesen Krempel kaufen:
Verstellbare Spülbürste / Gesichtsmassagegerät mit Mikrodermabrasionstechnologie – professionelles Diamantpeeling! / Faltbare Salatschleuder.
Alle wissen reell, dass das niemand braucht. Alle wissen, dass das reine Überflussprodukte sind, die nicht die Welt verschönern oder gar verbessern, sondern sie bloß sukzessive übermüllen, und dazu kosten sie auch noch Geld, in der Herstellung, in der Anschaffung, mitunter auch noch im Verbrauch, und nichts davon täte not. Alle wissen das.
Faltbare.
Salatschleuder.

Natürlich wird nur darum so blindlings produziert, weil gekauft wird. Aber warum wird so blindlings gekauft, nur weil produziert wird?

Warum eigentlich stehe ich hier so am Regal herum?

Im Grunde kenne ich gar keine Langeweile, ich gehe also nicht einkaufen, um mich zu beschäftigen – was ich persönlich für eine der wichtigsten Konsum-Triebfedern halte, insbesondere beim Internetkauf.
Ich bin auch keine kompetitive Konsumentin, ich muss nicht „mithalten“. Was Luisa und Anne gekauft haben, brauche ich noch lange nicht. Ich kapiere nicht, was den Spaß an diesem Wettbewerb ausmachen soll, und wie tief dieses Bedürfnis, das zu haben, was alle haben, wohl sitzen muss. Wie eingeprügelt.

Apropos Prügel: Ich war längst nicht das einzige Kind, das auf dem Schulhof Kloppe von den Benetton-Pulli-Kindern kriegte, weil meine Sachen von den älteren Schwestern, von C&A oder aus dem Supermarkt waren. Ich kam aber nie heim und schrie, ich wolle endlich auch mal Adidas-Schuhe oder Oilily-Taschen haben – ich drosch stattdessen in der nächsten Pause mit Attacke zurück. Bis heute macht es mich ernsthaft aggressiv, wenn mir jemand Marken-Namen vorflötet. Ebenso gereizt reagiere ich wiederum auf Spielplatz-Eltern, die sich als Fair-Trade- und Nachhaltigkeitskommission betätigen. Himmel noch eins, im Grunde wünschte ich mir doch bloß, dieser ganze Mumpitz spielte in unserem Umgang miteinander keine, und zwar wirklich so gar keine Rolle.
Apropos Kinder: Ich hab ein ganz mulmiges, widerwilliges Gefühl, wann immer ich diese Neusitte beobachte, Geschwister von Geburtstags- oder Einschulungskindern mit Ausgleichsgeschenken, mit eigenen Minischultüten zu versorgen, als wäre das sonst ungerecht. Ich fände viel besser, einem Kind zu vermitteln, dass es der Schwester, dem Bruder, die einmal einen ganzen Tag lang im Mittelpunkt stehen, das auch gönnen darf und das Kind an einem anderen Tag im Jahr schließlich selbst im Mittelpunkt steht, statt es darauf zu dressieren, dass es aus den besonderen Erlebnissen Anderer immer auch einen Kompensationsanspruch für sich selbst ableitet. Das Ganze schafft mehr Neid-Leid als es lindert – das glaube ich fest, aber laut sage ich das natürlich selten, denn ich muss schon aufpassen, dafür nicht als herzlose und außerdem geizige Arschlochmama gelyncht zu werden.
Apropos Mama: Warum fühlen wir uns überhaupt ständig gezwungen, unsere (hoffentlich) Liebe (oder was sonst?) in einer Maßeinheit auszudrücken, die „gekaufter Spielkram“ heißt?

Ich rede übrigens gern mit meinem Mann und meinem Kind, auch mit Freunden, sogar mit meiner Mutter; jedenfalls: Ich glaube nicht, dass ich übermäßig oft Dinge anschaffe, nur um künstlich für Ablenkung bzw. für Gesprächsthemen zu sorgen. Ich frage immer „Wie geht’s dir?“, weil mich das immer interessiert – „Wo hast du das gekauft?“ frage ich dagegen selten. Mein Sohn fragt viel öfter „Wollen wir was basteln?“ als „Kann ich das Tablet haben?“, noch zumindest. Als Pärchen kann man, entweder aus lauter Langeweile aneinander oder schlicht aus Angst, sich ansonsten ernsthaft unterhalten zu müssen, natürlich ersatzweise, sagen wir, neues Essgeschirr auswählen, kaufen, gemeinsam ausprobieren, diskutieren, rezensieren etc. Ich finde allerdings sinnvoller, sich erst dann einen neuen Satz Teller anzuschaffen, wenn man sich zuvor kräftig klirrend gestritten hat. Bloß, wer kommt denn überhaupt noch dazu, sich ordentlich zu streiten, wo man einander doch so wunderbar aus dem Weg gehen kann, indem man, jeder für sich, das Internet nach Sneakern, formschönen Thermosflaschen, Edelsteinstaub zur Trinkwasser-Energetisierung, handgenähten Wimpelgirlanden, Sonnenbrillen, Nasendilatatoren, aus Skateboard-Holz gedrechselten Ohrringen, japanischen Rennrädern usw. durchforstet?

Krempel fragt nicht, Krempel versteht.

Leider kann ich mich für praktische und/oder liebenswerte Überflüssigkeiten einfach nicht begeistern. Ich horte, das gebe ich zu, ein bisschen Erinnerungsschnickschnack, aber das Bedürfnis, regelmäßig zusätzlichen Schnickschnack anzuschaffen, geht mir komplett ab. Ich misstraue diesem Zeug zutiefst, denn es verlangt mir meistens auch noch ab, dass ich irgendwas Überflüssiges damit anstelle, was den Rahmen meiner Verhaltensweisen vollends ins ungesund Blödsinnige hinein verschieben würde. Kostbare Zeit verplempern, das kann ich hervorragend im Internet, das genügt mir schon, danke – wozu mich also auch noch mit Produkten eindecken, deren einziger Zweck darin besteht, dass ich meine Zeit mit ihnen noch besser verschwenden kann? Saisonal wechselnde Dekorationsartikel, die ich stundenlang hin und her arrangieren kann. Die Staub sammeln, damit ich diesem wiederum mit diversen Haushaltsutensilien zu Leibe rücken kann. Dinge, die mich beschäftigt halten, damit ich nicht stattdessen über, du liebe Güte!, mich selbst nachdenken muss.

Es gab Zeiten, da galt man als Hausfrau und Mutter tatsächlich nur als das: als Frau, die im Haus festhing und sich dort um Haushalt und Kinder zu kümmern hatte. Welche Nöte und dementsprechende Bedürfnispalette sich daraus ergaben, und wie sich diese im Sortiment der Warenhäuser und Drogerien niederschlugen, ist nur logisch. Die Kaffeekranzkultur der Wirtschaftswunderzeit zum Beispiel, mit ihren Sammeltassen, Tassendeckchen zur Schonung der Untertassen, bunten Kaffeekannenwärmern, Tropfenfängern aus Schaumstoff mit schmetterling- oder blümchenförmigem Dekor, Spitzendeckchen usw., hat nicht umsonst jahrzehntelang überdauert, bis sich der Lebensalltag irgendwann doch einmal wandelte.
Als notwendiges Element, um den Alltag erträglich gestalten zu können, sind inzwischen einfach modernere, aber genauso hochgezüchtete, bis zum Gehtnichtmehr ausdifferenzierte Trostproduktwelten an ihre Stelle getreten. Immer noch kauft man – in haarsträubender Masse – Zeug, das den Geist häuslicher Geborgenheit heraufbeschwören soll, um, ich weiß auch nicht, unsere Angst vorm nackten, kalten Alltag darunter zu ersticken? Man google an dieser Stelle bitte einfach die Begriffe „Grillbedarf“ oder auch „Hygge“: Wer Oma damals für ihre penible Gardinenpflege belächelt hat, kann angesichts 18teiliger Grillsets in frischer Farbgestaltung inklusive Silikonhandschuhen, Rauchwedel, BBQ Meat Claws für Pulled Pork, kupferbeschichteter Antihaft-Grillmatte etc. bei Bedarf nun gerne sich selbst auslachen oder sich das cosy Kaschmir-Grobstrick-Plaid bis über die schamroten Ohren ziehen.

Nichts von all diesem unsinnig spezialisierten Gedöns braucht es wirklich auf der Welt, die dadurch ja nicht das kleinste bisschen weniger schlecht, weniger gleichgültig gemacht wird, nicht wahr?
Nur, wenn ich mich schon frage, was zum Henker das eigentlich alles soll – müsste ich mich da nicht auch fragen: Wozu überhaupt braucht die Welt nun unbedingt ihre Geparden?
Und wozu braucht sie eigentlich unbedingt solche Leute wie –
Wozu braucht sie, bitteschön, mich?

Warum stehe ich hier am Regal herum?
Um mir etwas scheinbar Harmloses anzuschauen: eine Sache von höchster Dinglichkeit, die, ich wette mal, uns alle überdauern wird.


Foto: Grebe