Thema Kindheit

HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (1)

Ich muss Édouard Louis gar nicht lesen. Wozu? Ich brauche mir nicht von einem Schriftsteller erklären, schildern, begreiflich machen zu lassen, was ich aus eigenem Erleben kenne oder aus engeren Kreise erfahren kann.
Hab ich’s nötig, dass überhaupt irgendwer mir behilflich sein will, etwas zu verstehen, MICH zu verstehen? Hilfe jeglicher Art ist eh bloß Einmischung. Überflüssig. Verdächtig, scheinheilig.
Und sowieso: Was sollen denn immer diese Privatschauen, diese literarische Wühlerei in den eigenen Kinderwindeln – seinen eigenen Quatsch behält man gefälligst für sich!

Dahinter steht, ganz klar, eine dieser Maximen, die schon immer Gültigkeit besaßen für die EINFACHEN LEUTE: dieses ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Wer unter einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Himmel, in einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Haus aufgewachsen ist, entwickelt seltener den Gedanken, wie wichtig für sich selbst – vielleicht sogar übergeordnet wichtig – es sein könnte, von den Dingen zu berichten, mit denen man allein klarzukommen hat. Sie erklären, schildern, begreiflich machen zu wollen.

Natürlich habe ich Édouard Louis rauf und runter gelesen und bin, wenn ich auch nicht immer auf seiner Linie liege, heilfroh, dass es ihn gibt. So geht es mir wirklich – ich sehe einen frisch erschienenen Louis irgendwo ausliegen, nehme ihn mit und denke: Ich bin froh, dass du da bist, Édouard.

Diese Art von Solidarität ist freilich abhängig vom Kontostand. Das nicht einmal 80seitige Wer hat meinen Vater umgebracht gibt es hierzulande gebunden für schlappe 16€; in Frankreich kostet das Original natürlich auch Geld.
Louis schreibt von den EINFACHEN LEUTEN bzw. der UNTERSCHICHT, und er schreibt durchaus für sie, also: in ihrem Sinne. Als Produkt richtet sich das Ganze aber gezielt an Haushalte, wo Stimmen der EINFACHEN LEUTE, der UNTERSCHICHT eher selten und vielleicht auch nur mittels eines teuren, hübschen, viel besprochenen Bändchens Prosa Eingang finden.

Es ist eine Streitschrift über herrschende Ungerechtigkeit innerhalb der französischen Gesellschaft, die, Louis zufolge, lange gewachsen und politisch legitimiert ist. Über die Arroganz der Politik gegenüber der Mittel- und Unterschicht. Über die pauschale Verächtlichmachung bestimmter Milieus durch die Eliten. Und nicht zuletzt über die Menschen jener Milieus, die unter dem Eindruck permanenter Herabwürdigungen vonseiten der Politik, Wirtschaft, Medien ihre Fähigkeit verloren haben, für sich selbst in der ersten Person zu sprechen.

Eigentlich geht es in dieser Schrift über den Vater, den man bereits aus >Das Ende von Eddy kennt, um zutiefst Privates. Wie immer, bei Louis. Aber wie immer, und nicht nur bei Louis, geht es zugleich um die klassische Frage: Wie politisch ist das Private?

Édouard Louis antwortet, indem er die Verzahnung von Politik und Privatem am Beispiel seines Vater schildert, und zwar nachdrücklich: „Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.“ Seit einem Arbeitsunfall lebt Louis‘ Vater im wahrsten Sinne mit gebrochenem Rückgrat. Nun als kraft- und nutzlos dazustehen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht mehr erfüllen zu können, empfindet er als Schande. Die ohnehin prekäre Lage der Familie rutscht mit dem Unfall ins Elende ab. Gesundheitlich erholt sich der Vater nie, im Gegenteil arbeitet er seinen Körper, um nicht seinen schmalen Unterstützungsanspruch zu verlieren, in immer wechselnden, ungesunden Jobs zugrunde – so verlangen es die Ämter. Und die folgen den Vorgaben der Politik. „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat,“ schreibt sein Sohn über ihn. Gemeint seien die Menschen, die Macron „Faulpelze“ nenne.

Louis könnte hinzufügen, der Zustand der Vater-Sohn-Beziehung, die er beschreibe, sei eine Anklage des gesellschaftlichen Zustands. Man wird so sehr fremdbestimmt, dass man sich unweigerlich selbst fremd wird – wie soll man da Anderen nahekommen?

Das alles haben Sie sicher schon zigmal über den neuen Louis gelesen und gehört, so oder so ähnlich.
Im Feuilleton spielen alle wieder mit. Die einen tätscheln ihren Liebling, die anderen freuen sich über neuerliche Gelegenheit, ihn als überschätzt zu deklarieren.
Man zeigt sich entweder ergriffen und empfindet den Ton als berührend, als feinfühlig, poetisch. Man ist bewegt. Oder man rümpft die Nase. Man fragt, ob Louis hier nicht etwas zu übermütig den Boden der Literatur verlassen habe, ob er zu nah am Populismus operiere – Iris Radisch druckst wenigstens nicht so herum, sondern betitelt Wer hat meinen Vater umgebracht in ihrer Rezension vom 24.01. (DIE ZEIT 05/2019) direkt als „vulgärsoziologisches Pamphlet“ .

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, Wer hat meinen Vater umgebracht sei keine Literatur mehr. Aber dann hat Louis nie welche geschrieben. Was Louis schreibt, vom Debüt an, sind stets autobiografische Schilderungen des Privaten, das sich zugleich politisch verstanden wissen will. War das je Literatur? Es war immer Politik der ersten Person.

Generell wirken sich politische Entscheidungen auf das gesellschaftliche Klima aus, und dieses Klima bestimmt, was darin gedeiht und was nicht. Für die EINFACHEN LEUTE und insbesondere für die UNTERSCHICHT gilt indessen, so Louis, dass sich politische Entscheidungen viel direkter, konkreter auf das Leben der Einzelnen auswirken.
Louis erzählt von dem Herbst, als der Zuschuss für Schulbedarf der Kinder um hundert Euro erhöht wurde – es wurde gejubelt, man fuhr gemeinsam ans Meer. „Der ganze Tag war das reinste Fest für uns.“ Ein anderer Herbst, 2017: „Emmanuel Macron nimmt den ärmsten Franzosen fünf Euro pro Monat weg […]. Seine Regierung erläutert, fünf Euro seien doch unerheblich. Sie haben keine Ahnung […]. Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“
Ob man Politik so unmittelbar zu spüren bekommt oder nicht, das definiert für Louis den Unterschied zwischen Oben und Unten: „Die Herrschenden mögen sich über eine Linksregierung beklagen, sie mögen sich über eine Rechtsregierung beklagen, aber keine Regierung bereitet ihnen jemals Verdauungsprobleme, keine Regierung ruiniert ihnen jemals den Rücken, keine Regierung treibt sie jemals dazu, ans Meer zu fahren. […] Sie bestimmen die Politik, obgleich die Politik kaum Auswirkungen auf ihr Leben hat.“

„Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können, die zum Stillschweigen verdammt sind“, sagt Louis. Was heißt „zum Stillschweigen verdammt“? Es heißt zum Einen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht überwinden zu können, um wirklich von sich selbst zu sprechen. Es heißt zum Anderen, dass ein Gegenüber fehlt, das sich angesprochen fühlen und zuhören würde.

Und nun? Das Feuilleton liest Louis, ist gerührt, legt ihn wieder weg. Das Feuilleton liest Louis, ist degoutiert, legt ihn wieder weg. In keinem Fall fragt das Feuilleton: Was will Louis – von uns?

Das Feuilleton deutet Louis‘ Schreiben erstaunlich einseitig aus – regelmäßig. Mit seinem Debüt räche er sich an seiner Familie für seine unglückliche Kindheit; in seinem Debüt zeige er seinen Hass auf den Vater und fände nun jedoch, in Wer hat meinen Vater umgebracht, zu einer Versöhnung mit ihm; mit Wer hat meinen Vater umgebracht schlage sich Louis, wohlgemerkt ein Bildungsemporkömmling aus dem Prekariat, medienwirksam (Gelbwestenalarm!) auf die Seite des Pöbels.
Was Louis‘ Prosa für mich ausmacht, ist dagegen gerade die Ambiguität der privaten Betrachtungen. Als Kind liebt UND hasst Louis seinen Vater – innerhalb der Familie beruht das jeweils auf Gegenseitigkeit -; er wünscht, er könne mehr Zeit mit seinem Vater verbringen, UND er wünscht, der Alte würde einfach verschwinden; inzwischen, als Erwachsener, kommt er seinem Vater nah UND bleibt ihm dabei doch fremd. Louis schreibt über die Verhältnisse seiner Herkunft, ohne sie zu schonen, aber doch in aller Vielschichtigkeit.
Das Feuilleton sieht diese Vielschichtigkeit nicht oder lässt sie nicht gelten, sondern es setzt einseitige Sichtweisen einfach voraus. Es denkt: Ein unglückliches Leben ist automatisch eines, in dem man nie auch glücklich war. Wer einen Vater hat, der nichts taugt, muss automatisch froh sein, nicht mehr mit ihm reden zu müssen, anstatt traurig, weil er gern mehr mit ihm geredet hätte. Wer den Bildungsaufstieg geschafft hat, ist automatisch erleichtert, nicht mehr zu den Deppen zu gehören, genießt sein neues Leben und schreibt bloß noch aus Rache über früher.
Das Feuilleton denkt hier in Pauschalurteilen.

Von einer Anklage spricht Louis nie im Zusammenhang mit seiner Familie. Die einzigen Anklagen, die Louis wörtlich ausspricht, richten sich konkret an einzelne, namentlich genannte Politiker, und pauschal an die Eliten.

Natürlich darf man Wer hat meinen Vater umgebracht ein Pamphlet nennen, denn es ist ja eins – es formuliert scharf und polemisch. Zwiespalte darzulegen, relative Sichtweisen auszuarbeiten, das sind bloß schöne Hobbys, solange sie nicht bewirken, dass andernorts endlich ein Erkennen, ein Verstehen, eine Reaktion stattfinden. Und es ist genau diese Trägheit andernorts, die Louis diesmal so angriffslustig werden lässt: „Auch das habe ich bereits erzählt – aber ich muss mich doch wiederholen, wenn ich von deinem Leben erzähle, denn von einem solchen Leben will niemand hören! Man muss sich doch wiederholen, bis sie uns zuhören! Um sie zum Zuhören zu zwingen! Wir müssten doch eigentlich schreien!“
Da ist er, der Zorn.

Das Feuilleton fragt nie: Was will Louis von uns? Es fühlt sich selbst – als Organ der Bildungseliten, denen Louis eine vereinfachende und herablassende Sichtweise auf die EINFACHEN LEUTE vorwirft – nicht von Louis angesprochen.
Es fragt sich gar nicht erst, ob es in dessen Wutschrift wohl mitgemeint sein könnte.

Louis stellt dieser Wutschrift eine Art Regieanweisung voran: Wäre dies ein Theaterstück, müsse es mit einer Szene beginnen, die Vater und Sohn nebeneinander aufgestellt zeigt, „in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum“ . Der Sohn versuche zu seinem Vater zu sprechen, dieser könne ihn aber nicht hören; der Vater selbst spreche wiederum kein Wort.
In seinem Herkunftsroman Das Ende von Eddy beschreibt Édouard Louis, wie die von Mangel geprägten Familienverhältnisse und der trostlos-ruppige Charakter seiner Heimatgegend alles erdrückten, was nicht selbst betonhart war. Wie er mit seiner eigenen Homosexualität haderte, weil er ihretwegen aus der Norm fiel, die hier für die Leute, für ihn galt. Wie sein Vater ebenso mit ihm haderte – nicht allein deswegen, weil sein Sohn sich als schwul entpuppte, sondern zudem als begabt, interessiert, sportlich schwach, gut in der Schule.
Louis erklärt, dass er ohne sein Schwulsein, das ihn von der Norm entfernte, diese Norm gar nicht erst bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt hätte. Und dass es sein Schwulsein und seine Flucht in die Bildung waren, die ihn von seinen Verwandten, besonders seinem Vater entfernten, da diese stets eins mit der Norm waren: Sie hatten die Norm nie bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt. Aber den Sohn, Bruder, Cousin stellte man in Frage – und fühlte sich zugleich durch ihn arrogant in Frage gestellt.

Vom Prekariat in die Bildungsschicht aufgestiegen, behält Louis seinen Fokus bei: der einzelne Mensch vs. die Verhältnisse. Nur die Blickrichtung ist hier eine umgekehrte: Während er in Das Ende von Eddy aus eigener Perspektive erzählt, wie die Unterschicht ihm das Leben schwer machte und die Elite ihn aufnahm, berichtet er in Wer hat meinen Vater umgebracht stellvertretend für seinen Vater, wie die Unterschicht diesen prägte und die Oberschicht dessen Leben sabotierte.

Nehmen wir einmal an, Louis und sein Vater, die nebeneinander im Raum stehen und keinen Zugang zueinander finden, funktionieren, über das private Bild hinaus, auch als Gesellschaftsbild. Nehmen wir einmal an, wir sehen hier zugleich eine akademisch geprägte Schicht und eine prekäre Schicht, die sich nicht miteinander verständigen können, und der Raum, den sie teilen ist, sagen wir, Frankreich.

Nur Frankreich?


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HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (2)

Sie merken, das wird ein ausufernder Text, aber ich habe heute keine Lust, oberflächlich zu bleiben.

Meine Eltern haben nie gesagt: „Spiel nicht mit den Unternehmerkindern!“
Ich weiß nicht, wann und wodurch genau mir bewusst wurde, dass es soziale Trennlinien gibt, die entlang von Einkommensgrenzen verlaufen. Vielleicht waren’s die Schulhofprügel, die ich für meinen mangelnden Style kassierte. Vielleicht war es die Beobachtung, dass am Gymnasium niemand außer mir die Putzfrau grüßte – nicht einmal diejenigen Mitschüler, die mit mir und dem Sohn der Putzfrau in der Grundschule Klassenkameraden gewesen waren. Vielleicht war es auch der Gedanke irgendwann, dass die SPD bloß noch Politik für Betriebsräte mache.

Eine Zeitlang habe ich in einem Kleindiscounter gearbeitet – Kassieren, Ware abpacken, Bürokram. Ein Polo-Shirt-Job. Einem ständig hohem Krankenstand und einer versaubeutelten Personalführung sei Dank, arbeitete ich dort viel zu viel und über weite Strecken mit nur einer weiteren Mitarbeiterin. Kollegin A.: kein Schulabschluss, alleinerziehend mit zwei Kindern, lebenslang wohnhaft im Nachbarort, ohne PKW, Mundwinkelqualmerin. Wir schimpften den Laden kurz und klein, lachten viel, waren uns immer einig – ich arbeitete gern mit A.
Nachdem ich irgendwann gekündigt hatte, las A. nach Kassenabschluss oft aus den nach und nach eingehenden Bewerbungsschreiben vor. „Nä, was ist das denn? Gerade Abitur gemacht. Will hier arbeiten, bis er an die Uni kommt… Hör mal, ich hab keinen Bock auf so’n scheiß Gymmi-Spasti hier!“ Ich pruste gespielt empört: „Hallo! Ich hab auch Abitur, ja?“ – nichts, was A. nicht wüsste. A. tätschelt mütterlich mein Knie: „Halt die Fresse, du zählst nicht.“ „Türlich! Ich war sogar mal an der Uni, Hase!“ A. gackert und winkt ab: „Ja ja, ksssscht!“

„Du zählst nicht“ – an der Uni hatte ich das auch oft gedacht. Meine Geschwister waren entweder weniger hemdsärmelig als ich, oder sie waren einfach weniger dünnhäutig.

Spielplatz. Wir unterhalten uns mit einer fremden Mutter, wie man das auf Spielplätzen so macht, und sind einander ganz sympathisch. Ihr Mann sei Opernsänger, erzählt die Andere irgendwann, sie selbst arbeite am Institut für XY. Über unsere eigenen Berufe erzählen wir derweil nichts; stattdessen kommt unser Gespräch bald wie von selbst auf die AfD, weil die, zu jener Zeit relativ frisch gegründet, gerade zum Thema auf allen Kanälen geworden ist. „Es ist unfassbar“, empört sich die Andere, „dass sich solche ungebildeten Prolls auf einmal zu einer Partei zusammenrotten und ihren Blödsinn so öffentlich verbreiten können! Es ist widerlich! Ich meine, die stehen wirklich für alles, wogegen unsere [ihre Hand fuchtelt einen Kreis, der mich und meinen Mann einschließt] Eltern ’68 auf die Straße gingen!“
„Unsere Eltern“. Woher diese automatische Einordnung?
Was liegt ihr zugrunde? Die blinde Annahme, jenseits des Bildungsbürgertums existiere kein intelligentes Leben?

Meine Eltern stammen aus traditionell kleinbäuerlichen Familien. ’68 waren meine Eltern 20 Jahre alt, arbeiteten seit fünf Jahren (mein Vater als Elektriker, meine Mutter als Bürofräulein), hatten vor einem Jahr geheiratet und das erste Kind bekommen; außerdem bauten sie in Eigenleistung ihr eigenes Wohngeschoss aufs Elternhaus drauf, fernab der Großstadt. Meine Eltern verstanden sich als EINFACHE LEUTE.

Was für Bezeichnungen und Attribute würde man ihnen im heutigen Diskurs wohl zuweisen?

Zurück zum Spielplatz. Ein Kind klatscht hin und heult. Eine Mutter, deren Garderobe, Spielzeugsortiment und Wortwahl ziemlich schlicht anmuten, ruft ihm zu: „Heul nicht – steh auf!“ Der Klassiker.
Unter EINFACHEN LEUTEN selten kritisch hinterfragt, denn: Mit genau dieser Parole hält man sich selbst einigermaßen senkrecht, so im Alltag. Wozu sollte man sein Kind, dem später wohl kaum ein rosigerer Alltag blühen wird, erst an was anderes gewöhnen? Schöne Verarsche wäre das!
HEUL NICHT – STEH AUF leitet sich direkt ab von ICH KOMME ALLEIN KLAR, da besteht eine erstgradige Verwandtschaft. Zur selben Familie gehören auch WAS EINEN NICHT UMBRINGT HÄRTET AB, SELBST IST DER MANN (bzw. DIE FRAU), SO IST DAS und EIN INDIANER KENNT KEINEN SCHMERZ.

Wem genau nützt diese Familie von Leitsätzen? Wer profitiert eigentlich von der psychologischen Arbeit, die diese Sätze leisten?

Mein Vater hat sich sein Leben lang nie beklagt. Auch während seiner Krebsbehandlung hat sich mein Vater nie beklagt; er hat alles getragen WIE EIN MANN. Kein Jammerwort, niemals. ICH KOMME ALLEIN KLAR. HEUL NICHT – STEH AUF.
Ich weiß nicht, ob das gesund für ihn war. Das ist keine rhetorische Anmerkung – ich weiß das wirklich nicht.

Harte, folgsame, duldsame Männer brauchte man seit jeher, um sie in Kriegen verschleudern zu können. Ein überzüchtetes Männlichkeitsideal ist, so seh ich das, eine bange Anpassung ans soldatische Ideal, das bis ins Zivile hinein ausstrahlt. Unverändert.

Wenn mein Vater als Kind hinklatschte und heulte, bekam er eine Klatsche extra, „damit du wenigstens weißt, warum du heulst“ (noch so ein Klassiker).
Kurz nach dem Führerschein fuhr ich meine erste Delle ins Familienauto, stellte die lädierte Karre auf den Hof und heulte Rotz und Wasser. Ich schämte mich, bodenlos. Jedes Auto blieb mindestens ein Hundeleben lang in der Familie; mein Vater hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Ein Auto war ein Familienmitglied, verdammt. Abgesehen davon kostete ein neuer Kotflügel natürlich Geld. Mein Vater besah sich den Schlamassel. „Ist doch nur Blech, Mädchen!“, tröstete er. „Musst nicht heulen, Mensch.“ Aber ich kriegte mich noch nicht wieder ein, ich war scheißwütend auf mich. Mein Vater versetzte mir also einen ironischen Spaßklaps auf den Hintern: „So, damit du wenigstens weiß, warum du heulst!“ Er lachte, ich lachte; Ende der Geschichte.

Mein Vater kam aus tristen Verhältnissen und bekam seine Klatschen routinemäßig. Mir wurde zu Hause nie irgendwas um die Ohren gehauen; Dresche gab’s bei uns kategorisch nicht.
Heute bemerke ich oftmals an mir, dass ich mich im Umgang mit meinem Kind unbewusster Muster bediene. Handgriffe, die meine Eltern, Großeltern, Urgroßmutter so oft an mir taten, dass sie in meine eigene Motorik übergegangen sind. Reaktionsmuster, die aus erlebter Kindheit abgerufen werden. Natürlich ist man viel mehr als die bloße Blaupause seiner Eltern, und doch ist es viel schwerer als ich früher, ohne Kind gedacht hätte, sich bestimmter Muster bewusst zu werden und sich, nötigenfalls, ihrer zu entledigen.
Sich, wie mein Vater zum Beispiel, seinen Kindern gegenüber entschieden anders, besser zu verhalten, als man es von seinen eigenen Eltern kannte, ist eine echte Entwicklungsleistung.
Für solche Leistungen gibt es im gesellschaftlichen Schrank für Kompetenzen, Qualifikationen und Meriten keine Schublade. Sie zählen nicht. Es sind stille Leistungen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass Prügel in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens sind.
Vieles ist in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens, und viel zu selten wird daran erinnert.

Mein Vater war ein echter Marlboro-Mann. Er trug Jeans, Karohemd, Schnauzer. In der Hosentasche immer einen kleinen Blechkamm, im Mundwinkel immer eine Kippe. Seine Wangen wurden abends schon kratzig, Gesicht und Nacken im Sommer sofort siouxbraun; seine Handwerkerhände blieben ewig rau.
Heutzutage würde er, da bin ich sicher, unbesehen in die Kiste mit den reaktionären Machos sortiert werden, in die er nie gehörte.
Mein Vater brachte uns Töchtern bei, wie man Lampen anschließt, eine Bohrmaschine bedient, sich selbst zu helfen weiß. Wir mussten keine Prinzessinnen sein. Sein Sohn musste selbstverständlich kein Fußballspieler sein, auch wenn mein Vater Fußball liebte. Meiner Mutter gegenüber gab es keine herablassenden Worte, keine Grobheiten, keine zotigen Sprüche, niemals, und das kannte ich schon als Kind aus manch anderer Familie ganz, ganz anders.

Obwohl man uns als „bildungsfernen Haushalt“ klassifiziert hätte, gingen meine Eltern mit uns, wenn es irgendwie ging, in jedes Museum, das sich anbot. Der Fernseher wurde hauptsächlich angeschaltet, wenn die Nachrichten oder Doku-Filme liefen. Wir spielten Dame und Schach. Auf Ausflügen wurde jede Kirche, jede historische Anlage, jedes Hafenschiff, jedes Denkmal begutachtet. Wir gruben Fossilien aus alten Steinbrüchen und stiegen auf hohe Aussichtstürme. Gucken kostet nichts. Leute, die sichtlich nichts dagegen hatten, dass wir sie bei Bauarbeiten beobachteten oder beim akrobatischen Übungen im Park, beim Krebsfang, Holzschnitzen, Stelzenlauf oder was auch immer, wurden ausgiebig interviewt. Fragen kostet nichts.
Neugier kostet nichts.
Meine älteste Schwester machte als erstes Kind aus dem Ort Abitur, studierte Sonderpädagogik. Schwester 2 wurde Grafikdesignerin, mein Bruder Historiker. Ich bin die einzige, die im Studium nach zwei Semestern merkte, dass sie keine Akademikerin ist, aber auch Buchhändlerin ist kein bildungsferner Beruf.
Wir Geschwister haben nicht TROTZ unseres Elternhauses die Kurve gekriegt.

Wir hatten zwar keine wirklichen Rücklagen, aber wir kamen immer ALLEIN KLAR. Was wäre gewesen, wenn mein Vater damals nicht immer hätte arbeiten können, sondern in die Arbeitslosen- und später Sozialhilfe gekommen wäre?
Nachdem mein Vater starb, hatte meine Mutter immerhin noch das fast schon abbezahlte Haus, bekam ein bisschen Rente, ein bisschen Pflegegeld, Kindergeld; irgendwie ging’s. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn die Eltern gegen Monatsende kein Essen mehr kaufen können und man zusammen zur Tafel geht. Ich weiß, dass das nicht schlimm ist, schämen sollte man sich für ganz andere Dinge und nicht dafür – aber wie es sich anfühlt, weiß ich eben nicht. Wie es sich auswirkt, das weiß ich nicht.

Meine Mutter wäre gern Damenschneiderin geworden, wurde aber Bürofräulein, später Hausfrau. Erst betreute sie uns vier Kinder, pflegte ihre Großmutter, im Anschluss dann ihre Mutter und zwischendrin meinen sterbenden Vater; alles zu Hause.
Eine andere Kollegin aus dem Discounter arbeitete in Vollzeit bei uns, außerdem abends und an den Wochenenden an einer Tankstelle, um genug für sich und ihre unfallinvalide Mutter zu verdienen. Sobald die üblichen Zeitverträge ausliefen, suchte sie sich einen neuen Discounter, eine neue Tankstelle.
Was für zeitliche Reserven, was für Energiereserven sollten solche Leute noch locker machen können, um sich weiterzubilden?
Oder gar, um sich gesellschaftlich, politisch zu engagieren?

Oder auch nur, um mal von sich selbst zu erzählen, sich diese Ohnmacht ein bisschen von der Seele zu reden? Widerhall zu erfahren?
Von sich selbst zu sprechen, in der ersten Person, das ist ein Schritt in Richtung Selbstermächtigung.

Was hätte meine Mutter während ihrer Jahre als pflegende Angehörige geschrieben, hätte sie da einen Facebook-Account gehabt?
Nichts natürlich. In den schlimmsten Phasen schaffte sie binnen der wenigen freien Minuten knapp zu essen, duschen, schlafen.
Rein, wirklich rein hypothetisch hätte sie geschrieben: „Brauche neue Tipps zu Dekubitus-Profylaxe – stop – Kann jemand einfache Gymnastikübungen gegen Rückenschmerzen empfehlen – stop“. Fünf Leute hätten geantwortet, wie gut ihre Angehörigen es in diesem oder jenem [unbezahlbaren] Heim hätten; acht hätten geschrieben, die Ausländer seien an allem schuld; zwei hätten von homöopathischen Mittelchen geschwärmt; vierzehn hätten Herzchen geschickt; zwei hätten gefragt: „Und wer denkt an die erschütternden Zustände in der Putenmast? Keiner, oder was?!“; einer hätte kommentiert: „wie dumm bis du denn“; einer hätte erwähnt, dass Gott all seine Kinder liebe; achtundzwanzig hätten meiner Mutter erklärt, dass man Prophylaxe nicht mit f schreibe, sondern mit ph, und dass, auch wenn es danach aussehe, es noch lange keine eingedeutschte Form von…

Obwohl meine Eltern fürchterlich stolz auf uns waren, brachten uns das Abitur in der Stadt, das Studium in der Großstadt auch auseinander, nicht nur räumlich. Das war ein stiller Vorgang.
Ich glaube, ich habe erst in den letzten Jahren, in denen meine Mutter und ich plötzlich zum ersten Mal so richtig Zeit hatten, als Erwachsene miteinander zu sprechen, verstanden, was meine Mutter tatsächlich alles zu erzählen hat. Genauso hat meine Mutter erst jetzt verstanden, dass sie erzählen kann und darf. Wenn ich jetzt an die Jahre zuvor denke, kommt es mir rückblickend fast so vor, als hätten wir einander da gar nicht gekannt.

Pflegen und Kümmern zählen übrigens auch zu diesen stillen Leistungen, für die sich niemand interessiert.

Unsere Straße wird gerade saniert. Da es sich um eine Anliegerstraße handelt, werden die Baukosten auf die Privathaushalte umgelegt. Ein 150 Jahre altes Hofgrundstück wird von der Eigentümerin, einer 80jährigen Bauernwitwe nun verkauft. Der Hof ist unmodern, teils sind die Böden nur gestampft, die Dachstöcke nicht alle isoliert, die Gebäudeteile nicht alle elektrifiziert. Ställe, Scheunen, Jauchegruben. Wer das kaufen wird, wird wohl alles abreißen. Die Baukosten-Umlage berechnet sich anhand der Grundstücksfläche; anhängige Agrarflächen werden zu 85% mitberechnet. 80.000€. Die Witwe klagt nicht selbst; Anwohner-Sammelklagen sind nicht zulässig. Sie beklagt sich auch nicht – in einer kleinen Wohnung habe man es vielleicht auch leichter, nicht? ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Ich liebe unsere alte Straße. Als ich zurück aufs Dorf kam, wollte ich unbedingt hierher. Jedes Mal, wenn ich nun an diesem Hof vorbeikomme, den ich schon als Kind schön fand, wird mir schlecht.
Mein Elternhaus ist in der Nebenstraße. Wenn ich daran denke, die Nebenstraße wäre damals saniert worden und meine Mutter hätte 80.000DM bezahlen sollen, natürlich nicht bezahlen können, das Haus verkaufen müssen, nicht verkaufen können (auch so ein altes, verbautes Bauernhaus), wird mir schlecht. 80.000DM – solche Summen gab’s doch nur im Fernsehen! Was hätte sie gemacht? Mit meiner bettlägerigen Oma und zwei Kindern im Haus?
Wenn ich mir bloß ausmale, die Nebenstraße würde nächstes Jahr saniert werden und meine Mutter müsste 40.000€ bezahlen, wird mir so übel, ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Man kann so schnell, so schnell aus allen Sicherheiten fallen.

Menschen wie meine Eltern, und solche Menschen, die prekärer leben, als meine Eltern das taten, spielen im gesellschaftlichen Diskurs zumeist keine gestaltende Rolle. Zumeist schaffen sie und ihre Belange es gar nicht erst in die öffentliche Wahrnehmung. Sie kamen sowieso immer irgendwie ALLEIN KLAR, und den Rest machte die SPD. Das war innerhalb der letzten Jahrzehnte wohl nie viel anders.
Anders ist nun allerdings, dass einst so geläufige, in sich einheitliche Identitätsbilder – Unterschicht, Arbeiterschicht, Bildungsschicht – nicht mehr recht zur Einordnung und Feststellung von Identität taugen. Und mit den geläufigen Identitätsbildern zerfallen auch die geläufigen Kongruenzen zwischen einem bestimmten Identitätsbild und der dafür zuständigen Volkspartei.
Über unserem Haus wehte, unsichtbar, immer eine rote Fahne. Ich wusste immer, welche Art von Politik für Leute wie meine Eltern untragbar, unwählbar war; heute dagegen weiß ich gar nicht zu sagen, was Leute wie meine Eltern überhaupt noch wählen könnten, wählen sollten.

Wiederum sehr genau weiß ich, was mein Vater zu Pegida, AfD etc. gesagt hätte, und die Rechtspopulisten sollten sich hüten, so großspurig zu verkünden, sie sprächen im Namen aller EINFACHEN LEUTE.

Die Rechtspopulisten – und zählen Sie bitte die BILD-Zeitung hinzu – nehmen für sich in Anspruch, Stimme des Volkes zu sein, wen auch immer sie damit meinen. Sicher ist aber: Den EINFACHEN LEUTEN verhelfen sie nicht zu einer Selbstermächtigung.
Rechtspopulisten wollen keine selbstermächtigten, sondern soldatische Menschen. Schritte zu echter Selbstermächtigung ermöglichen sie niemandem; sie nehmen die Identitätsfragen, sozialen Fragen, Alltagsfragen der EINFACHEN LEUTE nicht als solche ernst, sie suchen nicht nach wertigen Antworten.
Sie bieten billige Identitätslösungen. Die faule Masche, aus dem Geburtsort ein pseudoeinheitliches Wir abzuleiten. Eine Fantasie-Gemeinschaft.
Sie bieten billige Steigbügel, um aus der Schwächeposition gefühlt in eine Position der Stärke zu wechseln. Den faulen Mechanismus, noch Schwächere in den Keller zu trampeln, um sich selbst eine Etage höhergestellt zu fühlen. Fantasie-Problemlösungen.
Dieser Inklusionsquatsch an Schulen zum Beispiel? Teure, schulvergiftende Gutmenschen-Romantik! Der Rechtspopulismus identifiziert stets die Schwächsten, schreibt ihnen die Rolle der Problemträger zu und agitiert auf den gesellschaftlichen Ausschluss solcher Problemträger hin. Das ist billig. Der politische Wille, der politische Einsatz, die nötig sind, um aus einem System voller bröckelnder Schulen, dem es überall an Geld, Personal und Technik mangelt, ein grundsätzlich besseres zu machen, nämlich ein gut funktionierendes System für alle Kinder – dieser Wille und Einsatz wären teuer.
Der Rechtspopulismus drückt sich strukturell davor, echte Probleme anzugehen, echte Lösungen zu finden, echte Stärke zu schaffen. Das ist schlicht feige. Der Rechtspopulismus ist – um seine eigenen Sprachbilder anzuwenden – ein feiger Polit-Schmarotzer, der sich von gesellschaftlichen Problemen ernährt.

Warum sagen die EINFACHEN LEUTE selbst unter einer Präsenz der AfD in Bundestag, allen Landesparlamenten und auf Lokalebene, in Tagespresse, Fernsehen und Radio gebetsmühlenartig „Uns hört ja keiner zu“ ? Die Einen genießen es, vorsätzlich die Opferrolle zu spielen. Den Anderen hört wirklich keiner zu, denn auch wenn die AfD ja viel spricht, spricht sie im Dienste einer Ideologie und nicht der Menschen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass eine Vorliebe für rechtspopulistische Positionen in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens ist.
Die Afd bezieht ihr Personal und ihre Wählerschaft auch, und zwar nicht zu knapp, aus akademischen und Unternehmerkreisen.
Dieser in allen Medienformaten so beliebte Schluss Afd = EINFACHE LEUTE ist nicht bloß zu einseitig. Viel fataler ist, dass er – als falscher Signalverstärker – den EINFACHEN LEUTEN geradezu suggeriert, die AfD sei genau ihre Partei.

Édouard Louis wettert in Wer hat meinen Vater umgebracht ebenfalls reichlich agitatorisch daher, steht allerdings links der Mitte. Weit links. Er staubt die rote Fahne ab, holt sie raus zum Marschieren, wendet das Vokabular des Klassenkampfs an: die „Herrschenden“ , die „Unterdrückung“ . Louis will den Rechtspopulisten die Deutungshoheit über das Prekariat entziehen. Er will aber nicht einfach, dass das Prekariat soldatisch marschiert, links der Mitte bitteschön, sondern er will, dass es für sich, in der ersten Person, spricht, redet, schreit. Und er will die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Eliten, die Politik zurückpassen, will ihnen diese Verantwortung um die Ohren hauen, denn es sind die Schwächsten, die den Mangel an Problemlösungen seit Jahren ausbaden, sozial, finanziell, psychisch und physisch; er will ihnen die Schuld zurückgeben, die seit Jahren auf die Schwächsten geschoben wird.

Ob er hier nicht für persönliche Zwecke seinen Vater instrumentalisiere, wird hier und da kritisch gefragt. Ob diese Zurschaustellung des Vaters ebendieser Selbstermächtigung, die Louis sich für seinen Vater wünsche, nicht vollkommen widerspreche, nicht vielmehr eine gewaltsame Aneignung darstelle – das ist ein Aspekt, der Louis selbst beschäftigt, wie er in diversen Interviews äußert. Aber welche Plattformen würden seinem Vater schon offenstehen? Facebook vielleicht?

Den Schlusssatz seines aktuellen Buchs spricht Louis‘ Vater. Der fragt den Sohn, ob er, wie als Jugendlicher, immer noch so viel auf Demos gehe, politisch interessiert und aktiv sei, worauf Louis antwortet, das sei er „jetzt mehr denn je“ . Der Vater erwidert: „Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.

Wer sollte eine solche Revolution gestalten? Die Rechten, die Linken? Sollen die Gelbwesten ruhig hier ein bisschen Revolution fürs Prekariat machen, die Jugendlichen da ein bisschen Revolution fürs Klima, die Gewerkschaften immer mal ein bisschen Revolution für den öffentlichen Dienst?

Wer profitiert vom Mangel an Geschlossenheit zwischen gesellschaftlichen Lagern und Splittergruppen, von Reibungsverlusten an gesellschaftlicher Energie? Wen füttert all unsere im Stillen gehaltene oder fehlgeleitete Wut?

Eine Revolution für alle müsste damit beginnen, dass wir erkennen, welche gemeinsamen Probleme abseits aller Filterblasen tatsächlich bestehen:
Es mag dem akademisch ausgebildeten Freiberufler, der an selbstausbeuterische Arbeit und unsichere Auftragslagen gewöhnt ist, vielleicht nicht in den Sinn kommen, aber er teilt seine Probleme seltener mit seiner Auftraggeberschaft, deren Milieu er sich zurechnet, als viel häufiger mit einer Zeitarbeiterin mit Hauptschulabschluss, die im Arbeitsalltag genauso wenig Planungs- und Verdienstsicherheit kennt wie er.
Das Unternehmertum beklagt oftmals eine Neidkultur, die uneinsichtig ignoriere, welches Risiko das Unternehmertum, zumal in Zeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung, zu tragen habe. Wer sagt, die EINFACHEN LEUTE trügen keine Risiken? Worin sollte sich die Angst davor, ein Unternehmen zu verlieren und danach mit Nichts in den Händen dazustehen, grundsätzlich unterscheiden von der Angst davor, einen existenzsichernden Arbeitsplatz in einem Unternehmen zu verlieren und danach mit nichts in den Händen dazustehen?
Sollte die pegidanahe Kleinjobberin, die einen Teilzeit- und mehrere Nebenjobs jongliert, um über die Runden zu kommen, und die sich deswegen nah am Burnout bewegt, sich zugleich aber keine Auszeiten erlauben kann, nicht einsehen, dass der türkischstämmige Teilzeitarbeiter, der zusätzlich mehrere Nebenjobs unterhält, um über die Runden zu kommen, und der sich deswegen nah am Burnout usw., nicht der Volksfeind ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Peergroup?
Wenn die Alleinerziehende es nicht wegen kaum bezahlbaren Wohnraums, unflexibler Arbeitsmodelle bei gleichzeitiger Minderbezahlung von Frauen, zurechtgeschusterter Betreuungsmodelle und zig anderer Dinge im Alltag so schwer hätte, sondern von wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Seite her mehr Unterstützung erfahren würde, hätte sie womöglich auch leichter Reserven übrig, um sich um Klimafragen zu kümmern.
Gehen Sie in ein Krankenhaus. Fragen Sie AssistenzärztInnen, PflegerInnen und dazu PatientInnen quer durch alle Einkommenslagen, Bildungsschichten, Parteisympathien, Religionszugehörigkeiten, Altersstufen und, was weiß ich, Schuhgrößen, ob sie die Verhältnisse im deutschen Klinikwesen prima finden!

Auch wenn Gemeinsamkeiten mitunter nur partiell bestehen – sind sie deswegen nicht trotzdem valide? Taugen solche Gemeinsamkeiten nicht vielleicht am ehesten zur validen Grundlage für eine Revolution, von der wir alle profitieren würden – und eben nicht bloß die Populisten hier und das Großkapital da, denen wir alle, egal aus welchem mehr oder minder bodennahen Biotop wir stammen, nun wirklich scheißegal sind?


>>Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht (S.Fischer)


DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus.
Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten – ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen -, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können – bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei auch als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht. Es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche der Büchersendung benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da liegen auch noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen.
Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken.
Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts.
Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila); erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Juni 1992 ist.


Foto: Grebe


>>Esther Kinsky, Hain. Geländeroman (Suhrkamp) €24,-

>>Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller