Thema Hannover

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Sven Amtsberg, Superbuhei

Langenhagen

Kennen Sie zufällig Langenhagen? Nicht nur den Flughafen, meine ich? Ich schon. Das ist eine dieser Vorstädte, die den Tellerrand Hannovers bilden, und der Tellerrand ist nun einmal nicht dort, wo das Schnitzel platziert wird, sondern wo sich ein schlaffes Salatblatt und die Pommes befinden, die als erste auskühlen. Dort, wo die letzten, müdesten Ausläufer des großstädtischen Gebiets auf die ländliche Region treffen. Das ist Ödnis für Fortgeschrittene. Dort wohnt Jesse Bronske.

Was macht man so in Langenhagen? Nicht viel. Aber nicht zuletzt: viel saufen. Einigen lokalen Gewohnheitstrinkern ist Jesses Kneipe ein Zuhause geworden. Das Klaus Meine liegt, wie anderswo Bäckereifilialen oder Blumenläden, im Eingangsbereich eines Supermarktes – dem örtlichen Superbuhei. Vom Tresen aus hat Jesse einen guten Blick auf seine Freundin Mona, sonnenbankgebräunte Kassiererin und, wie Jesse sagt, „eine Sitzschönheit“. Erfreulichere Ausblicke bieten sich nirgends, nach Abwechslung sucht man hier vergebens. Im Klaus Meine – das Jesse zwar aus juristischen Gründen umbenennen musste, der Einfachheit halber in Kleine Maus, was aber von ihm wie von der Stammtrinkerschaft konsequent ignoriert wird – laufen pausenlos die Songs der Scorpions, allmorgendlich eingeleitet von Wind of Change; das illustriert schön das Ausmaß der Tristesse des Bronske’schen Alltags, sowie das ironische Gemüt des Sven Amtsberg.

Während Musik und Trinkergefasel Déjà-vu-Ketten produzieren, spielt sich Jesses Leben im Ganzen ebenso als Wiederholungsschleife ab: Aus „dem brackigen Becken der Gewöhnlichkeit“ nämlich, worin Jesse sich abstrampelt, schafften es schon seine Eltern nicht heraus. Die Parallelen zu Jesses eigenem Lebenslauf sind so deutlich, dass er zu der Überzeugung gefunden hat, die Durchschnittlichkeit seiner Eltern, an und unter der sie so sehr litten, sei eine auf ihn übergegangene Erbkrankheit. Statt einer Kneipe in einem Supermarkt, betrieben die beiden einen Imbiss auf einem Supermarktparkplatz. Und ganz ähnlich, wie Jesse vertrauliche Briefe an Klaus Meine schreibt, zwängte sich Vater Bronske seinerzeit in einen weißen Glitzeranzug, um sich seinem Idol nahe zu fühlen, und brachte es als „Elvis von Rahlstedt“ zu kläglicher Berühmtheit. Dort nämlich, in Rahlstedt, Hamburger Nordost-Tellerrand, lebten sie damals: Vater, Mutter, Jesse – und Aaron. Solange jedenfalls, bis erst Mutter, dann Vater verschwand, und es für Jesse bald mit Aaron nicht mehr auszuhalten war.

Was Jesse rückblickend über seine Kindheit und Jugend, seine Eltern und den Bruder vor sich hin sinniert, lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner herunterkürzen: das erfolglose, sich in Oberflächlichkeiten erschöpfende Ringen um Größe, Sichtbarkeit, Liebe. Und wenn das, in Zeiten von Selfie und Clickbait, von filtergeschönter Selbstpräsentation und der Marktschreierei der Egos, kein hohes Identifikationspotential besitzt, dann weiß ich’s auch nicht – heutzutage sind wir schließlich alle ein bisschen Bronske, manche vielleicht mehr, manche vielleicht weniger. Mutter trat erfolglos im Laientheater auf, klapperte regionale Schönheitswettbewerbe ab und bekam das Heulen über den Grillfettgeruch, der so hartnäckig von ihrer Haut Besitz ergriffen hatte, dass er sich schließlich nicht einmal mehr durch ausgiebiges Baden beseitigen ließ. Vater versuchte sich, bevor er vollends Elvis wurde, als fiebriger Erfinder, außerdem als Salzteigkünstler. Die Bronske-Brüder probierten es mit einer Metal-Band, von der sie beide als Metal-Duo übrig blieben, bis sie das mit der Musik am Ende einfach ganz an den Nagel hängten.

Für Jesse folgte der Abgang nach Langenhagen – aber wie ging’s mit Aaron weiter? Und warum verschanzt sich Jesse allabendlich im gemeinsam mit Mona bewohnten Haus, hat sich eine Schusswaffe organisiert und starrt beunruhigt ins wogende Maisfeld, das direkt hinter der Grundstücksgrenze beginnt?

Wem von klein auf ein erbittertes Streben nach Besonderheit vorgelebt, wem eingetrichtert worden ist, dass allein individuelles Hervorstechen – und sei es auf dem banalsten oder albernsten Gebiet – die Basis liefert, um geliebt zu werden, um zu überleben gar, der verteidigt jegliche Einzigartigkeit, die er für sich zu beanspruchen vermag, mit allen Mitteln. Und gegen jede Konkurrenz. Angesichts der elterlichen Vorarbeit, die im Hause Bronske diesbezüglich geleistet wurde, verwundert es nicht, welche Abgründe sich da zwischen Jesse und Aaron, den eineiigen Zwillingsbrüdern, auftun.

Je härter Jesse sich gegen Aaron verteidigt, desto mehr kommt ihm abhanden, was noch zu verteidigen wert ist, und das ist ohnehin schon herzlich wenig. Vor allem droht Mona sich zu verabschieden. Langsam bekommt sie es nämlich mit der Angst zu tun – aber nicht wegen Aaron. Sondern wegen Jesse selbst. Denn Mona, die Aaron noch nie begegnet ist und seltsam findet, dass es keine Fotos gibt, die beide Brüder zusammen zeigen würden, glaubt nicht daran, dass Aaron überhaupt existiert. Schließlich wäre Jesse nicht der Erste, dessen Psyche in Reaktion auf die Unerträglichkeit der eigenen Alltagstristesse eine Persönlichkeitsstörung ausbrütet. Sicher, denkt man altklug, Jesse tickt nicht ganz sauber. Nur kommt man nach und nach ins Schwanken: Indem Amtsberg das Normalwesen dermaßen grotesk überzeichnet, dass hier eine bis auf die Knochen gestörte Kollektiv-Psyche offenbar wird, zeigt sich, dass es vielmehr die Anderen sind, die ganz und gar nicht sauber ticken, und so fragt man sich, ob es nicht eher ausgerechnet Jesse ist, dessen Urteil man trauen sollte.

Wäre dieser Roman ein Zimmer, dann wär’s wohl das eines mittel-uncoolen Teenagers anno 1995, das, ganz ironisch, flächendeckend mit Scorps- und Elvis-Postern plakatiert wäre – aus der Stereoanlage aber käme rund um die Uhr das Geschrammel der Hamburger Schule. Zu nicht unerheblichen Teilen hatte ja auch die ihre Wurzeln in der Provinz. Ähnlich, wie deren später auf den Plan getretene Dunstkreisgenossen: der musikalische Klüngel ums Grand Hotel van Cleef etwa, oder das Entertainmentkunstprojekt namens Studio Braun. Und genauso, wie Amtsberg selbst, der gebürtiger Langenhagener, seit den Neunzigern in der Hansestadt ansässig und dort prima vernetzt ist. Jedenfalls: In Superbuhei quält sich Jesse so hilflos mit der Bitterkeit des Gewöhnlichen herum, dass er glatt einem Song von Tocotronic oder Die Sterne entstiegen sein könnte. So distinguiert, wie man das vom Diskursrock her kennt, kommt Amtsbergs Romandebüt aber nicht daher – der Ton erinnert mitunter eher an den eines Rocko-Schamoni-alias-Georgie-Snyder-Telefonstreichs. Wer’s mag; nur käme der Roman, der durchaus mit Thriller-Elementen hantiert, im Ganzen sicherlich etwas zugkräftiger voran, hätte Amtsberg auf die ein oder andere Szene verzichtet, deren Skurrilität mehr dem Selbstzweck als der Story dient. Klar ist es witzig, dem Marktleiter des Superbuhei den Namen Stanislawski zu verpassen – kleine Anspielung auf den Sankt-Pauli-Kulttrainer, der seinen Trainerjob irgendwann aufgab und stattdessen überraschenderweise einen Rewe in Winterhude als Marktleiter übernahm. Klar auch, dass man in einem Roman, der ein bisschen Milleustudie unter Trinkern und Proleten betreibt, um ein paar eingestreute Kalauer nicht herumkommt – und die Sprache der Hauptfiguren, die bis zum Hals in jenem Millieu stecken, dem herrschenden Umgangston ein Stück weit angleichen muss. Dass Amtsberg streckenweise etwas zu ausgiebig in derlei Kleinkram und Kolorit badet, lässt allerdings eine Grundfrage, die vom Plot transportiert wird und in der es um Abgrenzung und Eigenständigkeit geht, aus dem Fokus geraten: Wo hören die Anderen auf und fängt das Ich an?


>>Sven Amtsberg, Superbuhei (Frankfurter Verlagsanstalt), gebunden, €24,-


Foto:Grebe

HANNOVER // Alte Conti

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1999 wurde, nach einhundert Jahren Betrieb, das Zweigwerk der Continentale AG in Hannover-Limmer stillgelegt. In den Folgejahren blieb das gewaltige Areal mit Werkhallen und Bürogebäuden ungenutzt sich selbst, oder vielmehr: den Fotografen, Künstlern, Schaulustigen, dem Partyvolk und den streunenden Jugendcliquen überlassen, die, angezogen vom zunehmend endzeitlichen Charme der Industriebrache am Mittellandkanal, jene Unstadt-in-der-Stadt für sich eroberten. Rost, Wildwuchs, Scherben und Graffiti überzogen die teilweise lebens-, weil einsturzgefährlichen Backsteinruinen, die zum Spielplatz für Erwachsene und Halbstarke wurden. 2009 begann man die historischen Gebäudekomplexe mit aufwändigen Spreng- und Räumungsarbeiten zu beseitigen. Heute sind nur noch wenige markante Elemente der alten Werksanlagen erhalten – unter dem Namen Wasserstadt Limmer sollen hier neue Wohn- und Geschäftsräume entstehen, unter Einbeziehung einiger denkmalgeschützter Altbau-Reste wie dem Conti-Turm. Die Zeiten abenteuerlicher Dach-Besteigungen, Retro-Technik-Ausgrabungen, dröhnender Feiereien und stiller Rückzüge jedenfalls sind vorbei, der Spielplatz ist geschlossen.


>>Bild: Alte Conti Limmer (Grebe, 2013)


HANNOVER // Gerrit Engelke und der Lärm des neuen Europa

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Sucht man nach Dichtern, die in einer Verbindung zu Hannover stehen, springt zunächst Kurt Schwitters ins Sichtungsfeld und nimmt dort einen großflächigen Platz ein. Das Aushängeschild hannöverscher Dichtung schreibt sich, von hinten wie von vorne, A-N-N-A. Irgendwo in Frau Blumes Schatten entdeckt man als nächstes den kleinen, volkstümelnden Ludwig Hölty mit seinen kleinen Frühlingsblumen. Direkt daneben aber taucht Gerrit Engelke auf, und da ist dann Schluss mit Blümchen, da qualmt es aus Fabrikschloten, röhrt es aus Hochöfen, jaulen die Maschinen und dröhnen die Schritte des Arbeiterheeres.


Gerrit Engelke, Der Mittler

Dich, Dichter und Denker,
Umstürzt das tosende Meer der Lärm-Welt:
Kreischende Wellen, zischende Gischt hasten wie Springflut,
Dich umbrüllend, dir zu.
Wellen um Wellen schleudert die Welt um dich auf:
Fabriken, von fauchenden Eisenbahnen durchtummelt,
Laufende Menschen, schreiende Menschen,
Ineinander geschobene Pferde und Wagen,
Straßenbahnen,
Aufgesprengte Domtürme, Sing-Prozessionen,
Boot-Gewimmel,
Dampfer mit Heul-Sirene,
Und Qualm, Lärm, Qualm, Hammerlärm –
Alles
Stürzt zusammen
Und fällt hämmernd rasselnd blitzend schreiend
Über dich her!

Da faßt dich eine rasende Springwoge
Und schleudert dich hoch!
Höher –
Ein letzter Gischtspritzer leckt dir den Fuß
Und – da schwebst du in Sphären-Klarheit
Erlöst über der Dampf-Welt,
Über der Kampf-Welt da unten, tief unten –
Sink wieder hinab,
In die Welt,
Dichter und Denker!
öffne den Menschen
Die Sinne mit deinem Wort,
Laß sie erkennen, die Menschen,
Den Welt-Trieb-Geist,
Den Gottgeist.


>> Gerrit Engelke (1890, Hannover – 1918, bei Cambrai), der nach der Volksschule eine Malerlehre absolviert hatte, betrieb eine agitationsferne Form der Arbeiterdichtung, die, anstatt sich politisch zu positionieren, nach einem angemessenen Ausdruck für die sich wandelnden Verhältnisse suchte. Richard Dehmel, den Engelke 1913 kennengelernt hatte, verhalf ihm zu ersten Veröffentlichungen in Paul Zechs Zeitschrift Das neue Pathos. Dadurch entstanden Kontakte, die Engelke zu den Werkleuten auf Haus Nyland führten, einem dem Themenkomplex Industrie/Kunst verpflichteten Zirkel aus bürgerlichen und arbeiterschaftlichen Schriftstellern, Dichtern, Malern, Gebrauchskünstlern und Architekten, dem Engelke später selbst beitrat. Seine Texte erschienen von da an auch in der von den Werkleuten herausgegebenen Quadriga. 1916 veröffentlichten er und Heinrich Lersch, ein Kesselschmied und Lyrik-Autodidakt, sowie Karl Zielke gemeinsam den Band Schulter an Schulter – Gedichte von 3 Arbeitern. Zu weiteren Veröffentlichungen kam es nicht mehr: Gerrit Engelke wurde zum Kriegsdienst einberufen und starb, nahe dem heftig umkämpften französischen Cambrai, nach schwerer Verwundung in einem Lazarett der Briten. 1921 wurden die Gedichte aus seinem Nachlass unter dem Titel Rhythmus des neuen Europa von Jakob Kneip, einem Mitglied der Werkleute, herausgegeben.


HANNOVER // Graue Stadt ohne Meer

Passerelle Hannover Sonja GrebeHannover Sonja GrebeHannover Sonja Grebe

Der Jugend Zauber für und für / Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, / Du graue Stadt ohne Meer. Das kommt mir – frei nach Theodor Storm – so in den ironischen Sinn, als ich nach reichlich langer Zeit mal wieder über den Raschplatz streune. Als „Hinterausgang“ des Hauptbahnhofs Hannover war der Raschplatz, der heute allerdings mit sehr viel weniger Naserümpfen begehbar ist als in Vor-Jahrtausendwende-Zeiten, seit jeher Sammelpunkt für Obdachnot, Drogenelend, für jedwede Verwahrlostheit städtischer Couleur. Desgleichen galt für die ehemalige, in den Raschplatz mündende Passerelle, eine unterhalb des Bahnhofs entlang führende, schäbig-dunkle Einkaufsstraße, deren unterirdische Lage ihren unterweltlichen Charakter zusätzlich dick unterstrich.

Der damalige Mischgeruch aus Räucherstäbchen und Urin steht mir, indem ich mich kurz zurückdenke, sofort in der Nase. Raschplatz und Passerelle lieferten jedoch alles, was man dringend brauchte und in der Provinz schmerzlich entbehrte: asiatischen Klimbim aus dem China-Shop, billigen Modeschmuck mit vermutlich gefährlich hohem Nickelgehalt, Haarfärbepasten in Neonregenbogentönen, antiquarische Bücher, gebrauchte Platten und CDs, Elternschreck-Stiefel aus dem UK-Punk-&-Ska-Shop, unglaubliche Vielfalt an Zeitungen und Magazinen, abenteuerliche Second-Hand-Klamotten (die meist nach einer vierten oder fünften Wäsche überhaupt erst tragbar wurden), Buttons und Badges mit Anarcho-Sprüchen oder Band-Emblemen, Jamaika-Ramsch, Militär-Ramsch, Schuhe und Taschen aus dunklen, röhrenförmigen Läden, in denen es giftig roch und sich die Ware bis an die Decke stapelte. Und: Dies war der erste, der einzige Raum totaler Egalheit, den ich kannte. Man konnte schlichtweg alle Dinge tun, sagen, tragen, kaufen, fragen, sein und schreien, die man wollte, ohne dass jemals einer guckte. Man hätte allerdings ebenso gut tot mitten im Weg liegen können, ohne dass jemals einer geguckt hätte, und die Bekanntschaft mit diesem Phänomen hatte ihre gleichermaßen heilsame wie erschütternde Wirkung auf mich.

Im Vorfeld der Weltausstellung 2000 wurde mit den wenig tourismusverträglichen Zuständen etwas aufgeräumt, mit städteplanerischem Schischi, sozialpolitischem Wischiwaschi und viel polizeilichem Krawumm, was bedeutet: Drogen-, Obdachlosen- und Stricherszene wurden in die angrenzenden Viertel verdrängt, ein paar Putzkolonnen extra geschickt und ein oder zwei zusätzliche Glühbirnen eingeschraubt, wodurch das Ganze einen rosigeren und gesünderen Teint bekommen sollte. 2001 wurde die Passerelle schließlich streckenweise umgebaut, verhübscht, verhochglanzt, und 2002, eingedenk der Popularität einer frisch verstorbenen Ehrenbürgerin der Stadt, deren Nanas das Leineufer säumen, umbenannt in Niki-de-Saint-Phalle-Promenade. Ich vermutete damals, man versuche da mittels eines neuen Namens, den jeder Hannoveraner augenblicklich mit Kunst und Knallfarben in Verbindung bringt, den unsagbar tristen Passarellen-/Raschplatz-Bereich allein mit dem psychologischen Farbpinsel etwas ansprechender zu gestalten. Heller und ungefährlicher geworden ist es sicherlich, irgendwie reizvoll oder gar hübsch natürlich nicht. Das kurze Passerelle-Teilstück, welches Raschplatz und Alten Zentralen Omnibusbahnhof miteinander verband – und dieses Stück zum ZOB machte mir damals wirklich, was ich partout nicht anders formulieren kann, eine Scheißangst -, ließ man dagegen noch einige Jahre länger in seinem eigenen Höllenbrodem vor sich hin schmoren.

Abgehend vom inzwischen erneuerten Raschplatz, existiert noch ein winziger Original-Passerellen-Wurmfortsatz, der einen Verbindungsweg zu den Aufgängen zum gerade erst rundum sanierten Kulturzentrum Pavillon darstellt. Ich falle vor Überraschung beinahe hintüber, als mir bei einem unwillkürlichen prüfenden Blick zur taubenwimmelnden Tunneldecke ein altes Passerelle-Logo ins Auge fällt, das seit nun dreizehn Jahren seiner Entfernung harrt. Durch diesen amputierten, in Schmierigkeit konservierten Tunnelabschnitt betritt man ein halbschalig geformtes Betongelände, von wo aus man gleich drei echte Wahrzeichen der Stadt im Blick hat. Zum einen die Raschplatz-Hochstraße, die als monumentaler Betonbalken quer und schwer den Luftraum durchzieht. Ein Grau-Ungetüm von niederschmetternder Plakativität, welche durch ein paar spielerische Elemente wohl hatte gemildert werden sollen. Vergeblich: Die an der Unterseite der Fahrbahn anhängigen Über-Kopf-Autos – Betongüsse in originaler Autogröße – verstärken durch ihre grobschlächtige Form noch die spürbare Lieblosigkeit. Sie wirken wie das Spielzeug eines rabaukigen Kind-Riesen, der des Weiteren gern die Raschplatz-Punks und -Trinker wie reichlich abgewetzte Playmobil-Figürchen in einer ungenutzten Zimmerecke auf einen Haufen schmeißt, nachdem er ihre Frisuren, Kleidung und Ausrüstung zu unbrauchbarer Chaos-Masse verarbeitet hat, und dessen forschender Spieltrieb auch die Tauben ins Visier nimmt, welchen er ganze Beinchen oder halbe Flügel auszupft um danach zu beobachten, wie sie sich für eine Weile panisch in ihrem Schmerz abstrampeln, bevor sie schließlich, taubenzäh, weitermachen wie zuvor. Der zweite Klassiker unter den hannöverschen Beton-Scheußlichkeiten, der das Panorama des Raschplatzes bestimmt, ist das Bredero-Hochhaus, eine Perle des Brutalismus. Mitte der Siebziger als Prestigeprojekt in Sachen Zeitgeist dahingeklotzt, begrüßt es heute als Zeitgespenst mit über fünfzig Prozent Leerstand jeden Fahrgast, dessen Zug sich Hannover Hbf nähert. In seiner innigen Verschwisterung mit dem VW-Tower, diesem festen Mitglied des städtischen Skyline-Ensembles, einem ausgedienten Sendeturm, der in seiner heutigen Funktion Hannover als die Hauptstadt von VW-Country ausweist, wird deutlich, dass das Grau hier unangefochten den Horizont beherrscht. Mächtiger Stahlbeton, Ausdruck grauen Willens, wie in den Himmel empor gekrochen, so die Erde erstickend.

Was mein Gefühl von Hannover als Ganzem ausmacht, bündelt sich an dieser Stelle der Stadt aufs Wesentliche. Hier bleibe ich ein bisschen, setze mich. Was soll ich sagen – dieses Mistding von einem Platz war meine erste große Stadtort-Liebe.


>> Fotos: Alter Passerelle-Zugang am hinteren Raschplatz, Ecke Pavillon / Hochhaus Lister Tor, meist Bredero-Hochhaus genannt, daneben der VW-Tower, der auch unter dem Kosenamen Telemoritz bekannt ist / Raschplatz-Hochstraße mit Auto-Skulpturen (Grebe, 2015)


Merz-Bau, Sonja Grebe

MERZ UND ANDERE SCHNIPSEL // Tief im Bau

So gern spricht man in Hannover von Kurt Schwitters, dem Kind der Stadt, als Begründer der Dada-Bewegung, was leider falsch ist – Dada kam nun einmal aus Zürich. Aber der Hannoveraner an sich möchte in seiner Eitelkeit allzu gern hochglanzpolierte Trophäen zur Schau stellen können, die den Eindruck der Provinzialität von seiner Stadt waschen, und so unterschlägt er gern den örtlich einschränkenden Zusatz, der Schwitters´ Titel davor rettet, als Fehldeklaration daher zu kommen: Begründer der Dada-Bewegung in Hannover. Da geht schon etwas hin von dem Glanz, aber sei´s drum. Es steht natürlich auch nicht im Fokus der hannöverschen Perspektive, dass man Schwitters in Berlin, im Zirkel der Extrem-Dadaisten, dem Club Dada, nach anfänglich regem Austausch doch nicht haben wollte, weil er weder künstlerisch noch politisch radikal genug war. Richard Huelsenbeck bezeichnete den hauptberuflichen Gebrauchsgrafiker gar als Kaspar David Friedrich der Dadaistischen Revolution… naja, Schwamm drüber. Aber ist der Hannoveraner nicht vielleicht im Allgemeinen etwas zu blutleer für so was, für Große Kunst?

Wenn, sagen wir, Berlin rot ist und Hamburg blau, dann ist Hannover beige: Viel geschmäht als geschmacks-, reiz- und charakterlos, bieder, zum Verzweifeln humor- und fantasiefrei. Eine Stadt wie schal gewordenes Schützenfest-Bier. Die Großstadtmasse hat man hier, aber nicht die Großstadtkultur, und man hat den Großstadtdreck, aber nicht den Glamour. Dass die graue Messestadt schlicht die langweiligste Großstadt Deutschlands sei – irgendwie ist da schon was dran, und finge ich hier an, das Insider-Gegenbild zu diesem schlechten Image zu zeichnen, es nähme mir ja doch keiner ab (dabei hat das stellenweise fade Hannover tatsächlich eine stattliche Reihe GROSSARTIGER… gut, lassen wir das).

Kurt Schwitters aber – den kann mir niemand hineinplanieren in die vielbesagte Plattheit meiner Landeshauptstadt. Und, weil es die jetzige Heimstatt der Merz-Kunst schlechthin ist, auch dieses nicht: Das Sprengel Museum, mein Sprengel Museum, mit seiner konzentrierten Wucht deutscher und französischer Moderne. Seit jeher erscheint mir das flache, sich an einen Damm drückende Gebäude wie der Bau eines sehr eigenartigen Tieres, in den man sich bei Betreten hinab begibt. Meine liebsten Bestandteile dieser Innen-Welt sind die Rekonstruktionen des von El Lissitzky gestalteten Kabinett des Abstrakten, das 1937 von den Nazis zerstört worden war, und des 1943 zerbombten Merzbau von Kurt Schwitters. Wie sich jener Merzbau nachzimmern ließ, ist mir aus handwerklicher Sicht ein Rätsel: Ein Wohnraum, der das Raum-Denken zerschlägt, ein dreidimensionales, begehbares kubistisches Kunstwerk. Endloses Linienstreben zieht die Augen und mit ihnen den Verstand in unzählige Richtungen, man wird vollkommen verrückt bei dem Versuch die Gesamtheit der Flächen und Winkel zu erfassen. (Mein Versuch, den Raum exakt zu zeichnen, scheiterte – verändert man nur kurz den Blickwinkel, lässt er sich irgendwie nicht wieder auf die zuvor fixierte Perspektive justieren.) Und doch wollte ich schon als Schülerin bei meinem ersten Besuch in diesem Museum den Bau am liebsten nie mehr verlassen, ich hätte dort einziehen wollen. (Wie schade, dass sich nur der Hauptraum hatte rekonstruieren lassen – von den restlichen Räumlichkeiten existieren keine Fotos.)

Überhaupt fühlte ich mich im Sprengel sofort wohl, ich spazierte durch Dadaismus, Kubismus, Surrealismus und dachte Hier bin ich zuhause. Weil ich diese Art von Kunst nicht, wie ich das bislang gewohnt gewesen war, als Fremdwesen betrachtete, das ich mir zu erklären versuchte, sondern mich dieser Kunst tatsächlich emotional zugehörig fühlte. Das war nur logisch – mein Großvater, den wohl seine Soldatenjahre mehr geschädigt hatten, als in der Familie je ausgesprochen wurde, hatte sich auf unserem Grundstück eine ganz ähnliche Welt aufgebaut, in der ich von Kind an spielte: Den ganzen Tag über zog er sich in sich selbst und in seine selbst gezimmerten halbhohen Buden zurück, die auf ihre Art ganz und gar Dada waren. Baulicher Wildwuchs aus Wellblech, Holz, Schildern, Plastik- und Blechteilen, Fensterglas. (Unser riesiger alter Birnbaum war darin eingebettet, um seinen Stamm zu sehen, musste man ins Innere, an ihm hingen an großen Zimmermannsnägeln eine Lampe und Unmengen alten Werkzeugs.) Vor allem dieser bestimmte Geruch der Dada-Abteilung war der Gleiche wie in Opas Schuppen, er kam von dem gleichen Bestandteilen – von Holz, Metallen, Schmieröl, Klebstoffen, Erde, Pappe, Zeitschriften, Maschinenteilen, Tapeten, Geschirr, Rost, Verbundmitteln, alten Stoffen und Möbeln. Der gleiche zweckentfremdende Materialeinsatz, die gleichen Strukturen, die gleiche Farbpalette: in den Skulpturen und Collagen im Museum fand ich viel Vertrautes. Besonders Kurt Schwitters´ Merzbilder, diese Schichtwerke aus Kalenderblättern, Tapetenresten, Verpackungsmüll, Spielkarten, Holzstückchen, Kronkorken – eine Aufzählung wäre wohl nie vollständig -, bewirken bis heute auf umwegige Art und Weise bei mir eine Beruhigung meines Heimwehs nach Gestern; nach diesem Teil meines Zuhauses, den es längst nicht mehr gibt, und in dem alles, was so rumfliegt hinein gewerkelt worden war. Was bei meinem Großvater ausdrückte, wie sehr er sich kopfmäßig der Gegenwart und der Alltagswelt entzogen hatte, funktionierte bei Schwitters und seinen Zeitgenossen als Absage an bürgerliche Konventionen und den gültigen Kunst-Begriff. Der Ansatz sich dabei kopfüber ins Chaotische zu begeben war durchaus beiden gemeinsam.

Seit dem Umzug zurück ins heimatliche Dorf sind für mich die Déjà-vu-Wochen eröffnet – auf das nächste Abtauchen in den nun nicht mehr so fern gelegenen Merzbau freue ich mich schon.


>> Bild: Merzbau-Skizze (Grebe, 1998)


PUBERTÄT REVISITED // Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. Heinz-Rudolf Kunze – kommt zwar von sonstwo, wohnt aber jetzt in Bissendorf, das lassen wir mal gelten. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.