Thema Gesellschaft

SPÄTSOMMER // Ende der Freibadsaison

Gras (2)

Die Freibäder schließen bald, und wahrscheinlich war dieser letzte über 30° heiße Augusttag wohl mein letzter Freibadtag für dieses Jahr.
Ich, die solche Hitze ja furchtbar hasst, bin selig, wenn ich mich da im Wasser abkühlen und danach reptilisch im Halbschatten ausstrecken kann. Rege Freibadgängerin bin ich allerdings erst wieder, seitdem ich nicht mehr allein, sondern mit Kind planschen gehe. Früher, viel früher war ich selbst Freibadkind. Im Dorf gab’s ja nix – aber ein Freibad, und ein schönes noch dazu, sogar ein beheiztes: Die Abwärme der Kühlanlagen des Kalibergwerks temperierte Nichtschwimmer-, Babyplansch- und Wettkampfbecken. Hatte der Kali seine Betriebsferien ausgerufen, merkte man das an der schlagartig eisigen Badetemperatur, was zumeist passend mit den brennendsten Sommertagen zusammenfiel.
Dieses Freibad wird, wie haufenweise andere Freibäder, geschlossen werden, wenn das Geld der Kommune noch knapper wird. Momentan vernachlässigt man es gründlich, katalogisiert nach und nach seine Mängel und Gefahren und wird es irgendwann erleichtert dicht machen, nächstes Jahr vielleicht, und das war’s dann also für mein Freibad, in dessen türkisblauen Fliesen sich meine Grundschulsommer spiegelten. Morgens mit dem Fahrrad hingefahren, mal mit einer Freundin, mal allein, nur ein Handtuch und eine Flasche Brause dabei, erst spätnachmittags wieder zurückgeradelt und sich an Sattel und Lenker, die stundenlang in praller Sonne standen, die Pelle verbrannt. Und es war unser Freibad, als ich wieder zurück auf dem Dorf war, mit eigener Familie. Mein Kind mit seiner Seepferdchen-Badehose, immer ein paar Kinder aus der KiTa, der Grundschule drum herum, kreischend, gackernd. Ich mit den Mamas am Beckenrand oder auf der Picknickdecke. Schönster Provinzsommer.
Belächeln Sie das nicht! Wenn Sie Hamburger Verhältnisse gewohnt waren – all der Style um mich her im Stadtpark, auf dem Spielplatz, all die Body-Issues, die ich eigentlich gar nicht hatte und doch entwickelte – und dann kommen Sie nach Haus, in Ihr Freibad, und auf der Picknickdecke sitzen Sie mit den anderen Müttern (die Sie teils schon lange kennen, aus Vor-Muttersein-Zeiten) und die haben keine Porzellanhaut, keine streifenfreien Bäuche, keine Kleiderständermaße, ach, aber die pflegen einen solchen Umgang damit, die pflegen und verbreiten einen so unkomplizierten Pride, dass Sie nie wieder dämliche Frauenzeitschriften kaufen müssen, die Ihnen erzählen wollen, wie Body-Positivity angeblich funktioniert. Ich besitze nur noch ballermannbunte Badewäsche – eine Landei-Nixe wie aus dem Bilderbuch – und wenn’s bei Aldi mal wieder korallenrote oder tropisch blumige Bikinis für’n Fünfer gibt, kauf ich den nächsten und hüpf damit ins Wasser, völlig unfrisiert, ungeschminkt, scheiß auf den perfekten Glow, und dann habe ich einen wundervollen Tag, wissen Sie?
Auch hier haben wir nun unser Freibad, und mein zufriedenes Körpergefühl ist nicht baden gegangen, und mein Kind hat liebe Freunde gefunden, die wir gern mitnehmen (und sie uns). Ländlich gelegen, nicht ums Eck also, aber, ja: idyllisch.
Das hilft gut gegen das Heimweh. Alle Freibäder in der Provinz sind über den universellen Provinz-Freibad-Äther miteinander verbunden. Sie teilen dieselben sonnenverbrannten Liegewiesen von Rasen, Klee, Schafgarbe, Breitwegerich und Löwenzahn. Dieselbe Geräuschkulisse: Rauschen von Duschen und Wasserbewegung. Lachen, Brüllen, Mama-Papa-Rufen. Überall Gespräche, Gespräche – in Freibädern wird ja viel mehr gesprochen, als man sich bei oberflächlichem Nachdenken so einbildet. Patschende Bälle. Schwalbengeschrill. Die Wespen überm Wasser, in der Ferne, auf einmal nah am Ohr. Das Klatschen und die Wasserfontänen unterm Sprungturm. Treckersummen weht manchmal von den Feldern rüber. Dieselben Gerüche, die sehr eindeutig und sehr dominant sind: Chlor, Sonnencreme, Pommes und Petrichor. Dieselbe knallblau glasierte Keramikschale, die der Himmel ist und sich an Schönwettertagen über allem wölbt, wie eine Hand, die etwas bloßlegt, etwas beschirmt, na, beides.
Die Leute, wie überall: platt auf Liegetüchern ausgestreckt, Brotlaibe, die in der Sonne backen. Die Horden der Zwölfjährigen: Halt’s Maul Missgeburt wie dumm bist du fick dich Mann fick dich Nutte!, aber ich bin nicht mehr zwölf, mich gluckert niemand mehr unter. Die Teenager: stecken noch in den Skizzen der Körper, die sie in fünf, in zehn Jahren haben werden. Die Beine haben schon Höhe erobert, die Arme schon Weite erlangt; die Dynamik ist furchtbar ungelenk, noch. Körper, die Zollstöcke sind und mit jedem Schritt und Schwimmzug die unsichtbaren Hohlformen ausmessen, die noch mit unzähligen Stoffen aufzufüllen sind, nach und nach, täglich. Im Wasser und unter der Sonne das ganze Spektrum von Altersstufen, Körperkonsistenzen, Temperamenten, Hautvarianten, Haarigkeiten. Tattoos von Lakritzschwarz über Verblichenheitsgrün bis Pastellbunt. Ich sehe sehr selten Badende mit Körperbehinderungen – weil sie sich nicht wohlfühlen würden, oder wegen der unbestreitbaren Bosheit der Anderen, oder mangelnder Barrierefreiheit? Oder ist das bloße Statistik?
Ich beobachte manchmal ein Kinder-Gerangel, das dann doch zu grob wird, und schalte mich als Spielverderberin ein, aber viel öfter beobachte ich, wie leicht sich wildfremde Kinder zum Toben zusammenschließen, wie mühelos sie in gemeinsame Drehbücher oder Wettkampfregeln hineinfinden; ist schon lange her, dass ich mal helfen musste, eine geplatzte Kinderlippe zu verarzten. Unter den Erwachsenen erlebe ich seltsam selten Giftigkeiten, dabei machen die Hitze, die halbnackte Situation und die Verteilungskämpfe um Sonnenplätze, Schwimmbahnen, den Platz in der Pommes-Schlange fraglos reizbar. Es ist vielleicht wirklich die Halbnacktheit, die den Mumm zum Streiten dämpft. Ab und an muss man sich natürlich dennoch überwinden, dennoch mal was sagen, mitunter selbsternannten Blockwarten in die Parade fahren, auch wenn man sich selbst, so als nasse Katze im Blümchenbikini, nun nicht gerade respektabel vorkommen mag.
Ich schlürfe Thermoskannenkaffee, für die Kinder gibt’s kalten Tee, Äpfel, Cracker, manchmal Pommes für zwei Euro die Portion. Das Surfer-Hair und den Bronzeteint, die wohlige Einschlafmüdigkeit abends, das gibt es alles umsonst. Wir bezahlen hier ein paar Euro fuffzig für den ganzen Tag und zwei, drei Personen – weniger als eine Schachtel Kippen kosten würde, oder ein Royal TS, oder ein Starbucks-Coffee oder -Latte in Größe Venti. Die finanzielle Hürde, hierherzukommen und einen Tag mit Schwimmen und Seelenbaumelei zu verbringen, ist also recht niedrig. Ich finde das wichtig. Ich finde das notwendig fürs Gemeinwesen. Freibäder, die bezahlbar sind, sind ein Stück Gemeinwohl.

Nur ist eben ein Freibad, das bezahlbar ist, alles andere als eine geölte Rendite-Maschine.

Ich formuliere ungern alarmistische Sätze, aber voilà: Wir sind über den Spätsommer des demokratisch erwünschten Gemeinwohls längst hinaus. Das ist kein Anflug von Gestrigkeit, ich will absolut nicht zurück in die 80er, nein danke – ich würde vielmehr gern in die 2040er schauen und ein Bild vor Augen haben, überhaupt irgendein Bild, im äußersten Idealfall ein gutes, aber ich sehe vor mir einfach ein gähnendes Nichts, denn wohin sonst sollten die Entwicklungen schon führen? Es ist so gegeben und offenbar in Stein gemeißelt, dass die Institutionen, die uns allen zur Verfügung stehen, uns dienen, uns helfen, uns guttun sollten, per se keinen Wert besitzen, solange sie nur dieses diffuse Gemeinwohl, aber keinen wirtschaftlichen Profit generieren. Bildung, medizinische Versorgung, Pflege, Lebensmittelproduktion, Infrastruktur, Umweltschutz müssen Geld abwerfen, so ist das halt, wie stellen Sie sich das denn vor – um jeden Preis natürlich, und eben auch um den Preis des Menschlichen, was nebenbei bemerkt ihren eigentlichen Kern darstellt. Darstellte… (2040 werden meine Enkelkinder vielleicht im Geschichtsunterricht davon hören, Was war der Sozialstaat?, aber vielleicht wird so was wie Geschichtsunterricht auch schon 2030 aus der Mode gekommen sein.) Und ich weiß nichts mit einer Politik anzufangen, die a) ihre Parlamentszeit offensichtlich als Bewerbungsgespräch für eine anhängige Wirtschaftskarriere nutzt, b) noch den letzten völkischen Mist aufwärmt und mit diesem Quatsch unglaublich viel mediales und politisches Interesse bindet, kurz, die offenbar ihre einzige politische Aufgabe darin sieht, ein ekelhaftes Problem zu sein, c) insgesamt keine besondere Panik zu verspüren scheint angesichts der Liste von Herausforderungen für die Zukunft: Energiewende, Verkehrswende, Pflegewende, Agrarwende – und eine Wirtschaftswende, wie könnte die aussehen? Ihnen fällt sicherlich noch die eine oder andere Wende ein, die nicht unwichtig wäre, bitte anfügen nach Belieben.
Ich wünsche mir viele Dinge für die Zukunft – keine unbescheidenen übrigens. Ich möchte zum Beispiel im Sommer mit den Kindern schwimmen gehen können, und ich wünsche mir, dass wir alle das tun können. Aber die einen, denen diese Dinge wurscht sind, rufen, dass ich mir doch selber ein Haus mit Garten kaufen und einen 10.000-Liter-Pool zulegen soll, anstatt zu maulen – jeder für sich, keiner für alle, Kaufen über alles. Und die anderen, denen jene Dinge genauso wurscht sind, schreien Aber die Flüchtlinge, die Flüchtlinge! und haben ansonsten keine Meinungen dazu, dabei IST das ja nicht mal eine Meinung. Und diejenigen, denen solche Dinge ausnahmsweise nicht wurscht sind, die gucken in ihre Haushaltskasse und… ja, genau.


Foto: Grebe

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HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (1)

Ich muss Édouard Louis gar nicht lesen. Wozu? Ich brauche mir nicht von einem Schriftsteller erklären, schildern, begreiflich machen zu lassen, was ich aus eigenem Erleben kenne oder aus engeren Kreise erfahren kann.
Hab ich’s nötig, dass überhaupt irgendwer mir behilflich sein will, etwas zu verstehen, MICH zu verstehen? Hilfe jeglicher Art ist eh bloß Einmischung. Überflüssig. Verdächtig, scheinheilig.
Und sowieso: Was sollen denn immer diese Privatschauen, diese literarische Wühlerei in den eigenen Kinderwindeln – seinen eigenen Quatsch behält man gefälligst für sich!

Dahinter steht, ganz klar, eine dieser Maximen, die schon immer Gültigkeit besaßen für die EINFACHEN LEUTE: dieses ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Wer unter einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Himmel, in einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Haus aufgewachsen ist, entwickelt seltener den Gedanken, wie wichtig für sich selbst – vielleicht sogar übergeordnet wichtig – es sein könnte, von den Dingen zu berichten, mit denen man allein klarzukommen hat. Sie erklären, schildern, begreiflich machen zu wollen.

Natürlich habe ich Édouard Louis rauf und runter gelesen und bin, wenn ich auch nicht immer auf seiner Linie liege, heilfroh, dass es ihn gibt. So geht es mir wirklich – ich sehe einen frisch erschienenen Louis irgendwo ausliegen, nehme ihn mit und denke: Ich bin froh, dass du da bist, Édouard.

Diese Art von Solidarität ist freilich abhängig vom Kontostand. Das nicht einmal 80seitige Wer hat meinen Vater umgebracht gibt es hierzulande gebunden für schlappe 16€; in Frankreich kostet das Original natürlich auch Geld.
Louis schreibt von den EINFACHEN LEUTEN bzw. der UNTERSCHICHT, und er schreibt durchaus für sie, also: in ihrem Sinne. Als Produkt richtet sich das Ganze aber gezielt an Haushalte, wo Stimmen der EINFACHEN LEUTE, der UNTERSCHICHT eher selten und vielleicht auch nur mittels eines teuren, hübschen, viel besprochenen Bändchens Prosa Eingang finden.

Es ist eine Streitschrift über herrschende Ungerechtigkeit innerhalb der französischen Gesellschaft, die, Louis zufolge, lange gewachsen und politisch legitimiert ist. Über die Arroganz der Politik gegenüber der Mittel- und Unterschicht. Über die pauschale Verächtlichmachung bestimmter Milieus durch die Eliten. Und nicht zuletzt über die Menschen jener Milieus, die unter dem Eindruck permanenter Herabwürdigungen vonseiten der Politik, Wirtschaft, Medien ihre Fähigkeit verloren haben, für sich selbst in der ersten Person zu sprechen.

Eigentlich geht es in dieser Schrift über den Vater, den man bereits aus >Das Ende von Eddy kennt, um zutiefst Privates. Wie immer, bei Louis. Aber wie immer, und nicht nur bei Louis, geht es zugleich um die klassische Frage: Wie politisch ist das Private?

Édouard Louis antwortet, indem er die Verzahnung von Politik und Privatem am Beispiel seines Vater schildert, und zwar nachdrücklich: „Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.“ Seit einem Arbeitsunfall lebt Louis‘ Vater im wahrsten Sinne mit gebrochenem Rückgrat. Nun als kraft- und nutzlos dazustehen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR also nicht mehr erfüllen zu können, empfindet er als Schande. Die ohnehin prekäre Lage der Familie rutscht mit dem Unfall ins Elende ab. Gesundheitlich erholt sich der Vater nie, im Gegenteil arbeitet er seinen Körper, um nicht seinen schmalen Unterstützungsanspruch zu verlieren, in immer wechselnden, ungesunden Jobs zugrunde – so verlangen es die Ämter. Und die folgen den Vorgaben der Politik. „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat,“ schreibt sein Sohn über ihn. Gemeint seien die Menschen, die Macron „Faulpelze“ nenne.

(Louis könnte hinzufügen, der Zustand der Vater-Sohn-Beziehung, die er beschreibe, sei eine Anklage des gesellschaftlichen Zustands. Man wird so sehr fremdbestimmt, dass man sich unweigerlich selbst fremd wird – wie soll man da Anderen nahekommen?)

Das alles haben Sie sicher schon zigmal über den neuen Louis gelesen und gehört, so oder so ähnlich.
Im Feuilleton spielen alle wieder mit. Die einen tätscheln ihren Liebling, die anderen freuen sich über neuerliche Gelegenheit, ihn als überschätzt zu deklarieren. Man zeigt sich entweder ergriffen und empfindet den Ton als berührend, als feinfühlig, poetisch. Man ist bewegt. Oder man rümpft die Nase. Man fragt, ob Louis hier nicht etwas zu übermütig den Boden der Literatur verlassen habe, ob er zu nah am Populismus operiere – Iris Radisch druckst wenigstens nicht so herum, sondern betitelt Wer hat meinen Vater umgebracht in ihrer Rezension vom 24.01. (DIE ZEIT 05/2019) direkt als „vulgärsoziologisches Pamphlet“ .

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, Wer hat meinen Vater umgebracht sei keine Literatur mehr. Aber dann hat Louis nie welche geschrieben. Was Louis schreibt, vom Debüt an, sind stets autobiografische Schilderungen des Privaten, das sich zugleich politisch verstanden wissen will. War das je Literatur? Es war immer Politik der ersten Person.

Generell wirken sich politische Entscheidungen auf das gesellschaftliche Klima aus, und dieses Klima bestimmt, was darin gedeiht und was nicht. Für die EINFACHEN LEUTE und insbesondere für die UNTERSCHICHT gilt indessen, so Louis, dass sich politische Entscheidungen viel direkter, konkreter auf das Leben der Einzelnen auswirken.
Louis erzählt von dem Herbst, als der Zuschuss für Schulbedarf der Kinder um hundert Euro erhöht wurde – es wurde gejubelt, man fuhr gemeinsam ans Meer. „Der ganze Tag war das reinste Fest für uns.“ Ein anderer Herbst, 2017: „Emmanuel Macron nimmt den ärmsten Franzosen fünf Euro pro Monat weg […]. Seine Regierung erläutert, fünf Euro seien doch unerheblich. Sie haben keine Ahnung […]. Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“
Ob man Politik so unmittelbar zu spüren bekommt oder nicht, das definiert für Louis den Unterschied zwischen Oben und Unten: „Die Herrschenden mögen sich über eine Linksregierung beklagen, sie mögen sich über eine Rechtsregierung beklagen, aber keine Regierung bereitet ihnen jemals Verdauungsprobleme, keine Regierung ruiniert ihnen jemals den Rücken, keine Regierung treibt sie jemals dazu, ans Meer zu fahren. […] Sie bestimmen die Politik, obgleich die Politik kaum Auswirkungen auf ihr Leben hat.“

„Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können, die zum Stillschweigen verdammt sind“, sagt Louis. Was heißt „zum Stillschweigen verdammt“? Es heißt zum Einen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht überwinden zu können, um wirklich von sich selbst zu sprechen. Es heißt zum Anderen, dass ein Gegenüber fehlt, das sich angesprochen fühlen und zuhören würde.

Und nun? Das Feuilleton liest Louis, ist gerührt, legt ihn wieder weg. Das Feuilleton liest Louis, ist degoutiert, legt ihn wieder weg. In keinem Fall fragt das Feuilleton: Was will Louis – von uns?

Das Feuilleton deutet Louis‘ Schreiben erstaunlich einseitig aus – regelmäßig. Mit seinem Debüt räche er sich an seiner Familie für seine unglückliche Kindheit; in seinem Debüt zeige er seinen Hass auf den Vater und fände nun jedoch, in Wer hat meinen Vater umgebracht, zu einer Versöhnung mit ihm; mit Wer hat meinen Vater umgebracht schlage sich Louis, wohlgemerkt ein Bildungsemporkömmling aus dem Prekariat, medienwirksam (Gelbwestenalarm!) auf die Seite des Pöbels.
Was Louis‘ Prosa für mich ausmacht, ist dagegen gerade die Ambiguität der privaten Betrachtungen. Als Kind liebt UND hasst Louis seinen Vater (innerhalb der Familie beruht das jeweils auf Gegenseitigkeit); er wünscht, er könne mehr Zeit mit seinem Vater verbringen, UND er wünscht, der Alte würde einfach verschwinden; inzwischen, als Erwachsener, kommt er seinem Vater nah UND bleibt ihm dabei doch fremd. Louis schreibt über die Verhältnisse seiner Herkunft, ohne sie zu schonen, aber doch in aller Vielschichtigkeit.
Das Feuilleton sieht diese Vielschichtigkeit nicht oder lässt sie nicht gelten, sondern es setzt einseitige Sichtweisen einfach voraus. Es denkt: Ein unglückliches Leben ist automatisch eines, in dem man nie auch glücklich war. Wer einen Vater hat, der nichts taugt, muss automatisch froh sein, nicht mehr mit ihm reden zu müssen, anstatt traurig, weil er gern mehr mit ihm geredet hätte. Wer den Bildungsaufstieg geschafft hat, ist automatisch erleichtert, nicht mehr zu den Deppen zu gehören, genießt sein neues Leben und schreibt bloß noch aus Rache über früher.
Das Feuilleton denkt hier in Pauschalurteilen.

Von einer Anklage spricht Louis nie im Zusammenhang mit seiner Familie. Die einzigen Anklagen, die Louis wörtlich ausspricht, richten sich konkret an einzelne, namentlich genannte Politiker, und pauschal an die Eliten.

Natürlich darf man Wer hat meinen Vater umgebracht ein Pamphlet nennen, denn es ist ja eins – es formuliert scharf und polemisch. Zwiespalte darzulegen, relative Sichtweisen auszuarbeiten, das sind bloß schöne Hobbys, solange sie nicht bewirken, dass andernorts endlich ein Erkennen, ein Verstehen, eine Reaktion stattfinden. Und es ist genau diese Trägheit andernorts, die Louis diesmal so angriffslustig werden lässt: „Auch das habe ich bereits erzählt – aber ich muss mich doch wiederholen, wenn ich von deinem Leben erzähle, denn von einem solchen Leben will niemand hören! Man muss sich doch wiederholen, bis sie uns zuhören! Um sie zum Zuhören zu zwingen! Wir müssten doch eigentlich schreien!“
Da ist er, der Zorn.

Das Feuilleton fragt nie: Was will Louis von uns? Es fühlt sich selbst – als Organ der Bildungseliten, denen Louis eine vereinfachende und herablassende Sichtweise auf die EINFACHEN LEUTE vorwirft – nicht von Louis angesprochen.
Es fragt sich gar nicht erst, ob es in dessen Wutschrift wohl mitgemeint sein könnte.

Louis stellt dieser Wutschrift eine Art Regieanweisung voran: Wäre dies ein Theaterstück, müsse es mit einer Szene beginnen, die Vater und Sohn nebeneinander aufgestellt zeige, „in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum“ . Der Sohn versuche zu seinem Vater zu sprechen, dieser könne ihn aber nicht hören; der Vater selbst spreche wiederum kein Wort.
In seinem Herkunftsroman Das Ende von Eddy beschreibt Édouard Louis, wie die von Mangel geprägten Familienverhältnisse und der trostlos-ruppige Charakter seiner Heimatgegend alles erdrückten, was nicht selbst betonhart war. Wie er mit seiner eigenen Homosexualität haderte, weil er ihretwegen aus der Norm fiel, die hier für die Leute, für ihn galt. Wie sein Vater ebenso mit ihm haderte – nicht allein deswegen, weil sein Sohn sich als schwul entpuppte, sondern zudem als begabt, interessiert, sportlich schwach, gut in der Schule.
Louis erklärt, dass er ohne sein Schwulsein, das ihn von der Norm entfernte, diese Norm gar nicht erst bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt hätte. Und dass es sein Schwulsein und seine Flucht in die Bildung waren, die ihn von seinen Verwandten, besonders seinem Vater entfernten, da diese stets eins mit der Norm waren: Sie hatten die Norm nie bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt. Aber den Sohn, Bruder, Cousin stellte man in Frage – und fühlte sich zugleich durch ihn arrogant in Frage gestellt.

Vom Prekariat in die Bildungsschicht aufgestiegen, behält Louis seinen Fokus bei: der einzelne Mensch vs. die Verhältnisse. Nur die Blickrichtung ist hier eine umgekehrte: Während er in Das Ende von Eddy aus eigener Perspektive erzählt, wie die Unterschicht ihm das Leben schwer machte und die Elite ihn aufnahm, berichtet er in Wer hat meinen Vater umgebracht stellvertretend für seinen Vater, wie die Unterschicht diesen prägte und die Oberschicht dessen Leben sabotierte.

Nehmen wir einmal an, Louis und sein Vater, die nebeneinander im Raum stehen und keinen Zugang zueinander finden, funktionieren, über das private Bild hinaus, auch als Gesellschaftsbild. Nehmen wir einmal an, wir sehen hier zugleich eine akademisch geprägte Schicht und eine prekäre Schicht, die sich nicht miteinander verständigen können, und der Raum, den sie teilen ist, sagen wir, Frankreich.

Nur Frankreich?


HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (2)

Sie merken, das wird ein ausufernder Text, aber ich habe heute keine Lust, oberflächlich zu bleiben.

Meine Eltern haben nie gesagt: „Spiel nicht mit den Unternehmerkindern!“
Ich weiß nicht, wann und wodurch genau mir bewusst wurde, dass es soziale Trennlinien gibt, die entlang von Einkommensgrenzen verlaufen. Vielleicht waren’s die Schulhofprügel, die ich für meinen mangelnden Style kassierte. Vielleicht war es die Beobachtung, dass am Gymnasium niemand außer mir die Putzfrau grüßte – nicht einmal diejenigen Mitschüler, die mit mir und dem Sohn der Putzfrau in der Grundschule Klassenkameraden gewesen waren. Vielleicht war es auch der Gedanke irgendwann, dass die SPD bloß noch Politik für Betriebsräte mache.

Eine Zeitlang habe ich in einem Kleindiscounter gearbeitet – Kassieren, Ware abpacken, Bürokram. Ein Polo-Shirt-Job. Einem ständig hohem Krankenstand und einer versaubeutelten Personalführung sei Dank, arbeitete ich dort viel zu viel und über weite Strecken mit nur einer weiteren Mitarbeiterin. Kollegin A.: kein Schulabschluss, alleinerziehend mit zwei Kindern, lebenslang wohnhaft im Nachbarort, ohne PKW, Mundwinkelqualmerin. Wir schimpften den Laden kurz und klein, lachten viel, waren uns immer einig – ich arbeitete gern mit A.
Nachdem ich irgendwann gekündigt hatte, las A. nach Kassenabschluss oft aus den nach und nach eingehenden Bewerbungsschreiben vor. „Nä, was ist das denn? Gerade Abitur gemacht. Will hier arbeiten, bis er an die Uni kommt… Hör mal, ich hab keinen Bock auf so’n scheiß Gymmi-Spasti hier!“ Ich pruste gespielt empört: „Hallo! Ich hab auch Abitur, ja?“ – nichts, was A. nicht wüsste. A. tätschelt mütterlich mein Knie: „Halt die Fresse, du zählst nicht.“ „Türlich! Ich war sogar mal an der Uni, Hase!“ A. gackert und winkt ab: „Ja ja, ksssscht!“

„Du zählst nicht“ – an der Uni hatte ich das auch oft gedacht. Meine Geschwister waren entweder weniger hemdsärmelig als ich, oder sie waren einfach weniger dünnhäutig.

Spielplatz. Wir unterhalten uns mit einer fremden Mutter, wie man das auf Spielplätzen so macht, und sind einander ganz sympathisch. Ihr Mann sei Opernsänger, erzählt die Andere irgendwann, sie selbst arbeite am Institut für XY. Über unsere eigenen Berufe erzählen wir derweil nichts; stattdessen kommt unser Gespräch bald wie von selbst auf die AfD, weil die, zu jener Zeit relativ frisch gegründet, gerade zum Thema auf allen Kanälen geworden ist. „Es ist unfassbar“, empört sich die Andere, „dass sich solche ungebildeten Prolls auf einmal zu einer Partei zusammenrotten und ihren Blödsinn so öffentlich verbreiten können! Es ist widerlich! Ich meine, die stehen wirklich für alles, wogegen unsere [ihre Hand fuchtelt einen Kreis, der mich und meinen Mann einschließt] Eltern ’68 auf die Straße gingen!“
„Unsere Eltern“. Woher diese automatische Einordnung?
Was liegt ihr zugrunde? Die blinde Annahme, jenseits des Bildungsbürgertums existiere kein intelligentes Leben?

Meine Eltern stammen aus traditionell kleinbäuerlichen Familien. ’68 waren meine Eltern 20 Jahre alt, arbeiteten seit fünf Jahren (mein Vater als Elektriker, meine Mutter als Bürofräulein), hatten vor einem Jahr geheiratet und das erste Kind bekommen; außerdem bauten sie in Eigenleistung ihr eigenes Wohngeschoss aufs Elternhaus drauf, fernab der Großstadt. Meine Eltern verstanden sich als EINFACHE LEUTE.

Was für Bezeichnungen und Attribute würde man ihnen im heutigen Diskurs wohl zuweisen?

Zurück zum Spielplatz. Ein Kind klatscht hin und heult. Eine Mutter, deren Garderobe, Spielzeugsortiment und Wortwahl ziemlich schlicht anmuten, ruft ihm zu: „Heul nicht – steh auf!“ Der Klassiker.
Unter EINFACHEN LEUTEN selten kritisch hinterfragt, denn: Mit genau dieser Parole hält man sich selbst einigermaßen senkrecht, so im Alltag. Wozu sollte man sein Kind, dem später wohl kaum ein rosigerer Alltag blühen wird, erst an was anderes gewöhnen? Schöne Verarsche wäre das!
HEUL NICHT – STEH AUF leitet sich direkt ab von ICH KOMME ALLEIN KLAR, da besteht eine erstgradige Verwandtschaft. Zur selben Familie gehören auch WAS EINEN NICHT UMBRINGT HÄRTET AB, SELBST IST DER MANN (bzw. DIE FRAU), SO IST DAS und EIN INDIANER KENNT KEINEN SCHMERZ.

Wem genau nützt diese Familie von Leitsätzen? Wer profitiert eigentlich von der psychologischen Arbeit, die diese Sätze leisten?

Mein Vater hat sich sein Leben lang nie beklagt. Auch während seiner Krebsbehandlung hat sich mein Vater nie beklagt; er hat alles getragen WIE EIN MANN. Kein Jammerwort, niemals. ICH KOMME ALLEIN KLAR. HEUL NICHT – STEH AUF.
Ich weiß nicht, ob das gesund für ihn war. Das ist keine rhetorische Anmerkung – ich weiß das wirklich nicht.

Harte, folgsame, duldsame Männer brauchte man seit jeher, um sie in Kriegen verschleudern zu können. Ein überzüchtetes Männlichkeitsideal ist, so seh ich das, eine bange Anpassung ans soldatische Ideal, das bis ins Zivile hinein ausstrahlt. Unverändert.

Wenn mein Vater als Kind hinklatschte und heulte, bekam er eine Klatsche extra, „damit du wenigstens weißt, warum du heulst“ (noch so ein Klassiker).
Kurz nach dem Führerschein fuhr ich meine erste Delle ins Familienauto, stellte die lädierte Karre auf den Hof und heulte Rotz und Wasser. Ich schämte mich, bodenlos. Jedes Auto blieb mindestens ein Hundeleben lang in der Familie; mein Vater hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Ein Auto war ein Familienmitglied, verdammt. Abgesehen davon kostete ein neuer Kotflügel natürlich Geld. Mein Vater besah sich den Schlamassel. „Ist doch nur Blech, Mädchen!“, tröstete er. „Musst nicht heulen, Mensch.“ Aber ich kriegte mich noch nicht wieder ein, ich war scheißwütend auf mich. Mein Vater versetzte mir also einen ironischen Spaßklaps auf den Hintern: „So, damit du wenigstens weiß, warum du heulst!“ Er lachte, ich lachte; Ende der Geschichte.

Mein Vater kam aus tristen Verhältnissen und bekam seine Klatschen routinemäßig. Mir wurde zu Hause nie irgendwas um die Ohren gehauen; Dresche gab’s bei uns kategorisch nicht.
Heute bemerke ich oftmals an mir, dass ich mich im Umgang mit meinem Kind unbewusster Muster bediene. Handgriffe, die meine Eltern, Großeltern, Urgroßmutter so oft an mir taten, dass sie in meine eigene Motorik übergegangen sind. Reaktionsmuster, die aus erlebter Kindheit abgerufen werden. Natürlich ist man viel mehr als die bloße Blaupause seiner Eltern, und doch ist es viel schwerer als ich früher, ohne Kind gedacht hätte, sich bestimmter Muster bewusst zu werden und sich, nötigenfalls, ihrer zu entledigen.
Sich, wie mein Vater zum Beispiel, seinen Kindern gegenüber entschieden anders, besser zu verhalten, als man es von seinen eigenen Eltern kannte, ist eine echte Entwicklungsleistung.
Für solche Leistungen gibt es im gesellschaftlichen Schrank für Kompetenzen, Qualifikationen und Meriten keine Schublade. Sie zählen nicht. Es sind stille Leistungen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass Prügel in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens sind.
Vieles ist in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens, und viel zu selten wird daran erinnert.

Mein Vater war ein echter Marlboro-Mann. Er trug Jeans, Karohemd, Schnauzer. In der Hosentasche immer einen kleinen Blechkamm, im Mundwinkel immer eine Kippe. Seine Wangen wurden abends schon kratzig, Gesicht und Nacken im Sommer sofort siouxbraun; seine Handwerkerhände blieben ewig rau.
Heutzutage würde er, da bin ich sicher, unbesehen in die Kiste mit den reaktionären Machos sortiert werden, in die er nie gehörte.
Mein Vater brachte uns Töchtern bei, wie man Lampen anschließt, eine Bohrmaschine bedient, sich selbst zu helfen weiß. Wir mussten keine Prinzessinnen sein. Sein Sohn musste selbstverständlich kein Fußballspieler sein, auch wenn mein Vater Fußball liebte. Meiner Mutter gegenüber gab es keine herablassenden Worte, keine Grobheiten, keine zotigen Sprüche, niemals, und das kannte ich schon als Kind aus manch anderer Familie ganz, ganz anders.

Obwohl man uns als „bildungsfernen Haushalt“ klassifiziert hätte, gingen meine Eltern mit uns, wenn es irgendwie ging, in jedes Museum, das sich anbot. Der Fernseher wurde hauptsächlich angeschaltet, wenn die Nachrichten oder Doku-Filme liefen. Wir spielten Dame und Schach. Auf Ausflügen wurde jede Kirche, jede historische Anlage, jedes Hafenschiff, jedes Denkmal begutachtet. Wir gruben Fossilien aus alten Steinbrüchen und stiegen auf hohe Aussichtstürme. Gucken kostet nichts. Leute, die sichtlich nichts dagegen hatten, dass wir sie bei Bauarbeiten beobachteten oder beim akrobatischen Übungen im Park, beim Krebsfang, Holzschnitzen, Stelzenlauf oder was auch immer, wurden ausgiebig interviewt. Fragen kostet nichts.
Neugier kostet nichts.
Meine älteste Schwester machte als erstes Kind aus dem Ort Abitur, studierte Sonderpädagogik. Schwester 2 wurde Grafikdesignerin, mein Bruder Historiker. Ich bin die einzige, die im Studium nach zwei Semestern merkte, dass sie keine Akademikerin ist, aber auch Buchhändlerin ist kein bildungsferner Beruf.
Wir Geschwister haben nicht TROTZ unseres Elternhauses die Kurve gekriegt.

Wir hatten zwar keine wirklichen Rücklagen, aber wir kamen immer ALLEIN KLAR. Was wäre gewesen, wenn mein Vater damals nicht immer hätte arbeiten können, sondern in die Arbeitslosen- und später Sozialhilfe gekommen wäre?
Nachdem mein Vater starb, hatte meine Mutter immerhin noch das fast schon abbezahlte Haus, bekam ein bisschen Rente, ein bisschen Pflegegeld, Kindergeld; irgendwie ging’s. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn die Eltern gegen Monatsende kein Essen mehr kaufen können und man zusammen zur Tafel geht. Ich weiß, dass das nicht schlimm ist, schämen sollte man sich für ganz andere Dinge und nicht dafür – aber wie es sich anfühlt, weiß ich eben nicht. Wie es sich auswirkt, das weiß ich nicht.

Meine Mutter wäre gern Damenschneiderin geworden, wurde aber Bürofräulein, später Hausfrau. Erst betreute sie uns vier Kinder, pflegte ihre Großmutter, im Anschluss dann ihre Mutter und zwischendrin meinen sterbenden Vater; alles zu Hause.
Eine andere Kollegin aus dem Discounter arbeitete in Vollzeit bei uns, außerdem abends und an den Wochenenden an einer Tankstelle, um genug für sich und ihre unfallinvalide Mutter zu verdienen. Sobald die üblichen Zeitverträge ausliefen, suchte sie sich einen neuen Discounter, eine neue Tankstelle.
Was für zeitliche Reserven, was für Energiereserven sollten solche Leute noch locker machen können, um sich weiterzubilden?
Oder gar, um sich gesellschaftlich, politisch zu engagieren?

Oder auch nur, um mal von sich selbst zu erzählen, sich diese Ohnmacht ein bisschen von der Seele zu reden? Widerhall zu erfahren?
Von sich selbst zu sprechen, in der ersten Person, das ist ein Schritt in Richtung Selbstermächtigung.

Was hätte meine Mutter während ihrer Jahre als pflegende Angehörige geschrieben, hätte sie da einen Facebook-Account gehabt?
Nichts natürlich. In den schlimmsten Phasen schaffte sie binnen der wenigen freien Minuten knapp zu essen, duschen, schlafen.
Rein, wirklich rein hypothetisch hätte sie geschrieben: „Brauche neue Tipps zu Dekubitus-Profylaxe – stop – Kann jemand einfache Gymnastikübungen gegen Rückenschmerzen empfehlen – stop“. Fünf Leute hätten geantwortet, wie gut ihre Angehörigen es in diesem oder jenem [unbezahlbaren] Heim hätten; acht hätten geschrieben, die Ausländer seien an allem schuld; zwei hätten von homöopathischen Mittelchen geschwärmt; vierzehn hätten Herzchen geschickt; zwei hätten gefragt: „Und wer denkt an die erschütternden Zustände in der Putenmast? Keiner, oder was?!“; einer hätte kommentiert: „wie dumm bis du denn“; einer hätte erwähnt, dass Gott all seine Kinder liebe; achtundzwanzig hätten meiner Mutter erklärt, dass man Prophylaxe nicht mit f schreibe, sondern mit ph, und dass, auch wenn es danach aussehe, es noch lange keine eingedeutschte Form von…

Obwohl meine Eltern fürchterlich stolz auf uns waren, brachten uns das Abitur in der Stadt, das Studium in der Großstadt auch auseinander, nicht nur räumlich. Das war ein stiller Vorgang.
Ich glaube, ich habe erst in den letzten Jahren, in denen meine Mutter und ich plötzlich zum ersten Mal so richtig Zeit hatten, als Erwachsene miteinander zu sprechen, verstanden, was meine Mutter tatsächlich alles zu erzählen hat. Genauso hat meine Mutter erst jetzt verstanden, dass sie erzählen kann und darf. Wenn ich jetzt an die Jahre zuvor denke, kommt es mir rückblickend fast so vor, als hätten wir einander da gar nicht gekannt.

Pflegen und Kümmern zählen übrigens auch zu diesen stillen Leistungen, für die sich niemand interessiert.

Unsere Straße wird gerade saniert. Da es sich um eine Anliegerstraße handelt, werden die Baukosten auf die Privathaushalte umgelegt. Ein 150 Jahre altes Hofgrundstück wird von der Eigentümerin, einer 80jährigen Bauernwitwe nun verkauft. Der Hof ist unmodern, teils sind die Böden nur gestampft, die Dachstöcke nicht alle isoliert, die Gebäudeteile nicht alle elektrifiziert. Ställe, Scheunen, Jauchegruben. Wer das kaufen wird, wird wohl alles abreißen. Die Baukosten-Umlage berechnet sich anhand der Grundstücksfläche; anhängige Agrarflächen werden zu 85% mitberechnet. 80.000€. Die Witwe klagt nicht selbst; Anwohner-Sammelklagen sind nicht zulässig. Sie beklagt sich auch nicht – in einer kleinen Wohnung habe man es vielleicht auch leichter, nicht? ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Ich liebe unsere alte Straße. Als ich zurück aufs Dorf kam, wollte ich unbedingt hierher. Jedes Mal, wenn ich nun an diesem Hof vorbeikomme, den ich schon als Kind schön fand, wird mir schlecht.
Mein Elternhaus ist in der Nebenstraße. Wenn ich daran denke, die Nebenstraße wäre damals saniert worden und meine Mutter hätte 80.000DM bezahlen sollen, natürlich nicht bezahlen können, das Haus verkaufen müssen, nicht verkaufen können (auch so ein altes, verbautes Bauernhaus), wird mir schlecht. 80.000DM – solche Summen gab’s doch nur im Fernsehen! Was hätte sie gemacht? Mit meiner bettlägerigen Oma und zwei Kindern im Haus?
Wenn ich mir bloß ausmale, die Nebenstraße würde nächstes Jahr saniert werden und meine Mutter müsste 40.000€ bezahlen, wird mir so übel, ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Man kann so schnell, so schnell aus allen Sicherheiten fallen.

Menschen wie meine Eltern, und solche Menschen, die prekärer leben, als meine Eltern das taten, spielen im gesellschaftlichen Diskurs zumeist keine gestaltende Rolle. Zumeist schaffen sie und ihre Belange es gar nicht erst in die öffentliche Wahrnehmung. Sie kamen sowieso immer irgendwie ALLEIN KLAR, und den Rest machte die SPD. Das war innerhalb der letzten Jahrzehnte wohl nie viel anders.
Anders ist nun allerdings, dass einst so geläufige, in sich einheitliche Identitätsbilder – Unterschicht, Arbeiterschicht, Bildungsschicht – nicht mehr recht zur Einordnung und Feststellung von Identität taugen. Und mit den geläufigen Identitätsbildern zerfallen auch die geläufigen Kongruenzen zwischen einem bestimmten Identitätsbild und der dafür zuständigen Volkspartei.
Über unserem Haus wehte, unsichtbar, immer eine rote Fahne. Ich wusste immer, welche Art von Politik für Leute wie meine Eltern untragbar, unwählbar war; heute dagegen weiß ich gar nicht zu sagen, was Leute wie meine Eltern überhaupt noch wählen könnten, wählen sollten.

Wiederum sehr genau weiß ich, was mein Vater zu Pegida, AfD etc. gesagt hätte, und die Rechtspopulisten sollten sich hüten, so großspurig zu verkünden, sie sprächen im Namen aller EINFACHEN LEUTE.

Die Rechtspopulisten – und zählen Sie bitte die BILD-Zeitung hinzu – nehmen für sich in Anspruch, Stimme des Volkes zu sein, wen auch immer sie damit meinen. Sicher ist aber: Den EINFACHEN LEUTEN verhelfen sie nicht zu einer Selbstermächtigung.
Rechtspopulisten wollen keine selbstermächtigten, sondern soldatische Menschen. Schritte zu echter Selbstermächtigung ermöglichen sie niemandem; sie nehmen die Identitätsfragen, sozialen Fragen, Alltagsfragen der EINFACHEN LEUTE nicht als solche ernst, sie suchen nicht nach wertigen Antworten.
Sie bieten billige Identitätslösungen. Die faule Masche, aus dem Geburtsort ein pseudoeinheitliches Wir abzuleiten. Eine Fantasie-Gemeinschaft.
Sie bieten billige Steigbügel, um aus der Schwächeposition gefühlt in eine Position der Stärke zu wechseln. Den faulen Mechanismus, noch Schwächere in den Keller zu trampeln, um sich selbst eine Etage höhergestellt zu fühlen. Fantasie-Problemlösungen.
Dieser Inklusionsquatsch an Schulen zum Beispiel? Teure, schulvergiftende Gutmenschen-Romantik! Der Rechtspopulismus identifiziert stets die Schwächsten, schreibt ihnen die Rolle der Problemträger zu und agitiert auf den gesellschaftlichen Ausschluss solcher Problemträger hin. Das ist billig. Der politische Wille, der politische Einsatz, die nötig sind, um aus einem System voller bröckelnder Schulen, dem es überall an Geld, Personal und Technik mangelt, ein grundsätzlich besseres zu machen, nämlich ein gut funktionierendes System für alle Kinder – dieser Wille und Einsatz wären teuer.
Der Rechtspopulismus drückt sich strukturell davor, echte Probleme anzugehen, echte Lösungen zu finden, echte Stärke zu schaffen. Das ist schlicht feige. Der Rechtspopulismus ist – um seine eigenen Sprachbilder anzuwenden – ein feiger Polit-Schmarotzer, der sich von gesellschaftlichen Problemen ernährt.

Warum sagen die EINFACHEN LEUTE selbst unter einer Präsenz der AfD in Bundestag, allen Landesparlamenten und auf Lokalebene, in Tagespresse, Fernsehen und Radio gebetsmühlenartig „Uns hört ja keiner zu“ ? Die Einen genießen es, vorsätzlich die Opferrolle zu spielen. Den Anderen hört wirklich keiner zu, denn auch wenn die AfD ja viel spricht, spricht sie im Dienste einer Ideologie und nicht der Menschen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass eine Vorliebe für rechtspopulistische Positionen in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens ist.
Die Afd bezieht ihr Personal und ihre Wählerschaft auch, und zwar nicht zu knapp, aus akademischen und Unternehmerkreisen.
Dieser in allen Medienformaten so beliebte Schluss Afd = EINFACHE LEUTE ist nicht bloß zu einseitig. Viel fataler ist, dass er – als falscher Signalverstärker – den EINFACHEN LEUTEN geradezu suggeriert, die AfD sei genau ihre Partei.

Édouard Louis wettert in Wer hat meinen Vater umgebracht ebenfalls reichlich agitatorisch daher, steht allerdings links der Mitte. Weit links. Er staubt die rote Fahne ab, holt sie raus zum Marschieren, wendet das Vokabular des Klassenkampfs an: die „Herrschenden“ , die „Unterdrückung“ . Louis will den Rechtspopulisten die Deutungshoheit über das Prekariat entziehen. Er will aber nicht einfach, dass das Prekariat soldatisch marschiert, links der Mitte bitteschön, sondern er will, dass es für sich, in der ersten Person, spricht, redet, schreit. Und er will die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Eliten, die Politik zurückpassen, will ihnen diese Verantwortung um die Ohren hauen, denn es sind die Schwächsten, die den Mangel an Problemlösungen seit Jahren ausbaden, sozial, finanziell, psychisch und physisch; er will ihnen die Schuld zurückgeben, die seit Jahren auf die Schwächsten geschoben wird.

Ob er hier nicht für persönliche Zwecke seinen Vater instrumentalisiere, wird hier und da kritisch gefragt. Ob diese Zurschaustellung des Vaters ebendieser Selbstermächtigung, die Louis sich für seinen Vater wünsche, nicht vollkommen widerspreche, nicht vielmehr eine gewaltsame Aneignung darstelle – das ist ein Aspekt, der Louis selbst beschäftigt, wie er in diversen Interviews äußert. Aber welche Plattformen würden seinem Vater schon offenstehen? Facebook vielleicht?

Den Schlusssatz seines aktuellen Buchs spricht Louis‘ Vater. Der fragt den Sohn, ob er, wie als Jugendlicher, immer noch so viel auf Demos gehe, politisch interessiert und aktiv sei, worauf Louis antwortet, das sei er „jetzt mehr denn je“ . Der Vater erwidert: „Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.

Wer sollte eine solche Revolution gestalten? Die Rechten, die Linken? Sollen die Gelbwesten ruhig hier ein bisschen Revolution fürs Prekariat machen, die Jugendlichen da ein bisschen Revolution fürs Klima, die Gewerkschaften immer mal ein bisschen Revolution für den öffentlichen Dienst?

Wer profitiert vom Mangel an Geschlossenheit zwischen gesellschaftlichen Lagern und Splittergruppen, von Reibungsverlusten an gesellschaftlicher Energie? Wen füttert all unsere im Stillen gehaltene oder fehlgeleitete Wut?

Eine Revolution für alle müsste damit beginnen, dass wir erkennen, welche gemeinsamen Probleme abseits aller Filterblasen tatsächlich bestehen:
Es mag dem akademisch ausgebildeten Freiberufler, der an selbstausbeuterische Arbeit und unsichere Auftragslagen gewöhnt ist, vielleicht nicht in den Sinn kommen, aber er teilt seine Probleme seltener mit seiner Auftraggeberschaft, deren Milieu er sich zurechnet, als viel häufiger mit einer Zeitarbeiterin mit Hauptschulabschluss, die im Arbeitsalltag genauso wenig Planungs- und Verdienstsicherheit kennt wie er.
Das Unternehmertum beklagt oftmals eine Neidkultur, die uneinsichtig ignoriere, welches Risiko das Unternehmertum, zumal in Zeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung, zu tragen habe. Wer sagt, die EINFACHEN LEUTE trügen keine Risiken? Worin sollte sich die Angst davor, ein Unternehmen zu verlieren und danach mit Nichts in den Händen dazustehen, grundsätzlich unterscheiden von der Angst davor, einen existenzsichernden Arbeitsplatz in einem Unternehmen zu verlieren und danach mit nichts in den Händen dazustehen?
Sollte die pegidanahe Kleinjobberin, die einen Teilzeit- und mehrere Nebenjobs jongliert, um über die Runden zu kommen, und die sich deswegen nah am Burnout bewegt, sich zugleich aber keine Auszeiten erlauben kann, nicht einsehen, dass der türkischstämmige Teilzeitarbeiter, der zusätzlich mehrere Nebenjobs unterhält, um über die Runden zu kommen, und der sich deswegen nah am Burnout usw., nicht der Volksfeind ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Peergroup?
Wenn die Alleinerziehende es nicht wegen kaum bezahlbaren Wohnraums, unflexibler Arbeitsmodelle bei gleichzeitiger Minderbezahlung von Frauen, zurechtgeschusterter Betreuungsmodelle und zig anderer Dinge im Alltag so schwer hätte, sondern von wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Seite her mehr Unterstützung erfahren würde, hätte sie womöglich auch leichter Reserven übrig, um sich um Klimafragen zu kümmern.
Gehen Sie in ein Krankenhaus. Fragen Sie AssistenzärztInnen, PflegerInnen und dazu PatientInnen quer durch alle Einkommenslagen, Bildungsschichten, Parteisympathien, Religionszugehörigkeiten, Altersstufen und, was weiß ich, Schuhgrößen, ob sie die Verhältnisse im deutschen Klinikwesen prima finden!

Auch wenn Gemeinsamkeiten mitunter nur partiell bestehen – sind sie deswegen nicht trotzdem valide? Taugen solche Gemeinsamkeiten nicht vielleicht am ehesten zur validen Grundlage für eine Revolution, von der wir alle profitieren würden – und eben nicht bloß die Populisten hier und das Großkapital da, denen wir alle, egal aus welchem mehr oder minder bodennahen Biotop wir stammen, nun wirklich scheißegal sind?


>>Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht (S.Fischer)


DAS FÜRCHTE-ICH // Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger

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Der Mensch ist ein soziales Tier.
In Urzeiten hing das Überleben entscheidend von der Gruppe ab; man teilte Furcht und Hunger, man teilte Wärme und Nahrung. Lagerfeuer, Gemeinschaft! Das war dermaßen prägend, dass auf dem Markt für Teelichter, Duft- und Tafelkerzen heute völlig absurde Summen umgesetzt werden: Selbst diese Miniatur-Höhlenfeuer leuchten ja so Ecken in uns aus, da kommt die Glühbirne gar nicht hin! Gleichzeitig hat das den Menschen nie davon abhalten können, mitunter seine Mitmenschen ins Feuer zu schubsen. Ich würde sofort drauf wetten, dass es schon in der Steinzeit Menschen gab, denen die soziale Dynamik innerhalb der Gemeinschaftshöhle so arg zusetzte, dass ihnen nichts als die Flucht übrig blieb. Der Mensch ist ein soziales Tier – im guten Sinne wie im bösen.

Im Totalitarismus findet sich die Perversion der Idealgemeinschaft. An die Stelle des Kümmerns tritt die Kontrolle. Aus der Sicherheit des Einzelnen wird die Bedrängung und Unterdrückung des Einzelnen. Statt menschlicher gibt es nur noch staatliche Perspektiven, Kategorien, Argumente. Nicht irgendwelche Götter entscheiden über Wohl und Wehe – die höheren Wesen heißen „Genosse“ oder „Führer“. Während Politparolen weiterhin die gegenseitige Versorgung und das gemeinsame Vorankommen predigen, lautet die gelebte Praxis: Alle gegen einen und einer über allen.

Herta Müller, die 1987 aus der Sozialistischen Republik Rumänien in die Bundesrepublik emigriert war, veröffentlichte hier fünf Jahre später mit Der Fuchs war damals schon der Jäger einen privat durchwirkten Einblick in das Alltagsleben unter Nicolae Ceaușescus neostalinistischer Diktatur. Szenen aus dem Roman entsprechen Szenen aus Müllers Leben; ihre Zeit als Fabrikmitarbeiterin, später als Aushilfe in Schulen, und die massive Überwachung und Einschüchterung von seiten der rumänischen Geheimpolizei Securitate, der Müller ausgesetzt gewesen war, bilden die Grundlage des Romans.
Herta Müller schreibt, wie immer, zuckerfrei. Die Sprache ist ruppig, hart. Und schwer – dabei trägt sie keinen Ballast, alles Überflüssige ist ihr abgekaut, abgeschmirgelt worden. Unter Druck werden die Wörter zu Bildern gepresst, und wo es keine so recht passenden Wörter gibt, macht Müller eigene.

Abends wurden Hörner und Klauen verbrannt, es stieg stechende Luft in die Vorstadt. Die Fabrik war ein Schlachthaus. Morgens, wenn es noch dunkel war, krähten Hähne. Sie gingen durch die grauen Innenhöfe, wie die ausgezehrten Männer auf der Straße gingen. Und sie hatten das gleiche Geschau.

Physische Eigenschaften, physische Vorgänge spielen eine große Rolle; immer geht der Blick vom Körperlichen aus aufs große Ganze. Das ist auch als Metaphorik zu verstehen, die vom Körper des Einzelnen auf den Staatskörper schließen lässt, welche in der Diktatur schließlich aufs Engste verbunden sind. Öfter denke ich jedoch, dass Müller, indem sie so konsequent an Körperlichkeiten, an Greifbarkeiten entlang erzählt, ihr Heil und ihren Halt im Konkreten sucht, denn das Konkrete liegt näher an der Wahrheit, während das Abstrakte leicht der Ideologie, der Demagogie, der Lüge eine Tür öffnet.
Die allgegenwärtige Angst sitzt ganz konkret im Fleisch, sie drückt im Darm, sie geht durch den Magen. Haar zeugt vielfach von den unweigerlichen, auch den lieber verleugneten Verbindungen, in denen Menschen zueinander stehen. Ein Haar beinhaltet Identitätsinformationen, sein Wachstum ein Stück Lebenszeit; ein Haar bedeutet was. So kann ein verlorenes, gefundenes Haar funktionieren wie eine Flaschenpost. Das Schneiden, das Entfernen oder das Kämmen von Haar werden zu Tätigkeiten, die Wesenszustände beschreiben. Der Frisör berechnet die verbleibende Lebensdauer seiner Kunden anhand der Menge von Haaren, die er ihnen über die Jahre abschneidet – wenn ein Sack voll davon ist, sterben sie, lautet seine Überzeugung: Ohne größeren literarischen Aufwand charakterisiert Müller so den Menschen als reines Produktionswesen, dessen Zeit abgelaufen ist, sobald sein Soll erfüllt, sein Maß voll ist. Für Kinder hat der Frisör immer Bonbons parat, zur Belohnung: „Sie waren mit Haaren verklebt, sie kratzten auf der Zunge.“
Es geht im Roman um Adina, Clara, Liviu, Paul, Abi, Ilija, Pavel – und einen verhängnisvollen Witz über Ceaușescu. Adina, die als Lehrerin ohnehin schon unter der zudringlichen Fuchtel des Schuldirektors steht, wird nun zusätzlich durch den Geheimdienst schikaniert, der während ihrer Arbeitszeit in ihrer Wohnung herumwerkelt und jedes Mal unspektakuläre, aber umso unheimlichere Zeichen seiner Anwesenheit hinterlässt: Mal ist das Klo benutzt und nicht gespült worden, mal liegen Schalen von Sonnenblumenkernen herum. Und von dem Fuchsfell, das in Adinas Schlafzimmer liegt, werden Teile abgeschnitten, der Schweif, die Pfoten, und nahtlos wieder angelegt, sodass Adina es erst bemerkt, als sie den Fuchs einmal bewegt. Clara wird unterdessen von einem Mann, auf den sie sich zunächst keinen Reim machen kann, in eine Affäre gelockt. Dass er anderweitig verheiratet ist, kann sie sich bald denken. Dass es noch weit Schlimmeres mit ihm auf sich hat, auch. Aber wie damit umgehen, wenn sich Angst und Anziehung verbinden? Immer konkreter bedrängt der Geheimdienst die Handvoll Freunde um Adina. Es kommt zu Verhören. Schließlich werden Taschen gepackt und die Stadt bei Nacht und Nebel verlassen. Nur wohin soll man flüchten, wo doch der Staat überall ist? Wem vertrauen, wo doch alle Staat sind? Ein Freund, den es vor Jahren aufs Land, in ein abgelegenes Dörfchen verschlagen hat, bietet fürs Erste Unterschlupf. Die Donau ist hier nah – der Grenzfluss. Nachts laufen oft Menschen durch die Weizenfelder auf diese Grenze zu, wollen schwimmend über die Donau fliehen. Nachts fallen oft Schüsse.

Mähdrescher sind hoch, sagt der Fahrer, das ist gut, wenn man oben sitzt, sieht man im Weizen nicht die Toten liegen. (…) Das Feld stinkt süß, zum Weizenfeld müßte man GOTTESACKER sagen. (…) Meine Frau will gut sein, sie kauft kein Brot. Der Fahrer lacht, er sieht ins Feld, dann kaufe ich das Brot, sagt er. Wir essen und es schmeckt uns, auch meiner Frau. Sie ißt und weint und wird älter und fett. Sie ist besser als ich, aber wer ist hier noch gut. Wenn ihr die Augen aus dem Kopf stehen, geht sie, statt zu schreien, kotzen. (…) sie würgt leise, damit die Nachbarn nichts hören, sagt er.

Der Staat frisst seine Kinder, der Mensch sich selbst. Adina fragt sich, ob sie vielleicht bald genauso im Feld liegen wird, „bis im Sommer der Mähdrescher kommt“, und sie weiß, dass „die steigenden Eiweißprozente im Mehl“ höchstens nährmittelstatistisch interessieren.

Manchmal, sagte sie, wird euch beim Essen ein Haar in den Zähnen hängen, eines, das nicht dem Bäcker in den Teig gefallen ist.

Schilderungen vom Leben in Staatsformen, in denen der Einzelne dramatisch weniger Bedeutung, Rechte, Existenzspielräume besitzt als selbst in der schlechtesten Demokratie, gibt es wie Sand am Meer. Vollkommen egal, ob man nun gute Geschichts- und PolitiklehrerInnen hatte oder totale Nieten: Keiner, der einen Funken Verstand und eventuell sogar Nächstenliebe in sich trägt, kann sich ernsthaft in eine solche Staatsform hineinwünschen. Und doch geht in Europa und der Welt seit einer Weile ein Gespenst um – das Gespenst des „Wohlfühltotalitarismus“: eine geradezu romantische Sehnsucht nach Entmündigung und Kontrolle durch eine radikale, skrupellose, wirres Ideologiezeug daherschwafelnde Obrigkeit. Und dagegen sind mediale Aktivitäten völlig zwecklos. Autobiografien und Dokumentationen, Fotos und Filme, Zeitzeugeninterviews und Museumsausstellungen – zwecklos. Jeder Zeitungsartikel, jeder Tweet, jeder Talk – zwecklos. Selbstverständlich ist auch dieser Beitrag zwecklos, sowieso.

Ich fürchte reell, was die Zukunft politisch, gesellschaftlich wohl so bringt. Und das gar nicht hauptsächlich wegen der Nazis, die ja lieber heute als morgen die Demokratie verfeuern und den Totalitarismus aus dem Keller holen wollen. Die hat’s schon immer gegeben, jedenfalls was meine Lebenszeit anbetrifft; sowohl die Altnazis als auch die Neonazis, sowohl die hirnlosen Hau-drauf-Nazis als auch die intellektuellen Rechtsrücker, sowohl die kriminellen Nazis als auch die tadellosen Biedermeier-Nazis.
Es gibt zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft einen notorischen Teil, der es mit der übrigen Gesellschaft (was folgerichtig bedeutet: mit der Gemeinschaft insgesamt) gelinde gesagt nicht besonders gut meint. Sei’s drum. Die Frage ist bloß, wie viel Gestaltungsspielraum diese Fraktion bekommt. Im Umkehrschluss fragt es sich: Wie viel Gestaltung übernimmt also der Rest?
Müsste nicht jeder sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern?
In Berlin werden politische und anschließend Wirtschaftskarrieren gemacht, und, na, Politik natürlich auch. Was in Berlin nicht gemacht wird, ist Gemeinschaft. Was Berlin nie machen wird, ist einen großen roten Knopf zu drücken, auf dem „Harmoniegesellschaft – an“ steht. Man muss wiederum nicht gleich selbst in die Bundespolitik gehen und diesen Knopf erfinden wollen. Und auch kommunalpolitischen Einsatz kann nicht unbedingt jeder leisten. Aber sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Ist alles schön und gut mit Facebook, Twitter, Instagram ff., aber wir haben das jetzt ein ausgiebiges Weilchen lang in der Praxis getestet und es hat unsere Gesellschaft nicht besser gemacht. Hat. Es. Nicht. Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder – aber Social-Media-Blubberblasen sind nicht die Lösung, nicht wahr? Übrigens sind Social-Media-Blubberblasen auch nicht die Gemeinschaft.
Gemeinschaft wäre, ohne Ekel auch etwas für jemanden tun zu können, den man nicht so hundertprozentig gut leiden kann. Die Fähigkeit, auch ohne Schaum vorm Mund in eine volle U-Bahn zu steigen. Allesamt von unseren Palmen runterzukommen; notfalls ein paar zu fällen. Sich auf die eine oder andere Weise um einander zu kümmern, anstatt bloß um die eigenen Partikularinteressen. Falls wir das hinkriegen sollten, sehe ich gute Chancen, dass es dann ein schönes, ein anständiges Lagerfeuer geben kann. Falls wir –
Aber entschuldigen Sie mich, ich muss weiter, es ist ganz schön dunkel hier, und ich gebe zu, ich fürchte mich ein bisschen.