Thema Geld

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Flore Vasseur, Kriminelle Bande

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Wie unsagbar klein ich bin: kleiner Job, kleine Herkunft, kleine Ahnung. Ich: Von hoch oben aus betrachtet, von dort, wo die großen Jobs erledigt werden, die großen Namen unter sich sind und die großen, die globalen Themen ihren Quellen entspringen und in ihre Fließrichtung gebracht werden, bin ich so klein; ich bin unsichtbar. Umgekehrt gilt: Manche Dinge machen sich durch ihre schiere Größe unsichtbar für mich, ähnlich wie Bär oder Bulle nicht als Ganzes zu sehen sind für den Floh in ihrem Fell. Mit Geld spekulieren hier die Einen, die Anderen spekulieren nur über deren Pläne, Interessen und Verbindungen.

Flore Vasseurs Kriminelle Bande spielt unter den Großen, die von ihrem mir fernen gesellschaftlichen Hochplateau aus Weltpolitik und Weltwirtschaft steuern, indem sie Bären, Bullen und ganze Parlamente nach ihrer Pfeife tanzen lassen – eine Clique von Ministern und Präsidenten, Medienmogulen, Beratergurus, gewichtigen Bankern, PR-Königen, Aufsichtsräten wahrer Monsterkonzerne, Chefs von Rating-Agenturen und dergleichen Hochkalibriges. So sieht´s aus, ist man geneigt zu denken, sofern man, wie ich, keine Ahnung hat, wie´s tatsächlich so aussieht da oben. Eine Truppe von Freunden, die gemeinsam an der Pariser Elite-Universität HEC waren, sind die Hauptfiguren in diesem thrillerartigen Roman, und die Autorin gibt sich alle Mühe, jeden einzelnen von ihnen ein bestimmtes Element im Spektrum der Macht verdeutlichen zu lassen; so finden sich unter ihnen beispielsweise eine preisgekrönte Journalistin, der Kommunikationschef der mächtigsten US-Invenstmentbank, die leitende Managerin einer perfekt vernetzten PR-Agentur und der Vertrauensmann einer Finanzministerin. Verband die damaligen Kommilitonen der Rausch von Sex, Koks und Champagner, teilen sie heute den Rausch ihrer Macht. Nur einer von ihnen ist vom vorgezeichneten Weg abgewichen: Anstatt heute eine Schaltfunktion in Politik, Wirtschaft oder Medien zu erfüllen, hat er seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse im Untergrund zum Einsatz gebracht und steht nun auf der Seite der Hacker und Whistleblower seinen alten Freunden als eine Art schlechtes Gewissen gegenüber, wobei Gewissen in diesen Kreisen ein leerer, nutzloser Begriff ist. Die Anderen leben in ihrer isolierten – von außen hochglänzenden, von innen reichlich schmutzbelasteten – Blase vor sich hin, bis diese schließlich platzt: Die Finanzkrise lässt die Märkte abstürzen, und mit ihnen die Eliten. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, wird hier, mehr oder minder, auf einen einzelnen Namen zurückgeführt: Folman Pachs – eine durchsichtige Namensverschleierung, die unfreiwillig kindisch wirkt, obwohl ihre Verwendung vermutlich verdeutlichen sollte, wie gefährlich es ist, sich dem Namen Goldman Sachs auch nur – und sei´s bloß literarisch – zu nähern. Die Macht dieser Investmentbank ist schlicht zu groß geworden, ihr Name verkörpert die skrupellose Finanzgewalt schlechthin. Weltweit hat sie ihre Gewährsleute an den entscheidenden Stellen installiert und somit eine lautlose Machtübernahme vollzogen, wodurch sie nun munter und unbehelligt ihre eigenen Ziele, über jegliche Allgemeininteressen hinweg, verfolgen kann. Wie gefährlich dieses heimliche Machtmonopol tatsächlich ist, tritt erst im Zuge der globalen Krise zu Tage, als die Großen panisch erkennen: Selbst ihre Macht endet dort, wo die von Folman Pachs beteiligt ist. Unversehens bekommt es auch die HEC-Clique mit den Dunkelmännern der übermächtigen Finanz-Hydra zu tun, und ein verhängnisvolles Dokument sorgt dafür, dass die alten Freunde nah zusammenrücken müssen, um ihre Existenzen zu retten. Als einer der ihrigen vermeintlich Selbstmord begeht, wird klar, dass es dabei um weit mehr als nur um berufliche Positionen und ein sauberes Image geht. Sie wissen, vertrauen können sie in dieser Angelegenheit niemandem. Womöglich nicht einmal einander.

Die Autorin ist ebenfalls Absolventin der HEC und schreibt als Journalistin über die Verwicklungen von Politik und Finanzwesen – ist selbst also Elite-intern und fachlich bewandert. Anstatt aber hier einen Krimi mit Reportage-Charakter zu schreiben, wie ich mir gewünscht hätte, verheizt sie ihr Hintergrundwissen, ohne damit wirkungsvolle Effekte zu erzielen, eher, um es gelegentlich zur Schau zur stellen, lässt Story und Charaktere ersticken unter allzu plakativen Bildern und überflüssigem Hollywood-Klimbim. Den hohen Wahrheitsgehalt des Grundgedankens, Goldman Sachs und Konsorten regierten die Welt, mag ich gar nicht anzweifeln, nur verkommt dieses Szenario zur bloßen Kulisse für eine Darstellung der französischen Oberschicht, die auf arg kalkulierte Weise eine Kleine-Leute-Perspektive einnimmt: Natürlich leben die da oben alle in kaputten Ehen, sind überhaupt emotional verkrüppelt und gönnen einander nicht die Luft zum Atmen – wussten wir´s doch. Ein Eigenleben wird den Figuren nicht zugestanden, sie bleiben durchweg Funktionserfüller, und selbst die verruchtesten Hobbys, dramatische Liebesepisoden oder Verhaltensmarotten vermitteln keinen Geschmack von Echtheit, sondern von künstlicher Garnitur. Als Besonderheit ist der Roman mit QR-Codes versehen, über die sich Hintergrundmaterial zu bestimmten Stichworten abrufen lässt. Als Idee nicht schlecht, würde sich der Einsatz dieses Mittels darauf beschränken, den Leser zu Erläuterungen von komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhängen weiterzuleiten. Dass aber auch jeder erwähnte Song gleich per QR-Code als Video abrufbar ist, macht die Sache zur Spielerei, die den Lesefluss enorm stört und als peinliche Anbiederung des Buches an das Smartphone-Zeitalter daherkommt. Dort, wo es sich tatsächlich anbietet, hätte es sicher auch die gute, alte Fußnote getan. Der Wirtschaftskennerin Vasseur scheint daran gelegen zu sein, mit diesem Roman ein auf allen Ebenen überladenes Produkt verkaufen zu wollen, das ein durchaus begründetes, aber ahnungsloses Unbehagen an der Macht der Hochfinanz bedient. Falls sie, die selbst dazugehört, jedoch ein reelles Oberschichtsportrait hat abliefern wollen, so hat sie das indirekt getan, indem sie per Roman selbst einiges an seelenloser Funktionsorientierung offenbart.


>>Flore Vasseur, Kriminelle Bande (Haffmans&Tolkemitt), €19,95


 

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FEINDLICHE ÜBERNAHME // Geldherrschaft

Here come the puppet men with their fists
You know those backroom ghouls, 

diese düsteren Halbgötter im Geld-Olymp. Marionetten ihres Systems, aber an diesen Fäden hängen wir ja irgendwie alle, manche wenige eben an den oberen Fädenenden, die meisten an den unteren – bewegt einer weiter oben einen Arm, zappeln in der Tiefe gleich ganze Kollektive nach diesem Takt. Die Fäuste der Oberen sind natürlich schmutzig: Über Leichen zu den Sternen – so hangelt man sich hinauf.

Wie ist das eigentlich: Macht das große Geld die Menschen schlecht, oder sind es nun einmal die schlechten Menschen, die das große Geld machen? Oder ist das Ganze nur ein moderner, medialer Schauermythos, der den in die Jahre gekommenen Herren Teufel und Beelzebub ein neues Make Up verpasst: die feindliche Übernahme der Welt durch eine verdorbene Geld-Elite? Oder müssen wir uns tatsächlich sehr fürchten? Ach, und eins noch: Wer sind die, die profitieren, wenn wir das tun?

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Jim Nisbet, Dunkler Gefährte

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Banerjhee Rolf besprengte gerade seine Zinnien mit gechlortem Gletscherwasser, als Toby Pride seine Arme auf den gemeinsamen Zaun legte. So beginnt Jim Nisbets Roman Dunkler Gefährte: Durch den paradiesischen Garten eines Grundstücks in bester Lage betritt man hier das Silicon Valley, Verdichtungspunkt von IT-Weltspitze und kalifornischer Lebensart. Banerjhee Rolf, indischstämmiger Chemiker, hatte es in seinen mittleren Jahren zu einem hübschen Eigenheim für die glückliche Kleinfamilie und einem eigenen Biotech-Unternehmen gebracht. Sohn Sam studiert inzwischen in Chicago, Frau Madja verdient als Buchhalterin selbst nicht schlecht. Banerjhee jedoch hat neuerdings reichlich Zeit, um den Garten zu hegen: Nach einer feindlichen Übernahme seiner Firma durch ein Konkurrenzunternehmen wurde er, der Mitbegründer, kurzerhand vor die Tür gesetzt. Zwar genügen das Einkommen Madjas und Banerjhees Einkünfte aus gelegentlichen Auftritten als Gastdozent noch für gutes Essen und guten Wein, aber die berufliche Perspektive für den Endfünfziger sieht düster aus: Der kalifornische Boom ist nur noch Wirtschaftsnostalgie, die Glücksritter werden nicht mehr belohnt, in den Verteilungskämpfen um immer seltener werdende gute Posten hat Banerjhee keine Chance mehr gegen die jungen Karriere-Pilger, die direkt von den Universitäten aus das Valley überschwemmen. Unterdessen wird Banerjhees Abfindung von den Alltagskosten aufgezehrt, und seine Altersvorsorge hat ihren Wert von heute auf morgen verloren. Nachdem sich der Amerikanische Traum für die Rolfs erfüllt hatte, stehen sie nun vor der Bedrohung, ihn im Rückwärtsgang zu erleben, zusteuernd auf Überschuldung, Altersarmut, Unterversorgung, am Ende womöglich Wohnungslosigkeit.

Der Sog der Krise zerrt indes nicht allein an Familie Rolfs finanziellem Unterbau, sondern an den hübschen Fassaden der gesamten Nachbarschaft, wo sich die verkaufsanzeigenden Maklerschilder bereits häufen – das Valley im Ganzen verhält sich ähnlich wie ein einzelnes, ins Straucheln geratenes Unternehmen: Diejenigen Bestandteile, die nicht mehr nutzen, werden von der Masse abgespalten, und hinter der Konzentration auf die rettenden Elemente schwinden die Überlebenschancen der Restsubstanzen. Madja sieht das in aller Klarheit, ihrer drohenden Vertreibung aus dem kränkelnden Paradies will sie zuvorkommen: das Haus loswerden, so lange es noch etwas einbringt, Umzug nach Chicago. Aus der Buchhalterin spricht hier die rechnerische Vernunft, und der Wahrheit der Zahlen, an die auch der Naturwissenschaftler gebunden ist, vermag Banerjhee nichts entgegenzustellen. Und dennoch – es behauptet sich ein hartnäckiger Widerwille in ihm, ein unvernünftiges inneres Ankämpfen gegen diese Planungen. Dessen Kern beruht auf einer bitter-unverdaulichen Erfahrung: Ihm, dem Wissenschaftler, dem sachlichen Denker, ist mit dem unvorhergesehenen Eintritt seines beruflichen und finanziellen Absturzes der Glaube an die Berechenbarkeit der Dinge abhanden gekommen. Der psychologische Strohhalm, an den er sich weiterhin klammert, ist seine Liebe zur Astrophysik: zur Lehre der festen Himmelskörper, der unverrückbaren Gesetze, die den Kosmos formen. Seinem wohlgeregelten Leben jedoch, das spürt Banerjhee, droht die unabwendbare, feindliche Übernahme durch das Chaos.

Glück lässt sich nicht planen, auch nicht absichern, nicht ewig haltbar machen. Sein Zustandekommen mag mittels Wissenschaft nachvollziehbar sein – steuerbar ist es nicht. So erlangen ein paar Lottozahlen, die gleich in der Eingangsszene auf die willkürliche Natur des Glückes verweisen, die Bedeutung eines Menetekels. Toby Pride, Banerjhees Nachbar, der sich ihm über den Zaun entgegenlehnt, verkörpert mit seiner undurchsichtigen Halbweltzugehörigkeit und seinem ungepflegten Grundstück ein ohnehin überdeutliches Kontrastbild zu Banerjhees Bedürfnis nach geordneten Verhältnissen. Nun wedelt er vor Banerjhees Nase mit einer Hand voller Lottoscheine herum, und damit greift gleichsam die Hand des Schicksals über den Zaun: „Heute ist der Tag der Tage, BJ, mein arbeitsloser Freund ohne Nebeneinkünfte. Und ich bin gekommen, um dir zu helfen.“ Zwar nimmt Banerjhee die angebotenen Lottoscheine von seinem arbeitslosen Freund mit Nebeneinkünften, wie er Toby betitelt, nicht an. Jetzt nicht. Später aber werden sie noch eine entscheidende Rolle zu spielen haben: Der Wahrheit der Zahlen vermag Banerjhee nun einmal nichts entgegenzustellen – am wenigsten, so wird sich zeigen, die eigenen Berechnungen.

Als Madja, die Stimme der Vernunft, zu einem Besuch nach Chicago verreist ist, nimmt das Schicksal für Banerjhee eines Abends seinen heillosen Lauf, und zwar gründlich. Dabei beginnt alles eigentlich ganz harmlos, indem Banerjhee die Einladung von Nachbar Toby und dessen halbseiden anmutender Bettfreundin Esme annimmt, auf ein Bier rüberzukommen. Die Zaungrenze hat Banerjhee bislang nie überschritten, die Rolfs hielten es wegen Tobys aufdringlicher Redseligkeit und vermuteter Verwicklungen in Drogendeals für ratsam, etwas Distanz zu wahren. Banerjhee verzichtet nun dieses eine Mal auf seinen Sicherheitsabstand – und zieht damit den Anti-Jackpot. Die Mächte des Zufalls lassen es krachen und bescheren Banerjhee einen spektakulären Untergang: falscher Ort und falsche Zeit, Porno- und Kriegsbilder, Wahrheit und Wahn, Blut und FBI, Lottoscheine und ein schnelles Auto, ein Casino und eine Pistole, die keinem Schützen gehorcht.

Was als Gesellschaftsbetrachtung begonnen hat, kippt erst spät um in Richtung Noir, und das so plötzlich, dass es geradezu die förmliche Entsprechung des stets gegenwärtigen Willkür-Motivs darstellt. Die extrem überdrehte Wendung ins Chaotische schert sich nicht um Glaubwürdigkeit, aber auch das fügt sich nur konsequent ins Thema. Mag das unrunde Poltern des Plots beim Lesen auch an mancher Stelle irritieren, am Ende zeigt sich Strategie dahinter, die Verbindung aus Unternehmer-Drama und Krimi funktioniert, man darf sich das als Leser also durchaus gefallen lassen. Gut, dass Nisbet seiner Story so wenig Ballast wie möglich angehängt hat, sie benötigt kaum 200 Seiten – da kommen manch andere Thriller gerade erst in Fahrt. Keineswegs leiden die Charaktere unter dieser Knappheit: Um etwa die Ehe Banerjhees und Madjas als geglückte und unermüdete Beziehung deutlich zu machen, oder um das Nachbarpärchen lebendig werden zu lassen als skurille Idioten, denen unheimlicherweise anzumerken ist, dass mehr hinter ihnen steckt, benötigt Nisbet ein, zwei unangestrengte Seiten, nach denen geschickt und unaufdringlich alles gesagt ist, was man wissen muss.

Frank Nowatzki, Herausgeber der Reihe Pulp Master, hat dem Roman ein ziemlich persönliches Vorwort vorangestellt, in dem er über seinen Bezug zu Nisbet und anderen Noir-Autoren, deren ausbleibende Kassenerfolge und literarischen Wert plaudert. Ein kleiner Lobgesang auf die Männer hinter den Romanen, selbst reichlich eingefärbt von Noir-Romantik – ein lesenswerter Einstieg zu Nisbet.


>>Jim Nisbet, Dunkler Gefährte (Pulp Master), €12,80

SINN UND GEHALT // Über: Rolf Dobelli, Und was machen Sie beruflich?


Vorbemerkung:

Es gibt da draußen offenbar Menschen, eine Masse von Menschen sogar, die nicht klar denken, nicht klug handeln und sich keine Fragen stellen. Man könnte nun meinen, diese Verhältnisse ließen sich überwinden, indem die Betreffenden einfach von sich aus damit anfingen, klar zu denken, klug zu handeln und sich einige Fragen zu stellen – so jedenfalls hat man sich das damals für diese Klassenarbeit über Kant eingebüffelt („Was ist Aufklärung?“ – „Sapere aude!“). Das Marketingwesen aber kennt die Menschen da draußen besser, es weiß, dass sie sich nicht besser fühlen, sobald sie einfach von sich aus damit anfangen, klar zu denken, klug zu handeln und sich einige Fragen zu stellen, sondern dass sie sich verändert, erleuchtet und allerbestens fühlen, wenn sie ein viel besprochenes Buch gekauft haben, das ihnen erläutert, wie sie klar denken, klug handeln und welche Fragen sie sich stellen sollen.

Rolf Dobelli ist ein Bestseller-Autor, dessen Erfolg nach genau jenem Mechanismus funktioniert. Seine Verkaufsschlager geben Selbsthilfe mit light-philosophischem Anstrich, formen ökonomische Denkmuster zu Leitlinien für die private Lebensführung um und brechen psychologische Zusammenhänge herunter auf zitierfreundliche, griffige Welterklärer-Sprüche – alles veredelt durch den weltmännischen Nimbus, der vom Autor aufs Geschriebene abfärbt. Kann man kaufen, um sich dabei hervorragend zu fühlen, kann man, als gleichzeitig repräsentatives und völlig neutrales Mitbringsel, auch jedem schenken, ohne dabei irgendwas falsch zu machen. Allein Die Kunst des klaren Denkens und Die Kunst des klugen Handelns, oder auch Wer bin ich? – 777 indiskrete Fragen sind derartig viel verkaufte Titel, dass es selbst Kochbuchprominenten die Neid-Tränen in die Augen treiben muss. Neben Martin Suter ist Rolf Dobelli der am besten verdienende Autor der Schweiz.

Dabei ist das Schreiben lediglich Dobellis Zweitprofession. Von Haus aus ist der studierte Philosoph und Betriebswirt Unternehmer. Ein smarter, gepflegter Typ, der eine perfekte und sehr fotogene Business-Attraktivität besitzt, geschmackssicher in der Wahl seiner Anzüge, gebildet, erfolgreich – ein Aushängeschild für die höchst exklusive Abteilung der Schweizer Gesellschaft, der er angehört. Dobelli arbeitete als Finanzchef und Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair und gründete eine eigene Firma, die Zusammenfassungen wissenschaftlicher und literarischer Bücher an Firmen und Privatkunden im Abonnement verkauft: getAbstract hat sich zum inzwischen millionenschweren Aktien-Unternehmen mit Tochtergesellschaft in den USA entwickelt, alljährlich wird an der Frankfurter Buchmesse der getAbstract International Book Award vergeben (kleine zusätzliche Anmerkung ohne Werbeabsicht: Bei Abschluss eines getAbstract Business-Gold Abonnements erhält man übrigens 15 000 Prämien-Flugmeilen bei Miles&More). Darüber hinaus trat Dobelli in den letzten Jahren als Moderator einer Sendung über Wirtschaftsbücher bei NZZ Online in Erscheinung und schrieb Kolumnen für die FAZ, die Schweizer SonntagsZeitung, die Zeit, sowie derzeit für den Stern. Und dann ist da noch Zurich.Minds: Dobelli ist Begründer und Vorsitzender dieser Non-Profit-Organisation, die bei jährlichen Treffen herausragende Köpfe aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringt – ein VIP-Club, Gerhard Schröder und andere Politiker sind dabei, auch Nobelpreisträger und derlei honorige Persönlichkeiten.

Dass hinter seinen eigenen Sachbüchern also ein Karriere-Lebenslauf steckt, in dem sich Kultur und Wirtschaft verknüpfen, macht ihn als Autor zur verkaufsfördernden Autorität, während seine Position im Verkaufsranking wiederum sein unternehmerisches Profil auf Hochglanz bringt. An der Wertigkeit der Erfolgsmarke Dobelli konnte nicht einmal der kleine Plagiatsskandal 2013 ernstzunehmend kratzen, den die Aussage eines befreundeten Autors losgetreten hatte, Dobelli habe ziemlich unverfroren bei ihm abgeschrieben.

Geht man nun aber in Dobellis Veröffentlichungsliste ein paar Jahre zurück, trifft man auf eine literarische Figur namens Gehrer, die in den ersten beiden Büchern Dobellis die Protagonistenrolle bestreitet. (Nach diesen Erstlingen übrigens hat Dobelli später noch zwei weitere Ausflüge ins literarische Schreiben unternommen, ohne Gehrer – die waren so, naja, okay.) Die Romane Fünfunddreißig – Eine Midlife-Story (2003) und dessen Fortsetzung Und was machen sie beruflich? (2004) beschäftigen sich mit einem jungdynamischen Manager, der dem eigenen Altern und den damit einhergehenden Etablierungszwängen ins Auge blicken muss, und seiner eintretenden Sinnkrise, die zu ihrem Finale findet, als der Höhenflug des Erfolgsverwöhnten schließlich krisenbedingt in einem Absturz endet.

Diese Romane las ich zur Zeit ihres Erscheinens, ich mochte und mag sie beide. Mit ungespielter Lockerheit pendeln sie zwischen Selbstironie und Garstigkeit. Ich, die dem Musterknaben Dobelli rein gar nichts abgewinnen kann, weil ich für diese Art durchökonomisierten Charmes nicht empfänglich bin, finde an seinem Gehrer viel Interessantes.

Das eigentlich Interessanteste aber daran ist, dass mir die Gehrer-Romane, mit Blick auf die Entwicklung, die Dobelli seither genommen hat, inzwischen beinahe als Werk eines Schizophrenen erscheinen. Womöglich verbindet sich daher bei Dobelli gar so etwas wie Erleichterung mit der Tatsache, dass Und was machen Sie beruflich? inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich ist? Da lässt einer, der seine eigene Firma getAbstract genannt hat, seine Romanfigur sagen: SolutionsUniverse – wer solche Firmennamen erfindet, verdient es, hingerichtet zu werden!, lässt diese Figur als Karikatur seiner selbst peinliche Selbstdarstellungsrituale exerzieren, ob als Gast im Nobelrestaurant oder bei geschäftlichen Treffen, und lässt sie dazu – ausgerechnet! – noch an der hohlen Phrasendrescherei und praktischen Nutzlosigkeit von psychologisch angehauchter Business-Ratgeber-Lektüre verzweifeln. Tatsächlich taucht ein Satz aus Und was machen Sie beruflich?, der dort im Kontext eines Vorstellungsgesprächs dessen bodenlose Hirnrissigkeit unterstreicht, später wörtlich in Dobellis Wer bin ich? – 777 indiskrete Fragen wieder auf: Angenommen, Sie würden entführt. Was wäre ihrer Meinung nach eine vernünftige Lösesumme? Auch fragt letzteres Buch: Rundheraus, was sind Sie für ein Mensch?, während Gehrer im eben erwähnten Gespräch ebenso gefragt wird: Kurz und gut: Was sind Sie für ein Mensch, Herr Gehrer? Und doch werden weder der Sarkasmus Gehrers durch seinen Autor, noch der Erfolg Dobellis durch seine Romanfigur ungültig gemacht. Gehrer besteht einfach als eine Schatten-Version des leuchtlächelnden Dobelli, und fast wirkt es, als habe der Autor diese zwischen Buchdeckeln begraben, auf dass sie ihn im wahren Leben in Frieden lasse. Mag sein, dass das bis heute prächtig funktioniert. Mag auch sein, dass Dobelli eigentlich täglich darauf wartet, dass Gehrer wahr wird.


Aber nun Gehrers Geschichte (oder vielmehr: deren zweiter Teil – dadurch, dass beide Gehrer-Romane in sich abgeschlossen sind, lassen sie sich allerdings ohne Verständnisschwierigkeiten unabhängig voneinander lesen):

Erfolg ist eine Einbahnstraße. Voran, voran – diesen Weg ist Gehrer bislang gegangen, bis hierher, in die Chef-Etage der SolutionsUniverse. Gehrer sitzt hoch oben im gläsernen Büroturm und schaut herab auf die Stadt, Zürich, die ihm zu Füßen liegt. Ein Fall aus solcher Höhe muss verheerend enden.

„Wir erwarten Sie im Konferenzraum, Montagmorgen sieben Uhr“, hatte der CEO gesagt, dann aufgehängt. Nach diesem Telefonat plötzlich ein Zittern, es geht durch Gehrer hindurch, durch den Turm, womöglich durch die ganze Schweiz. Ein Erdbeben? Nicht doch, denkt Gehrer. Kein Land ist stabiler als die Schweiz.

Es ist kein Beben, und es ist doch eins: Keine Kollision tektonischer Platten rüttelt am gläsernen Turm, in dem Gehrer sitzt – es ist das Anbrechen einer Rezessionsphase, die alles, selbst die stabile Schweiz, durchzuschütteln beginnt, die schwere Risse verursachen und Lebensgebäude zum Einstürzen bringen wird. Montagmorgen, sieben Uhr, erhält Gehrer seine Kündigung.

Was macht ein Marketingchef, der kein Marketingchef mehr ist? Erst einmal einen ganzen Tag lang duschen, aber auch das wäscht die Kündigung nicht ab. Auf ziellosen Wegen durch die Stadt irren, aber auch das hängt die Kündigung nicht ab. Seiner Frau, der erfolgreichen Rechtsanwältin, nichts davon erzählen: Allein das gebietet der Realwerdung der Kündigung gewissermaßen Einhalt. Jeanette weiß noch nichts, und solange in Jeanettes Kopf noch keine Kündigung angekommen ist, ist Gehrer immerhin noch ein kleines, psychologisches bisschen länger Marketingchef. Er lügt ja nicht, er verschweigt nur etwas – Gehrer fühlt sich da auf der sicheren Seite. Und bevor Jeanette irgendetwas bemerkt, wird er längst schon den nächsten Job angetreten haben.

Tatsächlich bemerkt Jeanette so bald nichts. Leider aber findet Gehrer auch so bald nichts im Stellenmarkt, das ihn aufatmen ließe. Die Beichte wird unausweichlich. Als Gehrer sie jedoch endlich herausbringen will, kommt sie stockend daher, wird missverstanden, Frau Gehrer kreischt auf – vor Begeisterung: Beförderung? Wie könnte man in dieses Strahlen hinein die pechschwarze Wahrheit werfen? Warum also nicht den Beförderten spielen? Gehrer ist munter und berichtet von Expansionsplänen der Firma und von Zweigniederlassungen in New York. Champagnerkorken knallen. Gehrer ist glücklich, zu Hause zu sein, Jeanette als seine Frau zu wissen, glücklich, die nächste Stufe der Karriereleiter in Angriff zu nehmen. Nein, er wird es ihr nicht sagen, er wird es einfach tun. Und eines Tages wird er vor ihr stehen als Marketingchef oder gar CEO einer noch größeren Firma – eines Biestes von einem Konzern!

So muss man denken: mit Ausrufezeichen! Gehrer geht aggressiv auf Stellenjagd. Es kommt zu Gesprächen, aber Gehrers Ausrufezeichen werden stumpfer, immer stumpfer, bald sind sie nur noch lächerlich und verschwinden dann lieber ganz. Herr Gehrer, ihre Krawatte hat einen Fleck. / Was sagt Ihre Frau zu Ihrer Entlassung? / Herr Gehrer, mit 40 sind sie nicht mehr der Jüngste! / Wie gut kennen Sie unsere Branche, Herr Gehrer? Katzenfutter ist etwas ganz anderes als Software, glauben Sie mir. / Stellen Sie sich mit dem Rücken zur Wand. Genau so. Nun schließen Sie die Augen. Hände auf den Rücken. So ist´s gut. Wenn ich mit dem Lineal auf den Tisch schlage, dann machen Sie einen Sprung vorwärts, so weit Sie können. Damit testen wir die Reaktionsgeschwindigkeit. Es bringt nichts, Leute einzustellen, die nicht reagieren können. Die Wirtschaftswelt ist voller Reaktionen! / Was liegt ihnen näher: a) einem Kind einen Zahn aus dem Mund zu schlagen oder b) mit der Zunge Staub vom Boden zu lecken? / Und so weiter, und so weiter. Kommen Sie zur Sache, Herr Gehrer! / Menschlichkeit wird bei uns großgeschrieben. Das Thema „Emotional Leadership“ ist ganz top. Also: Weinen Sie mal! Los! Weinen Sie mal! / Sie brauchen ja nicht zu arbeiten, Herr Gehrer, mit einer solchen Frau! / Es war nett, Sie kennenzulernen. / Wir bleiben in Kontakt.

Nach zehn Wochen gibt Gehrer auf. Rundherum herrscht schönster Frühling, alles blüht, alles strotzt vor Kraft und Lebensfreude, alles badet sich in Licht, nur Gehrer nicht. Der flüchtet sich fürs Erste auf eine fingierte Dienstreise – was soll man schließlich sonst machen, wenn schon alle Cafés und Museen besucht worden sind, mehrfach -, dann in Aussteigerfantasien und abenteuerliche Träumereien: einfach in irgendeinen Flieger steigen, neu anfangen am anderen Ende der Welt, auf sich allein gestellt, Lonesome Gehrer, nur vorher vielleicht noch schnell eine Bank überfallen. Es kommt aber nicht zu Abenteuern, es bleibt bei einer einzigen neuen Herausforderung: sich nicht von seiner Frau zu Hause auf dem Sofa erwischen zu lassen.

Natürlich kann so was nicht gutgehen. So, wie sich die Krise am Markt nicht per Vertuschung und Weggucken hat aufhalten lassen, kann auch Gehrer mit seinen hilflosen Spielchen die Privatkrise irgendwann nicht mehr abwenden. Gehrer fliegt auf, High Noon zwischen Gehrer und Jeanette in der Küche, das Durchbrennen der Sicherungen im Haus spielt einen vielsagenden Tusch dazu.

Es kommt der Sommer, es kommt der Herbst. Freunde kommen bald nicht mehr. Es kommen Gelegenheiten – Gehrer lässt sie verstreichen. Allmählich kommen die Vorwürfe von Jeanette, im Wechsel mit vergifteten Tröstungsversuchen: Das ist ja reine Selbstsabotage, was du da betreibst! / Schau her, was ich dir mitgebracht habe: eine ganze Schachtel voller Motivations-CDs. Alle für dich! / Im Klartext: Wir sind zwar verheiratet, aber ich habe nicht vor, dich für den Rest des Lebens durchzufüttern. / Komm! Leg deinen Kopf an meine Schulter. So. Und nun packen wir´s an. Wir packen´s zusammen an. / Übrigens – in der Kanzlei kursieren schon die ersten Witze. / Darf ich dir vorstellen: Frau Schumacher. Sie wird mit dir jeden Morgen zwei Stunden Motivationstraining machen. Von acht bis zehn. Das wird dir bestimmt guttun.

Letztes Aufbäumen: Gehrer versucht´s kurz mit einer kleinen Selbstständigkeit – ein Minusgeschäft. Danach widmet er sich zum ersten Mal dem Haushalt, mit der Effizienz eines Managers. Aber was dann? Wenn die Arbeit achtzig Prozent des lebens ausfüllt, was ist wichtiger: die Arbeit oder das Leben? Und was bleibt eigentlich bestehen von diesem Begriff Leben, sobald man den ohne Gehaltseingang nicht mehr denkbaren Teil davon subtrahiert? Es fällt auf: Gehrer und Jeanette haben keine Kinder, auch keinen Hund, keine Eltern oder Geschwister werden erwähnt, nur ein einziges Mal taucht eine Freundin Jeanettes auf, mit der man in nicht rein geschäftlicher Verbindung steht. Gehrer hat nicht einmal einen Vornamen.

Es naht der Winter. Die vollkommene Stagnation ist längst erreicht, nun schaltet Gehrer um auf Eskalation: verursacht kleine Skandale, blamiert seine Frau, macht häufiger Bekanntschaft mit der Polizei. Der Sturm vor der endgültigen Ruhe. Am letzten gemeinsamen Abend sagt Jeanette: Mach uns beiden eine Freude, und geh schlafen. Ins Bett gehen, das tut Gehrer dann auch – endlich einfach liegenbleiben dürfen. Es gibt keinen Grund , das Haus zu verlassen. Der Wein im Keller reicht bis zum übernächsten Frühjahr. Daß der Briefkasten vor der Haustür überquillt, sieht er vom Bett aus.


(Zitate sind kursiv geschrieben.)

>>Rolf Dobelli, Und was machen Sie beruflich? (Diogenes), antiquarisch


DISPO FEVER // Kristine Bilkau, Die Glücklichen

Isabell und Georg, ein alternativ-bürgerliches Großstadtpärchen, das sich mit Kleinkind Matti inzwischen ins Familienleben gewagt hat – das sind hier die Glücklichen. Eine Stichwortwolke: Altbau, Dinkelpulver, Adagio, Süßkartoffelmedaillons, Seidenpapier, Wertigkeit, Biokiste, Petit Fours, Parkettboden, Globuli, Glockenrock, Kinderboutique, Makler, Maronencreme, leichthändig, Engagements, Kaschmirstrickjacke, Veggieaufstrich, Stil, Expertise, Yogastudio, Dufflecoat, Konferenzsitzung, Hutmacherei, Babyschwimmen, Alpaka-Decke, geschmackvoll, Fitnessstudio, Sushi, Nachhaltigkeit, Hotelzimmer, Persönlichkeit, ausgewogen, Kronleuchter. Isabell ist Berufsmusikerin, Cellistin, Georg arbeitet als Journalist für eine große Zeitung. Unausgesprochen, aber eindeutigen Hinweisen nach zu urteilen ist Hamburg ihr Zuhause, übertragbar sind die Ortsbeschreibungen jedoch auf jede beliebige großstädtische beste Wohnlage. Die junge Familie lebt idyllisch-urban im begehrten Altbauviertel, die wunderbare Wohnung besitzt Charakter, Blumenläden heißen hier Floristenwerk, Bäckereien nennen sich Manufaktur. So weit, so gut durchgekaut. Als ich zu lesen beginne, möchte ich das Buch schon gleich wieder weglegen: Plakativ wie irgend möglich werden jene Marker für gentrifizierte Strukturen angebracht, als müsse ein feststehender Begriffskatalog abgearbeitet werden – da ist er ja promt, dieser nervtötende bürgerliche Genauigkeitswahn -, und dann geht es eingangs auch noch hinein in die Gedankenwelt einer Cellistin, deren Hände neuerdings vor ihren Einsätzen im Orchester zu zittern beginnen. Ach, lasst mich doch alle in Ruhe mit euren Luxussorgen! Aber Kristine Bilkau gräbt tiefer, der Eindruck von Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit verflüchtigt sich zu Gunsten des Gedankens, dass da eine Autorin sehr gewissenhaft das Sittengemälde einer bestimmten Schicht zu einer bestimmten Zeit zeichnet – ein Portrait, das so detail- und symbolgeladen ist, dass sich in dreißig Jahren, wenn man dieses Buch erneut aufschlägt, dieser dann vergangene gesellschaftliche Moment haarklein zum Leben wiedererwecken lassen wird.

Was Bilkau aus den Betulichkeiten einer Wohlstands-Familie herausarbeitet, sind die rissigen Schichten unterhalb der wertigen Oberfläche, die auf einen großen Bruch hinarbeiten. Für Isabell und Georg werden diese Risse zunehmend sichtbar, der Putz wackelt, Reparaturen werden nötig. Aber können behütete Kulturmenschen so was überhaupt, ist Dinge zu reparieren nicht eher Handwerkersache? Zuerst treten die Risse in der Fassade ihres Altbauwohnhauses zu Tage. Isabell stört sich an der Bauplane, die den Räumen die Aussicht nimmt, und an der Dauergegenwart der Handwerker, deren Lärm die Heimeligkeit der Wohnung und den sorgsam getakteten Tagesablauf mit Matti stört. Als sie einen der Handwerker vor ihrem Fenster etwas platt fragt, was er da den ganzen Tag so werkele, erzählt er ihr von den Rissen, den oberflächlichen und den versteckten, den harmlosen und den fatalen, wie man sie entdeckt, unterscheidet, und was man dann tut. Die verblüffte Isabell bringt dem Herren dafür glatt einen Kaffee ans Fenster. Auf anderen Ebenen gilt es ebenfalls die Lehre von den Rissen anzuwenden: Nach der Babypause findet Isabell nur schwer in ihren Berufsalltag zurück, ein Zittern schleicht sich in ihre Finger, durchzieht ihren Arm, versetzt sie in innerliches Beben. Was sie anfänglich zu verstecken versucht, tritt mit unbarmherziger Stärke immer sicht- und vor Allem hörbarer zu Tage und bedroht schließlich ihre berufliche Existenz. Georg, dessen Redaktionstätigkeit von solider Routine geprägt ist, schnappt irgendwann zufällig ein Gerücht auf, das sich nach und nach zu einem handfesten Verdacht auswächst: Die Zeitung – eigentlich eine feste Mediengröße – bleibt vom großen Printsterben nicht unberührt, sie strauchelt. Der Verdacht wird zur Erwartung, schließlich zur Gewissheit: Stellenabbau. Beide betrachten hilflos die Auflösung ihrer beruflichen Identität, und beinahe umfasst dieser Erosionsvorgang auch die Auflösung ihrer Ehe. Das Geld, der Motor aller Leichtigkeit, fehlt plötzlich. Der Geldmangel wird zum Ausgangspunkt eines Risses, der Isabell und Georg sowohl als Personen als auch als familiäres Gefüge massiv destabilisiert. Naiv sind die beiden von Beginn an nicht, sie wissen genau, dass ihr Lebenswandel nur ab einer bestimmten Summe Gehaltseingang funktioniert. Die Liebe in Zeiten der Staffelmiete: ohnehin nicht einfach. Sicherheit bedeutet finanzielle Sicherheit, Zufriedenheit bedeutet finanzielle Zufriedenheit, Zukunft bedeutet finanzielle Zukunft – wie verhält es sich mit dem Glück? Wenn Perfektion zum Standard geworden ist, und Geld alles absichert, auch die emotionale Perfektion – wie geht man dann mit einem Absturz um? Bilkau zeichnet diesen Absturz in dokumentarisch wirkendem Stil nach. In kleinen Alltagsschilderungen protokolliert sie den stufenweisen Verfall einer kontrollierten Wohlfühlwelt. Zwischen Isabell und Georg, die einander ehrlich lieben, schiebt sich plötzlich Unausgesprochenes: Jeder für sich wissen sie nicht mit ihren Ängsten umzugehen, verkapseln sich in Schweigen, treten einander immer verunsicherter und gereizter gegenüber. Dort, wo es unter Pärchen etwas gründlicher kracht, wird unter Eltern oft weitergeschwiegen, dem Kind zuliebe – ein Druckkessel. Zweite Stichwortwolke: erschöpft, Schmerzen, verkrampft, Abgrund, dünnhäutig, Dispo, Verlust, teuer, Discounter, Mieterhöhung, Minderwertigkeit, disqualifiziert, verschuldet, verzichten, Bewerbungen, Abschied, Verlierer, Ende, Grau, Kostenfaktor, sparen, Tränen, egal, unglücklich, billig, bezahlbar, Herzrasen, Kalkulation, ausdruckslos, schuldig, Krankheit, verwundbar, Theatralik, Schwermut, Desinteresse, Geld, abgewiesen, zahlen, Drohung, Drama, verrückt, Trennung, Last, kläglich, nötig, Grummeln, beschädigt, Konto, Kredit, Ohrensausen, beschützen, gnadenlos, Mitleid, frustriert, abwarten, warten, Leere, Defekt, Enttäuschung, Aus. Während dieses Vokabular ihr Umfeld, ihre Sprache und ihre Gedanken zu beherrschen beginnt, beschäftigen sich Isabell und Georg obsessiv mit ihren voneinander unabhängigen Fantasiewelten: Isabell stolpert im Internet über eine Familie, die ihr unsäglich perfektes Leben in wunderschönen Fotos teilt, teilt, teilt, und sie kann es nicht lassen diesen Beiträgen zu folgen, obwohl sie sie quälen. Georg forstet sich zwanghaft durch unbezahlbare Maklerangebote für Landhäuser, Resthöfe, abgelegene, naturverbundene Refugien, und träumt sich durch diffuse Aussteigerszenarien.

Aber wie geht aussteigen? Mit verschiedenen Varianten von Ausstieg werden beide konfrontiert. Georg besucht einen Aussteiger auf dessen Ökohof, einen ehemaligen Verpackungsdesigner, der sich nach der Insolvenz seiner einst extrem erfolgreichen Firma radikal neu erfunden hat: Tierhaltung, Ackerbau, Selbstversorgung, blutjunge neue Freundin. Aber Georg misstraut der Wollpullover-Utopie, er erkennt, dass er hier nicht die gesuchte Sicherheit findet, sondern nur neue (finanzielle) Risiken. Isabell, die sich verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Musiker-Misere sehnt, wird Zeugin einer zwischenmenschlichen Explosion in ihrem Orchester, die die Karriere eines Kollegen von einer Sekunde zur anderen beendet. Doch anstatt Empathie bei ihr auzulösen, bewirkt dieser Knall bei Isabell einen stumpfen Schock. Und schließlich ein Todesfall in der Familie – Isabell und Georg stehen plötzlich vor der direkten Antwort auf die Frage Was bleibt?, und diese Antwort ist ernüchternd. Oder vielleicht doch nicht? Welches Ende die Geschichte um Isabell, Matti und Georg nimmt, wird nicht vollends verraten. Ob Glück, Liebe und Hoffnung sich erstens von ihrer Überidealisierung, zweitens von ihrer Abhängigkeit vom Monetären emanzipieren können, muss man während der abschließenden Kapitel für sich beantworten. Ein Roman, den man unbedingt als Selbsttest lesen sollte, auch oder gerade, wenn er schmerzhaft an innere Risse rührt.


>> Kristine Bilkau, Die Glücklichen (Luchterhand), gebunden €19,99 Vielen Dank an Luchterhand für das Lese-Exemplar!


DISPO FEVER // Geld (Ist es das, was ich will?)

(…) all you need is love – als man Keith Richards (…) von diesem Songtitel der Beatles erzählte, soll er einer hübschen, apokryphen, mindestens sehr gut erfundenen, also vielleicht nicht wirklichen, aber allemal wahren Geschichte nach geantwortet haben: Oh yeah? Try paying the fuckin´ rent with it. *

Vielleicht ist der wahrhaft lebensbestimmende Dualismus nicht der von Gut und Böse, sondern der von Wunsch und Wirklichkeit. Was uns antreibt, sind unsere Lebenswunschvorstellungen, von welcher Größe und Beschaffenheit auch immer sie sein mögen. Dem gegenüber steht die Lebensrealität, sie ist der Gegner, dem es die Erfüllung jener bedeutenden oder banalen, leichten oder schweren (auch: guten oder bösen) Träume abzutrotzen gilt. Mal gelingt es, den Traum zur Realität zu machen, mal vernichtet die Realität den Traum. Jeder – das behaupte ich hier großspurig und nehme es auch nicht zurück – wünscht sich gelegentlich einen Vorteil für sich in diesem allgegenwärtigen Kampf, einen kleinen Wettbewerbsverzerrer, der zu Gunsten von Traum und Wunsch arbeitet. Manche hoffen da auf höhere Mächte: Glaube, Aberglaube, Esoterik. Manche arbeiten sich durch präzise formulierte Lebenspläne, bauen auf Coaching, Training, Schönheitsoperationen, Netzwerke. Und dann wäre da noch der allgemeine Faktor GELD – und, in dessen Anhang, die ewige Frage danach, ob GELD nun ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems ist. GELD ist eine sehr spezielle, irdisch verfügbare Superkraft: Ach, könnte man nicht viel einfacher ein idealerer Mensch sein, wenn der Dispokredit nicht ewig ausgereizt wäre? Ob GELD das Leben verschönert oder doch den Charakter verschlechtert, beantwortet sich schlicht abhängig davon, ob man selbst GELD hat oder eben nicht.


Die Beatles und die Rolling Stones waren sich zumindest darin einig, darüber singen zu müssen: Money (That´s What I Want) ist ein Titel, den gleich beide Bands aufnahmen. Wenig darin lässt an love is all you need denken, stattdessen heißt es eher unromantisch: Your lovin´ don´t pay my bills. Geschrieben wurde das Stück von Berry Gordy jr. und Barrett Strong, die es 1959 in Gordys improvisiertem Garagen-Tonstudio aufnahmen. Gordy klimperte am Klavier, es fehlte an einer passenden Text-Idee, und so forderte Gordy seine Zuhörer auf, ihm ein Thema zu geben, irgendwas, womit einfach jeder etwas anfangen könne. Die prompte Antwort lautete: GELD. Nicht nur durch die beträchtlichen Tantiemen-Einnahmen, die ihnen die zahlreichen erfolgreichen Cover-Versionen dieses Songs einbrachten, mussten sich bald weder Gordy noch Strong länger Sorgen ums GELD machen: Berry Gordy jr., der als eines von acht Kindern in einfachsten Verhältnissen in Detroit geboren wurde und sich als Fließband-Arbeiter bei Ford und als Boxer durchschlug, gründete später Motown Records und wurde millionenschwer. Barrett Strong startete einen Hit-gepflasterten Werdegang als Songwriter, der ihn bis in die Rock´n Roll Hall of Fame und (!) die Songwriters Hall of Fame führte. (Über die Finanzlage der Beatles und der Stones zu philosophieren, halte ich im Übrigen für müßig.)


Und jetzt ein dreifaches MONEY / MONEY / MONEY:


* Zitat aus: Dietmar Dath / Barbara Kirchner, Der Implex – Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee; Teil Oh l´ Amour, Kapitel Hippies im Mietrückstand (Suhrkamp, 2012)