Thema Frauen

HÖHENUNTERSCHIEDE // Jennifer Clement, Gun Love

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“

Reinweiß und süß, aber nichts wert. Zwei knappe Sätze, mit denen Jennifer Clement diesen Roman aufmacht, als wär’s ein elegischer Blues-, Folk- oder Countrysong. Clement lässt die 14jährige Pearl ihre Geschichte und die ihrer Mutter Margot in drei Teilen, gewissermaßen in drei Strophen, erzählen, deren Singsang voll von Zärtlichkeit, Bedauern und staubtrockenem Zorn ist.

Eingedenk der Gesetzmäßigkeiten, nach denen traurig-zuckrige Songs gemeinhin funktionieren, weiß man natürlich von Beginn an, was dieser Roman nicht bereithält: ein gutes Ende. Noch dazu, wenn diese Gesetzmäßigkeiten auf Leute wie Margot und Pearl angewandt werden, die ohne Habe, ohne Zukunft in einem alten Mercury Topaz Automatik auf dem Besucherparkplatz eines Trailerparks leben.

Eine solche Geschichte davor zu bewahren, in Kitsch zu zerfließen, ist eine Kunst für sich. Schilderungen des amerikanischen Hinterlands stehen oftmals mit einem Bein im verklärten Klischee; noch öfter springen sie mit Anlauf mitten hinein. Oder sie bedienen einen fragwürdigen Sozial-Voyeurismus.
Clement schreibt sich mit echter Empathie quer durchs wilde Florida und findet überall Zucker, doch der knirscht wie Glassplitter. Die Kronjuwelen des Americana-Geistes werden systematisch ins Visier genommen, um sie vom Himmel zu schießen: die romantische Liebe, das Auto, Treue und Dankbarkeit gegenüber Gott und dem amerikanischen Soldaten, die emotionsgeladene Blutsbrüderschaft zwischen Mensch und Waffe, nicht zuletzt natürlich der Traum vom Aufstieg in ein besseres Leben – selbst Pepsi-Zuckerplörre schmeckt auf einen Schlag eisenbitter.

Pearls eigene Geschichte liefert Alltagseindrücke blanker Armut, die schon fast fremdartig, märchenartig wirken. Eine Existenz am Rande der Nicht-Existenz; Pearl besitzt nicht einmal eine echte Geburtsurkunde. Ihre Mutter Margot büxte, um ihre Teenager-Schwangerschaft geheim zu halten, einst im Auto von Zuhause aus, und aus diesem Leben unterwegs, was als bloße Überlebensmaßnahme, als Übergangslösung gedacht war, wurde ein Leben im Autowrack. Statt Freiheit und Wohlstand verkörpert der mehrfach umgepinselte Mercury nur noch Stillstand und Niedergang.
Obwohl Margot über ihre Herkunft nicht viel preisgibt, ist klar, dass es sich bei ihr um ein Aschenputtel-verkehrt-herum handelt, das nicht durch ihren Herzensprinzen erst zur Prinzessin wurde, sondern, im Gegenteil, durch ihn aus ihrem Prinzessinnenleben herausfiel und sich als Putzmädchen wiederfand (Margots einzige Einnahmequelle besteht darin, dass sie im nahe gelegenen Kriegsveteranenheim saubermacht). Einzelne Schätze, die Margot aus ihrem Kindheitsleben mitnahm – gutes Porzellan, Schmuck, Kunstgegenstände -, wirken hier, am Rande des Trailerparks, geradezu wie Kofferraumleichen.
Unterm Vordersitz lagern derweil Pearls eigene Schätze: Murmeln, Knöpfe, Scherben. Fundstücke, die sie mit ihrer einzigen Freundin April May auf der Müllkippe zusammenträgt, deren stinkende Hügel Pearls Heimat-Panorama bilden.
Margots Wesen ist trotz aller Widrigkeiten (auch das Wohlstandszuhause war kein Paradies) von unverdorbener, bonbonsüßer Natur. Pearl berichtet, ihre Mutter kenne „alle Liebeslieder, die ganze Universität der Liebe“. Aber sie kennt sie nicht bloß – sie ist so etwas wie die „Universität der Liebe“ auf zwei Beinen: Margot hat dieses popkulturelle Paralleluniversum vollkommen verinnerlicht, es zur esoterischen Lebenshilfe erhoben, sie denkt wie ein Lovesong, und sie redet auch wie einer.

„Du bist der pure Glanz, sagte meine Mutter. Mit dir zusammen zu sein ist, als hätte man hübsche Ohrringe oder ein neues Kleid an.“

Neben den Mercury-Mädels leben auf dem Wohnwagengelände Sergeant Bob mit Familie, die Mexikaner Ray und Corazón, die ehemalige Lehrerin Mrs Roberta Young mit Tochter und der dubiose Pastor Rex, der irgendwann den noch dubioseren Eli anschleppt. Ähnlich wie Margot, haben auch einige dieser Figuren ihr Seelenleben aus der Not heraus lieber in einen der Realität entrückten Traumkäfig gepfercht.

„Mexikanische Telenovelas sind besser als das Leben, sagte Corazón. Eines Tages wird das jemand untersuchen und feststellen, dass es stimmt.“

Wie Pearl diesen Roman erzählt, das gleicht mitunter sehr dem Songtextklang, den ihre Mutter an den Tag legt. Margot hat schließlich nichts Monetäres an ihre Tochter weiterzugeben – was Pearl stattdessen von ihr übernimmt, ist ihre Art zu denken. Das Regelwerk der Liebes- und Lebenslieder. Und dazu eine Pistole.

Von Tschechow wissen wir: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert. In Pearls Umfeld, wo es an allem fehlt, gibt es dafür etwas anderes in Massen: Waffen und Munition. Tschechow darf man nun ausnahmsweise mal wörtlich nehmen – bloß dräut und lauert hier nicht irgendein einzelnes Verhängnis, sondern alles, alles trieft davon. Es gibt gibt Sporttaschen voller Waffen, Hotelzimmer voller Waffen, ein Flussbett voller Patronenhülsen. Was das für die Dramaturgie von Gun Love verspricht, möge sich die potentielle Leserschaft an dieser Stelle bitte selber ausmalen.

Die Presse wedelt hier und da mit Namen wie Johnny Cash, um den Ton des Romans in eine populäre Schublade zu stopfen. Ich höre da eher die große, kaputt-zärtliche Karen Dalton singen – aber am Ende ist das einerlei, sind das alles Vereinfachungen, denn in Gun Love steckt Musik im Überfluss.
Damit gemeint sind nicht nur die andauernd eingestreuten Songtitel („‚Slowly Walk Close to Me‘, ‚Where Did You Sleep Last Night?‘, ‚Born Under a Bad Sign‘ und all die anderen Ich-bring-dich-um-wenn-du-mich-verlässt-Lieder“) und Anspielungen auf Klassiker. Die beliebte Masche, das Buch auch im Ganzen mit einem Song zu vergleichen, hat durchaus Berechtigung: Clement arbeitet mit Wiederholungen, als gliedere sie das Erzählte in Strophen und Refrain. Auch strotzt der Roman nur so vor Sätzen, die ganz und gar wie Songzeilen klingen.

„Ich hätte es nicht besser wissen können, Elis Hände waren Seife, und ich konnte eine anständige Wäsche gebrauchen.“

Alldieweil hätte ich Gun Love auch gut in die Rubrik Sprachmusik stecken können. Doch am Ende steht die musikalische Seite des Textes nicht im Vordergrund, sie dient keinem Selbstzweck – in erster Linie ahmt sie den Tonfall klassischen US-Liedguts nach, um damit dessen ewig aktuellen Kern zu beschwören: das Auf und Ab des Schicksals. Ob in den Blues- und Jazz-Standards, dem Great American Songbook, den Folk-Klassikern und Traditionals: Es findet sich darin unendlich viel Gesang vom Stolpern, Fallen, Hingefallensein.
Der Amerikanische Traum ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Kulturgeschichte der USA, aber ist sein Gegenstück – nennen wir es mal schlicht den Amerikanischen Mangel – als viel häufiger gelebte Realität nicht vielleicht das entscheidendere Element?


>>Jennifer Clement, Gun Love (Suhrkamp) €22,-


 

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DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die ganz große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben, aber hallo.

Als, ich denke, 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen, in der U-Bahn gefahren. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen; frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.

Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte einst, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein echtes Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen gekrallt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


PUBERTÄT REVISITED // Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. Heinz-Rudolf Kunze – kommt zwar von sonstwo, wohnt aber jetzt in Bissendorf, das lassen wir mal gelten. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.

GROSSE FRAUHEIT // Indie-Dreigestirne

Gehe ich einen etwa zwanzig Jahre großen Schritt zurück, sehe ich mich wieder als adoleszentes Etwas, dessen mentaler Wuchs irgendwie nicht der populären Idealform zustrebte. In den mittleren 90er Jahren, der neongiftigen Morgenröte der kommenden, etwa zehn Jahre andauernden Billigpop-Ära, verkörperten folgende Vertreterinnen das Prinzip Traumfrau: die Girlies. Blümchen performte Herz an Herz, Lucilectric krähte Weil ich´n Mädchen bin, Gwen Stefani verdrehte die männlichen Köpfe meiner geschlossenen Jahrgangsstufe mit ihrem teils gehauchten, teils geröhrten I´m Just a Girl. Die eigentlich charaktervoll-schöne Heike Makatsch hoppelte, gackerte und trällerte sich durch diverse knallbunte Jugendformate von VIVA interaktiv bis Bravo TV und avancierte, in meinem Umfeld zumindest, zum Maß aller Mädchen-Dinge. Gleichzeitig waren die Spice Girls entsetzlich omnipräsent und produzierten eine Bugwelle nicht minder erfolgreicher Nachfolge-Girl-Groups, deren Namensgebungen unbegreiflicherweise niemanden so recht alarmierten: Atomic Kitten etwa, oder Sugarbabes.

Teil dieser Kommerzveranstaltung namens Girl-Power-Bewegung zu werden war denkbar einfach: Brachte man politisches und kulturelles Desinteresse bereits mit, konnte man den Rest des dafür Nötigen größtenteils bei C&A kaufen: Bandana-Kopftücher, Sonnenbrillen mit runden Buntgläsern, bauchfreie Tops, rosa Accessoires, zu klein geratene Röckchen (aus der Kinderabteilung). Dazu brauchte man dann unbedingt selbstklebende Glitzerbindis, Fingernagel-Klebetattoos, Fake-Nasenringe, Bauchnabel-Piercings, die obligatorischen DocMartens-Stiefel in diversen Farben, puppiges Make-Up, Zöpfchen. Fertig – nur im Wechsel kichern und schmollen musste man schon noch selbst.

Ebenso simpel wie die Girlie-Philosophie an sich gestaltete sich mein Verhältnis zu meinen Mit-Mädchen: Ich konnte die Girlies nicht ausstehen und die Girlies mich nicht. Man warf sich gegenseitig Erbärmlichkeit vor; ich ihnen wegen ihrer Mischung aus Barbie-Gehabe, infantilem Trotz und Karnevalsstimmung, und sie mir wegen meiner Tool-Shirts. Und meiner manierierten Ernsthaftigkeit. Etwas an diesem Ernst ging bei mir jedoch auf durchaus reelle Vereinsamungsgefühle zurück: Alle meine gegenwärtigen Helden waren männlich, die meisten meiner Freunde ebenfalls. Wo waren denn diese Frauen, zu denen ich so gern hätte aufschauen wollen, in Erwartung irgendeiner Motivation von oben? Ich empfand meine Jugend als scheußliche Transit-Zeit, die ich so schnell es nur ginge hinter mir lassen wollte, gleichzeitig war mir klar, dass ich nicht zur Unternehmensberaterin heranwachsen würde – ich benötigte für meine Werdens-Ziele also etwas alternativen Input.

Patti Smith und Debbie Harry? Waren hübsch anzuschauen in ihrem strammen Selbstbewusstsein, das mit ebensoviel Hirn wie Herz unterfüttert war. Leider beide bereits damals zu Tode ikonografiert. Poly Styrene? Siouxsie Sioux? Ja, die lebten auch noch, befanden sich aber seit langen Jahren im Off-Modus. Aktivistinnen mit bewegenden Ideen? Die Zeit der großen Systemumbrüche war ein gerade abgefahrener Zug, dem ich mit meinen Kinderschritten nicht hatte nacheilen können – und dann, als ich genug gewachsen war um die klobigen Lederstiefel (mit gehäkelten Buntbändern) zu schnüren, war die Loveparade, die von Marusha durch Berlin geführt wurde, der einzige veritable Massenzug der Gegenwart. Aktuelle Autorinnen übrigens standen für mich unsichtbar im Toten Winkel. Von diesem Sektor war ich so vollkommen abgeschnitten, dass ich erst Jahre später im großen Panoramarückblick das Ausmaß meiner Entfernung davon begriff.

Im Allgemeinen schienen mir die Musikerinnen am zugänglichsten. Und eines Abends stolperte ich über ein Ding mit zerzaustem Dunkelhaar, das wohl im Schlepptau von Nick Cave bei mir eingezogen sein musste. Es hieß Polly Jean Harvey, war ein wenig herb und sperrig, ganz seelenvoll stimmungsschwankend und machte allgemein einen sehr einladenden Eindruck auf mich. Eine Andere, eine zarte Hysterikerin mit rotem Haarmeer, schlich sich via Plattenschrank meiner älteren Schwester in meinen Einzugsbereich. Da blieb Tori Amos dann auch. Aus diesen zwei Sondererscheinungen machte erst das Auftreten einer hibbeligen Naturgewalt für mich ein bedeutsames Trio: Mit Björk entdeckte ich ein Phänomen für mich, dessen pauschale Anziehungskraft auf mich ich wohl nie so recht verstehen werde.

Nachdem diese Drei mir endlose Weiten eines hübschen Neulands zugänglich gemacht hatten, fand ich mich dort bald ganz gut zurecht und traf auf Catpower, Kim Deal und Andere. Darunter auch diese Anwärterin auf einen Quartett-Platz zur Erweiterung des eng miteinander verbundenen Dreigestirns: Schon zu damaligen Zeiten war Fiona Apple für mich eine vielversprechende Orientierungsfigur, die allerdings noch reichlich biografischen Platz für Weiterentwicklung besaß – mit 20 muss man noch keine Wirkungsfrau sein. Wurde sie aber schnell. Heute bildet die gelegentlich nervtötende, aber auch zur Selbstironie fähige Exzentrikerin gemeinsam mit zwei weiteren speziellen Exemplaren ein neues Musikerinnen-Dreigestirn für mich: der ätherisch anmutenden Annie Clark, alias St.Vincent, und der total verhuschten, während ihrer Auftritte jedoch umso energischeren Anna Calvi. Diese Drei – zwischen 1977 und 1982 geboren und damit auch genau mein Alter teilend (die Jüngsten hier sind Annie Clark und ich) – wirken aus meiner heutigen Perspektive ebenso stabilisierend auf mich und mein Gemüt wie damals Harvey, Amos & Gudmundsdottir. Für mich sind Apple, Clark & Calvi wahre Wohlfühlfiguren; sie laufen ein wenig neben der Leitspur, welche heute nicht mehr die Girlies, sondern die smarten und vollkontrollierten, pseudo-erwachsen denkenden Y-Mädchen vorgeben.





GROSSE FRAUHEIT // Ingeborg treffen (im Hôtel de la Paix)


Ingeborg Bachmann 


Hôtel de la Paix

^

Die Rosenlast stürzt lautlos von den Wänden,

und durch den Teppich scheinen Grund und Boden.

Das Lichtherz bricht der Lampe.

Dunkel. Schritte.

Der Riegel hat sich vor den Tod geschoben.

^

Ingeborg Bachmann


Durch Ingeborg Bachmann fand ich eines Tages zu der Überzeugung, das Schreiben an sich, und das lyrische Schreiben insbesondere, müsse Schachspiel mit Worten sein. (Gern hätte ich sie kennenlernen mögen, die Ingeborg, trotz oder gerade wegen meiner Vermutung, dass wir einander wohl nicht sonderlich gemocht hätten. Aber aufrichtig neugierig gewesen wäre ich, auf sie, die Zurückgenommene, die Präzise, die sich Betäubende.)


GROSSE FRAUHEIT // Auf Provinzflucht mit Judy Henske


Im Büro eines Provinz-College und später einer Quäker-Kooperative zu arbeiten, mag für viele eine erfüllende Aufgabe sein. Judy Henske teilte wohl nicht diese Zufriedenheit und schulte sich kurzerhand selbst um, von der Sekretärin zur Sängerin. Geboren wurde Judy Henske 1936 in einer Kleinstadt im Nord-Osten der USA namens Chippewa Falls/Wisconsin. Immerhin konnte der Nachbarstaat Illinois mit Chicago eine veritable Metropole als Fluchtpunkt anbieten. Aber das war für Judy Henske längst nicht alles in Sachen Fernziele: Ende der 50er Jahre zog es sie aus dem waldreichen Norden den Stränden und der Sonne Kaliforniens entgegen, wo sie in San Diego zeitweise auf einem Schiff wohnte und singend durch die Kaffeehäuser Los Angeles´ tingelte. Dort schloss sie sich Anfang der 60er einer Gesangstruppe namens Whiskey Hill Singers an, die sich jedoch bald wieder zerstreute. Henske landete auf Umwegen in Hollywood, wo sie an einer Dokumentation über die Folk-Bewegung und an Album-Aufnahmen anderer Musiker mitwirkte. Außerdem trat sie als schnell populär gewordener Side-Act in der Judy-Garland-Show auf, flog wegen ihres deftigen Humors jedoch bald wieder aus der Besetzung – so schlug sie sich also weiter als Solo-Sängerin durch. Regelmäßig ging sie für Auftritte nach New York und lernte dort Woody Allen kennen, kurze Beziehung inklusive. Der Mann, den sie später heiratete, hieß dann aber Yerry Jester, Mitglied des Modern Folk Quartet. Das Musiker-Ehepaar hielt sich mit pausenlosen, auch gemeinsamen Auftritten in New York und entlang der Ostküste über Wasser. Für eine Karriere als Entertainerin ging Henske nach Los Angeles zurück, floppte aber gründlich und wechselte wieder an die Ostküste, als Yester Ende der 60er Jahre dort einem vielversprechendem Band-Projekt namens The Lovin´ Spoonful beitrat. Parallel dazu kehrte Henske wieder ganz zur Musik zurück und nahm gemeinsam mit Yester ein Psychedelic-Folk-Album auf, das Frank Zappa auf seinem Label Straight Records verlegte. Das Ehepaar wirkte fortan als Rosebud gemeinsam weiter – bis schließlich das Ende Rosebuds und damit auch der Ehe zwischen Henske und Yester ins Haus stand, als sich Henske und der für Rosebud als Keyboarder verpflichtete Craig Doerger verliebten. Seither lebte Judy Henske weitestgehend im Privaten und trat erst ab den 90er Jahren wieder vereinzelt musikalisch auf. Obwohl ihr Einfluss mit der Zeit in Vergessenheit geriet, gilt sie rückblickend als wichtige Inspirationsquelle vieler amerikanischer Schriftsteller und Musiker.


LATEINAMERIKA // Fridas Farben

Sonja Grebe, Frida

In ihrem Tagebuch stellt Frida Kahlo einen persönlichen Farb-Kanon auf, der jeder Farbe eine empfundene Bedeutung zuweist:

  • Grün: warmes, gutes Licht.
  • Rötliches Purpur: aztekisch, Tlapalli, altes Blut des Birnenkaktus, die lebendigste und älteste Farbe.
  • Braun: Farbe des Muttermals, des vergehenden Blattes, die Erde.
  • Gelb: Wahnsinn, Krankheit, Angst. Ein Teil der Sonne und der Freude.
  • Kobaltblau: Elektrizität und Reinheit. Liebe.
  • Schwarz: nichts ist schwarz, wirklich überhaupt nichts.
  • Laubgrün: Blätter, Trauer, Wissenschaft. Ganz Deutschland hat diese Farbe. (Anmerkung: Ihr deutscher Vater wanderte als 19jähriger nach Mexiko aus, wo er den Namen Wilhelm ins entsprechende, spanische Guillermo änderte.)
  • Grünliches Gelb: noch mehr Wahnsinn und Geheimnis; alle Gespenster tragen Anzüge in dieser Farbe, oder zumindest kommt die Farbe in der Unterkleidung vor.
  • Marineblau: Entfernung. Auch Zärtlichkeit kann von diesem Blau sein.
  • Magenta: Blut? Na wer weiß?!

Sie schreibt dies zu Beginn der 40er Jahre, mit Anfang dreißig. Bereits hinter ihr liegt zu jenem Zeitpunkt eine Reihe von ins Mark schneidenden Geschehnissen und Entwicklungen: Als Kind einerseits die Einengung durch das strengst katholische Weltbild der Mutter, andererseits die körperliche Einschränkung durch Kinderlähmung, infolge derer Frida Kahlo ein verkürztes Bein behält. Ein Unfall, der sie als Achtzehnjährige mit schwersten Hüftverletzungen und deren quälenden Folgen ans Bett fesselt und in ein Stahlkorsett zwingt. Ihre Entdeckung der Malerei als Trostmittel, als Kampfmittel, einsetzbar gegen das seelische Elend, das jahrelange körperliche Leiden und allzu häufige Bettlägerigkeit bewirken. Die Liebe zu Diego Rivera, den zwanzig Jahre älteren, gefeierten Künstler, den sie sehr jung heiratet. Der private Kontakt zu bedeutenden politischen und kunstschaffenden Persönlichkeiten, Leo Trotzki etwa, oder André Breton. Das schmerzhafte Ringen um ihre weibliche Identität: Als Spätfolge der Hüftverletzungen kann sie keine Kinder gebären und erleidet Fehlgeburten, ihr Mann indessen betrügt seine körperlich eingeschränkte Frau mehrfach – sie kann nicht Mutter sein und nicht alleinige Liebende. Scheidung, Alkoholsucht, vorübergehende Affären, dann: eine zweite Heirat mit Diego Rivera.

Unter dem Eindruck jener Lebenserfahrungen also schreibt Frida Kahlo ihren Farb-Kanon nieder. Ich wüsste gern, welche Farbe wohl eine neue Bedeutung für sie bekommen haben mag, als zehn Jahre später ihr langgehegter Wunsch in Erfüllung gehen wird, ihre Werke in einer Einzelausstellung zu erleben und sich damit endlich als Künstlerin anerkannt zu wissen, nachdem ihr diese Anerkennung so lange verwehrt geblieben ist – als Frau in einer patriarchalisch orientierten Kultur, als Frau eines mit seinem Erfolg und seiner nationalen Bedeutung alles andere überdeckenden Künstlers, als Frau in einem zeitlebens beschädigten Körper. Diese Ausstellung wird für Frida Kahlo von solch existentieller Wichtigkeit sein, dass sie sich, körperlich erneut ans Liegen gebunden, samt Bett zur Vernissage tragen lassen wird. Kurz darauf aber wird die teilweise Amputation ihres rechten Beines nötig werden. Ein symbolschwerer Eingriff – sie wird tatsächlich danach nicht mehr aufstehen. Die Frage, ob ihr Tod selbst herbeigeführt ist, wird ihr Mann nicht mehr medizinisch abklären lassen. Gibt es vielleicht doch das Schwarze? Oder welche Farbe ist die des Sterbens?


>> Das Bild: Frida (Grebe, 2014)


DAS LEBEN VON GESTERN // Die verspätete Frau Baier


Mein musikalischer Geschmack springt für gewöhnlich in zerschrammten Lederstiefeln umher, setzt sich allerdings ebenso gern am Jazzklavier nieder. Gäbe es in meiner Musikwelt diese Pole nicht – Krawallmacherei und Konzentriertheit -, wäre sie leblos und hätte nichts mit meinem Inneren zu tun. Glücklicherweise fehlt ihr die räumliche Dimension, sodass es möglich ist auf einem einzigen Speichergerät beliebige Stile unterzubringen, zwischen denen eine solche Distanz besteht, dass man andernfalls ohne Flugobjekt vielleicht nie von einem zum anderen käme.

Zwei schlichte, aber goldene Gesetze erklären alles, was auf meinem MP3-Player vor sich geht: 1. Gegensätze ziehen sich an. 2. Vielfalt ist besser als Einfalt. Sie lassen sich ebenso gut zu Rate ziehen, wenn es darum geht, ein anderes Speichermedium auszulesen – meinen Lebenslauf.  (Musik und Leben sind eben oft wesensgleich.)

Auch in Sibylle Baiers Lebensgeschichte kommt Einiges zu einander, was tektonisch betrachtet so gar nicht zusammengehört. Deutschland und die USA etwa. Weiterhin: zarte Singer-Songwriter-Stücke aus den 1970er Jahren und eine der Grunge-Zeit entsprungene Kultfigur des Independent Rock.

Es sind die späten 60er Jahre: Eine Freundin zerrt Sibylle Baier in die Welt hinaus, zwei Mädchen machen sich auf die Reise über die Alpen. Danach beginnt Sibylle damit, Songs aufzunehmen – der erste, Remember the Day, erzählt von ihrer Reise. Von 1970 – 1973 entstehen 14 Songs, die Sibylle selbst aufnimmt. Eine Stimme, eine Akustikgitarre, ein Tonbandgerät. So schlicht ihre Aufnahmemethoden sind, so klar und natürlich sind der Klang und die Atmosphäre der Stücke. Man glaubt ihnen die Ungehetztheit ihres Entstehens anzuhören, es ist eine Sammlung privater Lieder, aus dem Bedürfnis heraus geschrieben und gesungen, das eigene Leben zu begleiten, und nicht die Vorgaben von Produzenten oder Plattenfirmen zu erfüllen. Trotz kurzer Ausflüge in die Schauspielerei – in Wim Wenders´  Alice in den Städten spielt sie 1973 eine kleine Nebenrolle – orientiert Sibylle Baier sich jedoch nicht weiter beruflich im Kulturbetrieb. Auch bleiben ihre Lieder unveröffentlicht. Ihre Lebensplanung richtet sich nun nach etwas anderem aus: Wie in so vielen Biografien, verebben künstlerische Anfänge, man heiratet, man gründet eine Familie. Sibylle Baier lebt inzwischen in den USA, das Wichtigste sind ihr aber nicht etwa neue Karrierepläne, sondern ihre Kinder.

Wie verändert sich der Blick auf die eigene Mutter, wenn man Tonbänder entdeckt, die aus einem fremden Leben zu stammen scheinen und doch die vertrauteste aller Stimmen wiedergeben? Sibylle Baiers Sohn Robert, selbst Musiker, hat in den Neunziger Jahren die jahrzehntealten Tonbandaufnahmen seiner Mutter wiederbelebt, zunächst in Form einer Kleinpressung, die im weiteren Familienkreis verbreitet wurde. Mit zunehmender musikalischer Professionalisierung erreichte Robert allerdings nach und nach Kreise, die ihm wertvolle Branchenkontakte lieferten, bis es sich schließlich ergab, dass er die Aufnahmen J Mascis vorlegte. Nicht nur als Kopf von Dinosaur JR, sondern auch als Produzent von Sonic Youth hat Mascis sich seinen Status als eine der bleibenden Größen der 1990er erarbeitet. Das Ergebnis dieses Zusammentreffens war die Veröffentlichung eines Albums mit den 14 Songs von Sibylle Baier auf dem Label Orangetwin. Unter dem Titel Colour Green ist die melancholisch gefärbte Songsammlung seit 2006 lieferbar.


>> Sibylle Baier, Colour Green (Orangetwin)