Thema Flugzeuge

FLUGWESEN // Die Ruhe über dem Sturm

Der Kleine Prinz. Der Große Kitsch. Das denke ich unausweichlich, sobald ich den Namen Antoine de Saint-Exupéry höre. Dabei kann der Autor selbst ja nichts für prinz- und mondförmige Plätzchenausstecher, für diese Geschenkbüchlein und Wandtattoos, für all die pastelligen Jutebeutel, Bademäntel, Windlichter mit geschnörkeltem „Man sieht nur mit dem Herzen gut“-Aufdruck. Na, meine Empörung ob dieser Verramschung hält sich einigermaßen in Grenzen, ich mochte den Kleinen Prinzen nie so herzlich (aber auch dafür kann der Autor selbst freilich nichts).

Neben dem Kleinen Prinzen treten Saint-Exupérys übrige Texte weit, sehr weit in den Hintergrund. In der Schulbibliothek damals, da lagen auch seine Fliegerromane aus (als da wären Der Flieger, der Südkurier, der Flug nach Arras, außerdem Wind, Sand und Sterne). Ich musste neulich daran denken, als mir zufällig der Nachtflug in die Finger geriet, denn auch den hatte ich so mit 13, 14 mal mit nach Hause genommen, aber wohl bloß angelesen. Sonst hätte ich mich an eine Szene, diese bestimmte Szene sicher erinnert.

Woran ich mich zunächst zu erinnern meinte, ist dass es in Nachtflug um Transportflüge gehe, und um Südamerika, und dass die Schreibe eher neutral, berichtend sei. Und weil ich noch dazu den Umschlag so bestechend schlicht und schön fand, nahm ich dieses stark nach altmodischer Duftseife riechende Büchlein also doch mit nach Haus.

Tatsächlich beschäftigt sich Nachtflug mit den ersten argentinischen Luftpost-Fliegern, deren heroische Pionierleistung darin bestand, ihre Routen auch während der Nachtzeit zu bedienen, um zeitlich optimierte Transportverläufe zu gestalten und somit den Vorsprung des Schienenverkehrs und der Schifffahrt gegenüber dem Luftfrachtwesen aufzuholen. Kurz: Es geht um wahre Helden am Steuerknüppel.

Wieso dieser mitunter arg pathosgeladene Ton des Romans in meiner Erinnerung einfach nicht vorkam, kann ich mir nur so erklären, dass ich während der Pubertät ziemlich pathosblind gewesen sein muss, weil ich ja leider selbst eine solche Pathosschleuder gewesen war (Überbleibsel meiner alten Tagebücher bezeugen das aufs Blumigste). Nun: Nachtflug erschien 1931 und war wohl nicht zuletzt ein Kind seiner Zeit, der es kräftig nach Technik, Fortschritt und unerschrockenen Helden gelüstete.

Dabei sind die Flugbeschreibungen im Roman zumeist sehr schön zu lesen. Sie vermitteln etwas von der Stille über den Dingen, und sie zeigen viel von der damals noch so spartanischen, behelfsmäßigen Einrichtung jener Flugzeuge, mit denen die Flieger nach festem Zeitplan den Himmel zu erobern hatten; auch die gelegentliche Langeweile auf Routineflügen verschweigen sie nicht.

Die Nacht, die Lichter: am Boden die nächtliche, den Sternbildern gleiche Beleuchtung der Farmen, Kleinstädte, Metropolen, welche vor den Fliegern noch kein Mensch von oben sah, und an Bord nur der schwache rote Schimmer der Instrumente. Wie mag es in einem Menschen ausgesehen haben, der ein solches Flugzeug (nichts als ein dröhnender Motor, umhüllt von bloßem Stahlblech) durch diesen hohen, schwarzen und ihm so fremden Raum steuerte, worin er, der Natur nach, rein gar nichts zu suchen hatte, nicht anders als in der Tiefsee oder im Weltall?

Pilot Fabien steuert den Patagonienkurier zurück nach Buenos Aires. Mit an Bord: sein Funker. Der hat unterwegs Meldungen über entfernte Gewitter erhalten und fragt Fabien, ob er in San Julian zwischenzulanden gedenke, man könne dort übernachten. Was freilich Verspätung bedeuten würde.

Fabien lächelte: Der Himmel war still wie ein Aquarium, und alle Stationen vor ihnen meldeten: „Klare Luft, kein Wind.“ Er antwortete: „Fliegen weiter.“ Aber der Funker dachte an die Gewitter, die sich sicher da irgendwo eingenistet hatten, wie Würmer in einer Frucht; mochte die Nacht noch so schön sein, sie war doch schon angefressen; etwas in ihm sträubte sich dagegen, sich in dieses verwesungsreife Dunkel hineinzubegeben.

Buenos Aires, Comodoro Rivadavia, Bahia Blanca, Trelew – die Funksprüche dieser Stationen vermelden im Verlauf der Nacht tatsächlich das Aufziehen einer viel größeren Gewitterfront, als es zu Reisebeginn absehbar gewesen wäre. Fabien und sein Funker bekommen es im Folgenden nicht allein mit den gewohnten Unwägbarkeiten eines Nachtflugs zu tun, sondern mit einem Zyklon.

Die Kapitel berichten wechselnd aus der Sicht des Pilotens Fabien und des Direktors Rivière, der den Luftfracht-Stützpunkt Buenos Aires leitet und für das Flugnetz verantwortlich ist. Kein Sympath, dieser Rivière. Ein Unnahbarer, der mit der Etablierung der Nachtflüge nicht allein eine berufliche, sondern vielmehr eine idealistische Aufgabe verfolgt: Dienst am Fortschritt des Flugwesens ist Dienst an der Menschheit. Der Direktor lässt keine Fehler, keine Lässigkeit durchgehen und führt seinen Stützpunkt mit harter Hand. Mitunter verunglücken seine Piloten, sie sterben. Rivière trägt schwer an dieser Verantwortung, doch er trägt sie – jawohl: wie ein Mann.

Das Herz preßte sich ihm zusammen, wenn er an die beiden Männer da oben dachte. (…) Er sah Gesichter, in die goldene Geborgenheit des Lampenscheins gesenkt. Im Namen wessen habe ich sie herausgerissen? Im Namen wessen sie ihrem privaten Glück entzogen? Ist es nicht erstes Gesetz, solches Glück zu behüten ? – Und dennoch: eines Tages, unvermeidlich, schwinden diese goldenen Glücksbereiche ohnedies dahin wie Luftspiegelungen. (…) Vielleicht gibt es etwas anderes, Dauerhafteres, das es zu bewahren gilt? Vielleicht ist es dieses Teil des Menschen, um dessentwillen ich arbeite?

Die Sorge um seine Piloten wie ein Mann zu tragen, heißt für Rivière, die Veredelung des Menschen an sich über den einzelnen Mann zu stellen – sowohl über seine Piloten in der Luft als auch über sich selbst, der ebenso einsam und ungeachtet seiner Gefühle seine Pflicht erfüllt. Rivière, der eiserne, stille Held im Dienste des Menschheitsfortschritts.

Und was hieße, die Sorge um einen Piloten zu tragen wie eine Frau? Das zeigt sich, als Fabiens schöne Angetraute („Herr Direktor…sie waren erst seit sechs Wochen verheiratet…“) voll Angst um ihren geliebten Mann, der sich inzwischen so sehr verspätet hat, den Direktor des Stützpunktes aufsucht. Das Weib ist eben ein weiches Wesen und hat nur Liebe, Glück und Traulichkeit im Sinn. Ehre und Unsterblichkeit dagegen sind Begriffe, die sich freilich bloß dem echten Manne erschließen, n’est-ce pas? Sie erinnern sich, es ist 1931.

Rivière, die gesamte Flugleitung und die Bodencrew in Buenos Aires warten also auf die ungewisse Ankunft des Patagonienkuriers – seinetwegen droht die weitere Flugplanung aus dem Takt zu geraten. Als endlich das fatale Ausmaß des Unwetters von der Leitstelle erkannt wird, befinden sich Pilot und Funker längst in höchster Not, wirbeln orientierungslos im Sturm umher. Kein Verlass mehr auf die Instrumente. Kein Landen, nirgends. Und während Fabien seine gesammelten Kräfte aufbringt, um seine von der Übermacht des Sturms angegriffene Maschine zu halten, geht der Treibstoff allmählich, unweigerlich zur Neige.

Man begreift: Dieser Sturm ist ein Gefecht. Hier kämpft ein Soldat. Und am Boden? Steht mit Rivière ein General auf Gefechtsstation, der erhobenen Hauptes die Erkenntnis hinnimmt, seine Männer in den Tod geführt zu haben, via Flugplan. (Ach, diese kernigen Männer, und dieser Sterbestolz! Diese Hingabe an die höheren Dinge! Meine hübsche Buchausgabe: die Farben der französischen Trikolore auf schwarzem Grund, wie Nacht, oder wie Trauerflor.)

Denn es kommt ja, wie es kommen muss: Dass der Patagonienkurier es nicht durch den Sturm schaffen wird, ist kein Spoiler, sondern eine Gewissheit, auf die der Text bereits früh zusteuert. Zwar ließe der Plot stets Spielraum für ein gutes Ende, doch der von Beginn an so weihevolle Ton nimmt allzu spürbar den Gesang auf den toten Helden vorweg.

Um 1930 herum war Saint-Exupéry selbst als Betriebsdirektor der Argentinischen Luftpost-Gesellschaft daran beteiligt, landesweite und landesübergreifende Luftfrachtlinien einzurichten und die damals noch hochriskanten Nachtflüge als logistische Praxis durchzusetzen. Er war jenerzeit vielleicht selbst mal ein Fabien und mal ein Rivière. Oder vielleicht wäre er bloß gern so unerschütterlich, so eisern gewesen. Wer weiß.

Ich lese dieses Büchlein zum Einschlafen, was soviel heißt wie: Ich erwarte von ihm keine großen Überraschungen. Aber es gibt eben doch diese eine, diese bestimmte Szene.

Bevor ich nun wirklich spoilere, erkläre ich den Beitrag an dieser Stelle für diejenigen, die geneigt wären, das Büchlein selbst zu lesen, für beendet.

Für die übrigen jedoch:

Es gibt diese Szene, da weiß sich der rettungslose Fabien nicht mehr anders zu helfen. Er reißt die Maschine nach oben, hinauf, nur hinauf, denn er will die beiden Leben, für die er verantwortlich ist, seines und das seines Funkers, nicht einfach dem Sturm überlassen. Die gesamte Südhälfte des Kontinents ist bedeckt von brüllenden Böen und Wolkengebirgen, der Zyklon zerrt mit aller Macht an der Maschine, und weil der Pilot hier keinen Ausweg mehr erkennen kann, sucht er ihn hoch droben, über dem Sturm. Findet er ihn dort nicht, gibt es ihn nirgends. „In dreitausendachthundert über dem Gewitter abgeschnitten“, lautet die letzte Funknachricht des Patagonienkuriers, und: man habe noch Betriebsstoff für „eine halbe Stunde.“ Nirgends also. Aber diese Endstation, welche Fabien und sein Gefährte hier erreicht haben, ist ein wahres Wunderwerk aus Sternenlicht und Stille.

Fabien tauchte empor. Staunen überwältigte ihn: die Helligkeit war so, dass sie blendete. Er musste sekundenlang die Augen schließen. Er hätte nie zuvor geglaubt, dass Wolken bei Nacht blenden könnten. (…) Das Wettergewölk unter ihm war wie eine andere Welt, dreitausend Meter dick, von Böen, Wasserwirbeln, Blitzen durchrast; aber die Oberfläche, die es den Gestirnen zukehrte, war von Kristall und Schnee. Es war Fabien zumute, als sei er in Zaubersphären geraten, denn alles wurde leuchtend, seine Hände, seine Kleider, seine Tragdecks, und das Licht kam nicht von den Gestirnen herab, sondern löste sich, unter ihm und rings um ihn her, aus dieser weißen Fülle. (…) Fabien sah sich um und sah, dass der Funker lächelte. „Besser hier!“, schrie er. Aber die Stimme verlor sich im Dröhnen des Flugs, Lächeln war die einzige Verständigung. Ich bin vollkommen wahnsinnig, dachte Fabien, dass ich hier lächle: wir sind verloren. Gleichviel: tausend schwarze Arme hatten ihn freigegeben. Zu schön, dachte Fabien. Sie irrten unter Sternen umher, dichtgehäuft ringsum wie ein Schatz, in einer Welt, wo nichts, absolut nichts Lebendiges war außer ihm, Fabien, und seinem Gefährten. Gleich jenen Dieben im Märchen, die in die Schatzkammer eingemauert sind, aus der sie nicht wieder herauskommen werden. Unter eisfunkelndem Geschmeide irren sie umher, unermeßlich reich, doch zum Tode verurteilt.

Ein Geisterzone, zwischen Erde und All, zwischen Leben und Tod. Ein Bild von Erlösung und zugleich von Abschiednahme. Und natürlich steckt in dieser Szene, in diesem In-den-Himmel-kommen wieder eine gute Portion Helden-Überhöhung. Meinetwegen.

Wie muss das sein, so ein Flug? Ich bleibe ganz und gar hängen an dieser Stelle und schlafe schließlich über ihr ein, weil sie mich so davonzieht. Ein halber Kontinent voll von schwarzem, wütendem Sturm, drei Kilometer dick und horizontweit, darüber ein Flugzeug (vielleicht das einzige, was in diesem Moment so allein und so hoch über der Welt fliegt; allzu viele Fliegerkollegen gibt es eben zu jener Zeit nicht), und darin zwei Menschen und Flugbenzin für weniger als eine halbe Stunde – im Paradies. Das ganze heroisierende Beiwerk dieses Romans ist mir ganz egal, aber dieses Bild nicht.


>>Antoine de Saint-Exupéry, Nachtflug (als Taschenbuch bei Fischer für 8€ lieferbar; auch antiquarisch in diversen schönen Ausgaben zu kriegen)

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FLUGWESEN // Die Ruhe und der Sturm

Das hier ist Stadtrand. Seit Jahrzehnten. Weder die Partylaune des nahen Stadtzentrums, noch die Wildnis, die einen Steinwurf weit in entgegengesetzter Richtung beginnt, dringen durch den Backstein dieser Straßenzüge. Es mag hier und da Unkraut durch die Gehwegpflasterung schießen, und an dem einen oder anderen Laternenpfahl mögen subversive Sticker-Botschaften zu lesen sein, aber dessen ungeachtet herrschen hier, unangefochten, Ruhe und Ordnung.

Mein Garten ist klein und bietet keinen Ausblick in die Ferne. Er erinnert an einen Schuhkarton: Zwei lange Hauswände bilden gemeinsam mit den kurzen Sichtschutzwände zu den zwei Nachbargärten einen rechteckigen Kasten. Trete ich aus der Terrassentür, stoße ich nach ein paar Schritten geradeaus schon mit der Nase an die Breitseite des Nachbarhauses; nach links und rechts hin dehnt sich der Garten immerhin so weit aus, dass es Platz für Sträucher und Stauden gibt. Ich stecke eine Menge Herzblut in diese Pflanzen, denn sobald ich mich ihnen widme, vergesse ich für einen Moment, dass ich mich in einem Schuhkarton befinde.
Dieser Schuhkarton hat keinen Deckel. Da ich eben nicht, wie ich das zuvor gewohnt war, in die Landschaft hinausschauen kann, folgt mein Blick ganz von selbst dieser einzigen Schneise, die ihm offensteht, und geht zum Himmel.

Der Himmel ist weithin einsehbar. Über meinem Kopf im Garten breitet er sich so groß und so plan aus – eine aberwitzige Leinwand. Die umliegenden Häuserdächer kennen keine Höhen, man wohnt hier flach. Reines Wohnviertel. Die Straßenzüge wurden einheitlich geplant und gebaut: einige Einheiten Genossenschaftshäuser, einheitliche Bungalow-Reihen, reihenweise Reihenhäuser. Von oben besehen bilden diese Häuserreihen sicher ein markantes Muster. Und die anhängigen Gärten, die ja auch nur Reißbrettkinder sind, tun das sicher ebenso. Die Sichtbarrikaden und Revierbepflanzungen, die einen Schuhkarton wie den meinen von den anderen abgrenzen, gelten ja nur für die Bodengebundenen, wie mich. Schon in etwa zwei Metern Höhe – die Hecken, Sichtschutzwände und Bäumchen sind zumeist nicht größer, hier im Viertel – herrscht ziemlich freie Bahn, besteht ein Luftkorridor oberhalb eines grünen Bandes. Eine Flugstraße.

Der herrschende Flugverkehr mutet auf den ersten Blick chaotisch an, doch ebenso wenig wie es in der Wildnis so etwas wie Unkraut gibt, gibt es wohl auf der Flugstraße so etwas wie Irrflüge. Alles folgt einer gewissen Ordnung. Dem Boden (d.h. den Pflanzen und auch mir) am nächsten trudeln die Bienen, Hummeln, Schmetterlinge umher. Die Flugzone der Singvögel erstreckt sich bis hinauf in den höchsten Schwalbenäther. Im Garten fällt auf, dass sowohl Insekten- als auch Vogelvolk stets in Längsrichtung hindurchfliegen; es gibt starken Hin- und Gegenverkehr, aber kaum einmal schert jemand seitlich ein oder aus. Die Tendenz des Flugverkehrs, der Gartenstraße zu folgen, setzt sich in bodenfernen Flughöhen fort: Die Vögel zeichnen ihre Fluglinien an den Himmel, und diese Linien überschneiden einander und bilden, je länger man zuschaut, ein immer dicker werdendes Band – parallel zum Verlauf der Gärten. Selbst der einsame Rotmilan, der sich hier gelegentlich nach Beute umschaut, schnürt zumeist entlang der Gartenstraße durch den Himmel, den Hummeln und den Amseln folgend, geradezu wie von ihnen an einer Drachenschnur gezogen.

Es gibt solche Ordnungen, deren Bestehen man höchstens mal erkennt, wenn sie gestört werden, denn ihr eingespieltes Funktionieren macht sie gewissermaßen unsichtbar. (Wussten Sie, dass die Rauhautfledermaus offenbar jährlich, den Zugvögeln gleich, auf festen Routen über die offene Ostsee zieht? Weiß man auch erst, seitdem Forscher tote Exemplare an neuen Offshore-Windanlagen fanden und sich fragten, wie, wann und warum es ausgerechnet Fledermäuse dorthin verschlagen hatte.)

Seit mittlerweile vier Monaten bin ich nun also hier. Und dieses Hiersein empfinde ich als eine recht einheitliche Substanz: hell und leicht und dabei sanft klebrig. Eine aberwitzige Portion Zuckerwatte.

Es kommt ein Samstag, für den ein kräftiges Gewitter vorhergesagt wurde. Gegen Mittag verstummen die Grashüpfer. Die Fluglinien der Vögel verlaufen auf einmal wirr, aber das nur kurz, nur in Vorbereitung ihres vollständigen Verschwindens vom Himmel. Der Himmel verliert all seine Geräusche und Regungen, auch seine weiß-blaue Musterung; er leert sich. Um sich mit Unwetter zu füllen.
Wie eine Brandungswelle von unten, vom Boden der Meeresbucht aus betrachtet, rollt es in mein Sichtfeld hinein, dick und schwer, ganz dicht an die Dächer gepresst. Das Licht bekommt einen scharfen, schwefelgelben Stich, als brenne es durch, und so folgt denn auch sogleich Finsternis. Aus der Brandungswelle wird eine schlammfarbene Lawine, und die zieht nicht etwa geordnet, von links nach rechts durch meinen Garten: Das Unwetter kommt übers Dach angebraust und fällt von links und rechts und oben auf mich nieder. Die Wolken schäumen, brodeln, formen sich zu nassen Armen, die auf die Erde herabstoßen, pulsieren im geäderten Leuchten der Blitzschläge. Ich spüre zwar keine Sturmböen, aber die Schwere der Luft und ihren Sog und den Mahldruck der Wassermassen. Es ist eines dieser Unwetter, die sich wie ein Maul über das Land stülpen, es einspeicheln und zerkauen – ein Rottweiler von einem Gewitter. Ich bange um meine Pflanzen, die binnen Sekunden wie Brei am Boden kleben, und ich hoffe, dass gerade niemand in meinem Umkreis einen Dachschaden hat oder einen Unfall erleidet.

Aber es passiert gar nichts. Blitz und Donner nähern sich an, fallen schließlich zusammen, unter großem Getöse – und entfernen sich dann wieder von einander. Bald schon ebbt das nasse Wüten ab. Danach setzt ein lascher, aber geduldiger Nieselregen ein und sprüht den Himmel sauber; die Wolken werden heller, dünner, steigen in immer größere Höhen auf, wo sie verschlieren und schließlich verschwinden. Meine Blumen heben ihre Köpfe, als wäre nichts gewesen. Eine Amsel zischt von links nach rechts über meinen Garten.

Am Sonntag danach herrliches Wetter. Unter einem sehr hohen, sehr blauen Himmel summen die Dinge gleichförmig vor sich hin. Unaufgeregt. Bis die Sirenen schrillen.
Zwei Segelflugzeuge sind in der Luft, im heitersten Himmel, kollidiert. Eines konnte notlanden. Das andere ist direkt in der Nachbarstraße aufgeschlagen und liegt dort nun quer in einem Vorgarten – der Pilot schwer verletzt. Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte und Regionalreporter sind umgehend vor Ort. Auf den Fotos, die in die Presse gehen, sind das zerstörte Segelflugzeug und der zersplitterte Jägerzaun des Vorgartens abgebildet; außerdem der gepflegte Gehweg, ohne auch nur ein einziges Unkraut, was sich da durchs Pflaster drängen würde. 

FLUGWESEN // Im Museum gelandet

 

Mein Vater, der eigentlich gern zur See hätte fahren wollen, ging notgedrungenerweise erst einmal unter Tage. Himmel!, mit 15, 16 Jahren im Schacht herumzukriechen anstatt übern Atlantik zu schaukeln – man möchte doch eine Möwe sein, keine Ameise! Prompte Flucht aus dem Berg, als es sich anbot, zu den Fliegern zu gehen. Nein, nicht als Pilot: als Elektriker. Als Kind durfte ich bei Gelegenheit in diversen historischen und modernen Flugmaschinen herumhampeln. Für mich waren das Tiere – herrlich große, herrlich laute, auch gefährliche, die sich uns gegenüber allerdings zutraulich gaben: Junkers Ju 52, Transall C-160, Antonow An-124 „Ruslan“, Lockheed C-5 „Galaxy“ und C-130 (zivil: L-100) „Hercules“. Den Kabelbaum einer Transall (Kilometer über Kilometer Kabel) zu untersuchen und zu warten, das stellte ich mir nicht anders vor, als im Bauch eines Walfisches nach Nervenbahnen zu tasten und dabei zu wissen, wo man zukneifen muss, damit die linke Flosse zuckt. Zusammen in Urlaub geflogen sind wir übrigens nie. Und Aviatik interessiert mich bis heute nicht. Das rätselhafte Innenleben von Flugwesen dagegen immer noch: alten Modellen unter die genietete Blechhaut schlüpfen, Rippenbögen zählen, an Schaltorganen drücken und hebeln, Schweißungsnarben betasten; den gegenwärtigeren Typen ins Innere der Turbinenlungen, ins Cockpithirn und Motorenherz schauen. Mein Vater lebt schon lange nicht mehr – stellvertretend besuche ich „seine“ Flugzeuge im Museum.


Fotos aus der Ju-52-Halle (Grebe, 2016)