Thema Erwachsenwerden

BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

19 Jahre. Himmel, was ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen im Griff – das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich – beispielsweise wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird – bremst mich eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 so kennengelernt habe und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

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PUBERTÄT REVISITED // Big Henry

WAAAHAAHAHAHAAA! WHOOHOHOHOOO…. SUCKER! SUCKER! WHOOOOOAH… S-U-C-K-E-R!!! (Rollins Band, Liar)

Als ich gerade damit begann meine Bibi-Blocksberg-Kassetten gegen Musik-Alben einzutauschen, waren Henry Rollins´ Zeiten bei State of Alert und Black Flag lange vorbei. Rollins Band hieß sein zu jener Zeit aktuelles Projekt, und zum ersten Mal sah und hörte ich das spätabends auf MTV: Rollins tobte halbnackt und in blutrote Farbe getaucht vor der Kamera herum und brüllte sich, um es blumig auszudrücken, direkt in mein Teenager-Herz. Nach den üblichen endlosen Beschaffungsmühen stand dann endlich Rollins´ 1994er Album Weight in meinem Regal, neben Pearl Jams Vitalogy, Tom Waits´ Bone Machine, Soundgardens Superunknown, neben Tool, Kyuss und Clutch, neben den Sex Pistols, The Clash und diversen Brit-Punk-Compilations – alles in reichlich zerkratzten CD-Hüllen, billig ergattert auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops. Als schüchternes Akne-Opfer mit gegen Null tendierendem Selbstwertgefühl hatte ich diese Alben mehr als bitter nötig – allein meinen Eltern und Großeltern, die im Hause mithörten, ob sie nun wollten oder nicht, war schwer zu vermitteln, wie segnungsreich die Entdeckung des Krachs als therapeutisches Mittel für mich war.


Die Methode, den Krach und die Wut als reinigenden Sturm durch sich hindurchfegen zu lassen um sich von Zögerlichkeit, von Halbheiten, von oft selbst auferlegten Fesseln zu befreien, wirkt Wunder. Als Lebenseinstellung jedoch lässt sich die Fokussierung auf Explosionsenergie schlecht permanent durchhalten. Speziell Punk und Pubertät teilen die Eigenschaft des Transitorischen: Ihre destruktiven Kräfte zersetzen alles, und das beinhaltet am Ende auch sich selbst. Die Wut von der Kette zu lassen – das funktioniert nicht als Dauerzustand. Aber es kann sehr hilfreich dazu beitragen, notwendige, neue Wege zu bereiten, wenn es in konstruktives Toben umschlägt.

No such thing as spare time. No such thing as free time. No such thing as down time. All you got is lifetime – GO! (Rollins Band, Shine)

Man sollte für spätere Zwecke unbedingt eine handliche Portion Pubertäts-Furor in Reserve halten. Insbesondere im Umgang mit sich selbst tut es oft gut, sich dem allmorgendlichen Spiegelbild nicht mit abwägender Unentschlossenheit, sondern mit wutbefeuerter Kompromisslosigkeit zu stellen.


Henry Rollins hat seit der Kindheit einige Wandlungsstufen absolviert. Vom schmächtigen und verhaltensauffälligen Knirps zum Bodybuilder, von der grauen Maus zum zeitweiligen Black-Flag-Frontmann und später zur Rampensau in eigenem Auftrag. Auf seinen Lorbeeren als Rock-Ikone hätte er sich durchaus ausruhen können, aber Rollins funktioniert nun einmal wie ein Hubschrauber im Flug: Sobald er nicht mehr rotiert, stürzt er ab. Weder Sex noch Drugs gehören für Rollins zum Rock´n Roll dazu, seine einzige Droge heißt Arbeit. Der bekennende Workoholic hat, anstatt irgendwann im Off zu verschwinden und Andere seinen Mythos pflegen zu lassen, lieber den riskanten Weg eingeschlagen, sich selbst auf verschiedensten neuen Feldern auszuprobieren – durchaus auf Kosten seines Mythos, denn mit seiner regen Aktivität geht er inzwischen unzähligen Menschen auf den Keks. Er ist Autor und Verleger, Schauspieler und Synchronsprecher, Menschenrechtsaktivist, er betreute Radio- und TV-Formate, produzierte Dokumentationen und tourt seit Jahren mit seinen Spoken-Word-Programmen durch die Welt. Dafür liebt oder hasst man ihn, je nachdem, ob man ihm, dem alternden Rockstar, die Wut und den allmorgendlichen kompromisslosen Blick in den Spiegel abnimmt oder nicht. Denn davon erzählt Rollins, in Interviews, in seinen Texten, besonders bei seinen Spoken-Word-Auftritten: vom ständigen Überdenken des eigenen Denken, vom Aufräumen mit dem Ego und anderen Scheinwahrheiten. Seine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen bringt er allenorts laut und dickschädelig mit ein, ob gefragt oder nicht, doch seine Härte gegen Andere geht bei Rollins einher mit einer großen Härte gegen sich selbst. Offensichtlich legt er keinen Wert darauf, sein Image aus seinen besonders erfolgreichen Zeiten zu konservieren, im Gegenteil zerlegt er in unzähligen erzählten Episoden sich selbst und beschreibt seine frühere Attitüde als Arroganz, die ihm heute peinlich ist, als billige Verschleierung von Unsicherheit, der man sich stattdessen offensiv stellen müsse. Immer wieder erntet er harsche Kritik für harsche Statements, mit denen Rollins in seiner Funktion als nimmermüder Alles-Kommentator tatsächlich manches mal übers Ziel hinausschießt. Doch zu Gute halten muss ich ihm den unbedingten Mut, immer eine eigene Meinung zu äußern, die Entschlossenheit, seinen ganzen Antrieb in den Dienst seiner Überzeugungen zu stellen, und seinen Spaß an Selbstkritik. All das kommt zum Ausdruck, wenn man ihm zuhört – sei es, wenn er sich als Vertreter der Spezies harter Kerl kategorisch für die Rechte von Schwulen ausspricht, sei es, wenn er seine Haltung gegenüber Männern mit Vokuhila-Haarschnitt (engl. Mullet) radikal überdenkt. Wer mag, findet dank Rollins´ hyperaktiver Produktivität Stunden über Stunden solchen Materials, das tatsächlich abbildet, wie Rollins sich über die Jahre verändert hat.




PUBERTÄT REVISITED // Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. Heinz-Rudolf Kunze – kommt zwar von sonstwo, wohnt aber jetzt in Bissendorf, das lassen wir mal gelten. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.

PUBERTÄT REVISITED // Bin das ich oder kann das weg?

Tagebuch (2)

Die meisten meiner Tagebücher haben mich nicht überlebt. Ab und an packt mich der Rappel, alles muss raus, alles muss neu, ich muss neu – so werden Tage oder auch Wochen, mitunter Jahre von Geschriebenem und Gekritzeltem achselzuckend auf Nimmerwiedersehen ins Altpapier verabschiedet.

Manches gut Geschriebene muss weg, weil es die Wahrheit nicht gut trifft. Manch halbwahrer Text muss bleiben, weil gerade dessen Halbwahrheit ganz Wahres über mich verrät. Einiges Mittelmäßiges oder Lausiges schleppe ich lebenslang auf allen Wegen mit, weil es langlebig wahr ist.

Nicht zuletzt entscheidet auch das Dahinter des Textes über meinen Umgang mit dem bekritzelten Papier. Ein Blick auf das selbst Geschriebene ruft dessen längst vergangenes Entstehungsumfeld augenblicklich wach; ein Tagebuch ist ein Lagerraum für Instant-Vergangenheiten.

Humpty Dumpty fällt gleich wieder von der Mauer! Tu doch einer was! / Dummes Ei – kann nicht stabil sitzen, ist zu rund, versteht nicht, dass es sich Füße wachsen lassen muss, Beine! / Dummes Ei – sucht sich sein Zuhause oben auf der Mauer aus. / Dummes Ei – will wohl stürzen, muss wohl. (Dienstag, 08.April 1997)

Ich fühle mich sofort auf der Bank sitzen, früh am Morgen, ich schwänze gerade die erste Stunde, Chemie, bin einfach nicht durch den Schuleingang, sondern dran vorbei gegangen und weiter bis zum kleinen Park, hocke nun wie ein zerrupfter Papagei mit meinen bunten Haaren und Klamotten auf der Rückenlehne und meine ewig dreckigen Stiefel machen die Sitzfläche schmutzig. Schmiere diese Zeilen in mein Buch. Es kommt ein alter Mann mit seinem Rollator auf mich zu, schiebt sich gebeugt und unendlich langsam, aber beharrlich voran, hat mich schon von Weitem in seinen Blick genommen und nähert und nähert sich, und ich erwarte, dass da ein Schimpfen auf mich zukommt. Madame! Füße gehören nicht auf die Bank, junge Leute gehören um diese Zeit in die Schule – diese Szene ahne ich in allen möglichen Variationen voraus, aber nicht, wie sie sich dann tatsächlich abspielt: An meiner Bank angekommen, posiert sich der Herr mit funkelnden Äuglein und einem weit ausgestreckten Lächeln beinahe direkt vor meiner Nase, zielt mit dem Zeigefinger auf mein Tagebuch und ruft triumphierend: „Junge Dame! Wer schreibt, der bleibt!“ (Humpty Dumpty, das Weichei-Ich, begrub ich augenblicklich, den Rollator-Herren begruben wohl inzwischen Andere, aber diesen Moment der fröhlichen Verschwörung zwischen uns zwei ungleichen Unbekannten, den halte ich gern lebendig).

Man schreibt aber nicht nur für späteres Erinnern, sondern zuerst für gegenwärtiges Begreifen. Mein Schreiben war immer Inventur in eigener Sache, Außenstehende unerwünscht, nur Stift und Papier waren zugelassen.

Allein deshalb, weil sie analoge Geheimniskrämer waren, funktionierten meine Bücher und Hefte so gut als Gegenüber für allerlei Beichten, als Zeugen all meiner Dummheiten, sowie der Klugheiten oder noch größeren Dummheiten, die daraus wurden. Meine Nichten und Neffen dagegen, die inzwischen allmählich erwachsen werden und ihre eigene Selbst-Inventur betreiben, tun das öffentlich via Social Media. Das Bedürfnis, Erlebtes, Gedachtes und Gefühltes festzuhalten und in eigenen Bildern und Worten wiederzugeben, leben sie in digitalen Gemeinschaftsräumen aus. Dass sie sich nicht so in sich verkapseln wie ich das vielleicht tat, das mag sie selbstsicherer erscheinen lassen. Sie verlieren dort aber die Orientierung an ihrem eigenen Kern, betrachten sich selbst nur in diesem vergleichenden, oft kompetitiven Umfeld, und lassen über sich ergehen, dass Andere die Auswertung ihres Outputs übernehmen anstatt sich in ihrem Selbsturteil zu üben. Wenn einem der selbstbetrachtende Blick bei der eigenen Entwicklung irgendwie helfen soll, muss er dorthin gehen, wo es weh tut – sofern man über sich selbst aber nur für Andere schreibt, umgeht man tunlichst die wunden Punkte, um sie zu schützen. Man erzieht sich nachhaltig zum Fassadenpfleger. Experimente zur Ich-Erforschung können zu einfach nach hinten los gehen, denn sie unterstehen der oberflächlichen Beobachtung durch die Vielen – und nicht nur das: Kein Fotobeitrag, kein Post, kein Tweet, den man macht, wird je wieder ungeschehen (selbst was man löscht, kann sich zuvor auf so vielen Wegen verbreitet haben, dass man an dessen restlose Auslöschung nicht mehr glauben kann). Man präsentiert ein bestimmtes Bild von sich nicht nur vor einer unkontrollierbaren Anzahl von Menschen, sondern auch ohne die garantierte Möglichkeit, dieses Bild einmal zurücknehmen zu können. Ausgerechnet seine Jugend – in der man sich in alle Richtungen, also auch die zwecklosen, die peinlichen, die unschönen, ausloten muss – allein einem Medium anzuvertrauen, dass nichts unkommentiert lässt und auch nichts vergisst, ist heikel.

Ein Tagebuch dagegen ist ein geschützter, druckfreier Raum, in dem man mit sich allein sein kann. Und über den man zu jeder Zeit alleinig herrscht.

Tagebuch (1)

 

PROVINZLEBEN // Édouard Louis, Das Ende von Eddy

Nein, dies ist kein Coming-of-Age-Roman in vorsommerlicher Stimmung – von der Covergestaltung ließ ich mich dahingehend zunächst fehlleiten -, sondern ein Kindheitsrückblick, der es ernst meint: Der erst 22jährige Édouard Louis erzählt in seinem Romandebüt Das Ende von Eddy von trostlosen Zeiten des Aufwachsens in der nordfranzösischen Provinz-Tristesse.

Bezeichnenderweise beginnt Eddy Bellegueules Geschichte mit einer Prügelszene: Zwei ältere Mitschüler misshandeln den zu zart, zu still geratenen Außenseiter in einem abgelegenen Schulflur. Die Schläge und Demütigungen wiederholen sich fortan stetig. Eddys Umfeld außerhalb der Schule ist nicht sonderlich milder oder freundlicher. Sein Heimatort liegt in der strukturschwachen Picardie, einziger nennenswerter Arbeitgeber weit und breit ist eine Messingfabrik, in der die Männer des Ortes, nachdem sie mit fünfzehn, sechzehn die Schule verlassen haben, sich stumpf und krumm arbeiten, während sich die Frauen von Jugend an als Kassiererinnen oder Frisörinnen abschuften. Das war schon immer so, da kommt nichts Neues. Die einfachsten Jobs bedeuten bereits die höchste erreichbare Sozialstufe, für die allermeisten geht der Weg kein Stück weiter hinauf, aber die Fallgrube nach unten steht allen bedrohlich offen. Der Mangel ist die allgegenwärtige Regel: Mangel an Geld, an Essen, an Zahngesundheit, an Zuwendung, an Sinn. Eddys Elternhaus spiegelt, wie die meisten Häuser, den Zustand der Gegend wieder: baufällig, verwohnt, zu beengt, um Eltern und mehreren Geschwistern irgendeinen Raum für sich zu lassen – ein Druckkessel, in dem es täglich krachen muss.
Anfangs arbeitet auch Eddys Vater in besagter Fabrik, bis ein Rückenleiden ihn schließlich ans Haus fesselt. Das ohnehin magere Familieneinkommen schrumpft damit ins Erbärmliche. Endlos Pastis zu saufen und Zigaretten zu rauchen wird zur Grundbeschäftigung des Vaters, die Mutter kultiviert dagegen ihre Dickhäutigkeit. Gemeinschaftliches Fernsehen wird als Familienleben verstanden – glotzen, Klappe halten, still sitzen ist die einzige bekannte Form von Harmonie. Auch liefern die immergleichen Fernsehshows und Trickserien die einzige Alternative zu dem immergleichen Blick auf das Dorf, auf sich selbst. Die Fabrik-Region ist eine hermetisch abgeschlossene Welt, niemand verlässt sie, niemand kommt von außerhalb hinzu; schon Urlaub machen ist ein absurder Witz, den man nur in weit entfernten bürgerlichen Sphären versteht. In sich geschlossen ist auch der Kreis sich ewig wiederholender Entwicklungen und Verhaltensmuster: Man wächst nahtlos, von Kindheit an, über das Jugendalter, in die Rolle der Eltern hinein – als Junge kleiner Raufbold, dann großer Raufbold, schließlich Papa Raufbold, als Mädchen schimpft man über die Jungs, über die Kerle, irgendwann über die Ehemänner.
Auch Eddys Denkweisen und Vorstellungen bewegen sich zunächst auf diesen vorgezeichneten Kreiswegen. Nur bemerkt er schon als Kind, dass sich irgendetwas an ihm nicht in diese unverrückbare Ordnung der Dinge fügen will, etwas an ihm sticht unangenehm hervor. Wie jedes Kind hier, begreift er von Anfang an die althergebrachten Geschlechterrollen als die entscheidenden sozialen Messlatten: Wer etwas taugen will, muss ein richtiger Kerl sein, ob Junge oder Mann, muss sich prügeln, Fußball spielen, später Mädchen abschleppen, muss Muskeln haben und eine große Klappe, während die Mädchen nur als Anhängsel der Jungs, später der Männer etwas gelten.
Eddy versteht, dass die Welt so funktioniert, und so erfüllt ihn seine frühe Erkenntnis, dass er selbst so nicht funktionieren kann, mit beständiger Panik. Er erkennt seine zierliche Gestalt als herbes Problem, betrachtet sich argwöhnend im Kontrast zu den anderen Jungs, die Andersartigkeit seiner kieksigen Stimme und seiner eher femininen Gestik sind sogar seinen eigenen Eltern unangenehm. Vor allem seine Mentalität macht ihm zu schaffen: So sehr er sich von sich aus darum bemüht oder auch vom Vater dazu gedrängt wird, findet er doch keinen Weg um sich irgendwie für die Dinge begeistern zu können, die ihn als Jungen ausmachen sollten. Stattdessen ist er gut in der Schule, was besonders für den Vater eher einem Makel gleichkommt als einem Grund zur Freude. Schon mittelmäßig gut in der Schule zu sein bedeutet, sich der Streberei schuldig zu machen, und wer sich von den Anderen nach oben hin absetzt, steht sofort unter dem Verdacht, ihnen auf den Kopf spucken zu wollen. Vorsorglich wird Eddy also von seinen Mitschülern bespuckt und obendrein gezwungen den Rotz danach aufzulecken. Eddy nimmt diese Demütigungen hin, denn er versteht die Regeln, er gehorcht den Gesetzen, von denen sie bedingt werden: Nicht die Aggressivität der Anderen ist der Fehler, sondern seine eigene Weichheit.
Zwar haben die Frauen des Dorfes den kleinen Bellegueule für seine zurückhaltende und freundliche Art gern, beneiden sogar die Mutter um den lieben Kerl, den sie als anständig und vernünftig loben, sodass seine Mutter zunehmend hofft, es könne vielleicht einmal etwas Besonderes aus ihm werden. Während Eddy weiter heranwächst, verliert seine Zartheit jedoch den Bonus kindlicher Niedlichkeit, er wird mehr und mehr unfreundlich beäugt.
Eddy kämpft dagegen an, indem er gegen sich selbst ankämpft und sich mit aller Macht bei den Jungs zu bewähren versucht. Saufen, rauchen, Witze reißen. Eines Tages nehmen ein paar gelangweilte Jugendliche aus Eddys Umfeld ihn mit in einen Gartenschuppen, und anstatt wie üblich gemeinsam Pornos zu schauen, wird sich nun die Zeit damit vertrieben Mann-und-Frau zu spielen. Als dieses Spielchen auffliegt, kippt die Stimmung endgültig, und wer sich bis dahin damit begnügt hatte, den seltsamen kleinen Bellegueule zu belächeln, beginnt nun ihn offen zu beschimpfen. Die anderen Beteiligten des Spielchens werden nicht zu seinen Leidensgenossen, sondern einigen sich unausgesprochen mit dem Rest des Dorfes darauf, dass allein Eddy zum Träger dieser Schande wird.
Für Eddy wird die geladene Atmosphäre um ihn herum vollends zur Dauerbedrohung, aus der Opferrolle gibt es keinen Ausweg mehr. Und doch versucht er sich nun noch vehementer als zuvor den Anderen anzugleichen, reißt tatsächlich Mädchen auf, jeder Kuss wird strategisch platziert, jede Fummelei vor Zeugen bedeutet einen kleinen Betrag in einer Währung, in der sich Eddy von seinem Makel loskaufen zu können glaubt.
Sozial geht es dadurch sogar wieder bergauf mit Eddy, seelisch dagegen radikal bergab. Aber es gibt einen unverhofften Ausstieg aus der Talfahrt: ein Stipendium, das ihn wegbringt, weg von Zuhause, weg von der Fabrik, weg von den Prügeln der Mitschüler, weg nach Paris.

Die Frage, was einen Soziologie-Studenten aus Paris dazu treibt eine Millieustudie über das ärmliche Kleinstadtleben in der Picardie zu verfassen, beantwortet sich anders, als ich vor dem Lesen ganz automatisch vermutet hatte.
Mir kam zunächst der Vergleich mit Moritz von Uslar, Deutschboden in den Sinn, jenem Provinz-Portrait eines adligen Society-Intellektuellen aus Berlin, der sich etwas, nun ja, besonderes einfallen ließ, um doch noch irgendwie auffallen zu können in Zeiten, in denen jeder schon alles kennt und alles weiß (und sei es nur aus dem Internet) und der weiten Welt beim besten Willen kein Fünkchen echter Exotik mehr zu entlocken ist: Das echte Abenteuer findet man nicht mehr dort, wo alle schon mal waren, sondern dort, wo keiner hin will – also auf nach Brandenburg, in die schäbige Ostprovinz, ein paar Wochen lang als Schriftsteller-Schrägstrich-Reporter under cover zwischen Rentnern, Arbeitslosen und Proleten über die Nicht-Erlebnisse in einem gottverlassenen Örtchen schreiben. Das Buch, das als teilnehmende Beobachtung untertitelt ist, liefert denn auch nur das: Beobachtungen, die jedoch weniger teilnehmend sind als vielmehr ein klarer Fall von Gaffertum. Gelangweilte Bürgerkinder schauen sich gern klischeeorientierte RTL2-Formate mit hohem Proll-Faktor an um sich selbst noch ein gutes Stück kultivierter zu fühlen, als sie es tatsächlich sind; in Deutschboden überträgt ein gelangweilter Autor diesen Mechanimus in den Bereich der Literatur.
Bei Édouard Louis jedoch ist der Grad der persönlichen Teilnahme ein ganz anderer. Er tritt nicht etwa als Außenstehender mit soziologischem Besteck an das Familien- und Gesellschaftsleben in einem heruntergekommenen Städtchen heran, sondern schreibt sich mit aller Macht aus ebendiesem Gefüge hinaus: Eddy Bellegueule, der Protagonist, ist Édouard Louis, der Schriftsteller – Eddys Geschichte, Eddys Ende ist autobiographisch. Bellegueule musste erst seine Kindheit und Jugend in einem Buch abschließen und versiegeln, das Eddy-Dasein in einem ausgiebigen Schreibvorgang beenden, damit unter seinem zu Édouard Louis geänderten Namen ein neuer Mensch aus ihm werden konnte.

Verlegen wollte das so entstandene Buch zunächst niemand. Zu sehr hinge die Schilderung des Provinzalltags aus der Sicht eines jungen, verzweifelten Homosexuellen überstrapazierten Klischees nach, zu banal trete das Proletarische hier auf, zu plakativ gestalteten sich die Charaktere, so die abwertenden Beurteilungen, mit denen Louis sich konfrontiert sah. Er konterte: Was wisse der akademische Kulturbetrieb in Paris schon von der bildungsfernen Realität im ländlich und industriell geprägten Nirgendwo?

Mein Vater war brutal, wie alle Männer im Dorf. Und meine Mutter klagte über die Brutalität ihres Mannes, wie alle Frauen im Dorf. Vor allem klagte sie darüber, wie er sich aufführte, wenn er betrunken war. Bei deinem Vater weiß man nie, was kommt, wenn er einen sitzen hat. Entweder der Suff macht ihn weich, dann geht er mir auf die Nerven mit seiner Anhänglichkeit, dann kann ich mich gar nicht retten vor lauter Küsschen und meine Süße hier und meine Süße da, oder der Suff macht ihn gemein. Meistens gemein, dann macht er mich fertig. (S.38)

Wenn es nun einmal so ist, so schlicht, so plakativ, so schäbig-einfach, wozu dann nach Komplexität suchen, wo es in Wahrheit keine gibt? Das Ende von Eddy ist Edouard Louis´ privater Abschluss mit seiner unbarmherzigen Vergangenheit und eben keine neutrale Abhandlung über soziokulturelle Zusammenhänge.
Dennoch ist sein Roman keineswegs als hitziger Rachefeldzug zu lesen, im Gegenteil sind Inhalt und Ton von einer fast schmerzhaften Nüchternheit bestimmt. Louis gibt nicht den Geschmähten, der davonkam und es nun seinen Peinigern heimzahlt. Er unternimmt schlicht eine Bestandsaufnahme seines bisherigen Lebens, das er in geduckter Haltung und unter panischer Verleumdung seines wahren Ichs verbracht hat, indem er es hier – endlich – mit radikaler Genauigkeit betrachtet und beschreibt.
Was daran als vermeintliche Klischee-Wiedergabe kritisiert wurde, ist allein der Realität geschuldet, von der das Klischee oftmals rechts überholt wird. Louis ergeht sich also nicht in Ungerechtigkeiten gegenüber dieser Realität. Von den Kritikern wenig hervorgehoben, lässt Louis vielmehr allen Figuren und Geschehnissen eine konsequent ehrliche Behandlung widerfahren, ungeachtet der Sympathien oder Abneigungen, die er ihnen gegenüber hegen mag. So reduziert sich zum Beispiel die Rolle des Vaters nicht auf die Trinker-Blaupause. Zwar lernt man ihn mitunter als scheußlichen Tyrannen, mal auch als heillosen Blödmann kennen, aber zu einfach macht es sich Louis mit der Darstellung seines Vaters keineswegs. Der zeigt im Rahmen seiner emotionalen Unbegabtheit eine schwierige, sperrige Art von Liebe: Indem er, wenn seine Wut aufkocht, sich die Fäuste an der Wand kaputtschlägt, um sie nur ja nicht die Kinder treffen zu lassen, weil er es so unbedingt besser machen will als damals sein eigener prügelnder Vater. Oder indem er, nachdem Eddy von Zuhause ausbüchsen wollte, ebendiese mühsam eingehaltene Grenze doch überschreitet, ihm zur Strafe, vor allem aber aus Angst und in elterlicher Verzweiflung, eine Abreibung verpasst, und ihm danach heulend vermittelt, dass er daheim doch geliebt werde – Schwuchtel hin oder her – und um Gottes Willen nicht auf so dumme Gedanken komme dürfe. Auch die Dorfgemeinschaft wird in ihrer Ambivalenz, nicht nur in ihrer Klischeehaftigkeit gezeigt: Generell schimpft man über die Schwarzen, aber nur über die aus dem Fernsehen – den einzigen Farbigen am Ort, Jordan, hat man gern.
Und nicht zuletzt sich selbst, Eddy Bellegueule, untersucht Louis schonungslos: Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er sich zwangsläufig so wie alle Anderen entwickelt, hätte sich den Verhältnissen gedankenlos gefügt. Während der Schulzeit, als ihm seine Andersartigkeit deutlich wird, steht für ihn an erster Stelle, sie zu verdrängen und nach Möglichkeit irgendwie abzustellen, nicht aber sie auszuleben. Es gibt eine Szene, die das Bittere daran besonders deutlich macht: In den unteren Schulklassen taucht irgendwann ein Neuling auf, der Eddy sehr ähnelt, ein neues Opfer, eine neue Schwuchtel. Eddy überlegt auf diesen Jungen zuzugehen, er könnte ihm sagen, was er sich selbst so verzweifelt von irgendjemandem einmal zu hören gewünscht hätte, Du bist nicht allein, und vielleicht sogar könnte er, indem er mit jemandem die Schande teilt, zum ersten mal einen echten Freund gewinnen. Aber die Versuchung, endlich die schwer auf den Schultern lastende Schande, anstatt sie zu teilen, billig an einen anderen loswerden zu können, ist zu groß: Als der Neue ihm auf dem Schulflur entgegenkommt, schreit auch Eddy Arschficker.
Welche Urteile jedoch über all das zu fällen sind, das überlässt Louis allein der Leserschaft – er selbst liefert nur einen Stapel detailliert verfasster Steckbriefe.

Im kurzen Epilog schildert Louis die Zeit seines Ankommens in Paris. Immer wieder während des Lesens, besonders aber in diesem Nach-Schluss, versetzen mir kleine Beobachtungen, die Louis mit seinem präzisen Blick und seiner klaren Sprache wiedergibt, einen Stich, denn ich erkenne vieles daran wieder.
Ich will betonen, dass sich meine Kindheitsgeschichte von der Eddys unterscheidet – mein Elternhaus war ein bedingungslos verlässliches und liebevolles, an Aggressivitäten oder gar Schläge wäre nie auch nur zu denken gewesen, außerdem mangelte es keineswegs übermäßig an Materiellem. Es geht mir hier aber um das Erkennen des beklemmend starken Kontrasts zwischen den einfachen Verhältnissen, aus denen man stammt, und dem Umfeld, in das man später durch Schule oder Beruf hineinkommt, ohne zu wissen, wie man sich darin bewegen soll, ohne einschätzen zu können, welchen Gebrauchswert die eigenen Erfahrungen darin überhaupt noch haben, ohne zu verstehen, wie das eigene Reden und Handeln hier wohl verstanden werden mag.
Erst, indem man anderes kennenlernt, beginnt einen das, was man kennt, was man ist, in eine verunsicherte Haltung zu zwingen. Unscheinbar anmutende Szenen und Detailbeschreibungen mit großer Signalkraft zeugen von diesem Umschlagen der Selbstbetrachtung und verraten die Aufrichtigkeit des Geschriebenen.
Mit seinem Schritt von der Provinz nach Paris stolpert Eddy von der einen Außenseiterrolle in die nächste hinein: Er passt ebensowenig in Paris ins gutbürgerlich geprägte Umfeld, das er mit geradezu ungläubigen Neulingsaugen erforscht, wie zuvor in die Dorfgemeinschaft. Dennoch findet er, gerade indem er sich diesem Kontrast aussetzt, den Weg zu seiner eigenen Identität. Die Freiheit dazu wird ihm in Paris jedenfalls erstmals gewährt.


>> Édouard Louis, Das Ende von Eddy (Fischer) gebunden €18,99

GROSSE FRAUHEIT // Indie-Dreigestirne

Gehe ich einen etwa zwanzig Jahre großen Schritt zurück, sehe ich mich wieder als adoleszentes Etwas, dessen mentaler Wuchs irgendwie nicht der populären Idealform zustrebte. In den mittleren 90er Jahren, der neongiftigen Morgenröte der kommenden, etwa zehn Jahre andauernden Billigpop-Ära, verkörperten folgende Vertreterinnen das Prinzip Traumfrau: die Girlies. Blümchen performte Herz an Herz, Lucilectric krähte Weil ich´n Mädchen bin, Gwen Stefani verdrehte die männlichen Köpfe meiner geschlossenen Jahrgangsstufe mit ihrem teils gehauchten, teils geröhrten I´m Just a Girl. Die eigentlich charaktervoll-schöne Heike Makatsch hoppelte, gackerte und trällerte sich durch diverse knallbunte Jugendformate von VIVA interaktiv bis Bravo TV und avancierte, in meinem Umfeld zumindest, zum Maß aller Mädchen-Dinge. Gleichzeitig waren die Spice Girls entsetzlich omnipräsent und produzierten eine Bugwelle nicht minder erfolgreicher Nachfolge-Girl-Groups, deren Namensgebungen unbegreiflicherweise niemanden so recht alarmierten: Atomic Kitten etwa, oder Sugarbabes.

Teil dieser Kommerzveranstaltung namens Girl-Power-Bewegung zu werden war denkbar einfach: Brachte man politisches und kulturelles Desinteresse bereits mit, konnte man den Rest des dafür Nötigen größtenteils bei C&A kaufen: Bandana-Kopftücher, Sonnenbrillen mit runden Buntgläsern, bauchfreie Tops, rosa Accessoires, zu klein geratene Röckchen (aus der Kinderabteilung). Dazu brauchte man dann unbedingt selbstklebende Glitzerbindis, Fingernagel-Klebetattoos, Fake-Nasenringe, Bauchnabel-Piercings, die obligatorischen DocMartens-Stiefel in diversen Farben, puppiges Make-Up, Zöpfchen. Fertig – nur im Wechsel kichern und schmollen musste man schon noch selbst.

Ebenso simpel wie die Girlie-Philosophie an sich gestaltete sich mein Verhältnis zu meinen Mit-Mädchen: Ich konnte die Girlies nicht ausstehen und die Girlies mich nicht. Man warf sich gegenseitig Erbärmlichkeit vor; ich ihnen wegen ihrer Mischung aus Barbie-Gehabe, infantilem Trotz und Karnevalsstimmung, und sie mir wegen meiner Tool-Shirts. Und meiner manierierten Ernsthaftigkeit. Etwas an diesem Ernst ging bei mir jedoch auf durchaus reelle Vereinsamungsgefühle zurück: Alle meine gegenwärtigen Helden waren männlich, die meisten meiner Freunde ebenfalls. Wo waren denn diese Frauen, zu denen ich so gern hätte aufschauen wollen, in Erwartung irgendeiner Motivation von oben? Ich empfand meine Jugend als scheußliche Transit-Zeit, die ich so schnell es nur ginge hinter mir lassen wollte, gleichzeitig war mir klar, dass ich nicht zur Unternehmensberaterin heranwachsen würde – ich benötigte für meine Werdens-Ziele also etwas alternativen Input.

Patti Smith und Debbie Harry? Waren hübsch anzuschauen in ihrem strammen Selbstbewusstsein, das mit ebensoviel Hirn wie Herz unterfüttert war. Leider beide bereits damals zu Tode ikonografiert. Poly Styrene? Siouxsie Sioux? Ja, die lebten auch noch, befanden sich aber seit langen Jahren im Off-Modus. Aktivistinnen mit bewegenden Ideen? Die Zeit der großen Systemumbrüche war ein gerade abgefahrener Zug, dem ich mit meinen Kinderschritten nicht hatte nacheilen können – und dann, als ich genug gewachsen war um die klobigen Lederstiefel (mit gehäkelten Buntbändern) zu schnüren, war die Loveparade, die von Marusha durch Berlin geführt wurde, der einzige veritable Massenzug der Gegenwart. Aktuelle Autorinnen übrigens standen für mich unsichtbar im Toten Winkel. Von diesem Sektor war ich so vollkommen abgeschnitten, dass ich erst Jahre später im großen Panoramarückblick das Ausmaß meiner Entfernung davon begriff.

Im Allgemeinen schienen mir die Musikerinnen am zugänglichsten. Und eines Abends stolperte ich über ein Ding mit zerzaustem Dunkelhaar, das wohl im Schlepptau von Nick Cave bei mir eingezogen sein musste. Es hieß Polly Jean Harvey, war ein wenig herb und sperrig, ganz seelenvoll stimmungsschwankend und machte allgemein einen sehr einladenden Eindruck auf mich. Eine Andere, eine zarte Hysterikerin mit rotem Haarmeer, schlich sich via Plattenschrank meiner älteren Schwester in meinen Einzugsbereich. Da blieb Tori Amos dann auch. Aus diesen zwei Sondererscheinungen machte erst das Auftreten einer hibbeligen Naturgewalt für mich ein bedeutsames Trio: Mit Björk entdeckte ich ein Phänomen für mich, dessen pauschale Anziehungskraft auf mich ich wohl nie so recht verstehen werde.

Nachdem diese Drei mir endlose Weiten eines hübschen Neulands zugänglich gemacht hatten, fand ich mich dort bald ganz gut zurecht und traf auf Catpower, Kim Deal und Andere. Darunter auch diese Anwärterin auf einen Quartett-Platz zur Erweiterung des eng miteinander verbundenen Dreigestirns: Schon zu damaligen Zeiten war Fiona Apple für mich eine vielversprechende Orientierungsfigur, die allerdings noch reichlich biografischen Platz für Weiterentwicklung besaß – mit 20 muss man noch keine Wirkungsfrau sein. Wurde sie aber schnell. Heute bildet die gelegentlich nervtötende, aber auch zur Selbstironie fähige Exzentrikerin gemeinsam mit zwei weiteren speziellen Exemplaren ein neues Musikerinnen-Dreigestirn für mich: der ätherisch anmutenden Annie Clark, alias St.Vincent, und der total verhuschten, während ihrer Auftritte jedoch umso energischeren Anna Calvi. Diese Drei – zwischen 1977 und 1982 geboren und damit auch genau mein Alter teilend (die Jüngsten hier sind Annie Clark und ich) – wirken aus meiner heutigen Perspektive ebenso stabilisierend auf mich und mein Gemüt wie damals Harvey, Amos & Gudmundsdottir. Für mich sind Apple, Clark & Calvi wahre Wohlfühlfiguren; sie laufen ein wenig neben der Leitspur, welche heute nicht mehr die Girlies, sondern die smarten und vollkontrollierten, pseudo-erwachsen denkenden Y-Mädchen vorgeben.





LATEINAMERIKA // Octavio Paz als Aufbruchsbegleiter


Neon-Schwalbe, Sonja Grebe


In der Frühe sucht das Kommende seinen Namen

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In der Frühe sucht das Kommende seinen Namen
Über den schläfrigen Stämmen funkelt das Licht
Berge galoppieren an die Ufer des Meeres
Die Sonne dringt sporenblitzend in die Fluten
Der Stein stürmt an und zerschmettert Strahlen
Es trotz das Meer und schwillt am Fuß des Horizonts
Verworrene Erde Einbruch von Skulptur
Die Welt erhebt ihre noch nackte Stirn
Ein Stein geschliffen und glatt um ein Lied drin einzugraben
Das Licht entfaltet seinen Fächer von Namen
Und ein Hymnus beginnt wie ein Baum
Und Wind ist da und schöne Namen im Wind

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Octavio Paz

Alles erkämpft sich Neuheit, Freiheit, Unberührtheit. Wie un-episch der eigene kleine Aufbruch im Weltgefüge auch erscheinen mag – Veränderung ist ein Gefühlsding, und Dinge des Gefühls sind unabhängig von Dimensionen. Praktisch gesprochen: Octavio Paz hilft mir mal wieder beim Kofferpacken. (Es geht zurück in die Heimat – da waren wir schon mal, zusammen, Octavio.)


Ein Schritt ins Gestern: Gefragt nach meiner ersten prägenden Leseerfahrung, antworte ich ohne zu zögern J.D. Salinger, The Catcher in the Rye. Ich hatte, da mir der Englischunterricht Spaß machte, mit 13 beschlossen, ein Buch im englischen Original zu lesen – nur für mich, unabhängig vom Schulunterricht. Also stiefelte ich in die Bibliothek meiner neuen Schule, griff orientierungslos in ein mit ENG-LIT überschriebenes Regal hinein und nahm recht wahllos ein Buch mit abgegriffenem silber-grauem Umschlag heraus. Altersangaben interessierten mich nicht, und kinder- und jugendgerechte Umschlaggestaltung wirkte auf mich eher abschreckend. Man muss dazu wissen: Ich war nie ein Lesekind, sondern ein Dorf- und Wiesenstreuner. Und in meinem bäuerlich-proletarischen Zuhause mangelte es sehr an Büchern, jedoch keineswegs an Geschichten: In meiner Familie funktioniert die mündliche Tradierung von Familienepisoden und innerhalb der Familie erzählten Märchen (wobei die Trennlinie zwischen jenen Kategorien gelegentlich unkenntlich ist) bis heute erstaunlich ungebrochen. Meine Kindheit verbrachte ich unter einem Dach mit den Alten und Uralten der Familie und hörte die Familiengeschichten somit nicht nur aus unzähligen Perspektiven, sondern zudem auf Hochdeutsch, Plattdeutsch und mit ostpreußischem Einschlag. Für mich kamen Kindergeschichten nicht heran an die Intensität jener Familiengeschichten, auf die ich quasi per Geburt ein besonderes Besitzrecht innehatte: Sie entstammten meiner Familie und wurden mir und meinen Geschwistern zur Weitergabe erzählt. Es gab für lange Zeit eigentlich nur zwei Bücher, die in ähnlichem Maße die Empfindung in mir hervorriefen, ihre Geschichten beträfen mich direkt und sie würden nur für mich erzählt: Erstens Maurice Sendak, Wo die wilden Kerle wohnen, das ich inzwischen meinem Sohn vorlese, obwohl die Seiten kaum noch zusammenhalten, und zweitens Mark Twain, Die Abenteuer des Tom Sawyer und Huckleberry Finns Abenteuer in einem bereits damals von meiner Schwester reichlich zerlesenen Doppelband. The Catcher in the Rye war nun das erste Buch, in dem ich mich als angehende Jugendliche plötzlich emotional verfing, denn ich fand darin einen verstehenden Widerhall, ich sah mich selbst. Von da an las ich alles, was mir in die Finger geriet, ohne jegliche Überlegung daran zu verschwenden, ob das jeweilige Buch für mich geeignet sein könnte oder vielleicht doch ein wenig zu viel des Guten wäre. Was ich nicht verstand, versuchte ich mir selbst zu erarbeiten – klappte das nicht, legte ich es ohne Wehmut für später bei Seite. Diese Herangehensweise folgte keinem System, sondern willkürlich dem einfachen Prinzip Try&Error. An dem Steppenwolf und an dem allen solchen Wölfen eigenen Geheul  – Howl (ich hatte da deutsche und englische Ausgaben) blieb ich mit dem Herzen für ein heftiges Weilchen hängen, Cormac MacCarthys Border-Trilogie dagegen verwuchs nachhaltig mit meiner Seele, seit sie in durchlesenen Nächten die jugendliche Pathetik von mir schrubbte. Und dann: Julio Cortázar, Rayuela. Dieses Buch hatte ich nichtsahnend aus der Wühlkiste des Antiquariats meines Vertrauens gerupft, fand das Cover gut, las zwei Seiten und verstand kein Wort. Natürlich kramte ich also den für Notfälle reservierten 10-Mark-Schein aus der Hosentasche und fing noch auf dem Rückweg nach Hause (mit Schülerticket per U-Bahn, Regionalexpress und schließlich Bus eine Ewigkeit zwischen Großstadt und Dorf überbrückend) an mich einzulesen. Nach zwei Tagen gefährlicher Hirnüberlastung und ebenso unguter Vernachlässigung jeglicher Schulpflichten schien endlich ein neu entstandenes Rädchen in meinem Kopf in die bis dahin überforderte Verstehensmechanik einzurasten und auf einen Schlag begriff ich, was ich da las. Wochenlang war ich völlig cortázarisiert und investierte in der Folge sämtliche Einnahmen aus Zeitungsaustragen und Babysitten in einen stetig wachsenden Stapel Bücher mittel- und südamerikanischer Autoren: Neben dem großen JC fanden sich dort Jorge Luis Borges, Ernesto Cardenal, Octavio Paz, Pablo Neruda, Carlos Fuentes, Adolfo Bioy Casares. Wie frustrierend war es damals, in Prä-Internetverkauf-Zeiten, während seltener Ausflüge in die eigentlich nahe Großstadt nach einem Teegeschäft zu suchen, in dem ich Yerba-Mate-Tee und eine kleine Kalebasse mit Trinkröhrchen (Bombilla) bekommen könnte. Die Rinderherden vor der Haustür konnten, kniff man die Augen leicht zusammen, etwas argentinisches Gefühl aufkommen lassen, aber eine Einstimmung auf meine Sehnsuchtsziele, die fortan Buenos Aires, Valparaiso, Mexico City und Montevideo hießen, ließ sich zwischen Kittelschürzen und Zuckerrüben leider unmöglich herstellen.

Das erste Buch, das ich nach dem Abitur, kurz vor dem Auszug aus dem Elternhaus in die nächstgelegene Großstadt kaufte, war ein neues Tagebuch, das ich mit einem Zitat von Octavio Paz begann, dessen Tod zu jenem Zeitpunkt noch nicht allzu lang her war:

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Die Dichtung, Hängebrücke zwischen Geschichte und Wahrheit, ist nicht ein Weg zu dem oder jenem: sie ist Schauen der Ruhe in der Bewegung, des Übergangs in der Ruhe. Die Geschichte ist der Weg: er führt nirgendwohin, wir alle beschreiten ihn, die Wahrheit ist ihn zu beschreiten. Wir gehen nicht, wir kommen nicht: wir sind in den Händen der Zeit. Die Wahrheit: uns zu wissen, von Anfang an in der Schwebe, Brüderlichkeit über der Leere.

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Mir gab dieses Zitat ein ganz spezifisches, bis heute abrufbares Gefühl. Als erwachsen empfand ich mich nicht etwa ab dem Tag der Schulverabschiedung, das Abschlusszeugnis in Händen, oder ab dem Tag, da ich ein eigenes Paar Autoschlüssel bekam, auch nicht, als ich mein Bett in einem neuen Haus aufstellte und eine erste eigene Adresse besaß. Erwachsen fühlte ich mich, als mir aufging, dass die Begriffe Leben und Dichtung schlicht das selbe meinen: mich selbst zu erzählen. Dafür war es nun irgendwie an der Zeit. Alle Geschichten, die ich aus meiner Familie gehört hatte, waren Lebensgeschichten gewesen – erst, als ich begriff, dass diese erzählerische Tradition nicht nur Wesenszüge und Lebensrealitäten meiner Vorfahren an mich weitergab, sondern auch die Forderung an mich stellte, eine eigene Geschichte dieser fortlaufenden Kette anzugliedern, verstand ich, dass Sich-erzählen bewusst ins Leben zu treten bedeutet. Und ich glaube seither, dass auch diejenigen Autoren, deren Geschichten mir wirklich etwas bedeuteten, nichts anderes getan haben als genau das: sich selbst zu erzählen – ganz gleich, wie viele verschiedene literarische Formen das auch bei ihnen angenommen hat. Im Übrigen finden sich in jenem Tagebuch, dessen Torwächter ein Octavio-Paz-Zitat war, wohl keine literarischen Kostbarkeiten. Insgesamt ist mein Leben keine Heldengeschichte und kein anspruchsvoller Roman. Übrigens war ich nie in Buenos Aires, Valparaiso, Mexico City, Montevideo. Darauf aber kommt es nicht an. Egal, welcher Art unsere Leben sind – erst indem wir sie erzählen, schließen wir uns ein in die Brüderlichkeit über der Leere.


>> Das Bild: Schwalbenflug (Grebe, 2012)


John Kalman Stefansson/Gerhard Sagert (Sonja Grebe)

AM MEER // Jón Kalman Stefánsson, Himmel und Hölle

Es gibt ein Fach in meinem Bücherregal, in dem das Meer braust. Kein Urlaubsmeer, kein Postkartenidyll, sondern ein sturmheulendes Ungetüm. Natürlich steht dort Joseph Conrad mit Lord Jim, aber auch Bjarne Reuter mit Prinz Faisals Ring (wer dies für ein reines Jugendbuch hält, war noch nicht gemeinsam mit Tom Collins in des Teufels Schädelspitze) oder Gerhard Sagerts Fischerei-Berichte aus den 60er Jahren: Fischdampfer Hannover Kurs Grönland (siehe Beitragsbild) und Ähnliches. Ganz vorne an steht dort, täuschend klein und schlicht: Jón Kalman Stefánsson, Himmel und Hölle.

Ein kleiner Hafenort auf Island vor einhundert Jahren, umschlossen von Bergen und rauer See, und natürlich die See selbst sind die Schauplätze dieses Romans über einen Heranwachsenden, der in ein entbehrungsreiches Fischer-Leben hineinwächst.

Die Berge überragen Leben und Tod und die paar Häuser, die sich auf der Landzunge zusammendrängen. Wir leben auf dem Grund einer Schüssel, der Tag geht vorüber, es wird Abend, die Schüssel läuft langsam voll Dunkelheit, und dann leuchten die Sterne auf. Ewig blinken sie über uns, als hätten sie eine wichtige Botschaft, aber welche und für wen? Was wollen sie von uns, oder vielleicht eher noch: was wollen wir von ihnen? (S.7)

Ein Überleben sichert hier nur die Fischerei, einen Tod auf dem Meer sichert sie indes auch – vielen sogar, jedes Jahr von Neuem. Es sind Zeiten, in denen besonders im Winter das Leben kaum mehr möglich scheint auf diesem kargen Stück Erde, doch gerade im Winter kommen die kostbaren Kabeljauschwärme, denen die Männer in offenen Ruderbooten, der tobenden See und dem Eiswind ungeschützt preisgegeben, nachjagen. Die See, die Männer, der Fisch, der Tod – vier Eckpunkte, die das, was Leben an diesem Ort bedeutet, einrahmen. Aber Frauen? Oder gar Literatur? Himmel und Hölle erzählt die Geschehnisse eines wenige Tage kleinen Zeitraumes im Leben eines namenlosen Jungen und begleitet ihn dabei an einem entscheidenden Punkt seines Erwachsenwerdens. Sein Freund Bardur ist wie er in diesem Leben eingekesselt, liest jedoch ungewöhnlich viel. Kann man in einem solchen Leben Poesie lieben? Muss man das vielleicht sogar? In Bardurs Fall kostet sie ihn das Leben. Mit dem Verlust des besten, des einzigen Freundes fühlt der Junge auch einen Teil von sich sterben. Gibt es eine Antwort auf die Frage, wie man danach ins Leben zurück finden soll? Und wo findet man sie? Himmel und Hölle ist ein Roman über existentielle Kämpfe – mit den Gewalten, von denen man bestimmt wird, und mit sich selbst. Ich könnte es einen „historischen Coming-of-Age-Roman auf Isländisch“ nennen oder es mit der Schlagzeile „Cormac McCarthy unter Fischern“ überschreiben. Lieber sage ich, dass seine stille Wucht mich nie losgelassen hat.


>> Jón Kalman Stefánsson, Himmel und Hölle (Reclam; inzwischen bei Piper als Taschenbuch) €9,99

Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

OBERFLÄCHENKULTUR // Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Man nehme eine beliebige alternativkulturelle Zeitschrift, schlage sie wahllos auf, blättere zum nächstbesten Bild und lege dann dieses Buch daneben: Schon macht Antonia Baum mit Vollkommen leblos, bestenfalls tot aus jedem noch so aufwändig als voll natürlich zurechtposierten Lächeln einen Albtraum in Bleaching-weiß (siehe oben). Dieser Roman ist giftig, ätzend, hysterisch und wütend, er will energisch klar machen: Hier gibt´s überhaupt nichts, was voll natürlich wäre, und was zu Lachen erst recht nicht.

Wie man in den Wald ruft, so schallt´s hinaus – Antonia Baum hat folgerichtig viel Geschrei geerntet für ihren Roman, als der vor drei Jahren erschien. Aber auch der Odenwald echote schon mal mit Empörung und Geplärr, das war Anfang dieses Jahres, als Baum einen stinksauren Schimpfbericht über ihre Heimat Odenwaldhölle in der FAZ veröffentlichte, für die Baum seit 2012 als Redakteurin arbeitet. Die Wut in Baums Schreiben ist echt: So zynisch und laut und streckenweise kopflos wie sie wird man nicht einfach so aus stilistischen Beweggründen. Echtheit allein aber schützt nicht vor Eigentoren.

Handlung und Geisteshaltung des knapp 240 Seiten kurzen Romans sind schnell umrissen: Alles Dreck, überall Heuchelei, alle Egoisten – man ahnt, das wird anstrengend. Die erste unerträgliche Lüge, die in dieser Hass-Tirade auf die kaputte hochkulturelle Gesellschaftsschicht ausführlich bejault wird, ist die bloße Existenz der Ich-Erzählerin selbst: Die gutbürgerlichen Eltern hatten sich kein Kind gewünscht, die Schwangerschaft war ein Unfall, das Kind war und ist ein ungebetener Gast auf dieser Welt. Von Geburt an ging es also schon bergab für die junge Protagonistin. Wir lernen sie pünktlich zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs aus der verlogenen Heimatidylle inmitten der Provinz kennen. Die Eltern heißen Carmen und Götz, ihre Wohlstandssymptome lauten Selbstbetrug, Egoismus, krankhafte Fassadenpflege, Empathieunfähigkeit. Die Flucht vor Karrierevater, Heuchelmutter und deren Post-Scheidungs-Neupartnerschaften führt die Ich-Erzählerin allerdings nur noch tiefer hinein ins Herz der Finsternis: in die Großstadt, ins Zentrum einer verdorbenen Kulturschickeria. Dort lauern sie auch schon, die hochkultivierten Raubtiere: der Karrierist und somit die Vater-Kopie Patrick, danach der Lügner Johannes, nebenher stutenbissige Kolleginnen, machtgierige und geldverblödete Chefs und Auftraggeber. All jenen hängt sich die Protagonistin jedoch an den Hals.

Sie hängt eben an dem, was sie hasst. Weil sie nichts anderes kennengelernt hat. So haben das die Eltern vorgelebt, so pflanzt sich das in ihrem Wesen fort. Immer wieder liegt die Schuld bei den Anderen, doch die Ich-Erzählerin seziert auch sich selbst: Sie hegt einen ausgiebig kultivierten Selbsthass, der ihrer klaren Erkenntnis entspringt, die Haut der Eltern zu teilen und nicht aus ihr heraus zu können. Der gnadenlose Detailblick, den die Autorin übrigens perfekt beherrscht, und der ekelerfüllte Widerwille gelten im selben Maße der Protagonistin selbst wie ihrem Umfeld. Auf diese Weise entzieht sie ihrer himmelschreienden Wut jegliche Wirkungskraft und macht sie zu ihrer eigenen Ohnmacht. Zwar mangelt es Vollkommen leblos, bestenfalls tot nicht an Szenen, in denen die Wut sich auslebt – es wird brutal, es gibt Backpfeifen, Biss- und andere Blutwunden -, doch was auch immer die Protagonistin austeilt, fällt in der einen oder anderen Form wieder auf sie zurück. All ihre Wut bewirkt nichts, denn sie schlägt keine Ausbruchsschneise, sondern rotiert, sich endlos fortpflanzend, in ihrem hermetisch geschlossenen Lebensraum, dem höheren Gesellschaftskreis. Ihr Job für ein Kulturmagazin endet, nachdem sie, aus Abscheu vor der sich selbst beweihräuchernden Elite, das Magazin kurzerhand sabotiert. Einen anderen Weg um Geld zu verdienen als indem man für Kulturmagazine arbeitet kann sie sich jedoch schwer vorstellen. Sie verlässt ihren Freund, den Art Director, der sie einsperrt und ausnutzt, um sich kurz darauf auf einen Schauspieler einzulassen, der sie betrügt und ausnutzt. Doch sind auch ihre eigenen Gründe um eine Beziehung einzugehen von anderen Kriterien bestimmt als Liebe. Um die Figuren nicht allzu reißbretthaft zu zeichnen, bemüht sich die Autorin bei jeder einzelnen um eine kurze psychologische Grundlagenuntersuchung: Patrick ist kontrollsüchtig, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Johannes ist bindungsscheu, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Zu welchen Ergebnissen die weiteren psychologischen Rückverfolgungen führen – und wovor die Protagonistin selbst eigentlich Angst hat -, darf man nun kreativ raten. Ein wenig Leben in die funktionell dargestellten Charaktere bringt Antonia Baum nur an seltenen Stellen, die inmitten aller Aufgesetztheit echte Gefühlsdilemmata vermitteln: Wie sagt man als empathieunfähige Tochter dem empathieunfähigen Vater, dass man ihn lieb hat? Und warum überlegt man überhaupt, bevor man es sagt? Weil es gar nicht stimmt? Oder vielleicht aus Angst vor einer Antwort, im schlimmsten Falle: Ich dich auch?

Hysterische Pauschal-Wut, Überreiztheit und gleichzeitiges Unvermögen sich zu emanzipieren: Kennt man – wir waren alle mal 15. Angesichts jener Symptome, die sich im hyper-emotionalen Sprachgebrauch (Kraftausdrücke inklusive) und dem schonungslosen Erzähltempo widerspiegeln, muss sich der Roman natürlich den Vorwurf gefallen lassen, über das Niveau des Pubertären nicht hinaus zu gelangen. Thema und Ton bedingen sich jedoch gegenseitig, und welchen Zweck erfüllte es, einen höflichen Roman über gesellschaftliche Katastrophen zu schreiben? Die Frage ist eher, welchem Zweck dieser Roman im Ganzen eigentlich folgt: Sind die Katastrophen darin nicht allesamt selbst gemacht, steht am Ende nicht gutbürgerliches Selbstmitleid als Selbstzweck? Auf die gleiche Art gehadert hatte ich auch mit Christian Krachts Faserland: Eine sprachlich und inhaltlich eindrückliche Schilderung der Verkommenheit der Bildungselite, ja, aber von einem Autoren, der die Präzision seines Blicks nur dem Umstand verdankt, Teil ebendieser Elite zu sein. Kritik an einer Welt, die nur sich selbst betrachtet – mittels literarischer Selbstbetrachtung? Einsicht ist der beste Weg zur Besserung, und so arbeitet sich der Antrieb beider Romane engagiert durch verschiedene Ebenen von Einsicht hindurch, versagt aber jeweils auf dem Weg zu einem konstruktiven Fazit.

Man kann mit Recht genervt sein von dieser sich um sich selbst drehenden Suada Antonia Baums. Sie nach ein paar Jahren wieder hervor zu holen lohnt dennoch: Mir ist in letzter Zeit kein Buch untergekommen, in dem sich eine Autorin oder ein Autor unter vollem Einsatz ihrer Wutkräfte so weit und mit so großer Klappe aus dem Fenster lehnen würden, wie es Antonia Baum in diesem Buch getan hat. Mit der Wut an sich bin ich einverstanden, die lässt sich gebrauchen. Aber ich suche nach Autoren und Autorinnen, die dieser Wut auch ein Angebot zur Kraftentfaltung machen, ihr ein Ziel geben, einen Sinn abseits des Selbsthasses verleihen.


>> Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot (Suhrkamp) TB € 8,99