Thema Arbeitswelten

HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (1)

Ich muss Édouard Louis gar nicht lesen. Wozu? Ich brauche mir nicht von einem Schriftsteller erklären, schildern, begreiflich machen zu lassen, was ich aus eigenem Erleben kenne oder aus engeren Kreise erfahren kann.
Hab ich’s nötig, dass überhaupt irgendwer mir behilflich sein will, etwas zu verstehen, MICH zu verstehen? Hilfe jeglicher Art ist eh bloß Einmischung. Überflüssig. Verdächtig, scheinheilig.
Und sowieso: Was sollen denn immer diese Privatschauen, diese literarische Wühlerei in den eigenen Kinderwindeln – seinen eigenen Quatsch behält man gefälligst für sich!

Dahinter steht, ganz klar, eine dieser Maximen, die schon immer Gültigkeit besaßen für die EINFACHEN LEUTE: dieses ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Wer unter einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Himmel, in einem ICH-KOMME-ALLEIN-KLAR-Haus aufgewachsen ist, entwickelt seltener den Gedanken, wie wichtig für sich selbst – vielleicht sogar übergeordnet wichtig – es sein könnte, von den Dingen zu berichten, mit denen man allein klarzukommen hat. Sie erklären, schildern, begreiflich machen zu wollen.

Natürlich habe ich Édouard Louis rauf und runter gelesen und bin, wenn ich auch nicht immer auf seiner Linie liege, heilfroh, dass es ihn gibt. So geht es mir wirklich – ich sehe einen frisch erschienenen Louis irgendwo ausliegen, nehme ihn mit und denke: Ich bin froh, dass du da bist, Édouard.

Diese Art von Solidarität ist freilich abhängig vom Kontostand. Das nicht einmal 80seitige Wer hat meinen Vater umgebracht gibt es hierzulande gebunden für schlappe 16€; in Frankreich kostet das Original natürlich auch Geld.
Louis schreibt von den EINFACHEN LEUTEN bzw. der UNTERSCHICHT, und er schreibt durchaus für sie, also: in ihrem Sinne. Als Produkt richtet sich das Ganze aber gezielt an Haushalte, wo Stimmen der EINFACHEN LEUTE, der UNTERSCHICHT eher selten und vielleicht auch nur mittels eines teuren, hübschen, viel besprochenen Bändchens Prosa Eingang finden.

Es ist eine Streitschrift über herrschende Ungerechtigkeit innerhalb der französischen Gesellschaft, die, Louis zufolge, lange gewachsen und politisch legitimiert ist. Über die Arroganz der Politik gegenüber der Mittel- und Unterschicht. Über die pauschale Verächtlichmachung bestimmter Milieus durch die Eliten. Und nicht zuletzt über die Menschen jener Milieus, die unter dem Eindruck permanenter Herabwürdigungen vonseiten der Politik, Wirtschaft, Medien ihre Fähigkeit verloren haben, für sich selbst in der ersten Person zu sprechen.

Eigentlich geht es in dieser Schrift über den Vater, den man bereits aus >Das Ende von Eddy kennt, um zutiefst Privates. Wie immer, bei Louis. Aber wie immer, und nicht nur bei Louis, geht es zugleich um die klassische Frage: Wie politisch ist das Private?

Édouard Louis antwortet, indem er die Verzahnung von Politik und Privatem am Beispiel seines Vater schildert, und zwar nachdrücklich: „Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.“ Seit einem Arbeitsunfall lebt Louis‘ Vater im wahrsten Sinne mit gebrochenem Rückgrat. Nun als kraft- und nutzlos dazustehen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht mehr erfüllen zu können, empfindet er als Schande. Die ohnehin prekäre Lage der Familie rutscht mit dem Unfall ins Elende ab. Gesundheitlich erholt sich der Vater nie, im Gegenteil arbeitet er seinen Körper, um nicht seinen schmalen Unterstützungsanspruch zu verlieren, in immer wechselnden, ungesunden Jobs zugrunde – so verlangen es die Ämter. Und die folgen den Vorgaben der Politik. „Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat,“ schreibt sein Sohn über ihn. Gemeint seien die Menschen, die Macron „Faulpelze“ nenne.

Louis könnte hinzufügen, der Zustand der Vater-Sohn-Beziehung, die er beschreibe, sei eine Anklage des gesellschaftlichen Zustands. Man wird so sehr fremdbestimmt, dass man sich unweigerlich selbst fremd wird – wie soll man da Anderen nahekommen?

Das alles haben Sie sicher schon zigmal über den neuen Louis gelesen und gehört, so oder so ähnlich.
Im Feuilleton spielen alle wieder mit. Die einen tätscheln ihren Liebling, die anderen freuen sich über neuerliche Gelegenheit, ihn als überschätzt zu deklarieren.
Man zeigt sich entweder ergriffen und empfindet den Ton als berührend, als feinfühlig, poetisch. Man ist bewegt. Oder man rümpft die Nase. Man fragt, ob Louis hier nicht etwas zu übermütig den Boden der Literatur verlassen habe, ob er zu nah am Populismus operiere – Iris Radisch druckst wenigstens nicht so herum, sondern betitelt Wer hat meinen Vater umgebracht in ihrer Rezension vom 24.01. (DIE ZEIT 05/2019) direkt als „vulgärsoziologisches Pamphlet“ .

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, Wer hat meinen Vater umgebracht sei keine Literatur mehr. Aber dann hat Louis nie welche geschrieben. Was Louis schreibt, vom Debüt an, sind stets autobiografische Schilderungen des Privaten, das sich zugleich politisch verstanden wissen will. War das je Literatur? Es war immer Politik der ersten Person.

Generell wirken sich politische Entscheidungen auf das gesellschaftliche Klima aus, und dieses Klima bestimmt, was darin gedeiht und was nicht. Für die EINFACHEN LEUTE und insbesondere für die UNTERSCHICHT gilt indessen, so Louis, dass sich politische Entscheidungen viel direkter, konkreter auf das Leben der Einzelnen auswirken.
Louis erzählt von dem Herbst, als der Zuschuss für Schulbedarf der Kinder um hundert Euro erhöht wurde – es wurde gejubelt, man fuhr gemeinsam ans Meer. „Der ganze Tag war das reinste Fest für uns.“ Ein anderer Herbst, 2017: „Emmanuel Macron nimmt den ärmsten Franzosen fünf Euro pro Monat weg […]. Seine Regierung erläutert, fünf Euro seien doch unerheblich. Sie haben keine Ahnung […]. Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“
Ob man Politik so unmittelbar zu spüren bekommt oder nicht, das definiert für Louis den Unterschied zwischen Oben und Unten: „Die Herrschenden mögen sich über eine Linksregierung beklagen, sie mögen sich über eine Rechtsregierung beklagen, aber keine Regierung bereitet ihnen jemals Verdauungsprobleme, keine Regierung ruiniert ihnen jemals den Rücken, keine Regierung treibt sie jemals dazu, ans Meer zu fahren. […] Sie bestimmen die Politik, obgleich die Politik kaum Auswirkungen auf ihr Leben hat.“

„Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können, die zum Stillschweigen verdammt sind“, sagt Louis. Was heißt „zum Stillschweigen verdammt“? Es heißt zum Einen, das ICH KOMME ALLEIN KLAR nicht überwinden zu können, um wirklich von sich selbst zu sprechen. Es heißt zum Anderen, dass ein Gegenüber fehlt, das sich angesprochen fühlen und zuhören würde.

Und nun? Das Feuilleton liest Louis, ist gerührt, legt ihn wieder weg. Das Feuilleton liest Louis, ist degoutiert, legt ihn wieder weg. In keinem Fall fragt das Feuilleton: Was will Louis – von uns?

Das Feuilleton deutet Louis‘ Schreiben erstaunlich einseitig aus – regelmäßig. Mit seinem Debüt räche er sich an seiner Familie für seine unglückliche Kindheit; in seinem Debüt zeige er seinen Hass auf den Vater und fände nun jedoch, in Wer hat meinen Vater umgebracht, zu einer Versöhnung mit ihm; mit Wer hat meinen Vater umgebracht schlage sich Louis, wohlgemerkt ein Bildungsemporkömmling aus dem Prekariat, medienwirksam (Gelbwestenalarm!) auf die Seite des Pöbels.
Was Louis‘ Prosa für mich ausmacht, ist dagegen gerade die Ambiguität der privaten Betrachtungen. Als Kind liebt UND hasst Louis seinen Vater – innerhalb der Familie beruht das jeweils auf Gegenseitigkeit -; er wünscht, er könne mehr Zeit mit seinem Vater verbringen, UND er wünscht, der Alte würde einfach verschwinden; inzwischen, als Erwachsener, kommt er seinem Vater nah UND bleibt ihm dabei doch fremd. Louis schreibt über die Verhältnisse seiner Herkunft, ohne sie zu schonen, aber doch in aller Vielschichtigkeit.
Das Feuilleton sieht diese Vielschichtigkeit nicht oder lässt sie nicht gelten, sondern es setzt einseitige Sichtweisen einfach voraus. Es denkt: Ein unglückliches Leben ist automatisch eines, in dem man nie auch glücklich war. Wer einen Vater hat, der nichts taugt, muss automatisch froh sein, nicht mehr mit ihm reden zu müssen, anstatt traurig, weil er gern mehr mit ihm geredet hätte. Wer den Bildungsaufstieg geschafft hat, ist automatisch erleichtert, nicht mehr zu den Deppen zu gehören, genießt sein neues Leben und schreibt bloß noch aus Rache über früher.
Das Feuilleton denkt hier in Pauschalurteilen.

Von einer Anklage spricht Louis nie im Zusammenhang mit seiner Familie. Die einzigen Anklagen, die Louis wörtlich ausspricht, richten sich konkret an einzelne, namentlich genannte Politiker, und pauschal an die Eliten.

Natürlich darf man Wer hat meinen Vater umgebracht ein Pamphlet nennen, denn es ist ja eins – es formuliert scharf und polemisch. Zwiespalte darzulegen, relative Sichtweisen auszuarbeiten, das sind bloß schöne Hobbys, solange sie nicht bewirken, dass andernorts endlich ein Erkennen, ein Verstehen, eine Reaktion stattfinden. Und es ist genau diese Trägheit andernorts, die Louis diesmal so angriffslustig werden lässt: „Auch das habe ich bereits erzählt – aber ich muss mich doch wiederholen, wenn ich von deinem Leben erzähle, denn von einem solchen Leben will niemand hören! Man muss sich doch wiederholen, bis sie uns zuhören! Um sie zum Zuhören zu zwingen! Wir müssten doch eigentlich schreien!“
Da ist er, der Zorn.

Das Feuilleton fragt nie: Was will Louis von uns? Es fühlt sich selbst – als Organ der Bildungseliten, denen Louis eine vereinfachende und herablassende Sichtweise auf die EINFACHEN LEUTE vorwirft – nicht von Louis angesprochen.
Es fragt sich gar nicht erst, ob es in dessen Wutschrift wohl mitgemeint sein könnte.

Louis stellt dieser Wutschrift eine Art Regieanweisung voran: Wäre dies ein Theaterstück, müsse es mit einer Szene beginnen, die Vater und Sohn nebeneinander aufgestellt zeigt, „in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum“ . Der Sohn versuche zu seinem Vater zu sprechen, dieser könne ihn aber nicht hören; der Vater selbst spreche wiederum kein Wort.
In seinem Herkunftsroman Das Ende von Eddy beschreibt Édouard Louis, wie die von Mangel geprägten Familienverhältnisse und der trostlos-ruppige Charakter seiner Heimatgegend alles erdrückten, was nicht selbst betonhart war. Wie er mit seiner eigenen Homosexualität haderte, weil er ihretwegen aus der Norm fiel, die hier für die Leute, für ihn galt. Wie sein Vater ebenso mit ihm haderte – nicht allein deswegen, weil sein Sohn sich als schwul entpuppte, sondern zudem als begabt, interessiert, sportlich schwach, gut in der Schule.
Louis erklärt, dass er ohne sein Schwulsein, das ihn von der Norm entfernte, diese Norm gar nicht erst bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt hätte. Und dass es sein Schwulsein und seine Flucht in die Bildung waren, die ihn von seinen Verwandten, besonders seinem Vater entfernten, da diese stets eins mit der Norm waren: Sie hatten die Norm nie bewusst erkannt, geschweige denn sie je in Frage gestellt. Aber den Sohn, Bruder, Cousin stellte man in Frage – und fühlte sich zugleich durch ihn arrogant in Frage gestellt.

Vom Prekariat in die Bildungsschicht aufgestiegen, behält Louis seinen Fokus bei: der einzelne Mensch vs. die Verhältnisse. Nur die Blickrichtung ist hier eine umgekehrte: Während er in Das Ende von Eddy aus eigener Perspektive erzählt, wie die Unterschicht ihm das Leben schwer machte und die Elite ihn aufnahm, berichtet er in Wer hat meinen Vater umgebracht stellvertretend für seinen Vater, wie die Unterschicht diesen prägte und die Oberschicht dessen Leben sabotierte.

Nehmen wir einmal an, Louis und sein Vater, die nebeneinander im Raum stehen und keinen Zugang zueinander finden, funktionieren, über das private Bild hinaus, auch als Gesellschaftsbild. Nehmen wir einmal an, wir sehen hier zugleich eine akademisch geprägte Schicht und eine prekäre Schicht, die sich nicht miteinander verständigen können, und der Raum, den sie teilen ist, sagen wir, Frankreich.

Nur Frankreich?


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HÖHENUNTERSCHIEDE // Von der Ohnmacht der ersten Person (2)

Sie merken, das wird ein ausufernder Text, aber ich habe heute keine Lust, oberflächlich zu bleiben.

Meine Eltern haben nie gesagt: „Spiel nicht mit den Unternehmerkindern!“
Ich weiß nicht, wann und wodurch genau mir bewusst wurde, dass es soziale Trennlinien gibt, die entlang von Einkommensgrenzen verlaufen. Vielleicht waren’s die Schulhofprügel, die ich für meinen mangelnden Style kassierte. Vielleicht war es die Beobachtung, dass am Gymnasium niemand außer mir die Putzfrau grüßte – nicht einmal diejenigen Mitschüler, die mit mir und dem Sohn der Putzfrau in der Grundschule Klassenkameraden gewesen waren. Vielleicht war es auch der Gedanke irgendwann, dass die SPD bloß noch Politik für Betriebsräte mache.

Eine Zeitlang habe ich in einem Kleindiscounter gearbeitet – Kassieren, Ware abpacken, Bürokram. Ein Polo-Shirt-Job. Einem ständig hohem Krankenstand und einer versaubeutelten Personalführung sei Dank, arbeitete ich dort viel zu viel und über weite Strecken mit nur einer weiteren Mitarbeiterin. Kollegin A.: kein Schulabschluss, alleinerziehend mit zwei Kindern, lebenslang wohnhaft im Nachbarort, ohne PKW, Mundwinkelqualmerin. Wir schimpften den Laden kurz und klein, lachten viel, waren uns immer einig – ich arbeitete gern mit A.
Nachdem ich irgendwann gekündigt hatte, las A. nach Kassenabschluss oft aus den nach und nach eingehenden Bewerbungsschreiben vor. „Nä, was ist das denn? Gerade Abitur gemacht. Will hier arbeiten, bis er an die Uni kommt… Hör mal, ich hab keinen Bock auf so’n scheiß Gymmi-Spasti hier!“ Ich pruste gespielt empört: „Hallo! Ich hab auch Abitur, ja?“ – nichts, was A. nicht wüsste. A. tätschelt mütterlich mein Knie: „Halt die Fresse, du zählst nicht.“ „Türlich! Ich war sogar mal an der Uni, Hase!“ A. gackert und winkt ab: „Ja ja, ksssscht!“

„Du zählst nicht“ – an der Uni hatte ich das auch oft gedacht. Meine Geschwister waren entweder weniger hemdsärmelig als ich, oder sie waren einfach weniger dünnhäutig.

Spielplatz. Wir unterhalten uns mit einer fremden Mutter, wie man das auf Spielplätzen so macht, und sind einander ganz sympathisch. Ihr Mann sei Opernsänger, erzählt die Andere irgendwann, sie selbst arbeite am Institut für XY. Über unsere eigenen Berufe erzählen wir derweil nichts; stattdessen kommt unser Gespräch bald wie von selbst auf die AfD, weil die, zu jener Zeit relativ frisch gegründet, gerade zum Thema auf allen Kanälen geworden ist. „Es ist unfassbar“, empört sich die Andere, „dass sich solche ungebildeten Prolls auf einmal zu einer Partei zusammenrotten und ihren Blödsinn so öffentlich verbreiten können! Es ist widerlich! Ich meine, die stehen wirklich für alles, wogegen unsere [ihre Hand fuchtelt einen Kreis, der mich und meinen Mann einschließt] Eltern ’68 auf die Straße gingen!“
„Unsere Eltern“. Woher diese automatische Einordnung?
Was liegt ihr zugrunde? Die blinde Annahme, jenseits des Bildungsbürgertums existiere kein intelligentes Leben?

Meine Eltern stammen aus traditionell kleinbäuerlichen Familien. ’68 waren meine Eltern 20 Jahre alt, arbeiteten seit fünf Jahren (mein Vater als Elektriker, meine Mutter als Bürofräulein), hatten vor einem Jahr geheiratet und das erste Kind bekommen; außerdem bauten sie in Eigenleistung ihr eigenes Wohngeschoss aufs Elternhaus drauf, fernab der Großstadt. Meine Eltern verstanden sich als EINFACHE LEUTE.

Was für Bezeichnungen und Attribute würde man ihnen im heutigen Diskurs wohl zuweisen?

Zurück zum Spielplatz. Ein Kind klatscht hin und heult. Eine Mutter, deren Garderobe, Spielzeugsortiment und Wortwahl ziemlich schlicht anmuten, ruft ihm zu: „Heul nicht – steh auf!“ Der Klassiker.
Unter EINFACHEN LEUTEN selten kritisch hinterfragt, denn: Mit genau dieser Parole hält man sich selbst einigermaßen senkrecht, so im Alltag. Wozu sollte man sein Kind, dem später wohl kaum ein rosigerer Alltag blühen wird, erst an was anderes gewöhnen? Schöne Verarsche wäre das!
HEUL NICHT – STEH AUF leitet sich direkt ab von ICH KOMME ALLEIN KLAR, da besteht eine erstgradige Verwandtschaft. Zur selben Familie gehören auch WAS EINEN NICHT UMBRINGT HÄRTET AB, SELBST IST DER MANN (bzw. DIE FRAU), SO IST DAS und EIN INDIANER KENNT KEINEN SCHMERZ.

Wem genau nützt diese Familie von Leitsätzen? Wer profitiert eigentlich von der psychologischen Arbeit, die diese Sätze leisten?

Mein Vater hat sich sein Leben lang nie beklagt. Auch während seiner Krebsbehandlung hat sich mein Vater nie beklagt; er hat alles getragen WIE EIN MANN. Kein Jammerwort, niemals. ICH KOMME ALLEIN KLAR. HEUL NICHT – STEH AUF.
Ich weiß nicht, ob das gesund für ihn war. Das ist keine rhetorische Anmerkung – ich weiß das wirklich nicht.

Harte, folgsame, duldsame Männer brauchte man seit jeher, um sie in Kriegen verschleudern zu können. Ein überzüchtetes Männlichkeitsideal ist, so seh ich das, eine bange Anpassung ans soldatische Ideal, das bis ins Zivile hinein ausstrahlt. Unverändert.

Wenn mein Vater als Kind hinklatschte und heulte, bekam er eine Klatsche extra, „damit du wenigstens weißt, warum du heulst“ (noch so ein Klassiker).
Kurz nach dem Führerschein fuhr ich meine erste Delle ins Familienauto, stellte die lädierte Karre auf den Hof und heulte Rotz und Wasser. Ich schämte mich, bodenlos. Jedes Auto blieb mindestens ein Hundeleben lang in der Familie; mein Vater hegte und pflegte es mit Liebe und Sorgfalt. Ein Auto war ein Familienmitglied, verdammt. Abgesehen davon kostete ein neuer Kotflügel natürlich Geld. Mein Vater besah sich den Schlamassel. „Ist doch nur Blech, Mädchen!“, tröstete er. „Musst nicht heulen, Mensch.“ Aber ich kriegte mich noch nicht wieder ein, ich war scheißwütend auf mich. Mein Vater versetzte mir also einen ironischen Spaßklaps auf den Hintern: „So, damit du wenigstens weiß, warum du heulst!“ Er lachte, ich lachte; Ende der Geschichte.

Mein Vater kam aus tristen Verhältnissen und bekam seine Klatschen routinemäßig. Mir wurde zu Hause nie irgendwas um die Ohren gehauen; Dresche gab’s bei uns kategorisch nicht.
Heute bemerke ich oftmals an mir, dass ich mich im Umgang mit meinem Kind unbewusster Muster bediene. Handgriffe, die meine Eltern, Großeltern, Urgroßmutter so oft an mir taten, dass sie in meine eigene Motorik übergegangen sind. Reaktionsmuster, die aus erlebter Kindheit abgerufen werden. Natürlich ist man viel mehr als die bloße Blaupause seiner Eltern, und doch ist es viel schwerer als ich früher, ohne Kind gedacht hätte, sich bestimmter Muster bewusst zu werden und sich, nötigenfalls, ihrer zu entledigen.
Sich, wie mein Vater zum Beispiel, seinen Kindern gegenüber entschieden anders, besser zu verhalten, als man es von seinen eigenen Eltern kannte, ist eine echte Entwicklungsleistung.
Für solche Leistungen gibt es im gesellschaftlichen Schrank für Kompetenzen, Qualifikationen und Meriten keine Schublade. Sie zählen nicht. Es sind stille Leistungen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass Prügel in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens sind.
Vieles ist in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens, und viel zu selten wird daran erinnert.

Mein Vater war ein echter Marlboro-Mann. Er trug Jeans, Karohemd, Schnauzer. In der Hosentasche immer einen kleinen Blechkamm, im Mundwinkel immer eine Kippe. Seine Wangen wurden abends schon kratzig, Gesicht und Nacken im Sommer sofort siouxbraun; seine Handwerkerhände blieben ewig rau.
Heutzutage würde er, da bin ich sicher, unbesehen in die Kiste mit den reaktionären Machos sortiert werden, in die er nie gehörte.
Mein Vater brachte uns Töchtern bei, wie man Lampen anschließt, eine Bohrmaschine bedient, sich selbst zu helfen weiß. Wir mussten keine Prinzessinnen sein. Sein Sohn musste selbstverständlich kein Fußballspieler sein, auch wenn mein Vater Fußball liebte. Meiner Mutter gegenüber gab es keine herablassenden Worte, keine Grobheiten, keine zotigen Sprüche, niemals, und das kannte ich schon als Kind aus manch anderer Familie ganz, ganz anders.

Obwohl man uns als „bildungsfernen Haushalt“ klassifiziert hätte, gingen meine Eltern mit uns, wenn es irgendwie ging, in jedes Museum, das sich anbot. Der Fernseher wurde hauptsächlich angeschaltet, wenn die Nachrichten oder Doku-Filme liefen. Wir spielten Dame und Schach. Auf Ausflügen wurde jede Kirche, jede historische Anlage, jedes Hafenschiff, jedes Denkmal begutachtet. Wir gruben Fossilien aus alten Steinbrüchen und stiegen auf hohe Aussichtstürme. Gucken kostet nichts. Leute, die sichtlich nichts dagegen hatten, dass wir sie bei Bauarbeiten beobachteten oder beim akrobatischen Übungen im Park, beim Krebsfang, Holzschnitzen, Stelzenlauf oder was auch immer, wurden ausgiebig interviewt. Fragen kostet nichts.
Neugier kostet nichts.
Meine älteste Schwester machte als erstes Kind aus dem Ort Abitur, studierte Sonderpädagogik. Schwester 2 wurde Grafikdesignerin, mein Bruder Historiker. Ich bin die einzige, die im Studium nach zwei Semestern merkte, dass sie keine Akademikerin ist, aber auch Buchhändlerin ist kein bildungsferner Beruf.
Wir Geschwister haben nicht TROTZ unseres Elternhauses die Kurve gekriegt.

Wir hatten zwar keine wirklichen Rücklagen, aber wir kamen immer ALLEIN KLAR. Was wäre gewesen, wenn mein Vater damals nicht immer hätte arbeiten können, sondern in die Arbeitslosen- und später Sozialhilfe gekommen wäre?
Nachdem mein Vater starb, hatte meine Mutter immerhin noch das fast schon abbezahlte Haus, bekam ein bisschen Rente, ein bisschen Pflegegeld, Kindergeld; irgendwie ging’s. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn die Eltern gegen Monatsende kein Essen mehr kaufen können und man zusammen zur Tafel geht. Ich weiß, dass das nicht schlimm ist, schämen sollte man sich für ganz andere Dinge und nicht dafür – aber wie es sich anfühlt, weiß ich eben nicht. Wie es sich auswirkt, das weiß ich nicht.

Meine Mutter wäre gern Damenschneiderin geworden, wurde aber Bürofräulein, später Hausfrau. Erst betreute sie uns vier Kinder, pflegte ihre Großmutter, im Anschluss dann ihre Mutter und zwischendrin meinen sterbenden Vater; alles zu Hause.
Eine andere Kollegin aus dem Discounter arbeitete in Vollzeit bei uns, außerdem abends und an den Wochenenden an einer Tankstelle, um genug für sich und ihre unfallinvalide Mutter zu verdienen. Sobald die üblichen Zeitverträge ausliefen, suchte sie sich einen neuen Discounter, eine neue Tankstelle.
Was für zeitliche Reserven, was für Energiereserven sollten solche Leute noch locker machen können, um sich weiterzubilden?
Oder gar, um sich gesellschaftlich, politisch zu engagieren?

Oder auch nur, um mal von sich selbst zu erzählen, sich diese Ohnmacht ein bisschen von der Seele zu reden? Widerhall zu erfahren?
Von sich selbst zu sprechen, in der ersten Person, das ist ein Schritt in Richtung Selbstermächtigung.

Was hätte meine Mutter während ihrer Jahre als pflegende Angehörige geschrieben, hätte sie da einen Facebook-Account gehabt?
Nichts natürlich. In den schlimmsten Phasen schaffte sie binnen der wenigen freien Minuten knapp zu essen, duschen, schlafen.
Rein, wirklich rein hypothetisch hätte sie geschrieben: „Brauche neue Tipps zu Dekubitus-Profylaxe – stop – Kann jemand einfache Gymnastikübungen gegen Rückenschmerzen empfehlen – stop“. Fünf Leute hätten geantwortet, wie gut ihre Angehörigen es in diesem oder jenem [unbezahlbaren] Heim hätten; acht hätten geschrieben, die Ausländer seien an allem schuld; zwei hätten von homöopathischen Mittelchen geschwärmt; vierzehn hätten Herzchen geschickt; zwei hätten gefragt: „Und wer denkt an die erschütternden Zustände in der Putenmast? Keiner, oder was?!“; einer hätte kommentiert: „wie dumm bis du denn“; einer hätte erwähnt, dass Gott all seine Kinder liebe; achtundzwanzig hätten meiner Mutter erklärt, dass man Prophylaxe nicht mit f schreibe, sondern mit ph, und dass, auch wenn es danach aussehe, es noch lange keine eingedeutschte Form von…

Obwohl meine Eltern fürchterlich stolz auf uns waren, brachten uns das Abitur in der Stadt, das Studium in der Großstadt auch auseinander, nicht nur räumlich. Das war ein stiller Vorgang.
Ich glaube, ich habe erst in den letzten Jahren, in denen meine Mutter und ich plötzlich zum ersten Mal so richtig Zeit hatten, als Erwachsene miteinander zu sprechen, verstanden, was meine Mutter tatsächlich alles zu erzählen hat. Genauso hat meine Mutter erst jetzt verstanden, dass sie erzählen kann und darf. Wenn ich jetzt an die Jahre zuvor denke, kommt es mir rückblickend fast so vor, als hätten wir einander da gar nicht gekannt.

Pflegen und Kümmern zählen übrigens auch zu diesen stillen Leistungen, für die sich niemand interessiert.

Unsere Straße wird gerade saniert. Da es sich um eine Anliegerstraße handelt, werden die Baukosten auf die Privathaushalte umgelegt. Ein 150 Jahre altes Hofgrundstück wird von der Eigentümerin, einer 80jährigen Bauernwitwe nun verkauft. Der Hof ist unmodern, teils sind die Böden nur gestampft, die Dachstöcke nicht alle isoliert, die Gebäudeteile nicht alle elektrifiziert. Ställe, Scheunen, Jauchegruben. Wer das kaufen wird, wird wohl alles abreißen. Die Baukosten-Umlage berechnet sich anhand der Grundstücksfläche; anhängige Agrarflächen werden zu 85% mitberechnet. 80.000€. Die Witwe klagt nicht selbst; Anwohner-Sammelklagen sind nicht zulässig. Sie beklagt sich auch nicht – in einer kleinen Wohnung habe man es vielleicht auch leichter, nicht? ICH KOMME ALLEIN KLAR.
Ich liebe unsere alte Straße. Als ich zurück aufs Dorf kam, wollte ich unbedingt hierher. Jedes Mal, wenn ich nun an diesem Hof vorbeikomme, den ich schon als Kind schön fand, wird mir schlecht.
Mein Elternhaus ist in der Nebenstraße. Wenn ich daran denke, die Nebenstraße wäre damals saniert worden und meine Mutter hätte 80.000DM bezahlen sollen, natürlich nicht bezahlen können, das Haus verkaufen müssen, nicht verkaufen können (auch so ein altes, verbautes Bauernhaus), wird mir schlecht. 80.000DM – solche Summen gab’s doch nur im Fernsehen! Was hätte sie gemacht? Mit meiner bettlägerigen Oma und zwei Kindern im Haus?
Wenn ich mir bloß ausmale, die Nebenstraße würde nächstes Jahr saniert werden und meine Mutter müsste 40.000€ bezahlen, wird mir so übel, ich weiß gar nicht, wohin mit mir.
Man kann so schnell, so schnell aus allen Sicherheiten fallen.

Menschen wie meine Eltern, und solche Menschen, die prekärer leben, als meine Eltern das taten, spielen im gesellschaftlichen Diskurs zumeist keine gestaltende Rolle. Zumeist schaffen sie und ihre Belange es gar nicht erst in die öffentliche Wahrnehmung. Sie kamen sowieso immer irgendwie ALLEIN KLAR, und den Rest machte die SPD. Das war innerhalb der letzten Jahrzehnte wohl nie viel anders.
Anders ist nun allerdings, dass einst so geläufige, in sich einheitliche Identitätsbilder – Unterschicht, Arbeiterschicht, Bildungsschicht – nicht mehr recht zur Einordnung und Feststellung von Identität taugen. Und mit den geläufigen Identitätsbildern zerfallen auch die geläufigen Kongruenzen zwischen einem bestimmten Identitätsbild und der dafür zuständigen Volkspartei.
Über unserem Haus wehte, unsichtbar, immer eine rote Fahne. Ich wusste immer, welche Art von Politik für Leute wie meine Eltern untragbar, unwählbar war; heute dagegen weiß ich gar nicht zu sagen, was Leute wie meine Eltern überhaupt noch wählen könnten, wählen sollten.

Wiederum sehr genau weiß ich, was mein Vater zu Pegida, AfD etc. gesagt hätte, und die Rechtspopulisten sollten sich hüten, so großspurig zu verkünden, sie sprächen im Namen aller EINFACHEN LEUTE.

Die Rechtspopulisten – und zählen Sie bitte die BILD-Zeitung hinzu – nehmen für sich in Anspruch, Stimme des Volkes zu sein, wen auch immer sie damit meinen. Sicher ist aber: Den EINFACHEN LEUTEN verhelfen sie nicht zu einer Selbstermächtigung.
Rechtspopulisten wollen keine selbstermächtigten, sondern soldatische Menschen. Schritte zu echter Selbstermächtigung ermöglichen sie niemandem; sie nehmen die Identitätsfragen, sozialen Fragen, Alltagsfragen der EINFACHEN LEUTE nicht als solche ernst, sie suchen nicht nach wertigen Antworten.
Sie bieten billige Identitätslösungen. Die faule Masche, aus dem Geburtsort ein pseudoeinheitliches Wir abzuleiten. Eine Fantasie-Gemeinschaft.
Sie bieten billige Steigbügel, um aus der Schwächeposition gefühlt in eine Position der Stärke zu wechseln. Den faulen Mechanismus, noch Schwächere in den Keller zu trampeln, um sich selbst eine Etage höhergestellt zu fühlen. Fantasie-Problemlösungen.
Dieser Inklusionsquatsch an Schulen zum Beispiel? Teure, schulvergiftende Gutmenschen-Romantik! Der Rechtspopulismus identifiziert stets die Schwächsten, schreibt ihnen die Rolle der Problemträger zu und agitiert auf den gesellschaftlichen Ausschluss solcher Problemträger hin. Das ist billig. Der politische Wille, der politische Einsatz, die nötig sind, um aus einem System voller bröckelnder Schulen, dem es überall an Geld, Personal und Technik mangelt, ein grundsätzlich besseres zu machen, nämlich ein gut funktionierendes System für alle Kinder – dieser Wille und Einsatz wären teuer.
Der Rechtspopulismus drückt sich strukturell davor, echte Probleme anzugehen, echte Lösungen zu finden, echte Stärke zu schaffen. Das ist schlicht feige. Der Rechtspopulismus ist – um seine eigenen Sprachbilder anzuwenden – ein feiger Polit-Schmarotzer, der sich von gesellschaftlichen Problemen ernährt.

Warum sagen die EINFACHEN LEUTE selbst unter einer Präsenz der AfD in Bundestag, allen Landesparlamenten und auf Lokalebene, in Tagespresse, Fernsehen und Radio gebetsmühlenartig „Uns hört ja keiner zu“ ? Die Einen genießen es, vorsätzlich die Opferrolle zu spielen. Den Anderen hört wirklich keiner zu, denn auch wenn die AfD ja viel spricht, spricht sie im Dienste einer Ideologie und nicht der Menschen.

Übrigens muss gelegentlich daran erinnert werden, dass eine Vorliebe für rechtspopulistische Positionen in erster Linie eine Frage des Charakters und nicht des Nettoeinkommens ist.
Die Afd bezieht ihr Personal und ihre Wählerschaft auch, und zwar nicht zu knapp, aus akademischen und Unternehmerkreisen.
Dieser in allen Medienformaten so beliebte Schluss Afd = EINFACHE LEUTE ist nicht bloß zu einseitig. Viel fataler ist, dass er – als falscher Signalverstärker – den EINFACHEN LEUTEN geradezu suggeriert, die AfD sei genau ihre Partei.

Édouard Louis wettert in Wer hat meinen Vater umgebracht ebenfalls reichlich agitatorisch daher, steht allerdings links der Mitte. Weit links. Er staubt die rote Fahne ab, holt sie raus zum Marschieren, wendet das Vokabular des Klassenkampfs an: die „Herrschenden“ , die „Unterdrückung“ . Louis will den Rechtspopulisten die Deutungshoheit über das Prekariat entziehen. Er will aber nicht einfach, dass das Prekariat soldatisch marschiert, links der Mitte bitteschön, sondern er will, dass es für sich, in der ersten Person, spricht, redet, schreit. Und er will die Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme an die Eliten, die Politik zurückpassen, will ihnen diese Verantwortung um die Ohren hauen, denn es sind die Schwächsten, die den Mangel an Problemlösungen seit Jahren ausbaden, sozial, finanziell, psychisch und physisch; er will ihnen die Schuld zurückgeben, die seit Jahren auf die Schwächsten geschoben wird.

Ob er hier nicht für persönliche Zwecke seinen Vater instrumentalisiere, wird hier und da kritisch gefragt. Ob diese Zurschaustellung des Vaters ebendieser Selbstermächtigung, die Louis sich für seinen Vater wünsche, nicht vollkommen widerspreche, nicht vielmehr eine gewaltsame Aneignung darstelle – das ist ein Aspekt, der Louis selbst beschäftigt, wie er in diversen Interviews äußert. Aber welche Plattformen würden seinem Vater schon offenstehen? Facebook vielleicht?

Den Schlusssatz seines aktuellen Buchs spricht Louis‘ Vater. Der fragt den Sohn, ob er, wie als Jugendlicher, immer noch so viel auf Demos gehe, politisch interessiert und aktiv sei, worauf Louis antwortet, das sei er „jetzt mehr denn je“ . Der Vater erwidert: „Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.

Wer sollte eine solche Revolution gestalten? Die Rechten, die Linken? Sollen die Gelbwesten ruhig hier ein bisschen Revolution fürs Prekariat machen, die Jugendlichen da ein bisschen Revolution fürs Klima, die Gewerkschaften immer mal ein bisschen Revolution für den öffentlichen Dienst?

Wer profitiert vom Mangel an Geschlossenheit zwischen gesellschaftlichen Lagern und Splittergruppen, von Reibungsverlusten an gesellschaftlicher Energie? Wen füttert all unsere im Stillen gehaltene oder fehlgeleitete Wut?

Eine Revolution für alle müsste damit beginnen, dass wir erkennen, welche gemeinsamen Probleme abseits aller Filterblasen tatsächlich bestehen:
Es mag dem akademisch ausgebildeten Freiberufler, der an selbstausbeuterische Arbeit und unsichere Auftragslagen gewöhnt ist, vielleicht nicht in den Sinn kommen, aber er teilt seine Probleme seltener mit seiner Auftraggeberschaft, deren Milieu er sich zurechnet, als viel häufiger mit einer Zeitarbeiterin mit Hauptschulabschluss, die im Arbeitsalltag genauso wenig Planungs- und Verdienstsicherheit kennt wie er.
Das Unternehmertum beklagt oftmals eine Neidkultur, die uneinsichtig ignoriere, welches Risiko das Unternehmertum, zumal in Zeiten von Turbokapitalismus und Globalisierung, zu tragen habe. Wer sagt, die EINFACHEN LEUTE trügen keine Risiken? Worin sollte sich die Angst davor, ein Unternehmen zu verlieren und danach mit Nichts in den Händen dazustehen, grundsätzlich unterscheiden von der Angst davor, einen existenzsichernden Arbeitsplatz in einem Unternehmen zu verlieren und danach mit nichts in den Händen dazustehen?
Sollte die pegidanahe Kleinjobberin, die einen Teilzeit- und mehrere Nebenjobs jongliert, um über die Runden zu kommen, und die sich deswegen nah am Burnout bewegt, sich zugleich aber keine Auszeiten erlauben kann, nicht einsehen, dass der türkischstämmige Teilzeitarbeiter, der zusätzlich mehrere Nebenjobs unterhält, um über die Runden zu kommen, und der sich deswegen nah am Burnout usw., nicht der Volksfeind ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Peergroup?
Wenn die Alleinerziehende es nicht wegen kaum bezahlbaren Wohnraums, unflexibler Arbeitsmodelle bei gleichzeitiger Minderbezahlung von Frauen, zurechtgeschusterter Betreuungsmodelle und zig anderer Dinge im Alltag so schwer hätte, sondern von wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher Seite her mehr Unterstützung erfahren würde, hätte sie womöglich auch leichter Reserven übrig, um sich um Klimafragen zu kümmern.
Gehen Sie in ein Krankenhaus. Fragen Sie AssistenzärztInnen, PflegerInnen und dazu PatientInnen quer durch alle Einkommenslagen, Bildungsschichten, Parteisympathien, Religionszugehörigkeiten, Altersstufen und, was weiß ich, Schuhgrößen, ob sie die Verhältnisse im deutschen Klinikwesen prima finden!

Auch wenn Gemeinsamkeiten mitunter nur partiell bestehen – sind sie deswegen nicht trotzdem valide? Taugen solche Gemeinsamkeiten nicht vielleicht am ehesten zur validen Grundlage für eine Revolution, von der wir alle profitieren würden – und eben nicht bloß die Populisten hier und das Großkapital da, denen wir alle, egal aus welchem mehr oder minder bodennahen Biotop wir stammen, nun wirklich scheißegal sind?


>>Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht (S.Fischer)


HÖHENUNTERSCHIEDE // Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin

Schickes Buchcover, nicht wahr? Ziemlich clean. Bisschen kühl, das Silber. Deswegen wohl auch das Neon-Orange, das schafft da einen gewissen Ausgleich.

Google weiß, dass mir eine solche Ästhetik liegt. Sobald ich irgendwo online war, pop-upte dieses Cover andauernd in mein Sichtfeld hinein.

Dabei gehe ich Romanen, die – wie Die Hochhausspringerin – zahllose Verweise auf Orwell einheimsen, für gewöhnlich aus dem Weg. Wozu noch der ganze Future-Überwachungsdiktatur-Quatsch, wenn nicht bloß noch der Ästhetik wegen, bloß noch zur Unterhaltung? Ich habe mein Interesse an Dystopien solcher Art verloren. Ich weiß nicht, was sie noch für uns bedeuten sollten, wovor sie uns noch warnen könnten, wo wir doch längst selbst in einer fernen Zukunft angekommen sind, die als „Gegenwart“ zu benennen mir manchmal noch schwerfällt. Ich meine, es ist 2019 und ich begreife noch immer nicht, dass Menschen einen sprechenden Plastikklotz kaufen, um sich mit ihm zu unterhalten und sich nebenbei aushorchen zu lassen.

Ich habe Die Hochhausspringerin schließlich doch gekauft. War’s das Neon-Orange?

Übrigens hätte ich sie besser einfach so kaufen sollen, Die Hochhausspringerin, ohne vorher irgendwelche Artikel darüber zu lesen. So wäre ich nicht im Vorhinein auf den Trichter gekommen, ich hätte keine Lust, „solche“ Romane zu lesen. Es ist nämlich gar kein „solcher“ Roman. Und ich fand ihn sehr gut, so im Nachhinein.

Wenn Die Hochhausspringerin ein Zukunftsroman sein soll, dann einer, der sich überhaupt nicht um die Zukunft schert. Er spielt in einer Zukunft, ja, aber in dieser Zukunft findet man nichts als Gegenwart. Die Hochhausspringerin ist eine Parabel auf die Gegenwart, all ihre Themen sind gegenwärtig, es bedarf lediglich des Kniffs mit der zeitlichen Versetzung in die Zukunft, um das Gegenwärtige so zugespitzt, verschärft darstellen zu können, dass das Groteske daran umso schöner hervortritt.

Julia von Lucadou verschwendet Gott sei Dank nicht mehr Zeit als nötig, um ihre Zukunftswelt auszumalen. Hochstraßen, die sich um Himmelhochhäuser winden, glitzernde Fassaden, oben teuer, unten kein Licht mehr – fertig. Sie vertraut da schlicht auf den Autopiloten unserer Imagination und der ruft, ganz richtig, sofort von selbst alle urvertrauten Bilder zur Megametropole ab. Mehr braucht es auch nicht, denn die Geschichte konzentriert sich ganz und gar auf Personen statt Panorama.

Riva Karnovsky ist professionelle Hochhausspringerin. Ihren Sport könnte man als eine Fortentwicklung des Turmspringens bezeichnen: Man springt von Dächern, vollführt bestimmte Bewegungsfiguren; ein FlySuit verhindert den Aufprall. Die Wettbewerbe sind hart, das Privatleben wird kontrolliert vom Fan- und Medienrummel und Verpflichtungen gegenüber den Sponsoren; ihr Lebenspartner spielt hier und überhaupt nur eine Nebenrolle.
Hitomi Yoshida ist Wirtschaftspsychologin. Sie arbeitet für eine Agentur, die von den Sponsoren Riva Karnovskys den Auftrag erhält, die Hochhausspringerin wieder zurück auf Kurs zu bringen, nachdem die sich aus heiterem Himmel zu einem Ausstieg aus dem Geschäft entschieden hat. Die Hochhausspringerin lässt sich gewissermaßen fallen, ist physisch und psychisch plötzlich ganz unten. Ein Skandal.
Riva ist schließlich die Beste; sie darf auf keinen Fall mit dem Springen aufhören. Hitomi ist ihrerseits die Beste ihres Fachs; sie muss ihren Auftrag, Riva wieder zum Springen zu bringen, auf jeden Fall erfüllen.
Während Riva nichts von Hitomi weiß – sie ahnt nicht einmal, dass es sie gibt -, weiß Hitomi über Riva technisch gesehen alles. Sie verfolgt Rivas Vitalkurven und ihren Kommunikationsaustausch in Echtzeit, beobachtet sie in ihrer Privatwohnung via Kamera, als wäre Riva ein Versuchstier im Käfig. Und doch kennt sie Riva nicht.
Beide haben es in der Stadt zu etwas gebracht, beide wohnen in teuren Appartements im Zentrum, in den höheren Hochhaus-Etagen, dort, wo die Sonne zum Fenster hereinscheint. (Kaum verfügbarer Wohnraum, teure Bestlagen – klingelt da bei Ihnen was?) Sollte Riva bei ihrer Arbeitsverweigerung bleiben, können sowohl Riva als auch Hitomi schrittweise die Privilegien verlieren, die sie sich erarbeitet haben. Ihre Wohnlage zum Beispiel.

Für jede körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Leistung bekommt man Credits, die auf einem Konto gutgeschrieben werden – für jedes körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Fehlverhalten werden Credits vom Konto abgezogen. Die Höhe des privaten Creditkontos bestimmt, auf welchem Höhenlevel man lebt.
Damit ist längst nicht nur gemeint, dass man bei eklatant gesunkenem Creditkontostand in weit niedriger gelegene Wohnungen umgesetzt wird. Wer sich ein bisschen zuviel zuschulden kommen lässt, landet schnell in den Peripherien: Hitze, Staub, jenseits der Stadtmauer – noch mehr Stichworte benötigt unser Autopilot auch hier nicht.

Dass mit Hitomi ausdrücklich eine Wirtschaftspsychologin auf die Zielperson Riva angesetzt wird, um deren Privatleben zu beeinflussen, verwundert keineswegs. Die Frage der Zeit lautet schließlich: Wie wirtschaftlich ist das Private? (Welcher Zeit, frage ich Sie?)
Wie alle Menschen, die sich in der Stadt behaupten können, ist Riva in erster Linie Investitionsobjekt, nicht Persönlichkeit. Die Stadtbevölkerung hat mehrheitlich irgendeine der diversen Akademien absolviert – eine kostspielige Angelegenheit, geknüpft an den Druck, später durch hohe Leistungen und Creditgewinne zu rechtfertigen, dass man den Akademiebesuch auch wert war. Riva ist es ihren Sponsoren, die eine bestimmte Rendite erwarten, schuldig, sowohl ihre Fitness als auch ihre Medien-Performance auf Höchstniveau zu halten. Hitomi fühlt sich derweil vor allem gegenüber ihrem beruflichen Förderer, ihrem Vorgesetzten namens Master, verpflichtet, effiziente Arbeit zu leisten.

So wie Riva von Hitomi beobachtet und ausgewertet wird, beobachtet und bewertet wiederum das Credit-System jeden einzelnen der Stadtmenschen – im Stillen, umfassend, und doch ohne dabei wirklich etwas von Menschen zu verstehen. Ein Beeper schlägt Alarm, wenn man sein obligatorisches Trainigsprogramm für Körper und Geist vernachlässigt, nicht ausreichend schläft oder der Pulsschlag ein zu hohes Anspannungsniveau verrät.
Von außen her wird an die einzelne Person schon genug Perfektionsdruck herangetragen. Zugleich ist dieser Optimierungszwang jedem Menschen in Fleisch und Blut übergegangen; vollkommen selbstverständlich absolviert man seine Mindfulness-Übungen, optimiert seine Performance und kümmert sich an erster Stelle um die Höhen und Tiefen seines Creditstands.

Bei Effizienz und Selbstoptimierung angekommen, befinden wir uns freilich im Kern der Gegenwart. Alle Bereiche, die im Roman herangezogen werden, um das bewertungsorientierte Denken des Systems wie auch des Einzelnen zu illustrieren, funktionieren schon heute nach sehr ähnlichem Muster.
Natürlich denkt man unweigerlich an China und sein monströs anmutendes Sozialkreditsystem, das 2020 seine Testphase abschließen und in Vollbetrieb gehen wird.
Doch allzu weit in die Ferne braucht man gar nicht zu schauen. Man denke an die Bonuspunkte-Programme von Krankenkassen. Die Schufa. Google Rankings. Bewertungsmechanismen und Algorithmen, die den Verkaufserfolg eines Produktes und genauso den Verkupplungserfolg zwischen Singles beeinflussen. Fitnesstracker, die über Facebook posten, wann, wie lange und wie viele Kilometer man heute gejoggt ist. Apps, mithilfe derer man sich von oben bis unten auswerten, sich alles antrainieren oder abgewöhnen kann.

Die Überzeichnung dieser Entwicklungslinien unternimmt von Lucadou ganz ohne futuristischen Schnickschnack, ohne Gedöns. Sie stellt schlicht die Figuren einander gegenüber und zeichnet mit klinischem Blick die Wechselwirkungen zwischen ihnen auf. Hitomi im Büro, auf ihrem Bildschirm Riva. Riva auf dem Sofa, neben ihr der ratlose, panische Aston, ihr Partner. Hitomi im Performance-Gespräch mit Master. Die Schwankungen von Hitomis Pulshöhe – abhängig von Rivas Verhaltensauffälligkeiten. Hitomis Kontrollverlust, der nach und nach auf all ihre Lebensaspekte übergreift, je länger sich Riva – allen manipulierenden Maßnahmen Hitomis zum Trotz – in ihrer unerklärlichen Verweigerungshaltung ergeht. Rivas Sehnsucht nach einem Unten, einem Boden, notfalls den Peripherien. Masters unerträglich zur Schau gestellte Arbeitsbereitschaft, Leistungsfähigkeit, Erfolgsmentalität.

Über allem schwebt hier, neben dem allumfassenden Optimierungsgedanken, sehr greifbar die Unfähigkeit der Einzelperson, echten menschlichen Kontakt zu knüpfen. (Falls Sie bis hierhin gelesen haben – tun Sie das auf Ihrem Smartphone? In der Bahn vielleicht? In der letzten halben Stunde mal aufgeschaut und Menschen in Ihrer näheren Umgebung registriert?)
Sobald Menschen interagieren, performen sie bloß noch, denn jeder Kontakt wird auf die eine oder andere Weise bewertet. (Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor?)
Biologische Eltern zu haben, bedeutet bereits eine Dimension des Zwischenmenschlichen, die alle Seiten emotional überfordert, weshalb der Kontakt zwischen Kindern und Bioeltern zumeist nach wenigen Jahren eingestellt wird. Natürlich gibt es Apps, die eventuelle emotionale Lücken schließen sollen. Es gibt Agenturen, bei denen man „Familienangehörige“ mieten kann. Hitomi führt häufig Gespräche mit einem Bot, der ihre Biomutter kopiert. (Kommen Ihnen dabei auch z.B. diese professionellen Kuschel-Dienstleister in den Sinn?)

In seinen besten Szenen lässt der Roman kein bisschen an Blade Runner denken, sondern zeigt unsägliche menschliche Trostlosigkeit. Während Hitomi, die Erzählerin, ihre Arbeit am Projekt Riva, ihre Gespräche mit Master, ihrem Mutterbot oder ihren Datingpartnern, ihren sonstigen Alltag, auch ihre Familiengeschichte beschreibt, denke ich: So muss sich der Teppich in Strombergs Büro fühlen.
Den Gipfel der hyperoptimierten Trostlosigkeit aber verpackt von Lucadou in einen schimmernden Sportanzug und nennt ihn Hochhausspringen. Wer springt von Hochhausdächern? Mannschaftssport verstehe ich als den zivilen Stellvertreter des Kriegsgefechts. Das Hochhausspringen ist der öffentliche Stellvertreter des privaten Selbstmords – mit zigtausenden von Zuschauern.


>>Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin (Hanser Berlin) €19,-


 

BERG+WERK // Was bitte will Peter Handke damit – das ist MEIN Berg!

„Ihr seid das Salz der Erde“heißt es in der (Obacht:) Bergpredigt.
Damit wird nicht etwa den Gläubigen erklärt, sie würden den Boden schmackhaft machen. Gehen wir davon aus, Erde meint hier die Welt. Und Salz? Steht für Reinheit, denn es konserviert, es verhindert Fäulnis.
Soviel zum Ethos des Salzes.

„Wir holen das Beste für die Erde aus der Erde“, heißt es auf der Homepage der K+S, der weltweit größten Salzproduzentin. Auch das Kalibergwerk Sigmundshall in Bokeloh gehört ihr an.
Salz ist freilich nicht bloß zum Streuen da, sondern in Landwirtschaft, Industrie, Forschung, Medizin als Roh- und Hilfsstoff elementar wichtig.
Kaliumchlorid, wie es hier aus dem Rohsalz gewonnen wird, findet traditionell in Düngemitteln seinen Einsatz. Des Weiteren nutzt es die Industrie als Härtesalz, Schwebemittel und in allerlei sonstigen Verwendungsformen.
In hochdosiertem Zustand verabschiedet sich Kaliumchlorid von seinem guten Händchen für Fruchtbarkeit & Produktivität – es führt zu Herzstillstand. Bei Einschläferungen wird es dem Tier per Spritze verabreicht. Ebenso bildet es die letale Komponente bei Hinrichtungen mittels Giftinjektion.
Soviel zur Salz-Praxis.

Seitwärtsschritt, hinüber in die indische Mythologie: Göttin Kali ist unter anderem Beschützerin und Erlöserin, insbesondere aber grauenerregende Todbringerin. Die Poeten fürchten sie und suchen doch inbrünstig ihre Nähe.
Vielleicht klingt das ja in diesen ein, zwei Sätzen an, mit denen Peter Handke das schmale Bändchen Kali – Eine Vorwintergeschichte eröffnet – ganz beiläufig, wie um eine Unterhaltung fortzuführen:

Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen.

Über sie wird noch zu reden sein. Aber ich sag’s gleich, es ist das Kalibergwerk in dieser Geschichte, worüber ich hier am meisten – viel zu viel! – rede und weswegen ich Kali überhaupt gelesen habe. Es ist mein Kali.

Der Buchumschlag und der Blick aus meiner Haustür zeigen ein- und denselben Haufen Rohsalz, rund 120m hoch, die einzige Erhebung im platten Umland, früher reinweiß, heute, je nach Wetterlage, mitunter sogar pechschwarz, und ich habe erst gar nicht versucht, hier die unbefangene Leserin zu spielen.
Was aber, wenn auf einem Buch außerdem noch Handke draufsteht, eh wurscht ist, denn da ist es mit der Neutralität sowieso vorbei: Entweder man verehrt Handke, und zwar schwelgend – oder man schimpft über ihn, mit Geifer und Genuss.
Mich braucht man allerdings weder unter seinen Schwärmerinnen und Schwärmern zu suchen, noch unter denjenigen Hatern, die das Handke-Bashing mit dermaßener Akribie und so hohem emotionalen Einsatz betreiben, dass sie, bezüglich der Intensität ihrer Beschäftigung mit Handke, ja gar nichts anders machen als die Schwärmenden.
Was das angeht, hat mich Kali nun auch nicht radikalisieren können. Ich empfinde es als ein wenig relevantes Rotwein-Buch, und das mit dem Rotwein und mir — es ist einfach unerquicklich, lassen wir das. Tatsächlich ist es der erste Handke, den ich bis zum Schluss lese. Im Normalfall nehme ich Handke bloß zur Hand, um mir einen notdürftigen Einblick in etwas zu verschaffen, das überwiegend als poetisches Spitzenprodukt gewertet wird, und dann lege ich ihn auch schon wieder weg. Pathos-Allergie.
Kali lese ich über weite Strecken mit Gleichgültigkeit. In manchen Passagen werde ich ärgerlich, insbesondere während der Schlusspredigt. Die Erzählform wiederum, und wie Handke deren Spielräume auslotet, gefällt mir, ja, aber ich bete ganz gewiss nicht das Handke Unser.

Welche Position Kali im Handke-Katalog einnimmt, dazu kann ich wenig sagen, ich kann keine Querbezüge zu seinen anderen Werken herstellen, keine Charakteristika benennen. Die Erlösungssuche, oder die Wanderung – sind das nicht typische Motive? Mir ist, als hätte ich das mal so aufgeschnappt.

In diesem Fall nimmt die Wanderung ihren Anfang in einer namenlosen, trubeligen Großstadt; eine namenlose, gefeierte Sängerin beendet hier just ihre Sommer-Tournee. Den Winter will sie in einem Landstrich verbringen, der als Toter Winkel bezeichnet wird – für sie ist es die Gegend hinter dem Kindheitsfluß, hinter dem Kindheitssee, hinter dem Kindheitshügel.
Mit ihrer Wanderung folgt die Sängerin einer – ja was? Eingebung? Im laufenden Fernsehprogramm hat sie einen Mann gesehen und als den ihr bestimmten erkannt, und so macht sie sich nun entschieden auf den Weg zu ihm.
Und sie wird ihn finden, denn auch das ist ihre Bestimmung: eine Finderin zu sein. Da ist durchaus eine gewisse Portion Soft-Zauber am Werke. Einen verlorenen Ring im Kies, eine Kontaktlinse im Flokati – alles, was nahezu unmöglich wiederzufinden ist, fischt sie mit einem einzigen, zielsicheren Griff wieder hervor, und spricht dabei eine Warnung aus: Was einmal wiedergefunden worden sei, dürfe kein zweites Mal verloren gehen, denn es würde dann auf ewig verloren sein.
Der ihr bestimmte Mann ist, wie sie intuitiv weiß, der leitende Ingenieur des Kalibergwerks im Toten Winkel. Wo ein Abraumberg von schneeweißem Rohsalz monolithisch aus der Ebene aufragt und ein Areal der Reinheit markiert, in einer Welt, die andwerswo keine Gewissheiten mehr bietet, nur noch Verwirrung. Wo sich unter Tage eine weiß-glitzernde Gegenwelt erstreckt, die mit jedem neuen Stollen, den die Vertriebenen dieser Erde, welche hier als Knappen Arbeit fanden, ausheben, weiter wächst und wächst. Wo im Übrigen derzeit ein Kind vermisst wird – wie praktisch also, dass eine esoterisch zertifizierte Finderin gerade auf ihrem Weg dorthin ist.
Und wie tragisch zugleich, trägt doch die Sängerin mit ihrer Ankunft Gefahr ins Kali-Land. Sobald sie und der Salzherr, wie der Ingenieur oftmals genannt wird, zusammenkommen, sind nämlich beide – warten Sie, lassen Sie mich einmal tief Luft holen: des Todes!

„Ja, wenn wir beide, unser beider Körper, einander lieben, müssen wir sterben, Sie mit mir, und ich mit Ihnen. Jetzt ist es gesagt. Und da es gesagt ist, hat es zu geschehen.“

Treffen sich zwei – beide tot. Welch Jammer, welch Tragödie; welch wohlig-todesromantischer Schauer! Wie nimmt jetzt der Ingenieur auf, was die Sängerin da gesagt hat?

Der Gastgeber hat ihr reglos zugehört, und ist dann mit einem Ruck aufgestanden, wobei der Sessel umfällt. Hat er ihn absichtllich umgeworfen? Für einen Augenblick erscheint sein Gesicht wutverzerrt. Und beißt er sich jetzt nicht in die geballte Faust?

(Entschuldigung, genau so steht das da, so was denke ich mir ja nicht aus!)
Nun: Soll es mit den beiden denn wirklich dieses Ende, dieses bittere, nehmen? Gibt es denn wirklich keine Hoffnung auf Erlösung?
Muss womöglich zunächst das verschwundene Kind (das vielleicht ein ganz konkretes ist, vielleicht aber doch auch ein ganz abstraktes?) aufgefunden werden; muss diese eine Rettung jeder weiteren Rettung vorausgehen?
Falls aber wirklich niemand sonst mehr retten kann – könnte da nicht, ausnahmsweise, der Erzähler, sagen wir, ein bisschen mogeln vielleicht?

Der Erzähler, mit dem man es hier zu tun hat, ist nämlich durchaus ein sich beteiligender Erzähler, einer, der immer wieder selbst in den Roman eintritt, suchend und fragend durch die Landschaft streift, den Figuren nacheilt oder wie im Rüttelflug über ihnen stehend sie fixiert. Umgekehrt ist den Romanfiguren stets bewusst, dass sie ziemlich eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und dass es eine mehr als nur abstrakte lenkende Hand über ihnen gibt, und nichts davon scheint sie zu verwundern.
Ich neige die ganze Zeit über dazu, den Erzähler als Erträumer dieser Geschichte zu verstehen.
Zumal innerhalb seines Erzählens eine somnolente Willkür waltet. Der feste Boden konkreter Orts-, Zeit- und Namensangaben wird nie betreten. Alles schwimmt stets im Dehnbaren und Veränderlichen, beispielsweise sehen wir, mitten in der eindeutig vorwinterlichen Szenerie, die Sängerin plötzlich von munteren Libellen umschwirrt und von Sommerschilf umgeben. Im Toten Winkel ist, so liest man, seit Jahren kein Kind geboren worden. Das letzte war das jetzt vermißte, aber das ist nun schon ein Jahrzehnt her – und doch säumen, je länger die Sängerin dort verweilt, mehr und mehr Kinder die Szenen in der Knappensiedlung, als wüchsen diese einfach in die Erzählung hinein wie die Pilze. Die Figuren liefern sich Dialoge, wie sie sonst eher in Wachträumen oder symbolistischen Filmen stattfinden, bleiben, bis auf mickrige Ausnahmen, namenlos und auf ihre Funktionsbeschreibung reduziert (die Sängerin, der Fahrer, die Pastorin, der Maler usf.) und würden sich alles in allem auch gut zu Märchenfiguren eignen, kurz: Sie erinnern an alles mögliche, nur freilich nicht an wirkliche Menschen.
Im Grunde liest sich Kali wie ein Kunstmärchen der Romantik, dessen Autor leider 1942 geboren wurde anstatt 1772. (So was kommt vor, solche Fehler unterlaufen der Welt schon mal.)
Obwohl – ein Romantik-Stück, in dem ein Jeep durch Rohsalzstollen brettert, vorbei an Baggern und anderem montanem Großgerät? Das steckt schließlich alles drin. Und doch tut es dem Eindruck vorindustrieller Verwunschenheit, den Handkes Kali-Land erweckt, seltsamerweise keinen Abbruch. Den vorhandenen technischen Elementen zum Trotz, spricht Kali eine Sprache, die ich genauso aus romantischen Tiefenexpeditionen wie Die Bergwerke zu Falun von E.T.A. Hoffmann und Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen kenne.

Novalis‘ Vater war übrigens von Beruf Salinendirektor.
Aber wie kam Handke wohl auf den Trichter mit dem Salzbergbau?

Katja Flint: Ungefähr fünf Jahre lang waren Flint und Handke miteinander verbandelt. 2007, nicht lange nach der Trennung, erschien Kali.
Da unser Dorf, das Kalidorf, nun mal ein kleines Dorf ist, geht hier niemals auch nur ein Körnchen lokalen Tratsches verloren, und eine der unausrottbaren Ortslegenden besagt, Katja Flint habe früher mal auf dem Tienberg gewohnt. Womit die Werkssiedlung von Sigmundshall gemeint ist, das Dorf im Dorf. La Flint wurde hier geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre wohl tatsächlich auf dem Tienberg, machte dann aber schnell anderswo mit dem Aufwachsen weiter. Vom Kalibergchen im niedersächsischen Niemandsland ging es, noch als Kind, nach Amerika, zu den großen Salzseen. Vater Flint soll Ingenieur gewesen sein, aber allzu genau wusste und weiß man’s nun auch wieder nicht. Und interessant war das eigentlich auch bloß solange, wie Flint und Lauterbach noch täglich die BILD, die Bunte und Sat1 beschäftigten.
(Was ich von diesem Teil-Wissen habe? Hauptsächlich, dass ich mir die Sängerin, wie sie so im Ingenieurshaus oberhalb der Knappensiedlung mit dem Salzherrn gemeinsam nachtmahlt – ach, nicht bloß da, sondern: dass ich mir sie permanent als rothaarige Katja Flint vorstelle.)

Einen Teil seines Vorlasses hat Peter Handke ans Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek gegeben. Darunter auch Materialien, die seine Arbeit an Kali begleiteten.
Irgendjemand von hier muss ihm ein Exemplar des Bildbands zum 100jährigen Jubiläum von Werk Sigmundshall gegeben haben, den Handke sich kopierte, denn der war nur in winziger Auflage, bloß zum regionalen Eigenbedarf gedruckt worden; natürlich hatten auch meine Eltern damals einen gekauft.
Und Handke war zum Knipsen im Nachbarort Steinhude – es gibt Fotos vom Steinhuder Meer, von der Badeinsel, von den Booten, die übers Meer und auch durch Handkes Erzählung segeln, und ein sicherlich vom Wilhelmsstein, der Festungsinsel im Meer, aufgenommenes Bild, das die knallweiß überm Wasserspiegel schwebende Kali-Nordseite zeigt. (Die allerdings längst ganz anders aussieht als Handke sie noch fotografierte: Der rohe Abraum verwittert mit den Jahren zu grauem Steinsalz, außerdem wird der Berg mit dunkler Schlacke überzogen, auf der sich Pflanzenbewuchs ansiedeln soll.)

Das „Meer“ scheint freilich eher ein See, in der Ferne das Gegenufer? Dann der Bootssteg mit einem nun doch zu einer Meerespassage passenden Schiff; Name: DER AUSWANDERER.

Das Steinhuder Meer ist tatsächlich ein Binnengewässer. Mittendurch verlief früher die schwimmende Grenze zwischen Preußen-Hannover und Schaumburg-Lippe. Die besagten Auswandererboote dienen allein der Personenschifffahrt, und sie bekamen diesen Namen, weil sie, indem sie über den See setzten, Landesgrenzen überschritten. (Angepasst ans seichte Heimatgewässer, ist dieser Bootstyp übrigens nirgendwo sonst zu finden.) Die größte Tiefe des Meeres beträgt keine drei Meter, und meine Oma erzählte, wenn man die Untiefen-Linien finde, wo das Wasser nie mehr als knietief sei, könne man von einem Ufer bis zum anderen quer übern See gehen. (Ich war zu feige, das je selbst auszuprobieren, aber ich weiß auch, dass sich diese Feigheit nie so ganz ohne Grund einschaltet – sie meint’s gut mit mir.)

Handke lässt seine Sängerin ebenfalls eine Überfahrt im Auswanderer machen, dem großen Salzrücken entgegen, und nimmt dabei die Bootsbezeichnung wörtlich: Ihre Mitpassagiere sind Migranten aus aller Welt, Hoffnungslose, Versprengte, die von den Auswanderer-Booten zum Toten Winkel gebracht werden, wo sie Zuflucht und Arbeit suchen. Entsprechend mischen sich in der Werkssiedlung alle erdenklichen Religionen und Ethnien und es herrscht ein wildes Gewirr von Schriftarten und Vokabeln.
Der Salzherr erzählt:

Seit jeher war das hier eine Flüchtlingsgegend. Lange, bis nach dem letzten Krieg, und noch in den Jahrzehnten danach, kamen wir Flüchtlinge ausnahmslos aus dem Osten. Und bis Ende des vergangenen Jahrhunderts sind die meisten von uns hier heimisch geworden, fast – haben jedenfalls Arbeit gefunden im Salz, haben sich in der Gegend eingekauft. Aber die Flüchtlinge dieses neuen Jahrtausends werden ganz und gar nicht mehr heimisch. Und sie kommen inzwischen aus sämtlichen Erdgegenden.

Was dieses vergangene Jahrhundert anbetrifft, ist das keine Fiktion: Das Bergwerk zog stets die Verlorenen an.
Zunächst bot es in der extrem strukturschwachen Region den wirklich Unterprivilegierten geregelte und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit. In der traditionell kleinbäuerlichen Gegend waren Tagelöhnerei und das, was man heute Arbeitsmigration nennt, ganz normal. Meine Urgroßväter (väterlicherseits) arbeiteten saisonweise als Reetschneider in Holland oder als Heringsfischer in der Nordsee; ihre Reisewege bewältigten sie – es hieß nicht umsonst Wanderarbeit – zu Fuß. Die Höfe, die notdürftig die Selbstversorgung der Familien sicherten, wurden unterdessen von den Frauen und Kindern allein unterhalten. Noch in der Wirtschaftswunderzeit war es üblich, sich Kühe und Schweine zum Eigenbedarf zu halten.
Mein Bokeloher Urgroßvater (mütterlicherseits) schuftete als dreizehnjährige Vollwaise in einer Weberei, bevor er auf Sigmundshall Arbeit fand. Für viele, die wie er dort ihren Hauerschein machten, war dieses Papier das erste Zeugnis, das sie je erhielten.
Zwar wurde der Förderbetrieb in Bokeloh Ende der 1920er pausiert, um nicht durch Überförderung die Rohstoffpreise ungewollt abzusenken, doch blieb mein Urgroßvater als Teil einer kleinen Wach- und Instandhaltungsmannschaft am Berg. Im Krieg wurden in Sigmundshall, anders als in den südlicher gelegenen Werken der Kali-Gesellschaft, keine Zwangsarbeiter eingesetzt, sondern die Stollen als Lagerstätte für die zentrale Lebensmittelnotversorgung genutzt. Ein Ali-Baba-Schatz aus Getreide, Margarine und Rübenzucker. Aber ob das wohl wirklich alles war, was da lagerte?
Mein Urgroßvater und sein Schäferhund liefen vor den Stollenzugängen Streife. Solche Schäferhunde wie diesen – einen Berger Blanc Suisse – hatten wir immer wieder in der Familie. Ihr Fell ist dick wie gehechelter Flachs und mattweiß wie Rohsalz.
Natürlich krempelte der Weltkrieg, der Zweite, auch in den abseitig-ländlichen Gebieten sämtliche Innereien um, schäumte Tollwut auf, schlug die Ordnung der Dinge zu Klump.
Der in erster Linie jüdisch besetzte Landhandel in seiner uralten, bewährten Form wurde ausgelöscht. Wem die obligatorischen Kriegerdenkmäler in Dörfern nicht fremd sind, weiß, dass jeder darauf verzeichnete Name, über einen persönlichen Verlust hinaus, eine stillstehende Viehzucht, einen un- oder mangelbewirtschafteten Hof, einen ungeführten Handwerksbetrieb bedeutete. Neue, dringend benötigte und doch von den Einheimischen oftmals nur zähneknirschend begrüßte Arbeitskräfte kamen in den Ort: Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose. Darunter mein Großvater aus Posen, der zupackend und zäh genug war, um praktisch jeden Job zu machen.
Aber es gefiel den Leuten nicht, dass Fremde sich hier niederließen. Dass Fremde anrührten und weiterführten, was verstorbenen Vertrauten gehört hatte. Dass fremde Gesichter die vermissten ersetzten. Zudem sprach man hier Calenberger Platt und konnte sich mit den ungeliebten Eindringlingen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und sonstwo nicht mal verständlich streiten! Allein, es nutzte alles nichts – man brauchte sie. Murrend schraubte man die Garstigkeiten etwas zurück. Man stürzte sich probeweise gemeinsam ins Vorankommen. Man staunte, wie gut das ging, und heiratete, siehe da, alsbald fleißig untereinander.
Nach Wiederaufnahme des Förderbetriebs wurden Hammer und Schlegel durch Schlagbohrmaschinen ersetzt, modernes Fuhrgerät angeschafft, und die werkseigene Rohstoffverarbeitung reifte immer weiter aus. Die Fördermenge erhöhte sich radikal.
Urgroß- und Großvater arbeiteten lange gemeinsam im Werk und verstanden sich prächtig. Später war auch mein Vater einer von denen, die auf Sigmundshall anfingen, weil sie nicht wussten, wohin sonst, aber er blieb nur für ein paar Jahre; unter Tage hielt er’s nicht aus.
Einen weiteren schlagartigen Bevölkerungszuwachs, wenn auch keinen vergleichbar großen, erlebte der Ort erst wieder im Zuge des Mauerfalls, und auch hier wieder bloß wegen des Berges.
Die vormals staatlich geführten ostdeutschen Kali- und Salzunternehmen gingen in Treuhand-Verwaltung über und später schließlich in der K+S auf. Während im Osten zusammengestrichen und verscherbelt wurde, zogen scharenweise Bergmänner samt Familien aus dem Südharz-Kalirevier weg, und sie gingen auch und gerade in den Norddeutschen Kali-Bezirk.
Etwa in der dritten Grundschulklasse kamen mein Dorfkinderjahrgang und ich mit etwas in Berührung, was wir mehrheitlich so gar nicht kannten: mit Kindern von anderswo, Kindern, die einen Dialekt sprachen, den wir nicht einordnen konnten und mitunter auch nur schwer verstanden, Kindern, die gerade einen weiten Umzug hingelegt hatten und uns damit ein Gefühl dafür einimpften, dass es außer Bremen und Hamburg, wo vielleicht ein paar Tanten wohnten, und Mallorca und Holland, wo man Urlaub machte, auch noch andere Orte gab, von denen wir gar nichts wussten. Wir waren ziemlich unschlüssig, ob wir sie verprügeln sollten, weil sie „Glasse trey“ anstatt „Klasse drei“ sagten, oder ob wir uns nicht vielmehr um ihre Freundschaft prügeln sollten, weil sie aus ihrer ehemaligen DDR so viele coole Dinge zu zeigen und zu erzählen hatten: Sie kannten sich mit gigantischen LPG-Landmaschinen aus, während manche Bauern hier immer noch mit dem kleinen roten Traktor vom Großvater durch den Ort pöttelten, oder sie hatten schon als Dreijährige mit professionellem Kunstturnen angefangen und machten mühelos serielle Flickflacks. Jedenfalls: Sie beschäftigten uns ungemein – aber leicht hatten sie’s mit uns nicht.

Handke spinnt diesen Faden in seinem Kali-Land weiter: Hier bildet die Arbeiterschaft ein noch internationaleres, heterogeneres Vielvölkergemisch, das über Tage, bei Licht besehen, seine Mängel nicht verbergen kann. Doch sind unter Tage sämtliche Querelen und Sprachbarrieren wie von Zauberhand aufgehoben, und es wird klar, dass Handke den in schwindelnde Tiefen wachsenden Bau – siehe Sigmundshall, das inzwischen eine, wie man sagt, Teufe von 1400m erreicht hat – als einen gespiegelten, einen geglückten Turmbau zu Babel skizziert.
Womöglich kann man in dieser Konstruktion sogar einen Fingerzeig auf die Geburt der EU aus dem Geiste der Montanunion erkennen. Wem das nicht poetisch genug ist, der kann sich aber auch den seiger (senkrecht) in die Tiefe verlaufenden Salzstock als eine unterirdische Variante des Elfenbeinturms vorstellen, in dem die Knappen, jeder für sich wie auch alle gemeinsam, einer Ästhetik des Tätigseins frönen; ein abgeschiedener Ort der Reinheit, der ergiebigen Arbeit, durchzogen von Stollengängen, die an sakrale Gewölbe erinnern und die man sich meinetwegen von diesen klassischen Salz-Lampen aus rötlichem Sylvinit beleuchtet denken kann, wenn’s gefällt.

Dass es nicht weit von Sigmundshall einen Fliegerhorst gibt, ist Handke wohl auch nicht entgangen. Früher kreiste die Transall auf Übungsflügen über den hiesigen Dächern, heute der A400M – in Kali tragen Kampfflugzeuge vom Militärflugplatz in der Nähe durch jähes, gleich wieder abflauendes Vorbeidröhnen zum Szenario einer latenten Bedrohung bei, die den Kali-Ort stets belauert. Handke lässt den Begriff Dritter Weltkrieg fallen, meint damit offenbar aber keinen heißen Krieg, sondern einen voranschreitenden Untergang, einen Zerfall der gewohnten Konstellationen und Fundamente.
Es ist die übliche Wehklage vom mangelnden Miteinander in der Welt, vom Mangel auch an Freude, Spiel und Unverfälschtheit, wie wir sie bei Bedarf täglich aus unserem medialen Input herauslesen können, die auch in Kali als ideeller Faden zu finden ist.
Dort kommt sie im letzten Drittel so richtig in Schwung. Der Ton plustert sich zu anklagendem Zetern auf, das sich gegen die Verwirrten und das Gesindel usf. richtet, um von dort aus direkt zum salbungsvollen Visionieren zu werden, wenn Handke seinen Erlösungskitsch entfaltet, den er dem Untergangsdrall entgegenstellt. Und wie er da nun völlig überreizt zwischen Suada und Hymnus hin- und herhechtet, das gibt mir einfach den Rest.
Zusätzlich greift Handke tief in die Kostümkiste, lässt die Arbeiter bzw. Flüchtlinge ein Fest feiern, das selbst für einen UFA-Heimatfilm zu süßlich gewesen wäre, und lässt sein Wort zum Sonntag, seine finale Predigt, direkt von einer, ja, Pastorin in einer altehrwürdigen Kirche besorgen.
Wie gut, dass das Ende der Geschichte nun aber auch erreicht ist.

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Jene Kirche im Feld, sicher die Sigwardskirche in Idensen (wieder ein Nachbarort), muss Handke ebenfalls besucht haben, denn es stimmt, dass sie keine Kanzel hat, dass man sich den Schlüssel, wenn die Kirche außerhalb der Sommerzeit geschlossen steht, im Pfarrhaus holen kann, um die Fresken zu besichtigen, dass in der Vorwinterzeit, in der Kali ja angesiedelt ist, der Blick zum Berg hin über brache Agrarflächen ohne Vieh geht, dass die Kirche umringt ist von schiefen, moosigen Grabsteinen, wie eine Landkirche in England.
Es ist schon eine besondere Kirche, eine Kleinkirche von großem historischem Wert, denn neben ihrer eigentümlichen Architektur sind ihre originalen Wandbemalungen aus der Romanik erhalten geblieben; außerdem schlägt im Sigwardsturm die älteste Glocke Niedersachsens.
Ein religiöser Mensch bin ich nicht, nur: Ich mag es sehr, in alten Kirchen zu sitzen. Die Sigwardskirche habe ich besonders gern, weil sie so klein und so ursprünglich ist. Und weil ich dort immer unterschlüpfen konnte: Wenn ich zu Fuß durch die Gegend stromerte und in den Regen kam, oder wenn ich blindwütig davonradelte, um meine Ruhe zu haben, fand ich die Kirche zumeist leer und blieb einfach eine Weile da, unter den Fresken sitzend, die den Augen wegen der niedrigen Raumhöhe so nah sind, dass ich mir vorkam, als wäre ich soeben nicht einfach in die Kirche hineingetrampelt und auf eine Bank geplumpst, sondern vielmehr behutsam, wie ein kostbares Andenken oder ähnliches, in eine bemalte Schachtel gebettet worden.
Die Kaninchenbau-Sicherheit, der kühl-mehlige Steingeruch, das Storchengeklapper vom gewaltigen Nest auf dem Turm…
Die Gewölbemalereien bilden unter anderem den Turmbau zu Babel ab, und da sind wir wieder bei Handke und seinem Babel-Motiv.
Außerdem beschäftigt mich im Zusammenhang mit Kali, dass meine Urgroßmutter die Kirche noch hartnäckig „de Witte Kaark“, die Weiße Kirche nannte, denn das war die Sigwardskirche zuvor wirklich: so weiß wie der Salzberg. Damit die Fresken die Kirchgängler nicht vom Beten ablenkten, waren die üppigen Malereien von den Bilderstürmern mit weißem Kalk übertüncht worden, was zufällig die Bilder über die Jahrhunderte hinweg hervorragend konservierte. Erst in den 1930ern wurde begonnen, die Malereien wieder freizulegen und zu restaurieren. Genauso wie es auf den Faltblättern zur Kirchengeschichte steht, erzählt das auch Handkes Pastorin.

Die frustierte Pastorin ist für mich der Prüfstein, an dem sich entscheidet, dass ich in Handkes Kali-Welt nichts verloren habe. Eine Ortsgeistliche, die ihre Schäflein verachtet, die ihre Kirchenräume als von ihnen beschmutzt empfindet, die während des Gottesdienstes zur Gemeinde spricht:

Nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch. […] Schämt euch, zu leben. Aber nein, ihr schämt euch nicht, könnt euch nicht mehr schämen. Es ist die Zeit der Schamlosigkeit, des Sichnichtmehrschämenkönnens.

usf.

Wer sich eigentlich schämen sollte, das sind natürlich immer diejenigen, die aller Welt Schamlosigkeit vorwerfen und unterdessen höchstselbst – ohne sich zu schämen – solche Sätze klopfen wie: Vernichtet gehört ihr.
Wenn sich auch der Zorn der Pastorin später legt und sogar ins große Lobpreisen umkippt, so spricht doch überwiegend ein herrschsüchtiges, menschenfeindliches, durchaus narzisstisch gekränktes Wesen aus ihr. Und nicht nur aus ihr allein, sondern dieses Unwesen durchzieht die Geschichte kreuz und quer; da habe ich die Untiefen-Linien gefunden, auf denen es sich von einem Ufer der Erzählung bis zum andern spazieren lässt. Die Pastorin übersetzt lediglich jenen diffus herumnebelnden und doch bestimmenden Geist – und der Heilige ist das nicht – in geschwollen formulierten Hate Speech.
Und eigentlich wundert mich nun gar nicht mehr, welch üppiges Schreibpensum Handke doch hat, denn für jemanden, der sein literarisches Personal sowohl solche Hassreden (wie die Pastorin), als auch solche gezierten Tänzchen (wie die Sängerin mit ihrem Salzherrn oder die Flüchtlinge zum Fest) aufführen lässt, müssen diese profanen Realmenschen, die sich ja leider immens von den eigenen, streng an den Strippen geführten Figuren unterscheiden, die reinste Zumutung sein, also bitte, also dann lieber in Abgeschiedenheit leben und gedanklich die eigenen Romanwelten bewohnen, wo man spricht: „Mein Wille geschehe!“, und siehe da, er geschieht!

2018 stellt Sigmundshall übrigens, nach 120 Jahren, seinen Förderbetrieb endgültig ein. Der vertikale Abbau verschlingt inzwischen mehr an Aufwendungen als er an Ertrag wieder einfährt. Wie seltsam, wenn die täglichen Abbausprengungen ausbleiben – abends, pünktlich um 20.50 Uhr, donnerte es unterirdisch, dass die feinen Gläser im Küchenschrank singend erzitterten, schon damals, schon immer.
Viele Bergmänner ziehen mit ihren Familien von hier weg, wechseln das Bundesland, haben Anschlussbeschäftigung in noch aktiven Kaliwerken gefunden. Der Tienberg verändert sich, Grundschulklassen werden kleiner. Mancher ist auch kurzentschlossen – als Auswanderer – zum jüngsten K+S-Projekt gewechselt, zu der auf gigantischen Ertrag ausgerichteten Werksanlage Bethune, die letztes Jahr die Förderung aufgenommen hat, weit abgelegen in der kanadischen Wildnis.
Die Abraumhalde von Sigmundshall, der Salzberg wird seit Jahren kontinuierlich begrünt. Das ist mühsam, aber dieser Oberflächenschutz ist notwendig, da die vom Regenwasser ausgewaschene Lauge trotz der Drainagen die umliegenden Gewässer schädigt. Aus dem einst weißen Berg wird zusehends ein buntscheckiges Gebilde. Die Südseite ist teils frisch mit vulkanisch anmutender, mattschwarzer Schlacke überzogen, teils ist sie schon von Kraut und zähem Gesträuch bewachsen; es heißt, dass bereits die Rehe gelegentlich auf dem Berg herumkraxeln. Vielleicht entsteht, oberhalb des einstigen Meeres, das heute in Form einer fossilen Salzschicht vertikal im Berg steckt, als Erfolg der Begrünung mit der Zeit ja ein vertikaler Wald?
Typisch reinweiß strahlt inzwischen nur noch die zuletzt aufgeschüttete Nordhalde, aber auch das nicht mehr lang, nicht mehr ewig jedenfalls, und irgendwann ist es dann ganz und gar aus mit dem Leuchten hier.

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>>Peter Handke, Kali – Ein Vorwintergeschichte (Suhrkamp) €7,-


Alle Fotos: Grebe


Zitate aus dem Roman sind hier durch Kursivschrift gekennzeichnet.

BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

19 Jahre. Himmel, was ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen im Griff – das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich – beispielsweise wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird – bremst mich eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 so kennengelernt habe und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

DIE BESESSENEN // Was eine Kassiererin laut dachte, während sie „Hohlkörper“ von Robert Mattheis zu Ende las

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Ich erzähle Ihnen jetzt mal was über mich, weil Sie mich ja noch gar nicht kennen. Was berufsbezogenes: Ich bin Supermarktkassiererin. Genauer: Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter. Kein Traumjob, denken Sie vielleicht, aber irgendwie bin ich inzwischen auf den Geschmack gekommen und verbringe meine Zeit überraschend gern in diesem Laden und mit diesen Kolleginnen – Sie würden staunen, was man da mitunter erlebt. Sie würden überhaupt über so einiges staunen, wenn Sie Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter wären.

Meine Pendelzeit, meine dreißigminütigen Pausen und meine Abende verbringe ich lesend. Gerade lasse ich mich auf einen quietschbunt gemusterten Sitz im ÖPNV fallen, meine gut eingefledderte Lektüre schon in der Hand – Robert Mattheis, Hohlkörper. Die letzten Seiten heute.

„Danny Schwarz?“ „Das war sein Name, ja. Von dem Praktikanten, meine ich.“ „Komischer Name“, sagte Bruder, „Danny Schwarz!“ „Er wollte nur noch irgendeinen Satz korrigieren, den Bob orthografisch vermurkst hatte, oder ein Wort, ich weiß nicht, ist ja auch egal. Jedenfalls, Bob rutscht aus, knickt irgendwie um, weiß der Henker. Und als er fällt, löst sich die Salve. Er hat fatalerweise den Finger am Abzug gehabt, und er feuert […]“

„Hey“, redet es mitten in den Satz hinein. Ich schaue vom Buch auf. Mir gegenüber hat ein bekanntes Gesicht Platz genommen. „Oh, hallo! Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“ „Allerdings! Wie geht’s?“ Was soll man da sagen? „Tja. Und selbst?“ „Gute Frage. Ach, guck an: Du liest immer noch wie blöde, was?“ Das letzte Mal haben wir uns kurz nach dem Abi gesehen und danach irgendwie aus den Augen verloren. Wie das eben so ist, in den meisten Fällen. Nein, überlege ich, wir müssten uns später doch nochmal begegnet sein, oder sogar öfters? Vielleicht haben wir da nur unbewusst einen gewissen Bogen umeinander gemacht? Sie plappert weiter: „Machst du denn auch was mit Büchern jetzt? Warte mal, du hattest dich doch an der Uni eingeschrieben damals, und du wolltest -“ „Ja ja“, lache ich etwas gequält, „aber dann bin ich Buchhändlerin geworden, weißt du? Im Moment bin ich allerdings Buchhändlerin außer Dienst. Tja. Siehst gut aus, übrigens. Deine kurzen Haare – hast dich nicht viel verändert.“ Sie schielt mich neugierig an. „Stimmt, äußerlich jedenfalls nicht. Aber lass mal die Ablenkerei: Was machste denn jetzt so?“ Was soll ich da sagen? „Okay. Also, ich mache so dies und das. Hab mal Bilder verkauft. Jetzt verkaufe ich eben Kaffeefilter, Blumenerde, Shampoo, Zahnstocher, so was, und zwitschere nebenher ein bisschen im Büro herum. Und du so?“ „Ich? Na ja. Was soll ich da sagen? Ich wurde halt aussortiert. Aber ich bin zäh. Mag sein, dass man eine Zeit lang einen gewissen Bogen um mich macht, aber irgendwann kommt meine Gelegenheit, und dann springe ich eben wieder drauf auf den Zug.“

Schweigen bricht ein und dehnt sich unangenehm, während der ÖPNV nach einem kurzen Haltestopp weiterrattert wie der Lauf der Dinge. „Was liest du da?“, fragt sie plötzlich. „Oh! Spezielles Buch, weißt du?“ „Worum geht’s?“ Tja, denke ich, was soll man da sagen?

„Es geht, könnte man sagen, und irgendwo muss man schließlich anfangen – also, es geht um Bob und Georg, die als Texter-Duo unter dem Pseudonym Utz Feller im Auftrag eines erfolgsverblödeten Verlagsriesen einen neuen Fließbandbestseller schreiben sollen. Mit ihren Arbeiten am geplanten Publikums-Hit, einem Thriller, folgen die beiden Frischlinge im Hause Cyclops Media allerdings einer etwas anderen als der üblichen Karrieredynamik: Besonders Bob hat es sich in den Kopf gesetzt, dem milliardenschweren Unterhaltungsmoloch ein Kuckucksei – einen reellen Kunstroman – unterzujubeln. Während ein Cyclops-Media-Gremium die Fortschritte des Manuskripts skeptisch beäugt, schlagen Bob und Georg immer neue erzählerische Haken, um die Entscheider und insbesondere Mastermind Bert „Big“ Bruder, der die beiden schließlich als seine neuen Goldjungs verpflichtet hat, möglichst endlos bei Laune zu halten. Und so erfüllt sich der Arbeitstitel des Romans – Sprengkörper – leider nie in bombigen Verkaufszahlen, sondern in einer erzählerischen Explosion nach dem Muster Urknall, Schöpfung, niemals endende Expansion.

Entsprechend viel durchzumachen hat daher die Hauptfigur des Romans, Danny Schwarz. Ein Name, von dem die Autoren auf Anraten des Gremiums hin unbedingt Abstand nehmen sollten, was Bob jedoch kategorisch verweigert. Weil er total besessen ist von seiner Beschäftigung mit diesem gewissen Danny Schwarz, der sich als Dark Matter quer durch sein literarisches Schaffen wie durch sein Privatleben zieht.

Übrigens lernen wir Bob erst einmal als Texter in einer regionalen Marketingklitsche namens Grafl+Partner kennen. Und Georg zunächst als Nachwuchslektor: Er arbeitet am anderen Ende der textlichen Niveauskala, könnte man meinen, wo er sich nicht mit Werbegefasel herumschlagen muss, dafür aber mit faselnder Hochliteratur und ihren Autoren, die Georg im Hause Berlin Books betreut. Da hat auch Danny Schwarz, wie in so vielen Agenturen und Büros, mal als Praktikant angeheuert. Aber da fing die gemeinsame Geschichte von Bob, Georg und Danny nicht an.

Jeder für sich und doch alle zusammen, durchlaufen sie allerlei berufliche, gesellschaftliche Stationen innerhalb des Medienzirkus. Ihre Reise im Maschinenraum der Textbranche führt sie ganz nah heran an die niedersten Triebfedern des Menschlichen, an Frust und Lust, die eingebettet sind in Egomanie, an Erfolg und Wahn, und ist somit natürlich der reinste Höllentrip. Und um das hier, könnte man sagen, geht’s in diesem Roman wirklich: Es geht um den Markt, und um das Feuerwerk der Neurosen, Eitelkeiten und Grausamkeiten, das er hervorbringt; um Verleger, Autoren, Journalisten, Marketing-Gurus, Unternehmer, kleine Werber, große Künstler, Trittbrettfahrer und Emporkömmlinge, Irre und Pragmatiker, Medienriesen und Bürozwerge, die vollkommen hirnlos besessen sind von ihrem eigenen Marktwert. Da wird betrogen, gequält, geheuchelt, niedergemacht, die eigene Haut zu Markte getragen, der Verstand abgeschafft, die Seele vernichtet und sogar versehentlich gemordet – alles befeuert von dieser Besessenheit.

Glücklicherweise liest sich das ganze aber weniger wie die bitterernste Anklageschrift, als die es durchaus zu verstehen ist, sondern schon eher wie ein lustiger Clever & Smart Comic. Die Szenen leben von ihrer Bildhaftigkeit, und erzählt wird vorrangig – wir sind hier schließlich in der Medienwelt, und da geht’s um Kommunikation – in Dialogen. Selten leise, oft derb, ist der Roman mitunter schreiend komisch. Innen drin steckt freilich ein Skelett aus beinhartem Ernst, aber seine Motorik ist unverkrampft, seine Bocksprünge und Purzelbäume sind, bei aller Verschwurbelung, ungemein unterhaltend. Komik und Ernst schließen einander ja auch gar nicht aus – im Gegenteil ist gerade Humor ein sehr viel besserer Botschafter für Ernstgemeintes als es Gravität je sein könnte. Aber das sagte ich letztens ja schon, nicht?“

„Wieso jetzt letztens? Also zu mir jedenfalls nicht – wir haben uns ewig nicht gesehen.“ „Doch – gestern!“ „Gestern? Nein, da war ich siebenundzwanzig!“ „Ach, entschuldige – ich fühle mich manchmal selbst schon ganz non-linear. Wo war ich stehengeblieben?

Der Job bei Grafl+Partner, den Bob eingangs ausübt, der fällt in eine Zeit, die an das Ende des Romans anschließt. Aber der Roman ist nicht etwa rückblickend erzählt. Sondern vieldimensional. Einen irgendwie linearen Weg vom Anfang zum Ende sucht man vergebens, wirklich, der reinste Ebenensalat ist das: diverse zeitliche Ebenen, fiktive Ebenen, extra fiktive Ebenen, Roman-im-Roman-Ebenen; alles einmal kräftig durchgemischt. Knapp gefasste Episoden, mitunter isoliert wirkende Miniaturen, wechseln einander hektisch ab – ohne dabei gehetzt zu wirken, denn der ungestelzte, plauderhafte Ton wirkt entspannend dagegen an. Tatsächlich folgt man darum sehr gelassen noch der absurdesten Erzählwendung: ob vom Kaffeeschlürfen im Großraumbüro zum unfreiwilligen Fallschirmsprung aus dem Flieger, oder von einer narrativen Identität Bobs zur nächsten. Oft werden verschiedene mögliche Erscheinungsformen der Figuren und der Story in den Raum gestellt, wo sie niemand abholt – mitunter knüpfen sie dann auf irgendeiner Meta-Ebene woanders an. Der Erzählmodus der Hohlkörper spiegelt mithin das temporeiche Hakenschlagen der Sprengkörper: Eine schillernde narrative Blase folgt der nächsten; manche zerplatzen jäh, andere verbinden sich zu umhertrudelnden Clustern. Letztlich scheint das ganze eine literarische Demonstration dieses medientypischen Mechanismus zu sein: so viele unterschiedliche Versionen, Gesichter von Wahrheit zu produzieren, dass am Ende die Wahrheit unter diesen tatsächlichen Masken verschwindet – zu einem Phantom wird, das so dauerpräsent und doch so ungreifbar für uns ist, wie dieser Danny Schwarz für Bob. Die Geschichte führt nicht auf einen eindeutigen Abschluss hin, sondern immer wieder auf sich selbst zurück; der Autor könnte wahrscheinlich jahrelang an ihr weiterschreiben. Stellt sich also durchaus die Frage, ob das eigentlich überhaupt ein Roman ist – also Hohlkörper jetzt – oder eher ein, weiß nicht, fraktales Textgebilde vielleicht.“

„Wild gewordene Struktur, viel verquere Energie. Das klingt nach Punk – nee, das wäre wieder zu linear. Doch eher Jazz?“, fragt mein Gegenüber. „Viel besser, Liebes: Das ist Captain Beefheart in der Muppet Show!“ Schweigen; Beefheart ist ihr bisher wohl nicht über den Weg gelaufen. „Das Tolle daran ist“, versuche ich mich in ein etwas aussagekräftigeres Fazit zu retten, „dass sich hier ein, na, Buch über eine von Ware dermaßen besessene Welt weigert, selbst bloße Ware zu sein. Ein Buch über Produktions- und Konsumbesessenheit – in dem wiederum ein solcher narrativer Wildwuchs produziert wird, dass es sich dadurch dem schlichten Konsumiertwerden entzieht.“ „Ich dachte, diese Konsumwelt wäre nie so dein Thema gewesen?“ „Aber hallo! Ich arbeite jetzt schließlich direkt im Herzen dieser Konsumwelt! Nur sitze ich dabei eben am unteren Ende der Gehaltsskala.“ „Das Leben ist eine Wundertüte, was?“ „Und was für eine!“ „Aber dieses Skurrile, Komische, in sich Verschachtelte – hattest du’s nicht immer eher mit archaischer Strenge? Cormac MacCarthy, Aischylos und so?“ „Quatsch. Ja, auch, aber: Ich habe schließlich genauso einen Narren gefressen an Julio Cortázar, an Dietmar Dath, an, herrje, David Foster Wallace. An Modest Mouse! Weißt du, und je älter ich werde, desto eindeutiger erscheint mir, dass jegliche Kunst diesem völlig skurrilen, komischen, in sich verschachtelten Leben nur gerecht werden kann, indem sie ihm in der Form und im Inhalt entgegenkommt, anstatt sich majestätisch darüber zu erheben.“ „Glaubst du, dass dieser Autor hier seinem eigenen Leben gerecht werden wollte?“ „Ich glaube zumindest, dass eine Menge persönlicher Erfahrung mit seiner Materie aus diesem Roman spricht.“ „Okay. Ein schreibender Werber?“

Wissen Sie, bei aller Fiktion halte ich das ganze tatsächlich für die reine Wahrheit, die sich unter einem Berg von Masken versteckt. Und dass dieser Autor sich selbst im Roman versteckt hält, das ist genauso wahr, wie es eben wahr ist, dass ich eine wie besessen lesende Teilzeitkassiererin in einem Kleindiscounter bin.

„Weiß man’s?“

Meine Begleiterin schaut mich aus lauernden Äuglein an. „Ich denke, dass da wohl einer wahnsinnig besessen ist von seinem Leben als schreibender Werber – so besessen, um obendrein noch einen Werbe-Roman drüber zu schreiben. Ach, weißt du übrigens: Besessenheit und Verrücktheit sind ziemlich verschwistert.“ „Nein, nein, anders: Ich denke, dass da einfach ein Werber wahnsinnig besessen ist vom Schreiben! Obwohl, vielleicht tue ich ihm da unrecht – vielleicht ist er in Wirklichkeit ja auch Journalist oder Theaterdramaturg oder Gott weiß was.“ „Ach Gott, es können doch durchaus mehrere Wirklichkeiten als gleichwahr nebeneinander bestehen, nicht wahr? Ich meine, du sitzt schließlich hier, im öffentlichen Raum wohlgemerkt, und unterhältst dich gleichzeitig vollkommen selbstverständlich mit deinem 19jährigen Ich. So, wie du hier gestern mit deinem 27jährigen Selbst geplaudert hast. Und so weiter.“ „Das ist wahr.“ „Das ist verrückt. Aber genau deswegen bin ich ja hier. Du hattest eben das Bedürfnis, mich ein bisschen zuzutexten, weil du dich an was erinnert hast – wie wunderbar das war, damals, mit 19, als du die Zeit und den Antrieb dazu hattest, einfach tagelang in obsessivem Schreiben zu versinken.“ „Zu versumpfen, meinst du! Klar war das herrlich! Aber ich war ja so besessen, dass ich alles andere völlig gegen die Wand gefahren habe und beinahe verhungert wär, da oben, ganz einsam, auf meinem Riesenberg Papier – auf diesem Riesenhaufen Murks, der später verdientermaßen ins Altpapier ging -, hätte es da nicht ein paar besorgte Menschen um mich herum gegeben, echte Menschen, die – Na ja. War schön, dich mal wiederzusehen. Aber hier muss ich aussteigen, ich muss jetzt nämlich zur Arbeit!“


>>Robert Mattheis, Hohlkörper (Acabus), €16,90

SINN UND GEHALT // Über: Rolf Dobelli, Und was machen Sie beruflich?


Vorbemerkung:

Es gibt da draußen offenbar Menschen, eine Masse von Menschen sogar, die nicht klar denken, nicht klug handeln und sich keine Fragen stellen. Man könnte nun meinen, diese Verhältnisse ließen sich überwinden, indem die Betreffenden einfach von sich aus damit anfingen, klar zu denken, klug zu handeln und sich einige Fragen zu stellen – so jedenfalls hat man sich das damals für diese Klassenarbeit über Kant eingebüffelt („Was ist Aufklärung?“ – „Sapere aude!“). Das Marketingwesen aber kennt die Menschen da draußen besser, es weiß, dass sie sich nicht besser fühlen, sobald sie einfach von sich aus damit anfangen, klar zu denken, klug zu handeln und sich einige Fragen zu stellen, sondern dass sie sich verändert, erleuchtet und allerbestens fühlen, wenn sie ein viel besprochenes Buch gekauft haben, das ihnen erläutert, wie sie klar denken, klug handeln und welche Fragen sie sich stellen sollen.

Rolf Dobelli ist ein Bestseller-Autor, dessen Erfolg nach genau jenem Mechanismus funktioniert. Seine Verkaufsschlager geben Selbsthilfe mit light-philosophischem Anstrich, formen ökonomische Denkmuster zu Leitlinien für die private Lebensführung um und brechen psychologische Zusammenhänge herunter auf zitierfreundliche, griffige Welterklärer-Sprüche – alles veredelt durch den weltmännischen Nimbus, der vom Autor aufs Geschriebene abfärbt. Kann man kaufen, um sich dabei hervorragend zu fühlen, kann man, als gleichzeitig repräsentatives und völlig neutrales Mitbringsel, auch jedem schenken, ohne dabei irgendwas falsch zu machen. Allein Die Kunst des klaren Denkens und Die Kunst des klugen Handelns, oder auch Wer bin ich? – 777 indiskrete Fragen sind derartig viel verkaufte Titel, dass es selbst Kochbuchprominenten die Neid-Tränen in die Augen treiben muss. Neben Martin Suter ist Rolf Dobelli der am besten verdienende Autor der Schweiz.

Dabei ist das Schreiben lediglich Dobellis Zweitprofession. Von Haus aus ist der studierte Philosoph und Betriebswirt Unternehmer. Ein smarter, gepflegter Typ, der eine perfekte und sehr fotogene Business-Attraktivität besitzt, geschmackssicher in der Wahl seiner Anzüge, gebildet, erfolgreich – ein Aushängeschild für die höchst exklusive Abteilung der Schweizer Gesellschaft, der er angehört. Dobelli arbeitete als Finanzchef und Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair und gründete eine eigene Firma, die Zusammenfassungen wissenschaftlicher und literarischer Bücher an Firmen und Privatkunden im Abonnement verkauft: getAbstract hat sich zum inzwischen millionenschweren Aktien-Unternehmen mit Tochtergesellschaft in den USA entwickelt, alljährlich wird an der Frankfurter Buchmesse der getAbstract International Book Award vergeben (kleine zusätzliche Anmerkung ohne Werbeabsicht: Bei Abschluss eines getAbstract Business-Gold Abonnements erhält man übrigens 15 000 Prämien-Flugmeilen bei Miles&More). Darüber hinaus trat Dobelli in den letzten Jahren als Moderator einer Sendung über Wirtschaftsbücher bei NZZ Online in Erscheinung und schrieb Kolumnen für die FAZ, die Schweizer SonntagsZeitung, die Zeit, sowie derzeit für den Stern. Und dann ist da noch Zurich.Minds: Dobelli ist Begründer und Vorsitzender dieser Non-Profit-Organisation, die bei jährlichen Treffen herausragende Köpfe aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringt – ein VIP-Club, Gerhard Schröder und andere Politiker sind dabei, auch Nobelpreisträger und derlei honorige Persönlichkeiten.

Dass hinter seinen eigenen Sachbüchern also ein Karriere-Lebenslauf steckt, in dem sich Kultur und Wirtschaft verknüpfen, macht ihn als Autor zur verkaufsfördernden Autorität, während seine Position im Verkaufsranking wiederum sein unternehmerisches Profil auf Hochglanz bringt. An der Wertigkeit der Erfolgsmarke Dobelli konnte nicht einmal der kleine Plagiatsskandal 2013 ernstzunehmend kratzen, den die Aussage eines befreundeten Autors losgetreten hatte, Dobelli habe ziemlich unverfroren bei ihm abgeschrieben.

Geht man nun aber in Dobellis Veröffentlichungsliste ein paar Jahre zurück, trifft man auf eine literarische Figur namens Gehrer, die in den ersten beiden Büchern Dobellis die Protagonistenrolle bestreitet. (Nach diesen Erstlingen übrigens hat Dobelli später noch zwei weitere Ausflüge ins literarische Schreiben unternommen, ohne Gehrer – die waren so, naja, okay.) Die Romane Fünfunddreißig – Eine Midlife-Story (2003) und dessen Fortsetzung Und was machen sie beruflich? (2004) beschäftigen sich mit einem jungdynamischen Manager, der dem eigenen Altern und den damit einhergehenden Etablierungszwängen ins Auge blicken muss, und seiner eintretenden Sinnkrise, die zu ihrem Finale findet, als der Höhenflug des Erfolgsverwöhnten schließlich krisenbedingt in einem Absturz endet.

Diese Romane las ich zur Zeit ihres Erscheinens, ich mochte und mag sie beide. Mit ungespielter Lockerheit pendeln sie zwischen Selbstironie und Garstigkeit. Ich, die dem Musterknaben Dobelli rein gar nichts abgewinnen kann, weil ich für diese Art durchökonomisierten Charmes nicht empfänglich bin, finde an seinem Gehrer viel Interessantes.

Das eigentlich Interessanteste aber daran ist, dass mir die Gehrer-Romane, mit Blick auf die Entwicklung, die Dobelli seither genommen hat, inzwischen beinahe als Werk eines Schizophrenen erscheinen. Womöglich verbindet sich daher bei Dobelli gar so etwas wie Erleichterung mit der Tatsache, dass Und was machen Sie beruflich? inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich ist? Da lässt einer, der seine eigene Firma getAbstract genannt hat, seine Romanfigur sagen: SolutionsUniverse – wer solche Firmennamen erfindet, verdient es, hingerichtet zu werden!, lässt diese Figur als Karikatur seiner selbst peinliche Selbstdarstellungsrituale exerzieren, ob als Gast im Nobelrestaurant oder bei geschäftlichen Treffen, und lässt sie dazu – ausgerechnet! – noch an der hohlen Phrasendrescherei und praktischen Nutzlosigkeit von psychologisch angehauchter Business-Ratgeber-Lektüre verzweifeln. Tatsächlich taucht ein Satz aus Und was machen Sie beruflich?, der dort im Kontext eines Vorstellungsgesprächs dessen bodenlose Hirnrissigkeit unterstreicht, später wörtlich in Dobellis Wer bin ich? – 777 indiskrete Fragen wieder auf: Angenommen, Sie würden entführt. Was wäre ihrer Meinung nach eine vernünftige Lösesumme? Auch fragt letzteres Buch: Rundheraus, was sind Sie für ein Mensch?, während Gehrer im eben erwähnten Gespräch ebenso gefragt wird: Kurz und gut: Was sind Sie für ein Mensch, Herr Gehrer? Und doch werden weder der Sarkasmus Gehrers durch seinen Autor, noch der Erfolg Dobellis durch seine Romanfigur ungültig gemacht. Gehrer besteht einfach als eine Schatten-Version des leuchtlächelnden Dobelli, und fast wirkt es, als habe der Autor diese zwischen Buchdeckeln begraben, auf dass sie ihn im wahren Leben in Frieden lasse. Mag sein, dass das bis heute prächtig funktioniert. Mag auch sein, dass Dobelli eigentlich täglich darauf wartet, dass Gehrer wahr wird.


Aber nun Gehrers Geschichte (oder vielmehr: deren zweiter Teil – dadurch, dass beide Gehrer-Romane in sich abgeschlossen sind, lassen sie sich allerdings ohne Verständnisschwierigkeiten unabhängig voneinander lesen):

Erfolg ist eine Einbahnstraße. Voran, voran – diesen Weg ist Gehrer bislang gegangen, bis hierher, in die Chef-Etage der SolutionsUniverse. Gehrer sitzt hoch oben im gläsernen Büroturm und schaut herab auf die Stadt, Zürich, die ihm zu Füßen liegt. Ein Fall aus solcher Höhe muss verheerend enden.

„Wir erwarten Sie im Konferenzraum, Montagmorgen sieben Uhr“, hatte der CEO gesagt, dann aufgehängt. Nach diesem Telefonat plötzlich ein Zittern, es geht durch Gehrer hindurch, durch den Turm, womöglich durch die ganze Schweiz. Ein Erdbeben? Nicht doch, denkt Gehrer. Kein Land ist stabiler als die Schweiz.

Es ist kein Beben, und es ist doch eins: Keine Kollision tektonischer Platten rüttelt am gläsernen Turm, in dem Gehrer sitzt – es ist das Anbrechen einer Rezessionsphase, die alles, selbst die stabile Schweiz, durchzuschütteln beginnt, die schwere Risse verursachen und Lebensgebäude zum Einstürzen bringen wird. Montagmorgen, sieben Uhr, erhält Gehrer seine Kündigung.

Was macht ein Marketingchef, der kein Marketingchef mehr ist? Erst einmal einen ganzen Tag lang duschen, aber auch das wäscht die Kündigung nicht ab. Auf ziellosen Wegen durch die Stadt irren, aber auch das hängt die Kündigung nicht ab. Seiner Frau, der erfolgreichen Rechtsanwältin, nichts davon erzählen: Allein das gebietet der Realwerdung der Kündigung gewissermaßen Einhalt. Jeanette weiß noch nichts, und solange in Jeanettes Kopf noch keine Kündigung angekommen ist, ist Gehrer immerhin noch ein kleines, psychologisches bisschen länger Marketingchef. Er lügt ja nicht, er verschweigt nur etwas – Gehrer fühlt sich da auf der sicheren Seite. Und bevor Jeanette irgendetwas bemerkt, wird er längst schon den nächsten Job angetreten haben.

Tatsächlich bemerkt Jeanette so bald nichts. Leider aber findet Gehrer auch so bald nichts im Stellenmarkt, das ihn aufatmen ließe. Die Beichte wird unausweichlich. Als Gehrer sie jedoch endlich herausbringen will, kommt sie stockend daher, wird missverstanden, Frau Gehrer kreischt auf – vor Begeisterung: Beförderung? Wie könnte man in dieses Strahlen hinein die pechschwarze Wahrheit werfen? Warum also nicht den Beförderten spielen? Gehrer ist munter und berichtet von Expansionsplänen der Firma und von Zweigniederlassungen in New York. Champagnerkorken knallen. Gehrer ist glücklich, zu Hause zu sein, Jeanette als seine Frau zu wissen, glücklich, die nächste Stufe der Karriereleiter in Angriff zu nehmen. Nein, er wird es ihr nicht sagen, er wird es einfach tun. Und eines Tages wird er vor ihr stehen als Marketingchef oder gar CEO einer noch größeren Firma – eines Biestes von einem Konzern!

So muss man denken: mit Ausrufezeichen! Gehrer geht aggressiv auf Stellenjagd. Es kommt zu Gesprächen, aber Gehrers Ausrufezeichen werden stumpfer, immer stumpfer, bald sind sie nur noch lächerlich und verschwinden dann lieber ganz. Herr Gehrer, ihre Krawatte hat einen Fleck. / Was sagt Ihre Frau zu Ihrer Entlassung? / Herr Gehrer, mit 40 sind sie nicht mehr der Jüngste! / Wie gut kennen Sie unsere Branche, Herr Gehrer? Katzenfutter ist etwas ganz anderes als Software, glauben Sie mir. / Stellen Sie sich mit dem Rücken zur Wand. Genau so. Nun schließen Sie die Augen. Hände auf den Rücken. So ist´s gut. Wenn ich mit dem Lineal auf den Tisch schlage, dann machen Sie einen Sprung vorwärts, so weit Sie können. Damit testen wir die Reaktionsgeschwindigkeit. Es bringt nichts, Leute einzustellen, die nicht reagieren können. Die Wirtschaftswelt ist voller Reaktionen! / Was liegt ihnen näher: a) einem Kind einen Zahn aus dem Mund zu schlagen oder b) mit der Zunge Staub vom Boden zu lecken? / Und so weiter, und so weiter. Kommen Sie zur Sache, Herr Gehrer! / Menschlichkeit wird bei uns großgeschrieben. Das Thema „Emotional Leadership“ ist ganz top. Also: Weinen Sie mal! Los! Weinen Sie mal! / Sie brauchen ja nicht zu arbeiten, Herr Gehrer, mit einer solchen Frau! / Es war nett, Sie kennenzulernen. / Wir bleiben in Kontakt.

Nach zehn Wochen gibt Gehrer auf. Rundherum herrscht schönster Frühling, alles blüht, alles strotzt vor Kraft und Lebensfreude, alles badet sich in Licht, nur Gehrer nicht. Der flüchtet sich fürs Erste auf eine fingierte Dienstreise – was soll man schließlich sonst machen, wenn schon alle Cafés und Museen besucht worden sind, mehrfach -, dann in Aussteigerfantasien und abenteuerliche Träumereien: einfach in irgendeinen Flieger steigen, neu anfangen am anderen Ende der Welt, auf sich allein gestellt, Lonesome Gehrer, nur vorher vielleicht noch schnell eine Bank überfallen. Es kommt aber nicht zu Abenteuern, es bleibt bei einer einzigen neuen Herausforderung: sich nicht von seiner Frau zu Hause auf dem Sofa erwischen zu lassen.

Natürlich kann so was nicht gutgehen. So, wie sich die Krise am Markt nicht per Vertuschung und Weggucken hat aufhalten lassen, kann auch Gehrer mit seinen hilflosen Spielchen die Privatkrise irgendwann nicht mehr abwenden. Gehrer fliegt auf, High Noon zwischen Gehrer und Jeanette in der Küche, das Durchbrennen der Sicherungen im Haus spielt einen vielsagenden Tusch dazu.

Es kommt der Sommer, es kommt der Herbst. Freunde kommen bald nicht mehr. Es kommen Gelegenheiten – Gehrer lässt sie verstreichen. Allmählich kommen die Vorwürfe von Jeanette, im Wechsel mit vergifteten Tröstungsversuchen: Das ist ja reine Selbstsabotage, was du da betreibst! / Schau her, was ich dir mitgebracht habe: eine ganze Schachtel voller Motivations-CDs. Alle für dich! / Im Klartext: Wir sind zwar verheiratet, aber ich habe nicht vor, dich für den Rest des Lebens durchzufüttern. / Komm! Leg deinen Kopf an meine Schulter. So. Und nun packen wir´s an. Wir packen´s zusammen an. / Übrigens – in der Kanzlei kursieren schon die ersten Witze. / Darf ich dir vorstellen: Frau Schumacher. Sie wird mit dir jeden Morgen zwei Stunden Motivationstraining machen. Von acht bis zehn. Das wird dir bestimmt guttun.

Letztes Aufbäumen: Gehrer versucht´s kurz mit einer kleinen Selbstständigkeit – ein Minusgeschäft. Danach widmet er sich zum ersten Mal dem Haushalt, mit der Effizienz eines Managers. Aber was dann? Wenn die Arbeit achtzig Prozent des lebens ausfüllt, was ist wichtiger: die Arbeit oder das Leben? Und was bleibt eigentlich bestehen von diesem Begriff Leben, sobald man den ohne Gehaltseingang nicht mehr denkbaren Teil davon subtrahiert? Es fällt auf: Gehrer und Jeanette haben keine Kinder, auch keinen Hund, keine Eltern oder Geschwister werden erwähnt, nur ein einziges Mal taucht eine Freundin Jeanettes auf, mit der man in nicht rein geschäftlicher Verbindung steht. Gehrer hat nicht einmal einen Vornamen.

Es naht der Winter. Die vollkommene Stagnation ist längst erreicht, nun schaltet Gehrer um auf Eskalation: verursacht kleine Skandale, blamiert seine Frau, macht häufiger Bekanntschaft mit der Polizei. Der Sturm vor der endgültigen Ruhe. Am letzten gemeinsamen Abend sagt Jeanette: Mach uns beiden eine Freude, und geh schlafen. Ins Bett gehen, das tut Gehrer dann auch – endlich einfach liegenbleiben dürfen. Es gibt keinen Grund , das Haus zu verlassen. Der Wein im Keller reicht bis zum übernächsten Frühjahr. Daß der Briefkasten vor der Haustür überquillt, sieht er vom Bett aus.


(Zitate sind kursiv geschrieben.)

>>Rolf Dobelli, Und was machen Sie beruflich? (Diogenes), antiquarisch


SINN UND GEHALT // Bored to be wild*



Stumpfsinnige Arbeit unter prekären Bedingungen nagt an der seelischen Substanz. Wer das für reines Gejammer hält, war noch nie auf sie angewiesen. Von denjenigen, die an dieser Stelle an ihre Putzfrau oder ihren Paketboten denken und sich diese achselzuckend als ohnehin seelenlose Lebewesen vorstellen, mag ich gar nicht erst anfangen.

Bei allem Willen zur geistigen Selbstbehauptung, zwingt einem der tägliche, von Unsicherheit, finanzieller Knappheit und Perspektivenmangel bestimmte Existenz-Limbo irgendwann eine dauerhaft verrenkte, angespannte Haltung auf. Anstrengende Angelegenheit. Nur stempeln gehen zu müssen ist schlimmer.

Besser: Musik draus zu machen. Über das große Sinndefizit und das mickrige Gehalt. Und über deren Ursachen, Ausbreitung und Begleiterscheinungen; über High-End-Kapitalismus, Ungleichheit der Chancen, eine Kultur der Inhaltsleere, das große zwischenmenschliche Egal, Selbstentfremdung und die ständige Nähe zum Abgrund, der nur eine Kündigung entfernt liegt. Sicherlich eine ergiebige Stichwortliste für Gejammer. Besser: für Gepöbel und Gedicht.



 

*Titel eines Songs vom 2013er Sleaford-Mods-Album Austerity Dogs

SINN UND GEHALT // David Foster Wallace, Der bleiche König

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[Rezensentin hier. Seit geraumer Zeit bewegt mich eine These, die persönlichen Umständen, welche hier nichts zur Sache tun, erwachsen ist und deren bekräftigende Verdeutlichung mir gerade in einem Roman begegnete: Monotonie und Wahnsinn liegen dicht beieinander. Einst schrammte ein alter Grieche an dieser These knapp vorbei; dass er sie anders formulierte, mag dem historisch bedingten Umstand geschuldet sein, dass zur Erfahrungswelt des alten Griechen eben nicht der Arbeitsalltag in einer modernen Steuerbehörde zählte. Ebenso gilt für den alten Griechen die Annahme seiner Unkenntnis bezüglich einer teils sitzend, teils rennend ausgeübten Tätigkeit in einem… aber wie gesagt, diese Umstände tun hier nichts zur Sache.]

Der Arbeitsalltag in einer modernen Steuerbehörde gestaltet sich, wie dieses anschauliche Beispiel vermittelt, wie folgt (Ausschnitt aus §25, aus dem Roman Der bleiche König, Autor: David Foster Wallace):

Ryne Hobratschk blättert eine Seite um. Latrice Theakson blättert eine Seite um. Standartprüfergruppenraum 2 gedämpft und hell erleuchtet, ein halbes Fußballfeld lang. Howard Cardwell setzt sich auf dem Stuhl zurecht und blättert eine Seite um. Lane Dean jr. fährt mit dem Ringfinger seine Kinnlade hoch. Ed Shackleford blättert eine Seite um. Elpidia Carter blättert eine Seite um. Ken Wax heftet ein Memo 20 in eine Akte. Anand Singh blättert eine Seite um. Jay Landauer und Ann Williams blättern fast synchron eine Seite um […]. Boris Kratz wippt mit einer irgendwie chassidischen Bewegung, während er eine Seite mit einer Zahlenkolonne abgleicht. Ken Wax blättert eine Seite um. Harriet Candelaria blättert eine Seite um.

Zur Vertiefung des Eindrucks verweilen wir noch ein wenig bei diesem Beispiel (weiterer Ausschnitt aus §25, ebenda, nachdem wir inzwischen mehrere Seiten umgeblättert haben):

Ryne Hobratschk blättert eine Seite um. […] Ken Hindle schlägt eine Bankleitzahl nach. Einige mit dem Kinn in die Hand gestützt. Robert Atkins blättert eine Seite um, während er noch etwas auf der Seite abgleicht. Ann Williams blättert eine Seite um. Ed Shackleford sucht in einer Akte ein dazugehöriges Dokument. Joe Biron-Maint blättert eine Seite um. Ken Wax blättert eine Seite um. David Cusk blättert eine Seite um. Lane Dean jr. spitzt die Lippen, atmet tief ein und aus und beugt sich über eine neue Akte.

Wie sich die Innensicht eines Standardprüfers während solcher Tätigkeit gestaltet, eröffnet sich unter Anderem am Beispiel des eben genannten Lane Dean jr. (siehe §33):

In vier Minuten war wieder eine Stunde vorbei, und dann konnte er eine halbe Stunde später in die Fünfzehnminutenpause. Lane Dean malte sich aus, wie er in der Pause herumrannte, mit den Armen fuchtelte, blanken Unsinn von sich gab und sich zehn Zigaretten auf einmal in den Mund steckte wie eine Panflöte. Jahr für Jahr, ein Gesicht von derselben Farbe wie der Schreibtisch. Jesus Christus. Kaffee war verboten, weil er auf die Akten spritzen konnte, aber in der Pause würde er in jeder Hand eine große Tasse Kaffee halten, stellte er sich vor, während er draußen durchs Gelände rannte und rumschrie. Er wusste, in Wahrheit würde er in der Pause mit Blick auf die Wanduhr im Aufenthaltsraum sitzen und allen Gebeten und Anstrengungen zum Trotz dasitzen und die Sekunden verticken sehen, bis er hierher zurückkommen und weitermachen müsste.

Damit erreicht der bewusste Standardprüfer jedoch längst nicht das Spitzenniveau geistigen Kompensationsdranges, welches sich innerhalb seiner Abteilung der Dienststelle 047 des Steuerprüfzentrums des IRS – International Revenue Service, kurz Service, in Peoria, Illinois, im durchaus pathologischen Bereich bewegt (siehe §26):

[…] der Kraftaufwand, angesichts extremer Langeweile hellwach und akribisch arbeiten zu wollen, kann Niveaus erreichen, auf denen routinemäßig bestimmte Halluzinationen auftreten.

Wie es sich für eine Heimstätte des Ordnungswesens gehört, unterscheidet man hierbei zwischen Heimsuchungen durch Phantome und Geistererscheinungen (siehe §26). Zunächst zu den Phantomen: Diese treten insbesondere bei extrem selbstgestrengen Mitarbeitern auf und verkörpern in ihrer jeweiligen Erscheinungsform die individuell gefürchteten Zerrspiegelseiten der betroffenen Persönlichkeit; die Prüden werden von Visionen obszöner Sexualität heimgesucht, die Ultrahygienischen sehen dreckige, flohwimmelnde Figuren an ihrem Schreibtisch stehen, die zwanghaft Ordentlichen werden von hysterischen Unordnungsphantomen belästigt, die heilloses Chaos in die Ablagereihenfolge bringen. Und nun zu den Geistern (hier diejenigen in der Standardprüferabteilung; weitere treiben sich in den anschließenden Behörden-Blöcken herum, finden im Roman jedoch keine persönliche Erwähnung): Die Unterscheidung zu den Phantomen besteht in ihrer einheitlichen Sichtbarkeit für alle Mitarbeiter. Dieser Definition nach, treten hier zwei Geister auf: Blumquist, zu Lebzeiten ein äußerst effizienter, farbloser Standardprüfer, verstarb 1980 an seinem Schreibtisch, was von seinen Kollegen erst nach einigen Tagen bemerkt wurde. Seither materialisiert er sich gern unter seinen Nachfolgern. Seine unaufdringlichen Besuche, seine ruhige Art werden von den Mitarbeitern durchweg als angenehm beschrieben. Garrity dagegen fällt durch Geschwätzigkeit auf. Er soll sich Mitte der 1960er im Nordkorridor das Leben genommen haben, als das Gebäude noch einer Spiegelfabrik gehörte, für die Garrity als Prüfer tätig war. Schenkt man der Behördenfolklore Glauben, prüfte Garrity drei Spiegel pro Minute (also 1440 Spiegel pro Tag mal 356 Arbeitstagen pro Jahr mal 18 Jahren seiner Lebenszeit) auf Produktionsfehler und war am Ende nicht mehr dazu in der Lage, sich außerhalb seiner Dienstzeit anders zu bewegen, als prüfe er immer noch Zierspiegel auf eventuelle Oberflächenschäden.*

[* Rezensentin hier. Dieses stetig wiederkehrende Spiegel-Motiv erfüllt, schwant mir, eine bedeutende Funktion, es ist für das Roman-Verständnis offenbar außerordentlich wichtig. Als verbindendes Element taucht es im Zusammenhang mit nahezu jeder relevanten Romanfigur auf und verbildlicht, meiner bescheidenen Meinung nach, einen speziellen Aspekt des zentralen Roman-Mantras von der Auflösung des Ich, während dieses sich im psychischen Aggregatzustand anstrengender und monotoner Dauerbeschäftigung befindet.]

Die Schilderungen aus dem Inneren eines monströsen staatsbehördlichen Verwaltungsapparates sind zeitlich in den mittleren 1980er Jahren angesiedelt. Vielleicht deswegen, weil dieser Zeitraum die Endphase einer Ära darstellt, in der ermüdende Massen von Formularen und Akten von Menschenhand erfasst, kontrolliert und zur Weiter- oder Endbearbeitung weitergereicht wurden: Datenverarbeitung war noch keine Bildschirmarbeit, das erdrückende Gewicht dieser Tätigkeit ließ sich also tatsächlich (er)messen, es war sichtbar in Form wachsender oder abnehmender Papierberge. Ein passendes Setting für eine zum Roman ausgeweitete Abhandlung über den Stellenwert des Stumpfsinns in der modernen Gesellschaft.

Ausgerechnet dieser Stumpfsinn ist es, der den Löwenanteil des Lebens ausmacht, aus privatem wie aus gesamtgesellschaftlichem Blickwinkel betrachtet. Und doch steht der Stumpfsinn an sich eigentlich nie im Fokus menschlicher Betrachtungen, im Gegenteil scheint es das Wesen menschlicher Betrachtungen zu sein, sich dem zuzuwenden, was ausdrücklich nicht dem Stumpfsinn zugehörig ist (siehe §9):

Warum schrecken wir vor dem Stumpfsinn zurück? Vielleicht liegt es daran, dass Stumpfes an und für sich schmerzhaft ist; vielleicht ist hier auch der wahre Kern von Wendungen wie ‚todlangweilig‘ oder ‚unerträglich öde‘ zu finden. […] Vielleicht assoziieren wir Stumpfsinn mit psychischem Schmerz, weil Stumpfes oder Schleierhaftes nicht genug Anreiz bietet, um uns von einem anderen, tieferen Schmerz abzulenken, der uns immer begleitet, und sei es nur auf unterschwellige Weise, auf dessen geflissentliches Nichtzurkenntnisnehmen die meisten von uns praktisch all ihre Zeit und Energie verwenden […].

Und dennoch, der Stumpfsinn bleibt unausweichlich, bleibt fester Bestandteil des Lebens. Sollte also nicht gerade in der Fähigkeit, sich dem Stumpfsinn widmen zu können, ohne dabei nennenswerten Schaden zu erleiden, ein gar evolutionswichtiger Vorteil für den modernen Menschen bestehen? Ein ehemaliger Praktikant des IRS äußert in §44 immerhin seine Überzeugung, die auf seinen Erfahrungen im Service fußt und der zufolge die Resistenz eines Menschen gegen Stumpfsinn schlichtweg die alles entscheidende Schlüsselqualifikation bedeutet, um in dieser Welt bestehen zu können.

Dieser Schlüssel besteht nicht aus Effizienz, Redlichkeit, Einsicht oder Weisheit. Es geht auch nicht um politische Gerissenheit, besondere Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich, bloßen IQ, Loyalität, Visionen oder andere Eigenschaften, die die bürokratische Welt Tugenden nennt und auf die sie einen untersucht. […] Der Schlüssel […] ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. Effizient in einem Milieu zu funktionieren, das alles Vitale und Menschliche ausschließt. […] In einem Wort, unlangweilbar zu sein. […] Das ist der Schlüssel zum modernen Leben. Wenn man gegen Langeweile immun ist, gibt es buchstäblich nichts, was man nicht erreichen kann.

Unlangweilbar zu sein – die unterschätzte, weil unerkannte Superpower. Tatsächlich gibt es jemanden innerhalb der Behörde, der diese Fähigkeit besitzt; konfrontiert mit unendlich langweiligen Berichten, beginnt dieser Jemand sogar zu schweben (siehe §46) – zunächst eine Handbreit überm Stuhlkissen, zunehmend abhebend, auf höchster Konzentrationsstufe dann nur noch gebremst von der Bürodecke. Nicht nur hier wird dem Stumpfsinn eine spirituelle Überhöhung zuteil, es wimmelt vor Metaphern und dramaturgischen Kunstgriffen, die den ganzen Themenkomplex auf religiöses Terrain ziehen. So erzählt etwa Standardprüfer Chris Fogle, Spitzname Abschweifungskönig, im ausgesprochen langgezogenen §22 den Ablauf seiner Hinwendung zum IRS als eine Art Erweckungsgeschichte, die gleich ein ganzes Sortiment christlicher Motive beinhaltet: Chris Fogle, der verlorene Sohn, der Kaputtnik, umherstreunend auf den traurigen Irrwegen der Spaßgesellschaft, verliert durch einen haarsträubenden, wirklich entsetzlichen Unfall den Vater und erfährt später als reuiger Sünder umfassende Läuterung, nachdem ihm zunächst eine Vision erschienen ist und ihm schließlich ein jesuitisch anmutender Ersatzdozent im Steuerprüfung-II-Seminar den entscheidenden Schubs gibt, um endlich den Pfad der Gerechten einzuschlagen, welcher ihn zur Arbeit beim IRS führt.

Nun rekrutiert sich die Mitarbeiterschaft des Service allerdings beim besten Willen nicht mehrheitlich aus Monotonie-Jüngern und Langeweile-Gurus. Aber wer arbeitet dann für den Service? Und, um Himmels Willen, warum? Erklärungen hierfür liefern die rückblickenden §§, in denen einzelne Mitarbeiter und ihre ungewöhnlichen Biografien beleuchtet werden. Für diese Mitarbeiter besteht einerseits der Sinn ihrer Arbeit beim IRS in nichts Geringerem als der Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Kontrolle. Andererseits erfüllt dort nichts diese Sehnsucht, außer das regelmäßige Gehalt (um das sich endlose Debatten ranken und das sozusagen die Dienstsprech-Anrede eines jeden IRS-Mitarbeiters bildet, indem die Gehaltsstufenbezeichnung, z.B. G9 für einen unteren Gehaltsrang, die üblichen Anredeformen Mr. und Mrs. praktisch ersetzt – man redet permanent über Gehalt, selbst wenn in ganz anderen Zusammenhängen über Andere redet).

  • David Cusk, der von Kindheit an mit Schweißausbrüchen zu kämpfen hat, deren schlimmste Form extreme, von Panik begleitete Sturzschweißergüsse darstellen, vor denen sich der betroffene Cusk wiederum so sehr fürchtet, dass er anstelle eines normalen Erwachsenendaseins eine Existenz im sozialen Abseits entwickelt hat, die sich vollkommen auf die zwanghafte Prüfung, Beobachtung, Auswertung und natürlich Verhinderung von kombinierten Schweiß- und Panikattacken konzentriert.
  • Chris Fogle, siehe oben.
  • Meredith Rand, eine Schönheit von solch hirnerweichendem Ausmaß, dass sie wegen der Unmöglichkeit, auf Menschen zugehen zu können, ohne von diesen nur wie betäubt angestarrt zu werden (sozusagen eine schöne Medusen-Variante), den Großteil ihres geschlechtsreifen Lebens in elender Einsamkeit zubrachte. In dem Therapeuten, der sie psychologisch betreute, fand sie ihren Ehemann, im IRS ihren Arbeitgeber.
  • Lane Dean jr., der immer ein gläubiger Christ sein wollte, darin aber nie zur erhofften Seligkeit gelangte und mit seinem Job beim Service nun eine Familie ernährt, die er aus christlichem Pflichterfüllungswillen heraus gründete.  
  • Personalchef Stecyk, ein pathologisch freundlicher Übergutmensch, dessen sozialer Aktionismus, grenzenlose Hilfsbereitschaft und unerträgliches Strebertum schon seine eigene Mutter in die Depression trieben, obgleich diese keinerlei altruistischen, sondern unschuldig aufrichtigen Beweggründen entspringen (sozusagen eine hoffnungslose Jesus-Variante).
  • Claude Sylvanshine, dessen Aufgabe darin besteht, mittels seiner seherischen Fähigkeit im Bereich eigentlich unnützer persönlicher Daten und Hintergründe die bestgeeigneten Kandidaten für die Mitarbeiterrekrutierung des IRS ausfindig zu machen (sozusagen eine menschliche Version von Suchmaschine, die das zum Zeitpunkt des Roman-Geschehens noch nicht existente Google vorwegnimmt).
  • Toni Ward, eine mit allen White-Trash-Wassern gewaschene Überlebende einer verwahrlosten Kindheit, die den Rachefeldzug eines der Ex-Freunde ihrer Mum nur deshalb überlebte, weil sie die Gabe besitzt, sich absolut glaubwürdig totzustellen.
  • David Wallace, ein von schrecklichen Hauterkrankungen gebeutelter Neuzugang in der IRS-Dienststelle in Peoria (sozusagen das Gegenstück zur schönheitsgebeutelten Meredith Rand), der am Tag seiner Ankunft in eine Slapstick-artige Verwechslungsgeschichte hineinstolpert: Es gibt einen weiteren David Wallace – hochrangiger Dienstgrad, glorreiche Verdiensthistorie -, der an jenem Tag ebenfalls seinen Dienst in Peoria antreten soll und dessen Personalnummer fatalerweise mit der des Neulings (sozusagen eine Verkörperung des Fehlers im System) vertauscht wurde. Besondere Ironie dabei: Der Neuling-Wallace verdiente sich während seiner Zeit am College auf illegale Weise Geld dazu, indem er für reiche, versnobte und stinkend faule Kommilitonen Arbeiten schrieb, die er unter ihrem Namen einreichte.

Halt – da wir nun beim Doppelten David angelangt sind, muss hier der Hinweis darauf erfolgen, dass David Wallace tatsächlich in dreifacher Form im Roman vertreten ist: Als zwei in einer Vertauschungskomödie verbundene Figuren – und als sich direkt an seine Leserschaft wendender Autor (siehe §§9,24).

Autor hier. Also der reale Autor, der echte Mensch, der den Bleistift führt, keine abstrakte narrative Instanz. Zugegeben, manchmal taucht in Der bleiche König eine solche Instanz auf […]. Aber das hier bin jetzt ich als echter Mensch, David Wallace, vierzig Jahre alt, Sozialversicherungsnummer 975-04-2012, und ich wende mich an diesem fünften Frühlingstag des Jahres 2005 aus meinem gemäß Formular 8829 steuerabzugsfähigen Heimbüro am Indian Hill Blvd. 725, Claremont 91711, Kalifornien, an Sie, um Ihnen Folgendes mitzuteilen:

Dies alles ist wahr. Dieses Buch ist wirklich wahr.

[Rezensentin hier. Mehr ließ sich an Inhaltlichem für eine Kurzvorstellung nicht herausquetschen, den Rest muss man, der wunderschönen Kompliziertheit wegen, bitte selbst lesen. Nur noch kurz zum Titel: Der bleiche König könnte sich auf Verwaltungschef Glendenning beziehen, der in einer Szene, in der er im Fahrstuhl feststeckt, vom Neonlicht beleuchtet reichlich blass aussieht. Glendenning verkörpert mit seiner Weigerung, die Behörde auf rechnergestützte Bearbeitungsvorgänge umzustellen, eine untergehende Epoche. Das Stichwort Informationszeitalter, das wollte ich im Roman-Kontext eigentlich noch… ach. Nun, ich könnte noch so viel…., aber wie gesagt, bitte selbst lesen.

Der bleiche König war das letzte Romanprojekt, an dem David Foster Wallace schrieb. Nach seinem Freitod im September 2008 übergab seine Familie die unzähligen, noch nicht in Reihenfolge gebrachten Roman-Fragmente an Michael Pietsch, der Wallace über Jahre hinweg als Lektor begleitet hatte. Pietsch hat aus all dem einen tatsächlich lesbaren Roman zusammengestellt, der 2011 im Original, 2013 auf Deutsch, übersetzt von Ulrich Blumenbach, erschien.

Stellenweise glaubt man in noch in Überlegung stehende Abschnitte hineinzulesen, man bemerkt einen groben sprachlichen Duktus hier, sich wiederholende Wendungen dort, doch sind diese Momente selten zu finden. Der bleiche König wirkt sprachlich ganz und gar nicht unvollendet. Nur seinen Figuren merkt man an, dass sie mit Ende der herausgegebenen Fassung noch nicht auserzählt sind, und das versetzt mir zum Schluss einen wirklichen Stich. Ich bin nicht der pseudo-sentimentale Typ, der in solchen Augenblicken das Heulen kriegt – man hat nicht das Recht, aus der Ferne und mit einem Keks im Mund einen Tod zu bejammern, über den man nichts weiß, während dort eine Familie zusammensitzt, der jener Tod gehört – aber das große Schlucken kriege ich trotzdem, als ich das Buch auslese und denke: Adoptiv-Vater Pietsch hat den Figuren merklich viel Liebe angedeihen lassen, aber Waisen sind sie und bleiben sie doch. ]


>>David Foster Wallace, Der bleiche König (Rowohlt), kartoniert €14,99

John Kalman Stefansson/Gerhard Sagert (Sonja Grebe)

AM MEER // Jón Kalman Stefánsson, Himmel und Hölle

Es gibt ein Fach in meinem Bücherregal, in dem das Meer braust. Kein Urlaubsmeer, kein Postkartenidyll, sondern ein sturmheulendes Ungetüm. Natürlich steht dort Joseph Conrad mit Lord Jim, aber auch Bjarne Reuter mit Prinz Faisals Ring (wer dies für ein reines Jugendbuch hält, war noch nicht gemeinsam mit Tom Collins in des Teufels Schädelspitze) oder Gerhard Sagerts Fischerei-Berichte aus den 60er Jahren: Fischdampfer Hannover Kurs Grönland (siehe Beitragsbild) und Ähnliches. Ganz vorne an steht dort, täuschend klein und schlicht: Jón Kalman Stefánsson, Himmel und Hölle.

Ein kleiner Hafenort auf Island vor einhundert Jahren, umschlossen von Bergen und rauer See, und natürlich die See selbst sind die Schauplätze dieses Romans über einen Heranwachsenden, der in ein entbehrungsreiches Fischer-Leben hineinwächst.

Die Berge überragen Leben und Tod und die paar Häuser, die sich auf der Landzunge zusammendrängen. Wir leben auf dem Grund einer Schüssel, der Tag geht vorüber, es wird Abend, die Schüssel läuft langsam voll Dunkelheit, und dann leuchten die Sterne auf. Ewig blinken sie über uns, als hätten sie eine wichtige Botschaft, aber welche und für wen? Was wollen sie von uns, oder vielleicht eher noch: was wollen wir von ihnen? (S.7)

Ein Überleben sichert hier nur die Fischerei, einen Tod auf dem Meer sichert sie indes auch – vielen sogar, jedes Jahr von Neuem. Es sind Zeiten, in denen besonders im Winter das Leben kaum mehr möglich scheint auf diesem kargen Stück Erde, doch gerade im Winter kommen die kostbaren Kabeljauschwärme, denen die Männer in offenen Ruderbooten, der tobenden See und dem Eiswind ungeschützt preisgegeben, nachjagen. Die See, die Männer, der Fisch, der Tod – vier Eckpunkte, die das, was Leben an diesem Ort bedeutet, einrahmen. Aber Frauen? Oder gar Literatur? Himmel und Hölle erzählt die Geschehnisse eines wenige Tage kleinen Zeitraumes im Leben eines namenlosen Jungen und begleitet ihn dabei an einem entscheidenden Punkt seines Erwachsenwerdens. Sein Freund Bardur ist wie er in diesem Leben eingekesselt, liest jedoch ungewöhnlich viel. Kann man in einem solchen Leben Poesie lieben? Muss man das vielleicht sogar? In Bardurs Fall kostet sie ihn das Leben. Mit dem Verlust des besten, des einzigen Freundes fühlt der Junge auch einen Teil von sich sterben. Gibt es eine Antwort auf die Frage, wie man danach ins Leben zurück finden soll? Und wo findet man sie? Himmel und Hölle ist ein Roman über existentielle Kämpfe – mit den Gewalten, von denen man bestimmt wird, und mit sich selbst. Ich könnte es einen „historischen Coming-of-Age-Roman auf Isländisch“ nennen oder es mit der Schlagzeile „Cormac McCarthy unter Fischern“ überschreiben. Lieber sage ich, dass seine stille Wucht mich nie losgelassen hat.


>> Jón Kalman Stefánsson, Himmel und Hölle (Reclam; inzwischen bei Piper als Taschenbuch) €9,99