Thema Anderswelten

FABULIERIOSITÄTEN // Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf


Übern Stacheldrahtzaun rüber, hinaus ins Gewucher (so ging jede Kinderhose kaputt). Viehweiden. Brachfelder. Feuchterdige Auwiesen. Vereinzelt gedrungene Kopf- und Silberweiden; Pappelreihen schlaksen aus Uferböschungen hervor. (Viel Zeit hatte ich, und immer ein altes Marmeladen- oder Einmachglas dabei für Schneckenhäuser, Mauseknochen, Samenkapseln und tote Insekten.) Meist ein kleiner Wind, der die Haare kraust, die er schon nicht mehr zu fassen kriegt, wenn man sich leeseits beim Holunderknick hinsetzt oder aber in vergessenen Scheunen stöbert. Mancher Jagdsitz längst verwachsen mit seiner Eiche (einmal brach mir eine Leiter unter den Füßen und ich blieb ein ängstliches Weilchen lang da oben, mitverwachsen). Im Frühjahr das Wyywitt der Kiebitze, im Sommer Feldlärchengeträller, im Herbst hohes Gabelweihengeschrei, im Winter das Quorren und Braaken der Krähen; ewig das Tscheckern der Elstern. Insektisches Hintergrundsurren während der Wärme. Wasser wächst frühlings aus den Senken hinaus, überläuft die Ebene, schwindet in der Hitze zu Rinnsalen in trockenrandigen Betten, kehrt groß im Herbst wieder und friert sich danach zurück in den Boden: vierteljährige Tide der Bäche und Pfuhle. Alles darf, wie es will und wie es muss. Friede, durch den man stakst – der aber wegbrechen kann von einem Moment auf den anderen: Wenn man ein mächtiges Gewitter auf sich zurollen sieht und zu weit draußen ist, um es rechtzeitig zu einem Unterstand zu schaffen. Wenn ein Morast die Füße bis über die Knöchel schluckt und nicht wieder loslassen will. Wenn man auf seine Hand schaut und den rostigen Nagel sieht, den man sich beim Klettern hineingerissen hat. (Ein andermal saß ich, meinen Proviant kauend, im hohen Gras, verscheuchte die seltsam vielen Fliegen mit meinem angebissenen Müsliriegel in der Hand und wunderte mich über einen Geruch wie von ranziger Butter, bis meine andere Hand, durchs Gras tastend, einen gärigen Katzenkadaver fand.) Friede und Schauer liegen nah beieinander. (An Tümpel und Fluss hielt ich völlig zeitverloren Ausschau nach dem kleinen Wassermann, glaubte oft, ihn gesehen zu haben und freute mich; ebenso oft rannte ich schnell davon – nur weg, nur nach Haus! – in panischer Kinderangst vor der Russalka.)


Zwischen Niemandsstadt, Niemandsland und Niemandsfluss spielt auch Henning Ahrens‘ Roman Lauf Jäger lauf.

Während der Fahrt nach Nillberg schaut Oskar Zorrow aus dem Zugfenster und entdeckt in der vorbeiwitschenden Landschaft einen Fuchs. Auch der Fuchs sieht zu Zorrow und blickt ihm direkt in die Augen. Da steht Zorrow auf, geht zur Tür und zieht die Notbremse. Auf offener Strecke liegt nun ein stillstehender ICE und ein Mann springt hinaus, um einem Fuchs nachzujagen.

Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt – schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.

Von dem nahen Gutshof und den rätselhaften Bewohnern, die ihn besetzt halten, weiß Zorrow da noch nichts. Doch wird er von ihnen bereits erwartet.

Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege. „Wirst du schießen?“ „Wie lautet Johns Bitte?“ „Wir sollen uns ‚kümmern‘.“ Ohneland grinste in sich hinein. „Was zu deuten wäre.“ Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abzuschneiden. Die Grillen geigten ihren Psalm.

Nachdem die beiden Gestalten sich gekümmert haben, erwacht Zorrow gefesselt im ungenutzten Viehstall des Gutshofs. Von nun an steckt er fest in einer isolierten Welt, deren Regeln sich ihm nicht erschließen. Eine sonderbare Clique hat sich hier im verlassenen Herrenhaus verschanzt. Widergänger seien sie; Zorrow versteht nur Bahnhof. Ihr Oberhaupt John Schmutz – Egomane, Leuteschinder, früher als freischaffender Maler Teil der Nillberger Kulturschickeria – führt seine Mitstreiter Vera Ribbek, Karl Bustermann und Kurt Ohneland im Kampf gegen den Erzfeind Erk Brandstetter, der offenbar Jagd auf die Widergänger macht. Auch der Fuchs gehört zu Schmutz; womöglich war er es, der Zorrow als mutmaßlichen Spion Brandstetters meldete. Da man Zorrow nach eingehender Prüfung für harmlos befunden hat, den Eindringling nun aber nicht mehr gehen lassen mag, wird er aufgenommen in die Gemeinschaft

Man wolle ihn, so hatte Schmutz am Abend, auf dem Sofa liegend verkündet, zum Widergänger machen. Auf seine Frage, wie das vor sich gehen solle, hatte Schmutz ihn bei den Haaren gepackt, zu sich herangezogen und gezischt, er werde schon sehen. […] Neben einer von Brombeeren umrankten Kuhhütte hatten sie Halt gemacht und Aufstellung im Kreis genommen. Schmutz brüllte ein „Horrido!“, welches von seinen drei Gefährten mit „Joho! Joho! Joho!“ beantwortet wurde. Dann wies der Maler auf die Augenklappe. „Du bist Erk.“ Sein langer Arm durchschnitt die Luft. „Wir proben den Ernstfall. Ab in die Büsche!“ Oskar Zorrow, welcher nichts begriff, verharrte unter einer Trauerweide und sah, wie Kurt die Luger hinterm Gürtel hervorzog und lächelnd entsicherte. „Verstecken, Oskar.“ Der Vollbart, dessen Hemdkragen durchnässt war von Schweiß, raunte ihm zu. „Kurt wird uns suchen.“

Und töten – und doch sind am nächsten Tag sie alle wieder beisammen, als sei nichts gewesen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Frage stellt, ob Oskar Zorrow es hier mit tatsächlichen Untoten zu tun hat oder mit Gebilden seiner Fantasie; die Antwort darauf bleibt dem Geschmack der Leserschaft überlassen.

Schmutz steckt Zorrow in ein Kleid, nutzt ihn als Modell für seine Ölmalerei und missbraucht ihn schon bald gewohnheitsmäßig. Zorrows Fluchtversuche scheitern: Alle Wege führen, anstatt nach Nillberg, nur immer wieder zurück zum vermaledeiten Landgut. Auf einer Landkarte, die Zorrow entdeckt, hat dieser Niemandsort einen Namen: Morrzow. (Nicht nur der Ort spielt mit Zorrows Namen – die Anderen nennen ihn mal Zorro, mal Sorrow.) Dass der Versuch, aus Morrzow abzuhauen, nicht nur zwecklos, sondern auch gefährlich ist, liegt am verhängnisvollen Nebelgürtel, der es umgibt. Dort verliert man samt seiner Orientierung sein umfassendes Erinnerungsvermögen und das Denken schrumpft zurück aufs Rudimentäre – so kommt man dort auch geistig im Reich der Wildtiere an. Einzig Schmutz wagt sich, zu experimentellen Zwecken, in den Nebel; wieder hinaus findet er dank einer Hänsel-und-Gretel-Taktik, die besser funktioniert als Brotkrumen.

Der in der Angst der Widergänger allgegenwärtige Erk lässt sich lange nicht blicken. Dafür macht Zorrow Bekanntschaft mit Hans von Lange, einem Aussteiger aus der Widergänger-Clique, der die Enteninsel im großzügig angelegten Feuerlöschteich beim Gut bewohnt. In von Langes Hütte lässt sich gut Cognac trinken, der Fischer mit seemännischer Vergangenheit erzählt dabei in kryptischem Singsang von Erk und John, und immer wieder bramarbasiert er über Lu – es ist ihr Kleid, das Zorrow die ganze Zeit über trägt.

„Lu… Lululu… Lu… Lulu… Busenbrut… Untergang… Lu… Himmelsduft… Lugerschuss… Lululu…“

Unterdessen macht sich eine Luise Drechsler, die das Warten auf John Schmutz endgültig satt hat, auf den Weg von Nillberg nach Morrzow. Und bald taucht auch der zackenbärtige Erk auf. Nachdem ihn in seinem Hauptquartier in einem Nillberger Bunker ein Fax mit den Worten Morrzow. Okay? erreicht hat, schnallt er sich seinen Propellerrucksack um und fliegt zum Angriff auf die Widergänger. Auf dem Gut machen sich die lebendigen Engel und Faune in den Deckengemälden des Weinkellers bereit, um ihre eigene Version eines Jüngsten Gerichts zu veranstalten. John Schmutz stimmt, mitten im Gefecht, das titelgebende Volkslied an: Lauf Jäger lauf. Und Hans von Lange, der vom Löschteich aus alles beobachtet, sagt nicht ohne eine gewisse Genugtuung:

„Wenn Morrzow fällt, fällt auch die Welt.“

So weit, so undurchsichtig. Henning Ahrens fabuliert ungebremst voran, immer einen Schritt schneller, als das Leserverständnis mithalten kann. Auf seine Kosten kommt hier, wer absurdes Feuerwerk wertschätzt. Ich selbst hatte den mitunter zwanghaft verfochtenen Originalitätsanspruch des Ganzen gelegentlich über, muss aber zugeben, dass ich gerade davon eben doch fasziniert war – umso mehr noch, da mich die detailreich und naturverständig beschriebene Provinzwildnis als Setting von Beginn an vollkommen für den Roman eingenommen hat. Ich hab halt (siehe oben) ein Herz fürs öde Nirgendwo und freue mich, dass eine ähnliche Liebe, oder zumindest eine diesbezügliche intensive Kennerschaft, auch bei Ahrens zu Tage tritt, der als Bauernsohn im tiefsten niedersächsischen Einerlei aus Feld, Wald und Flur aufwuchs.

Das heimatliche Wildland als Träger für Schauerlichkeiten oder idyllische Verklärungen – das kennt man aus der Romantik.

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
Wenn es aus der Spalte zischt und singt!-
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn der Röhrich knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind-
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitsheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichen Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhr war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

Annette von Droste-Hülshoff, Der Knabe im Moor: Diese sechs Strophen kommen mir beim Lesen in den Sinn. Auch weist Lauf Jäger lauf eine solche Gliederung auf: Roman in sechs Folgen lautet der eingangs nachgereichte Untertitel – Zorrow in Not / Zorrow in Morrzow / Zorrow umflort / Zorrow ohne Brot / Zorrow kommt vor / Zorrow entrollt. Ahrens verbastelt Rückgriffe auf die Romantik mit modernem Irrwitz, im weltabgewandten Märchen-Biotop treffen motorisierte Zerstörer und verständnis- und orientierungslose Besucher aus der Gegenwart ein. Da schmeckt man Grimm’sches Salz und Beckett-Pfeffer heraus.

Zwar macht es Lauf Jäger lauf seiner Leserschaft nicht gerade leicht, doch kommt man nicht aus Morrzow zurück ohne anzuerkennen, dass Ahrens hier sprachlich und imaginativ mächtig was aufgefahren hat.


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>>Fotos: Grebe, 2015

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Süd-Amerika, historischer Schulatlas

LATEINAMERIKA // Guillermo Saccomanno, Der Angestellte

Die Parade-Disziplin lateinamerikanischer Literatur ist sicherlich der Magische Realismus. Dieser muss nicht zwangsläufig der klassischen Fantasy in solchem Maße ähneln wie es beispielsweise in vielen Romanen Isabel Allendes der Fall ist. Magischer Realismus zeichnet sich ganz allgemein durch das gleichberechtigte Nebeneinander realer und unrealer Elemente im Erzählten aus. Vertreter dieser Form der Phantastik finden sich natürlich nicht nur im Lateinamerikanischen, wo mit Julio Cortázar mein diesbezüglicher Liebling beheimatet ist. Unter den Deutschsprachlern kämen mir als erstes Marlen Haushofer, Die Wand oder Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten dazu in den Sinn; international Haruki Murakamis Romane und Erzählungen.

Auf dieser Ebene der Phantastik ist auch der Roman Der Angestellte des argentinischen Schriftstellers Guillermo Saccomanno angesiedelt. Wie der Titel suggeriert, befindet man sich ab der ersten Seite in einem Büro-Roman, dieser erweitert sich jedoch umgehend um das Volumen einer brachial-brutalen Dystopie. Saccomanno schafft eine Giftmischung aus Kleine-Leute-Sujet, Film Noir und nihilistischer Philosophie: Es ist die Schilderung einer Gesellschaft während der Apokalypse. Da der Explicit-Content-Hinweis, der manches Musikalbum ziert, in der Buchbranche keine Anwendung findet, nehme ich am Besten gleich an dieser Stelle vorweg: Allzu zarten Gemütern ist dringend von diesem Roman abzuraten.

Vorsicht, sagt er sich. Vorsicht vor mir. Ich bin nämlich ein anderer. (S.13)

Vielleicht sind wir das alle, mal in größerem, mal kleinerem Maße: Lebt nicht jeder von uns einem jeden Anderen gegenüber eine etwas andere Variante seiner selbst aus? Guillermo Saccomannos Angestellter, dessen Gedankenstimme diesen Roman erzählt, könnte mit diesem Satz durchaus den Leser zur Identifikation mit ihm, dem Protagonisten einladen. Zusätzlich versetzt der Anklang an Rimbauds Formel Ich ist ein Anderer den Leser in die Erwartung einer poetisch gearteten Selbstbefreiung. Der Nachhall der wiederholten Warnung Vorsicht löst jedoch nicht grundlos ein ungut in der Magengrube liegendes Gefühl aus.

Es gibt keinen Namen für den Angestellten, und es braucht auch keinen: In dieser Welt hat sich der Mensch auf seine Funktion reduziert, Leben an sich besitzt keinen eigenständigen Wert mehr. Neben dem Angestellten gibt es die Sekretärin, den Kollegen, den Chef, die Frau, das Kind, den Obdachlosen usw. Individualität ist ein nicht anwendbarer Begriff, bedingungslose Austauschbarkeit ist die Eigenschaft und das Schicksal aller. Darüber entwickelt man als Leser jedoch keine von Mitleid geprägten Empfindungen für den Protagonisten, der jenem beklemmenden Umfeld ausgesetzt ist. Im Gegenteil. Anstatt teilnehmender Identifikation erwirkt der Einblick in seine Sichtweisen einen unbehaglichen Widerwillen gegen ihn. Der Angestellte selbst erweist sich als geistiges Kind seiner Umwelt, ist charakterlich entstellt durch die Anpassung an eine empathielose, lebensfeindliche Zeit.

Zunächst fällt es nicht leicht diese Zeit einzuordnen: Horden verwilderter Klonhunde streunen durch die Stadt, eine Plage alles vernichtender Fresser, die sich über Obdachlose hermachen und von Taxifahrern systematisch überfahren werden. Im Widerspruch zum Futurismus, den die Klone und das Szenario eines Molochs, dessen Ausmaße weit über den zeitgenössischen Begriff von Großstadt hinausgehen, ausdrücken, stehen die Verweise auf eine analoge Welt: Im Büro wird mit Bleistift, Papier und Schnurtelefon hantiert. Saccomanno lässt den Leser mit der Entschlüsselung der herrschenden Rahmenbedingungen zwar allein, doch bald entwickelt sich beim Lesen eine Vorstellung von einem Ausnahmezustand nach dem Zusammenbruch einer digital gestützten Weltordnung. Sicher ist nur, dass sich eine totalitäre Ökonomie etabliert hat, die unbegrenzte und willkürliche Verfügungsgewalt über das Material Mensch besitzt.

Bereits offen sichtbare Emotionen bedeuten einen Makel, der zur Aussortierung aus dem System führen kann. Der Angestellte taugt seiner Konditionierung wegen nicht dazu, in die Riege der Machtmenschen aufzusteigen, die in seinem Umfeld über Bestand und Vernichtung von Existenzen entscheiden, doch gerade das Bewusstsein seiner eigenen Kläglichkeit, seiner Unfähigkeit zur Wirkung erfüllen ihn mit perfider Energie. In seiner funktionalen Außenhülle verschließt er seinen im Überkochen begriffenen Hass auf seine Mitmenschen, die sich ebenso wie er in psychologischen Sonderzuständen befinden – so wird beispielsweise sein Familienleben als wahres Höllenszenario geschildert: Seine aggressive, fettsüchtige Frau und die monströsen Kinder zwängen den Angestellten in den eigenen vier Wänden in eine Sklavenrolle. Das Aufbrechen dieser Rolle gelingt dem Angestellten nur in einem den Leser nicht überraschenden, ihn dennoch erschreckenden Vernichtungsakt. Auslöser für den Wandel des Angestellten vom Sklaven zum Zerstörer ist eine Begegnung. Permanent schwebt dem Angestellten die Idee einer Frau vor Augen, einer Frau, die dem rätselhaften Wort Liebe einen Inhalt verleihen könnte, einer, für die man alles auf eine Karte setzen und den Schritt in ein anderes Leben wagen würde. Zum Beispiel indem man, wie es der Angestellte so gut beherrscht, die Unterschrift des Chefs fälscht, um mit manipulierten Checks Geld zu unterschlagen, mit dem man sich dann ins Ausland absetzt. Für sich allein erscheinen ihm solche Abenteuer sinnlos, erst die ersehnte Frau gäbe ihm Antrieb und Berechtigung zum Sündenfall, zum Ausstieg aus dem anti-paradiesischen System. Eines Nachts, nachdem er seine Arbeit beendet hat und sich widerwillig auf den Heimweg vorbereitet, trifft er unerwartet auf die Sekretärin des Chefs, die sich heulend in einem Büroraum verkrochen hat. Er nimmt sich ihrer an und begleitet sie bis in ihre Wohnung. Dies ist nun also die Begegnung, die bewirkt, dass sein inneres Wesen nach außen bricht.

Von dort an braust ein Strudel aus Perversionen und gleichgültiger Gewalt durch den Roman ohne auf ausgleichende Elemente zu stoßen. Wer beim Stichwort Dystopie beispielsweise Cormac McCarthy, Die Straße vor Augen hat, erinnert sich sehr deutlich an die Schwärze des Weltendes, doch wird dort, aller Entmenschlichung zum Trotz, ein leuchtendes Flämmchen des Menschlichen weitergetragen, das in jener Schwärze nur umso klarer erstrahlt. Saccomannos Finsternis dagegen ist in ihrer Ausschließlichkeit beinahe langweilig. Die junge Sekretärin erweist sich – man ahnt das bereits – nicht als Heilsfigur, sondern als blutgierige Untergangsfee. Der Angestellte und sie treten nicht in Kontrast zum System, sondern führen die Wege des Systems im Individuellen fort. In Der Angestellte leuchtet kein Flämmchen, nur die kalt-gleißenden Suchscheinwerfer der Hubschrauber, die durch die Nächte patrouillieren, reißen gefährlich grelle Schneisen ins Dunkel.

Der Angestellte gehört zu diesen Büchern, die ich nach zwanzig Seiten weglegen wollte. Ähnlich, wie es mir bei Charlotte Roche, Feuchtgebiete erging, erschöpft sich der Sinn des Angestellten für mich im Ausprobieren eines bestimmten Tons, der Reizwirkung entfalten soll – dessen Austestung allein ermüdet mich jedoch, wenn es nicht ebenso auf inhaltlicher Ebene etwas zu entdecken gibt. Etwas in meinem Verhältnis zum Angestellten hat sich allerdings schlagartig verändert, während ich vollkommen entsetzt die Meldungen über das Verschwinden der 43 Studenten in Mexiko und die verschiedenen Aufklärungswege zu diesem Geschehen verfolgte. Dieser Fall, der ganz und gar nicht beispiellos, nur in besonderem Maße auffällig ist, zeigt ein gegenwärtiges Abgrund-Szenario: Die Grenze zwischen Staatsmacht und krimineller Gewalt ist aufgehoben, über menschliches Leben wird willkürlich verfügt, die Erde ist voll von nicht identifizierbaren Leichen – es finden sich mehr davon als es Gesuchte gibt. Vielleicht, denke ich, ist Saccomanno eben nicht einfallslos in seinem Erzählen, vielleicht erinnert er vielmehr sehr absichtsvoll und ernstzunehmend daran, wie böse diese Gegenwart bereits ist, deren Projektion in eine unbestimmte Zukunft in Der Angestellte so finster ausfällt. Wahrscheinlich ist diese seltsame Zukunft in Wahrheit sogar ebendiese Gegenwart, in einer zwar einseitig auf das Böse zugespitzten Darstellung, jedoch existent – im Diesseits, außerhalb des Buchdeckels.


>> Guillermo Saccomanno, Der Angestellte (Kiepenheuer&Witsch) Gebunden €18,99