Suhrkamp

Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

OBERFLÄCHENKULTUR // Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Man nehme eine beliebige alternativkulturelle Zeitschrift, schlage sie wahllos auf, blättere zum nächstbesten Bild und lege dann dieses Buch daneben: Schon macht Antonia Baum mit Vollkommen leblos, bestenfalls tot aus jedem noch so aufwändig als voll natürlich zurechtposierten Lächeln einen Albtraum in Bleaching-weiß (siehe oben). Dieser Roman ist giftig, ätzend, hysterisch und wütend, er will energisch klar machen: Hier gibt´s überhaupt nichts, was voll natürlich wäre, und was zu Lachen erst recht nicht.

Wie man in den Wald ruft, so schallt´s hinaus – Antonia Baum hat folgerichtig viel Geschrei geerntet für ihren Roman, als der vor drei Jahren erschien. Aber auch der Odenwald echote schon mal mit Empörung und Geplärr, das war Anfang dieses Jahres, als Baum einen stinksauren Schimpfbericht über ihre Heimat Odenwaldhölle in der FAZ veröffentlichte, für die Baum seit 2012 als Redakteurin arbeitet. Die Wut in Baums Schreiben ist echt: So zynisch und laut und streckenweise kopflos wie sie wird man nicht einfach so aus stilistischen Beweggründen. Echtheit allein aber schützt nicht vor Eigentoren.

Handlung und Geisteshaltung des knapp 240 Seiten kurzen Romans sind schnell umrissen: Alles Dreck, überall Heuchelei, alle Egoisten – man ahnt, das wird anstrengend. Die erste unerträgliche Lüge, die in dieser Hass-Tirade auf die kaputte hochkulturelle Gesellschaftsschicht ausführlich bejault wird, ist die bloße Existenz der Ich-Erzählerin selbst: Die gutbürgerlichen Eltern hatten sich kein Kind gewünscht, die Schwangerschaft war ein Unfall, das Kind war und ist ein ungebetener Gast auf dieser Welt. Von Geburt an ging es also schon bergab für die junge Protagonistin. Wir lernen sie pünktlich zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs aus der verlogenen Heimatidylle inmitten der Provinz kennen. Die Eltern heißen Carmen und Götz, ihre Wohlstandssymptome lauten Selbstbetrug, Egoismus, krankhafte Fassadenpflege, Empathieunfähigkeit. Die Flucht vor Karrierevater, Heuchelmutter und deren Post-Scheidungs-Neupartnerschaften führt die Ich-Erzählerin allerdings nur noch tiefer hinein ins Herz der Finsternis: in die Großstadt, ins Zentrum einer verdorbenen Kulturschickeria. Dort lauern sie auch schon, die hochkultivierten Raubtiere: der Karrierist und somit die Vater-Kopie Patrick, danach der Lügner Johannes, nebenher stutenbissige Kolleginnen, machtgierige und geldverblödete Chefs und Auftraggeber. All jenen hängt sich die Protagonistin jedoch an den Hals.

Sie hängt eben an dem, was sie hasst. Weil sie nichts anderes kennengelernt hat. So haben das die Eltern vorgelebt, so pflanzt sich das in ihrem Wesen fort. Immer wieder liegt die Schuld bei den Anderen, doch die Ich-Erzählerin seziert auch sich selbst: Sie hegt einen ausgiebig kultivierten Selbsthass, der ihrer klaren Erkenntnis entspringt, die Haut der Eltern zu teilen und nicht aus ihr heraus zu können. Der gnadenlose Detailblick, den die Autorin übrigens perfekt beherrscht, und der ekelerfüllte Widerwille gelten im selben Maße der Protagonistin selbst wie ihrem Umfeld. Auf diese Weise entzieht sie ihrer himmelschreienden Wut jegliche Wirkungskraft und macht sie zu ihrer eigenen Ohnmacht. Zwar mangelt es Vollkommen leblos, bestenfalls tot nicht an Szenen, in denen die Wut sich auslebt – es wird brutal, es gibt Backpfeifen, Biss- und andere Blutwunden -, doch was auch immer die Protagonistin austeilt, fällt in der einen oder anderen Form wieder auf sie zurück. All ihre Wut bewirkt nichts, denn sie schlägt keine Ausbruchsschneise, sondern rotiert, sich endlos fortpflanzend, in ihrem hermetisch geschlossenen Lebensraum, dem höheren Gesellschaftskreis. Ihr Job für ein Kulturmagazin endet, nachdem sie, aus Abscheu vor der sich selbst beweihräuchernden Elite, das Magazin kurzerhand sabotiert. Einen anderen Weg um Geld zu verdienen als indem man für Kulturmagazine arbeitet kann sie sich jedoch schwer vorstellen. Sie verlässt ihren Freund, den Art Director, der sie einsperrt und ausnutzt, um sich kurz darauf auf einen Schauspieler einzulassen, der sie betrügt und ausnutzt. Doch sind auch ihre eigenen Gründe um eine Beziehung einzugehen von anderen Kriterien bestimmt als Liebe. Um die Figuren nicht allzu reißbretthaft zu zeichnen, bemüht sich die Autorin bei jeder einzelnen um eine kurze psychologische Grundlagenuntersuchung: Patrick ist kontrollsüchtig, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Johannes ist bindungsscheu, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Zu welchen Ergebnissen die weiteren psychologischen Rückverfolgungen führen – und wovor die Protagonistin selbst eigentlich Angst hat -, darf man nun kreativ raten. Ein wenig Leben in die funktionell dargestellten Charaktere bringt Antonia Baum nur an seltenen Stellen, die inmitten aller Aufgesetztheit echte Gefühlsdilemmata vermitteln: Wie sagt man als empathieunfähige Tochter dem empathieunfähigen Vater, dass man ihn lieb hat? Und warum überlegt man überhaupt, bevor man es sagt? Weil es gar nicht stimmt? Oder vielleicht aus Angst vor einer Antwort, im schlimmsten Falle: Ich dich auch?

Hysterische Pauschal-Wut, Überreiztheit und gleichzeitiges Unvermögen sich zu emanzipieren: Kennt man – wir waren alle mal 15. Angesichts jener Symptome, die sich im hyper-emotionalen Sprachgebrauch (Kraftausdrücke inklusive) und dem schonungslosen Erzähltempo widerspiegeln, muss sich der Roman natürlich den Vorwurf gefallen lassen, über das Niveau des Pubertären nicht hinaus zu gelangen. Thema und Ton bedingen sich jedoch gegenseitig, und welchen Zweck erfüllte es, einen höflichen Roman über gesellschaftliche Katastrophen zu schreiben? Die Frage ist eher, welchem Zweck dieser Roman im Ganzen eigentlich folgt: Sind die Katastrophen darin nicht allesamt selbst gemacht, steht am Ende nicht gutbürgerliches Selbstmitleid als Selbstzweck? Auf die gleiche Art gehadert hatte ich auch mit Christian Krachts Faserland: Eine sprachlich und inhaltlich eindrückliche Schilderung der Verkommenheit der Bildungselite, ja, aber von einem Autoren, der die Präzision seines Blicks nur dem Umstand verdankt, Teil ebendieser Elite zu sein. Kritik an einer Welt, die nur sich selbst betrachtet – mittels literarischer Selbstbetrachtung? Einsicht ist der beste Weg zur Besserung, und so arbeitet sich der Antrieb beider Romane engagiert durch verschiedene Ebenen von Einsicht hindurch, versagt aber jeweils auf dem Weg zu einem konstruktiven Fazit.

Man kann mit Recht genervt sein von dieser sich um sich selbst drehenden Suada Antonia Baums. Sie nach ein paar Jahren wieder hervor zu holen lohnt dennoch: Mir ist in letzter Zeit kein Buch untergekommen, in dem sich eine Autorin oder ein Autor unter vollem Einsatz ihrer Wutkräfte so weit und mit so großer Klappe aus dem Fenster lehnen würden, wie es Antonia Baum in diesem Buch getan hat. Mit der Wut an sich bin ich einverstanden, die lässt sich gebrauchen. Aber ich suche nach Autoren und Autorinnen, die dieser Wut auch ein Angebot zur Kraftentfaltung machen, ihr ein Ziel geben, einen Sinn abseits des Selbsthasses verleihen.


>> Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot (Suhrkamp) TB € 8,99

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NACHTEINSAMKEIT // Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht

Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Sonja Grebe)

2014 jährt sich der Geburtstag des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar zum hundertsten, sein Todestag zum dreißigsten mal. Grund genug ihm (mehr als) eine surreale Lesenacht zu widmen. Auf deren Risiken und Nebenwirkungen darf man sich freuen.

Es ist unerklärlich, wie sehr das Wachsein und das Träumen in den ersten Augenblicken der Erwachens vermischt bleiben und sich weigern, ihre Wasser zu scheiden. (S.109)

So beschreibt Gabriel, Protagonist der Erzählung Rückkehr aus der Nacht, eingangs seinen Verstörungszustand. Aber er scheint damit über den Rand der Erzählung hinaus zu sprechen, denn gleichzeitig artikuliert er in diesem Satz das Grundgefühl des Lesers, der sich in der Cortazár-Dimension verfangen hat: Hier stehen die Grundgerüste von Traum, Realität, Zeit und Raum auf frei beweglichen Füßen. Julio Cortázars Prosa ist in der surrenden, zirpenden, nebelsprühenden Schublade der Phantastischen Literatur zu Hause, wo sie in artverwandtschaftlicher Eintracht neben den Werken von Franz Kafka, Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder seines Landsmanns Jorge Luis Borges liegt – für Bescheidenheit im literarischen Vergleich besteht dabei für den großen JC kein Grund.

Aber zurück zu Gabriel, der mitten in der Nacht erwacht – noch unschlüssig, ob in einem Albtraum oder aus einem solchen -, aufsteht, sich im Spiegel betrachtet und dabei im Spiegelbild seiner eigenen Leiche gewahr wird, die auf dem Bett liegt, ohne ihn. Mit traumwandlerischer Gelassenheit betrachtet Gabriel die Situation zunächst als kniffelig. Eine hochgradige Akzeptanz gegenüber dem Absurden und Erschütternden ist ein weiteres Cortázar-Merkmal, das dem Leser jedoch nach wenigen Seiten keinerlei Verwunderung mehr abringt: An diesem Punkt hat Cortázars Spracheleganz längst den sanften Übergang in die Welt der aufgelösten Maximen bereitet – nahezu unbemerkt, einzig ein seltsam wohliges Unbehagen stellt sich ein. Man wittert gärende Verhängnisse, die in Zeitlupe ihrer Explosion zustreben. Cortázars Kernmotiv ist der Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute. Das eigentliche Opfer dieses Einbruchs findet sich allerdings nicht im Geschriebenen, sondern ist das Ziel des Geschriebenen: Der Leser selbst findet sich unversehens in den vermischten Wassern von Wach- und Traumwahrnehmung treibend. Die phantastischen Elemente stehen nicht unterhaltend im Vordergrund, sondern sind das technische Mittel, um dem Leser Argwohn und Neugier gegenüber der alltäglichen Realität beizubringen, um Gewissheiten zu zersetzen und gewohnte Denkabläufe zu stören. So also auch in Rückkehr aus der Nacht: Da träumt jemand, er sei gestorben, denkt man, und fixiert damit bereits seine Vorstellung, es handele sich bei dieser Erzählung um eine Traumschilderung. Gabriel, so heißt der Erzähler mit Namen. Das erfährt man so nebenbei, aber es führt eine gedankliche Vollbremsung herbei: Erzengel Gabriel, denkt man jetzt – zuständig für Deutungen von Visionen, Engel der Verkündigung und der Auferstehung. Stopp. Nochmal von vorn lesen, um festzustellen, dass man im ersten Anlauf nur gedacht hat, man lese genau, denn nun liest man ganz anders. Aber das war erst der Anfang, und Cortázar ist längst noch nicht fertig. Mit uns.

Sein sicherer Sinn für das Verunsichernde mag wohl zurückgehen auf Cortázars Biographie, die eine Reihe von Weltenwechseln und privaten Brüchen beinhaltet. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Brüssel als Sohn eines argentinischen Handelsattachés geboren, wird Cortázar als Kleinkind im erschütterten Europa hin und her verpflanzt, bis die Familie schließlich nach Buenos Aires zurückkehrt. Dort verlässt der Vater die Familie und verschwindet spurlos. Julio wächst als kränkelnder Junge unter Frauen auf, die Mutter versucht die Familie mit einem Bürojob zu ernähren, der Gemüsegarten und das Hausvieh der Großmutter verhindern das Verhungern. Überliefert ist eine Geschichte, nach der Julio daran verzweifelt, dass die von ihm angepflanzten Nudeln einfach nicht wachsen wollen. Angesichts des sich weiter verschlimmernden Elends flieht der Junge sich in eine eigene Welt, das Lesen, die Bücher – alle Bücher, zu denen sich ihm in seiner Armut irgendein Zugang bietet. Der literaturhungrige Junge wird später Lehrer, in den 1940ern sogar Professor für französische Literatur. Unter dem Peron-Regime jedoch emigriert er nach Europa, wo er als Schriftsteller und Übersetzer arbeitet. Dreimal ist Cortázar verheiratet, seine letzte Ehefrau, rund dreißig Jahre jünger als er, stirbt nur drei Jahre nach der Heirat. Cortázar bleibt auf dem Kontinent seiner frühen Kindheit und stirbt in Paris.

Die Erzählungen Cortázars in der oben abgebildeten Sammlung Rückkehr aus der Nacht (zusammengestellt und mit einem Nachwort von Clemens Meyer) sind ein einladender Einstieg in sein umfangreiches literarisches Werk, das von einem ungezügelten literarischen Spieltrieb und hochkonzentrierter Sprache geprägt ist. Sein Meisterwerk Rayuela, dt. Himmel-und-Hölle, war eines meiner wichtigsten Lese-Erlebnisse.

Cortázar nachts lesen? Unbedingt! Wer nicht aufpasst, liest sich durch die Nachtstunden, hat damit aber den Schlaf gegen etwas Wertvolleres getauscht. Das manipulative Erzähltalent Cortázars ist besonders wirksam, wenn man – ebenso nachteinsam wie Gabriel – den vermischten Wassern ungestört erlauben kann Zeit, Raum und Realität um sich herum zu unterspülen. Und weil für Cortázar selbst die eigene Jenseitigkeit kein schriftstellerisches Hindernis ist um die Fließbewegungen unserer Gedanken zu steuern, nimmt er, während wir ihn lesen, an einer Stelle schon vorweg, wie sich unsere eigene Rückkehr aus der Nacht anfühlt:

Und das Orchester des Tagesanbruchs stimmte leise seine kupferfarbenen Instrumente. (S.117)


>>Julio Cortázar via Suhrkamp Verlag

>>Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Suhrkamp), €8,90

London, Kleiner Weltatlas (Bibliographisches Institut 1930er Jahre)

AM FLUSS // Zwei Frauen, zwei Flüsse: Gertrud Leutenegger und Esther Kinsky

Zwei besondere Romane haben mich zuletzt literarisch nach London geführt: Gertrud Leutenegger erzählt in Panischer Frühling von Stillstand und Bewegung. Und Am Fluß von Esther Kinsky beschreibt Werden und Vergehen von Mensch und Landschaft.

Gertrud Leutenegger, Panischer Frühling Esther Kinsky, Am Fluss

Der Inbegriff von Bewegung ist wohl der Fluss. Fließbewegung kennzeichnet innere, höhere, übergeordnete Vorgänge: In uns fließt Blut, man misst Gehirnströme, man spricht vom Stream of Conciousness, ebenso von Finanzströmen oder kulturellen Strömungen, stellt die Geschichte im Ganzen wie auch das Leben des Einzelnen als Fluss dar – all dies Verborgene oder Abstrakte wird im Betrachten eines Flusses greifbar.

Die Themse ist es, die das Hintergrundrauschen zu Panischer Frühling beisteuert. Die wenig sesshafte Erzählerin des Romans hat sich in einem bewegten Leben eingerichtet, das sie inzwischen nach London geführt hat. Dort jedoch tritt jedem Bewegungsdrang ein unwirklich anmutendes Ereignis in den Weg: Die vom isländischen Vulkan Eyjafjallajökull verursachte Aschewolke sorgt für eine tagelange Flugsperre und konfrontiert die global-mobile Welt mit dem ausgestorben geglaubten Phänomen Stillstand. Leuteneggers Roman entfaltet eine reiche Symbolwelt im Spannungsfeld zwischen zwei Lebenspolen: Die Erzählerin steht zwischen Fluss und Verwurzelung – von fortgerissenen Wäldern, die den Fluss hinabtreiben, ist die Rede, ein Haus aus Kindheitserinnerungen besaß sowohl ein Waldzimmer als auch einen Seezimmer. Und die Symbolik weitet sich aus ins Gebiet der Großbegriffe: Leben und Tod, Werden und Vergehen. Das Leben ist ein Spiel der Wechsel. So besteht beispielsweise auch die Besonderheit der Themse darin, dass sie dem Tidenhub unterliegt. Analog dazu sind die Kapitel mit dem jeweiligen Wasserstand überschrieben, das Geschehen bewegt sich zwischen Low Water und High Water, die Ausschläge sind unterschiedlich hoch oder niedrig. Die Asche des Vulkans findet eine Parallele in jener Asche, an die sich die Erzählerin aus Kindertagen erinnert: Im kirchlichen Zeremoniell wird Asche auf das Haupt des jungen Mädchens gestreut um an die Sterblichkeit allen Irdischens zu gemahnen. Erblühen und Niedergang drängen sich bis in jeden nebensatzkleinen Raum hinein dicht aneinander, wo zum Beispiel in einer knappen Schilderung der prächtigen Frühlingsblüte im Park das Elend der Obdachlosen, die sich dort inmitten all der Blumen schlafend zusammenkrümmen, im selben Satz miterzählt wird. Ein bestimmter Obdachlose nimmt für die Erzählerin bald eine besondere Rolle ein: Jonathan, dem sie die Obdachlosenzeitung abkauft. Jonathan, dessen Gesicht zur Hälfte renessaincehaft zart, zur Hälfte entstellt ist. Es besteht eine Verbindung zwischen ihr und diesem Fremden. Wie tief und von welcher Art jene Verbindung wohl sein mag – dieser Frage geht die Erzählerin nach.

Auch in Am Fluß wird der Fluss zum lebensbeschreibenden Element, hier ist es der River Lea im Osten Londons. Die von ihm geprägte Marschlandschaft ist eine Welt, in der Aufschwünge und Niedergänge überall deutlich werden. Man mag sich darüber streiten, ob die Bezeichnung Roman für dieses Buch treffend ist – ich bin, anstatt mitzustreiten, lieber mitgeschwommen: Der Assoziationsstrom, den Esther Kinsky ausschüttet, ist ein wundervolles Leseerlebnis. Autobiographisch gefärbt, fügt die Autorin Beobachtungen aneinander, schildert Werdegänge und Hintergründe, die mit dem Fluss verknüpft sind, ihre tiefere Bedeutung dabei aber auf mehreren Ebenen entfalten. Ihr Erzähl-Ich arbeitet als Übersetzerin, ist tätig in verschiedenen Funktionen, in der Übertragungen von einer Sprache in eine andere vorgenommen und Bedeutungen umgewälzt werden, lebt selbst in Übergangszuständen, kommt nirgendwo an, kommt nicht zur Ruhe. Die eigene Vergangenheit vermischt sich mit Vergänglichkeitseindrücken, die sie entlang des Flusses sammelt: Im geographischen Randgebiet der Großstadt zerfasert die urbane Pracht der Metropole, soziale Randgebiete liefern menschliche Betrachtungen, Naturbeobachtungen und Industrieszenen verbinden sich. Begleitet werden die Beobachtungen von sich atmosphärisch perfekt einfügenden Abbildungen, die das Erzählte in schwarz-weißer Stimmung untermalen. Esther Kinskys Einfühlung in das von ihr so detailbewusst beschriebene Umfeld, die feine Wahrnehmung von Bedeutungsebenen, die sie elegant, intelligent, unaufgeregt in schlichtweg schöne Sprache fasst, machen dieses Buch für mich zu einer meiner liebsten Entdeckungen in diesem Jahr. Darüber hinaus zeigt sich durch Am Fluß mal wieder, dass es sich lohnt, immer ein Auge auf den Verlag Matthes & Seitz zu haben, in dessen Programm sich reichlich Schätze verstecken.

Beide Bücher fanden sich in der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises, bis in die Shortlist gebracht hat es Panischer Frühling.


>> Gertrud Leutenegger, Panischer Frühling (Suhrkamp) Gebunden €19,95

>> Esther Kinsky, Am Fluß (Matthes & Seitz) Gebunden €22,90