Suhrkamp

HÖHENUNTERSCHIEDE // Jennifer Clement, Gun Love

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“

Reinweiß und süß, aber nichts wert. Zwei knappe Sätze, mit denen Jennifer Clement diesen Roman aufmacht, als wär’s ein elegischer Blues-, Folk- oder Countrysong. Clement lässt die 14jährige Pearl ihre Geschichte und die ihrer Mutter Margot in drei Teilen, gewissermaßen in drei Strophen, erzählen, deren Singsang voll von Zärtlichkeit, Bedauern und staubtrockenem Zorn ist.

Eingedenk der Gesetzmäßigkeiten, nach denen traurig-zuckrige Songs gemeinhin funktionieren, weiß man natürlich von Beginn an, was dieser Roman nicht bereithält: ein gutes Ende. Noch dazu, wenn diese Gesetzmäßigkeiten auf Leute wie Margot und Pearl angewandt werden, die ohne Habe, ohne Zukunft in einem alten Mercury Topaz Automatik auf dem Besucherparkplatz eines Trailerparks leben.

Eine solche Geschichte davor zu bewahren, in Kitsch zu zerfließen, ist eine Kunst für sich. Schilderungen des amerikanischen Hinterlands stehen oftmals mit einem Bein im verklärten Klischee; noch öfter springen sie mit Anlauf mitten hinein. Oder sie bedienen einen fragwürdigen Sozial-Voyeurismus.
Clement schreibt sich mit echter Empathie quer durchs wilde Florida und findet überall Zucker, doch der knirscht wie Glassplitter. Die Kronjuwelen des Americana-Geistes werden systematisch ins Visier genommen, um sie vom Himmel zu schießen: die romantische Liebe, das Auto, Treue und Dankbarkeit gegenüber Gott und dem amerikanischen Soldaten, die emotionsgeladene Blutsbrüderschaft zwischen Mensch und Waffe, nicht zuletzt natürlich der Traum vom Aufstieg in ein besseres Leben – selbst Pepsi-Zuckerplörre schmeckt auf einen Schlag eisenbitter.

Pearls eigene Geschichte liefert Alltagseindrücke blanker Armut, die schon fast fremdartig, märchenartig wirken. Eine Existenz am Rande der Nicht-Existenz; Pearl besitzt nicht einmal eine echte Geburtsurkunde. Ihre Mutter Margot büxte, um ihre Teenager-Schwangerschaft geheim zu halten, einst im Auto von Zuhause aus, und aus diesem Leben unterwegs, was als bloße Überlebensmaßnahme, als Übergangslösung gedacht war, wurde ein Leben im Autowrack. Statt Freiheit und Wohlstand verkörpert der mehrfach umgepinselte Mercury nur noch Stillstand und Niedergang.
Obwohl Margot über ihre Herkunft nicht viel preisgibt, ist klar, dass es sich bei ihr um ein Aschenputtel-verkehrt-herum handelt, das nicht durch ihren Herzensprinzen erst zur Prinzessin wurde, sondern, im Gegenteil, durch ihn aus ihrem Prinzessinnenleben herausfiel und sich als Putzmädchen wiederfand (Margots einzige Einnahmequelle besteht darin, dass sie im nahe gelegenen Kriegsveteranenheim saubermacht). Einzelne Schätze, die Margot aus ihrem Kindheitsleben mitnahm – gutes Porzellan, Schmuck, Kunstgegenstände -, wirken hier, am Rande des Trailerparks, geradezu wie Kofferraumleichen.
Unterm Vordersitz lagern derweil Pearls eigene Schätze: Murmeln, Knöpfe, Scherben. Fundstücke, die sie mit ihrer einzigen Freundin April May auf der Müllkippe zusammenträgt, deren stinkende Hügel Pearls Heimat-Panorama bilden.
Margots Wesen ist trotz aller Widrigkeiten (auch das Wohlstandszuhause war kein Paradies) von unverdorbener, bonbonsüßer Natur. Pearl berichtet, ihre Mutter kenne „alle Liebeslieder, die ganze Universität der Liebe“. Aber sie kennt sie nicht bloß – sie ist so etwas wie die „Universität der Liebe“ auf zwei Beinen: Margot hat dieses popkulturelle Paralleluniversum vollkommen verinnerlicht, es zur esoterischen Lebenshilfe erhoben, sie denkt wie ein Lovesong, und sie redet auch wie einer.

„Du bist der pure Glanz, sagte meine Mutter. Mit dir zusammen zu sein ist, als hätte man hübsche Ohrringe oder ein neues Kleid an.“

Neben den Mercury-Mädels leben auf dem Wohnwagengelände Sergeant Bob mit Familie, die Mexikaner Ray und Corazón, die ehemalige Lehrerin Mrs Roberta Young mit Tochter und der dubiose Pastor Rex, der irgendwann den noch dubioseren Eli anschleppt. Ähnlich wie Margot, haben auch einige dieser Figuren ihr Seelenleben aus der Not heraus lieber in einen der Realität entrückten Traumkäfig gepfercht.

„Mexikanische Telenovelas sind besser als das Leben, sagte Corazón. Eines Tages wird das jemand untersuchen und feststellen, dass es stimmt.“

Wie Pearl diesen Roman erzählt, das gleicht mitunter sehr dem Songtextklang, den ihre Mutter an den Tag legt. Margot hat schließlich nichts Monetäres an ihre Tochter weiterzugeben – was Pearl stattdessen von ihr übernimmt, ist ihre Art zu denken. Das Regelwerk der Liebes- und Lebenslieder. Und dazu eine Pistole.

Von Tschechow wissen wir: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert. In Pearls Umfeld, wo es an allem fehlt, gibt es dafür etwas anderes in Massen: Waffen und Munition. Tschechow darf man nun ausnahmsweise mal wörtlich nehmen – bloß dräut und lauert hier nicht irgendein einzelnes Verhängnis, sondern alles, alles trieft davon. Es gibt gibt Sporttaschen voller Waffen, Hotelzimmer voller Waffen, ein Flussbett voller Patronenhülsen. Was das für die Dramaturgie von Gun Love verspricht, möge sich die potentielle Leserschaft an dieser Stelle bitte selber ausmalen.

Die Presse wedelt hier und da mit Namen wie Johnny Cash, um den Ton des Romans in eine populäre Schublade zu stopfen. Ich höre da eher die große, kaputt-zärtliche Karen Dalton singen – aber am Ende ist das einerlei, sind das alles Vereinfachungen, denn in Gun Love steckt Musik im Überfluss.
Damit gemeint sind nicht nur die andauernd eingestreuten Songtitel („‚Slowly Walk Close to Me‘, ‚Where Did You Sleep Last Night?‘, ‚Born Under a Bad Sign‘ und all die anderen Ich-bring-dich-um-wenn-du-mich-verlässt-Lieder“) und Anspielungen auf Klassiker. Die beliebte Masche, das Buch auch im Ganzen mit einem Song zu vergleichen, hat durchaus Berechtigung: Clement arbeitet mit Wiederholungen, als gliedere sie das Erzählte in Strophen und Refrain. Auch strotzt der Roman nur so vor Sätzen, die ganz und gar wie Songzeilen klingen.

„Ich hätte es nicht besser wissen können, Elis Hände waren Seife, und ich konnte eine anständige Wäsche gebrauchen.“

Alldieweil hätte ich Gun Love auch gut in die Rubrik Sprachmusik stecken können. Doch am Ende steht die musikalische Seite des Textes nicht im Vordergrund, sie dient keinem Selbstzweck – in erster Linie ahmt sie den Tonfall klassischen US-Liedguts nach, um damit dessen ewig aktuellen Kern zu beschwören: das Auf und Ab des Schicksals. Ob in den Blues- und Jazz-Standards, dem Great American Songbook, den Folk-Klassikern und Traditionals: Es findet sich darin unendlich viel Gesang vom Stolpern, Fallen, Hingefallensein.
Der Amerikanische Traum ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Kulturgeschichte der USA, aber ist sein Gegenstück – nennen wir es mal schlicht den Amerikanischen Mangel – als viel häufiger gelebte Realität nicht vielleicht das entscheidendere Element?


>>Jennifer Clement, Gun Love (Suhrkamp) €22,-


 

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DAS FÜRCHTE-ICH // Angst+Hasen

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Honey Bunny

Zwar war ich nie die ganz große Sportskanone, im Schnelllauf aber immer spitzenmäßig. Im Grundschulsport bin ich allen davongeflitzt. Wer mich auf dem Pausenhof verdreschen wollte, der musste mich erst einmal kriegen: Dumme Karnickel sind Hundebeute – ich war hier der Feldhase, meine Sprintqualitäten berühmt, meine Haken unschlagbar.
Als die Jungs (es waren immer die Jungs) das irgendwann verstanden hatten, hörten sie auf mich zu jagen und gingen zum Auslachen über. Das war nicht dumm. Aus meinem Vorweglaufen, das sie als die lahmen Köter dastehen ließ, machten sie so ganz einfach ein Davonlaufen, das mich als die Angsthäsin auswies. Dumm war, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte, mir von nun an lieber blaue Flecken holte, ein paar Haarsträhnen hergab und, wenn ich ab und an selbst einen kleinen Skalp hatte reißen können, echt glaubte, jetzt hätte ich’s denen aber mal so richtig gegeben, aber hallo.

Als, ich denke, 18jährige bin ich mal mit einem Trupp nicht allzu viel älterer Jungs, die gerade ziemlich vollgetankt von irgendeiner Großveranstaltung kamen, in der U-Bahn gefahren. Es war spät, die U-Bahn ansonsten unbesetzt. Aus Langeweile und Übermut fingen die Jungs bald an, sich mit mir zu beschäftigen. Das war erst albern, schlug dann ins Schmierige um, und schließlich kamen zwei rübergetorkelt, um an mir herumzutätscheln. Stichproben-Anfasserei. Die übrigen kommentierten das spaßig und erhoben sich von ihren Hintern, um das auch mal auszuprobieren. Bisschen anstupsen, bisschen fummeln vielleicht. (Liebe Leserinnen, Sie kennen das – es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass Sie noch sehr, sehr viel Schlimmeres, richtig Schlimmes kennen. Ich weiß.)
Ich sagte rein gar nichts, quetschte mich irgendwie durch, bis ich in der Tür stand, und wartete dort stoisch auf den nächsten Halt, der eigentlich noch gar nicht meine Station war, aber egal jetzt; natürlich musste ich hier raus. „Was läufst’n weg, Hase?“ „Hasiiiiii!“ „Wo gehste hin jetzt?“ „Wir kommen mit! Ja? Nimmst uns doch mit, Hasi?“
Kaum, dass die Tür sich geöffnet hatte, drängelten sich die Herrschaften tatsächlich mit mir nach draußen. Kann sein, dass sie ohnehin hier aussteigen mussten. Kann auch sein, dass sie meinetwegen ausstiegen – weil sie solchen Spaß daran fanden, es an mir zu übertreiben. Ich ging aus dem Stand in den Sprint über. Sofort großes Gelächter. Hinter mir hörte ich Laufschritte klatschen, doch nur über kurze Distanz: kein echtes Jagen, nur ein bisschen Scheuchen, reiner Jux. „Ich krieg dich noch, du! Ha!“ „Guck ma, guck ma wie die rennt!“
Im Prinzip hielt ich diesen Haufen für harmlose Idioten, und es fühlte sich überhaupt nicht gut an, vor solchen Flitzpiepen davonzurennen. Ich schimpfte nicht einmal drauflos – wäre mir nämlich auch nur ein Wort rausgerutscht, wäre ich vollständig geplatzt, wolkenbruchartig. Ich rannte entschieden weg, weil mir klar war, dass ich sonst vor lauter Brast um mich geschlagen hätte, was allerdings mit Sicherheit dumm ausgegangen wäre.
Wenige Bahnsteige und Rolltreppen weiter – über meinen Kaninchengalopp wurde sich unterdessen wohl immer noch kaputtgelacht – schnappte ich Luft. Ich hatte mich natürlich total vernünftig verhalten, und da ich ansonsten durchaus zu Dummheiten neigte, hätte ich nun ganz zufrieden mit mir sein müssen. Von wegen. Ich glühte und prasselte vor Wut, im Rachen schmeckte es schon nach Ruß, und am schlimmsten wütend war ich doch glatt auf mich selbst.
Während ich weiter durch die Station marschierte, und auch zuvor, während der Bahnfahrt und während der anschließenden Rennerei, war ich dermaßen mit meiner stillen Wut beschäftigt gewesen, dass ich gar nicht dazu gekommen war, mich ängstlich zu fühlen. Aber Angst beißt einen ja oftmals erst von hinten.
Ein paar Schritte später begann ich zu eiern, auf einmal machte es klack und ich trat komisch ins Leere: Mein Absatz war abgebrochen. Ich stand beschädigt da, hielt meinen Schuhabsatz in der Hand, und da überkam mich ein solches Gefühl von Wehrlosigkeit, dass ich am liebsten ins nächstbeste Loch gekrochen wäre. Es biss mich: Was, wenn ich direkt nach dem Aussteigen gestolpert wär? Wenn sie mich gekriegt hätten? Viel Cola-Korn, viel Testosteron, bisschen Adrenalin – und dazu so’n Häschen, das einem direkt vor die Füße fällt?

Wie kam es eigentlich einst zustande – ein guter Trick der Kerle? -, dass sich als weibliche Schönheitsattribute insbesondere solche Dinge etabliert haben, die uns langsam und unbeweglich machen? Wie High Heels, oder enge Röcke? Damenfrisuren dürfen nicht zerzausen, das Make Up darf nicht wegschwitzen; nach dem Nägellackieren hält man minutenlang still.


Zwangst

Bei aller Flauschigkeit: Man tut den Leporidae, ob nun Feldhase oder Wildkarnickel, unrecht, indem man sie auf ihr verkitscht-verniedlichtes Klischee reduziert. Nicht umsonst hat sich ein Langohr als Oster-Maskottchen durchgesetzt: Wer in der Nahrungskette so tief unten zu finden ist, wer solche Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten vorzuweisen hat, der versteht was vom archaischen Themenkreis Werden-Vergehen-Werden.
Zuchthasen und Käfigkaninchen kommen mir allzu entseelt vor. Freilebend sind sie mir lieber, so hab ich sie gern, nur: Ich komme nie so recht davon weg, die sowohl stimmliche als auch mimische Stummheit der Mümmelmänner als etwas ungemein Unheimliches wahrzunehmen. Einem Feldhasen zuzuschauen, wie er mit 70 Sachen übern Acker brettert, ist herrlich – aber danach, wenn ich im Fernglas das Hasengesicht zu fassen kriege, morst da die bebende Schnauzenspitze Gefahr-Gefahr-Gefahr, glänzt in blanken, ausdruckslosen Hasenaugenkugeln Tod-Tod-Tod, und dann lasse ich das Fernglas sinken, schaue mich schaudernd um, frage mich, was ein Hase wohl so alles wittert und so alles weiß und ob nicht auch ich vielleicht besser hätte rennen sollen; frage mich: War da nicht gerade was? So ein Schatten, ein Hauch…

Auch im Kopf, und zwar hauptsächlich im Kellerraum unterm Bewussten, begegne ich den Hasenartigen öfters. Nie treten sie dort einfach als niedliche Streicheltiere auf, immer sind sie seltsam machtvoll, zwiespältig.

Am Ende meiner vertrauten Straße, die ich aus der Wirklichkeit so nicht kenne, wohnte einst, in einem verschachtelten Gebäude auf hochgelegenem, umzäunten Grund, ein Fabelmann. Ein echtes Märchenbiest – hässlich, bösartig, kalt. Ich hockte verschanzt im Häuslein mein, Häuslein klein, und wusste sicher, der Fabelmann würde mich holen kommen, so wie er sich bereits zwei Nachbarinnen gekrallt hatte, aus deren Häusern mich nun bloß noch leere Fenster anstarrten. Nachts hörte ich den Fabelmann bei mir am Fensterkitt herumpulen und an den Türscharnieren werkeln. Bald, bald, dachte ich.
Also bat ich ein abstruses Insekt, mit dem ich offenbar gut befreundet war, es möge doch den Maulwurf zu mir schicken und der solle bitte auch ein bestimmtes Buch mitbringen. Sogleich warf der Maulwurf neben meiner Bettkante einen Hügel auf, streckte seine Schaufelpranke heraus, um mir das betreffende Buch vor die Füße plumpsen zu lassen, zeterte: „Da! Aber was auch immer du damit verzapfst – ich will damit nichts zu tun haben, dass das klar ist!“, und verdrückte sich.
Ein dunkles Buch, eingebunden in etwas, das aussah wie gepresste Erde oder Chitinplatten. Ich schlug es auf, prüfte die Rezepte, prüfte die Bestände meines Küchenschranks und fand alles, was ich brauchte. Zittrig stellte ich Buch und Zutaten parat – es konnte losgehen: Erst der Spruch, dann der Brei. Vorsichtig, genau lesend sagte ich mein Sprüchlein auf.
Im schwarzerdigen Feld draußen vorm Fenster begann es zu rumoren. Als ginge hier Jasons Saat von Drachenzähnen auf, stiegen aus der Ackerkrume Gestalten empor, Furche für Furche, hochgewachsen, menschlich, nur ihr Kopf ein großes, mondweißes Hasenhaupt mit Kugelaugen, so rund und schillernd schwarz wie Mistkäfer. Es waren unzählige, sie bestanden das Feld bald wie ausgewachsene Maishalme; ihre Köpfe und ihre schlichten Anzüge waren allesamt identisch, und ihre Bewegungen verliefen synchron. Lautlos begann ihr Marsch – hinterm Fenster stand ich und verfolgte den weißbehaupten Fluss, wie er dem Haus des Fabelmannes entgegenströmte.
Ich sah, wie der Zaun brach, das Haus der weißen Brandung nachgab, ich sah, wie schließlich der Fabelmann brüllend und tobend in der stummen weißen Flut versank und… das war zu grausam, aber ich konnte nicht wegschauen.
Der hasenköpfige Strom wirbelte herum; noch immer konnte ich nicht wegschauen. Der Strom floss nun herab, meinem Häuslein klein entgegen. Der Brei!, fiel es mir plötzlich ein. Den hatte ich ja noch gar nicht zubereitet!
Erst der Spruch, dann der Brei, so stand es im Buch, aber nicht nur das: Der Brei sei unmittelbar, sobald alles in Gang gesetzt sei, anzurühren, denn der Brei sei das Mittel, um alles wieder außer Kraft zu setzen, und bekomme das Heer der Erdentstiegenen nicht den Brei, nehme die Erde es nicht wieder auf, und so müsse es dann weiterziehen auf ewig. Warnend hieß es im Rezept, man dürfe das wandelnde Heer nicht beobachten, wie es sein Werk erfülle, man müsse die Augen unbedingt abwenden, jawohl, es sei zwingend nötig, stattdessen den Brei zu rühren, der das Heer abspeise, sonst… aber das sei zu grausam.
Himmel, jetzt aber schnell: Ich pfefferte die bereitgestellten Zutaten in den Topf, ich rührte wie verrückt, ich gab dies hinzu und das, rührte und rührte, es fehlte nur noch… Wo war es denn? Tastend kroch ich über den Boden von gestampfter Erde. Draußen barst der Lattenzaun. Ich hatte doch ein Fläschchen davon gehabt, ganz bestimmt! Die Fenster sprangen. Ich suchte, ich kroch – ich fand es nicht, verdammt. Unterm Tisch nicht, nicht im Schrank, und unters Bett gekullert war’s auch nicht. Wo war es bloß? Die Balken stöhnten, das Dach schrie. Wo, wo?
Da quoll es stumm. Mir wurde weiß. Mir wurde schwarz.

Alles ein Hasenrennen, Tag und Nacht. Bloß nicht Beute werden! Funktionszwang, Versagensangst – schlimm, wenn sich Zwang und Angst verbinden: Zwangst.


Julio Cortázar, Brief an ein Fräulein in Paris

Sie wissen, warum ich in Ihre Wohnung kam, in Ihren so ruhigen und von Sonne umschmeichelten Salon. Alles scheint ganz natürlich, wie immer, wenn man die Wahrheit nicht weiß. Sie sind nach Paris gegangen, ich übernahm Ihr Appartement in der Calle Suipacha, wir trafen ein einfaches, befriedigendes Abkommen, jedem würde gedient sein, bis der September Sie wieder nach Buenos Aires führt und es mich in eine andere Wohnung verschlägt, wo vielleicht… Doch nicht deswegen schreibe ich Ihnen, ich schicke Ihnen diesen Brief wegen der kleinen Kaninchen, ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten; und weil ich gerne Briefe schreibe, und vielleicht auch, weil es regnet.

Wegen der Kaninchen. Aha.
Dieser Brief bzw. diese Kurzgeschichte findet sich in Julio Cortázars Bestiarium in einer Reihe mit ähnlich harmlos anmutenden Geschichten, die jedoch stetig und beharrlich ihre toxische Wirkung entfalten – zurück bleiben Ratlosigkeit, Unruhe, mitunter Pulsrasen. Lesen Sie das nicht nachts. (Lesen Sie’s auch nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln! Und auf keinen Fall allein zuhause – aber bitte auch nicht, wenn Sie zu zweit daheim sind. Lesen Sie’s vielleicht, wenn es geht… Ach, ich glaube, ich kann Ihnen da auch nicht helfen.) Ähnlich wie bei Kafka, frage ich mich bei Cortázar, wie er es bloß ausgehalten haben mag, all das schwerwiegend Unheimliche nicht nur zu denken, sondern obendrein aufzuschreiben, das Ganze schriftlich in Form zu bringen und gründlich auszufeilen. So was dauert ja…
So was zehrt doch!
Zurück zum Brief. Das mit den Kaninchen ist so: Sie entstehen nicht so recht natürlich; es hat sehr direkt etwas mit diesem Herrn zu tun, der übergangsweise, sozusagen als Housesitter, in ein hübsches Appartement in Buenos Aires zieht, während die Eigentümerin in Paris weilt. Das mit den Kaninchen hatte er bislang ganz gut vertuschen und verstecken können – hier, im fremden Umfeld, fällt ihm das schwer und immer schwerer. Die Kaninchen, ach!, sie lassen sich kaum noch im Zaum halten, und auch ihr Entstehen – dieses zwar harmlose, gleichzeitig völlig absurde und eigentlich ja doch furchtbar unheimliche Entstehen – ist ein Geheimnis, das den Herrn zunehmend belastet.
Im Brief vertraut er sich nun seiner Gastgeberin in der Ferne an – in durchaus plauderhaftem Ton, durch den jedoch ab un an, hauchzart, unterdrückte Panik schimmert.
Armer Mensch, denke ich. Schrecklich!, denke ich schließlich. Und dann denke ich: Was ist das eigentlich für ein Geräusch, das da vom Dachboden kommt? Oder eher von unterm Bett? Klopft da was?
Licht an. Und das Radio, das stelle ich auch gleich an. Señor Cortázar habe ich nicht einfach aus der Hand, sondern zurück ins Buchregal und obenauf die Buddenbrooks sowie drei Bände John Steinbeck gelegt (eine Bibel oder so habe ich gerade nicht parat). Erst mal setze ich einen Lavendeltee auf. Ich schleife die Bettwäsche ins Wohnzimmer rüber, aufs Sofa. Auf dem Sofatisch stapele ich ein paar Bände Tim und Stuppi und Asterix, Zeitschriften, Schokoriegel, Chips und halte Fernseher-Fernbedienung und Handy griffbereit. So geht’s etwas besser, ja. So ist es schon viel –
Himmel, irgendwas klopft doch da!


>>Collage: Grebe, 2013


>>Julio Cortázar, Bestiarium (Suhrkamp) €9,-


DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus.
Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten – ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen -, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können – bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei auch als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht. Es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche der Büchersendung benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da liegen auch noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen.
Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken.
Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts.
Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila); erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Juni 1992 ist.


Foto: Grebe


>>Esther Kinsky, Hain. Geländeroman (Suhrkamp) €24,-

>>Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller


 

BERG+WERK // Was bitte will Peter Handke damit – das ist MEIN Berg!

„Ihr seid das Salz der Erde“heißt es in der (Obacht:) Bergpredigt.
Damit wird nicht etwa den Gläubigen erklärt, sie würden den Boden schmackhaft machen. Gehen wir davon aus, Erde meint hier die Welt. Und Salz? Steht für Reinheit, denn es konserviert, es verhindert Fäulnis.
Soviel zum Ethos des Salzes.

„Wir holen das Beste für die Erde aus der Erde“, heißt es auf der Homepage der K+S, der weltweit größten Salzproduzentin. Auch das Kalibergwerk Sigmundshall in Bokeloh gehört ihr an.
Salz ist freilich nicht bloß zum Streuen da, sondern in Landwirtschaft, Industrie, Forschung, Medizin als Roh- und Hilfsstoff elementar wichtig.
Kaliumchlorid, wie es hier aus dem Rohsalz gewonnen wird, findet traditionell in Düngemitteln seinen Einsatz. Des Weiteren nutzt es die Industrie als Härtesalz, Schwebemittel und in allerlei sonstigen Verwendungsformen.
In hochdosiertem Zustand verabschiedet sich Kaliumchlorid von seinem guten Händchen für Fruchtbarkeit & Produktivität – es führt zu Herzstillstand. Bei Einschläferungen wird es dem Tier per Spritze verabreicht. Ebenso bildet es die letale Komponente bei Hinrichtungen mittels Giftinjektion.
Soviel zur Salz-Praxis.

Seitwärtsschritt, hinüber in die indische Mythologie: Göttin Kali ist unter anderem Beschützerin und Erlöserin, insbesondere aber grauenerregende Todbringerin. Die Poeten fürchten sie und suchen doch inbrünstig ihre Nähe.
Vielleicht klingt das ja in diesen ein, zwei Sätzen an, mit denen Peter Handke das schmale Bändchen Kali – Eine Vorwintergeschichte eröffnet – ganz beiläufig, wie um eine Unterhaltung fortzuführen:

Auch mir hat sie Angst gemacht, macht sie Angst. Aber ich möchte mich ihr stellen.

Über sie wird noch zu reden sein. Aber ich sag’s gleich, es ist das Kalibergwerk in dieser Geschichte, worüber ich hier am meisten – viel zu viel! – rede und weswegen ich Kali überhaupt gelesen habe. Es ist mein Kali.

Der Buchumschlag und der Blick aus meiner Haustür zeigen ein- und denselben Haufen Rohsalz, rund 120m hoch, die einzige Erhebung im platten Umland, früher reinweiß, heute, je nach Wetterlage, mitunter sogar pechschwarz, und ich habe erst gar nicht versucht, hier die unbefangene Leserin zu spielen.
Was aber, wenn auf einem Buch außerdem noch Handke draufsteht, eh wurscht ist, denn da ist es mit der Neutralität sowieso vorbei: Entweder man verehrt Handke, und zwar schwelgend – oder man schimpft über ihn, mit Geifer und Genuss.
Mich braucht man allerdings weder unter seinen Schwärmerinnen und Schwärmern zu suchen, noch unter denjenigen Hatern, die das Handke-Bashing mit dermaßener Akribie und so hohem emotionalen Einsatz betreiben, dass sie, bezüglich der Intensität ihrer Beschäftigung mit Handke, ja gar nichts anders machen als die Schwärmenden.
Was das angeht, hat mich Kali nun auch nicht radikalisieren können. Ich empfinde es als ein wenig relevantes Rotwein-Buch, und das mit dem Rotwein und mir — es ist einfach unerquicklich, lassen wir das. Tatsächlich ist es der erste Handke, den ich bis zum Schluss lese. Im Normalfall nehme ich Handke bloß zur Hand, um mir einen notdürftigen Einblick in etwas zu verschaffen, das überwiegend als poetisches Spitzenprodukt gewertet wird, und dann lege ich ihn auch schon wieder weg. Pathos-Allergie.
Kali lese ich über weite Strecken mit Gleichgültigkeit. In manchen Passagen werde ich ärgerlich, insbesondere während der Schlusspredigt. Die Erzählform wiederum, und wie Handke deren Spielräume auslotet, gefällt mir, ja, aber ich bete ganz gewiss nicht das Handke Unser.

Welche Position Kali im Handke-Katalog einnimmt, dazu kann ich wenig sagen, ich kann keine Querbezüge zu seinen anderen Werken herstellen, keine Charakteristika benennen. Die Erlösungssuche, oder die Wanderung – sind das nicht typische Motive? Mir ist, als hätte ich das mal so aufgeschnappt.

In diesem Fall nimmt die Wanderung ihren Anfang in einer namenlosen, trubeligen Großstadt; eine namenlose, gefeierte Sängerin beendet hier just ihre Sommer-Tournee. Den Winter will sie in einem Landstrich verbringen, der als Toter Winkel bezeichnet wird – für sie ist es die Gegend hinter dem Kindheitsfluß, hinter dem Kindheitssee, hinter dem Kindheitshügel.
Mit ihrer Wanderung folgt die Sängerin einer – ja was? Eingebung? Im laufenden Fernsehprogramm hat sie einen Mann gesehen und als den ihr bestimmten erkannt, und so macht sie sich nun entschieden auf den Weg zu ihm.
Und sie wird ihn finden, denn auch das ist ihre Bestimmung: eine Finderin zu sein. Da ist durchaus eine gewisse Portion Soft-Zauber am Werke. Einen verlorenen Ring im Kies, eine Kontaktlinse im Flokati – alles, was nahezu unmöglich wiederzufinden ist, fischt sie mit einem einzigen, zielsicheren Griff wieder hervor, und spricht dabei eine Warnung aus: Was einmal wiedergefunden worden sei, dürfe kein zweites Mal verloren gehen, denn es würde dann auf ewig verloren sein.
Der ihr bestimmte Mann ist, wie sie intuitiv weiß, der leitende Ingenieur des Kalibergwerks im Toten Winkel. Wo ein Abraumberg von schneeweißem Rohsalz monolithisch aus der Ebene aufragt und ein Areal der Reinheit markiert, in einer Welt, die andwerswo keine Gewissheiten mehr bietet, nur noch Verwirrung. Wo sich unter Tage eine weiß-glitzernde Gegenwelt erstreckt, die mit jedem neuen Stollen, den die Vertriebenen dieser Erde, welche hier als Knappen Arbeit fanden, ausheben, weiter wächst und wächst. Wo im Übrigen derzeit ein Kind vermisst wird – wie praktisch also, dass eine esoterisch zertifizierte Finderin gerade auf ihrem Weg dorthin ist.
Und wie tragisch zugleich, trägt doch die Sängerin mit ihrer Ankunft Gefahr ins Kali-Land. Sobald sie und der Salzherr, wie der Ingenieur oftmals genannt wird, zusammenkommen, sind nämlich beide – warten Sie, lassen Sie mich einmal tief Luft holen: des Todes!

„Ja, wenn wir beide, unser beider Körper, einander lieben, müssen wir sterben, Sie mit mir, und ich mit Ihnen. Jetzt ist es gesagt. Und da es gesagt ist, hat es zu geschehen.“

Treffen sich zwei – beide tot. Welch Jammer, welch Tragödie; welch wohlig-todesromantischer Schauer! Wie nimmt jetzt der Ingenieur auf, was die Sängerin da gesagt hat?

Der Gastgeber hat ihr reglos zugehört, und ist dann mit einem Ruck aufgestanden, wobei der Sessel umfällt. Hat er ihn absichtllich umgeworfen? Für einen Augenblick erscheint sein Gesicht wutverzerrt. Und beißt er sich jetzt nicht in die geballte Faust?

(Entschuldigung, genau so steht das da, so was denke ich mir ja nicht aus!)
Nun: Soll es mit den beiden denn wirklich dieses Ende, dieses bittere, nehmen? Gibt es denn wirklich keine Hoffnung auf Erlösung?
Muss womöglich zunächst das verschwundene Kind (das vielleicht ein ganz konkretes ist, vielleicht aber doch auch ein ganz abstraktes?) aufgefunden werden; muss diese eine Rettung jeder weiteren Rettung vorausgehen?
Falls aber wirklich niemand sonst mehr retten kann – könnte da nicht, ausnahmsweise, der Erzähler, sagen wir, ein bisschen mogeln vielleicht?

Der Erzähler, mit dem man es hier zu tun hat, ist nämlich durchaus ein sich beteiligender Erzähler, einer, der immer wieder selbst in den Roman eintritt, suchend und fragend durch die Landschaft streift, den Figuren nacheilt oder wie im Rüttelflug über ihnen stehend sie fixiert. Umgekehrt ist den Romanfiguren stets bewusst, dass sie ziemlich eigenwilligen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und dass es eine mehr als nur abstrakte lenkende Hand über ihnen gibt, und nichts davon scheint sie zu verwundern.
Ich neige die ganze Zeit über dazu, den Erzähler als Erträumer dieser Geschichte zu verstehen.
Zumal innerhalb seines Erzählens eine somnolente Willkür waltet. Der feste Boden konkreter Orts-, Zeit- und Namensangaben wird nie betreten. Alles schwimmt stets im Dehnbaren und Veränderlichen, beispielsweise sehen wir, mitten in der eindeutig vorwinterlichen Szenerie, die Sängerin plötzlich von munteren Libellen umschwirrt und von Sommerschilf umgeben. Im Toten Winkel ist, so liest man, seit Jahren kein Kind geboren worden. Das letzte war das jetzt vermißte, aber das ist nun schon ein Jahrzehnt her – und doch säumen, je länger die Sängerin dort verweilt, mehr und mehr Kinder die Szenen in der Knappensiedlung, als wüchsen diese einfach in die Erzählung hinein wie die Pilze. Die Figuren liefern sich Dialoge, wie sie sonst eher in Wachträumen oder symbolistischen Filmen stattfinden, bleiben, bis auf mickrige Ausnahmen, namenlos und auf ihre Funktionsbeschreibung reduziert (die Sängerin, der Fahrer, die Pastorin, der Maler usf.) und würden sich alles in allem auch gut zu Märchenfiguren eignen, kurz: Sie erinnern an alles mögliche, nur freilich nicht an wirkliche Menschen.
Im Grunde liest sich Kali wie ein Kunstmärchen der Romantik, dessen Autor leider 1942 geboren wurde anstatt 1772. (So was kommt vor, solche Fehler unterlaufen der Welt schon mal.)
Obwohl – ein Romantik-Stück, in dem ein Jeep durch Rohsalzstollen brettert, vorbei an Baggern und anderem montanem Großgerät? Das steckt schließlich alles drin. Und doch tut es dem Eindruck vorindustrieller Verwunschenheit, den Handkes Kali-Land erweckt, seltsamerweise keinen Abbruch. Den vorhandenen technischen Elementen zum Trotz, spricht Kali eine Sprache, die ich genauso aus romantischen Tiefenexpeditionen wie Die Bergwerke zu Falun von E.T.A. Hoffmann und Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen kenne.

Novalis‘ Vater war übrigens von Beruf Salinendirektor.
Aber wie kam Handke wohl auf den Trichter mit dem Salzbergbau?

Katja Flint: Ungefähr fünf Jahre lang waren Flint und Handke miteinander verbandelt. 2007, nicht lange nach der Trennung, erschien Kali.
Da unser Dorf, das Kalidorf, nun mal ein kleines Dorf ist, geht hier niemals auch nur ein Körnchen lokalen Tratsches verloren, und eine der unausrottbaren Ortslegenden besagt, Katja Flint habe früher mal auf dem Tienberg gewohnt. Womit die Werkssiedlung von Sigmundshall gemeint ist, das Dorf im Dorf. La Flint wurde hier geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre wohl tatsächlich auf dem Tienberg, machte dann aber schnell anderswo mit dem Aufwachsen weiter. Vom Kalibergchen im niedersächsischen Niemandsland ging es, noch als Kind, nach Amerika, zu den großen Salzseen. Vater Flint soll Ingenieur gewesen sein, aber allzu genau wusste und weiß man’s nun auch wieder nicht. Und interessant war das eigentlich auch bloß solange, wie Flint und Lauterbach noch täglich die BILD, die Bunte und Sat1 beschäftigten.
(Was ich von diesem Teil-Wissen habe? Hauptsächlich, dass ich mir die Sängerin, wie sie so im Ingenieurshaus oberhalb der Knappensiedlung mit dem Salzherrn gemeinsam nachtmahlt – ach, nicht bloß da, sondern: dass ich mir sie permanent als rothaarige Katja Flint vorstelle.)

Einen Teil seines Vorlasses hat Peter Handke ans Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek gegeben. Darunter auch Materialien, die seine Arbeit an Kali begleiteten.
Irgendjemand von hier muss ihm ein Exemplar des Bildbands zum 100jährigen Jubiläum von Werk Sigmundshall gegeben haben, den Handke sich kopierte, denn der war nur in winziger Auflage, bloß zum regionalen Eigenbedarf gedruckt worden; natürlich hatten auch meine Eltern damals einen gekauft.
Und Handke war zum Knipsen im Nachbarort Steinhude – es gibt Fotos vom Steinhuder Meer, von der Badeinsel, von den Booten, die übers Meer und auch durch Handkes Erzählung segeln, und ein sicherlich vom Wilhelmsstein, der Festungsinsel im Meer, aufgenommenes Bild, das die knallweiß überm Wasserspiegel schwebende Kali-Nordseite zeigt. (Die allerdings längst ganz anders aussieht als Handke sie noch fotografierte: Der rohe Abraum verwittert mit den Jahren zu grauem Steinsalz, außerdem wird der Berg mit dunkler Schlacke überzogen, auf der sich Pflanzenbewuchs ansiedeln soll.)

Das „Meer“ scheint freilich eher ein See, in der Ferne das Gegenufer? Dann der Bootssteg mit einem nun doch zu einer Meerespassage passenden Schiff; Name: DER AUSWANDERER.

Das Steinhuder Meer ist tatsächlich ein Binnengewässer. Mittendurch verlief früher die schwimmende Grenze zwischen Preußen-Hannover und Schaumburg-Lippe. Die besagten Auswandererboote dienen allein der Personenschifffahrt, und sie bekamen diesen Namen, weil sie, indem sie über den See setzten, Landesgrenzen überschritten. (Angepasst ans seichte Heimatgewässer, ist dieser Bootstyp übrigens nirgendwo sonst zu finden.) Die größte Tiefe des Meeres beträgt keine drei Meter, und meine Oma erzählte, wenn man die Untiefen-Linien finde, wo das Wasser nie mehr als knietief sei, könne man von einem Ufer bis zum anderen quer übern See gehen. (Ich war zu feige, das je selbst auszuprobieren, aber ich weiß auch, dass sich diese Feigheit nie so ganz ohne Grund einschaltet – sie meint’s gut mit mir.)

Handke lässt seine Sängerin ebenfalls eine Überfahrt im Auswanderer machen, dem großen Salzrücken entgegen, und nimmt dabei die Bootsbezeichnung wörtlich: Ihre Mitpassagiere sind Migranten aus aller Welt, Hoffnungslose, Versprengte, die von den Auswanderer-Booten zum Toten Winkel gebracht werden, wo sie Zuflucht und Arbeit suchen. Entsprechend mischen sich in der Werkssiedlung alle erdenklichen Religionen und Ethnien und es herrscht ein wildes Gewirr von Schriftarten und Vokabeln.
Der Salzherr erzählt:

Seit jeher war das hier eine Flüchtlingsgegend. Lange, bis nach dem letzten Krieg, und noch in den Jahrzehnten danach, kamen wir Flüchtlinge ausnahmslos aus dem Osten. Und bis Ende des vergangenen Jahrhunderts sind die meisten von uns hier heimisch geworden, fast – haben jedenfalls Arbeit gefunden im Salz, haben sich in der Gegend eingekauft. Aber die Flüchtlinge dieses neuen Jahrtausends werden ganz und gar nicht mehr heimisch. Und sie kommen inzwischen aus sämtlichen Erdgegenden.

Was dieses vergangene Jahrhundert anbetrifft, ist das keine Fiktion: Das Bergwerk zog stets die Verlorenen an.
Zunächst bot es in der extrem strukturschwachen Region den wirklich Unterprivilegierten geregelte und verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit. In der traditionell kleinbäuerlichen Gegend waren Tagelöhnerei und das, was man heute Arbeitsmigration nennt, ganz normal. Meine Urgroßväter (väterlicherseits) arbeiteten saisonweise als Reetschneider in Holland oder als Heringsfischer in der Nordsee; ihre Reisewege bewältigten sie – es hieß nicht umsonst Wanderarbeit – zu Fuß. Die Höfe, die notdürftig die Selbstversorgung der Familien sicherten, wurden unterdessen von den Frauen und Kindern allein unterhalten. Noch in der Wirtschaftswunderzeit war es üblich, sich Kühe und Schweine zum Eigenbedarf zu halten.
Mein Bokeloher Urgroßvater (mütterlicherseits) schuftete als dreizehnjährige Vollwaise in einer Weberei, bevor er auf Sigmundshall Arbeit fand. Für viele, die wie er dort ihren Hauerschein machten, war dieses Papier das erste Zeugnis, das sie je erhielten.
Zwar wurde der Förderbetrieb in Bokeloh Ende der 1920er pausiert, um nicht durch Überförderung die Rohstoffpreise ungewollt abzusenken, doch blieb mein Urgroßvater als Teil einer kleinen Wach- und Instandhaltungsmannschaft am Berg. Im Krieg wurden in Sigmundshall, anders als in den südlicher gelegenen Werken der Kali-Gesellschaft, keine Zwangsarbeiter eingesetzt, sondern die Stollen als Lagerstätte für die zentrale Lebensmittelnotversorgung genutzt. Ein Ali-Baba-Schatz aus Getreide, Margarine und Rübenzucker. Aber ob das wohl wirklich alles war, was da lagerte?
Mein Urgroßvater und sein Schäferhund liefen vor den Stollenzugängen Streife. Solche Schäferhunde wie diesen – einen Berger Blanc Suisse – hatten wir immer wieder in der Familie. Ihr Fell ist dick wie gehechelter Flachs und mattweiß wie Rohsalz.
Natürlich krempelte der Weltkrieg, der Zweite, auch in den abseitig-ländlichen Gebieten sämtliche Innereien um, schäumte Tollwut auf, schlug die Ordnung der Dinge zu Klump.
Der in erster Linie jüdisch besetzte Landhandel in seiner uralten, bewährten Form wurde ausgelöscht. Wem die obligatorischen Kriegerdenkmäler in Dörfern nicht fremd sind, weiß, dass jeder darauf verzeichnete Name, über einen persönlichen Verlust hinaus, eine stillstehende Viehzucht, einen un- oder mangelbewirtschafteten Hof, einen ungeführten Handwerksbetrieb bedeutete. Neue, dringend benötigte und doch von den Einheimischen oftmals nur zähneknirschend begrüßte Arbeitskräfte kamen in den Ort: Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose. Darunter mein Großvater aus Posen, der zupackend und zäh genug war, um praktisch jeden Job zu machen.
Aber es gefiel den Leuten nicht, dass Fremde sich hier niederließen. Dass Fremde anrührten und weiterführten, was verstorbenen Vertrauten gehört hatte. Dass fremde Gesichter die vermissten ersetzten. Zudem sprach man hier Calenberger Platt und konnte sich mit den ungeliebten Eindringlingen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und sonstwo nicht mal verständlich streiten! Allein, es nutzte alles nichts – man brauchte sie. Murrend schraubte man die Garstigkeiten etwas zurück. Man stürzte sich probeweise gemeinsam ins Vorankommen. Man staunte, wie gut das ging, und heiratete, siehe da, alsbald fleißig untereinander.
Nach Wiederaufnahme des Förderbetriebs wurden Hammer und Schlegel durch Schlagbohrmaschinen ersetzt, modernes Fuhrgerät angeschafft, und die werkseigene Rohstoffverarbeitung reifte immer weiter aus. Die Fördermenge erhöhte sich radikal.
Urgroß- und Großvater arbeiteten lange gemeinsam im Werk und verstanden sich prächtig. Später war auch mein Vater einer von denen, die auf Sigmundshall anfingen, weil sie nicht wussten, wohin sonst, aber er blieb nur für ein paar Jahre; unter Tage hielt er’s nicht aus.
Einen weiteren schlagartigen Bevölkerungszuwachs, wenn auch keinen vergleichbar großen, erlebte der Ort erst wieder im Zuge des Mauerfalls, und auch hier wieder bloß wegen des Berges.
Die vormals staatlich geführten ostdeutschen Kali- und Salzunternehmen gingen in Treuhand-Verwaltung über und später schließlich in der K+S auf. Während im Osten zusammengestrichen und verscherbelt wurde, zogen scharenweise Bergmänner samt Familien aus dem Südharz-Kalirevier weg, und sie gingen auch und gerade in den Norddeutschen Kali-Bezirk.
Etwa in der dritten Grundschulklasse kamen mein Dorfkinderjahrgang und ich mit etwas in Berührung, was wir mehrheitlich so gar nicht kannten: mit Kindern von anderswo, Kindern, die einen Dialekt sprachen, den wir nicht einordnen konnten und mitunter auch nur schwer verstanden, Kindern, die gerade einen weiten Umzug hingelegt hatten und uns damit ein Gefühl dafür einimpften, dass es außer Bremen und Hamburg, wo vielleicht ein paar Tanten wohnten, und Mallorca und Holland, wo man Urlaub machte, auch noch andere Orte gab, von denen wir gar nichts wussten. Wir waren ziemlich unschlüssig, ob wir sie verprügeln sollten, weil sie „Glasse trey“ anstatt „Klasse drei“ sagten, oder ob wir uns nicht vielmehr um ihre Freundschaft prügeln sollten, weil sie aus ihrer ehemaligen DDR so viele coole Dinge zu zeigen und zu erzählen hatten: Sie kannten sich mit gigantischen LPG-Landmaschinen aus, während manche Bauern hier immer noch mit dem kleinen roten Traktor vom Großvater durch den Ort pöttelten, oder sie hatten schon als Dreijährige mit professionellem Kunstturnen angefangen und machten mühelos serielle Flickflacks. Jedenfalls: Sie beschäftigten uns ungemein – aber leicht hatten sie’s mit uns nicht.

Handke spinnt diesen Faden in seinem Kali-Land weiter: Hier bildet die Arbeiterschaft ein noch internationaleres, heterogeneres Vielvölkergemisch, das über Tage, bei Licht besehen, seine Mängel nicht verbergen kann. Doch sind unter Tage sämtliche Querelen und Sprachbarrieren wie von Zauberhand aufgehoben, und es wird klar, dass Handke den in schwindelnde Tiefen wachsenden Bau – siehe Sigmundshall, das inzwischen eine, wie man sagt, Teufe von 1400m erreicht hat – als einen gespiegelten, einen geglückten Turmbau zu Babel skizziert.
Womöglich kann man in dieser Konstruktion sogar einen Fingerzeig auf die Geburt der EU aus dem Geiste der Montanunion erkennen. Wem das nicht poetisch genug ist, der kann sich aber auch den seiger (senkrecht) in die Tiefe verlaufenden Salzstock als eine unterirdische Variante des Elfenbeinturms vorstellen, in dem die Knappen, jeder für sich wie auch alle gemeinsam, einer Ästhetik des Tätigseins frönen; ein abgeschiedener Ort der Reinheit, der ergiebigen Arbeit, durchzogen von Stollengängen, die an sakrale Gewölbe erinnern und die man sich meinetwegen von diesen klassischen Salz-Lampen aus rötlichem Sylvinit beleuchtet denken kann, wenn’s gefällt.

Dass es nicht weit von Sigmundshall einen Fliegerhorst gibt, ist Handke wohl auch nicht entgangen. Früher kreiste die Transall auf Übungsflügen über den hiesigen Dächern, heute der A400M – in Kali tragen Kampfflugzeuge vom Militärflugplatz in der Nähe durch jähes, gleich wieder abflauendes Vorbeidröhnen zum Szenario einer latenten Bedrohung bei, die den Kali-Ort stets belauert. Handke lässt den Begriff Dritter Weltkrieg fallen, meint damit offenbar aber keinen heißen Krieg, sondern einen voranschreitenden Untergang, einen Zerfall der gewohnten Konstellationen und Fundamente.
Es ist die übliche Wehklage vom mangelnden Miteinander in der Welt, vom Mangel auch an Freude, Spiel und Unverfälschtheit, wie wir sie bei Bedarf täglich aus unserem medialen Input herauslesen können, die auch in Kali als ideeller Faden zu finden ist.
Dort kommt sie im letzten Drittel so richtig in Schwung. Der Ton plustert sich zu anklagendem Zetern auf, das sich gegen die Verwirrten und das Gesindel usf. richtet, um von dort aus direkt zum salbungsvollen Visionieren zu werden, wenn Handke seinen Erlösungskitsch entfaltet, den er dem Untergangsdrall entgegenstellt. Und wie er da nun völlig überreizt zwischen Suada und Hymnus hin- und herhechtet, das gibt mir einfach den Rest.
Zusätzlich greift Handke tief in die Kostümkiste, lässt die Arbeiter bzw. Flüchtlinge ein Fest feiern, das selbst für einen UFA-Heimatfilm zu süßlich gewesen wäre, und lässt sein Wort zum Sonntag, seine finale Predigt, direkt von einer, ja, Pastorin in einer altehrwürdigen Kirche besorgen.
Wie gut, dass das Ende der Geschichte nun aber auch erreicht ist.

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Jene Kirche im Feld, sicher die Sigwardskirche in Idensen (wieder ein Nachbarort), muss Handke ebenfalls besucht haben, denn es stimmt, dass sie keine Kanzel hat, dass man sich den Schlüssel, wenn die Kirche außerhalb der Sommerzeit geschlossen steht, im Pfarrhaus holen kann, um die Fresken zu besichtigen, dass in der Vorwinterzeit, in der Kali ja angesiedelt ist, der Blick zum Berg hin über brache Agrarflächen ohne Vieh geht, dass die Kirche umringt ist von schiefen, moosigen Grabsteinen, wie eine Landkirche in England.
Es ist schon eine besondere Kirche, eine Kleinkirche von großem historischem Wert, denn neben ihrer eigentümlichen Architektur sind ihre originalen Wandbemalungen aus der Romanik erhalten geblieben; außerdem schlägt im Sigwardsturm die älteste Glocke Niedersachsens.
Ein religiöser Mensch bin ich nicht, nur: Ich mag es sehr, in alten Kirchen zu sitzen. Die Sigwardskirche habe ich besonders gern, weil sie so klein und so ursprünglich ist. Und weil ich dort immer unterschlüpfen konnte: Wenn ich zu Fuß durch die Gegend stromerte und in den Regen kam, oder wenn ich blindwütig davonradelte, um meine Ruhe zu haben, fand ich die Kirche zumeist leer und blieb einfach eine Weile da, unter den Fresken sitzend, die den Augen wegen der niedrigen Raumhöhe so nah sind, dass ich mir vorkam, als wäre ich soeben nicht einfach in die Kirche hineingetrampelt und auf eine Bank geplumpst, sondern vielmehr behutsam, wie ein kostbares Andenken oder ähnliches, in eine bemalte Schachtel gebettet worden.
Die Kaninchenbau-Sicherheit, der kühl-mehlige Steingeruch, das Storchengeklapper vom gewaltigen Nest auf dem Turm…
Die Gewölbemalereien bilden unter anderem den Turmbau zu Babel ab, und da sind wir wieder bei Handke und seinem Babel-Motiv.
Außerdem beschäftigt mich im Zusammenhang mit Kali, dass meine Urgroßmutter die Kirche noch hartnäckig „de Witte Kaark“, die Weiße Kirche nannte, denn das war die Sigwardskirche zuvor wirklich: so weiß wie der Salzberg. Damit die Fresken die Kirchgängler nicht vom Beten ablenkten, waren die üppigen Malereien von den Bilderstürmern mit weißem Kalk übertüncht worden, was zufällig die Bilder über die Jahrhunderte hinweg hervorragend konservierte. Erst in den 1930ern wurde begonnen, die Malereien wieder freizulegen und zu restaurieren. Genauso wie es auf den Faltblättern zur Kirchengeschichte steht, erzählt das auch Handkes Pastorin.

Die frustierte Pastorin ist für mich der Prüfstein, an dem sich entscheidet, dass ich in Handkes Kali-Welt nichts verloren habe. Eine Ortsgeistliche, die ihre Schäflein verachtet, die ihre Kirchenräume als von ihnen beschmutzt empfindet, die während des Gottesdienstes zur Gemeinde spricht:

Nur noch Gesindel seid ihr auf Gottes Erde, Desperados. Vernichtet gehört ihr. Weg mit euch. […] Schämt euch, zu leben. Aber nein, ihr schämt euch nicht, könnt euch nicht mehr schämen. Es ist die Zeit der Schamlosigkeit, des Sichnichtmehrschämenkönnens.

usf.

Wer sich eigentlich schämen sollte, das sind natürlich immer diejenigen, die aller Welt Schamlosigkeit vorwerfen und unterdessen höchstselbst – ohne sich zu schämen – solche Sätze klopfen wie: Vernichtet gehört ihr.
Wenn sich auch der Zorn der Pastorin später legt und sogar ins große Lobpreisen umkippt, so spricht doch überwiegend ein herrschsüchtiges, menschenfeindliches, durchaus narzisstisch gekränktes Wesen aus ihr. Und nicht nur aus ihr allein, sondern dieses Unwesen durchzieht die Geschichte kreuz und quer; da habe ich die Untiefen-Linien gefunden, auf denen es sich von einem Ufer der Erzählung bis zum andern spazieren lässt. Die Pastorin übersetzt lediglich jenen diffus herumnebelnden und doch bestimmenden Geist – und der Heilige ist das nicht – in geschwollen formulierten Hate Speech.
Und eigentlich wundert mich nun gar nicht mehr, welch üppiges Schreibpensum Handke doch hat, denn für jemanden, der sein literarisches Personal sowohl solche Hassreden (wie die Pastorin), als auch solche gezierten Tänzchen (wie die Sängerin mit ihrem Salzherrn oder die Flüchtlinge zum Fest) aufführen lässt, müssen diese profanen Realmenschen, die sich ja leider immens von den eigenen, streng an den Strippen geführten Figuren unterscheiden, die reinste Zumutung sein, also bitte, also dann lieber in Abgeschiedenheit leben und gedanklich die eigenen Romanwelten bewohnen, wo man spricht: „Mein Wille geschehe!“, und siehe da, er geschieht!

2018 stellt Sigmundshall übrigens, nach 120 Jahren, seinen Förderbetrieb endgültig ein. Der vertikale Abbau verschlingt inzwischen mehr an Aufwendungen als er an Ertrag wieder einfährt. Wie seltsam, wenn die täglichen Abbausprengungen ausbleiben – abends, pünktlich um 20.50 Uhr, donnerte es unterirdisch, dass die feinen Gläser im Küchenschrank singend erzitterten, schon damals, schon immer.
Viele Bergmänner ziehen mit ihren Familien von hier weg, wechseln das Bundesland, haben Anschlussbeschäftigung in noch aktiven Kaliwerken gefunden. Der Tienberg verändert sich, Grundschulklassen werden kleiner. Mancher ist auch kurzentschlossen – als Auswanderer – zum jüngsten K+S-Projekt gewechselt, zu der auf gigantischen Ertrag ausgerichteten Werksanlage Bethune, die letztes Jahr die Förderung aufgenommen hat, weit abgelegen in der kanadischen Wildnis.
Die Abraumhalde von Sigmundshall, der Salzberg wird seit Jahren kontinuierlich begrünt. Das ist mühsam, aber dieser Oberflächenschutz ist notwendig, da die vom Regenwasser ausgewaschene Lauge trotz der Drainagen die umliegenden Gewässer schädigt. Aus dem einst weißen Berg wird zusehends ein buntscheckiges Gebilde. Die Südseite ist teils frisch mit vulkanisch anmutender, mattschwarzer Schlacke überzogen, teils ist sie schon von Kraut und zähem Gesträuch bewachsen; es heißt, dass bereits die Rehe gelegentlich auf dem Berg herumkraxeln. Vielleicht entsteht, oberhalb des einstigen Meeres, das heute in Form einer fossilen Salzschicht vertikal im Berg steckt, als Erfolg der Begrünung mit der Zeit ja ein vertikaler Wald?
Typisch reinweiß strahlt inzwischen nur noch die zuletzt aufgeschüttete Nordhalde, aber auch das nicht mehr lang, nicht mehr ewig jedenfalls, und irgendwann ist es dann ganz und gar aus mit dem Leuchten hier.

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>>Peter Handke, Kali – Ein Vorwintergeschichte (Suhrkamp) €7,-


Alle Fotos: Grebe


Zitate aus dem Roman sind hier durch Kursivschrift gekennzeichnet.

PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels dieser reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe. Es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren – schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit, da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht. Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem ehedem kraftstrotzenden Dockarbeiter nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John dabei zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte ein, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt nun von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist wahrscheinlich das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

GLOBAL THINKING // Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Üblicherweise liest man einen Roman, indem man auf der ersten Seite startet und sich dann, schön der Reihenfolge nach, bis zur letzten durcharbeitet. Nimmt man jedoch Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen in die Hand, den neuen Roman von Emma Braslavsky, darf man getrost einen kleinen Umweg einlegen und ganz hinten beginnen, bei den Danksagungen der Autorin, S. 459ff. Dort finden sich die Kürzel Dr., Prof. Dr. oder gleich Univ.-Prof. Dr. Dr. med. in Verbindung mit Fachbereichen und Spezialthemen wie Klimadiagnostik, Meteorologische Extremereignisse, Analyse des Vertebratengenoms, Molecular Embryology, Stammzellenforschung, International Law, Kabbala, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie; dazu ein Captain und Yacht-Gutachter, außerdem zwei Experten für DDR-Bunkerkomplexe. Eingestreute Ortsangaben: Berlin, Buenos Aires, Sarajevo, Comer See. Für sich genommen sagt all das natürlich rein nichts aus, höchstens, dass die Schreibarbeiten der Autorin, die rund acht Jahre in Anspruch genommen haben, eben von allerlei Gesprächen und Ortseindrücken begleitet worden sind. Wenn man aber im Anschluss an den Abschluss nun den Roman – wie es sich eigentlich gehört – von der ersten Seite an zu lesen beginnt, dürfte man bereits ausreichend präpariert sein, um nicht den Fehler der Rezensentin zu teilen, im vorangestellten Personenregister ungerührt über einige Punkte hinweg zu lesen: Mister Sands und Mister Katō, Abgesandte eines milliardenschweren Konsortiums für den Kauf des Bunkers 17-5001 / Marie und Josef, geklonte Golden Retriever / Newman, der neue Mensch im Embryonalstadium. Je deutlicher man nämlich von Anfang an diesen Mischgeruch wittert, den Projekte zur Optimierung des Menschen und Katastrophenszenarien in Kombination miteinander ausströmen, umso leichter liest man sich ein.

Ansonsten wähnt man zunächst, es mit einer einfachen Satire auf die Schicht der Wohlstands-Alternativler zu tun zu haben. Die Eingangsszene liefert bissige Zeitgeist-Schelte; Emma Braslavsky reiht hier eifrig die zwingenden Bestandteile des aktuellen ökologisch, politisch und gender-korrekten Lifestyles aneinander, entblößt gleichzeitig den Egoismus, Chauvisnismus und Karrierismus ihrer Hauptfiguren Jivan und Jo und zeigt die grüne Gesellschaftswelt als kontrollsüchtiges und selbstverliebtes System, das nur diejenigen belohnt, die sich ihm heuchlerisch anbiedern:

Jivan, Anfang vierzig, Bunkerarchitekt und aus verflucht reichem Hause, ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jo, Ende dreißig, selbstberufene Bessere-Welt-Aktivistin und als Jivans Ehefrau finanziell ziemlich sorgenbefreit. Es ist ein Business-Essen, mit dabei sind Verantwortliche der Organisation Animal Rights.

[Jivan] tauscht mit einem Seufzer seine uralten, bequemen Lieblingstreter aus geschmeidigem Boxcalf gegen tierleidfreies Schuhwerk aus wasserfester Mikrofaser. […] Das Blackbird’s Song ist momentan der letzte Schrei in der Stadt in Sachen veganer Küche, die Leute stehen so hartnäckig Schlange, als würde ihnen dort Absolution erteilt. Links und rechts versucht ein schnurgerades Spalier aus blühenden Hyazinthen zwischen blauen Neonlichtern eine streng überwachte Multikulti-Naturschutzpflanzenwelt daran zu hindern, sich auch den Rest des Areals einzuverleiben. Die Ledersneakers verstaut Jivan im Beutel. Bei der Gelegenheit überprüft er Hemd und Hose. […] Sein dunkelblaues Leinenhemd geht noch als tierlieb durch. Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hunderttausende weibliche Cochenilleschildläuse ihre Leben gelassen.

Beinahe hätte Jivan seine Lieblingsledertasche zum Treffen mitgeschleppt, gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, sie zu verstecken. Nur, dass er für vegane Nasen empfindlich nach Döner riecht, weil er vor dem Restaurantbesuch noch einen Sattmacher gebraucht hat, das hat Jivan nicht bedacht. Macht nichts, durch eine schnelle Lüge renkt Jivan die ausgekugelte Stimmung wieder ein. Und mit einer rührseligen Anekdote um ein eingeschüchtertes Krokodil und schließlich mit der Idee, aufblasbare Einhornhörner zu verkaufen, die es ihren menschlichen Trägern ermöglichen, ihre mythologisch verankerte Verbindung zur Tierwelt sichtbar und selbst für Tiere verständlich zum Ausdruck zu bringen, können der hallodrige Jivan und die aparte Jo die Tierrechtler vollends für sich einnehmen. Natürlich möchte Jo Animal Rights im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen und dergleichen tatsächlich gern unterstützen – in erster Linie jedoch will sie unbedingt den Posten als PR-Managerin dieser enorm kapitalstarken Organisation besetzen. Was Jivan wiederum unbedingt will, ist eine zufriedene, besser noch: eine euphorisch gestimmte Frau. Vögel und so interessieren ihn nicht, Vögeln dagegen ungemein. Später beschließt das Kollektiv den geglückten Abend, indem es einverständig ein paar Karaffen Bio-Wein leert.

Da diese Szene glatt als gegenwärtig durchgeht und noch nicht ins Unvertraute vorgreift, funktioniert sie gut als eine Art barrierefreier Einstieg in die Story. Noch macht sich nicht deutlich bemerkbar, dass der Roman zeitlich angesiedelt ist in einer Zukunft, die unserer zeitgenössischen Welt um einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus ist – man erinnere sich bitte der geklonten Golden Retriever.

Der Abstand zum Jetzt ist so gering, dass Yoko Ono noch einen Gastauftritt hinlegen kann, doch gelten in dieser nahen Zukunft bereits vollkommen neue technisch-wisschenschaftliche Standards. Womöglich ist diese Zukunft aber doch entfernter als gedacht, und inzwischen haben sich Revolutionen in der Medizin ereignet, die Yoko Ono ein nahezu unsterbliches Leben ermöglichen? Man weiß es nicht. Eine wichtige Rolle spielen die Experimente der Wissenschaftler Natalie und Jakob, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das menschliche Genom von all seinen Makeln zu befreien, sprich: entscheidend in unsere Evolution einzugreifen und nichts geringeres als den neuen, verbesserten Menschen zu erschaffen. Es ist ein Projekt von solch großer Sprengkraft, dass der Nachname des Forscherehepaars, Oppenheim, wohl nicht von ungefähr an Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, denken lässt. Mittlerweile ist es möglich, Stammzellen beliebig zu züchten. Alles, was das Pärchen dafür benötigt, ist ein bisschen menschliches Zellmaterial, und so sammeln die beiden Haare (man beachte die Umschlagillustration des Romans) und erstellen auf dieser Basis einen manipulierten Gen-Pool für die Zukunft der Menschheit. Offenbar hat sich die Handhabung molekulargenetischer Eingriffe alldieweil wesentlich vereinfacht; Adam und Eva 2.0 können praktischerweise im Heim-Labor des hübschen Stadthäuschens der Oppenheims in Buenos Aires gezeugt werden.

Gesellschaftlich scheint sich indes kaum etwas weiterentwickelt zu haben. Frauen treten innerhalb des Machtsektors hauptsächlich dekorativ in Erscheinung, Führungsrollen übernehmen sie, wenn’s hochkommt, im spirituellen Bereich, und das Thema Mutterschaft gerät im Roman gleich für drei Frauen zur Bewährungsprobe. Nach wie vor lauten die entscheidenden Dominanzfaktoren Testosteron und Geld. Das bekommt auch Roana zu spüren, eine weitere Hauptfigur, die auf einem von Papa verordneten Survival-Trip unterwegs ist. Die gerade Neunzehnjährige soll am Fuße eines einsamen Vulkans zu Vernunft und Eigenständigkeit finden, um danach, so hofft Papa, geläutert zurückzukehren und endlich einzuwilligen, sein höchst erfolgreiches Bauunternehmen später einmal weiterzuführen. Roana schlägt sich jedoch lieber bis nach Buenos Aires durch, wo sie an diverse Weltverbesserercliquen gerät. Mal wird sie von einem verlogenen Ideologen missbraucht, mal darf sie bei einem ambitionierten Projekt nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen ist. Ziemlich ramponiert, aber umso entschlossener sucht sie weiter nach der ganz großen Portion Lebenssinn, um ihren Hunger nach eigener Bedeutung zu stillen. Dann sind da noch Jule und No, ein Aussteigerpärchen, das in einer paradiesischen Bucht Adam und Eva spielt. Nackt, mittellos, frei – um ein völlig neues Leben zu beginnen, haben die beiden alles zurück gelassen, was man eben zivilisiert nennt. Nur einander nicht. Nicht lange, und es verfestigt sich eine Rollenverteilung: sie das Lustobjekt, er der Ernährer. Zwei, die auszogen, um die Zukunft zu suchen, und in der Steinzeit ankamen. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist es in der Zukunft also trostlos bestellt. Die Gleichberechtigung der Tiere dagegen ist das dauertrendende Thema. Auch in der Zukunft können Tiere nun einmal keine eigene Stimme erheben, um sich zu verteidigen – aber eben auch keine Stimme, um denjenigen Menschen, die ihre ureigenen, eitelkeitsgesteuerten Lebensvorstellungen ungefiltert auf die Tierwelt projizieren, zu widersprechen. Eine gerechtere Welt für alle zu schaffen, davon reden die AktivistInnen und Organisationen im Roman unentwegt. Wer aber diese Alle sind, um die es vorgeblich geht, scheint man weder bei Better Planet, noch bei Life from Zero und Konsorten so genau zu wissen. Die wirklich Benachteiligten dieser Erde spielen nach wie vor einfach keine Rolle. Derweil sind die Privilegierten dieser Erde schwer damit beschäftigt, ihren persönlichen Oberflächenglanz zu optimieren, und es scheint, dass sie vor allem deswegen so gern über die Tiere und den besseren Menschen sprechen, um dem echten Menschen und dessen echten Problemen guten Gewissens aus dem Weg gehen zu können. Keineswegs mangelt es jenen ZukunftvisionärInnen am notwendigen Ehrgeiz; an Aufrichtigkeit und Selbsthinterfragung dagegen sehr. Unter den idealistischen Projekten, die Roana durchläuft, als seien es Hindernis-Parcours, findet sich beispielsweise ein Camp, in dem gut situierte Familien einen Sommer lang Kommunismus spielen dürfen. Die Verniedlichung und Kommerzialisierung des Kommunismus als Ferienvergnügen: noch anschaulicher hätte Emma Braslavsky das Absurde am Wohlfühl-Aktivistentum nun wirklich nicht verpacken können. Am Ende aber muss doch jene Welt, in der Individuen jeglicher Art das Recht auf freie Entfaltung so vehement zugesprochen wird, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit so präsente, intensiv diskutierte Themen sind, unserer zeitgenössischen wenigstens irgendwas voraus haben?

Dann aber geht ein Ruck durch die Welt. Genauer: ein Internet-Hype. Mitten im Atlantik wird eine Insel von der Größe Balis entdeckt, die bislang kartographisch nicht erfasst war, eine staatliche Zugehörigkeit liegt nicht vor. Da die Insel von niemandem betreten, sondern nur aus der Ferne fotografiert wurde, steht ihre Eroberung noch aus. Unbekanntes Neuland, 5000 Quadratkilometer Projektionsfläche für utopische Ideen! Seit dem Goldrausch hat es keine derartige globale Euphorie mehr gegeben. Die Insel im Auge des medialen Sturms reißt wirklich alle in ihren Bann, Aussteiger, Forscher, Politiker, Philosophen, Luxusreisende, Umwelt-Aktivisten, und wird so auch zum Brennpunkt, in dem sich die Schicksale von Jo, Jivan, Jule, No, Natalie, Jakob, Roana und Newman schließlich überschneiden.

Völlig zu Recht hat der Verlag diesem Roman einen Bucheinband in pinkigem Beerenton verpasst und dazu noch einen Umschlag, der nur auf den ersten Blick harmlos grau aussieht – hält man ihn ins Licht, glitzert er wie Feenstaub. So viel Übertreibung muss sein, denn auch das Erzählen gibt sich nicht zufrieden, bevor es nicht auf allen Ebenen optimal too much ist. Sprachlich tobt die Autorin ihren merklichen Spaß an Aufgedrehtheit und Flapsigkeit besonders in den von Roana erzählten Abschnitten aus, ohne jedoch ins Unkontrollierte zu kippen. Strukturell lässt sie natürlich mehrere Ereignisebenen parallel laufen. Mit den Figuren springt ihre geistige Schöpferin raubeinig bis boshaft um: Da sie sich hier intensiv mit Genetik befasst, wendet Emma Braslavsky das Prinzip des Survival of the Fittest eben auch konsequent auf ihre Protagonisten an. Thematisch gibt es nichts, das als zu groß oder als unnötiger Ballast betrachtet würde, um nicht doch noch irgendwo zwischen die Zeilen hineingequetscht zu werden. So findet die Installationskunst des Autorinnen-Gatten Noam Braslavsky ihren Kurzauftritt im Roman, Jorge Luis Borges ebenfalls, und selbst die Titanic lässt die Autorin quasi ein zweites Mal untergehen.

Am Ende hat man überraschend viel gelacht während des Lesens. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man müsse sich möglichst bald einmal etwas tiefgehender mit Bunkerkunde befassen.


>>Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp) €24,-


Diesen Beitrag kann man auch auf satt.org lesen. Wer’s insbesondere mit Film und Buch am Herzen hat, sollte dort ohnehin häufiger mal vorbeischauen.


Herzlichen Dank an Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Dietmar Dath, Leider bin ich tot

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Über Leider bin ich tot will ich also schreiben, den aktuellen Roman von Dietmar Dath. „Aha,“ sagt der Roman, und scheint das für eine irgendwie niedliche Idee von mir zu halten, „dann fang mal an, und lass mich bitteschön nicht zu dick aussehen, zu mager aber nun auch wieder nicht, und, weißt du was, mach’s doch wie ich, bind am Ende ’ne hübsche Schleife drumrum, Zeitschleife. Hauptsache nur, du tippst dir dabei keinen Knoten in die Finger. So, viel Glück!“ Na, vielen Dank auch.

Nach diesem Zwiegespräch frage ich mich erstens, ob ich mich womöglich zu sehr vom Panpsychismus habe einstricken lassen, auf den (unter vielem Anderen) im Roman Bezug genommen wird, und der, reichlich vereinfacht ausgedrückt, jedem Ding ein bestimmtes Maß an Geist zuspricht, sei es einem Stein, einer Stubenfliege, einer Butterblume oder einem Romanautoren: Der Geist komme eben nicht aus heiterem Himmel in die Welt, sondern sei direkt im Materiellen bereits angelegt, wobei die Komplexität von Geist graduell zunehme entsprechend der vom Materiellen absolvierten Entwicklungsstufen, von der proto-mentalen Seinsstufe kleinster materieller Einzelelemente bis hin zum komplexen Bewusstsein höherer Organismen. Weiter gedacht – und das ist eine dieser Ideen, mit denen in Leider bin ich tot gespielt wird -, könne ein noch höheres Bewusstsein demnach bestimmten hochkomplexen Systemen zu eigen sein, denen wir Menschen bislang keine eigene Bewusstseinsform zuschreiben, etwa dem Weltklima. Mit mir ist es, nach 461 Seiten in der Dath-Denkmühle, inzwischen so weit gekommen, dass ich dieses Buch, dieses flachziegelförmige, weiße Ding da auf meinem Tisch, schräg von der Seite her anschiele und misstrauisch überlege, auf welchem geistigen Level es sich wohl bewegt – genau, diesmal meine ich damit nicht seine inhaltliche Qualität. Zweitens frage ich mich: Auf einen handlichen Punkt zu bringen, worum es im Roman eigentlich geht, anstatt nur seine Ideenfülle wiederzukäuen, welche andererseits jedoch auf keinen Fall zu kurz kommen darf – wie soll das, bei einem derart vertrackten Content-Cluster, bloß was werden? „Okay, vergessen wir mal das mit der Rundumschleife. Was hältst du davon, ein paar Sprünge einzubauen? Hab ich auch gemacht.“

In Aischylos‘ Orestie, dieser blutrünstigen Familientragödie unter reger göttlicher Beteiligung, tritt ein Chor dunkler Gestalten auf: Die Erinyen kommen, um an Orest ihre Aufgabe als Rachegöttinnen zu erfüllen.

„Ruhm der Menschen, und ist er zum Himmel erhaben, / Nieder schmilzt er und schwindet zur Erde ehrlos, / Wenn wir nahen in schwarzem Gewand / Und tanzen gierigen Reigen. / Springe von oben und schwer / Setze die Spitze des Fußes ich / Nieder. Die Glieder versagen / Dem Flüchtigen – greuliches Irrsal.“ (Chor der Erinyen)*

Diese Fußspitze – da verdeutlicht sich eine Vorstellung praktisch eingesetzter und äußerst massiver Macht: Kaum haben ein paar Götter-Zehen Bodenkontakt erhalten, bricht schon der ganze Mensch körperlich und geistig zusammen. Flucht zwecklos; Ende. Man stelle sich erst den Horror vor, wenn die Erinyen beginnen, ihren zornig stampfenden Reigen zu tanzen. Weil sie dermaßen scheußlich sind, dass man sie im Olymp, unter Göttern, die sich selbst nicht gerade durch Zimperlichkeit auszeichnen, nicht haben will, sind sie der Unterwelt angehörige Göttinnen, während ihr Einsatzgebiet, in dem sie als rasende Rächerinnen viel beschäftigt unterwegs sind, der irdische Raum ist. Mit ihrer vollen Wucht – einer Kraft, welche der des unaufhaltsamen Drängens tektonischer Platten ähneln mag, gezeitraffert zu einem mächtigen Sprungvorgang – stürzen die Erinyen „von oben und schwer“ auf den Menschen hernieder, von dort also, wo der Zugriff des antiken Menschen nicht hinlangte: aus über ihm liegenden Sphären, aus dem Reich des Unbegreiflichen. Bei den alten Griechen, könnte man schlicht sagen, war die Götterwelt also noch in Ordnung.

Die aufgeklärte, wissenschaftsorientierte Welt hat inzwischen das Übernatürliche größtenteils erforscht, erklärt, seziert oder gar domestiziert, hat die himmlischen Gefilde als Flugverkehrsraum für Geschäftsleute, Touristen und das Transportwesen erschlossen, und den Göttern einen Platz am Katzentisch zugewiesen: Kulturell gehören sie eben irgendwie zur Familie, in existentiellen Angelegenheiten aber haben sie nicht mehr viel mitzureden. Gleichzeitig boomt der Markt für esoterische Lebenshilfe: Als bediente die Fantasy-Schwemme in der Populärkultur das Bedürfnis nach ein bisschen magischem Gefühl inmitten unserer mitunter faden Realität noch nicht konsequent genug, hebt der florierende, pseudo-spirituelle Wunscherfüllungsglaube die Unterscheidung zwischen Wundermärchen und Wirklichkeit kurzerhand ganz auf. Daran mögen sich die Geister scheiden, dem Erfolg der Eso-Industrie, die massenweise die passenden Mittel und Methoden zur praktischen Handhabung des Übersinnlichen im Alltag liefert, tut das keinen Abbruch. Weit weniger harmlos kommt dagegen das Phänomen des fanatisierten, radikalisierten Glaubens bis hin zum religiös argumentierenden Terrorismus daher; wer hätte erwartet, dass sakrale Schriften in der heutigen Zeit noch derartig extreme Auslegung und Anwendung erfahren würden? Überhaupt: Wer hätte gedacht, dass Religion als gesellschaftlicher wie geopolitischer Faktor uns im 21.Jahrhundert in solchem Maße beschäftigen würde?

Anstatt allen irgendwie religiös gearteten Ansätzen zur Welterklärung eine kommunistisch-marxistische Abfuhr zu erteilen, macht sich Dietmar Dath in Leider bin ich tot nun selbst auf die Suche nach möglichen Formen des Göttlichen.

„Götter…“ „Natürlich, was sonst? Wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, und ich sage nicht, dass diese Intuition trügt – wenn Ihnen intuitiv einleuchtet, dass im Wasserfloh weniger los ist als in Ihnen, dann müssten Sie doch zugeben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Bewusstseinsskala bei Ihnen aufhört.“

Das kam unerwartet: Ein Buch über den Glauben – vom studierten Physiker und ausdrücklich politischen Autoren Dietmar Dath? Nun ja, mit Weltreligionen an sich hat Leider bin ich tot herzlich wenig zu tun, obgleich der Klappentext den Eindruck erweckt, Dath verquirle hier Christentum, Islam und Weltpolitik mit einer Prise Science-Fiction. Tatsächlich klaffen der Inhalt des Romans und seine Beschreibungen oft weit auseinander; beispielsweise springt Dath nicht konkret auf den Zug der gegenwärtigen Islamismus-Debatte auf, wie man anhand einiger Reizworte, mit denen das Buch werbetechnisch angepriesen wird, durchaus hätte vermuten können.

Sicher, es gibt da diese Szene, in der ein Musikclub während eines Metal-Konzerts explodiert, und wie könnte man da das Blutbad im Pariser Bataclan nicht mitdenken, zumal Daths Roman nur rund zwei Monate danach erschien? Da ist auch dieses modellhaft gegensätzliche, iranisch-deutsche Geschwisterpärchen: die zutiefst religiöse Nasrin, die als mutmaßlich terrorbereite Islamistin ins Visier des BND gerät, und ihr eher an weltlichen Vergnügungen interessierter Bruder Abel, dessen Leben über seinen Vornamen hinaus keinerlei Bibelnähe aufweist. Es gibt außerdem: Einen Pfarrer, der auf Irrwegen wandelt. Eine ebenso wundersame wie gruselige Zeugungsgeschichte. Eine Erleuchtete, die von einer spirituellen Massenbewegung zur Heilsbringerin verklärt wird. Und Kapitel enden, nach alttestamentlicher Manier, mit einem fettgedruckten Sela. Dazu gibt es allerdings noch ein bisschen Zen, ein bisschen Kapitalismuskritik, ein bisschen philosophisches Begriffsgeklapper, ach, und so viel mehr: Ein halbirdisches Wesen, das zunächst inkognito unter den Anderen lebt, bis es sich ihnen in seiner ganzen, wahrhaft Furcht einflößenden Macht zu erkennen gibt. Einen monströsen Steingott. Eine junge Rechtsrock-Combo, die sich allmählich vom Nazi-Sumpf, aus dem sie gekrochen kam, entfernt und später den Black-Metal-Sektor revolutionieren wird, nachdem sich ein sehr besonderes Mädchen, das in der Luft herumschwebende Glyphen erkennen und entziffern kann, in die Bandpolitik einmischt. Eine dionysische Party im Porno-Millieu. Eine linkspolitische Bloggerin, die sich, leicht verliebt, für Nasrin interessiert. Einen für die FAZ tätigen Journalisten namens Dietmar Dath. Und eine Clique undurchsichtiger, mächtiger Männer aus dem Nahen und Fernen Osten, die ein wissenschaftliches Geheimprojekt befördern, das Belege für eine aberwitzig anmutende These liefert: Das Wetter denkt, es lernt, und es reagiert – auf uns.

All dies steht nicht jeweils für sich selbst, sondern in unmittelbarer Verbindung zueinander. Nach und nach erfolgt eine Aufdeckung des Beziehungsgeflechts und der Wirkungszusammenhänge, die zwischen den Figuren und Ereignissen bestehen. Dass das Erzählen hierfür auf der chronologischen Linie ohne Vorwarnung hin- und herspringt, leistet anfangs Verständnisschwierigkeiten Vorschub, doch bewährt sich diese Hüpferei zwischen zeitlichen Ebenen, nach kurzer Eingewöhnung, als sehr gekonnt von Dath genutztes Mittel, um eine umfassende Betrachtung der Romancharaktere zu ermöglichen und überdies die Spannung zugkräftig zu halten: Jeder Zeitwechsel liefert neue Einsichten, die sowohl die Leserschaft überraschen als auch den Plot befeuern.

Zunächst lernt man Nasrin, Abel und Wolf kennen, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher angelegt sein könnten, und erfährt bald, dass sie eine enge Kinderfreundschaft verband, die dem Erwachsenwerden zum Opfer fiel. Wolfs Werdegang hatte ihn ins Pfarramt geführt, doch endet seine Existenz als Berufsgeistlicher, nachdem er eine Rollstuhlfahrerin verprügelt hat, als sei der Teufel in ihn gefahren – was in diesem Fall vielleicht mehr Tatsache als Redensart ist. Nasrin hat mit der Zeit zu einem strengen muslimischen Glauben gefunden; derzeit beteiligt sie sich an einer unkonventionellen Forschungsarbeit zur Logik des Windes. Abel führt einen areligiösen Lebenswandel, ist Kosmopolit und erfolgreich als Avantgarde-Filmemacher – eine Karriere, die er maßgeblich seiner ständigen Begleiterin Cyan Cerulean zu verdanken hat, deren Kontakte zu Branchengrößen und Mäzenen Gold wert sind. Cerulean lässt sich mit himmelblau übersetzen – ein Himmelswesen? Wer an dieser Stelle an Engelchen denkt, liegt extrem daneben; mit den Erinyen teilt Cyan schon eher ein paar Gemeinsamkeiten: ihre Rastlosigkeit, oder das Stiften von Wahnsinn. Welchen geheimen Absichten Cyan Cerulean folgt, die sich als eine Art unsterbliches Gestaltwandelwesen entpuppt, dämmert einem bereits, als sich zeigt, dass Cyan mit dem Wind zu kommunizieren vermag, spätestens aber, als Abel, was übrigens so viel wie Hauch oder Vergänglichkeit bedeutet, plötzlich seinem eigenen Doppelgänger gegenübersteht, der sich ihm als Kain vorstellt.

Das fatale Wirken Cyan Ceruleans führt allerdings nicht nur Nasrin, Abel und Wolf wieder zueinander; es dreht mächtig am Schicksalskarussell aller beteiligten Figuren – vorwärts wie rückwärts. Das halbirdische Wesen besitzt die Fähigkeit, sich und Andere nach Belieben innerhalb der Zeit wie von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Und so begeht nicht nur das Erzählen selbst Zeitsprünge, auch die Figuren finden sich mitunter in Vergangenheiten wieder, die sie zuvor anders erlebt hatten. Zeit ist hier nichts Absolutes. Sie wird nicht, menschenüblich, als zweidimensionale Einbahnstrecke, sondern als vieldimensionaler Raum gedacht. Dieser Raum gehört den Göttern; ihnen ist es möglich, die Zeit zu wechseln, sie zu dehnen, zu raffen oder sie aufzuspalten. Darauf beruht auch das allgegenwärtige Spiegel-Motiv: Während ein Spiegel in der menschlichen Dimension als Reflektor funktioniert, der uns lediglich unser eigenes Abbild entgegenwirft, macht Dath jeden Badezimmerspiegel, jede Glasscherbe, jede spiegelnde Messerklinge zu einer Schnittstelle, in der sich Zeit- und somit Möglichkeitsebenen brechen, sodass göttliche Mächte diese praktischerweise als direkte Durchgänge zu anderen Realitätsschichten nutzen können.

Da die Zeit durchlässig ist, zerfließt auch die Eindeutigkeit der erzählten Geschichte zu einem Pool möglicher Geschichtsversionen: Wird eine Figur, die fleißig ins Romangeschehen eingegriffen hat, durch einen Spiegel hindurch in eine Vergangenheit entsorgt, wo sie stirbt, so verästelt sich die Geschichte an dieser Stelle in zwei gleich wahre Verläufe – einen, an dem die Figur beteiligt war, und einen anderen, während dessen sie leider tot war. Als das Buch mit der selben Szene endet, die eingangs aus anderer Perspektive beschrieben wird, ist ebenfalls fraglich, ob dies einen erklärenden Rückgriff darstellt oder vielleicht doch den Beginn eines alternativen Geschichtsverlaufs. Vervielfacht sich aber die Realität, so steht unser Begriff von Wahrheit plötzlich auf beweglichen Füßen – was wahr ist, wissen am Ende also nur die Götter.

Wer sind aber nun diese Götter? Sind es miteinander konkurrierende Übermächte, die ihre Kämpfe auf dem Rücken untergeordneter Wesenheiten austragen? Oder handelt es sich um eine einzelne, alles umfassende göttliche Instanz, die das Ringen ihrer entgegengesetzten Pole in sich selbst aushalten muss? Ist das, was wir Gott nennen, eine Art Mega-Bewusstsein, das sich nach den selben evolutionären Gesetzmäßigkeiten entwickelte wie Fruchtfliege oder Erbse? Oder ist das Göttliche gar menschenähnlich oder menschengleich? Keine Angst, Dath versucht sich in diesem Roman nicht an einer neuen Theologie. Und auch die Religionskunde überlässt er lieber den Fachleuten. Mit einem rein unterhaltenden Göttermärchen hat man es hier wiederum auch nicht zu tun, das wäre Dath zu billig. Leider bin ich tot ist ein schlau ausgeführtes Gedankenspiel, das nach Sprüngen im Wissenschaftskitt sucht, der unser Weltbild zusammenhält – ein Spiel, das die Tatsache, dass Menschen nun einmal glauben, ernst nimmt und gleichzeitig die Trennlinie zwischen Glauben und Wissenschaft fröhlich als Springseil benutzt.


>>Dietmar Dath, Leider bin ich tot (Suhrkamp), €16,99


*Aischylos, Die Orestie, Deutsch von Emil Staiger (Reclam); S.121


Diesen Beitrag gibt’s auch bei satt.org

LICHTKÖRPER UND SCHATTENWESEN // Marion Poschmann, Die Sonnenposition

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Woraus ist Zeit gemacht? Aus Licht und Dunkel: Ihre ursprünglichste Maßeinheit ist die Abfolge von Tag und Nacht. Ein Wechsel, der sich in den Beschaffenheiten der Zeit fortsetzt: helle Zeiten, finstere Zeiten. So kam sie heran, ist, vergeht – und wohin geht sie dann, die Zeit? Weiter: gen Licht, gen Dunkel.

Draußen geht die Sonne auf und unter. Im Schloß verfallen die Kränze und Kreise. Die Stuckrosetten schwinden, das Deckengemälde Aurora verrottet, in die strahlig angelegten Achsen im Park frißt sich Gras.

Dieses brandenburgische Schloss, Hauptort des Romans Die Sonnenposition von Marion Poschmann, zeigt sich in schäbigem Gewand aus bröckelndem Prachtstuck, Schimmelwucher, verkrauteten Parkflächen, offenliegenden Wunden in Putz und Tapeten: Memento moriendum esse! Einst barocker Fürstensitz, nach dem Krieg als Lagerhalle einer LPG genutzt, beherbergt es heute eine psychiatrische Einrichtung. Im Osten geht die Sonne auf? Von der Stucksonne, die im Speisesaal die Decke nurmehr kläglich ziert, regnen Gipsplacken herab in die Suppenteller der Patienten: Vanitas!

Altfried Janich hat es aus dem Rheinland, dessen menschelnde Fröhlichkeit er nie teilte, hierher verschlagen, in das marode Schloss im maroden Osten, wo er sich um die dunklen Seiten der menschlichen Psyche kümmert. Um die dunklen Flecken, die er durch morsche Wandverkleidungen hindurch erriechen kann, kümmert sich niemand. Als Arzt versucht er, dem man seiner Herkunft, seiner körperlichen Gemütlichkeit und auch seines Vornamens wegen ein ausgeglichenes Wesen unterstellt, seinen Patienten gegenüber ein zentraler, Halt gebender Fixpunkt zu sein – die Sonnenposition einzunehmen. Motivisch ausgedrückt: Licht in ihr seelisches Dunkel zu tragen. Welcher Tendenz die Deutung der Licht-Motivik allerdings folgen sollte, gibt der Eingangssatz des Romans vor: Die Sonne bröckelt. Altfried, der selbst in der Anstalt wohnt, in ihn und sich zersetzenden Räumlichkeiten, spaziert nachts in den Sälen und auf dem Gelände herum, ernährt sich von aus der Küche stibitzten Tiefkühl-Reibekuchen, die er auf dem Heizkörper auftauen lässt, und offenbart nach und nach weitere durchaus pathologische Verhaltensweisen. Oft, sagt er, weiß ich selbst nicht, ob ich mich als Arzt oder als Patient hier aufhalte. 

Nicht etwa als Sonnenkönig tritt Altfried also in Erscheinung, sondern geradezu als nachtwandelndes Schlossgespenst. Er reiht sich damit ein in eine Parade von Spukgestalten, der nicht nur seine Patienten angehören – per Medikation zu zombiösen Flurschlurfern gemachte Figuren, die an der Bewältigung der Wende und anderer Übergangsstadien im Leben psychisch totalgescheitert sind. Fallstudien in episodischer Kürze lassen Einzelschicksale aufblitzen: eine Kindsmörderin, ein Hamsterhorter, eine Brandstifterin, ein Staubbewunderer oder ein Fischstäbchenbefreier zählen dazu. Oft grenzt die Funktion der einzelnen Patienten ans Dekorative; eine Befugnis, im Roman handelnd einzugreifen, wird diesen isolierten Gestalten abgesprochen. Erst, indem man die Insassen der Anstalt als Gesamtheit betrachtet, sieht man sie als Wirkungsverstärker für Poschmanns Licht- und Schattenspiele, nimmt die Patientenschaft die Anmutung eines antiken Chores an, der hier, vor der Kulisse des verfallenen Schlosses, „Auferstanden aus Ruinen“ rückwärts singt.

Auch Altfrieds Großeltern und weitere Anverwandte sind einem Geisterreich zuzurechnen. Einem, das sich durch bewusste und unbewusste Erfahrungsweitergabe entlang der Familienlinie einen Übergangsweg in Altfrieds Lebenswelt gesichert hat. Woher sein eigener Drang, sich unsichtbar machen zu wollen, und vielleicht auch die Wahl seines Arbeitsorts rühren, erklärt sich unter Anderem in der Schilderung des Kriegsschicksals, das seine Großeltern, seine Eltern genommen hatten: die einen ermordet, die anderen, als hilflose Kriegswaisen, Schutz suchend in rettenden Verstecken – das auf die Folgegenerationen übergegangene Erbe solcher Erfahrungen bezeichnet die Psychologie als Schattentrauma. Altfrieds Berufswahl berührt unmittelbar die psychische Blockade seines Vaters und bezieht die Angewohnheit seiner Tante, sich den Geistern der Vergangenheit zu widmen, mit ein. Und indem er in den Osten gegangen ist, an einen Ort, wo Vergangenheit noch in offener Verwesung, unrestauriert zu betrachten ist, ist Altfried in umgekehrter Richtung ein Stück des Wegs gegangen, auf dem sie, die Heimatvertriebenen aus dem Osten, einst westwärts geisterten.

Neben dem Beruf pflegt Altfried ein seltenes und recht verschrobenes Hobby: die Jagd auf Erlkönige. Zur Erklärung: Dieses zielt nicht auf den Elfenkönig, den wir aus der Ballade kennen, sondern ist eine gängige Bezeichnung für Prototypen einer neuen Automodellreihe, deren Fahreigenschaften bei Nacht und Nebel in abgeschiedenen Gebieten ausgetestet werden. Während die Hersteller mit Tarnlacken oder Extra-Verkleidungen die Details ihrer neuen Modelle geheim zu halten suchen, lauern Journalisten und Hobbyfotografen den Erlkönigen auf, aus einfacher Lust an der Jagd oder um exklusive Bilder verkaufen zu können an interessierte Automagazine. Wer Geisterautos jagen will, muss idealerweise selbst zum Geist werden: Viel mehr als für seine Jagd-Objekte selbst, begeistert Altfried sich für die jagdliche Praxis, die Tarnung und lautloses Umherpirschen erfordert und somit seiner Vorliebe fürs Unsichtbarwerden wohltuend entgegenkommt. Es ist ein Wettstreit um die perfekte Tarnung, den er mit den menschenscheuen Erlkönigen austrägt, und jeder gelungene Schnappschuss ist eine Siegertrophäe, ein Beweisfoto seiner, Altfrieds, hohen Verschwindekunst.

Das Hauptgespenst allerdings, das, welches Altfried am meisten beschäftigt, ist sein gerade verstorbener Freund Odilo. Schon die Beerdigungsszene zu Beginn macht deutlich, dass Freundschaft ein Wort ist, das Altfried hier nur unbefriedigt verwendet, eher in Ermangelung eines passenderen Ausdrucks für jene Verbindungsart, die zwischen Odilo und ihm bestanden hat. Als Odilos Mutter den Wunsch äußert, Altfried möge eine Trauerrede für den Freund halten, lehnt Altfried ab, was die Mutter als Zeichen sprachlosen Verlustgefühls deutet. Tatsächlich aber ist es Verzweiflung, vermischt mit Ärger:

[…] dann saß ich nächtelang vor dem weißen Blatt und fand keinen Anfang, überhaupt keinen Ansatz, ich wußte nichts über Odilo, gar nichts, und es lag mir nicht, die glänzende Fassade, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte, diese Fassade, die sein Leben war, nun meinerseits noch einmal nachzuarbeiten.

Und doch ist das nun folgende Erzählen Altfrieds nichts Anderes als das – eine Trauerrede für Odilo, in Form einer Anamnese ihrer, nun ja, Freundschaft. Altfried blickt in die jeweiligen Familiengeschichten hinein, er schildert seine ersten Begegnungen mit Odilo und spätere gemeinsame Ausflüge und Gespräche, er gräbt nach jeglichen verwertbaren Einflüssen, Erfahrungen und Erlebnissen. Überrascht stellt Altfried fest, dass seine Schwester, Mila, ein Verhältnis mit Odilo hatte, wovon seinerzeit niemand wusste. Wie konnte überhaupt irgendeine Frau, wie konnte Mila nur eine Beziehung mit Odilo führen, dessen Egozentrismus ihn doch zum krankhaften Zweisamkeitsversager machte? Was fand Odilo an Mila, was bitteschön fand Mila an ihm? Als Modeschöpferin hatte Mila zu ihrem Stil gefunden, als sie damit begann, die Kleider ihrer alten Tante mit modernen Versatzstücken aufzuwerten, und hat diese Verbrämung des Altmodischem mit dem Gegenwärtigen zum Markenzeichen ihrer inzwischen sehr erfolgreichen Kollektionen gemacht – war es das, ihre Liebe zum Gestrigen, zum Verstaubten, die Odilo für sie interessant werden ließ? Eifersüchtelnd fühlt sich Altfried von beiden betrogen, umso mehr, da Mila sich weiterhin stur verschwiegen zeigt, kein Wissen über den geteilten Freund an den Bruder verschenkt. Ratlosigkeit eines Psychiaters: Mit beruflicher Routine analysiert Altfried die Geheimnisse fremder Menschen, während sich die Geheimnisse der ihm Nahestehenden als für ihn unsichtbar erweisen. Es bleibt ihm nur, die Schatten aufzulesen. Odilo – ewig altkluger Junge:

Ich war in Mission meiner Meßdienergruppe unterwegs [so kam die erste Begegnung Altfrieds und Odilos zustande], wir unterstützten notleidende Kinder in Ruanda. […] Ich drückte die Klingel, ein Junge meines Alters, dünn und dunkelhaarig, öffnete die Tür. Frau Leonberger sei nicht da.[…] Auch Kinder könnten spenden, erklärte ich. Rappelte großspurig mit der Büchse. Man habe Taschengeld. Not in Ruanda. Ein Opfer bringen. Opfer? erwiderte er verächtlich. Seine Mutter hätte eventuell etwas gespendet, aber er persönlich halte nichts davon. Man befriedige sich doch nur selbst in dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. Ich solle mich nicht ausnutzen lassen. Meine Fähigkeiten besser verwenden.

Die Rolle des früh verstorbenen Vaters übernahm Odilo selbstbewusst, gab den gediegenen Hausherrn, altmodisch, dünkelhaft, spukte, gleich seiner in steifer Haltung erstarrten Mutter, umher in den dunklen Räumen des Familienanwesens, das in der Nähe einer Fabrik für Einmachgläser gelegen war – zwei menschliche Konserven einer vergangenen Gutbürgerlichkeit. Später Promotion in Biologie. Die Erforschung der Biolumineszenz, die ihn schon als Kind faszinierte, sollte sein Fachgebiet werden, auf dem er mit bahnbrechenden Ergebnissen brillierte. Den Lichtwesen der Tiefsee und der Nacht stahl er ihre Rezepte, den grauen Mäusen pflanzte er fluoreszierendes Glimmen per Kanüle ein, spielte Gott: Es werde Licht! Odilo selbst dagegen blieb im Dunkeln: Erlkönig, der Altfried entwischte.

Freundschaft? Was die Verbindung zwischen den beiden ausmachte, lässt eher an die Gravitationskräfte denken, welche die Konstellation zweier Planeten zueinander bestimmen. Odilo, schattenäugig, dunkelhaarig, drahtig, seelisch teflonbeschichtet, Dompteur des Lichtscheins, und Altfried, flammend-rothaarig, weichlich, eine Seele von durchlässiger Konsistenz, Schattenflüsterer: Es gleicht einer Versuchsanordnung, wie Poschmann diese zwei Komplementärfiguren aufstellt, zwei aneinander gekoppelte Prismen, in denen sie Licht, Dunkel und Zeit sich brechen lässt.

Wer nun argwöhnt, dieser Roman der profilierten Lyrikerin Poschmann metaphere und motive womöglich handlungsfrei vor sich hin, erhält hiermit Entwarnung. Mit Spannung verfolgt man das Kräftemessen zwischen Licht und Dunkel, und durch die klare und alles beherrschende Bildsprache überstehen rote Fäden auch das Springen zwischen den zeitlichen Ebenen unbeschadet. Was es gewesen sein mag, das Mila und Odilo zusammenbrachte, oder inwiefern Altfried selbst vielleicht darauf zusteuert, in seiner Anstalt von der Arztseite auf die der Patienten zu wechseln, das erklärt sich zwar nicht innerhalb spannungheischender Erzählbögen voller eindeutiger Aussagen. Stattdessen beginnt man – viel unterhaltsamer – bald ein intensives Such-Lesen zu betreiben, man verfällt selbst ins Psychologisieren, übt sich darin, die vielschichtigen Beschreibungen, Schilderungen und Bilderfluten zu filtern. An kaum einer Stelle bedient sich Poschmann dabei des psychologischen Fachvokabulars, sondern bleibt bei einer Sprache, der das Lyrische eingewoben ist und die mit leichter Hand große Bedeutungsräume aufzutun vermag. Sie spielt mit unterschiedlichen Erzählansätzen: So exerziert sie beispielsweise verschiedene Lebenssituationen durch anhand der Beschreibung ihrer, hier wörtlich genommenen, Hintergründe, nämlich der dazugehörigen Wandtapeten. Episoden aus dem Liebesleben von Mila und Odilo lassen rätseln, ob es sich bei ihnen um Einschübe aus Milas Erinnerung oder Altfrieds Imagination handelt – wie verlässlich ist dieses Erzählte, von woher stammt es, und über wen sagt es tatsächlich etwas aus? Poschmann entfaltet ihre Sprachpracht besonders in ausgiebigen gegenständlichen Betrachtungen, ohne sich dabei je in Petitessen zu verlieren, etwa wenn sie eine Wesensbeschreibung des Anstaltsessens unternimmt – man staunt, wie viel Literatur sich aus einer Orange herauspressen lässt, welches wirkliche Gewicht ein Glas Apfelmus hat, oder über den hohen Gehalt von Transzendenz in halbfesten Speisen:

Götterspeise ist höchst unbeliebt und wird als Dessert nur unter größtem Vorbehalt gelten gelassen. Dies liegt daran, daß zu viele andere Speisen ebenfalls dieses Göttrige aufweisen, die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare.

Marion Poschmann erhielt 2013 für Die Sonnenposition den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und war im selben Jahr damit auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten. Mit ihrem Gedichtband Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien, der Anfang März erscheinen wird, steht sie unter den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016.


>>Marion Poschmann, Die Sonnenposition (Suhrkamp) €9,99


Ich bedanke mich bei Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.


 

WAHN-VERWANDTSCHAFTEN // Jürgen Bauer und Marie Hermanson: Familie vs. Paranoia

Als mir Was wir fürchten, der aktuelle Roman des österreichischen Autoren Jürgen Bauer in die Hände fiel, kam mir sofort Der Mann unter der Treppe, ein 2007 erschienener Roman von Marie Hermanson, in den vergleichenden Sinn. Familie und Wahnsinn liegen hier jeweils nah beieinander. Auf den ersten Blick mag man das für eine wenig überraschende Mischung halten, jedoch reichen die von Bauer und Hermanson geschilderten Abgründe schon ein bisschen tiefer als im durchschnittlichen Familienalltag. Denkt man, erst mal. Später hofft man. Beide Romane weisen eine enge Verwandtschaft zum Krimi auf, beide spielen mit dem Leser: Sie verweigern eine klare Einschätzung ihrer Handlungen und Protagonisten und säen stattdessen Unsicherheiten, verlangen eine akribische Spurenlese, führen mit so klug wie beiläufig positionierten Hinweisen in verschiedene Verstehensrichtungen, die es gegeneinander abzuwägen gilt.

was wir fürchten (2)


Georg, die Hauptfigur in Was wir fürchten legt von Beginn an die psychologischen Besonderheiten seiner Lebensgeschichte offen. Setzen sie sich, ich erzähle Ihnen jetzt meine Geschichte – das ist der einleitende Satz. Sind wir gemeint? Man wird sehen. Er beginnt seine Geschichte mit der Schilderung eines Autounfalls. Die Beteiligten sind: er selbst, ein kleines Mädchen, ein Auto mit getönten Scheiben. Es ist Markttag und sommerlich schön – das Szenario einer gelassenen Stadtidylle, doch Georg empfindet die Hitze, die Gerüche als aggressiv, ihm graut vor dem Platz, vor der Menschenmenge, vor dem Fleisch am Metzgerstand. In seiner Wahrnehmung brodelt stetig das Unheil, und doch bedeutet dieser Zustand bereits ein Niveau von Normalität für Georg, das er lange Zeit kaum je zu erreichen geglaubt hätte, er beschreibt: wie viel Kraft mich meine Entwicklung hin zu diesem Punkt gekostet hatte. Ich war stolz auf mich, ein neues Gefühl in meinem Leben. Sein altes Leben, geprägt von seinem psychisch kranken Vater und der eigenen Krankengeschichte, glaubt er hinter sich gelassen zu haben – Eheglück, normaler Alltag, Selbstbestimmtheit sind die Merkmale seines neuen Lebens. Mitten hinein in die unverdächtige Wochenmarktkulisse platzt dann mit einem Knall der Irrsinn. Georg lässt in raschem Wechsel Szenen des Unfallgeschehens und seines Familienlebens aufflackern, sein Unfallbericht liefert gleichzeitig Beschreibungen seiner eigenen Beschädigungen, angerissene Erklärungen zu seinem Krankheitsbild werden eingestreut, auch zu dem seines Vaters, und er gewährt kurze, unfertige Einblicke in das Verhältnis zu seiner Frau und zu seiner Mutter. Wie seinerzeit sein Vater, leidet auch Georg an Paranoia von schwer kontrollierbarem Ausmaß, Medikamente und Therapien sorgen nie für Heilung, nur für Eindämmung, für vermeintliche Beherrschbarkeit der Krankheit. Sylvia, Georgs Frau, ist um einiges älter als er – Liebe, ja, aber vor Allem bietet sie eine stabile Mutterfigur, an der er sich festhalten kann. Denkt man. Aber was war da mit Sylvia und dem Vorfall mit dem Messer in unserer Küche? Als Georg nach dem Unfall am Marktplatz zurück nach Hause kommt, reißt er sich selbst und seiner Frau die Kleider vom Leib und zerrt Sylvia mit sich unter die Duschbrause, um ihr von den Geschehnissen in allen Details zu berichten. Die Tränen seiner erschrockenen Frau ignoriert er. Was versetzt die Paranoia-Maschinerie in seinem Kopf wieder so ungezügelt in Gang? Das Auto mit den getönten Scheiben – im Inneren, da saß doch jemand mit einer Kamera? Die Polizisten mit ihrer trügerischen sachlichen Art, verschweigen die nicht etwas? War dieser Unfall mit Fahrerflucht nicht vielmehr ein missglückter Anschlag auf ihn, auf Georg? Das ist alles nur in deinem Kopf – dieser Satz begleitet Georg (und den Leser) wie ein Mantra, die Stimmen in seinem Kopf wiederholen diesen Satz unablässig, Stimmen, die seinem Vater, seiner Mutter, seiner Frau gehören – und Simon. Welchem Simon, wer ist das? Was meint Georg mit den Ereignissen vor dem Unfall, wie zum Beispiel dem Fund der Mauerteile in unserer Wohnung, die seinen Rückfall in das mühsam abgelegte paranoide Verhalten bereits vorbereitet haben? Als Leser hat man an dieser Stelle längst in einen kriminalistischen Modus gewechselt, man betreibt Indizien-Lese. Überrascht stellt man fest, dass Georgs vermeintliche Ich-Erzählung ein Dialog ist, aber wer ist das rätselhafte Gesprächsgegenüber, und was für eine Art von Gespräch ist das? Auf wessen Terrasse sitzen wir hier, wo bitteschön sind wir überhaupt? Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser?


Die Schwedin Marie Hermanson schickt in Der Mann unter der Treppe ihre Hauptfigur Fredrik durch einen ähnlich aufgestellten Paranoia-Parcours. Die Ausgangssituation dieses psychologischen Romans ist eine sehr viel unproblematischere als diejenige in Was wir fürchten: Während Fredrik einer soliden Tätigkeit im städtischen Amt für Wirtschaftsförderung nachgeht, profiliert sich seine Frau Paula als Künstlerin, Sohn Fabian fühlt sich wohl im Kindergarten, Baby Olivia macht das Glück perfekt. Gerade hat die junge Familie Göteborg verlassen und ein idyllisch gelegenes Eigenheim im ländlichen Kungsvik gekauft und bezogen. Ein Glücksgriff: ein historisches Häuschen in renoviertem Zustand und idealer Lage, mit traumhaftem Grundstück und geschmackvoller Innenarchitektur. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit dem neuen Heim, zumindest spürt Fredrik das. War der Kaufpreis für das kleine Paradies nicht übrigens auffallend günstig? Was verursacht nur diese quälenden Schlafstörungen, unter denen Fredrik neuerdings leidet? Bei Arbeiten im Bad wird das Waschbecken beschädigt, das glaubt Fredrik jedenfalls gesehen zu haben – als er sich den Schaden später genauer ansehen will, findet er das Becken repariert vor. Die seltsamen Geräusche, die gelegentlich im Haus zu hören sind, schiebt Paula zwar bei Seite – es arbeite eben in alten Häusern – , doch Fredrik hegt längst ein diffuses Misstrauen gegenüber seinem Heim. Eines Nachts steht Fredrik dann einer verstörenden Erscheinung gegenüber: Ein kleinwüchsiger, verwildert aussehender Mann begegnet ihm in der Diele, er heiße Kwådd und lebe unter der Treppe, sagt der unaufgeregte, ziemlich selbstbewusste kleine Mann. Fredrik ist außer sich und verlangt von dem Männchen den sofortigen Auszug aus dem Haus. Kwådd denkt aber gar nicht daran sein Zuhause aufzugeben, und so werden die beiden zu Kontrahenten, die auf engstem Raum einander belauern und bekriegen. Das klingt eindeutig nach Phantastik, aber einige Andeutungen über Fredriks Familienvergangenheit ziehen die Geschichte wieder zurück auf psychologisches Terrain. Wie starb sein leiblicher Vater? Hat Fredrik vielleicht Veranlagungen zu psychischen Erkrankungen? Parallel dazu demontiert Hermanson das perfekte Familienglück: Paula musste einst wegen einer Verletzung ihre Träume von einer Karriere als Ballerina aufgeben – füllt das Leben als Ehefrau und zweifache Mutter sie aus, oder arbeitet sie, indem sie ihre Kunstprojekte voran treibt, in Wirklichkeit an einem Ausstiegsplan, um diesem Leben entfliehen zu können? Treibt etwa Paula ihren Mann gesteuert in den Wahnsinn? Den Schwiegereltern war Fredrik ohnehin nie gut genug, haben sie vielleicht Paula endgültig von Fredriks Mangelhaftigkeit überzeugt? Ein Haustier verschwindet – hat Kwådd da seine Finger im Spiel, oder ist doch etwas dran an der Aggressivität und Unkontrolliertheit, die Fredrik neuerdings von den Kollegen attestiert wird und die er verharmlosend mit seinen Schlafstörungen begründet? Wie zurechnungsfähig ist Fredrik? Wie real ist Kwådd? Hermanson, die neben ihrem Studium in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, lässt ihre doppelbödige Geschichte über den Untergang einer Familie raffiniert und spektakulär eskalieren. Dabei macht es einen als Leser halb verrückt, dass sich während des gesamten Romans diese Uneindeutigkeit der Verhältnisse nicht aufklären lässt, obwohl es doch angesichts einer derartig gründlichen Katastrophe – es wird hysterisch, es wird blutig – unmöglich so schwer sein dürfte, irgendeine klare Auflösung zu finden. Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser? (Habe ich übrigens diesen letzten Satz nicht schon einmal geschrieben?)


>>Jürgen Bauer, Was wir fürchten (Septime), Gebunden €21,90

>>Marie Hermanson, Der Mann unter der Treppe (Suhrkamp), Kartoniert €8,90


SCHWARZ-WEISSE ZEITEN // William T. Vollmann, Europe Central

William T. Vollmann / Stasis Krasauskas

Verursacht ein monolithisches Buch seinen kraterhaften Einschlag im Feuilleton, stehe ich als Schaulustige parat. Mir ist jeglicher Hype völlig egal, ich liebe aber die Vorstellung vom schriftstellerischen Extrem, die sich in monströsem Seitenumfang und Arbeitsaufwand ausdrückt. Sicher, die eigentliche Kunst besteht eben nicht allein in der Produktion gedanklichen Volumens, sondern darin, jenes gedankliche Volumen literarisch zu komprimieren. Aber auch Vielhundertseiter können sich als Ergebnis sorgfältiger Verdichtung erweisen. Im seltenen Glücksfall also besitzt ein solches Werk dreidimensionale Größe: Enormer äußerlicher Umfang x inhaltliche Tiefe x sprachliche Dichte = literarische Nachhaltigkeit im Kubik. Im Falle von Europe Central jedoch hätten es auch ein paar Seiten weniger getan, zu Gunsten höherer Konzentration, die ich mir gewünscht hätte. Dennoch eröffnet sich beim Lesen von Europe Central die reinste Spielwiese für Literaturneugier.

Bereits 2005 im Original erschienen, liegt Europe Central seit 2013 in deutscher Übersetzung vor, seit Ende Mai diesen Jahres nun auch als bezahlbare kartonierte Ausgabe. Es dauerte seine Zeit, bis mit Suhrkamp ein Verlag das aufwändige Projekt verwirklichte Europe Central im Deutschen zu verlegen. Mit seiner Übersetzung des Kolosses, die nochmal anderthalb Jahre in Anspruch nahm, sicherte sich Robin Detje ein Plätzchen auf dem Übersetzer-Olymp gleich neben Ulrich Blumenbach (David Foster Wallace, Unendlicher Spaß) oder Hans Wollschläger (James Joyce, Ulysses) und wurde auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse konsequenterweise mit dem Preis für die beste Übersetzung bedacht.

William T. Vollmann bezeichnet mit dem Ausdruck Europe Central das deutsch-russische Spannungsfeld im geographischen wie politischen und kulturellen Sinne, bezogen auf einen Zeitraum des 20.Jahrhunderts, dessen Eckdaten der Biographie des Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch entliehen sind: geboren 1906, gestorben 1975.

Ich halte alle Sinfonien Schostakowitschs für mehrfach eingebrochene Brücken, einen Archipel aus Stahl, der langsam im Fluss versinkt. (S.110)

Schostakowitschs Leben und Werk geben dem aus 37 Episoden bestehenden Erzählverlauf eine begleitende Struktur, eine Orientierungslinie. In jenen Episoden lässt Vollmann eine Geisterparade aufmarschieren: Die jeweiligen Protagonisten sind berühmte, berüchtigte oder anonyme Menschen (so Vollmann im Quellen-Anhang), die zentrale Positionen in Kunst und Politik, kriegsentscheidende Rollen oder ideologische Bedeutung inne haben. SS-Mann Kurt Gerstein, Lenin-Attentäterin Fanny Kaplaneine von der Sowjet-Ideologie zur Märtyrerin erhobene Partisanin namens Soja, General Wlassow, Generalfeldmarschall Paulus, Dichterin Anna Achmatowa, Generalfeldmarschall Erich von Manstein, Marschall Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski, die Richterin und spätere DDR-Justizministerin Hilde Benjamindamit sind nur wenige Namen aus Vollmanns unendlich anmutender Personalliste genannt, die Hauptrollen besetzen oder eine der Nebenrollen in einzelnen oder mehreren Episoden ausfüllen.

Anhand paarweiser Gegenüberstellungen von Figuren versucht Vollmann sich an einer Wesenserkundung des in Dualismen zerrissenen Zentraleuropa von damals. So arbeitet er die Kontrastschärfe der konkurrierenden politischen und gesellschaftlichen Gewalten heraus, unter deren Einwirkung menschliches Leben zu grauer Masse vermahlen wurde. Die weißen Nächte von Leningrad blitzen hell hervor, der Schnee von Stalingrad zeigt sich schneidend weiß und tödlich. Auf bleischwarzer Erde, die der Krieg hinterlassen hat, wachsen silbergraue Grashaare. Das tiefste Schwarz ist jenes der Bakelit-Telefone, über deren Drähte die Mächte der Zeit überhaupt erst ihre kontinentale Reichweite etablieren konnten – diese Leitungen garantierten den Gewaltfluss von der politischen Kontrollinstanz bis in jede kleinste organische Einheit hinein. (Auf die prägende Bedeutung jener neuen Technologie verweist auch der im Original belassene Titel: Europe Central bedeutet sowohl Mitteleuropa als auch Telefonzentrale Europa.) Schwarz, Weiß und Grau sind die Signalfarben der Dinge und Vorgänge in Europe Central, und auch seine Figuren drücken diesen farblichen Dreiklang aus: Man begegnet Käthe Kollwitz, deren Kunst das Arbeiterleben in scharfkantigem Schwarzweiß zeigt, und deren eigenes Leben, seitdem einer der Söhne im Ersten Weltkrieg fiel, in Grau getaucht bleibt. Kollwitz trifft auf einer Russland-Reise, zu der man die im Arbeiterstaat populäre Künstlerin eingeladen hat, auf Schostakowitsch und hört dort dessen Musik, die grau und kalt alle rotbackige Propaganda, mit der sich das Gastgeberland präsentiert, überdeckt. Schostakowitsch wiederum begegnet in einer späteren Episode dem Genossen Stalin, der ihm auf einem von unerträglich grellen Kronleuchtern erhellten schwarz-weiß karierten Fliesenboden gegenübersteht. Offiziere tragen weiße Handschuhe zu Gardeuniformen. Ein junger Komponistenkollege Schostakowitschs heißt mit Namen Schwartz. So finden alle und alles in diesem Roman eine Einordnung in jenes Farbschema. Erst gegen Ende weicht es auf, und eine Abhandlung über den Fortschritt von Farbfilmtechniken deutet einen heraufziehenden Systemwechsel an.

Schostakowitschs Musik funktioniert als eine Vertonung der Farbsprache, die den ganzen Roman durchzieht. Sie wird allerdings nicht nur zur allgemeinen Untermalung der Stimmung verwendet: Vollmann hebt zwei Werke, Opus 40 (Cellosonate in d-Moll) und Opus 110 (Streichquartett Nr.8), besonders hervor und leitet ihre Entstehung von konkreten Lebenserfahrungen Schostakowitschs ab, die jedoch nicht belegt sind. An diesen Stellen verdeutlicht sich einerseits die Hingabe Vollmanns an die eigene überbordende schriftstellerische Imagination, andererseits seine enorme Akribie in Sachen Hintergrundrecherche und der gewaltige Umfang, den seine schreibbegleitende Materialsammlung wohl gehabt haben muss. Unter Anderem lässt Vollmann eine von der Geschichtsschreibung vergessene Frau literarisch sehr lebendig werden und macht sie zur Hausherrin des musikalischen Gebäudes, das Schostakowitsch mit dem Opus 40 errichtet hat: Elena Konstantinowskaja, mit der Schostakowitsch in einer Affäre verbunden war. Nicht einmal Schostakowitschs Biographen widmen sich Elena in erwähnenswertem Maße, da es schlicht kaum verwertbares Material über sie gibt. Vollmann dagegen investierte einen vierstelligen Dollarbetrag in eine Übersetzung des Briefwechsels zwischen Schostakowitsch und seiner Geliebten aus den Jahren 1934, 1935. Mühelos bestreitet die junge Frau, trotz ihrer Eigenschaft als undokumentiertes Phantom, eine mal aktive, mal leitmotivische Rolle über tausend Seiten hinweg, was sie der Überzeugungskraft der Vollmann’schen Mischung aus Geschichtsrekonstruktion und Fiktion verdankt. Diese zentrale Bedeutung Elenas für den Roman vermittelt einen wichtigen Gedanken zum Verständnis der Zeit, die von Vollmanns Roman umspannt wird: Getragen wird Geschichte in besonderem Maße von den Namenlosen, den Ausgelöschten, den Vergessenen. Was die Überlebenden und was die Dokumente berichten, daraus wird unsere lückenhafte Nacherzählung der Geschehnisse, nie aber eine Wiedergabe der Geschichte in ihrer Gesamtheit. Vollmann zumindest bemüht sich, da die Möglichkeiten des Erfassens an ihre Grenzen stoßen, um eine Erweiterung der Möglichkeiten des Verstehens.

>> William T. Vollmann, Europe Central (Suhrkamp)

Auch zu finden auf: satt.org


Für das Beitragsbild habe ich Europe Central neben eine aufgeschlagene Seite eines alten Ausstellungskataloges gelegt: Schrecken und Hoffnung – Künstler sehen Frieden und Krieg war der Titel einer gemeinschaftlich kuratierten deutsch-sowjetischen Ausstellungsreihe mit Stationen in Hamburg, München, Moskau und Leningrad, die 1987/1988 deutsche und sowjetische Kunstwerke zum Thema Krieg und Frieden vergleichend zeigte. Die vier Linolschnitte links sind Teil eines Zyklus von Graphiken des litauischen Künstlers Stasys Krasauskas aus dem Jahr 1961, die den Gedichtband Der Mensch des litauischen Dichters Meschelajtis illustrieren. Die Ausstellung umfasste neben Bildern und Skulpturen solch bekannter Größen wie Anselm Kiefer und Gerhard Richter eine reiche Vielzahl wenig bekannter zeitgenössischer Kunstwerke, sowie eine breitgefächerte Zusammenstellung historischer Kunst vom 15. bis 20.Jahrhundert. (Kaufen kann man diesen Katalog, der in seinen Objektbeschreibungen unbeabsichtigt viel über die Machtverhältnisse seiner Zeit vermittelt, immer noch – antiquarisch, für ein paar Euro.)