SPÄTSOMMER > Ende der Freibadsaison

Gras (2)
Die Freibäder schließen bald, und wahrscheinlich war dieser letzte über 30° heiße Augusttag wohl mein letzter Freibadtag für dieses Jahr.
Ich, die solche Hitze ja furchtbar hasst, bin selig, wenn ich mich da im Wasser abkühlen und danach reptilisch im Halbschatten ausstrecken kann. Rege Freibadgängerin bin ich allerdings erst wieder, seitdem ich nicht mehr allein, sondern mit Kind planschen gehe.
Früher, viel früher war ich selbst Freibadkind. Im Dorf gab’s ja nix – aber ein Freibad, und ein schönes noch dazu, sogar ein beheiztes: Die Abwärme der Kühlanlagen des Kalibergwerks temperierte Nichtschwimmer-, Babyplansch- und Wettkampfbecken. Hatte der Kali seine Betriebsferien ausgerufen, merkte man das an der schlagartig eisigen Badetemperatur, was zumeist passend mit den brennendsten Sommertagen zusammenfiel.
Dieses Freibad wird, wie haufenweise andere Freibäder, geschlossen werden, wenn das Geld der Kommune noch knapper wird. Momentan vernachlässigt man es gründlich, katalogisiert nach und nach seine Mängel und Gefahren und wird es irgendwann erleichtert dicht machen, nächstes Jahr vielleicht, und das war’s dann also für mein Freibad, in dessen türkisblauen Fliesen sich meine Grundschulsommer spiegelten. Morgens mit dem Fahrrad hingefahren, mal mit einer Freundin, mal allein, nur ein Handtuch und eine Flasche Brause dabei, erst spätnachmittags wieder zurückgeradelt und sich an Sattel und Lenker, die stundenlang in praller Sonne standen, die Pelle verbrannt. Und es war unser Freibad, als ich wieder zurück auf dem Dorf war, mit eigener Familie. Mein Kind mit seiner Seepferdchen-Badehose, immer ein paar Kinder aus der KiTa, der Grundschule drum herum, kreischend, gackernd. Ich mit den Mamas am Beckenrand oder auf der Picknickdecke. Schönster Provinzsommer.
Belächeln Sie das nicht! Wenn Sie Hamburger Verhältnisse gewohnt waren – all der Style um mich her im Stadtpark, auf dem Spielplatz, all die Body-Issues, die ich eigentlich gar nicht hatte und doch entwickelte – und dann kommen Sie nach Haus, in Ihr Freibad, und auf der Picknickdecke sitzen Sie mit den anderen Müttern (die Sie teils schon lange kennen, aus Vor-Muttersein-Zeiten) und die haben keine Porzellanhaut, keine streifenfreien Bäuche, keine Kleiderständermaße, ach, aber die pflegen einen solchen Umgang damit, die pflegen und verbreiten einen so unkomplizierten Pride, dass Sie nie wieder dämliche Frauenzeitschriften kaufen müssen, die Ihnen erzählen wollen, wie Body-Positivity angeblich funktioniert. Ich besitze nur noch ballermannbunte Badewäsche – eine Landei-Nixe wie aus dem Bilderbuch – und wenn’s bei Aldi mal wieder korallenrote oder tropisch blumige Bikinis für’n Fünfer gibt, kauf ich den nächsten und hüpf damit ins Wasser, völlig unfrisiert, ungeschminkt, scheiß auf den perfekten Glow, und dann habe ich einen wundervollen Tag, wissen Sie?
Auch hier haben wir nun unser Freibad, und mein zufriedenes Körpergefühl ist nicht baden gegangen, und mein Kind hat liebe Freunde gefunden, die wir gern mitnehmen (und sie uns). Ländlich gelegen, nicht ums Eck also, aber, ja: idyllisch.
Das hilft gut gegen das Heimweh. Alle Freibäder in der Provinz sind über den universellen Provinz-Freibad-Äther miteinander verbunden. Sie teilen dieselben sonnenverbrannten Liegewiesen von Rasen, Klee, Schafgarbe, Breitwegerich und Löwenzahn. Dieselbe Geräuschkulisse: Rauschen von Duschen und Wasserbewegung. Lachen, Brüllen, Mama-Papa-Rufen. Überall Gespräche, Gespräche – in Freibädern wird ja viel mehr gesprochen, als man sich bei oberflächlichem Nachdenken so einbildet. Patschende Bälle. Schwalbengeschrill. Die Wespen überm Wasser, in der Ferne, auf einmal nah am Ohr. Das Klatschen und die Wasserfontänen unterm Sprungturm. Treckersummen weht manchmal von den Feldern rüber. Dieselben Gerüche, die sehr eindeutig und sehr dominant sind: Chlor, Sonnencreme, Pommes und Petrichor. Dieselbe knallblau glasierte Keramikschale, die der Himmel ist und sich an Schönwettertagen über allem wölbt, wie eine Hand, die etwas bloßlegt, etwas beschirmt, na, beides. Die Leute, wie überall: platt auf Liegetüchern ausgestreckt, Brotlaibe, die in der Sonne backen. Die Horden der Zwölfjährigen: Halt’s Maul Missgeburt wie dumm bist du fick dich Mann fick dich Nutte!, aber ich bin nicht mehr zwölf, mich gluckert niemand mehr unter. Die Teenager: stecken noch in den Skizzen der Körper, die sie in fünf, in zehn Jahren haben werden. Die Beine haben schon Höhe erobert, die Arme schon Weite erlangt; die Dynamik ist furchtbar ungelenk, noch. Körper, die bloße Zollstöcke sind und mit jedem Schritt und Schwimmzug die unsichtbaren Hohlformen ausmessen, die noch mit unzähligen Stoffen aufzufüllen sind, nach und nach, täglich. Im Wasser und unter der Sonne das ganze Spektrum von Altersstufen, Körperkonsistenzen, Temperamenten, Hautvarianten, Haarigkeiten. Tattoos von Lakritzschwarz über Verblichenheitsgrün bis Pastellbunt. Ich sehe sehr selten Badende mit Körperbehinderungen – weil sie sich nicht wohlfühlen würden, oder wegen der unbestreitbaren Bosheit der Anderen, oder mangelnder Barrierefreiheit? Oder ist das bloße Statistik?
Ich beobachte manchmal ein Kinder-Gerangel, das dann doch zu grob wird, und schalte mich als Spielverderberin ein, aber viel öfter beobachte ich, wie leicht sich wildfremde Kinder zum Toben zusammenschließen, wie mühelos sie in gemeinsame Drehbücher oder Wettkampfregeln hineinfinden; ist schon lange her, dass ich mal helfen musste, eine geplatzte Kinderlippe zu verarzten. Unter den Erwachsenen erlebe ich seltsam selten Giftigkeiten, dabei machen die Hitze, die halbnackte Situation und die Verteilungskämpfe um Sonnenplätze, Schwimmbahnen, den Platz in der Pommes-Schlange fraglos reizbar. Es ist vielleicht wirklich die Halbnacktheit, die den Mumm zum Streiten dämpft. Ab und an muss man sich natürlich dennoch überwinden, dennoch mal was sagen, mitunter selbsternannten Blockwarten in die Parade fahren, auch wenn man sich selbst, so als nasse Katze im Blümchenbikini, nun nicht gerade respektabel vorkommen mag.
Ich trinke Thermoskannenkaffee, für die Kinder gibt’s kalten Tee, Äpfel, Cracker, manchmal Pommes für zwei Euro die Portion. Das Surfer-Hair und den Bronzeteint, die wohlige Einschlafmüdigkeit abends, das gibt es alles umsonst. Wir bezahlen hier ein paar Euro fuffzig für den ganzen Tag und zwei, drei Personen – weniger als eine Schachtel Kippen kosten würde, oder ein Royal TS, oder ein Starbucks-Coffee oder -Latte in Größe Venti.
Die finanzielle Hürde, hierherzukommen und einen Tag mit Schwimmen und Seelenbaumelei zu verbringen, ist also recht niedrig. Ich finde das wichtig. Ich finde das notwendig fürs Gemeinwesen. Freibäder, die bezahlbar sind, sind ein Stück Gemeinwohl. Nur ist eben ein Freibad, das bezahlbar ist, alles andere als eine geölte Rendite-Maschine.

Ich formuliere zwar ungern alarmistische Sätze, aber voilà: Wir sind über den Spätsommer des demokratisch erwünschten Gemeinwohls längst hinaus. Das ist kein Anflug von Gestrigkeit, ich will absolut nicht zurück in die 80er, nein danke – ich würde vielmehr gern in die 2040er schauen und ein Bild vor Augen haben, überhaupt irgendein Bild, im äußersten Idealfall ein gutes. Aber wohin sollen die laufenden Entwicklungen schon führen? Es ist so gegeben und offenbar in Stein gemeißelt, dass die Institutionen, die uns allen zur Verfügung stehen, uns dienen, uns helfen, uns guttun sollten, per se keinen Wert besitzen, solange sie nur dieses diffuse Gemeinwohl, aber keinen wirtschaftlichen Profit generieren. Bildung, medizinische Versorgung, Pflege, Lebensmittelproduktion, Infrastruktur, Umweltschutz müssen Geld abwerfen, so ist das halt, wie stellen Sie sich das denn vor – um jeden Preis natürlich, und eben auch um den Preis des Menschlichen, was nebenbei bemerkt ihren eigentlichen Kern darstellt. Darstellte… (2040 werden meine Enkelkinder vielleicht im Geschichtsunterricht davon hören, Was war der Sozialstaat?, aber vielleicht wird so was wie Geschichtsunterricht auch schon 2030 aus der Mode gekommen sein.) Und ich weiß nichts mit einer Politik anzufangen, die a) ihre Parlamentszeit offensichtlich als Bewerbungsgespräch für eine anhängige Wirtschaftskarriere nutzt, b) noch den letzten völkischen Mist aufwärmt und mit diesem Quatsch unglaublich viel mediales und politisches Interesse bindet, kurz, die offenbar ihre einzige politische Aufgabe darin sieht, ein ekelhaftes Problem zu sein, c) insgesamt keine besondere Panik zu verspüren scheint angesichts der Liste von Herausforderungen für die Zukunft: Energiewende, Verkehrswende, Pflegewende, Agrarwende – und eine Wirtschaftswende, wie könnte die aussehen? Ihnen fällt sicherlich noch die eine oder andere Wende ein, die nicht unwichtig wäre, bitte anfügen nach Belieben.
Ich wünsche mir viele Dinge für die Zukunft – keine unbescheidenen übrigens. Ich möchte zum Beispiel im Sommer mit den Kindern schwimmen gehen können, und ich wünsche mir, dass alle das tun können. Aber die einen, denen diese Dinge wurscht sind, rufen, dass ich mir doch selber ein Haus mit Garten kaufen und einen 10.000-Liter-Pool zulegen soll, anstatt zu maulen – jeder für sich, keiner für alle, Kaufen über alles. Und die anderen, denen jene Dinge genauso wurscht sind, schreien Aber die Flüchtlinge, die Flüchtlinge! und haben ansonsten keine Meinungen dazu, dabei IST das ja nicht mal eine Meinung. Und diejenigen, denen solche Dinge ausnahmsweise nicht wurscht sind, die gucken in ihre Haushaltskasse und… ja, genau.


Foto: Grebe

SPÄTSOMMER > Lack und Leben

Garten3

Sommerhitze ist wie Fieber – macht schwitzig und lähmt. Manche haben das gern. Andern ist das, wie in vormoderner Zeit, ein Begleitzeichen von Seuche und Verfall. Hitze ist Lust und/oder Leid. Hitze ist Hochdruck. Hitze ist Dringlichkeit: Trinken Sie zwei bis drei Liter täglich!, verschlingen Sie Ihr Eis sofort, sonst schmilzt es dahin und pladdert Ihnen vor den Latz!, lassen Sie niemals Kinder, Hunde, Katzen, Schokolade, Thermopapier-Kassenbelege im Auto, auch wenn Sie bloß kurz mal __!, verwenden Sie Sonnencreme!, mit besonders hohem LSF!, sonst Krebs!, behalten Sie Ihren Kreislauf im Auge!, suchen Sie umgehend medizinische Hilfe, falls Übelkeit, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörungen bei Ihnen auftreten: Sonnenstichsymptome!, achten Sie auf Ihre Mitmenschen, insbesondere ältere!, und die Bienen – stellen Sie Bienentränken auf!, vergessen Sie nicht, Ihre Hortensien dreimal täglich zu wässern!, gießen Sie Gärten, gießen Sie Bäume!, nein, verschwenden Sie kein Wasser!, lassen Sie Lebensmittel nicht ungekühlt stehen, nie!, Ihr Brot, gestern gekauft: es schimmelt!, Ihre frische Melone: schon klitschig geworden, übersüßlich, belagert von Fruchtfliegen!, Ihr Kartoffelsalat: fürchten Sie Salmonellen!, und fürchten Sie die Wespen, die Wespen!

Die Hitze krakeelt! Alles schwelt, man schmort. Bis:

Im September legt sich was übers Sonnenauge. Dass es seine Lider schließe, lässt sich nicht behaupten – November ist noch fern -, doch es besitzt eine Nickhaut: feines, durchscheinendes Gewebe, welches nun seine brennende Klarheit verdeckt.
Setzen Sie sich ein Stündchen nach draußen, an die milde Luft, ins Helle, und essen Sie… in aller Ruhe… ein Eis.
Wie schmeckt Ihnen jetzt dieses Eis?
Wie fühlt es sich an, eine Stunde lang an der frischen Luft zu sitzen, nun, da diese Stunde nicht mehr vergoldet wird von Sonnenbrand?
Die Luft sitzt nicht mehr auf Ihnen drauf wie eine herrische Katze, dick und warm, sondern rührt sich wieder, rührt sich leicht und schwingend, rührt in trockenen Blättern herum.
Aber klingt dieses Geraschel nicht melancholisch?
Meine Sonnenblumen wanken, von kleinen Windböen geschüttelt. Ich glaube, sie zittern.

Wenn Sie gern Fotos knipsen, kennen Sie das: Intensives Sonnenlicht ist der schönste Goldlack. Alles leuchtet wie von innen heraus. Eine hochsommerliche Beleuchtung veredelt selbst noch die verschrumpeltsten Erdbeeren oder das verdorrteste Rosenköpfchen.
Was nun, im September, wenn auf das ganze anstrengende Gleißen die Erschöpfungsmüdigkeit folgt? Wenn bald der Goldlack ab ist?

Gerade lese ich ein schmales Gedichtbändchen: Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte.
Selten hat ein Buchtitel so schamlos recht. Bei Hitze beginnt ja die ganze Zivilisationssuppe zu kochen. Aus Eckpfützen, Bordsteinrinnsalen, U-Bahn-Sitzen und dem Saum dichter Gebüsche steigen stechende Aromen empor. Der Sommer kocht allem das Mark aus den Knochen, und vor allem uns: Es brodelt binnenmenschlich. Und zwischenmenschlich sowieso.
Das ist natürlich das blanke Leben.
Beim ersten Durchlesen wundert es mich fast, in einem Gedichtband mit solchem Titel nicht ein einziges Sommerhitze-Gedicht zu finden, aber eben nur fast: Auch ohnedem ist hier alles drückend, drängend, dräuend, alles gärt und kocht. Das Leben halt.
Hier insbesondere das Leben auf der Kippe, das Leben kurz vor oder nach dem Kippen, das Leben mit Kippe, Schnaps oder Koks.

Allgemeine Raublust! Perfektion! Paarungstrieb!
(
aus: Billboards)

Es sind Abgesänge auf das Leben – das eigene, das allgemeine, das spezielle Stadtleben von Amsterdam; außerdem zwei Gedichte, die Wigman für „einsame Bestattungen“ (wo es also keine Freunde oder Angehörigen, keine sonstigen Anwesenden gibt) schrieb und dort vortrug. 33 Gedichte, die sich nichtsdestotrotz fest ans Leben krallen.

Ich kenne die Tristess von Copyshops, / von hohlen Männern mit vergilbter Tagespresse, / bebrillten Müttern mit Umzugsberichten, / den Geruch von Briefpapieren, Kontoauszügen, / Steuerformularen, Mietverträgen, / der nichtigen Tinte, die sagt, dass es uns gibt. (…) / hätt ich doch etwas Neues, etwas Neues bloß zu sagen. / Licht. Himmel. Liebe. Krankheit. Tod. / Ich kenne die Tristess von Copyshops.
(
aus: Zum Schluss)

Dies „hätt ich doch“ ist so präsent, es quillt aus wirklich jeder Zwischenzeilen-Ritze. Hätt ich doch! Was Besonderes an mir, mehr geliebt, besser Bescheid gewusst, einen Plan – hätte, wäre, könnte! Nur, helfen tut’s ja doch nicht. Mal schimpft Wigman gegen diese Vergeblichkeit an, mal lässt er sich auch sachte hineinfallen; immer hält sie ihn fest an der Hand.

Viel Geschimpfe, viel Weh. Und doch: das blanke Leben halt. Wigman starb 2018, 51jährig, und wie ich hier so sitze und ein paar seiner Gedichte lese, kommt mir in den Sinn, dass er damit unmöglich einverstanden gewesen sein kann. Wer sich so sehnt, so garstig liebt und so melancholisch pöbelt, wer sich so heiß am Leben abarbeitet… So eine Hitze ist ja purer, allerschönster Goldlack. „Und doch“, spricht da der Körper, der kranke, und fragt bald nicht mehr nach Sonnenschein.


Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte (Parasitenpresse) ist eine 2016 aufgelegte Auswahl von Gedichten aus Wigmans Werken ’s Zomers stinken alle steden (1997), Zwart als kaviaar (2001), Dit is mijn dag (2004), Mijn Naam is Legioen (2012) und Slordig met geluk (2016).


Foto: Grebe 2019

SPÄTSOMMER > Der dreißigste August

Das Jahr ist ein Gliedertier: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die Lebensphasen, die stellt man sich oftmals genauso gestaffelt vor wie die Jahresphasen; überhaupt vergleicht man sie mit allen möglichen Schrittfolgen des Gangs der Natur:
Anfangs die morgendlich frische Kindheit, es folgt die mittagsheiße Blütezeit als Erwachsener, Lebensernte im Lebensherbst, schließlich die nächtlich kalte, lichtarme Endphase, wo die Dinge absterben, sich auflösen, unter die Erde gehen.

Ich schaue meinen Sonnenblumen zu, wie sie ihre Köpfe gegen den dicken Himmel stemmen – noch weiter hoch, und noch ein bisschen. Der Himmel wiederum schmilzt ihnen die Köpfe krumm und drückt sie so von sich weg, und weiter bodenwärts, und noch ein bisschen.

Spätsommer haben wir’s. Das ist, so als Jahresphase, also rein äußerlich schon, etwas massives.

August! Da waren sie, die Tage aus Eisen, die in der Schmiede zum Glühen gebracht wurden. Die Zeit dröhnte. Die Strände waren belagert, und das Meer wälzte nicht mehr seine Wellenheere heran, sondern täuschte Erschöpfung vor, die tiefe, blaue. Am Rost, im Sand, gebraten, geflammt: das leichtverderbliche Fleisch des Menschen. Vor dem Meer auf den Dünen: das Fleisch. Ihm war angst, weil der Sommer sich so verausgabte. Weil das bedeutete, daß bald der Herbst kam. Der August war voll Panik, voll Zwang, zuzugreifen und schnell zu leben.

Das stammt aus Ingeborg Bachmanns Erzählung Das dreißigste Jahr, worin ein namenloser Er (mal wird allwissend über ihn geplaudert, mal kommt er selbst zu Wort) die Dreißig als Wendepunkt in seinem Leben begreift, als eine Bewusstseinswende und auch eine Wende der äußeren Gegebenheiten, zusammenfallend mit dem Spätsommer.

Er pendelte zwischen dem Meer und der Stadt hin und her, zwischen hellen und dunklen Körpern, von einer Augenblicksgier zur andern, zwischen Sonnengischt und Nachtstrand, mit Haut und Haar gepackt vom Sommer. Und die Sonne rollte jeden Morgen schneller herauf und stürzte immer früher hinunter vor den unersättlichen Augen, ins Meer. Er betete die Erde und das Meer und die Sonne an, die ihn so fürchterlich gegenwärtig bedrängten. Die Melonen reiften; er zerfleischte sie. Er kam vor Durst um. Er liebte eine Milliarde Frauen, alle gleichzeitig und ohne Unterschied.

Als Jugendliche (Oberstufe) ließ ich mich davon total erschlagen, von dem Geruch und dem Geschmack, den diese Erzählung abgibt, von ihrer gärigen Üppigkeit, die so gefährlich nah dran ist, in Fäulnis umzukippen. Ihrer Kompostwärme. Gewitterdruck lastet auf diesen Sätzen. Mich erschlug’s wirklich – aber mitgeben konnte es mir so gar nichts. Noch nichts. Zu früh alles.

Selbst dreißig geworden, verschwendete ich dann aber keinen einzigen Gedanken an Bachmannsche Sätze. Ich hatte ein Kleinkind und einen Haufen Dinge um die Ohren und nie Schlaf, ich steckte mit dem Kopf vollauf in einem ebenso lebenswütigen Frühling, kurz, ich hatte zu tun.

Und jetzt, Mitte dreißig?

Wer bin ich denn, im goldnen September, wenn ich alles von mir streife, was man aus mir gemacht hat? Wer, wenn die Wolken fliegen!

denkt Bachmanns Er, vom Sommer getrieben, gegart, geschleift.

(…) nichts, was ich denke, hat mit mir zu schaffen. Nichts anderes ist jeder Gedanke als das Aufgehen fremder Samen. Nichts von all dem, was mich berührt hat, bin ich fähig zu denken, und ich denke Dinge, die mich nicht berührt haben. (…) Warum habe ich einen Sommer lang Zerstörung gesucht im Rausch oder die Steigerung im Rausch? – doch nur, um nicht gewahr zu werden, daß ich ein verlassenes Instrument bin, auf dem jemand, lang ist’s her, ein paar Töne angeschlagen hat, die ich hilflos variiere, aus denen ich wütend versuche, ein Stück Klang zu machen, das meine Handschrift trägt. Meine Handschrift!

Über Nacht kommt so ein Morgen, wo der Heuduft des Sommers ins Schwächeln gerät, weil er das Gewicht der Herbstgerüche von Totholz, Waldpilzen, nassem Laub plötzlich mittragen muss.
Auf den, seiner Trägheit und Hitze wegen, so quälend endlos anmutenden August folgt der September wie eine unerwartet eingetroffene Nachricht, mit der zunächst einmal nichts vernünftiges anzufangen ist.
Auf „Mitte dreißig“ folgt „fast vierzig“ wie eine Unebenheit im Boden, ein beginnendes Gefälle, worauf man nicht gefasst war.

Auf Frühling folgt Sommer, auf Sommer Herbst, dann Winter – so geht das Jahr, hat man gelernt. Doch fängt die Zählung des Jahres ja mitten im Winter an, und sein kalendarischer Mittelpunkt liegt bloß ein paar Tage hinterm Frühlingsende, und wenn der Sommer vorbei ist, beginnt schon gleich, im Handumdrehen, das letzte Jahresviertel.
Und mag man (weil man um die Ohren hat, weil man zu tun hat) auch noch so unbeirrt wähnen, in vollem Lauf unterwegs zu sein – nur einen Schritt weiter, und schon ist man da, und noch einen, schon steht man mittendrin, mit beiden Beinen: im Abschlussquartal, nicht wahr?
Im Endspurt, wo die Ziellinien drohen.


Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr (Piper)


Foto: Grebe 2019