Singer-Songwriter

KOPFGEBÄUDE // Tom’s House

Wer baut, vertraut. Oder: Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Ja ja. Man will eben einer guten Zukunft einen Ankerplatz in dieser Gegenwart einrichten. Wohin einen diese Zukunft aber führen wird, kann man nie wirklich sagen; das gilt selbst dann, wenn man, anders als ich, sie schon fest an einem Ort verankert zu haben glaubt. Ein geistiges Haus, so einen mentalen Stützpunkt, so was braucht man natürlich auch – und kann man nötigenfalls einfach mitnehmen. Planung und Pflege muss man dem allerdings ebenso angedeihen lassen; vielleicht, indem man drüber schreibt, meinetwegen auch singt. Ach, wie banal das klingt, aber: Ach, wie schön es doch ist, sich in einem Song zuhause zu fühlen:

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LONESOME TRAVELLER // One of these days I´m gonna stop all my travelling


>> Die längste einsame Reise ist das eigene Leben. Der 1931 in Glasgow geborene Anthony James „Lonnie“ Donegan tingelte, mit kurzen Unterbrechungen, lebenslang in Europa und den USA als Jazz-, Blues- und Folk-Musiker umher. Anfang der 50er Jahre trug er maßgeblich dazu bei, die in den USA entstandene Folk-Spielart Skiffle in Großbritannien populär zu machen, was einen veritablen Skiffle-Wahn auslöste und Donegan den Titel King of Skiffle einbrachte. Als Junge begann er Gitarre zu spielen, nachdem er mit seiner Mutter nach deren Scheidung nach London gezogen war, wo die Radiosender viel Bluesmusik brachten. Während seiner Stationierung im Nachkriegs-Deutschland gründete er seine erste eigene Jazz-Combo, arbeitete später mit weiteren Jazz-Bands für verschiedene Album-Aufnahmen zusammen, trat solo auf und schrieb fleißig Songs für Andere. Regelmäßig spielte er in der Hamburger Szene und nahm Alben mit deutschen Jazz- und Skifflemusikern auf. In England skifflete und kalauerte er sich vorrangig als Gute-Laune-Bombe durch diverse Show-Formate. Unterwegs in den USA erlitt er schließlich seinen ersten Herzinfarkt. Damit war die Reise für Donegan aber nicht vorbei: Ende der 70er nahm er seine Songs gemeinsam mit Kollegen wie Ron Wood, Brian May und Ringo Starr neu auf, trat weiter auf, erlitt einen zweiten Herzinfarkt, der ihn ein zweites Mal nicht aufhielt. Ende der 90er spielte er sogar noch auf großen Festivals und brachte ein gemeinsames Album mit Van Morrison heraus. Erst 2002 endete die Reise, Lonnie Donegan starb während einer Großbritannien-Tour, kurz vor einem Auftritt.


PROVINZLEBEN // Tom´s Country

Way Back Home Sonja Grebe

Zum Bild des amerikanischen Nirgendwos entlang endloser Highways zählte während der 50er Jahre die massive Werbe-Beschilderung für eine bestimme Rasierschaum-Marke: Ein Kommerzgedicht, je Zeile ein Schild – als Schlusspunkt ein großes Logo-Schild von Burma Shave. Indirekt funktionierte Burma Shave so als Maßeinheit für abgerissene Autokilometer in eintöniger Weite. Wo Trostlosigkeit und Billigpoesie aufeinandertreffen, bestehen natürliche Biotope für Tom Waits´ Figuren. Reflexhaft verbindet man mit Waits das abseitige Großstadtleben als sein klassisches Sujet; seine bittersüßen Dramen und kaputte Romantik findet er jedoch ebenso in einsamen ruralen Gegenden, in Kaffs und Kleinstädten, zwischen Farmen und Fabriken.

Hell, Marysville ain´t nothing but a white spot in the road/ Some nights my heart pounds just like thunder/ I don´t know why it don´t explode/ ´cause everyone in this stinking town has got one foot in the grave/ and I´d rather take my chances out in/ Burma Shave

(Meine Lieblingsversion dieses Songs – der miesen Bild-/Tonqualität zum Trotz.)

Mag sein, dass es eine Zeitungsmeldung war, die Waits diese Autounfall-Episode hat erzählen lassen; beim notorischen Geschichtenerfinder bleibt absichtlich meist offen, wie sich die Anteile von Erfundenem und Verbürgtem in seinen oft authentisch erscheinenden Song-Geschichten zueinander verhalten. Das Städtchen Marysville jedenfalls gibt es: Benannt ist Marysville nach Mary Murphy Covillaud, einer Überlebenden der Donner Party, einer Siedlergruppe, die im Winter 1846/47 in der Sierra Nevada nur durch Kannibalismus überlebte. Im Kalifornischen Goldrausch war Marysville ein wichtiger Ort auf dem Weg in die nördlichen Goldfelder. (Wikipedia)

Waits selbst wuchs in einem mittelgroßen Städtchen in Kalifornien auf. Nach reichlich wilden Jahren in Los Angeles und dem völlig aus dem Ruder gelaufenen Versuch, in New York ein glückliches Leben zu führen, lebt er inzwischen seit Langem mit seiner Familie auf einem abgeschotteten Farmgelände in Nordkalifornien. Dort, mitten im Burma Shave-Nirgendwo, hat er seinen Fernseher im Garten beerdigt, beobachtet gern die Truthahngeier und Opossums und tobt sich an einem, von ihm Conundrum getauften Schlagistrument aus, das er sich von einem Nachbarfarmer aus Metallschrott-Funden zusammenschweißen lassen hat. Die provinzielle Ödnis kann ihre gute oder ihre schlechte Wirkung tun, kann sich lähmend auf die Seele auswirken oder Ruhe und Freiraum schenken.

I went down to town. I lost all my mind. I´m not going down there no more.

(Den fehlenden Rest dieser Doku konnte ich leider nicht ausfindig machen – wäre sicherlich lohnend.)


>> Bild: Ausschnitt aus Way Back Home (Grebe, 2012) mit einem Zitat aus Blind Love von Tom Waits: They say if you get far enough away, you´ll be on your way back home. (Die Erde ist schließlich ein kugelrundes Ding – aber nicht nur das ist gemeint.)


GROSSE FRAUHEIT // Indie-Dreigestirne

Gehe ich einen etwa zwanzig Jahre großen Schritt zurück, sehe ich mich wieder als adoleszentes Etwas, dessen mentaler Wuchs irgendwie nicht der populären Idealform zustrebte. In den mittleren 90er Jahren, der neongiftigen Morgenröte der kommenden, etwa zehn Jahre andauernden Billigpop-Ära, verkörperten folgende Vertreterinnen das Prinzip Traumfrau: die Girlies. Blümchen performte Herz an Herz, Lucilectric krähte Weil ich´n Mädchen bin, Gwen Stefani verdrehte die männlichen Köpfe meiner geschlossenen Jahrgangsstufe mit ihrem teils gehauchten, teils geröhrten I´m Just a Girl. Die eigentlich charaktervoll-schöne Heike Makatsch hoppelte, gackerte und trällerte sich durch diverse knallbunte Jugendformate von VIVA interaktiv bis Bravo TV und avancierte, in meinem Umfeld zumindest, zum Maß aller Mädchen-Dinge. Gleichzeitig waren die Spice Girls entsetzlich omnipräsent und produzierten eine Bugwelle nicht minder erfolgreicher Nachfolge-Girl-Groups, deren Namensgebungen unbegreiflicherweise niemanden so recht alarmierten: Atomic Kitten etwa, oder Sugarbabes.

Teil dieser Kommerzveranstaltung namens Girl-Power-Bewegung zu werden war denkbar einfach: Brachte man politisches und kulturelles Desinteresse bereits mit, konnte man den Rest des dafür Nötigen größtenteils bei C&A kaufen: Bandana-Kopftücher, Sonnenbrillen mit runden Buntgläsern, bauchfreie Tops, rosa Accessoires, zu klein geratene Röckchen (aus der Kinderabteilung). Dazu brauchte man dann unbedingt selbstklebende Glitzerbindis, Fingernagel-Klebetattoos, Fake-Nasenringe, Bauchnabel-Piercings, die obligatorischen DocMartens-Stiefel in diversen Farben, puppiges Make-Up, Zöpfchen. Fertig – nur im Wechsel kichern und schmollen musste man schon noch selbst.

Ebenso simpel wie die Girlie-Philosophie an sich gestaltete sich mein Verhältnis zu meinen Mit-Mädchen: Ich konnte die Girlies nicht ausstehen und die Girlies mich nicht. Man warf sich gegenseitig Erbärmlichkeit vor; ich ihnen wegen ihrer Mischung aus Barbie-Gehabe, infantilem Trotz und Karnevalsstimmung, und sie mir wegen meiner Tool-Shirts. Und meiner manierierten Ernsthaftigkeit. Etwas an diesem Ernst ging bei mir jedoch auf durchaus reelle Vereinsamungsgefühle zurück: Alle meine gegenwärtigen Helden waren männlich, die meisten meiner Freunde ebenfalls. Wo waren denn diese Frauen, zu denen ich so gern hätte aufschauen wollen, in Erwartung irgendeiner Motivation von oben? Ich empfand meine Jugend als scheußliche Transit-Zeit, die ich so schnell es nur ginge hinter mir lassen wollte, gleichzeitig war mir klar, dass ich nicht zur Unternehmensberaterin heranwachsen würde – ich benötigte für meine Werdens-Ziele also etwas alternativen Input.

Patti Smith und Debbie Harry? Waren hübsch anzuschauen in ihrem strammen Selbstbewusstsein, das mit ebensoviel Hirn wie Herz unterfüttert war. Leider beide bereits damals zu Tode ikonografiert. Poly Styrene? Siouxsie Sioux? Ja, die lebten auch noch, befanden sich aber seit langen Jahren im Off-Modus. Aktivistinnen mit bewegenden Ideen? Die Zeit der großen Systemumbrüche war ein gerade abgefahrener Zug, dem ich mit meinen Kinderschritten nicht hatte nacheilen können – und dann, als ich genug gewachsen war um die klobigen Lederstiefel (mit gehäkelten Buntbändern) zu schnüren, war die Loveparade, die von Marusha durch Berlin geführt wurde, der einzige veritable Massenzug der Gegenwart. Aktuelle Autorinnen übrigens standen für mich unsichtbar im Toten Winkel. Von diesem Sektor war ich so vollkommen abgeschnitten, dass ich erst Jahre später im großen Panoramarückblick das Ausmaß meiner Entfernung davon begriff.

Im Allgemeinen schienen mir die Musikerinnen am zugänglichsten. Und eines Abends stolperte ich über ein Ding mit zerzaustem Dunkelhaar, das wohl im Schlepptau von Nick Cave bei mir eingezogen sein musste. Es hieß Polly Jean Harvey, war ein wenig herb und sperrig, ganz seelenvoll stimmungsschwankend und machte allgemein einen sehr einladenden Eindruck auf mich. Eine Andere, eine zarte Hysterikerin mit rotem Haarmeer, schlich sich via Plattenschrank meiner älteren Schwester in meinen Einzugsbereich. Da blieb Tori Amos dann auch. Aus diesen zwei Sondererscheinungen machte erst das Auftreten einer hibbeligen Naturgewalt für mich ein bedeutsames Trio: Mit Björk entdeckte ich ein Phänomen für mich, dessen pauschale Anziehungskraft auf mich ich wohl nie so recht verstehen werde.

Nachdem diese Drei mir endlose Weiten eines hübschen Neulands zugänglich gemacht hatten, fand ich mich dort bald ganz gut zurecht und traf auf Catpower, Kim Deal und Andere. Darunter auch diese Anwärterin auf einen Quartett-Platz zur Erweiterung des eng miteinander verbundenen Dreigestirns: Schon zu damaligen Zeiten war Fiona Apple für mich eine vielversprechende Orientierungsfigur, die allerdings noch reichlich biografischen Platz für Weiterentwicklung besaß – mit 20 muss man noch keine Wirkungsfrau sein. Wurde sie aber schnell. Heute bildet die gelegentlich nervtötende, aber auch zur Selbstironie fähige Exzentrikerin gemeinsam mit zwei weiteren speziellen Exemplaren ein neues Musikerinnen-Dreigestirn für mich: der ätherisch anmutenden Annie Clark, alias St.Vincent, und der total verhuschten, während ihrer Auftritte jedoch umso energischeren Anna Calvi. Diese Drei – zwischen 1977 und 1982 geboren und damit auch genau mein Alter teilend (die Jüngsten hier sind Annie Clark und ich) – wirken aus meiner heutigen Perspektive ebenso stabilisierend auf mich und mein Gemüt wie damals Harvey, Amos & Gudmundsdottir. Für mich sind Apple, Clark & Calvi Wohlfühlfiguren; sie laufen ein wenig neben der Leitspur, welche heute zwar nicht mehr die Girlies vorgeben, dafür aber diese viel zu smarten, vollkontrollierten, pseudo-erwachsen denkenden Y-Mädchen.



GROSSE FRAUHEIT // Auf Provinzflucht mit Judy Henske


Im Büro eines Provinz-College und später einer Quäker-Kooperative zu arbeiten, mag für viele eine erfüllende Aufgabe sein. Judy Henske teilte wohl nicht diese Zufriedenheit und schulte sich kurzerhand selbst um, von der Sekretärin zur Sängerin. Geboren wurde Judy Henske 1936 in einer Kleinstadt im Nord-Osten der USA namens Chippewa Falls/Wisconsin. Immerhin konnte der Nachbarstaat Illinois mit Chicago eine veritable Metropole als Fluchtpunkt anbieten. Aber das war für Judy Henske längst nicht alles in Sachen Fernziele: Ende der 50er Jahre zog es sie aus dem waldreichen Norden den Stränden und der Sonne Kaliforniens entgegen, wo sie in San Diego zeitweise auf einem Schiff wohnte und singend durch die Kaffeehäuser Los Angeles´ tingelte. Dort schloss sie sich Anfang der 60er einer Gesangstruppe namens Whiskey Hill Singers an, die sich jedoch bald wieder zerstreute. Henske landete auf Umwegen in Hollywood, wo sie an einer Dokumentation über die Folk-Bewegung und an Album-Aufnahmen anderer Musiker mitwirkte. Außerdem trat sie als schnell populär gewordener Side-Act in der Judy-Garland-Show auf, flog wegen ihres deftigen Humors jedoch bald wieder aus der Besetzung – so schlug sie sich also weiter als Solo-Sängerin durch. Regelmäßig ging sie für Auftritte nach New York und lernte dort Woody Allen kennen, kurze Beziehung inklusive. Der Mann, den sie später heiratete, hieß dann aber Yerry Jester, Mitglied des Modern Folk Quartet. Das Musiker-Ehepaar hielt sich mit pausenlosen, auch gemeinsamen Auftritten in New York und entlang der Ostküste über Wasser. Für eine Karriere als Entertainerin ging Henske nach Los Angeles zurück, floppte aber gründlich und wechselte wieder an die Ostküste, als Yester Ende der 60er Jahre dort einem vielversprechendem Band-Projekt namens The Lovin´ Spoonful beitrat. Parallel dazu kehrte Henske wieder ganz zur Musik zurück und nahm gemeinsam mit Yester ein Psychedelic-Folk-Album auf, das Frank Zappa auf seinem Label Straight Records verlegte. Das Ehepaar wirkte fortan als Rosebud gemeinsam weiter – bis schließlich das Ende Rosebuds und damit auch der Ehe zwischen Henske und Yester ins Haus stand, als sich Henske und der für Rosebud als Keyboarder verpflichtete Craig Doerger verliebten. Seither lebte Judy Henske weitestgehend im Privaten und trat erst ab den 90er Jahren wieder vereinzelt musikalisch auf. Obwohl ihr Einfluss mit der Zeit in Vergessenheit geriet, gilt sie rückblickend als wichtige Inspirationsquelle vieler amerikanischer Schriftsteller und Musiker.


OBERFLÄCHENKULTUR // Leider wunderbar: Mac DeMarco, Salad Days


Obacht, ein Hipster-Beitrag! Von den Paradeschnöseln Phoenix als Tour-Support gebucht zu werden, kommt wohl einem zeitgeistlichen Ritterschlag gleich. Und mit seinem aktuellen Album Salad Days folgt der kanadische Singer-Songwriter Mac DeMarco denn auch Kernmotiven modischer Kulturschafferei: der unerträglichen Leichtigkeit des Seins und der Ironisierung alles Unerträglichen. Aber es nützt nichts – ich liebe dieses Album.

Bereits bei Blue Boy, und das ist Track Nummer zwei, war mir klar, ich würde Salad Days tagelang rauf und runter spielen, gleichwohl ich mich irgendwie als unrechtmäßige Besitzerin dieser Musik empfinde. Wie gut, dass dem kleinen Album (sein Umfang beträgt eine süße halbe Stunde) völlig gleichgültig ist, wo es gespielt wird, andernfalls würde es sich in unserem Bonbonfarben-freien Haushalt ohne Dreieck- oder Hirschgeweih-Gedöns wohl etwas fehl am Platz fühlen. Kein Helvetica-Schriftzug weit und breit, keine geometrischen Windspiele vorm Fenster, einzig meine originalen 90er-Jahre-Jutebeutel könnten mit Mühe ein paar Credits einheimsen. Aber egal, in besagten 90ern standen auch Beck (bezüglich DeMarcos eine beliebte Vergleichsperson für die Presse) und Henry Rollins nebeneinander in meinem CD-Regal, ob ihnen das nun gepasst hat oder nicht. Auf diesem CD-Regal lag übrigens ein ungeordneter Haufen Kassetten, auf deren buntbekritzelten Index-Zettelchen sich unter Anderem folgende Namen und Musiktitel fanden:

Gerry Rafferty, Right Down the Line / The Korgis, Everybody´s Got to Learn Sometimes / Fleetwood Mac, Dreams / Al Stewart, Year of the Cat / Neil Young, Heart of Gold / Kenny Rogers, Ruby Don´t Take Your Love to Town / Pink Floyd, Time / Paul Simon, Fifty Ways to Leave Your Lover / J.J. Cale, Call Me the Breeze.

In der Loveparade-Ära natürlich alles geschmackliche Todsünden, aber eben das geschmackliche Vermächtnis meiner älteren Schwestern, und von mir per Tapedeck in mühseliger Sammeltätigkeit beim Radiohören mitgeschnitten. Bis heute bekomme ich angesichts von Softpop-Perlen und 70er-Jahre-Plüschigkeit eine etwas verschämte Gänsehaut, und in den frühen 80ern fühle ich mich ohnehin kinderzimmerwohl.

Als hätte man sämtliche jener Mixtapes zusammen mit dem halben Inhalt des CD-Regals – genau: Beck, aber da waren auch Cake, Pixies, Violent Femmes, Lou Reed und enorm viel Grunge – in einem Mixer getan, so klingt Salad Days. Die abgegriffene Mixer-Metapher musste sein, nämlich der Schrammig- und Schiefigkeit des Klanges wegen: Der Sound kommt zwar urvertraut, aber auch kaputtgemacht daher, die Verzerrungseffekte klingen nach sich anbahnendem Kassettenbandsalat, schwächelnder Walkman-Batterie und dicken Kratzern auf analogen Tonträgern. Herrlich also. Natürlich legt DeMarco damit die selbe Rückbeziehungswut an den Tag, die ich andernorts als nervtötend empfinde: Die vollkommen freie Kombination aus vergangenen Stil-Elementen verbunden mit einem Basis-Paket akuter Trends ist eben der Stil der Zeit, aber solange es keine Prise Originäres darin gibt, kann man seine eklektisch gewählten Referenz-Zutaten noch so hochtourig verquirlen – etwas Eigenes entsteht dadurch doch nicht. Es ist nur so, dass die Liste von Referenzen bei diesem Album so perfekt meinen Nerv trifft, dass ich es unmöglich nicht mögen kann. Ich wünschte übrigens, eine Zeitschleife würde Blue Boy erfassen und im Jahr 1998 auf dem Soundtrack von The Big Lebowski platzieren – soviel zu der Frage, wie sehr ich vielleicht doch selbst rückbeziehungswütig bin. Erwischt.

Textlich betrachtet ist das Album eine Aneinanderreihung postpubertärer Belanglosigkeiten. Geschrieben aus Langeweile, kreisend um Pseudo-Melancholie, undramatische Herz-Wehwehchen und Alltagsstimmungen, sind die Songtexte reinster Wohlfühlkitsch. Voll in Ordnung, denke ich. Ich könnte mich auch, wie sonst, darüber ärgern, dass die kunstschaffende Oberschicht sich mal wieder selbst egal ist – für Augenblicke aber glaube ich tatsächlich, dass DeMarco einfach die kunstschaffende Oberschicht egal ist. Denn mit dem Titel Salad Days ist genau jene schlabberige Gehaltlosigkeit, das Fehlen von Biss, von Brennwert, also die inhaltliche Anspruchslosigkeit, die der Generation Y so vehement vorgeworfen wird, nicht nur perfekt ausgedrückt, sondern perfekt überzeichnet. Ist DeMarco nun ironisierender Hipster – oder doch die Ironisierung des Hipsters? Man beachte, der Mann trägt keinen Vollbart… Wie auch immer: Er steht in meinem CD-Regal. Ich weiß nicht recht, wie seine Nachbarn dort das so finden, aber der gute alte Henry Rollins hat sich mit der Zeit schon an ganz Anderes gewöhnt.


>> Mac DeMarco, Salad Days (Captured Tracks)

DAS LEBEN VON GESTERN // Die verspätete Frau Baier


Mein musikalischer Geschmack springt für gewöhnlich in zerschrammten Lederstiefeln umher, setzt sich allerdings ebenso gern am Jazzklavier nieder. Gäbe es in meiner Musikwelt diese Pole nicht – Krawallmacherei und Konzentriertheit -, wäre sie leblos und hätte nichts mit meinem Inneren zu tun. Glücklicherweise fehlt ihr die räumliche Dimension, sodass es möglich ist auf einem einzigen Speichergerät beliebige Stile unterzubringen, zwischen denen eine solche Distanz besteht, dass man andernfalls ohne Flugobjekt vielleicht nie von einem zum anderen käme.

Zwei schlichte, aber goldene Gesetze erklären alles, was auf meinem MP3-Player vor sich geht: 1. Gegensätze ziehen sich an. 2. Vielfalt ist besser als Einfalt. Sie lassen sich ebenso gut zu Rate ziehen, wenn es darum geht, ein anderes Speichermedium auszulesen – meinen Lebenslauf.  (Musik und Leben sind eben oft wesensgleich.)

Auch in Sibylle Baiers Lebensgeschichte kommt Einiges zu einander, was tektonisch betrachtet so gar nicht zusammengehört. Deutschland und die USA etwa. Weiterhin: zarte Singer-Songwriter-Stücke aus den 1970er Jahren und eine der Grunge-Zeit entsprungene Kultfigur des Independent Rock.

Es sind die späten 60er Jahre: Eine Freundin zerrt Sibylle Baier in die Welt hinaus, zwei Mädchen machen sich auf die Reise über die Alpen. Danach beginnt Sibylle damit, Songs aufzunehmen – der erste, Remember the Day, erzählt von ihrer Reise. Von 1970 – 1973 entstehen 14 Songs, die Sibylle selbst aufnimmt. Eine Stimme, eine Akustikgitarre, ein Tonbandgerät. So schlicht ihre Aufnahmemethoden sind, so klar und natürlich sind der Klang und die Atmosphäre der Stücke. Man glaubt ihnen die Ungehetztheit ihres Entstehens anzuhören, es ist eine Sammlung privater Lieder, aus dem Bedürfnis heraus geschrieben und gesungen, das eigene Leben zu begleiten, und nicht die Vorgaben von Produzenten oder Plattenfirmen zu erfüllen. Trotz kurzer Ausflüge in die Schauspielerei – in Wim Wenders´  Alice in den Städten spielt sie 1973 eine kleine Nebenrolle – orientiert Sibylle Baier sich jedoch nicht weiter beruflich im Kulturbetrieb. Auch bleiben ihre Lieder unveröffentlicht. Ihre Lebensplanung richtet sich nun nach etwas anderem aus: Wie in so vielen Biografien, verebben künstlerische Anfänge, man heiratet, man gründet eine Familie. Sibylle Baier lebt inzwischen in den USA, das Wichtigste sind ihr aber nicht etwa neue Karrierepläne, sondern ihre Kinder.

Wie verändert sich der Blick auf die eigene Mutter, wenn man Tonbänder entdeckt, die aus einem fremden Leben zu stammen scheinen und doch die vertrauteste aller Stimmen wiedergeben? Sibylle Baiers Sohn Robert, selbst Musiker, hat in den Neunziger Jahren die jahrzehntealten Tonbandaufnahmen seiner Mutter wiederbelebt, zunächst in Form einer Kleinpressung, die im weiteren Familienkreis verbreitet wurde. Mit zunehmender musikalischer Professionalisierung erreichte Robert allerdings nach und nach Kreise, die ihm wertvolle Branchenkontakte lieferten, bis es sich schließlich ergab, dass er die Aufnahmen J Mascis vorlegte. Nicht nur als Kopf von Dinosaur JR, sondern auch als Produzent von Sonic Youth hat Mascis sich seinen Status als eine der bleibenden Größen der 1990er erarbeitet. Das Ergebnis dieses Zusammentreffens war die Veröffentlichung eines Albums mit den 14 Songs von Sibylle Baier auf dem Label Orangetwin. Unter dem Titel Colour Green ist die melancholisch gefärbte Songsammlung seit 2006 lieferbar.


>> Sibylle Baier, Colour Green (Orangetwin)