Roman

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Sven Amtsberg, Superbuhei

Langenhagen

Kennen Sie zufällig Langenhagen? Nicht nur den Flughafen, meine ich? Ich schon. Das ist eine dieser Vorstädte, die den Tellerrand Hannovers bilden, und der Tellerrand ist nun einmal nicht dort, wo das Schnitzel platziert wird, sondern wo sich ein schlaffes Salatblatt und die Pommes befinden, die als erste auskühlen. Dort, wo die letzten, müdesten Ausläufer des großstädtischen Gebiets auf die ländliche Region treffen. Das ist Ödnis für Fortgeschrittene. Dort wohnt Jesse Bronske.

Was macht man so in Langenhagen? Nicht viel. Aber nicht zuletzt: viel saufen. Einigen lokalen Gewohnheitstrinkern ist Jesses Kneipe ein Zuhause geworden. Das Klaus Meine liegt, wie anderswo Bäckereifilialen oder Blumenläden, im Eingangsbereich eines Supermarktes – dem örtlichen Superbuhei. Vom Tresen aus hat Jesse einen guten Blick auf seine Freundin Mona, sonnenbankgebräunte Kassiererin und, wie Jesse sagt, „eine Sitzschönheit“. Erfreulichere Ausblicke bieten sich nirgends, nach Abwechslung sucht man hier vergebens. Im Klaus Meine – das Jesse zwar aus juristischen Gründen umbenennen musste, der Einfachheit halber in Kleine Maus, was aber von ihm wie von der Stammtrinkerschaft konsequent ignoriert wird – laufen pausenlos die Songs der Scorpions, allmorgendlich eingeleitet von Wind of Change; das illustriert schön das Ausmaß der Tristesse des Bronske’schen Alltags, sowie das ironische Gemüt des Sven Amtsberg.

Während Musik und Trinkergefasel Déjà-vu-Ketten produzieren, spielt sich Jesses Leben im Ganzen ebenso als Wiederholungsschleife ab: Aus „dem brackigen Becken der Gewöhnlichkeit“ nämlich, worin Jesse sich abstrampelt, schafften es schon seine Eltern nicht heraus. Die Parallelen zu Jesses eigenem Lebenslauf sind so deutlich, dass er zu der Überzeugung gefunden hat, die Durchschnittlichkeit seiner Eltern, an und unter der sie so sehr litten, sei eine auf ihn übergegangene Erbkrankheit. Statt einer Kneipe in einem Supermarkt, betrieben die beiden einen Imbiss auf einem Supermarktparkplatz. Und ganz ähnlich, wie Jesse vertrauliche Briefe an Klaus Meine schreibt, zwängte sich Vater Bronske seinerzeit in einen weißen Glitzeranzug, um sich seinem Idol nahe zu fühlen, und brachte es als „Elvis von Rahlstedt“ zu kläglicher Berühmtheit. Dort nämlich, in Rahlstedt, Hamburger Nordost-Tellerrand, lebten sie damals: Vater, Mutter, Jesse – und Aaron. Solange jedenfalls, bis erst Mutter, dann Vater verschwand, und es für Jesse bald mit Aaron nicht mehr auszuhalten war.

Was Jesse rückblickend über seine Kindheit und Jugend, seine Eltern und den Bruder vor sich hin sinniert, lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner herunterkürzen: das erfolglose, sich in Oberflächlichkeiten erschöpfende Ringen um Größe, Sichtbarkeit, Liebe. Und wenn das, in Zeiten von Selfie und Clickbait, von filtergeschönter Selbstpräsentation und der Marktschreierei der Egos, kein hohes Identifikationspotential besitzt, dann weiß ich’s auch nicht – heutzutage sind wir schließlich alle ein bisschen Bronske, manche vielleicht mehr, manche vielleicht weniger. Mutter trat erfolglos im Laientheater auf, klapperte regionale Schönheitswettbewerbe ab und bekam das Heulen über den Grillfettgeruch, der so hartnäckig von ihrer Haut Besitz ergriffen hatte, dass er sich schließlich nicht einmal mehr durch ausgiebiges Baden beseitigen ließ. Vater versuchte sich, bevor er vollends Elvis wurde, als fiebriger Erfinder, außerdem als Salzteigkünstler. Die Bronske-Brüder probierten es mit einer Metal-Band, von der sie beide als Metal-Duo übrig blieben, bis sie das mit der Musik am Ende einfach ganz an den Nagel hängten.

Für Jesse folgte der Abgang nach Langenhagen – aber wie ging’s mit Aaron weiter? Und warum verschanzt sich Jesse allabendlich im gemeinsam mit Mona bewohnten Haus, hat sich eine Schusswaffe organisiert und starrt beunruhigt ins wogende Maisfeld, das direkt hinter der Grundstücksgrenze beginnt?

Wem von klein auf ein erbittertes Streben nach Besonderheit vorgelebt, wem eingetrichtert worden ist, dass allein individuelles Hervorstechen – und sei es auf dem banalsten oder albernsten Gebiet – die Basis liefert, um geliebt zu werden, um zu überleben gar, der verteidigt jegliche Einzigartigkeit, die er für sich zu beanspruchen vermag, mit allen Mitteln. Und gegen jede Konkurrenz. Angesichts der elterlichen Vorarbeit, die im Hause Bronske diesbezüglich geleistet wurde, verwundert es nicht, welche Abgründe sich da zwischen Jesse und Aaron, den eineiigen Zwillingsbrüdern, auftun.

Je härter Jesse sich gegen Aaron verteidigt, desto mehr kommt ihm abhanden, was noch zu verteidigen wert ist, und das ist ohnehin schon herzlich wenig. Vor allem droht Mona sich zu verabschieden. Langsam bekommt sie es nämlich mit der Angst zu tun – aber nicht wegen Aaron. Sondern wegen Jesse selbst. Denn Mona, die Aaron noch nie begegnet ist und seltsam findet, dass es keine Fotos gibt, die beide Brüder zusammen zeigen würden, glaubt nicht daran, dass Aaron überhaupt existiert. Schließlich wäre Jesse nicht der Erste, dessen Psyche in Reaktion auf die Unerträglichkeit der eigenen Alltagstristesse eine Persönlichkeitsstörung ausbrütet. Sicher, denkt man altklug, Jesse tickt nicht ganz sauber. Nur kommt man nach und nach ins Schwanken: Indem Amtsberg das Normalwesen dermaßen grotesk überzeichnet, dass hier eine bis auf die Knochen gestörte Kollektiv-Psyche offenbar wird, zeigt sich, dass es vielmehr die Anderen sind, die ganz und gar nicht sauber ticken, und so fragt man sich, ob es nicht eher ausgerechnet Jesse ist, dessen Urteil man trauen sollte.

Wäre dieser Roman ein Zimmer, dann wär’s wohl das eines mittel-uncoolen Teenagers anno 1995, das, ganz ironisch, flächendeckend mit Scorps- und Elvis-Postern plakatiert wäre – aus der Stereoanlage aber käme rund um die Uhr das Geschrammel der Hamburger Schule. Zu nicht unerheblichen Teilen hatte ja auch die ihre Wurzeln in der Provinz. Ähnlich, wie deren später auf den Plan getretene Dunstkreisgenossen: der musikalische Klüngel ums Grand Hotel van Cleef etwa, oder das Entertainmentkunstprojekt namens Studio Braun. Und genauso, wie Amtsberg selbst, der gebürtiger Langenhagener, seit den Neunzigern in der Hansestadt ansässig und dort prima vernetzt ist. Jedenfalls: In Superbuhei quält sich Jesse so hilflos mit der Bitterkeit des Gewöhnlichen herum, dass er glatt einem Song von Tocotronic oder Die Sterne entstiegen sein könnte. So distinguiert, wie man das vom Diskursrock her kennt, kommt Amtsbergs Romandebüt aber nicht daher – der Ton erinnert mitunter eher an den eines Rocko-Schamoni-alias-Georgie-Snyder-Telefonstreichs. Wer’s mag; nur käme der Roman, der durchaus mit Thriller-Elementen hantiert, im Ganzen sicherlich etwas zugkräftiger voran, hätte Amtsberg auf die ein oder andere Szene verzichtet, deren Skurrilität mehr dem Selbstzweck als der Story dient. Klar ist es witzig, dem Marktleiter des Superbuhei den Namen Stanislawski zu verpassen – kleine Anspielung auf den Sankt-Pauli-Kulttrainer, der seinen Trainerjob irgendwann aufgab und stattdessen überraschenderweise einen Rewe in Winterhude als Marktleiter übernahm. Klar auch, dass man in einem Roman, der ein bisschen Milleustudie unter Trinkern und Proleten betreibt, um ein paar eingestreute Kalauer nicht herumkommt – und die Sprache der Hauptfiguren, die bis zum Hals in jenem Millieu stecken, dem herrschenden Umgangston ein Stück weit angleichen muss. Dass Amtsberg streckenweise etwas zu ausgiebig in derlei Kleinkram und Kolorit badet, lässt allerdings eine Grundfrage, die vom Plot transportiert wird und in der es um Abgrenzung und Eigenständigkeit geht, aus dem Fokus geraten: Wo hören die Anderen auf und fängt das Ich an?


>>Sven Amtsberg, Superbuhei (Frankfurter Verlagsanstalt), gebunden, €24,-


Foto:Grebe

PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

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[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels einer reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe; es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt kräftig auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren, schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit – da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum unfeinen Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht: Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihn nun endgültig in die Finger kriegt und ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner in den Boden zu stampfen oder am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem kraftstrotzenden Dockarbeiter von einst nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John bei seinen Bemühungen zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte in Bewegung, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate, mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt raketenartig von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker. Und als sei der hiesige Mob nicht schon explosiv genug, halten nun zusätzlich Fan-Scharen aus Pottville in der Stadt Einzug wie eine Horde von apokalyptischen Reitern.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist vielleicht das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

PROVINZLEBEN // Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern

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Normalerweise höre ich keine Musik nebenher, während ich lese oder schreibe. Nie. Jetzt aber will ich etwas über Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing ins Laptop tippen – und dazu muss ich entschiedenermaßen das  Küchenradio anknipsen und NDR 1 Niedersachsen dudeln lassen, sonst fehlt mir hier was.

Wer den ländlich-norddeutschen Alltag nicht so richtig kennt, der versteht auch das mit dem Radio nicht so richtig, das in solchen Ortschaften, deren Skyline, wenn’s hochkommt, aus Kirchturm, Getreidesilo, Windrädern und Biogasanlage besteht, im Hintergrund eines jeden Haushalts, eines jeden landwirtschaftlichen Betriebs permanent irgendein Regionalwelle-Programm abdudelt. Und der versteht auch das mit dem ewigen Likörsaufen nicht; oder das mit dem Rechtsrock, und wie verbreitet es unter den Kids und jungen Erwachsenen ist, den zu hören; oder wie dramatisch sich die Milchpreisentwicklung auf Familienbetriebe mit kleinerer Viehwirtschaft auswirkt; oder wie normal es in so einigen Familien, in so einigen Gegenden ist, Diskussionen lieber mit körperlichen Mitteln auszutragen, und wie schwierig es das besonders den Mädels macht, da nicht automatisch und ununterbrochen den Kürzeren zu ziehen im Leben.

Und der versteht auch nicht, wie man als Mädel so blöd sein kann, sich, aus einer Laune heraus, zu wildfremden Typen in den Wagen zu setzen und nach Hamburg mitnehmen zu lassen, ganz spontan und direkt vom Feldrand weg, nur um dann schön doof dazustehen, so in Gummistiefeln, irgendwo in Hamburg. – Das verstehe ich wiederum ziemlich gut.

Der Bach, der nahe an meinem Elternhaus vorbeiplätschert, vereint sich mit ein paar weiteren Rinnsalen zu einem Flüsschen, und dieses Flüsschen ergießt sich, etwas weiter weg, in einen richtigen Fluss, und dieser Fluss läuft, in der Ferne, einem großen Strom zu, und dieser große Strom, der mündet schließlich ein ins große Meer. Und die Dorfstraße, an der ich mir als Jugendliche die Beine in den Bauch stand, während ich auf den Schulbus wartete, die geht über in eine holprige Kreisstraße, und die Kreisstraße, die führt zur vielbefahrenen Bundesstraße, und über die Bundesstraße kommt man zur Autobahn, und die Autobahn, die bringt einen in die große Stadt. Einfach irgendwo einsteigen, mitfahren so weit es geht, und weg bin ich – ging mir manchmal genauso durch den Kopf. Aber wenn man vom Dorf kommt, traut man den Auswärtigen nicht, versteht sich, und zu einem von denen ins Auto steigen, einfach so, das täte man nie und nimmer. Zweitens ist man, nur weil man Landkind ist, ja nicht gleich doof, wie das manche Städter gern glauben, und darum plant man seinen Abschied vom Landleben lieber gründlich und nachhaltig, anstatt Hals über Kopf auszubüxen und damit in einen Haufen Schwierigkeiten zu geraten. Und drittens halten Auswärtige auf Durchreise sowieso eigentlich nie im Kuhdorf an.

Christin, Mitte zwanzig, ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ist dagegen herzlich egal, was für Schwierigkeiten sie erwarten könnten, als sie sich kurz mal von daheim absetzt, so auf die unüberlegte Tour. Das mag nach Dummheit aussehen, aber was Christin antreibt, ist natürlich die reine Verzweiflung: Wenn man, wie eben Herbings Anti-Heldin, aus einem solchen Niemandsort wie Schattin in Nordwestmecklenburg kommt, dann bleibt einem schlechterdings nichts anderes übrig, als ab und an irgendeinen potenziell lebensgefährlichen Blödsinn zu verzapfen, sonst erlebt man nämlich nichts. Gar nichts. Nie.

Seit Christin bei ihrem Freund Jan und dessen Eltern auf dem Hof eingezogen ist, hilft sie beim Melken und Kühetränken und guckt dabei zu, wie ihre Hände nach und nach schwielig werden. Heiraten, Kinder kriegen, den Hof übernehmen – alles schon vorgezeichnet. Von Quasi-Schwiegervater Frank gibt’s ein monatliches Taschengeld und eine Menge giftiger Sprüche. Und ob das zwischen ihr und dem humorlosen, schnell aufbrausenden Jan nun Liebe ist oder bloß, na ja, irgendwas, das fragt sich Christin vorsichtshalber nicht allzu ehrlich. Zwar graust ihr vor dem Leben zwischen Küche und Kuhstall, das ihr da blüht, nur sieht es mit Alternativen ziemlich mau aus. Frisörin hatte sie mal werden wollen, aber ihr Ausbildungsbetrieb ging insolvent; der Vater säuft, die Mutter ist irgendwann einfach verschwunden, spurlos. Weit und breit also keine Familie, auf die man bauen könnte, und kein Job in Aussicht. Damit ist sie in Schattin nicht allein, aber weniger einsam fühlt sie sich darum noch lange nicht. Und während Christin in Gummistiefeln durch Ackerboden und Mist stapft, guckt sie den Flugzeugen nach, die von Lübeck aus, das bloß einen Steinwurf und doch eine Welt weit weg ist von Schattin, in alle Himmelsrichtungen fliegen.

Dort, wo der Norden besonders strukturschwach ist, ist man schon froh, sich so gerade eben durchschlagen zu können, von Träumen kann da keine Rede sein. In Schattin hat man nach der Wende einfach nicht die Kurve gekriegt: Die Alten trauern den alten Zeiten hinterher – als LPG, da war man noch wer -, und die Jüngeren schmoren in trostlosen Arbeitswelten oder in trostloser Arbeitslosigkeit vor sich hin. Auf den immergleichen Schlagerpartys wird rumgehangen und gesoffen. Die immergleichen Freunde bauen die immergleiche Scheiße; manche allerdings haben sich inzwischen schon totgefahren. Als Mädchen hat man nichts zu melden, aber anstatt sich darüber zu beklagen – besonders dann, wenn wieder mal einer grob zu einem geworden ist -, kippt man sich halt noch einen Kirschlikör hinter die Binde. Da kann man beinahe verstehen, weshalb Christin sich einem doppelt so alten, schnauzbärtigen Windanlagentechniker aus Hamburg an den Hals wirft, obwohl sich die Beziehungs- oder wenigstens Fluchtoption, auf die Christin spekuliert hatte, allzu vorhersehbar als Rohrkrepierer entpuppt. Ziemlich gut verstehen kann man, warum sich Christin mitunter zu boshaften, heimlichen Zerstörungsakten hinreißen lässt: Um Schattin zu verlassen, fehlen ihr die nötigen Mittel; um sich hier, in ihrem grobschrötigen Umfeld zu behaupten, fehlen ihr die Kraft und der Wille; aber um diese öde, rohe Welt zu sabotieren und es ihr auf diese Weise heimzuzahlen, dass sie es ihrerseits wirklich nicht gut meint mit Christin, dafür genügt manchmal ein Taschenmesser, oder ein Feuerzeug, oder ein bisschen Rattengift.

Wenn Christin von alledem erzählt, in ihrer abgestumpften Art, durch die viel Elend, viel unterschwellige Aggressivität hindurchblitzen, wünscht man ihr sehr, dass sie es nach draußen schafft, weg aus Schattin, irgendwie. Gleichzeitig weiß man ganz sicher: Das wird nix. Oder wenigstens nicht mit heiler Haut. Ein paar Tage im Hochsommer – länger hält Herbing sich erzählerisch nicht auf in Schattin, und mehr braucht es auch gar nicht, um zu verdeutlichen, weshalb das mit der Autodestruktion in so hundseinsamen, lieblosen Landstrichen wie diesem ein solcher Breitensport ist.

Um mit dem zeitgenössischen, florierenden Missverständnis aufzuräumen, Landleben sei die pure Idylle, schwingt Niemand ist bei den Kälbern eifrig die Realitätskeule. Alina Herbing selbst besitzt die nötige Credibility, um sich übers Land auslassen zu dürfen: Geboren in Lübeck, aufgewachsen allerdings in einem winzigen Dorf im Meck-Pomm der Nachwendezeit – der Autorin des Heimatkollerromans kaufe ich sofort ab, dass dessen Bitterkeit von Herzen kommt. Nur hat Herbing hier allzu gründlich geliefert. Es wirkt, als hätte sie beim Schreiben eine Checkliste abgehakt: Kühe, Trecker, Windräder, Hunde, Hühner, Alkohol, Freiwillige Feuerwehr, Zeltfeten, überkommene Geschlechterrollen, Esoterikglaube, biedere Wohneinrichtungen, usf.; Erzählprinzip Was muss, das muss. Und wegen ebendieser Mustergültigkeit wirken die Figuren und ihre Kulissen zumeist schon arg blutleer. Zufällig korreliert das freilich mit dem Sujet: Den quälend drögen Alltag in einem abgehängten Landstrich beschreibt Herbing umso glaubwürdiger, indem sie auch literarisch keine großen Experimente veranstaltet. Das Bild eines Fliegenfängers samt dran klebenden Zappelinsekten wird pflichtschuldig als Allegorie des zähen, vergeblichen sich Abstrampelns im Leben bemüht. Ein Nandu, der aus einer Farm ausgebrochen ist, wird als Symbol für Freiheitswillen, für exotische Unangepasstheit, plakativ in die Geschichte hineingepflanzt und am Ende verheizt. Das ist im Großen und Ganzen so ordentlich aufgebaut, so brav nach Lehrbuch installiert; das wäre auch prima als Lektüre für den Deutsch-LK. Lebendigkeit bricht da eher selten durch – aber wenn, dann immerhin mit Wucht, und in diesen Momenten schafft der Roman dann doch etwas besonderes: Er belässt es nicht dabei, die Verschlafenheit, Kleinkariertheit, Beengtheit des dörflichen Alltagslebens nachzuzeichnen, sondern traut sich außerdem, die darunterliegende Härte zutage treten zu lassen. Dies ist ein Land-, aber kein Familienroman, und zu sich selbst findet hier auch keiner, sondern es geht um eine Mittzwanzigerin, die sich selbst dann nicht beschwert, als einer eine Zigarette auf ihr ausdrückt. Während sich bloße Tristesse und Einsamkeit dagegen notfalls noch unter den Landkitsch-Teppich kehren lassen, wagt sich Niemand ist bei den Kälbern in einzelnen Szenen an schmerzhafte Kaltschnäuzigkeit, an beiläufige Brutalität und andere harsche Varianten dörflicher Lebensrealität heran und jagt dabei jeglichen Anflug von Landromantik durch den Schredder. Das ist allemal sehr lesenswert.


>>Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern (Arche Literatur Verlag), 20,00€


Foto: Grebe, 2017

DIE BESESSENEN // Was eine Kassiererin laut dachte, während sie „Hohlkörper“ von Robert Mattheis zu Ende las

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Ich erzähle Ihnen jetzt mal was über mich, weil Sie mich ja noch gar nicht kennen. Was berufsbezogenes: Ich bin Supermarktkassiererin. Genauer: Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter. Kein Traumjob, denken Sie vielleicht, aber irgendwie bin ich inzwischen auf den Geschmack gekommen und verbringe meine Zeit überraschend gern in diesem Laden und mit diesen Kolleginnen – Sie würden staunen, was man da mitunter erlebt. Sie würden überhaupt über so einiges staunen, wenn Sie Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter wären.

Meine Pendelzeit, meine dreißigminütigen Pausen und meine Abende verbringe ich lesend. Gerade lasse ich mich auf einen quietschbunt gemusterten Sitz im ÖPNV fallen, meine gut eingefledderte Lektüre schon in der Hand – Robert Mattheis, Hohlkörper. Die letzten Seiten heute.

„Danny Schwarz?“ „Das war sein Name, ja. Von dem Praktikanten, meine ich.“ „Komischer Name“, sagte Bruder, „Danny Schwarz!“ „Er wollte nur noch irgendeinen Satz korrigieren, den Bob orthografisch vermurkst hatte, oder ein Wort, ich weiß nicht, ist ja auch egal. Jedenfalls, Bob rutscht aus, knickt irgendwie um, weiß der Henker. Und als er fällt, löst sich die Salve. Er hat fatalerweise den Finger am Abzug gehabt, und er feuert […]“

„Hey“, redet es mitten in den Satz hinein. Ich schaue vom Buch auf. Mir gegenüber hat ein bekanntes Gesicht Platz genommen. „Oh, hallo! Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“ „Allerdings! Wie geht’s?“ Was soll man da sagen? „Tja. Und selbst?“ „Gute Frage. Ach, guck an: Du liest immer noch wie blöde, was?“ Das letzte Mal haben wir uns kurz nach dem Abi gesehen und danach irgendwie aus den Augen verloren. Wie das eben so ist, in den meisten Fällen. Nein, überlege ich, wir müssten uns später doch nochmal begegnet sein, oder sogar öfters? Vielleicht haben wir da nur unbewusst einen gewissen Bogen umeinander gemacht? Sie plappert weiter: „Machst du denn auch was mit Büchern jetzt? Warte mal, du hattest dich doch an der Uni eingeschrieben damals, und du wolltest -“ „Ja ja“, lache ich etwas gequält, „aber dann bin ich Buchhändlerin geworden, weißt du? Im Moment bin ich allerdings Buchhändlerin außer Dienst. Tja. Siehst gut aus, übrigens. Deine kurzen Haare – hast dich nicht viel verändert.“ Sie schielt mich neugierig an. „Stimmt, äußerlich jedenfalls nicht. Aber lass mal die Ablenkerei: Was machste denn jetzt so?“ Was soll ich da sagen? „Okay. Also, ich mache so dies und das. Hab mal Bilder verkauft. Jetzt verkaufe ich eben Kaffeefilter, Blumenerde, Shampoo, Zahnstocher, so was, und zwitschere nebenher ein bisschen im Büro herum. Und du so?“ „Ich? Na ja. Was soll ich da sagen? Ich wurde halt aussortiert. Aber ich bin zäh. Mag sein, dass man eine Zeit lang einen gewissen Bogen um mich macht, aber irgendwann kommt meine Gelegenheit, und dann springe ich eben wieder drauf auf den Zug.“

Schweigen bricht ein und dehnt sich unangenehm, während der ÖPNV nach einem kurzen Haltestopp weiterrattert wie der Lauf der Dinge. „Was liest du da?“, fragt sie plötzlich. „Oh! Spezielles Buch, weißt du?“ „Worum geht’s?“ Tja, denke ich, was soll man da sagen?

„Es geht, könnte man sagen, und irgendwo muss man schließlich anfangen – also, es geht um Bob und Georg, die als Texter-Duo unter dem Pseudonym Utz Feller im Auftrag eines erfolgsverblödeten Verlagsriesen einen neuen Fließbandbestseller schreiben sollen. Mit ihren Arbeiten am geplanten Publikums-Hit, einem Thriller, folgen die beiden Frischlinge im Hause Cyclops Media allerdings einer etwas anderen als der üblichen Karrieredynamik: Besonders Bob hat es sich in den Kopf gesetzt, dem milliardenschweren Unterhaltungsmoloch ein Kuckucksei – einen reellen Kunstroman – unterzujubeln. Während ein Cyclops Media Gremium die Fortschritte des Manuskripts skeptisch beäugt, schlagen Bob und Georg immer neue erzählerische Haken, um die Entscheider und insbesondere Mastermind Bert „Big“ Bruder, der die beiden schließlich als seine neuen Goldjungs verpflichtet hat, möglichst endlos bei Laune zu halten. Und so erfüllt sich der Arbeitstitel des Romans – Sprengkörper – leider nie in bombigen Verkaufszahlen, sondern in einer erzählerischen Explosion nach dem Muster Urknall, Schöpfung, niemals endende Expansion.

Entsprechend viel durchzumachen hat daher die Hauptfigur des Romans – Danny Schwarz. Ein Name, von dem die Autoren auf Anraten des Gremiums hin unbedingt Abstand nehmen sollten, was Bob jedoch kategorisch verweigert. Weil er total besessen ist von seiner Beschäftigung mit diesem gewissen Danny Schwarz, der sich als Dark Matter quer durch sein literarisches Schaffen wie durch sein Privatleben zieht.

Übrigens lernen wir Bob erst einmal als Texter in einer regionalen Marketingklitsche namens Grafl+Partner kennen. Und Georg zunächst als Nachwuchslektor: Er arbeitet am anderen Ende der textlichen Niveauskala, könnte man meinen, wo er sich nicht mit Werbegefasel herumschlagen muss, dafür aber mit faselnder Hochliteratur und ihren Autoren, die Georg im Hause Berlin Books betreut. Da hat auch Danny Schwarz, wie in so vielen Agenturen und Büros, mal als Praktikant angeheuert. Aber da fing die gemeinsame Geschichte von Bob, Georg und Danny nicht an.

Jeder für sich und doch alle zusammen, durchlaufen sie allerlei berufliche, gesellschaftliche Stationen innerhalb des Medienzirkus. Ihre Reise im Maschinenraum der Textbranche führt sie ganz nah heran an die niedersten Triebfedern des Menschlichen, an Frust und Lust, die eingebettet sind in Egomanie, an Erfolg und Wahn, und ist somit natürlich der reinste Höllentrip. Und um das hier, könnte man sagen, geht’s in diesem Roman wirklich: Es geht um den Markt, und um das Feuerwerk der Neurosen, Eitelkeiten und Grausamkeiten, das er hervorbringt; um Verleger, Autoren, Journalisten, Marketing-Gurus, Unternehmer, kleine Werber, große Künstler, Trittbrettfahrer und Emporkömmlinge, Irre und Pragmatiker, Medienriesen und Bürozwerge, die vollkommen hirnlos besessen sind von ihrem eigenen Marktwert. Da wird betrogen, gequält, geheuchelt, niedergemacht, die eigene Haut zu Markte getragen, der Verstand abgeschafft, die Seele vernichtet und sogar versehentlich gemordet – alles befeuert von dieser Besessenheit.

Glücklicherweise liest sich das ganze aber weniger wie die bitterernste Anklageschrift, als die es durchaus zu verstehen ist, sondern schon eher wie ein lustiger Clever & Smart Comic. Die Szenen leben von ihrer Bildhaftigkeit, und erzählt wird vorrangig – wir sind hier schließlich in der Medienwelt, und da geht’s um Kommunikation – in Dialogen. Selten leise, oft derb, ist der Roman mitunter schreiend komisch. Innen drin steckt freilich ein Skelett aus beinhartem Ernst, aber seine Motorik ist unverkrampft, seine Bocksprünge und Purzelbäume sind, bei aller Verschwurbelung, ungemein unterhaltend. Komik und Ernst schließen einander ja auch gar nicht aus – im Gegenteil ist gerade Humor ein sehr viel besserer Botschafter für Ernstgemeintes als es Gravität je sein könnte. Aber das sagte ich letztens ja schon, nicht?“

„Wieso jetzt letztens? Also zu mir jedenfalls nicht – wir haben uns ewig nicht gesehen.“ „Doch – gestern!“ „Gestern? Nein, da war ich siebenundzwanzig!“ „Ach, entschuldige – ich fühle mich manchmal selbst schon ganz non-linear. Wo war ich stehengeblieben?

Der Job bei Grafl+Partner, den Bob eingangs ausübt, der fällt in eine Zeit, die an das Ende des Romans anschließt. Aber der Roman ist nicht etwa rückblickend erzählt. Sondern vieldimensional. Einen irgendwie linearen Weg vom Anfang zum Ende sucht man vergebens, wirklich, der reinste Ebenensalat ist das: diverse zeitliche Ebenen, fiktive Ebenen, extra fiktive Ebenen, Roman-im-Roman-Ebenen; alles einmal kräftig durchgemischt. Knapp gefasste Episoden, mitunter isoliert wirkende Miniaturen, wechseln einander hektisch ab – ohne dabei gehetzt zu wirken, denn der ungestelzte, plauderhafte Ton wirkt entspannend dagegen an. Tatsächlich folgt man darum sehr gelassen noch der absurdesten Erzählwendung: ob vom Kaffeeschlürfen im Großraumbüro zum unfreiwilligen Fallschirmsprung aus dem Flieger, oder von einer narrativen Identität Bobs zur nächsten. Oft werden verschiedene mögliche Erscheinungsformen der Figuren und der Story in den Raum gestellt, wo sie niemand abholt – mitunter knüpfen sie dann auf irgendeiner Meta-Ebene woanders an. Der Erzählmodus der Hohlkörper spiegelt mithin das temporeiche Hakenschlagen der Sprengkörper: Eine schillernde narrative Blase folgt der nächsten; manche zerplatzen jäh, andere verbinden sich zu umhertrudelnden Clustern. Letztlich scheint das ganze eine literarische Demonstration dieses medientypischen Mechanismus zu sein: so viele unterschiedliche Versionen, Gesichter von Wahrheit zu produzieren, dass am Ende die Wahrheit unter diesen tatsächlichen Masken verschwindet – zu einem Phantom wird, das so dauerpräsent und doch so ungreifbar für uns ist, wie dieser Danny Schwarz für Bob. Die Geschichte führt nicht auf einen eindeutigen Abschluss hin, sondern immer wieder auf sich selbst zurück; der Autor könnte wahrscheinlich jahrelang an ihr weiterschreiben. Stellt sich also durchaus die Frage, ob das eigentlich überhaupt ein Roman ist – also Hohlkörper jetzt – oder eher ein, weiß nicht, fraktales Textgebilde vielleicht.“

„Wild gewordene Struktur, viel verquere Energie. Das klingt nach Punk – nee, das wäre wieder zu linear. Doch eher Jazz?“, fragt mein Gegenüber. „Viel besser, Liebes: Das ist Captain Beefheart in der Muppet Show!“ Schweigen; Beefheart ist ihr bisher wohl nicht über den Weg gelaufen. „Das Tolle daran ist“, versuche ich mich in ein etwas aussagekräftigeres Fazit zu retten, „dass sich hier ein, na, Buch über eine von Ware dermaßen besessene Welt weigert, selbst bloße Ware zu sein. Ein Buch über Produktions- und Konsumbesessenheit – in dem wiederum ein solcher narrativer Wildwuchs produziert wird, dass es sich dadurch dem schlichten Konsumiertwerden entzieht.“ „Ich dachte, diese Konsumwelt wäre nie so dein Thema gewesen?“ „Aber hallo! Ich arbeite jetzt schließlich direkt im Herzen dieser Konsumwelt! Nur sitze ich dabei eben am unteren Ende der Gehaltsskala.“ „Das Leben ist eine Wundertüte, was?“ „Und was für eine!“ „Aber dieses Skurrile, Komische, in sich Verschachtelte – hattest du’s nicht immer eher mit archaischer Strenge? Cormac MacCarthy, Aischylos und so?“ „Quatsch. Ja, auch, aber: Ich habe schließlich genauso einen Narren gefressen an Julio Cortázar, an Dietmar Dath, an, herrje, David Foster Wallace. An Modest Mouse! Weißt du, und je älter ich werde, desto eindeutiger erscheint mir, dass jegliche Kunst diesem völlig skurrilen, komischen, in sich verschachtelten Leben nur gerecht werden kann, indem sie ihm in der Form und im Inhalt entgegenkommt, anstatt sich majestätisch darüber zu erheben.“ „Glaubst du, dass dieser Autor hier seinem eigenen Leben gerecht werden wollte?“ „Ich glaube zumindest, dass eine Menge persönlicher Erfahrung mit seiner Materie aus diesem Roman spricht.“ „Okay. Ein schreibender Werber?“

Wissen Sie, bei aller Fiktion halte ich das ganze tatsächlich für die reine Wahrheit, die sich unter einem Berg von Masken versteckt. Und dass dieser Autor sich selbst im Roman versteckt hält, das ist genauso wahr, wie es eben wahr ist, dass ich eine wie besessen lesende Teilzeitkassiererin in einem Kleindiscounter bin.

„Weiß man’s?“

Meine Begleiterin schaut mich aus lauernden Äuglein an. „Ich denke, dass da wohl einer wahnsinnig besessen ist von seinem Leben als schreibender Werber – so besessen, um obendrein noch einen Werbe-Roman drüber zu schreiben. Ach, weißt du übrigens: Besessenheit und Verrücktheit sind ziemlich verschwistert.“ „Nein, nein, anders: Ich denke, dass da einfach ein Werber wahnsinnig besessen ist vom Schreiben! Obwohl, vielleicht tue ich ihm da unrecht – vielleicht ist er in Wirklichkeit ja auch Journalist oder Theaterdramaturg oder Gott weiß was.“ „Ach Gott, es können doch durchaus mehrere Wirklichkeiten als gleichwahr nebeneinander bestehen, nicht wahr? Ich meine, du sitzt schließlich hier, im öffentlichen Raum wohlgemerkt, und unterhältst dich gleichzeitig vollkommen selbstverständlich mit deinem 19jährigen Ich. So, wie du hier gestern mit deinem 27jährigen Selbst geplaudert hast. Und so weiter.“ „Das ist wahr.“ „Das ist verrückt. Aber genau deswegen bin ich ja hier. Du hattest eben das Bedürfnis, mich ein bisschen zuzutexten, weil du dich an was erinnert hast – wie wunderbar das war, damals, mit 19, als du die Zeit und den Antrieb dazu hattest, einfach tagelang in obsessivem Schreiben zu versinken.“ „Zu versumpfen, meinst du! Klar war das herrlich! Aber ich war ja so besessen, dass ich alles andere völlig gegen die Wand gefahren habe und beinahe verhungert wär, da oben, ganz einsam, auf meinem Riesenberg Papier – auf diesem Riesenhaufen Murks, der später verdientermaßen ins Altpapier ging -, hätte es da nicht ein paar besorgte Menschen um mich herum gegeben, echte Menschen, die – Na ja. War schön, dich mal wiederzusehen. Aber hier muss ich aussteigen, ich muss jetzt nämlich zur Arbeit!“


>>Robert Mattheis, Hohlkörper (Acabus), €16,90

DIE BESESSENEN // Ein Schauerroman von Witold Gombrowicz

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Oder doch eher: Mimikry eines Schauerromans?

In Die Besessenen – 1939 als Fortsetzungsroman parallel in zwei polnischen Zeitungen erschienen – fährt Witold Gombrowicz allerlei einschlägige Subjekte und Motive auf, wie man sie in einem ordentlichen Roman gothique eben erwartet: Da gibt es ein junges, durchaus begehrenswertes Fräulein, das sich in ein Unheil verstrickt; einen jungen Mann, der die volle Tapferkeit seines Herzens aufbieten muss, um jenes Fräulein, aber ebenso sich selbst, vor dem Untergang zu bewahren; einen dem Wahn verfallenen Bösewicht, der wiederum das Verhängnis fleißig vorantreibt; ein altes Schloss in einer abgelegenen, moorigen und nebelverhangenen Gegend, das in seinem fortschreitenden Verfall vor sich hin schmort; dazu dessen Hausherrn, der natürlich ein tatteriger, verrückt gewordener Sonderling ist; und auch der verschrobene Diener an seiner Seite, der wegen der jahrzehntelangen Treue seiner Dienste über alle dunklen Geheimnisse des Hauses im Bilde ist, fehlt nicht. Gombrowicz macht sich also gründlich der Klischeeausreizung schuldig – natürlich vorsätzlich.

Veröffentlicht unter Pseudonym, um ein wenig Abstand zwischen sich selbst und seine Urheberschaft zu bringen, dienten Die Besessenen ihrem Autoren wohl in erster Linie zum Broterwerb. Seine ersten beiden Veröffentlichungen, der Erzählband Memoiren aus der Epoche des Reifens sowie der Roman Ferdydurke, welche in einem kleineren Leserkreis zirkulierten, hatten bislang für wenig Einkünfte, aber einiges Mißverständnis gesorgt; mit der Kritikerschaft zumindest kam Gombrowicz auf keinen grünen Zweig. Mag sein, dass Gombrowicz darum ein Ausflug in die Trivialliteratur, insbesondere ein anständig bezahlter, nun nicht ganz ungelegen kam. Wie dem auch war – in eine Reihe gestellt mit seinem übrigen Werk, das gern groteske Komik versprüht und in Form und Inhalt stets zu Experimenten aufgelegt ist, erscheinen Die Besessenen in ihrem eher konventionellen erzählerischen Kostümchen als Außenseiter. Man soll aber seine Kinder lieben, wie sie eben sind, und so lässt auch Gombrowicz seinen Besessenen durchaus merklich Liebe und Fürsorge angedeihen; keineswegs jedenfalls erweckt dieser Roman den Eindruck, Gombrowicz habe ihn nicht gern geschrieben, obgleich er sich im Nachhinein etwas für ihn zu schämen schien.

Es beginnt mit einer Zugfahrt von Warschau hinaus aufs Land, auf der die baldigen Schicksalsgenossen Walczak, Professor Skolinski, Fräulein Maja Ocholowska, außerdem der alte Fürst Holszanski und sein Sekretär Cholawicki, Verlobter des Fräulein Ocholowska, zusammenkommen. Die restliche Wegstrecke klappert man mit dem Pferdegespann ab und begibt sich damit in eine sehr gestrige, sehr überholte Welt: Die einen lassen sich nach Polyka kutschieren, zum Adelssitz der verarmten Ocholowskis, den Majas Mutter zu halten versucht, indem sie ihn nun als Pension für Sommerfrischler betreibt, die anderen – und hier deutet sich schon die Teamaufstellung der später miteinander ringenden Seiten an – preschen dem heruntergekommenen Schloss Myslocz entgegen. Myslocz, Stammsitz der Holszanskis, besitzt als Gebäude keinen Wert mehr, doch birgt es eine Vielzahl von mutmaßlichen Kunstschätzen, die der gierige und intrigante Cholawicki dem greisen Hausherrn abzuluchsen gedenkt. Auch Skolinski, der Kunsthistoriker, hegt eine fiebrige Neugier auf die möglichen Sensationen, die er in den Beständen des scheuen und zurückgezogen lebenden Fürsten vermutet. Er ist nach Polyka gekommen, um vor Ort einen Plan auszuhecken, der ihm Zugang zum nahe gelegenen Schloss verschaffen soll. Währenddessen ergeht sich Maja auf dem elterlichen Landgut in der Verbesserung ihres Tennisspiels. Verarmt oder nicht, als Fräulein von adeligem Geblüt gilt es, im alltäglichen Lebenswandel eine strenge Exklusivität walten zu lassen, was allerdings nicht nur die Wahl ihrer sportlichen Vergnügungen anbetrifft: Mit Cholawicki hat sich Maja eine vielversprechende Partie geangelt, und sie beide pflegen einen recht offenen Umgang mit der Tatsache, dass ihre Verlobung auf gewinnorientiertem Kalkül beruht; wären nur erst die Mysloczer Schätze erschlichen und versilbert, ließe es sich zusammen auf Polyka schon recht angenehm residieren. Walczak, diesen gewitzten, aber dahergelaufenen Streuner und Überlebenskünstler, den Frau Ocholowska als privaten Tennistrainer für ihre Tochter engagiert hat, behandelt das Fräulein dagegen mit aller Herablassung, wie sie von Majas Seite aus gegenüber einem Sprössling des städtischen Elendsproletariats geboten ist. Und das umso mehr und umso verbissener, da schon am Tag ihrer gemeinsamen Ankunft auf Polyka zwischen Walczak und Maja eine unleugbare und ungewollt innige Verbindung zutage tritt, eine frappierende Wesensähnlichkeit, die in ihrer Deutlichkeit selbst den Gästen der Pension als etwas Unheimliches erscheint. Dieser teuflischen Ähnlichkeit zwischen den eigentlich so Ungleichen entspringt eine heftige Dynamik wechselseitiger Anziehung und Abstoßung, die, neben den beiden Wesenszwillingen selbst, freilich auch Cholawicki nervös werden lässt. Skolinski sieht indes im draufgängerischen Walczak einen idealen Komplizen für sein eigenes Vorhaben in Sachen Myslocz, mit dem er wiederum Cholawicki in die Quere kommt. Als sich die Handlung nach und nach aufs Schloss verlegt, spitzen sich jene individuellen Umtriebe und Hirngespinste zusehends auf regelrechte Besessenheiten zu, wofür eine bösartige Kraft zu sorgen scheint, die auf Myslocz ihren Ursprung hat. Von dort aus treibt sie ihr Unwesen mit den Figuren, verfolgt sie bis in ihre Träume, hält sie fest in unentrinnbarem Griff. Ihr giftiger Einfluss wirkt bis nach Warschau, wohin sich Maja Hals über Kopf flüchtet, wie kurz zuvor auch Walczak dorthin geflohen ist, der inzwischen übrigens Leszczuk heißt – eine Veränderung, die während der vorangeschrittenen Veröffentlichung des Fortsetzungsromans vorgenommen wurde, mit der Begründung, es gäbe einen realen Walczak, der mit der Romanfigur nicht verwechselt werden dürfe; allerdings tritt diese Namensänderung seltsam zufällig zu einem Zeitpunkt ein, an dem sich Walczak und Maja erstmals sehr nah kommen, als werde Walczak dadurch gleichsam neu geboren als ein Anderer. Jene grausame Kraft ist es auch, die den Fürsten in die vollständige Verwahrlosung treibt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt: Permanent faselt er von einem gewissen, aber undeutlich bleibenden Unheil, ist schreckhaft, oft schlaflos und unfähig, seine geistigen Kräfte über längere Strecken zu sammeln. Cholawicki entdeckt, dass es eine entlegene Kemenate im Schlossgewölbe gibt, vor der es Holszanski besonders graust, und verortet dort den Schlüssel zum um sich greifenden Bösen. Grzegorz, der alte Schlossdiener, weigert sich anfangs unter vielmaligen Bekreuzigungen, dem längst selbst in den Irrsinn abgeglittenen Cholawicki Auskunft über die furchtbaren Geschehnisse zu erteilen, welche sich einst in dem als Küche benutzten Raum zugetragen haben. Zwischen Skolinski, der sich dem Schlossherren mittlerweile angenähert hat, und Cholawicki entwickelt sich nun ein Wettrennen um die Aufdeckung des Geheimnisses der Kemenate. Derweil umkreisen Maja und Leszczuk einander in Warschau und geraten dabei immer tiefer in mentale Turbulenzen. Beide rutschen hinab in die halbweltliche Sphäre der Großstadt mit ihren Dieben, Schwerenötern, Escort-Fräuleins; bald wird es brenzlig, blutig, und final bleibt den beiden nur der Entschluss, es um jeden Preis mit der bösartigen Macht aufzunehmen, die sie sonst unaufhaltsam in den Abgrund zerren wird. Gemeinsam mit dem inzwischen ebenfalls verzweifelten Professor und einem tapferen Hellseher begeben sie sich, um ihr Seelenheil zu retten, schließlich ins Herz von Myslocz.

Wie es kam, dass am Ende ein einzelnes Handtuch diesen ganzen spiritistischen und psychologischen Wahn ausgelöst hat, das muss man schon selbst lesen, denn das lohnt sich.

Mit der abrupten Auflösung des ganzen lässt Gombrowicz seine Leserschaft allerdings fallen wie eine heiße Kartoffel – wirklich, der alberne Irrsinn hatte Tempo, Witz und Leidenschaft, kurz gesagt einen wahnsinnigen Unterhaltungswert, aber der kurze Schlusswink mit dem erhobenen Zeigefinger, der sich im Kontrast zu den zuvor ausgebreiteten heidnischen Spukereien einer deutlich aufklärerischen Haltung befleißigt, macht den diabolischen Spaß auf seiner Zielgeraden beinahe zunichte: Der Ton fällt hier jäh ab, wird hölzern und irgendwie lieblos, als Gombrowicz den Roman plötzlich zurückzerrt auf das Terrain der Vernunft. Wer sich hier jedoch verschaukelt fühlt, sieht nicht, dass er sich 300 Seiten lang selbst verschaukelt hat, indem er allzu bereitwillig in die eigenen Erwartungsfallen getappt ist. So, wie sich die Romanfiguren in ihre scheinbar zwingende Entwicklung fügen und blindlings zu Besessenen in Höchstform auflaufen, fügt man sich lesend in die Annahme, sich hier ungestraft wohlig gruseln zu dürfen. Dafür, sich dem unterhaltenden Schauersog achselzuckend hingegeben zu haben, fängt man sich mit dem abschließenden Satz denn auch einen verdienten Rüffel ein: „Gott sei Dank!“, rief der Hellseher aus. „Endlich habt ihr das verstanden! In dieser Welt voll Unklarheit und Rätsel, Dämmerung und Trübheit, Seltsamkeit und Irrtum gibt es nur eine untrügliche Wahrheit – die Wahrheit des Charakters!“ Vielleicht mochte der Autor mit seinem so betont, ja geradezu aufgesetzt vernünftigen Fazit illustrieren, wie gefährlich verführerisch der Wahn im Vergleich zur Wahrheit auf uns wirkt. Vielleicht, nuschelt ein zweifelnder Gedanke, wollte er damit aber auch heimlich die Romantik des Wahns gegen die Nüchternheit der Wahrheit verteidigen?

Real schauerlich ist zumindest die zeitgenössische Stimmungslage, der Gombrowicz ausgesetzt war, während er Die Besessenen verfasste. Womöglich spiegelt das geschilderte Umsichgreifen einer diffusen, aber klar wahnhaften Besessenheit, der eine furchtbare, destruktive Kraft innewohnt, nicht zuletzt die europaweit spürbaren Vorwehen des Zweiten Weltkrieges. Der letzte Abruck der Besessenen erfolgte am 31. August 1939, dem Vorabend des deutschen Überfalls auf Polen. Gombrowicz selbst war Ende Juli 1939 zu einer Schiffsreise nach Argentinien aufgebrochen. Vom Kriegsausbruch überrascht, blieb er glatt 24 Jahre lang in Buenos Aires, wo er sich als Bankangestellter durchschlug und weiter schrieb. 1963 kehrte er nach Europa zurück, jedoch nie nach Polen, arbeitete kurzzeitig in Westberlin und starb 1969 in Südfrankreich.


>>Witold Gombrowicz, Die Besessenen, lieferbar als Taschenbuch bei Fischer, €9,95; dtv-Ausgabe antiquarisch

SPRACHMUSIK // Fiston Mwanza Mujila, Tram 83

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Im Schweiße deiner Titten sollst du essen.

Wer sich bereits gegen den Einleitungssatz innerlich sträubt, sollte den Rest des lauten, lüsternen und heftigen Tram 83 vielleicht gar nicht erst lesen. Oder vielleicht ja doch, gerade? Fiston Mwanza Mujila, geboren im kongolesischen Lubumbashi und derzeit ansässig in Graz, schert sich in seinem Debutroman wenig um gegenwärtige mitteleuropäische Empfindlichkeiten. Aber wozu auch, wo man sich umgekehrt in Mitteleuropa und anderswo doch mindestens ebenso wenig ums gegenwärtige zentralafrikanische Befinden schert.

Insbesondere die titelgebende Bar, nächtlicher Lebensraum von Sex-Jobberinnen, Geschäftemachern, Studenten und Minenarbeitern, ist ein Ort, an dem für hiesige Sensibilitäten schlichtweg kein Platz ist. Die allabendlichen, ekstatischen Musikdarbietungen und allerlei leiblichen Exzesse im Tram 83 bilden den Refrain im Alltagsleben von Stadtland, einem verelendeten Millionen-Moloch, der ungefähre Parallelen zu Mujilas Geburtsstadt aufweist. Minderjährige Prostituierte, die Küken, ludern Freier an, um sie in den Unisex-Toiletten ziemlich prompt und wenig diskret zu bedienen. Allerdings werden diese Mädchen nicht etwa als besonders verlorene Seelen porträtiert – Verlorene sind dort schließlich alle, einzig darin herrscht Gleichberechtigung -, sondern stechen aus ihrem Umfeld hervor als kleine Göttinnen des Fleisches, drall, vital, freilich geschunden, gleichwohl von einer unantastbaren Energie. Die scharfzüngigen Single-Mamis, so die Bezeichnung für die älteren Prostituierten, sind ebensolche Zwiegestalten: Elendsfiguren, ja, und doch Regentinnen des Fleisches und die eigentlichen Herrinnen dieses Hauses. Die trotzigen Kellnerinnen, die in der internen Hierarchie deutlich unter den Prostituierten angesiedelt sind, üben auf andere Art Macht über das Fleischliche aus: Sie lassen sich nicht einfach herbeiwedeln, müssen mitunter schon angebettelt werden, damit sie scharf gewürzte Hundespießchen, Katzenragout und das ersehnte Maisbier servieren. Geld stellt derweil die Maßeinheit für maskuline Macht dar, und im Beschaffen und anschließenden Verprassen des Geldes besteht denn auch die Grundtätigkeit des durchschnittlichen Einwohners von Stadtland. Stets ringt dort Geld um Fleisch, und Fleisch wiederum um Geld.

Mujila erzählt die Geschichte des erfolglosen Schriftstellers Lucien, der von außerhalb, aus dem Hinterland genannten Landesteil, nach Stadtland kommt, um bei seinem alten Freund Requiem Unterschlupf zu finden. Lucien, der Poet, und Requiem, der Praktiker – was sie verbindet, ist eine gemeinsame, brutale Vergangenheit, von gegenseitiger Liebe kann indes nicht die Rede sein. Während Requiem als erfolgreicher Ganove und Schürzenjäger durch die Gegend patrouilliert, Lucien bei sich beherbergt und ihn vergeblich für diverse Jobs zu interessieren versucht, schreibt Lucien an einem komplizierten Theaterstück, Das Afrika der Möglichkeiten: Lumumba, der Engelssturz oder die Stößel-Mörser-Jahre, das er über einen losen Kontakt in Paris an internationale Verlage vermitteln will. Eine günstigere Gelegenheit scheint sich ihm zu bieten, als er im Tram einem Schweizer Verleger begegnet, der Lucien unterstützen will. Verlagschef Malingeau zählt zum ausländischen Teil der Kneipenbesetzung, Geschäftsleuten unterschiedlichster Couleur, die man hier als gewinnorientierte Touristen bezeichnet und die auf die eine oder andere Weise Anteil nehmen an der Ausbeutung des Landes durch auswärtige Kräfte. Malingeau, der ursprünglich nach Stadtland kam, um auf kulturellem Gebiet Wilderei zu betreiben, profitiert inzwischen auch als Teilhaber von Requiems Schiebereien mit Bodenschätzen und Waffen. Auf einen Wink des Verlegers hin wird eine Lesung im Tram organisiert, doch Luciens Vortrag endet im Desaster, in Tumult und Dresche. Der geprügelte Lucien versucht sich daraufhin wohl oder übel einmal abseits der Literatur, als Minenplünderer im Gefolge Requiems. Dort bewährt er sich ebenfalls nicht, gerät in die Fänge eines konkurrierenden Draufgängertrupps und entgeht nur um Haaresbreite einer Zukunft im staatlich geförderten Folterkeller. Dann aber, als Luciens Existenz wirklich nichts außer Elend mehr hervorzubringen vermag, kommt die Diva auf ihn zu, eine vergötterte Sängerin, deren Auftritte im Tram legendär sind. Die Diva verfügt als Einzige in Stadtland über etwas, was nicht einmal der abtrünnige General besitzt, der über die Region mit ihren Diamantminen herrscht: Autorität, die nicht auf Gewaltanwendung beruht. In ihren Liedern benennt sie das hoffnungslose Elend der Menschen und spricht die Sehnsucht heilig. Eine gemeinsame Performance, die Luciens Texte und den Gesang der Diva verbindet, stellt das Tram schließlich vollkommen auf den Kopf.

Musik als Träger für Storytelling – das ist nicht nur ein Motiv innerhalb des Romans, sondern die erklärte erzählerische Methode des Autoren. Er komponiere seine Texte wie ein Jazzmusiker, sagt Mujila, und tatsächlich liest man aus dem Roman verschiedene Jazz-Elemente heraus, wie man bei den Beatniks, an deren Stil Mujila durchaus denken lässt, den Bebop herauslesen kann. Tram 83 ist ein Roman auf der Basis von Rhythmus, mit einer Erzählstruktur, die ihre musikalische Entsprechung nicht etwa in der Melodie, sondern in der Improvisation findet.

Der Nordbahnhof, der als zentraler Ort des Lebens in Stadtland für tausendfaches Ankommen und Abreisen steht, bildet zugleich den Ein- und Ausstiegspunkt des Romans: Luciens Ankunft dort stellt das Intro des Stückes dar, und es endet mit seinem Gang zum Bahnhof, um den nächsten Zug zurück nach Hinterland zu nehmen. Innerhalb dieser Klammer führt der literarisch-musikalische Weg durch meist fiebrig, mal auch pastoral vorgetragene Soli, die jeweils von kleinen Zwischenspielen eingeleitet werden und in die wiederkehrende Themen eingearbeitet sind. Der Nordbahnhof zum Beispiel, eingangs beschrieben als ein halbfertiges, von Granateinschlägen zerschundenes Metallgerüst mit ein paar Gleisen und Lokomotiven […], billigen Hotels, Spelunken, Bordellen, Erweckungskirchen, Bäckereien und dem Getöse von Menschen aller Generationen und Nationalitäten, wird im Verlauf des Romans unzählige Male angesprochen, indem diese Beschreibung zitiert und dabei immer variiert wird. Mitunter wird das Nordbahnhof-Thema üppig verlängert, sozusagen intensiv ausgespielt, meist aber wird es wortwörtlich bis aufs Gerüst, auf seinen Anklang also, reduziert: Währenddessen blieb Lucien ein wenig abseits stehen, um trotz der üblichen Staus rund um den Bahnhof, dessen Metallgerüst, etwas aufzuschreiben. Neben variierten Themen treten auch reine Wiederholungen auf. Der ewige Anbaggersatz der Küken etwa – Was sagt die Uhr? – drängt in regelmäßigen Abständen gleich einem Hintergrundgeräusch in ganz andere Gespräche und Betrachtungen hinein und verselbstständigt sich so zum Rhythmuselement, zum Taktgeber. Andere Sätze werden wiederholt, um sie zu betonen, wie Requiems Jeder für sich, Scheiße für alle. 

Nirgendwo im Roman herrscht ein mitleidiger oder selbstmitleidiger Ton. Selbst in den düstersten Abschnitten dominiert eine lakonische Abgebrühtheit, die mit Gejammer nichts zu tun haben will – lieber unternimmt der Ton stattdessen Ausflüge ins Schwärmerische. Die Coolness einerseits, die Hingabe an den wilden Sog andererseits: auch darin findet sich wieder der Jazz. Der Verlag und diverse Buchbesprechungen ordnen diesen Ton ein, indem sie als Orientierungsgröße den Namen Coltrane fallen lassen, und was die Struktur des Romans anbelangt,  lassen sich sicher Vergleiche zu Coltrane-Stücken ziehen. Von mir aus. Genauso hätte man beliebig Monk oder Davis nennen können, aber Mujila selbst liebt eben zufällig das Saxophon. Die Energie allerdings, die in dem ganzen steckt, dieser saftige, ausdauernde Lebensübermut mit seiner abgründigen Wildheit – wenn das nicht Fela Kuti ist, dann weiß ich’s auch nicht: Im Afrobeat vereinen sich Jazz, Funk, Ekstase, afrikanische Identität und eine politische Kampfhaltung, und all das ist in Tram 83 massiv hörbar.

Musikalische Querbezüge also erkennt man überall, aber auch an literarischen und politischen mangelt es nicht. In Luciens Theaterstück tritt Patrice Lumumba auf – Kämpfer für die Unabhängigkeit des Kongo und, nach dessen Loslösung von der belgischen Kolonialherrschaft, erster Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Der Sozialist Lumumba wurde zur Symbolfigur der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung und spätestens mit seiner Ermordung 1961 zu einer politischen Ikone. Könnte sein, dass der musikverrückte Mujila die zweitwichtigste Figur seines Romans eingedenk eines Stückes benannt hat, das Paul Dessau 1963 komponierte: Requiem für Lumumba. Das Theaterstück jedenfalls, das mag auf Aimé Césaire verweisen, Mitbegründer der Négritude-Strömung, einer frankophonen, philosophisch-politischen Bewegung, die von den 1930er Jahren an Kolonialismuskritik übte und eine eigenständige afrikanische Identität befördern wollte; 1966 veröffentlichte Césaire Im Kongo. Ein Stück über Patrice Lumumba. Mit alten Helden und alten Konzepten ist in Stadtland aber niemandem zu helfen, sie allein erreichen niemanden mehr, das hat Lucien nach seinem ersten Vortrag deutlich zu spüren bekommen. Der stolze Unabhängigkeitsgedanke von einst ist angesichts des zerrütteten Zustands der Demokratischen Republik Kongo, der Ausbeutung der Bodenschätze bei gleichzeitiger Verarmung der Bevölkerung, langwieriger bewaffneter Konflikte und schwerster Menschenrechtsverletzungen zur Absurdität verkommen. Mujila vermittelt das beiläufig, aber prägnant in der Szene, in der Lucien den Minenbanditen in die Finger gerät. Die bringen ihn nur deswegen nicht gleich aus Spaß um, weil sie bei der örtlichen Polizeistation ein Päckchen Zigaretten als Belohnung für die Überstellung eines Diebes einstreichen können. Zuvor aber quälen sie ihn dann doch mit Schlägen und Demütigungen. Lucien erwartet schon das Schlimmste: Sie kamen näher, zogen ihre Dolche, Messer, Bajonette, Steinschleudern, Schraubenzieher. Er machte sich in die Hose. Stattdessen muss er sich nackt ausziehen und einen Text aufsagen: Die Hunde kicherten. -„Bitte…“ – „Sag Herrn Seguins Ziege auf.“ Er sagte die erste Hälfte von Herrn Seguins Ziege auf. Sie brachen in schallendes Gelächter aus. Im französischsprachigen Raum sind die Briefe aus meiner Mühle, eine Sammlung von Erzählungen Alphonse Daudets, in der sich auch Die Ziege des Herrn Seguin findet, sehr populär. In dieser Lehrgeschichte kümmert sich Herr Seguin geradezu liebevoll um seine Ziege, die verschmäht aber ihre sichere Hege und büxt lieber aus, in die Freiheit, ins nahe Gebirge, genießt einen Tag lang ihre Ungebundenheit, bis dann am Abend der Wolf vor ihr steht, dem das harmlose Nutztier nichts entgegenzusetzen hat, und sie frisst. So viel zur Romantik der Unabhängigkeit. Während Luciens Textauszüge seinem lokalen Publikum nicht gefallen, weil sie dessen Lebensrealität nicht berühren, ist sein Theaterstück für seine Interessenten in Europa wiederum zu kompliziert. Der Freund aus Paris, Porte de Clignancourt, gibt ab und an per Telefon Anweisungen zur Überarbeitung des Manuskriptes durch. Erst soll Lucien seine zwanzig Figuren auf die Hälfte reduzieren, dann auf eine Handvoll – am Ende bleibt von Luciens ursprünglichem Stück nichts übrig. In den wohlständigen Industrienationen hat man eben keine Lust, afrikanische Themen in ihrer Komplexität wahrzunehmen, und besteht auf einer vereinfachenden Sichtweise, gleichwohl diese nicht funktioniert. Damit teilt Lucien als kleiner Autor das große Dilemma vieler afrikanischer Staaten: Eine Anbiederung an die internationalen Wirtschaftsmächte bringt nichts Produktives hervor, eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln führt aber auch zu nichts.

Dass Luciens Texte am Ende doch noch zünden, liegt daran, dass er sie gemeinsam mit der Diva zu etwas Neuem verarbeitet. Dadurch vollzieht er seine eigene Loslösung von seiner Fixierung auf die Historie, die Theorie und die fernen Industrieländer und bindet sich selbst in den Kontext der Gegenwart, der Gemeinschaft unmittelbar um ihn herum ein. Und während die ewigen Verbindungen von Geld und Fleisch, die auf den Unisex-Toiletten des Tram stattfinden, nur ewig neues Elend zeugen, bringt die Verbindung von Gesang und Text, diese Verschmelzung von Gefühl und Begriff, die von der Bühne aus auf das ganze Tram übergreift, einen wahrhaftigen Traum hervor – wenigstens einen ganzen Abend lang.


>>Fiston Mwanza Mujila, Tram 83 (Zsolnay), €20,00; aus dem Französischen übersetzten Katharina Meyer und Lena Müller mit viel Rhythmusgespür und Mut zur sprachlichen Lebendigkeit


Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte.

GLOBAL THINKING // Nir Baram, Weltschatten

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Als Israeli im Allgemeinen und als Sprössling einer israelischen Politikerfamilie im Besonderen kommt man wohl nicht umhin, die Themen Gesellschaft und  Politik irgendwie sehr persönlich zu nehmen. Nir Baram, dessen Vater und Großvater beide in der Arbeitspartei, beide Minister unter Rabin waren, hat sich der linkspolitischen Familienlinie als Autor, Herausgeber, Journalist und Aktivist verschrieben und sich in seiner Heimat als Gesellschaftskritiker profiliert. Baram setzt sich umtriebig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein, lehnt dabei die Zwei-Staaten-Lösung ab und fordert stattdessen das Ende der Segregation, gemeinsamen Alltag, gemeinsame Schulen, gleiche Bürgerrechte für beide Seiten. (Anfang des Jahres erschien bei Hanser unter dem Titel Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete eine Sammlung von Reportagen, in denen Baram von seinen Besuchen und Gesprächen jenseits der Grünen Linie berichtet.) In seinem fünften Roman widmet sich Baram nun dem Thema Globalisierung und zieht dafür ein ganz ähnliches Betrachtungsmuster heran, wie es auch seinen Beiträgen zur israelisch-palästinensischen Frage zugrunde liegt: Solange die Mächtigen den Unterdrückten das Recht auf Beteiligung verweigern, verstärkt sich der Strudel aus schwelenden und offenen Konflikten immer weiter, bis am Ende die Mächtigen selbst davon erfasst und zerstört werden. Aus dem Weltschatten entspringt hier eine Flamme des Aufstands, die den Globus in Brand setzt – wer sich nun aufgerufen fühlt, kann direkt Die Internationale vor sich hin schmettern, in der es heißt: Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Beinahe schade, dass es bei Buchkauf kein rotes Fähnchen gratis gab. Aber ist Weltschatten denn wirklich ein kämpferischer Roman?

Drei verschiedene Ebenen, die sich selbst als geschlossene Sphären verstehen und doch unmittelbar miteinander korrelieren, lässt Baram in Weltschatten kollidieren: Es sind erstens die Strippenzieher, zweitens die Profiteure, drittens die Verlierer der Globalisierung. Jedem dieser drei Lager ist eine eigene bestimmte Erzählperspektive zugeordnet. Das erleichtert der Leserschaft die Orientierung im Figuren- und Ereignisspektrum; gleichzeitig erzählt bereits die gewählte Perspektive etwas über den jeweiligen Grundcharakter der Gruppen.

Als Weltlenker treten die Mitglieder einer Consulting-Firma auf, die den Mächtigen zu gewünschten Erfolgen verhilft. MSV – Mayo, Steinbeck, Vanderslice, so die Namen der Gründungspartner – erarbeitet und führt Kampagnen für Präsidenten und solche, die es werden wollen, für Mega-Konzerne und mitunter für ganze Staaten. Die erfahrenen Campaigner liefern maßgeschneiderte Image-Lösungen und bilden darüber hinaus einen einzigartigen Kontakt-Knotenpunkt zwischen Medien, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Finanzwelt. Wer so erfolgreich darin ist, die öffentliche Wahrnehmung zu analysieren und zu steuern, dessen eigener Ruf ist freilich lupenrein: MSV pflegt eine Außendarstellung, die den Beraterstab ins Licht der guten Sache stellt, seine Mitglieder gar zu Fackelträgern demokratischer Werte stilisiert. Das MSV-Grundlagenpapier betont, man vertrete nur Klienten, deren Werteverständnis mit dem der Firma übereinstimme, was bedeutet: Nicht für aufsteigende Diktatoren, sondern für Hoffnungsträger, die für eine gerechte und freiheitliche Grundordnung stehen, setzt man sich laut Eigenbekunden ein. Diese Schicht am oberen Ende der Machtskala, bevölkert mit Entscheidungsträgern, die globales Gewicht besitzen, ist ein enger und wirkungsvoll abgeschirmter Raum, zu dem man sich von unten her nur schwer Zugang verschaffen kann. Baram beleuchtet ihn daher von innen und zeichnet die Abgeschlossenheit dieses Zirkels nach, indem er die Ereignisse auf MSV-Ebene in Form eines E-Mail-Verkehrs zwischen den Beratern erzählt, der private und politische Konstellationen, Firmenstrategien und globale Verflechtungen offenlegt. Zunächst zwischen den Zeilen, nach und nach dann auch direkter, liest man aus diesen Nachrichten heraus, dass die Verantwortlichen von MSV sich im Verlauf ihrer glanzvollen Karrieren nicht nur um linke Politik, sondern auch um ein paar schwerwiegende linke Dinger gekümmert haben. Zwar wird den einzelnen Beratern durchaus ein idealistischer Grundantrieb zugestanden, von dem sie sich während ihrer geschäftlichen Praxis jedoch schleichend entfremdet haben, der gute Zweck heiligt mitunter die schlechtesten Mittel, und so verkommen die hehren Ziele des MSV zum Mäntelchen, das allerlei verdorbene Geschäfte verdeckt. Was würde man auch sonst über mächtige Saubermänner zu lesen erwarten, als dass ihre Hände mächtig schmutzig sind? So weit, so na gut.

In der Allerweltszone zwischen den großen einzelnen Entscheidern und der großen Masse der Machtlosen, im Finanzwirtschaftssektor des kleinen Israel, bewegt sich Gavriel Manzur, über den ein auktorialer Erzähler in nüchternem Ton berichtet. Als sich in den Achtzigerjahren zunehmend ausländische Investoren an Israel heranwagen, um sich neue Märkte zu erschließen, kommt auch der jüdische New Yorker Geschäftsmann Michael Brookman auf den noch jungen Gavriel zu: Man müsse sich gemeinsam dafür einsetzen, den Zusammenhalt des amerikanischen und israelischen Judentums zu stärken. So beginnt Gavriel, in Israel eine Stiftung aufzubauen, die den jüdisch-kulturellen Austausch zwischen den Ländern fördern soll, wofür Michael zu Beginn die finanziellen Mittel stellt. Dass diese Stiftung in erster Linie dazu dient, die US-amerikanische Wirtschaft auf israelischem Boden zu verwurzeln, ist offensichtlich – für den naiven Gavriel allerdings wird der rein ökonomische Zweck seiner Unternehmung erst deutlich, als bei einem der ersten transkontinentalen Treffen nur über die Interessen von US-Exporteuren, insbesondere der Obstbauern, und die zu hohen israelischen Einfuhrzölle, insbesondere für Äpfel, gesprochen wird. Nachdem hier für Gavriel sprichwörtlich der Apfel der Erkenntnis gefallen ist, entwickelt er sich in den Folgejahren zu einem geschickten Vermittler für US-Wirtschaftsinteressen, steigt, als Günstling Michaels, schnell in die höheren gesellschaftlichen Kreise Israels auf, wodurch seine Stiftung floriert und bald auch in großem Stil über Geldmittel verfügt. Beträchtliche Summen daraus fließen wiederum in Michaels Unternehmungen in aller Welt. Dass er sich somit daran beteiligt, leichtfertig mit Millionensummen zu spekulieren, geht bei Gavriel nicht einmal auf Größenwahn zurück, eher weiß er einfach nie so recht, was er eigentlich tut und eigentlich will – ein Mangel, der ihm selbst durchaus bewusst ist und den er zu kompensieren versucht, indem er sich allzu bereitwillig von anderen leiten lässt. Gavriel ist ein Opportunist aus Mangel an eigenem Können; was er verkörpert, ist die Banalität des Skrupellosen. Privat bleibt Gavriel ein fader Charakter, man lobt ihn stets als guten Zuhörer, nie als mutigen Macher, er heiratet eine anständige Frau und tut sich nicht sonderlich als Mitgestalter dieser Ehe hervor, er trifft Geschäftspartner, aber keine Freunde, denn es gibt keine, er verfolgt Projekte, aber keine wirklich eigenen Interessen. Ein erfolgreicher, und doch so langweiliger Mensch – dass sich die Kapitel über Gavriel Manzur ohne viel Drall voran schleppen, mag sogar erzählerisch beabsichtigt sein. Schwierig nur, Interesse für einen Charakter zu entwickeln, an dem selbst der Autor anscheinend keinen Spaß hat. Er wahrt einen distanzierten Blick auf ihn, und er gönnt Gavriel, dem Gewinnler ohne eigene Ideen und Ideale, keine Größe. Umso mehr gönnt er ihm dafür die große Katastrophe zum Schluss. Das ist nachvollziehbar, verliert durch seine Plakativität aber an Reiz.

Schließlich der Blick nach unten: Im gegenwärtigen Liverpool, seit dem Niedergang seiner Schwerindustrie und Hafenwirtschaft eine der zehn ärmsten Städte Großbritanniens, entwickelt eine Clique aus orientierungslosen Unterschichtskids die Idee von einem weltweiten Protest – wogegen genau, das können sie selbst kaum definieren, mit Sicherheit allerdings gegen ihre eigene lausige Lebensrealität. Hier erzählt ein Ich, ein Wir – eine Stimme, die anonym bleibt und dadurch für alle spricht, für die Liverpooler Gruppe, für die, die sich ihr später anschließen werden, am Ende auch für die Toten des großen Aufstands; im Roman ist es die einzige Stimme einer restlosen Identifizierung mit einer Sache, einer Gemeinschaft. Die Ausreißer, die ihr Headquarter mal im schimmligen Hinterraum einer Schlachterei, mal in einer leeren Garage aufstellen, haben anfangs keinen Plan, aber eine Menge Wut, und sie haben Facebook. Was mit kleinen Sachbeschädigungen eines Einzeltrupps beginnt, nimmt bald die Form einer globalen Bewegung an, als mit Julian eine ehrgeizige kleine Assange-Figur das Ruder an sich reißt, der Gruppe eine Struktur, einen Fokus, eine Onlinepräsenz gibt und ein Ziel feststeckt: 11.11., eine Milliarde Streikende. Plötzlich folgen ihnen zigtausende Anhänger im Internet, gründen sich auf allen Kontinenten Mitstreitergruppen, die mit ihnen an diesem Datum den Totalkollaps der globalen Ordnung herbeiführen wollen. Baram baut das Liverpooler Kollektiv um Julian zu einem MSV-Gegenstück auf: Auch die Aktivisten der Verzweiflung erweisen sich als gute Campaigner für die eigene Sache, lernen, wie sich mediale Ströme beeinflussen lassen, professionalisieren ihr Informationsmanagement, bauen Netzwerke auf und erarbeiten gemeinsame Strategien; ebenso treten, parallel zum MSV, bei den Aufständlern interne Konflikte auf, wird die Integritätsfrage immer häufiger gestellt, was sich bis zur Paranoia steigert. Die Bewegung im Ganzen entwickelt sich unterdessen zu einem kaum noch steuerbaren Flächenbrand. In Vorbereitung auf den 11.11. werden von allen Gruppen Manöver durchgeführt, die einen Vorgeschmack auf die Wucht des kommenden Untergangs liefern sollen; der Ursprungszelle sind längst die Kontrolle und die Übersicht über diese Zerstörungsaktionen entglitten. Gemeinsamer Nenner bleibt, dass diese sich nicht etwa gegen die gewohnten Ziele von Globalisierungsgegnern richten, sondern diesmal gegen Kunstgüter und kulturelle Einrichtungen – erst hier wird der Roman endlich einmal wirklich böse:

Nicht Banken, Konzerne oder Regierungen waren unser erstes Ziel […]. Wir wollten den Gleichmut der westlichen Kultur erschüttern, die abgeklärte Gelassenheit aller Liebhaber der Kultur […] und an erster Stelle derjenigen, die arbeiteten, um ihre persönlichen Ziele voranzutreiben, und gleichzeitig die Illusion pflegten, diese Welt, so wie sie ist, könne ungestört funktionieren, während andere untergepflügt werden. Wir wollten diese ehrbaren Institutionen erschüttern, in ihren alten, prächtigen Gebäuden mit den ziselierten Säulen, den hohen Decken und Kronleuchtern […] und Cocktailempfängen zu Ehren irgendeines Künstlers, der es wagte, das Selbstverständliche auszusprechen, oder eines Autors, der Kritik am Kapitalismus oder am Kolonialismus oder an irgendwelchen bescheuerten Fernsehshows geübt hatte. Wir wollten die Seelenruhe dieser Heuchler stören, die in ihren gediegenen Altbauwohnungen leben und mit Taschen voller Geld auf Demonstrationen gegen die Banken gehen, die mit Kulturgütern spekulieren und gleichzeitig die Illusion einer Vielfalt bedienen: Sicher gibt es Millionen, die nichts haben, aber es gibt auch eine Gegenkultur der Schönheit und Katharsis, vielleicht ändern wir diese Welt noch, vielleicht engagieren wir uns noch mal, um der Labour Party zu helfen oder der SPD in Deutschland oder den Sozialisten in Spanien […]. Gar nicht zu reden von den […] Petitionen und Protesten dieser Heuchler, die ihre Arbeiten an Diamanten- oder Sklavenhändler verschachern, welche sich mit den erworbenen Kunstwerken den Dreck und das Blut aus der Fresse wischen […]. Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen, keine Katharsis, während Milliarden von Menschen nicht wissen, wovon sie im nächsten Monat oder am nächsten Tag leben sollen, und es darf auch kein Gequatsche über Gleichheit und Sozialismus geben auf Veranstaltungen für Privilegierte […]. Wir wollten, dass sie den Abgrund zu sehen bekommen, genau so, wie wir ihn täglich sehen, nicht den Marmorboden, auf dem sie im Theaterfoyer stehen, […] anstelle der Institutionen, die sie kannten, würden zerstörte, ausgebrannte Gebäude aufragen, würde es nichts mehr geben, an das man sich klammern konnte, genau so, wie wir nichts hatten, was uns Halt gab.

Nichts darf einen höheren Wert besitzen als ein menschliches Leben. Und alles, was jenes Werteverständnis zuungunsten des menschlichen Lebens verzerrt, verdient es unterzugehen – auch Kultur, wenn sie nur noch als Geldanlage dient, oder als Alibi für die Privilegierten, um sich nicht direkt, also: aktiv, ungefiltert und ohne künstlichen Sicherheitsabstand, mit dem übrigen Leben, mit den übrigen Menschen beschäftigen zu müssen. Da ich dieser Logik durchaus etwas abgewinnen kann, müsste ich nun konsequenterweise und mit sofortiger Wirkung das Bloggen einstellen. Ebenso hätte Baram, dessen Schreibe merklich an Fahrt wie an Empathie gewinnt, als er sich mit den verwahrlosten, hoffnungslosen Jugendlichen und den Zielen ihres Furors befasst, und der wiederum selbst zur Kategorie gefeierter Autor, der Kritik am Kapitalismus übt gehört, an dieser Stelle augenblicklich der Stift aus der Hand fallen müssen, bzw. das Notebook, das übrigens vielleicht so eins mit einem kleinen Apfel drauf sein könnte, um erneut auf dieses Erkenntnisobst zurück zu kommen. Offensichtlich blogge ich immer noch, tippe dieses selbstgefällige Zeug hier, während ein IKEA-Buchregal mit viel nichtssagendem Inhalt und ein Obstkorb in meinem Blickfeld liegen, und kann dafür nur ein Argument vorbringen: Je radikaler eine Ansicht, eine Parole, eine Ideologie ist, umso größer ist ihre Verführungskraft – und umso aufmerksamer wiederum gilt es daher, ihr zu misstrauen, bevor man ihr vielleicht nachrennt. Auch Weltschatten findet dort, wo es unsere teuerste wie unsere billigste Kulturschafferei den Aufständischen als ihren rechtmäßigen Fraß vorwirft, noch nicht seinen Schlusspunkt. Baram ist mit seiner Liverpooler Zelle noch nicht fertig, sondern lässt sie erst einmal in ihrer plötzlichen Berühmtheit und Bedeutsamkeit schmoren, lässt es dann so richtig brennen, um am Ende in der Asche danach zu graben, was sich nach der ganzen Geschichte wohl als reell Widerständiges bewähren könnte. Viele der Widersprüchlichkeiten, die Baram dabei aufwirft, sind von stichelndem Charakter, wie zum Beispiel der Umstand, dass Julian ausgerechnet zu einem abtrünnigen MSV-Mitarbeiter Kontakt pflegt – gemessen an der geringen Tragweite wie der übertriebenen Symbolik dieser Verbindung eher ein überflüssiges dramaturgisches Gimmick. Ganz entscheidend dagegen ist die Frage, was eigentlich kommen soll, sobald das Alte in Ruinen liegen wird: Diese Gruppe katalysiert die destruktive Energie der halben Erdbevölkerung, aber eine Utopie für den Tag nach dem 11.11. kennt sie nicht.

Den Gedankengängen Barams merkt man an, dass er gewohnt ist, sich mit verstrickten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu befassen. Der Handlungsbogen ist hübsch ordentlich aufgebaut, da wackelt nichts. Baram verknüpft die verschiedenen Ebenen sorgfältig miteinander, verheddert sich dabei nie, greift dafür höchstens auf allzu einschlägige Beispiele für schmutzige Globalisierungseffekte zurück, wie etwa die Verwicklungen der Industrienationen in Waffengeschäfte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Charaktere dagegen hat Baram ein nur mäßig gutes Händchen. Er bricht den Komplex Globalisierung auf seine kleinsten Elemente herunter, auf menschliche Einzelschicksale also; gerade diese wirken allerdings oft, als seien sie eher einem Musterkatalog als der eigenen Vorstellung des Autoren entsprungen, die Figuren sind allzu sehr Standardbesetzung für die ihnen zugewiesenen Rollen, und darin besteht denn auch das leichte Humpeln des Romans. Denkwürdiger als die Einzelfiguren selbst ist die zwingende Dynamik, die sie in bestimmte Positionen treibt. Aus ihrer Konstellation im Roman lässt sich, grob formuliert, diese Prognose für die Realität ziehen:

Die Einen haben uns nichts zu bieten außer einer Illusion und einer Aufrechterhaltung der kranken Ordnung. Die Anderen haben uns nichts zu bieten außer einer Gegenillusion und einer gewaltigen Betriebsstörung der kranken Ordnung. Geliefert sind wir alle, denn wie eine gesunde Ordnung überhaupt aussehen sollte, geschweige denn, wie eine solche Ordnung real funktionieren könnte, fällt einfach niemandem von uns ein.

Wir brauchen ganz neue Fähnchen, dringend.


>>Nir Baram, Weltschatten (Hanser), gebunden, €26,-

GLOBAL THINKING // Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

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Üblicherweise liest man einen Roman, indem man auf der ersten Seite startet und sich dann, schön der Reihenfolge nach, bis zur letzten durcharbeitet. Nimmt man jedoch Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen in die Hand, den neuen Roman von Emma Braslavsky, darf man getrost einen kleinen Umweg einlegen und ganz hinten beginnen, bei den Danksagungen der Autorin, S. 459ff. Dort finden sich die Kürzel Dr., Prof. Dr. oder gleich Univ.-Prof. Dr. Dr. med. in Verbindung mit Fachbereichen und Spezialthemen wie Klimadiagnostik, Meteorologische Extremereignisse, Analyse des Vertebratengenoms, Molecular Embryology, Stammzellenforschung, International Law, Kabbala, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie; dazu ein Captain und Yacht-Gutachter, außerdem zwei Experten für DDR-Bunkerkomplexe. Eingestreute Ortsangaben: Berlin, Buenos Aires, Sarajevo, Comer See. Für sich genommen sagt all das natürlich rein nichts aus, höchstens, dass die Schreibarbeiten der Autorin, die rund acht Jahre in Anspruch genommen haben, eben von allerlei Gesprächen und Ortseindrücken begleitet worden sind. Wenn man aber im Anschluss an den Abschluss nun den Roman – wie es sich eigentlich gehört – von der ersten Seite an zu lesen beginnt, dürfte man bereits ausreichend präpariert sein, um nicht den Fehler der Rezensentin zu teilen, im vorangestellten Personenregister ungerührt über einige Punkte hinweg zu lesen: Mister Sands und Mister Katō, Abgesandte eines milliardenschweren Konsortiums für den Kauf des Bunkers 17-5001 / Marie und Josef, geklonte Golden Retriever / Newman, der neue Mensch im Embryonalstadium. Je deutlicher man nämlich von Anfang an diesen Mischgeruch wittert, den Projekte zur Optimierung des Menschen und Katastrophenszenarien in Kombination miteinander ausströmen, umso leichter liest man sich ein.

Ansonsten wähnt man zunächst, es mit einer einfachen Satire auf die Schicht der Wohlstands-Alternativler zu tun zu haben. Die Eingangsszene liefert bissige Zeitgeist-Schelte; Emma Braslavsky reiht hier eifrig die zwingenden Bestandteile des aktuellen ökologisch, politisch und gender-korrekten Lifestyles aneinander, entblößt gleichzeitig den Egoismus, Chauvisnismus und Karrierismus ihrer Hauptfiguren Jivan und Jo und zeigt die grüne Gesellschaftswelt als kontrollsüchtiges und selbstverliebtes System, das nur diejenigen belohnt, die sich ihm heuchlerisch anbiedern:

Jivan, Anfang vierzig, Bunkerarchitekt und aus verflucht reichem Hause, ist auf dem Weg zu einem Abendessen mit Jo, Ende dreißig, selbstberufene Bessere-Welt-Aktivistin und als Jivans Ehefrau finanziell ziemlich sorgenbefreit. Es ist ein Business-Essen, mit dabei sind Verantwortliche der Organisation Animal Rights.

[Jivan] tauscht mit einem Seufzer seine uralten, bequemen Lieblingstreter aus geschmeidigem Boxcalf gegen tierleidfreies Schuhwerk aus wasserfester Mikrofaser. […] Das Blackbird’s Song ist momentan der letzte Schrei in der Stadt in Sachen veganer Küche, die Leute stehen so hartnäckig Schlange, als würde ihnen dort Absolution erteilt. Links und rechts versucht ein schnurgerades Spalier aus blühenden Hyazinthen zwischen blauen Neonlichtern eine streng überwachte Multikulti-Naturschutzpflanzenwelt daran zu hindern, sich auch den Rest des Areals einzuverleiben. Die Ledersneakers verstaut Jivan im Beutel. Bei der Gelegenheit überprüft er Hemd und Hose. […] Sein dunkelblaues Leinenhemd geht noch als tierlieb durch. Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hunderttausende weibliche Cochenilleschildläuse ihre Leben gelassen.

Beinahe hätte Jivan seine Lieblingsledertasche zum Treffen mitgeschleppt, gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, sie zu verstecken. Nur, dass er für vegane Nasen empfindlich nach Döner riecht, weil er vor dem Restaurantbesuch noch einen Sattmacher gebraucht hat, das hat Jivan nicht bedacht. Macht nichts, durch eine schnelle Lüge renkt Jivan die ausgekugelte Stimmung wieder ein. Und mit einer rührseligen Anekdote um ein eingeschüchtertes Krokodil und schließlich mit der Idee, aufblasbare Einhornhörner zu verkaufen, die es ihren menschlichen Trägern ermöglichen, ihre mythologisch verankerte Verbindung zur Tierwelt sichtbar und selbst für Tiere verständlich zum Ausdruck zu bringen, können der hallodrige Jivan und die aparte Jo die Tierrechtler vollends für sich einnehmen. Natürlich möchte Jo Animal Rights im Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen und dergleichen tatsächlich gern unterstützen – in erster Linie jedoch will sie unbedingt den Posten als PR-Managerin dieser enorm kapitalstarken Organisation besetzen. Was Jivan wiederum unbedingt will, ist eine zufriedene, besser noch: eine euphorisch gestimmte Frau. Vögel und so interessieren ihn nicht, Vögeln dagegen ungemein. Später beschließt das Kollektiv den geglückten Abend, indem es einverständig ein paar Karaffen Bio-Wein leert.

Da diese Szene glatt als gegenwärtig durchgeht und noch nicht ins Unvertraute vorgreift, funktioniert sie gut als eine Art barrierefreier Einstieg in die Story. Noch macht sich nicht deutlich bemerkbar, dass der Roman zeitlich angesiedelt ist in einer Zukunft, die unserer zeitgenössischen Welt um einen kleinen, aber entscheidenden Schritt voraus ist – man erinnere sich bitte der geklonten Golden Retriever.

Der Abstand zum Jetzt ist so gering, dass Yoko Ono noch einen Gastauftritt hinlegen kann, doch gelten in dieser nahen Zukunft bereits vollkommen neue technisch-wisschenschaftliche Standards. Womöglich ist diese Zukunft aber doch entfernter als gedacht, und inzwischen haben sich Revolutionen in der Medizin ereignet, die Yoko Ono ein nahezu unsterbliches Leben ermöglichen? Man weiß es nicht. Eine wichtige Rolle spielen die Experimente der Wissenschaftler Natalie und Jakob, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das menschliche Genom von all seinen Makeln zu befreien, sprich: entscheidend in unsere Evolution einzugreifen und nichts geringeres als den neuen, verbesserten Menschen zu erschaffen. Es ist ein Projekt von solch großer Sprengkraft, dass der Nachname des Forscherehepaars, Oppenheim, wohl nicht von ungefähr an Robert Oppenheimer, den Erfinder der Atombombe, denken lässt. Mittlerweile ist es möglich, Stammzellen beliebig zu züchten. Alles, was das Pärchen dafür benötigt, ist ein bisschen menschliches Zellmaterial, und so sammeln die beiden Haare (man beachte die Umschlagillustration des Romans) und erstellen auf dieser Basis einen manipulierten Gen-Pool für die Zukunft der Menschheit. Offenbar hat sich die Handhabung molekulargenetischer Eingriffe alldieweil wesentlich vereinfacht; Adam und Eva 2.0 können praktischerweise im Heim-Labor des hübschen Stadthäuschens der Oppenheims in Buenos Aires gezeugt werden.

Gesellschaftlich scheint sich indes kaum etwas weiterentwickelt zu haben. Frauen treten innerhalb des Machtsektors hauptsächlich dekorativ in Erscheinung, Führungsrollen übernehmen sie, wenn’s hochkommt, im spirituellen Bereich, und das Thema Mutterschaft gerät im Roman gleich für drei Frauen zur Bewährungsprobe. Nach wie vor lauten die entscheidenden Dominanzfaktoren Testosteron und Geld. Das bekommt auch Roana zu spüren, eine weitere Hauptfigur, die auf einem von Papa verordneten Survival-Trip unterwegs ist. Die gerade Neunzehnjährige soll am Fuße eines einsamen Vulkans zu Vernunft und Eigenständigkeit finden, um danach, so hofft Papa, geläutert zurückzukehren und endlich einzuwilligen, sein höchst erfolgreiches Bauunternehmen später einmal weiterzuführen. Roana schlägt sich jedoch lieber bis nach Buenos Aires durch, wo sie an diverse Weltverbesserercliquen gerät. Mal wird sie von einem verlogenen Ideologen missbraucht, mal darf sie bei einem ambitionierten Projekt nicht mitspielen, weil sie ein Mädchen ist. Ziemlich ramponiert, aber umso entschlossener sucht sie weiter nach der ganz großen Portion Lebenssinn, um ihren Hunger nach eigener Bedeutung zu stillen. Dann sind da noch Jule und No, ein Aussteigerpärchen, das in einer paradiesischen Bucht Adam und Eva spielt. Nackt, mittellos, frei – um ein völlig neues Leben zu beginnen, haben die beiden alles zurück gelassen, was man eben zivilisiert nennt. Nur einander nicht. Nicht lange, und es verfestigt sich eine Rollenverteilung: sie das Lustobjekt, er der Ernährer. Zwei, die auszogen, um die Zukunft zu suchen, und in der Steinzeit ankamen. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter ist es in der Zukunft also trostlos bestellt. Die Gleichberechtigung der Tiere dagegen ist das dauertrendende Thema. Auch in der Zukunft können Tiere nun einmal keine eigene Stimme erheben, um sich zu verteidigen – aber eben auch keine Stimme, um denjenigen Menschen, die ihre ureigenen, eitelkeitsgesteuerten Lebensvorstellungen ungefiltert auf die Tierwelt projizieren, zu widersprechen. Eine gerechtere Welt für alle zu schaffen, davon reden die AktivistInnen und Organisationen im Roman unentwegt. Wer aber diese Alle sind, um die es vorgeblich geht, scheint man weder bei Better Planet, noch bei Life from Zero und Konsorten so genau zu wissen. Die wirklich Benachteiligten dieser Erde spielen nach wie vor einfach keine Rolle. Derweil sind die Privilegierten dieser Erde schwer damit beschäftigt, ihren persönlichen Oberflächenglanz zu optimieren, und es scheint, dass sie vor allem deswegen so gern über die Tiere und den besseren Menschen sprechen, um dem echten Menschen und dessen echten Problemen guten Gewissens aus dem Weg gehen zu können. Keineswegs mangelt es jenen ZukunftvisionärInnen am notwendigen Ehrgeiz; an Aufrichtigkeit und Selbsthinterfragung dagegen sehr. Unter den idealistischen Projekten, die Roana durchläuft, als seien es Hindernis-Parcours, findet sich beispielsweise ein Camp, in dem gut situierte Familien einen Sommer lang Kommunismus spielen dürfen. Die Verniedlichung und Kommerzialisierung des Kommunismus als Ferienvergnügen: noch anschaulicher hätte Emma Braslavsky das Absurde am Wohlfühl-Aktivistentum nun wirklich nicht verpacken können. Am Ende aber muss doch jene Welt, in der Individuen jeglicher Art das Recht auf freie Entfaltung so vehement zugesprochen wird, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit so präsente, intensiv diskutierte Themen sind, unserer zeitgenössischen wenigstens irgendwas voraus haben?

Dann aber geht ein Ruck durch die Welt. Genauer: ein Internet-Hype. Mitten im Atlantik wird eine Insel von der Größe Balis entdeckt, die bislang kartographisch nicht erfasst war, eine staatliche Zugehörigkeit liegt nicht vor. Da die Insel von niemandem betreten, sondern nur aus der Ferne fotografiert wurde, steht ihre Eroberung noch aus. Unbekanntes Neuland, 5000 Quadratkilometer Projektionsfläche für utopische Ideen! Seit dem Goldrausch hat es keine derartige globale Euphorie mehr gegeben. Die Insel im Auge des medialen Sturms reißt wirklich alle in ihren Bann, Aussteiger, Forscher, Politiker, Philosophen, Luxusreisende, Umwelt-Aktivisten, und wird so auch zum Brennpunkt, in dem sich die Schicksale von Jo, Jivan, Jule, No, Natalie, Jakob, Roana und Newman schließlich überschneiden.

Völlig zu Recht hat der Verlag diesem Roman einen Bucheinband in pinkigem Beerenton verpasst und dazu noch einen Umschlag, der nur auf den ersten Blick harmlos grau aussieht – hält man ihn ins Licht, glitzert er wie Feenstaub. So viel Übertreibung muss sein, denn auch das Erzählen gibt sich nicht zufrieden, bevor es nicht auf allen Ebenen optimal too much ist. Sprachlich tobt die Autorin ihren merklichen Spaß an Aufgedrehtheit und Flapsigkeit besonders in den von Roana erzählten Abschnitten aus, ohne jedoch ins Unkontrollierte zu kippen. Strukturell lässt sie natürlich mehrere Ereignisebenen parallel laufen. Mit den Figuren springt ihre geistige Schöpferin raubeinig bis boshaft um: Da sie sich hier intensiv mit Genetik befasst, wendet Emma Braslavsky das Prinzip des Survival of the Fittest eben auch konsequent auf ihre Protagonisten an. Thematisch gibt es nichts, das als zu groß oder als unnötiger Ballast betrachtet würde, um nicht doch noch irgendwo zwischen die Zeilen hineingequetscht zu werden. So findet die Installationskunst des Autorinnen-Gatten Noam Braslavsky ihren Kurzauftritt im Roman, Jorge Luis Borges ebenfalls, und selbst die Titanic lässt die Autorin quasi ein zweites Mal untergehen.

Am Ende hat man überraschend viel gelacht während des Lesens. Und doch wird man das Gefühl nicht los, man müsse sich möglichst bald einmal etwas tiefgehender mit Bunkerkunde befassen.


>>Emma Braslavsky, Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen (Suhrkamp) €24,-


Diesen Beitrag kann man auch auf satt.org lesen. Wer’s insbesondere mit Film und Buch am Herzen hat, sollte dort ohnehin häufiger mal vorbeischauen.


Herzlichen Dank an Suhrkamp für das Leseexemplar, um das ich gebeten hatte!

GRAN FUTURISMO // Anja Kümmel, V oder die Vierte Wand

Vierte Wand

Ein Zukunftsroman, der eigentlich keiner ist: In V oder Die Vierte Wand praktiziert Anja Kümmel ein kreuz und quer wucherndes Erzählen, das einerseits den zeitgenössischen Stand der Dinge zu einer Vision unserer nahen Zukunft hochrechnet, andererseits ausgiebig in Retro-Wehmut schwelgt.

„drüben, auf der anderen seite des hafenbeckens, steht ein gigantischer würfel aus schwarzem glas. undurchsichtig, spiegelhart, wie etwas fälschlich auf die erde gefallenes. etwas, in dem eine rasse bösartiger außerirdischer die wunderwaffe zur vernichtung der menschheit produziert. ich weiß nicht mehr, wohin. ein tiefes brummen geht von dem alien-qauder aus […]. ungefragt übernimmt der hase die führung.“

London, Zukunft. Der Name des Mannes mit der weißen Hasenmaske lautet Squid – das tut nicht viel zur Sache, Squid ist eine der weniger handlungsentscheidenden Figuren, aber er darf gleich zu Anfang eine erzählerische Signalflagge schwenken: Follow the white rabbit ist die Richtung, die Kümmel ihrer Leserschaft und auch ihrer Hauptfigur Mesca weist, indem sie den plüschig kostümierten Squid voranschickt, und jeder, der weiß, wie der Carrollsche Hase läuft, erwartet nun ganz richtig, dass das kommende Geschehen einem Fiebertraum gleichen wird.

Mesca, ein zierlicher Mexikaner, hat sich vom Los Angeles des Jahres 1980 aus nach London aufgemacht, um nach seiner großen Liebe Manolo zu suchen. Nur befindet sich das London, in dem Mesca schließlich gelandet ist, nicht in einer 1980er Gegenwart, sondern in einer unbestimmten Zukunft – einer dystopischen natürlich: Fliegende Kameraaugen erfüllen den Himmel mit dem Dröhnen ihrer Rotoren, jeder Einwohner ist gechipt, innerhalb der Stadt haben sich Parallelgesellschaften gebildet, deren Territorialstreitigkeiten regelmäßig zu blutigen Scharmützeln führen. Anscheinend gehört Europa inzwischen einem Chinesischen Großreich an, die offizielle – weltweite? – Währung heißt Ethercoin; näher ergründet werden die gesellschaftlichen und geopolitischen Zustände aber nicht. Lesend fällt es einem ebenso schwer, sich in dieser neuen Welt und ihrem Vokabular zurecht zu finden, wie dem in der falschen Zeit gestrandeten Mesca.

Was Mesca lange nicht weiß: Er ist nicht der einzige Fehlgezeitete; es gibt außer ihm noch jemanden, der auf der Reise nach London durch einen Riss im chronologischen Gefüge geflutscht ist. Beide irrlichtern sie in einer verkehrten London-Version umher, die für den jeweils Anderen die richtige gewesen wäre. Die Isländerin Fenna, die sich vom hoffnungslosen Leben auf ihrem eisigen Heimateiland verabschiedet hat, um in London einen gut bezahlten Job als Auftragskillerin anzunehmen, findet sich bei der Ankunft in eine für sie fremdartige Vergangenheitswelt versetzt, in der Menschen über Schnurtelefone kommunizieren anstatt über FlexxPads, Tabakzigaretten rauchen anstatt an drip tips zu saugen, in der rechteckige Papier- und runde Metallstückchen als Zahlungsmittel eingesetzt werden und sich nirgendwo Qanuk und Quiesan zur Beruhigung auftreiben lassen.

Dass Fenna und Mesca einander kennenlernen, zusammen feiern gehen und bald gemeinsam einen erbärmlichen, aber sicheren Unterschlupf bewohnen, obwohl sie auf zwei verschiedenen Zeitebenen leben, stiftet erstaunlicherweise keine logische Verwirrung. Anja Kümmel legt die Zeit einfach zusammen wie ein Handtuch, so dass die im ausgebreiteten Zustand von einander entfernt liegenden Ecken sich nun überlagern und berühren.

Nicht nur in der Zeit geht es überkreuz und doch parallel. Fenna und Mesca treten sich in scharfkantiger Deutlichkeit als Komplementärfiguren gegenüber. Mesca: klein, schmächtig, dunkel, liebessüchtig, von lateinamerikanischem Temperament, ein Mensch der analogen Welt, gepolt auf Hitze und Schwüle und auf körperliche Nähe, der Geld heranschafft, indem er als Stricher traurige Glücksgefühle verkauft. Fenna: groß, wuchtig, weißblond, zu verheerenden Wuteruptionen neigend, dabei vertraut mit den kalten Temperaturen und von kalter Regung, ein Zukunftsmensch, der zwischenmenschlichen Kontakt bislang nur durch den Digitalfilter erlebt hat, bislang nicht geliebt hat und beruflich frisch eingestiegen ist in die Todesbranche. Mesca zieht Fenna schließlich mit; beide tauchen gemeinsam ab in die wild feiernde Untergrundszene der Stadt, wo man sich zeitlichen Rahmenvorgaben ohnehin verweigert, wo sich individuelles Zeitempfinden in Rausch auflöst und der Dresscode der Feiernden Retro-Bezüge und Futurismen vermischt, so dass sie sich einer zeitlichen Einordnung entziehen. Die V-Night ist eine solche vom Irdischen abgekoppelt scheinende Sphäre. In Anlehnung an die Untergangsstimmung im durch deutsche Vernichtungswaffen bedrohten Weltkriegslondon, wird hier gefeiert, als ob das Gestern und Morgen keine Rolle mehr spielten. Dort verliebt sich Fenna in E., der eine unsichere Ähnlichkeit ausgerechnet mit der Zielperson ihres Killerauftrags aufweist.

Die aus Mescas bzw. Fennas Perspektive erzählten Romanpassagen werden typographisch unterschieden: Fenna erkennt man am Normalschriftbild, Mesca an der durchgehenden Kleinschreibung. Ab und an wird der stetige, oft abrupt erfolgende, Perspektivwechsel durch Zwischenschaltungen in einer anderen Schriftart ergänzt. Richtig: Da ist noch jemand Drittes, um dessen Identität Anja Kümmel viel Vernebelung betreibt.

Die titelgebende Vierte Wand – ein Begriff aus dem Theaterbereich, der die imaginäre Wand zwischen einem auf der Bühne dargestellten Raum und dem Publikum beschreibt – wird nicht etwa dadurch durchbrochen, dass sich Protagonisten des Romans direkt an die Leserschaft wenden würden. Eher ist die Aufhebung der Vierten Wand als Idee zu verstehen, analog zur zunehmenden Öffnung des individuellen Privatraums zu einer kollektiven Öffentlichkeit hin, wie sie sich durch staatliche Überwachungsmaßnahmen einerseits, durch das Aufgehen des privaten Lebens in einem Social-Media-Äther andererseits vollzieht. Die Auflösung der privaten Einheit des Menschen zeitigt auch eine Auflösung seiner inneren, seiner gedanklichen Integrität. Stilistisch umgesetzt wird diese Zerpflücktheit, indem das Erzählen eine kurze Aufmerksamkeitsspanne imitiert, Gedankengänge plötzlich abbrechen lässt, zusammenhanglos einen neuen Gedanken ankoppelt, der wiederum von Zwischengedanken zerrissen wird und so fort. Damit porträtiert Anja Kümmel eindrücklich eine Krankheit unserer Zeit, treibt den Roman aber an den Rand der Lesbarkeit und oftmals darüber hinaus.

Wir wissen alle, dass Major Tom ein Junkie ist, singt die vertaute, hohe Stimme, zugedröhnt im höchsten Himmel und auf direktem Weg zum absoluten Tief//: return [aa&&a.call (window33.65_ret)] major tom? das klingt nicht nur wie bowie… das ist bowie, ¡chin! muss was neues sein… aber wie kann es angehn, dass sich in meinen ohren der losgelöste astronaut in einen melancholischen junkie verwandelt, während vor meinen augen doch grad das gegenteil pa_677%37jk= cl“ ging’s ähnlich. Eigentlich bis gestern oder so _Ax8IklQ_// function 6. (9klQ) edens stimme. akzentfrei. wie klang sie, da oben im vierzigsten, als er die zwei, drei sätze mir „scr“

Das liest sich wie ein Facebook-Stream auf Drogen, durchsichtig gemacht bis auf die Ebene seiner Algorithmen, seiner digitalen Rechengehirnströme, es ist ein Geratter von Sprach- und Bildfragmenten, die sich kaum noch zu einem Inhalt zusammensetzen lassen. Es bleibt der Eindruck eines Erzählens, das sich selbst abschafft.


>>Anja Kümmel, V oder die Vierte Wand (Hablizel), €18,90


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KOPFGEBÄUDE // Pablo de Santis, Die sechste Laterne

de santis

Alles, was von dem Architekten geblieben war, befand sich in dieser Kiste.

Was von einem Architekten bleibt, das sollten eigentlich Gebäude sein, in denen gelebt wird – aber nur Baupläne, die in einer Kiste verwahrt werden, wie in einem Sarg? Dass diese Kiste, mit deren feierlicher Öffnung der Roman beginnt, sich im Besitz einer gewissen Gesellschaft für Utopische Architektur befindet, zeigt an, wie es um das Vermächtnis des Architekten Silvio Balestri bestellt ist. Dessen fiktive Lebensgeschichte wird von Pablo de Santis in Die sechste Laterne rückblickend erzählt. Da es nun aber natürlich sein sollte, dass ein Architekt von seinem eigenen Werk größenmäßig überragt wird, spielt die eigentliche Hauptrolle in diesem Roman ein Gebäude, neben dem sein Architekt, Balestri, nahezu verschwindet: Zikkurat. Ein Bauvorhaben, betitelt nach den antiken mesopotamischen Tempelanlagen, auf welche auch die Geschichte vom Turm zu Babel zurückgeht; im New York des jungen 20sten Jahrhunderts soll es neuartigen Wohnraum für zigtausende Menschen schaffen.

Silvio Balestri, Sohn eines Steinmetzes in Italien, findet erst auf einem vielsagenden beruflichen Umweg überhaupt zur Architektur: Anstatt in die Fußstapfen des Vaters zu treten und vorrangig Grabmäler zu bildhauern, betätigt sich Balestri zunächst als denkmalkundlicher Sachverständiger für Friedhofsarchitektur. Zwischen Kapellen und Mausoleen – dort schult sich sein Blick für die Bedeutung und die Vergänglichkeit von Bauwerken. Während seines anschließenden Studiums der Architektur veröffentlicht er in Fachzeitschriften einige Beiträge, mit denen er sich als eigenwilliger Architekturtheoretiker profilieren kann, und er schließt Freundschaft mit einem Prager Kunsthistoriker und selbstberufenen Sprach-Archäologen, den es nach Italien verschlagen hat: Oskar Pollak.

Das ist wohl der beste Moment, um zu erwähnen, dass Die sechste Laterne ein kafkaesker Roman ist – das muss nämlich unbedingt erwähnt werden, das ginge beim besten Willen nicht ohne, bisher jedenfalls hat das noch kein Rezensent dieses Romans geschafft. Es schwelt ein lauerndes Verhängnis vor sich hin, auf dessen Eintritt der Handlungsverlauf unausweichlich zuschreitet; Entscheidungsträger und Wirkungszentren bleiben im Dunkeln verborgen und entfalten von dort aus ihre einschüchternde, verunsichernde Wirkung; dazu das irgendwie unpersönliche und ausgesprochen deutungsoffene Erzählen: Wer sich anfangs gefragt hat, ob der Autor nicht vielleicht doch etwas zu viel Kafka gelesen habe, darf sich spätestens nun, als Kafkas Jugendfreund Pollak als Freund Balestris auftritt, von de Santis mit einem Augenzwinkern bedacht fühlen – er imitiert Kafka nicht etwa, sondern er huldigt ihm, indem er ihm diesen Roman zu Füßen legt.

1914, als in Europa der Erste Weltuntergang seinen Lauf zu nehmen beginnt, setzt Silvio Balestri auf der frisch vom Stapel gelaufenen Aquitania nach New York über – neues Schiff, neues Leben, neue Welt. Eine stürmische Reise. Beinahe erinnert das Passagierschiff, das nun hauptsächlich Auswanderer und deren Hoffnungen transportiert, an eine Arche Noah für das vorweltkriegszeitliche Europa. Und da waren Männchen und Weibchen von allem Fleisch, wie es in der Bibel heißt – der junge Architekt, der eigentlich keinerlei amouröse Ambitionen hegt, setzt seiner eigenen Verkuppelung an Bord keinen Widerstand entgegen und heiratet eine Schiffsbekanntschaft. Endlich in New York, muss Balestri feststellen: Mitbringsel aus der alten Welt, die gerade im Krieg versinkt, sind hier, wo die neue Welt mit ihren Wolkenkratzern in den Himmel empor wächst, zu nichts nütze. Das Empfehlungsschreiben eines renommierten italienischen Architekten bringt nicht den gewünschten Erfolg bei der Arbeitssuche; vielmehr scheint Balestris per Dokument beglaubigte Kennerschaft der klassischen Architektur ihm geradezu dabei im Wege zu stehen, in wenigstens irgendeinem der unzähligen Architektenbüros dieser bauboomenden Stadt einen Fuß in die Tür zu kriegen. Und das traditionelle Lebensmodell Ehe, das scheitert im Falle Balestris und seiner Frau Greta ebenfalls gründlich. Balestri muss hier also ganz von vorn anfangen, muss sich selbst, wie einen Wolkenkratzer, von einem neuen Fundament an aufbauen. Dabei wächst auch die Idee zu einem noch nie dagewesenen Gebäude in ihm heran, welches das gesamte Wissen, Können und die Bedeutung seiner Zeit bündeln soll – vollkommen besessen von seinem Zikkurat, arbeitet Balestri in seinem schäbigen Apartement unablässig an den Bauplänen und füllt unzählige Notizbücher mit seinen Überlegungen zur Theorie und zur Philosophie seiner privaten, utopischen Gebäudekunde. Zunächst eignet sich Balestri die neue Sprache als die seine an, er veröffentlicht wieder in Fachzeitschriften, kellnert ein wenig, schafft es schließlich, in einem etablierten Architekturbüro in die bauzeichnerische Abteilung aufgenommen zu werden, und arbeitet sich, mühsam, aber stetig, aus der Kelleretage nach oben. Ab hier wird es dann erst so richtig kafkaesk. Balestri macht die Bekanntschaft eines Museumsbesitzers, der in seinen Ausstellungsräumen Modelle nicht verwirklichter Bauvorhaben hortet – schon bald verbindet Balestri und den undurchsichtigen Caylus eine enge Freundschaft. Als Balestri beruflich in der oberen Etage bei den berühmten Architekten Moran, Morley & Mactran angekommen ist, beauftragt ihn einer der Teilhaber damit, die Architekten auszuspionieren, um herauszufinden, wer Ideen und Know How des Büros an die Konkurrenz weitergibt; im Folgenden versucht Balestri jahrelang, die Geheimschrift zu entschlüsseln, in der die Architekten miteinander kommunizieren – Gespräche führt man nämlich nicht, man schiebt sich stattdessen gegenseitig, unter Bürotüren hindurch, Zettelchen mit chiffrierten Botschaften zu. Greta verschwindet eines Tages spurlos; Caylus wird plötzlich polizeilich gesucht; es stirbt einer der Teilhaber von Moran, Morley & Mactran unter nicht vollauf geklärten Umständen; ein Geheimbund mit dem kryptischen Namen Die sechste Laterne entsendet seinen Botschafter, um Balestri auszurichten, Architektur dürfe sich keinesfalls je wieder dazu aufschwingen, Bedeutung transportieren zu wollen, sie müsse, ganz im Gegenteil, jeglicher Bedeutung entsagen. All dies könnte vielleicht, vielleicht aber auch nicht, in Verbindung stehen mit einer Entscheidung des Architekten Mactran: Zikkurat soll tatsächlich gebaut werden.

Dass de Santis die Geschichte Balestris erst ins Fach der phantastisch angehauchten Kriminalliteratur kippen lässt und dann seinen Protagonisten, nachdem dessen New Yorker Leben aus dem Ruder gelaufen ist, nach Buenos Aires schickt, liest sich wie eine zweite literarische Verneigung des Autoren: diesmal vor seinen argentinischen Landsleuten Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares. Überhaupt hat De Santis merklich Spaß daran, seinen Roman mit Anspielungen zu verzieren und mit Elementen auszubauen, die verschiedensten Genres entlehnt sind, etwa der Detective Novel oder der Gothic Novel, doch verliert sich de Santis dabei nie in überflüssigen Spielereien.

Die heimliche Hauptrolle des Romans übrigens trägt keine der Frauen, die vor oder nach Greta auftauchen, und auch nicht etwa die namenlose Katze, die sich, gegen dessen Willen, bei Balestri einquartiert, sondern: Sprache – Sprache an sich, Sprache als Bedeutungsträger, als Mittel des Zugriffs auf die Welt; antike und gegenwärtige, alltägliche und spezifische, auch magische Sprache; Sprache als Werkstoff unserer Welt. Balestri betrachtet die Architektur nicht nur als universal verständliche Sprache; er strebt an, dieser Sprache eine Energie – eine Art Verbalzauber – einzubauen, die weit über das Gebäude selbst hinaus wirkt. So sagt Balestri, die spätere Ruine eines Gebäudes müsse bereits in ihren Bauplänen angelegt werden – bis in seinen Verfall hinein, müsse ein Gebäude seine Bedeutung wandeln und immer neu vermitteln, so dass es Bedeutung nicht nur zeigen, sondern tatsächlich erzählen könne. Zikkurat wiederum ist offenbar so geplant, dass es, auch nach seiner Fertigstellung, noch immer weiterzuwachsen scheinen soll – oder, wer weiß, womöglich sogar praktisch dieses Wachstum fortzusetzen vermag. Mit diesem Projekt schickt sich Balestri also an, auszubügeln, was einstmals beim Turmbau zu Babel so nachhaltig schief gelaufen war.

Jede Art von Sprache hat die Macht, Dinge mittels ihrer Benennung zu beherrschen – sie zu bannen, oder auch: sie erst in die Welt hinein zu befördern. Jede Art von Macht aber wird umkämpft. Und so werden auch Balestris Gebäudepläne zu Gegenständen eines Machtkampfes zwischen unterschiedlichen Interessenlagern, in dem es für Balestri selbst nichts zu gewinnen gibt. Am Ende gleicht Balestri einem Arsami, einem jener hinduistischen Mönche, über die von einem Mitglied des Clubs der sechsten Laterne berichtet wird:

Die Vorgehensweise der Arsami war es, sich zunächst das Erdgeschoss der Tempel vorzustellen, und erst, wenn sie jede Einzelheit in aller Klarheit vor sich hatten, bis zur letzten Lampe und dem kleinsten Insekt, das um sie herumflog, erst dann machten sie sich an das nächste Stockwerk. Eine Etage konnte sie einen Tag oder ein Jahr kosten […] Sobald ihre mentalen Tempel eine gewisse Höhe erreichten, verloren die Arsami die Sprache.


>> Pablo de Santis, Die sechste Laterne (Unionsverlag) €8,90