Roman

HÖHENUNTERSCHIEDE // Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin

Schickes Buchcover, nicht wahr? Ziemlich clean. Bisschen kühl, das Silber. Deswegen wohl auch das Neon-Orange, das schafft da einen gewissen Ausgleich.

Google weiß, dass mir eine solche Ästhetik liegt. Sobald ich irgendwo online war, pop-upte dieses Cover andauernd in mein Sichtfeld hinein.

Dabei gehe ich Romanen, die – wie Die Hochhausspringerin – zahllose Verweise auf Orwell einheimsen, für gewöhnlich aus dem Weg. Wozu noch der ganze Future-Überwachungsdiktatur-Quatsch, wenn nicht bloß noch der Ästhetik wegen, bloß noch zur Unterhaltung? Ich habe mein Interesse an Dystopien solcher Art verloren. Ich weiß nicht, was sie noch für uns bedeuten sollten, wovor sie uns noch warnen könnten, wo wir doch längst selbst in einer fernen Zukunft angekommen sind, die als „Gegenwart“ zu benennen mir manchmal noch schwerfällt. Ich meine, es ist 2019 und ich begreife noch immer nicht, dass Menschen einen sprechenden Plastikklotz kaufen, um sich mit ihm zu unterhalten und sich nebenbei aushorchen zu lassen.

Ich habe Die Hochhausspringerin schließlich doch gekauft. War’s das Neon-Orange?

Übrigens hätte ich sie besser einfach so kaufen sollen, Die Hochhausspringerin, ohne vorher irgendwelche Artikel darüber zu lesen. So wäre ich nicht im Vorhinein auf den Trichter gekommen, ich hätte keine Lust, „solche“ Romane zu lesen. Es ist nämlich gar kein „solcher“ Roman. Und ich fand ihn sehr gut, so im Nachhinein.

Wenn Die Hochhausspringerin ein Zukunftsroman sein soll, dann einer, der sich überhaupt nicht um die Zukunft schert. Er spielt in einer Zukunft, ja, aber in dieser Zukunft findet man nichts als Gegenwart. Die Hochhausspringerin ist eine Parabel auf die Gegenwart, all ihre Themen sind gegenwärtig, es bedarf lediglich des Kniffs mit der zeitlichen Versetzung in die Zukunft, um das Gegenwärtige so zugespitzt, verschärft darstellen zu können, dass das Groteske daran umso schöner hervortritt.

Julia von Lucadou verschwendet Gott sei Dank nicht mehr Zeit als nötig, um ihre Zukunftswelt auszumalen. Hochstraßen, die sich um Himmelhochhäuser winden, glitzernde Fassaden, oben teuer, unten kein Licht mehr – fertig. Sie vertraut da schlicht auf den Autopiloten unserer Imagination und der ruft, ganz richtig, sofort von selbst alle urvertrauten Bilder zur Megametropole ab. Mehr braucht es auch nicht, denn die Geschichte konzentriert sich ganz und gar auf Personen statt Panorama.

Riva Karnovsky ist professionelle Hochhausspringerin. Ihren Sport könnte man als eine Fortentwicklung des Turmspringens bezeichnen: Man springt von Dächern, vollführt bestimmte Bewegungsfiguren; ein FlySuit verhindert den Aufprall. Die Wettbewerbe sind hart, das Privatleben wird kontrolliert vom Fan- und Medienrummel und Verpflichtungen gegenüber den Sponsoren; ihr Lebenspartner spielt hier und überhaupt nur eine Nebenrolle.
Hitomi Yoshida ist Wirtschaftspsychologin. Sie arbeitet für eine Agentur, die von den Sponsoren Riva Karnovskys den Auftrag erhält, die Hochhausspringerin wieder zurück auf Kurs zu bringen, nachdem die sich aus heiterem Himmel zu einem Ausstieg aus dem Geschäft entschieden hat. Die Hochhausspringerin lässt sich gewissermaßen fallen, ist physisch und psychisch plötzlich ganz unten. Ein Skandal.
Riva ist schließlich die Beste; sie darf auf keinen Fall mit dem Springen aufhören. Hitomi ist ihrerseits die Beste ihres Fachs; sie muss ihren Auftrag, Riva wieder zum Springen zu bringen, auf jeden Fall erfüllen.
Während Riva nichts von Hitomi weiß – sie ahnt nicht einmal, dass es sie gibt -, weiß Hitomi über Riva technisch gesehen alles. Sie verfolgt Rivas Vitalkurven und ihren Kommunikationsaustausch in Echtzeit, beobachtet sie in ihrer Privatwohnung via Kamera, als wäre Riva ein Versuchstier im Käfig. Und doch kennt sie Riva nicht.
Beide haben es in der Stadt zu etwas gebracht, beide wohnen in teuren Appartements im Zentrum, in den höheren Hochhaus-Etagen, dort, wo die Sonne zum Fenster hereinscheint. (Kaum verfügbarer Wohnraum, teure Bestlagen – klingelt da bei Ihnen was?) Sollte Riva bei ihrer Arbeitsverweigerung bleiben, können sowohl Riva als auch Hitomi schrittweise die Privilegien verlieren, die sie sich erarbeitet haben. Ihre Wohnlage zum Beispiel.

Für jede körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Leistung bekommt man Credits, die auf einem Konto gutgeschrieben werden – für jedes körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Fehlverhalten werden Credits vom Konto abgezogen. Die Höhe des privaten Creditkontos bestimmt, auf welchem Höhenlevel man lebt.
Damit ist längst nicht nur gemeint, dass man bei eklatant gesunkenem Creditkontostand in weit niedriger gelegene Wohnungen umgesetzt wird. Wer sich ein bisschen zuviel zuschulden kommen lässt, landet schnell in den Peripherien: Hitze, Staub, jenseits der Stadtmauer – noch mehr Stichworte benötigt unser Autopilot auch hier nicht.

Dass mit Hitomi ausdrücklich eine Wirtschaftspsychologin auf die Zielperson Riva angesetzt wird, um deren Privatleben zu beeinflussen, verwundert keineswegs. Die Frage der Zeit lautet schließlich: Wie wirtschaftlich ist das Private? (Welcher Zeit, frage ich Sie?)
Wie alle Menschen, die sich in der Stadt behaupten können, ist Riva in erster Linie Investitionsobjekt, nicht Persönlichkeit. Die Stadtbevölkerung hat mehrheitlich irgendeine der diversen Akademien absolviert – eine kostspielige Angelegenheit, geknüpft an den Druck, später durch hohe Leistungen und Creditgewinne zu rechtfertigen, dass man den Akademiebesuch auch wert war. Riva ist es ihren Sponsoren, die eine bestimmte Rendite erwarten, schuldig, sowohl ihre Fitness als auch ihre Medien-Performance auf Höchstniveau zu halten. Hitomi fühlt sich derweil vor allem gegenüber ihrem beruflichen Förderer, ihrem Vorgesetzten namens Master, verpflichtet, effiziente Arbeit zu leisten.

So wie Riva von Hitomi beobachtet und ausgewertet wird, beobachtet und bewertet wiederum das Credit-System jeden einzelnen der Stadtmenschen – im Stillen, umfassend, und doch ohne dabei wirklich etwas von Menschen zu verstehen. Ein Beeper schlägt Alarm, wenn man sein obligatorisches Trainigsprogramm für Körper und Geist vernachlässigt, nicht ausreichend schläft oder der Pulsschlag ein zu hohes Anspannungsniveau verrät.
Von außen her wird an die einzelne Person schon genug Perfektionsdruck herangetragen. Zugleich ist dieser Optimierungszwang jedem Menschen in Fleisch und Blut übergegangen; vollkommen selbstverständlich absolviert man seine Mindfulness-Übungen, optimiert seine Performance und kümmert sich an erster Stelle um die Höhen und Tiefen seines Creditstands.

Bei Effizienz und Selbstoptimierung angekommen, befinden wir uns freilich im Kern der Gegenwart. Alle Bereiche, die im Roman herangezogen werden, um das bewertungsorientierte Denken des Systems wie auch des Einzelnen zu illustrieren, funktionieren schon heute nach sehr ähnlichem Muster.
Natürlich denkt man unweigerlich an China und sein monströs anmutendes Sozialkreditsystem, das 2020 seine Testphase abschließen und in Vollbetrieb gehen wird.
Doch allzu weit in die Ferne braucht man gar nicht zu schauen. Man denke an die Bonuspunkte-Programme von Krankenkassen. Die Schufa. Google Rankings. Bewertungsmechanismen und Algorithmen, die den Verkaufserfolg eines Produktes und genauso den Verkupplungserfolg zwischen Singles beeinflussen. Fitnesstracker, die über Facebook posten, wann, wie lange und wie viele Kilometer man heute gejoggt ist. Apps, mithilfe derer man sich von oben bis unten auswerten, sich alles antrainieren oder abgewöhnen kann.

Die Überzeichnung dieser Entwicklungslinien unternimmt von Lucadou ganz ohne futuristischen Schnickschnack, ohne Gedöns. Sie stellt schlicht die Figuren einander gegenüber und zeichnet mit klinischem Blick die Wechselwirkungen zwischen ihnen auf. Hitomi im Büro, auf ihrem Bildschirm Riva. Riva auf dem Sofa, neben ihr der ratlose, panische Aston, ihr Partner. Hitomi im Performance-Gespräch mit Master. Die Schwankungen von Hitomis Pulshöhe – abhängig von Rivas Verhaltensauffälligkeiten. Hitomis Kontrollverlust, der nach und nach auf all ihre Lebensaspekte übergreift, je länger sich Riva – allen manipulierenden Maßnahmen Hitomis zum Trotz – in ihrer unerklärlichen Verweigerungshaltung ergeht. Rivas Sehnsucht nach einem Unten, einem Boden, notfalls den Peripherien. Masters unerträglich zur Schau gestellte Arbeitsbereitschaft, Leistungsfähigkeit, Erfolgsmentalität.

Über allem schwebt hier, neben dem allumfassenden Optimierungsgedanken, sehr greifbar die Unfähigkeit der Einzelperson, echten menschlichen Kontakt zu knüpfen. (Falls Sie bis hierhin gelesen haben – tun Sie das auf Ihrem Smartphone? In der Bahn vielleicht? In der letzten halben Stunde mal aufgeschaut und Menschen in Ihrer näheren Umgebung registriert?)
Sobald Menschen interagieren, performen sie bloß noch, denn jeder Kontakt wird auf die eine oder andere Weise bewertet. (Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor?)
Biologische Eltern zu haben, bedeutet bereits eine Dimension des Zwischenmenschlichen, die alle Seiten emotional überfordert, weshalb der Kontakt zwischen Kindern und Bioeltern zumeist nach wenigen Jahren eingestellt wird. Natürlich gibt es Apps, die eventuelle emotionale Lücken schließen sollen. Es gibt Agenturen, bei denen man „Familienangehörige“ mieten kann. Hitomi führt häufig Gespräche mit einem Bot, der ihre Biomutter kopiert. (Kommen Ihnen dabei auch z.B. diese professionellen Kuschel-Dienstleister in den Sinn?)

In seinen besten Szenen lässt der Roman kein bisschen an Blade Runner denken, sondern zeigt unsägliche menschliche Trostlosigkeit. Während Hitomi, die Erzählerin, ihre Arbeit am Projekt Riva, ihre Gespräche mit Master, ihrem Mutterbot oder ihren Datingpartnern, ihren sonstigen Alltag, auch ihre Familiengeschichte beschreibt, denke ich: So muss sich der Teppich in Strombergs Büro fühlen.
Den Gipfel der hyperoptimierten Trostlosigkeit aber verpackt von Lucadou in einen schimmernden Sportanzug und nennt ihn Hochhausspringen. Wer springt von Hochhausdächern? Mannschaftssport verstehe ich als den zivilen Stellvertreter des Kriegsgefechts. Das Hochhausspringen ist der öffentliche Stellvertreter des privaten Selbstmords – mit zigtausenden von Zuschauern.


>>Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin (Hanser Berlin) €19,-


 

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HÖHENUNTERSCHIEDE // Jennifer Clement, Gun Love

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“

Reinweiß und süß, aber nichts wert. Zwei knappe Sätze, mit denen Jennifer Clement diesen Roman aufmacht, als wär’s ein elegischer Blues-, Folk- oder Countrysong. Clement lässt die 14jährige Pearl ihre Geschichte und die ihrer Mutter Margot in drei Teilen, gewissermaßen in drei Strophen, erzählen, deren Singsang voll von Zärtlichkeit, Bedauern und staubtrockenem Zorn ist.

Eingedenk der Gesetzmäßigkeiten, nach denen traurig-zuckrige Songs gemeinhin funktionieren, weiß man natürlich von Beginn an, was dieser Roman nicht bereithält: ein gutes Ende. Noch dazu, wenn diese Gesetzmäßigkeiten auf Leute wie Margot und Pearl angewandt werden, die ohne Habe, ohne Zukunft in einem alten Mercury Topaz Automatik auf dem Besucherparkplatz eines Trailerparks leben.

Eine solche Geschichte davor zu bewahren, in Kitsch zu zerfließen, ist eine Kunst für sich. Schilderungen des amerikanischen Hinterlands stehen oftmals mit einem Bein im verklärten Klischee; noch öfter springen sie mit Anlauf mitten hinein. Oder sie bedienen einen fragwürdigen Sozial-Voyeurismus.
Clement schreibt sich mit echter Empathie quer durchs wilde Florida und findet überall Zucker, doch der knirscht wie Glassplitter. Die Kronjuwelen des Americana-Geistes werden systematisch ins Visier genommen, um sie vom Himmel zu schießen: die romantische Liebe, das Auto, Treue und Dankbarkeit gegenüber Gott und dem amerikanischen Soldaten, die emotionsgeladene Blutsbrüderschaft zwischen Mensch und Waffe, nicht zuletzt natürlich der Traum vom Aufstieg in ein besseres Leben – selbst Pepsi-Zuckerplörre schmeckt auf einen Schlag eisenbitter.

Pearls eigene Geschichte liefert Alltagseindrücke blanker Armut, die schon fast fremdartig, märchenartig wirken. Eine Existenz am Rande der Nicht-Existenz; Pearl besitzt nicht einmal eine echte Geburtsurkunde. Ihre Mutter Margot büxte, um ihre Teenager-Schwangerschaft geheim zu halten, einst im Auto von Zuhause aus, und aus diesem Leben unterwegs, was als bloße Überlebensmaßnahme, als Übergangslösung gedacht war, wurde ein Leben im Autowrack. Statt Freiheit und Wohlstand verkörpert der mehrfach umgepinselte Mercury nur noch Stillstand und Niedergang.
Obwohl Margot über ihre Herkunft nicht viel preisgibt, ist klar, dass es sich bei ihr um ein Aschenputtel-verkehrt-herum handelt, das nicht durch ihren Herzensprinzen erst zur Prinzessin wurde, sondern, im Gegenteil, durch ihn aus ihrem Prinzessinnenleben herausfiel und sich als Putzmädchen wiederfand (Margots einzige Einnahmequelle besteht darin, dass sie im nahe gelegenen Kriegsveteranenheim saubermacht). Einzelne Schätze, die Margot aus ihrem Kindheitsleben mitnahm – gutes Porzellan, Schmuck, Kunstgegenstände -, wirken hier, am Rande des Trailerparks, geradezu wie Kofferraumleichen.
Unterm Vordersitz lagern derweil Pearls eigene Schätze: Murmeln, Knöpfe, Scherben. Fundstücke, die sie mit ihrer einzigen Freundin April May auf der Müllkippe zusammenträgt, deren stinkende Hügel Pearls Heimat-Panorama bilden.
Margots Wesen ist trotz aller Widrigkeiten (auch das Wohlstandszuhause war kein Paradies) von unverdorbener, bonbonsüßer Natur. Pearl berichtet, ihre Mutter kenne „alle Liebeslieder, die ganze Universität der Liebe“. Aber sie kennt sie nicht bloß – sie ist so etwas wie die „Universität der Liebe“ auf zwei Beinen: Margot hat dieses popkulturelle Paralleluniversum vollkommen verinnerlicht, es zur esoterischen Lebenshilfe erhoben, sie denkt wie ein Lovesong, und sie redet auch wie einer.

„Du bist der pure Glanz, sagte meine Mutter. Mit dir zusammen zu sein ist, als hätte man hübsche Ohrringe oder ein neues Kleid an.“

Neben den Mercury-Mädels leben auf dem Wohnwagengelände Sergeant Bob mit Familie, die Mexikaner Ray und Corazón, die ehemalige Lehrerin Mrs Roberta Young mit Tochter und der dubiose Pastor Rex, der irgendwann den noch dubioseren Eli anschleppt. Ähnlich wie Margot, haben auch einige dieser Figuren ihr Seelenleben aus der Not heraus lieber in einen der Realität entrückten Traumkäfig gepfercht.

„Mexikanische Telenovelas sind besser als das Leben, sagte Corazón. Eines Tages wird das jemand untersuchen und feststellen, dass es stimmt.“

Wie Pearl diesen Roman erzählt, das gleicht mitunter sehr dem Songtextklang, den ihre Mutter an den Tag legt. Margot hat schließlich nichts Monetäres an ihre Tochter weiterzugeben – was Pearl stattdessen von ihr übernimmt, ist ihre Art zu denken. Das Regelwerk der Liebes- und Lebenslieder. Und dazu eine Pistole.

Von Tschechow wissen wir: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert. In Pearls Umfeld, wo es an allem fehlt, gibt es dafür etwas anderes in Massen: Waffen und Munition. Tschechow darf man nun ausnahmsweise mal wörtlich nehmen – bloß dräut und lauert hier nicht irgendein einzelnes Verhängnis, sondern alles, alles trieft davon. Es gibt gibt Sporttaschen voller Waffen, Hotelzimmer voller Waffen, ein Flussbett voller Patronenhülsen. Was das für die Dramaturgie von Gun Love verspricht, möge sich die potentielle Leserschaft an dieser Stelle bitte selber ausmalen.

Die Presse wedelt hier und da mit Namen wie Johnny Cash, um den Ton des Romans in eine populäre Schublade zu stopfen. Ich höre da eher die große, kaputt-zärtliche Karen Dalton singen – aber am Ende ist das einerlei, sind das alles Vereinfachungen, denn in Gun Love steckt Musik im Überfluss.
Damit gemeint sind nicht nur die andauernd eingestreuten Songtitel („‚Slowly Walk Close to Me‘, ‚Where Did You Sleep Last Night?‘, ‚Born Under a Bad Sign‘ und all die anderen Ich-bring-dich-um-wenn-du-mich-verlässt-Lieder“) und Anspielungen auf Klassiker. Die beliebte Masche, das Buch auch im Ganzen mit einem Song zu vergleichen, hat durchaus Berechtigung: Clement arbeitet mit Wiederholungen, als gliedere sie das Erzählte in Strophen und Refrain. Auch strotzt der Roman nur so vor Sätzen, die ganz und gar wie Songzeilen klingen.

„Ich hätte es nicht besser wissen können, Elis Hände waren Seife, und ich konnte eine anständige Wäsche gebrauchen.“

Alldieweil hätte ich Gun Love auch gut in die Rubrik Sprachmusik stecken können. Doch am Ende steht die musikalische Seite des Textes nicht im Vordergrund, sie dient keinem Selbstzweck – in erster Linie ahmt sie den Tonfall klassischen US-Liedguts nach, um damit dessen ewig aktuellen Kern zu beschwören: das Auf und Ab des Schicksals. Ob in den Blues- und Jazz-Standards, dem Great American Songbook, den Folk-Klassikern und Traditionals: Es findet sich darin unendlich viel Gesang vom Stolpern, Fallen, Hingefallensein.
Der Amerikanische Traum ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Kulturgeschichte der USA, aber ist sein Gegenstück – nennen wir es mal schlicht den Amerikanischen Mangel – als viel häufiger gelebte Realität nicht vielleicht das entscheidendere Element?


>>Jennifer Clement, Gun Love (Suhrkamp) €22,-


 

DAS FÜRCHTE-ICH // Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich

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Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Anhand der Wolfs-Debatte, wo an allen Meinungsfronten viel Krawall und viel Schaum geschlagen wird, lässt sich hübsch beobachten, dass in unseren Ängsten nach wie vor der Teufel wohnt: Wo es ans Fürchten geht, da nämlich ist er los – noch dazu, wenn es einen derartigen Angst-Klassiker betrifft. In Hier ist noch alles möglich von Gianna Molinari verursacht die – mögliche! – Gegenwart eines streunenden Wolfes dementsprechend allerhand Unruhe. Wenn auch in etwas stillerer, eher verborgener Form.
Den Romantitel noch im Ohr, gilt es eingangs gleich, sich auf inhaltliche Abstecher einzulassen, in denen höchstverwunderliche Inseln beschrieben werden: Es sind die Umrisse von Bröckelstellen im Putz der Bürowand, die sich die Nachtwächterin einer Verpackungsfabrik als die Silhouetten von isolierten Inselwelten vorstellt, welche sie dann mit ihren Gedankenspielen bevölkert.
Der tatsächliche Schauplatz des Romans, das Betriebsgelände, ist ebenfalls so eine Insel für sich, auch so ein Mikrokosmos. Etwas abseits städtischer Bebauungsgebiete gelegen, fängt direkt hinterm Zaun der Fabrik die Natur an, die schon in den Startlöchern steht, um das Gelände zurückzuerobern. Die Firma liegt in ihren letzten Zügen, der Chef und Eigentümer meldet Insolvenz an, die aktive Mitarbeiterschaft hat sich bereits auf eine Handvoll reduziert. Scheinbar konterkariert die Atmosphäre allgemeinen Niedergangs die Erfüllung des Titelslogans – was sollte hier noch möglich sein?
Immerhin, dem vorauseilenden Verfall des noch nicht ganz aufgegebenen und verlassenen Geländes verdankt die junge Frau, dass sie überhaupt als Nachtwächterin eingestellt worden ist. Ein Wolf soll sich neuerdings hier herumtreiben – der Chef wünscht eine anständige Abwicklung der Firma, bitte keine Scherereien mit geschützten Wildtieren, die womöglich, Gott bewahre, auf den letzten Drücker noch einen der treuesten Mitarbeiter fressen. Dass die junge Frau, selbst eine anbindungslose Existenz nach Art einer Insel, auch gleich ihren Wohnsitz und ihre paar Habseligkeiten in einen Raum im Fabrikgebäude verlegt, ist nach Absprache mit dem Chef problemlos möglich. Im Team mit Nachtwächterkollege Clemens buddelt sie nun also eine tiefe Grube als Wolfsfalle, patrouilliert am lückenreichen Zaun entlang, sucht nach Spuren des Wolfes.
Nebenbei: In der Buchgestaltung war offensichtlich viel Spielraum möglich – immer mal wieder kreuzen Kritzeleien, manchmal auch Foto-Einschübe den erzählerischen Weg. Als stünde auf dem ordentlichen Gelände der Druckschrift immer mal wieder eine Zaunlücke offen für grafischen Wildwuchs.
Es gibt nicht sonderlich viel Handlung. Es gibt eine recht übersichtliche Anzahl von Figuren, und über diese erfährt man bloß das Wenige, was man ihren Dialogen entnehmen kann. Es gibt die Nachtwächterin, die hier die Erzählerin ist, es gibt den Chef, den Koch, den Clemens, den Herrn Lose und dazu kurz mal ein, zwei Leute, die aber nicht so wichtig sind. Es gibt eine Fabrik, die bald schließt – Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten, mitunter Existenzen gehen flöten. Es ist möglich, dass es einen Wolf gibt – die gemeldete Wolfssichtung untergräbt Sicherheiten, sie beschwört eine drohende Verwilderung der Lebenswelt herauf, wenn nicht gar den Rückfall in vorindustrielle (siehe die Fabrikschließung) Rohheit, sie markiert den Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute, des Archaischen ins Moderne, noch dazu den des Absurden (der Grubenbau hat durchaus dadaistische Qualitäten) ins Geordnete. Es gibt außerdem den Mann, der hier vom Himmel fiel, bzw. es gab ihn – Lose, langjähriger Mitarbeiter, wurde damals zufällig Zeuge dieses Sturzes; die neue Nachtwächterin darf nun Einblick nehmen in die umfangreiche, private Materialsammlung, die er rund um den „M.d.v.H.f.“ zusammengetragen hat.
Mit der Nachtwächterin werde ich schnell warm, obgleich oder vielleicht gerade weil sie eine namenlose, nicht näher beschriebene Figur ist; ich verpasse ihr kurzerhand, unbewusst, meine eigenen Umrisslinien und denke sie mir als eine, die auszog, das Fürchten zu lernen.
Ansonsten habe ich allerdings so meine Schwierigkeiten, mich auf der erzählerischen Insel, die dieser Roman ja ist, einzufinden, denn über allem liegt schleierartig so eine Unbestimmtheit, Ungewissheit, Unbeteiligtheit. Wo befinde ich mich hier bitte? Wer sind diese Leute überhaupt? Was passiert hier  – und was stellt das mit den Leuten im einzelnen an? Und vor allem: Warum drehen hier eigentlich nicht alle einfach durch?
Ich bin eine ganz große Fürchterin. Ich leide schon Sterbensangst, wenn mal behördliche Post im Briefkasten steckt, und sowieso fürchte ich mich ständig und vor quasi allem. (Was vermuten Sie, wann ich meine Blogtexte zusammentippe? Gerade nachts wird ja die notwendige, anderweitige Beschäftigung ziemlich rar, die der Alltag so bietet, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen – Furchtgedanken. Nachts gehe ich auf Furcht-Safari. Ich: Großfurchtjägerin. (Wie spät ist es gerade bei Ihnen eigentlich?) Texte zu tippen ist da eine ganz taugliche Gegenbeschäftigung, auch die Werkelei an Collagen und Zeichnungen hat sich bewährt. Notfalls Küche putzen!) Ich führe ein wirklich nettes Leben, das ich nur eben immer etwas umständlich, immer peu à peu der Furcht abluchsen muss. Ich habe mich ja längst an diese kopflose Dauerfurcht gewöhnt, man kann sich arrangieren, aber dahinter steht durchaus eine Heidenarbeit (bzw. eine blitzblanke Küche).
Würde ich als Nachtwächterin in einer zunehmend verlassenen Fabrik arbeiten und dort wohnen, schlafen, wo alsbald, weiß der Himmel, irgendwelche Hehlerbanden oder marodierende, bedröhnte Jugendcliquen zu Besuch kommen werden? Wo es nachts im Gebälk rumort und knackt und es auf dem Gelände raschelt? Wo ein wilder Wolf herumstreunt?
Klar.
Natürlich würde ich mich fürchten, ob nun begründet oder nicht. Aber Furcht macht auch etwas Wichtiges mit mir, quirlt mich um, stellt mich auf die Probe. Am Ende ist jede Furcht einfach etwas zutiefst Menschliches. Und darum – nützt ja nichts – zutiefst interessant.
Und wie ist es mit der Nachtwächterin, dem Chef, dem Koch, dem Clemens und Lose, die es zu tun haben mit dem bösen Wolf, mit der Fabrik, die schließt, und dazu noch dem Mann, der vom Himmel fiel?
Jeder ringt hier mit seinen eigenen Sorgen, Ängsten, Qualen, nur dringt davon kaum etwas nach außen, selten tritt etwas davon ins Zwischenmenschliche hinein. Im Grunde bleibt jeder eine Insel für sich.
(Oder sehe ich das falsch und im Grunde sind alle bloß ganz gleichgültig, einfach komplett unbeteiligt? Nein, wer gleichgültig ist, legt keine Materialsammlung an, wer unbeteiligt ist, baut keine Grube.)
Vielleicht ist das, der restlosen Globalisierung zum Trotz, schlechterdings unser Stand der Dinge: Jeder ist seine eigene Insel.
Dabei ist Furcht an sich doch etwas, was wir alle gemein haben und was uns an unsere Mitmenschen anknüpfen lassen könnte, anstatt uns von einander zu isolieren, oder nicht? In der Furcht fühlt man sich vielleicht einsam, ist damit aber seltener allein, als man denken würde – auf der Insel, da ist man schnell beides.

Während die Wölfe längst durch unsere Zäune geschlüpft sind, bewachen wir hartnäckig weiter unsere Inseln, selbst wenn die inzwischen ihren Betrieb einstellen und ihren Zweck verlieren. Wir sitzen auf unseren eigenen Inseln, starren dort aber fremde, mitunter fantastische Inseln an die Wände. Wir schauen zu, wie andere unsere Inseln zu erreichen versuchen und daran scheitern, so wie der Mann, der vom Himmel fiel. Wir heben auf unseren Inseln Fallgruben aus, und während wir schaufeln und immer tiefer schaufeln, sitzt darin niemand anderes fest als bloß wir selbst.
Die Insel ist ein Sehnsuchtsort. Gibt es auch eine Sehnsucht nach Entinselung?
Oder ist die Möglichkeit einer Entinselung eher etwas, was wir fürchten?

Von hier aus ist unsere kleine Grabungsstätte gut sichtbar. Ich stelle mir vor, dass Clemens an der Stelle weitergräbt, an der ich vor wenigen Stunden aufgehört habe zu graben. […] Ich frage mich, ob unsere Spatenstiche von irgendwelchen Seismografen irgendwo auf der Welt aufgezeichnet werden. Ich frage mich, ob wir etwas beitragen zum Brummen der Erde.


>>Gianna Molinari, Hier ist noch alles möglich (Aufbau), €18,-


DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus.
Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten – ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen -, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können – bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei auch als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht. Es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche der Büchersendung benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da liegen auch noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen.
Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken.
Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts.
Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila); erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Juni 1992 ist.


Foto: Grebe


>>Esther Kinsky, Hain. Geländeroman (Suhrkamp) €24,-

>>Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller


 

DINGE // Über Dinge, Bücher als Dinge und ein Buch über die Dinge


Jérôme war vierundzwanzig Jahre alt, Sylvie zweiundzwanzig. Beide waren Psychosoziologen. Ihre Arbeit, kein Beruf oder Metier im eigentlichen Sinn, bestand darin, Menschen mit Hilfe diverser Methoden über verschiedene Themen zu befragen. Es war eine schwierige Arbeit, die zumindest starke nervliche Konzentration erforderte, aber sie war nicht uninteressant, verhältnismäßig gut bezahlt und ließ ihnen beachtlich viel frei verfügbare Zeit.

Zunächst fällt gar nicht auf, dass es sich hier um Fiktion handelt – alles erweckt ganz den Anschein einer realen soziologischen Bestandsaufnahme. Was nicht von ungefähr kommt. George Perec brach, nicht anders als Sylvie und Jérôme im Roman, erst einmal sein Soziologiestudium ab; anschließend verfasste er mit seinem Erstlingswerk Die Dinge eine Milieustudie, deren Hauptfiguren prototypisch für eine moderne, städtische Mittelschicht stehen, die ihre Erfüllung im Konsum sucht.

Jung und ungebunden, verleben Sylvie und Jérôme in ihrer kleinen Wohnung in einem nicht noblen, aber charaktervollen Pariser Viertel eine unbekümmerte Zeit. Ihr Leben verlangt ihnen nicht ab, sich sonderlich um irgendetwas zu bemühen oder zu scheren, außer um ihre planvoll betriebene Zerstreuung. Sie lesen vormittags Lifestyle-Magazine, die ihnen die Hochglanzversion ihres eigenen Alltagsumfelds zeigen, und treffen abends Freunde, die sich von ihnen durch nichts unterscheiden. Dabei suchen sie gerade, und zwar permanent, wenn nicht sogar im Schlaf: das SPEZIELLE. Persönlichkeit gilt ihnen als die entscheidende Währung, doch Persönlichkeit ist genau das, woran es den Romanfiguren bitterlich mangelt.

Perec betrachtet Sylvie und Jérôme nicht im Lichte ihrer Herkunftsgeschichten, sondern konzentriert sich streng auf ihre unmittelbaren Lebensumstände und ihr Kaufverhalten – derweil lässt er die beiden im Dienste der Marktforschung ihrerseits Konsumenten zu deren Lebensumständen und Kaufverhalten befragen. Arbeiten die zwei gerade mal nicht, konsumieren sie selbst, soviel ihr Gehalt eben hergibt, und widmen sich geflissentlich der Verfeinerung ihres Stils bezüglich Kleidung, Inneneinrichtung, Lebenswandel. Die Ziele, die ihrem Denken Orientierung geben, sind nicht ideeller, sondern materieller Natur; unzählige Stunden verwenden sie darauf, sich ihren idealen Look für den Ausflug ins ländliche Umland auszumalen, nach dem perfekten Rotwein zu suchen oder sich, bis ins allerkleinste Detail, ihre Traumwohnung zusammenzufantasieren:

Es wäre ein Wohnraum, etwa sieben Meter lang, drei breit. Links, in einer Art Nische, stände ein großes schwarzes, abgewetztes Ledersofa zwischen zwei Bücherschränken aus heller Kirsche, in denen die Bände sich kunterbunt übereinanderstapelten. Über dem Sofa nähme eine alte Seekarte die ganze Länge der Wand ein. Hinter einem kleinen niedrigen Tisch, unter einem seidenen, mit drei breitköpfigen Messingnägeln an der Wand befestigten Gebetsteppich, würde ein anderes, mit hellbraunem Samt bezogenes, rechtwinklig zum ersten aufgestelltes Sofa zu einem kleinen hochbeinigen, dunkelrot lackierten Möbelstück mit drei Fächern führen, in dem sich Nippes befände: Achate und Steineier, Schnupftabakdosen, Bonbonnieren, Jadeaschenbecher, eine Perlmuschel, eine silberne Taschenuhr, ein geschliffenes Glas, eine Kristallpyramide, eine Miniatur in ovalem Rahmen.

Das ist nur ein kurzer Ausschnitt, bei dem ich’s hier bewenden lassen will – Perec zieht das beschreibende Erzählen an dieser und anderer Stelle im Roman indes seitenlang durch. Was ich keineswegs ermüdend finde. Vielmehr erzielen diese stoisch-ausführlichen Aufzählungsstrecken wirksam eine Bloßstellung des Zeitgeistes in seiner totalen, gähnenden Inhaltsleere.

Trotz seines neutralen Tons ist der Roman tatsächlich unterhaltsam. Sein Witz ist jedoch zugleich schmerzhaft: Jeder von uns kennt Sylvie und Jérôme, manche von uns SIND Sylvie und Jérôme, und während man anfangs bereitwillig dem Reflex nachgibt, die beiden für ihre harmlose Konsumsucht, die uns selbst so vertraut ist, zu belächeln, stellt sich nach und nach das bohrende, lastende Gefühl ein, man beobachte hier zwei Junkies während ihrer zunehmenden Verelendung, aus der sie aus eigener Kraft keinen Ausweg mehr finden.

Die Dinge ist ein Roman, der den Nerv der Zeit exakt trifft, um nicht zu sagen: ihn mit der Präpariernadel aufspießt. Der Gag daran: Die Dinge ist keine Novität im Herbstprogramm 2018, sondern erschien 1965 im französischen Original, 1967 dann in deutscher Übersetzung.

Vor über fünfzig Jahren, Herrgott! Was ist bloß dran an den Dingen, dass sie so an uns kleben, und wir an ihnen?


Seit ich Bücher als meine eigenen Bücher begreife (also seit Huckleberry Finn), pflege ich konsequent den Tick, jedem Buch, das als nächstes dran ist, vorab ein Lesezeichen aus meinem Fundus zuzuweisen.
Diese Wahl erfolgt zielstrebig, nur manchmal kommt es vor, dass ich den Bucheinband einem suchenden Abgleich mit meinem gesamten Lesezeichensortiment unterziehen muss, um die einzig stimmige, einzig gültige Kombination ausfindig zu machen. Meine Lesezeichen füllen einen großen Schuhkarton und sind nur selten echte Lesezeichen, hauptsächlich Postkarten und Fotos, außerdem Eintrittskarten für Museen und Konzerte, Fahrausweise, Flyer, Bierdeckel, Spielkarten, alte Ausschnitte aus Magazinen oder Zeitungen, Farbmuster-Streifen und so weiter.
Ich neige nicht dazu, mich mit Krempel zu belasten, aber dieser Karton ist mir heilig; zweifelsohne habe ich zu vielen Stücken darin eine nostalgische Verbindung. Doch die tritt während der Auswahl eines Lesezeichens hinter synästhetischen Aspekten zurück, so wie ich auch das betreffende Buch nicht allein einer Thematik oder einer Epoche, sondern einem Empfindungskomplex zuordne – das ergibt sich ganz von selbst aus dem spezifischen Gemisch von Optik und Haptik des Buchs, von Schriftgeruch, klanglicher Dynamik und Temperatur der ersten Textseite etc.
Es gibt weiche oder raue Bücher, es gibt grelle, dumpfe, kühle, grobkörnige, verkohlte, glasige oder katzige oder obstige Bücher, eins verströmt durch die ihm eigene Mixtur von Schriftart, Papierqualität, Kaffeeflecken, kritzeligen Anstreichungen mit Kugelschreiber und, schließlich, den Wörtern für mich den Geruch von Schmieröl, ein anderes den von Meerwasser, im nächsten rollt etwas auf und ab wie ein harter, körperwarmer Lederball, wieder eins vibriert innerlich grünglimmend, und so verhält es sich auch mit den Lesezeichen – und das ist lange nicht alles, aber es tut nicht not, der Menschheit mit Schilderungen quergekoppelter Sinneseindrücke auf die Nerven zu fallen.
Nur so viel: Ich verstehe gut, dass Dinge – völlig unabhängig von ihrer etwaigen Aufgeladenheit mit Konnotationen oder Erinnerungen – durchaus mehr bedeuten können als das, was ihnen in ihrer bloßen Dinghaftigkeit eigentlich zu bedeuten erlaubt ist.

Je nachdem, wie man gestrickt ist, neigt man ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger zu syn- oder ideasthetischen Wahrnehmungen, aber so wirklich fremd ist ihre Einflussnahme wohl niemandem.
Freilich spielen Erfahrung, Prägung, Konditionierung, die mindestens durchs unbewusste Hintertürchen Einzug in die Wahrnehmung halten, immer mit hinein – eine Abgrenzung lässt sich auf diesem Gebiet mit seinem wolkigen Grund und Boden oftmals schwer, mitunter gar nicht unternehmen. Dass man seinen Kaffee im Pausenraum deutlich lieber aus der, sagen wir, dunkelblauen bauchigen Tasse trinkt als aus dem zahnweißen zylindrischen Becher, das mag vielleicht auf eine lange, mikrokleinteilige und entsprechend unwichtige Erlebniskette zurückgehen, oder man hat’s einfach mit einem Hirn zu tun, das es mit der getrennten Verarbeitung von visuellen und gustatorischen Reizen nicht ganz so genau nimmt.
Wahrscheinlich gilt oft beides.
Ausdrücke wie „klirrende Kälte“, „Formensprache“, „runder Geschmack“, „schreiendes Gelb“ sind eingängig und eindeutig; sie sind für jeden nachempfindbar, wobei im Grunde keiner weiß, wie das kommt. Es ist selbstverständlich, während es objektiv doch gar keinen Sinn ergibt, dass man bestimmte Eigenschaften an Dingen, eine Ansammlung von Dingen, überhaupt irgendwas Dingliches abstrakt empfindet, etwa einen Stuhl als schön, oder die Einrichtung eines Badezimmers als fröhlich, oder eine bestimmte Architektur als kalt.

Natürlich sind Dinge immer etwas mehr als nur Dinge: Dinge konzentrieren und transportieren Geist.

Unser Verhältnis zu den Dingen ist ebenso vielschichtig wie unser Gehirn, weil es sich parallel zu diesem entwickelt hat und das auch weiterhin tut – eine lange Linie fortschreibend, die irgendwo im Dunkeln ihren Anfang nimmt und dann entlang der ersten Feuersteinklingen verläuft, die weiter zu Pelzkleidung und Knochenflöten und Klumpen von Birkenteer führt, weiter, weiter, zum ersten handgeschnitzten Holzpferdchen, zum ersten Totempfahl, immer weiter, zu Talg-Licht, Pinsel, Tongeschirr, zu Glasperle und Schutzamulett, zu Axt, Schwert und Pflug, zu Pferdesattel und Schiffskiel, Sandale, Krone, Dachziegel, Spinnrad, und immer noch weiter, zu Perücke, Pfefferstreuer, Puddingschüssel, Hosenträger, Zahnbürste, Kartoffel, Brille, Gießkanne, Dampfkessel, Propeller, Kugelschreiber, Stacheldraht, Lichtschalter, Muskatreibe, Fön, Plattenspieler, Schaltknüppel, Lakritzschnecke, Fidget-Spinner, iPad. Und als Mitläufer dieser großen Gesamtlinie erstrecken sich nebenher die ungezählten einzelnen Linien in ihrer winzigen Spannbreite. Eine zieht sich vom Strohlager ausgehend über den täglichen Graupeneintopf und stumpfgoldene Weizenfelder bis zur geriffelten braunen Panzerung des schädlichen Kornkäfers, wo sie auch schon wieder endet. Eine andere verläuft von gestärkter Leinenbettwäsche zu Matrosenkragen und Schultafel, über Bakelit-Telefon, Bartwichse, Blutwurst, Zaumzeug, die „noch lebende“ Druckerschwärze frisch hergestellter Zeitungen und abschließend zur Torpedorrohrklappe eines U-Boots Typ VII A. Meine führt vom petrolblauen Kinderbettbezug zum Salz-und-Pfeffer-farbenen Polstersofa, weiter über den Werkzeugschrank meines Vaters, die jadegrüne Badewanne, die Armbanduhr meiner Mutter, das Häkelgarn, die Kauri-Muschel, Apfelkompott, die gesprenkelte Murmel, die großväterliche Hustenbonbon-Dose, den Ringelpulli, Krawatten, Flachsteck- und Torpedosicherungen, den abgegriffenen Lack der Dame-Spielsteine, stumpfgoldene Weizenfelder, die polterigen Holzbohlen der Schulweg-Brücke, Runkelrüben, Dahlienknollen, die Sense, Schmieröl, den Schmetterlingskasten, den 1988er Passat Variant in Metallic-Braun, die bekritzelte Tischplatte in der Oberstufe, das silberne Feuerzeug, weiter, über die rußschwarze Fabriklampe und den Wanderrucksack, den gebrochenen Terrazzoboden im EG in der Sauerweinstraße 3, die Elbfähre, das Linolschnitt-Besteck, die Tresortür und die dunkelblaue bauchige Tasse im Pausenraum, noch weiter, über noch viel mehr, den Frottee-Elefanten und den gelben Pfannenwender, das steinerne Eichhörnchen, den anthrazit-grünen Buggy, die Schwanenfedern, das Umzugskarton-Raumschiff, den Kastanienbaum und bis zum glänzend roten Kochtopf mit Polka-Dots, in dem jetzt gerade das Essen köchelt.

Welcher Geist den Dingen innewohnt, und welchen Reiz sie aussenden – eine Zeit, die es einem erlaubt, sich (wie ich heute) tagesfüllend mit solchen Überlegungen zu beschäftigen, muss schlechterdings eine paradiesisch sorglose sein. Anders ausgedrückt: eine höllisch fade.

Was natürlich Blödsinn ist. Existenzielle Themen lauern an jeder Ecke, Autounfälle, Krebsdiagnosen und Konsorten metzeln sich eher still, aber nimmermüde durch den Privatalltag, irgendwo, ob in der Supermarktschlange, im Park, auf dem Elternabend, im Arztwartezimmer oder mitunter beim Blick in den Spiegel, hat man’s täglich unweigerlich mit Menschen zu tun, deren Leben gerade kein bisschen sorglos und fade ist.
Wer die Hölle also sucht, der findet sie garantiert. Und wer nicht, den findet sie auch von sich aus.
Das tatsächlich sorglos-fade Leben, in dem sich alles nur um Krempel dreht, ist nicht unbedingt der Mainstream, auch wenn dieser Eindruck medial breitgeschlagen wird. Ob es uns generell zu gut geht, ist eine Frage, die viel geschmacklichen Spielraum bietet.
Dass wir allerdings nicht damit umzugehen wissen, wenn es uns selbst und anderen reell schlecht geht, das glaube ich dagegen sicher – da ist man ganz schnell allein, der Ofen aus und alles im Eimer.

Ist es menschlich da nicht nachvollziehbar, wenn die Flucht vor der lauernden Hölle alias dem echten Leben im IKEA-Showroom endet? Wenn ein Pinterest-tauglicher Alltag zum Ideal verklärt wird? Unser tägliches Zeug gib uns heute, und vergib uns unsere Schulden! Wenn eine Klimaerwärmung um 4°, die das Ende unserer Zivilisation bedeutet, eh unausweichlich ist, in ziemlich naher Zukunft sogar, was haben wir dann noch von Nachhaltigkeit? Von Verzicht? Wenn schon aussterben, dann bitte mit Stil – die Eiswürfelmaschine hilft, die Cocktails zu kühlen, mit denen wir uns schnell noch betrinken, und die schmelzenden Sohlen unserer neuen Sneaker kleben total hübsch an der glühenden Erdkruste fest.
Es ist doch völlig wurscht, welch billige Art von Halt und Trost teurer Nippes so bietet – die Hölle bietet jedenfalls keinen.


Ich kaufe meine Bücher übrigens gern gebraucht. Hab ich immer schon. Ich mag den Gedanken sehr, dass ein Buch, das bereits durch andere Hände gewandert ist, von diesen Händen je einen Hauch PERSÖNLICHKEIT aufgesaugt und weitergetragen haben könnte – bis zu mir. Ich sehe keine Flecken oder Knicke, ich sehe nur akkumulierten CHARAKTER!

Die Dinge war in dieser Hinsicht ein guter Treffer: Überraschenderweise erwies sich mein antiquarisch gekauftes Exemplar als ein durch viele Hände gewandertes (und dann wahrscheinlich geklautes) Bibliotheksstück! Aus – guck einer an – London! Ist das nicht total SPEZIELL?


>>Georges Perec, Die Dinge ist derzeit bei diaphanes lieferbar bzw. antiquarisch in diversen hübschen Varianten zu kriegen


Fotos: Grebe

BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

19 Jahre. Himmel, was ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen im Griff – das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich – beispielsweise wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird – bremst mich eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 so kennengelernt habe und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Sven Amtsberg, Superbuhei

Langenhagen

Kennen Sie zufällig Langenhagen? Nicht nur den Flughafen, meine ich? Ich schon. Das ist eine dieser Vorstädte, die den Tellerrand Hannovers bilden, und der Tellerrand ist nun einmal nicht dort, wo das Schnitzel platziert wird, sondern wo sich ein schlaffes Salatblatt und die Pommes befinden, die als erste auskühlen. Dort, wo die letzten, müdesten Ausläufer des großstädtischen Gebiets auf die ländliche Region treffen. Das ist Ödnis für Fortgeschrittene. Dort wohnt Jesse Bronske.

Was macht man so in Langenhagen? Nicht viel. Aber nicht zuletzt: viel saufen. Einigen lokalen Gewohnheitstrinkern ist Jesses Kneipe ein Zuhause geworden. Das Klaus Meine liegt, wie anderswo Bäckereifilialen oder Blumenläden, im Eingangsbereich eines Supermarktes – dem örtlichen Superbuhei. Vom Tresen aus hat Jesse einen guten Blick auf seine Freundin Mona, sonnenbankgebräunte Kassiererin und, wie Jesse sagt, „eine Sitzschönheit“. Erfreulichere Ausblicke bieten sich nirgends, nach Abwechslung sucht man hier vergebens. Im Klaus Meine – das Jesse zwar aus juristischen Gründen umbenennen musste, der Einfachheit halber in Kleine Maus, was aber von ihm wie von der Stammtrinkerschaft konsequent ignoriert wird – laufen pausenlos die Songs der Scorpions, allmorgendlich eingeleitet von Wind of Change; das illustriert schön das Ausmaß der Tristesse des Bronske’schen Alltags, sowie das ironische Gemüt des Sven Amtsberg.

Während Musik und Trinkergefasel Déjà-vu-Ketten produzieren, spielt sich Jesses Leben im Ganzen ebenso als Wiederholungsschleife ab: Aus „dem brackigen Becken der Gewöhnlichkeit“ nämlich, worin Jesse sich abstrampelt, schafften es schon seine Eltern nicht heraus. Die Parallelen zu Jesses eigenem Lebenslauf sind so deutlich, dass er zu der Überzeugung gefunden hat, die Durchschnittlichkeit seiner Eltern, an und unter der sie so sehr litten, sei eine auf ihn übergegangene Erbkrankheit. Statt einer Kneipe in einem Supermarkt, betrieben die beiden einen Imbiss auf einem Supermarktparkplatz. Und ganz ähnlich, wie Jesse vertrauliche Briefe an Klaus Meine schreibt, zwängte sich Vater Bronske seinerzeit in einen weißen Glitzeranzug, um sich seinem Idol nahe zu fühlen, und brachte es als „Elvis von Rahlstedt“ zu kläglicher Berühmtheit. Dort nämlich, in Rahlstedt, Hamburger Nordost-Tellerrand, lebten sie damals: Vater, Mutter, Jesse – und Aaron. Solange jedenfalls, bis erst Mutter, dann Vater verschwand, und es für Jesse bald mit Aaron nicht mehr auszuhalten war.

Was Jesse rückblickend über seine Kindheit und Jugend, seine Eltern und den Bruder vor sich hin sinniert, lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner herunterkürzen: das erfolglose, sich in Oberflächlichkeiten erschöpfende Ringen um Größe, Sichtbarkeit, Liebe. Und wenn das, in Zeiten von Selfie und Clickbait, von filtergeschönter Selbstpräsentation und der Marktschreierei der Egos, kein hohes Identifikationspotential besitzt, dann weiß ich’s auch nicht – heutzutage sind wir schließlich alle ein bisschen Bronske, manche vielleicht mehr, manche vielleicht weniger. Mutter trat erfolglos im Laientheater auf, klapperte regionale Schönheitswettbewerbe ab und bekam das Heulen über den Grillfettgeruch, der so hartnäckig von ihrer Haut Besitz ergriffen hatte, dass er sich schließlich nicht einmal mehr durch ausgiebiges Baden beseitigen ließ. Vater versuchte sich, bevor er vollends Elvis wurde, als fiebriger Erfinder, außerdem als Salzteigkünstler. Die Bronske-Brüder probierten es mit einer Metal-Band, von der sie beide als Metal-Duo übrig blieben, bis sie das mit der Musik am Ende einfach ganz an den Nagel hängten.

Für Jesse folgte der Abgang nach Langenhagen – aber wie ging’s mit Aaron weiter? Und warum verschanzt sich Jesse allabendlich im gemeinsam mit Mona bewohnten Haus, hat sich eine Schusswaffe organisiert und starrt beunruhigt ins wogende Maisfeld, das direkt hinter der Grundstücksgrenze beginnt?

Wem von klein auf ein erbittertes Streben nach Besonderheit vorgelebt, wem eingetrichtert worden ist, dass allein individuelles Hervorstechen – und sei es auf dem banalsten oder albernsten Gebiet – die Basis liefert, um geliebt zu werden, um zu überleben gar, der verteidigt jegliche Einzigartigkeit, die er für sich zu beanspruchen vermag, mit allen Mitteln. Und gegen jede Konkurrenz. Angesichts der elterlichen Vorarbeit, die im Hause Bronske diesbezüglich geleistet wurde, verwundert es nicht, welche Abgründe sich da zwischen Jesse und Aaron, den eineiigen Zwillingsbrüdern, auftun.

Je härter Jesse sich gegen Aaron verteidigt, desto mehr kommt ihm abhanden, was noch zu verteidigen wert ist, und das ist ohnehin schon herzlich wenig. Vor allem droht Mona sich zu verabschieden. Langsam bekommt sie es nämlich mit der Angst zu tun – aber nicht wegen Aaron. Sondern wegen Jesse selbst. Denn Mona, die Aaron noch nie begegnet ist und seltsam findet, dass es keine Fotos gibt, die beide Brüder zusammen zeigen würden, glaubt nicht daran, dass Aaron überhaupt existiert. Schließlich wäre Jesse nicht der Erste, dessen Psyche in Reaktion auf die Unerträglichkeit der eigenen Alltagstristesse eine Persönlichkeitsstörung ausbrütet. Sicher, denkt man altklug, Jesse tickt nicht ganz sauber. Nur kommt man nach und nach ins Schwanken: Indem Amtsberg das Normalwesen dermaßen grotesk überzeichnet, dass hier eine bis auf die Knochen gestörte Kollektiv-Psyche offenbar wird, zeigt sich, dass es vielmehr die Anderen sind, die ganz und gar nicht sauber ticken, und so fragt man sich, ob es nicht eher ausgerechnet Jesse ist, dessen Urteil man trauen sollte.

Wäre dieser Roman ein Zimmer, dann wär’s wohl das eines mittel-uncoolen Teenagers anno 1995, das, ganz ironisch, flächendeckend mit Scorps- und Elvis-Postern plakatiert wäre – aus der Stereoanlage aber käme rund um die Uhr das Geschrammel der Hamburger Schule. Zu nicht unerheblichen Teilen hatte ja auch die ihre Wurzeln in der Provinz. Ähnlich, wie deren später auf den Plan getretene Dunstkreisgenossen: der musikalische Klüngel ums Grand Hotel van Cleef etwa, oder das Entertainmentkunstprojekt namens Studio Braun. Und genauso, wie Amtsberg selbst, der gebürtiger Langenhagener und seit den Neunzigern in der Hansestadt ansässig ist. Jedenfalls: In Superbuhei quält sich Jesse so hilflos mit der Bitterkeit des Gewöhnlichen herum, dass er glatt einem Song von Tocotronic oder Die Sterne entstiegen sein könnte. So distinguiert, wie man das vom Diskursrock her kennt, kommt Amtsbergs Romandebüt aber nicht daher – der Ton erinnert mitunter eher an den eines Rocko-Schamoni-alias-Georgie-Snyder-Telefonstreichs. Wer’s mag. Nur käme der Roman, der durchaus mit Thriller-Elementen hantiert, im Ganzen sicherlich etwas zugkräftiger voran, hätte Amtsberg auf die ein oder andere Szene verzichtet, deren Skurrilität mehr dem Selbstzweck als der Story dient. Klar ist es witzig, dem Marktleiter des Superbuhei den Namen Stanislawski zu verpassen – kleine Anspielung auf den Sankt-Pauli-Kulttrainer, der seinen Trainerjob irgendwann aufgab und stattdessen überraschenderweise einen Rewe in Winterhude als Marktleiter übernahm. Klar auch, dass man in einem Roman, der ein bisschen Milleustudie unter Trinkern und Proleten betreibt, um ein paar eingestreute Kalauer nicht herumkommt, und die Sprache der Hauptfiguren, die bis zum Hals in jenem Millieu stecken, dem herrschenden Umgangston ein Stück weit angleichen muss.

Dass Amtsberg streckenweise etwas zu ausgiebig in derlei Kleinkram und Kolorit badet, lässt allerdings eine Grundfrage, die vom Plot transportiert wird und in der es um Abgrenzung und Eigenständigkeit geht, aus dem Fokus geraten – dabei ist diese Frage eigentlich spannend: Wo hören die Anderen auf und fängt das Ich an?


>>Sven Amtsberg, Superbuhei (Frankfurter Verlagsanstalt), gebunden, €24,-


Foto:Grebe

PROVINZLEBEN // Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner

[Die Leute] würden lieber an der Vorstellung festhalten, dass John aus heiterem Himmel in die Stadt galoppierte und sie nur so aus Spaß auf den Kopf stellte. Aber so ist es gar nicht abgelaufen. In Wahrheit, wie mehr Zeitgenossen wissen als es zugeben wollen, in Wahrheit war John Kaltenbrunner ein Einheimischer, und hinter seinen Taten stand ein ganzes Leben aufgestauter Empörung. Bis zu dem Tag, an dem er schließlich sein Kriegsross/Vehikel in Gang setzte, hauste er geräuschlos in den hintersten Winkeln von Baker, deren bloße Existenz die meisten Bewohner der Stadt am liebsten leugnen würden. Er pflügte sich durch die Arbeitswelt vom Fließband zum Schlachthaus, vom Schweineimbiss in die Kanalisation. […] Sein ganzes Leben war und blieb eine unvorstellbar üble Pechsträhne, im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ging es immer weiter und weiter und weiter, jahrelang, über das Absurde hinaus bis an den Rand des praktisch Unmöglichen, bis all die sauren Äpfel, die Armut und der Dreck, die endlose Suche – bis sich jenes Hochoktangemisch, das ihm ein Tankstutzen namens Baker großzügig einflößte, schließlich entzündete und in die Luft flog, dass die ganze Gegend erzitterte. Das gab ein Getöse. […] Alle wurden hineingezogen: die Presse, die Behörden, die Kirche, die Fabriken, die Schulen, die Flussratten, die Hessen, die Schmalzköppe, die Trolls, jede Familie in der Stadt, die komplette Liste… Niemand kam ungeschoren davon. Einmal im Gange, traf die Abrechnung alle, quer durch die Bank, doch bis es soweit war, lauerte sie abwartend wie ein Werwolf in Quarantäne bei zunehmendem Mond.

Mittels dieser reichlich Unheil versprechenden Einleitung bereitet einen die Erzählstimme des Romans auf das Spektakel vor, das sie im Folgenden ausbreiten wird: die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner – ewiger Sonderling, vom Leben geprügelter Universalverlierer und später Initiator einer lokalen Beinahe-Apokalypse, die sich gewaschen hat. Dass er sie nicht selbst erzählen kann, um der grassierenden Legendenbildung um seine Person entgegenzuwirken, hat leider seine Gründe, und darum übernehmen seine Kollegen von der Müllabfuhr – im Baker-Sprachgebrauch: die Haldenschrate – diese Aufgabe. Es ist ihr kollektives Gedächtnis, das den wahren John Kaltenbrunner zu rekonstruieren versucht, indem es, mal erinnernd, mal mutmaßend, dessen Lebenslauf nachzeichnet. Und so singt hier der Chor der Haldenschrate einen 500 Seiten langen Punksong über das Provinzleben aus der sozialen Froschperspektive.

Was in den verschlafenen Breiten des amerikanischen Corn Belt so als Stadt bezeichnet wird, machen die ausgiebigen Beschreibungen des Hinterwäldler-Kaffs Baker deutlich: Kirche, Schule und ein paar Fabriken, um die herum sich Wohnhäuschen, Mietskasernen, eine eher dürftige Geschäftswelt und natürlich ein paar schäbige Bars angesiedelt haben; nicht mehr als ein trister Haufen in der Ödnis, eingekreist von Maisfeldern und Viehzuchtbetrieben. Hier herrschen ein Welt- und Werteverständnis, das seit Gründerväterzeiten keine nennenswerten Aktualisierungen erfahren hat, Selbstgefälligkeit, Missgunst und Suff. Schulsystem und Gesetzeshüterschaft werden geleitet von Bauern- und Bibeldeppen. Ein bestimmtes Identitätsempfinden leitet der typische Bewohner von Baker nicht aus den Qualitäten seiner Stadt ab, sondern aus dem ewigen kompetitiven Gezänk mit dem Nachbarstädtchen Pottville: Von solidarischem Miteinander kann in der Gemeinde, in der man unter seinesgleichen zu bleiben hat, je nachdem, ob man nun den Farmern, den Fabrikmalochern oder den eingewanderten Latinos angehört, keineswegs die Rede sein, aber ein Wir-gegen-die geht immer.

Am Rande dieser Zusammenrottung menschlicher Feindseligkeiten wächst John auf einem gottvergessenen Farmgelände auf. Madame Kaltenbrunner hat das Familienanwesen während jahrelanger Trauer um den verstorbenen Kaltenbrunner senior gleichgültig zu einer Bruchbude mit umliegender Müllhalde verkommen lassen, und Johns Lebensgeschichte nimmt hier ihren Anlauf, indem er das tut, wozu er schlichtweg geboren zu sein scheint: Er räumt auf. Zu dem, was man eine normale Kindheit nennen würde, finden sich bei John keinerlei Überschneidungspunkte; es gibt weder Freunde noch irgendwelche weiteren Anverwandten, die den Jungen aus seiner Isolation herauszerren würden, wo er sich, nach und nach, autodidaktisch zum begabten Heimwerker und Geflügelzüchter mausert und unterdessen freilich zu einem schrulligen Eigenbrötler mit autistischen Zügen heranwächst.

Das ist der Kaltenbrunner, den die meisten Schüler der Holborn in Erinnerung haben: ein zotteliger, desorientierter Scheunentroll, der stets den Kopf in den Wolken hatte. […] Eines aber steht fest: Unintelligent war er beileibe nicht. Seine schulischen Leistungen, eine Chronik der bewussten Vernachlässigung, sagen überhaupt nichts über seine wahren geistigen Fähigkeiten aus.

Was sollen ihn Schule und soziale Kontakte auch groß interessieren – schließlich werkelt er wie besessen an ganz anderen Dingen: Als selbstberufener Herrscher über den Scheunenhof (Lord of the Barnyard, so der englische Roman-Titel) putzt John das Anwesen zu einem Schmuckstückchen heraus und macht als erfolgreicher Hühnerfarmer  im ganzen Valley Furore und Profit, da ist er noch keine fünfzehn.

Bis hierhin haben wir’s mit einer – etwas kruden, versteht sich – Erfolgsgeschichte zu tun. Längst fliegt diesem Gemeinschaftsverweigerer und Agrar-Wunderkind meine sämtliche Sympathie zu; das ist bei mir wohl autobiographisch bedingt, da rennt der radikal tatkräftige Kaltenbrunner junior nun einmal offene Türen ein. Wann immer ich den Roman in die Finger kriege, um darin weiterzulesen, tue ich das mit einem ähnlichen Appetit, mit dem ich auch ein gutes Stück Fleisch verputze – nein, filigrane Kost ist das nicht, man muss es schon deftig mögen, und eine Neigung zum Schlingen mitzubringen, schadet hier auch nicht. Die Sprache ist gekonnt roh und flapsig, die Story lebt davon, dass sie auf Krawall abzielt; beide suhlen sich streckenweise etwas zu gedehnt in ihrer Saftigkeit und ergehen sich oft in umwegigen Spielereien, aber das macht nichts, mir jedenfalls nicht. Dieser Roman ist nicht angetreten, um perfekt zu sein, sondern laut, garstig und wahnsinnig unterhaltsam. Er ist das rund zwanzig Jahre alte Debut des inzwischen auch schon verstorbenen Tristan Egolf, der als Schriftsteller wie als Punk-Musiker eine Menge Talente hatte, außer vielleicht dem, sein Talent dosiert, bedachtsam einzusetzen. Klar hätte man diesen Roman auch um 200 Seiten verschlankt veröffentlichen können, aber wozu? Kunstfertige Gezügeltheit ist was für Leute, die sonst keine Hobbys haben – Egolf dagegen hat Dampf und lässt dem seinen freien Lauf. (Gewisse Wesensähnlichkeiten zwischen den beiden Angry Young Men, Egolf und Kaltenbrunner, erscheinen mir möglich.)

Natürlich begnügt sich der Autor nicht damit, seinen einsamen Helden einen skurrilen, aber zufriedenen Selfmade-Unternehmer sein zu lassen. Die Jahre auf der Farm – das war ja nur die Vorgeschichte. Das Paradies Kindheit. Mit dem ist es schlagartig aus und vorbei, als eines Tages ein Wirbelsturm durch Baker zieht; Ende Teil I des Romans. Von nun an wird Johns später berühmt gewordene Pechsträhne nie mehr abreißen.

Fürs Erste sind es die profitgierigen kirchlichen Wohltäterinnen aus der mächtigen Ortsgemeinde – durchgehend bezeichnet als die Methodistenvetteln -, mit denen John sich herumschlagen muss; später der halbe exekutive Rechtsapparat des Countys. Noch etwas später, nachdem John diverse staatlich verordnete Progamme durchlaufen hat, deren Ziel es war, ihn gerade zu biegen oder wenigstens für ein Weilchen von der Gesellschaft fernzuhalten, ist es Baker selbst, das ihm das Leben schwer macht, als er, perspektiv- und mittellos, nach ein paar Jahren in der Versenkung dorthin zurückkehrt. Dabei hätte er sich, nur um wieder bei null anzufangen, doch sonstwo niederlassen können – warum also unbedingt Baker, noch dazu in der festen Absicht zu bleiben?

Dafür musste es einen Grund geben. […] John war allzu verstrickt in seine Geschichte mit Baker, um einfach seine Sachen zu packen und fortzugehen. Er hätte es wahrscheinlich nie geschafft, zu innerem Frieden zu finden, wenn er die Stadt verlassen hätte, ohne zuvor ein paar hundert Angelshops in Schutt und Asche zu legen.

Inzwischen sind die alten Geschichten um John – wie er mit seinem Traktor namens Bucephalus zur Schule fuhr, oder wie es zu der Schießerei auf der Farm kam, etc. -, kalter Kaffee aus der städtischen Folklore, und da ihn schon damals niemand so recht gekannt hatte, erkennt ihn nun auch niemand wieder, sodass John in der Stadt nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als irgendein beliebiger, namenloser Taugenichts. Vom finanziellen Null-Level wegzukommen, gestaltet sich für John derweil schwierig: All seine Ausflüge in die lokale Arbeitswelt enden im Desaster. Nicht, dass das an John läge, der sich als zäh genug erweist, jeden, aber auch wirklich jeden Job zu machen – selbst in einer höllenhaften Geflügelfabrik, wo es die Aufgabe des ehemaligen Hühnerzüchters ist, geschundenen Puten im Akkord die Hälse abzuschneiden und dabei knietief in deren Blut und Gekröse zu waten, überzeugt er zunächst mit Bravour. Es ist nur das Pech, das einfach nicht locker lässt, für die dämlichsten Unfälle sorgt und scheinbar nimmermüde das Ziel verfolgt, Kaltenbrunner am besten gleich unter die Erde zu bringen.

Die Agentur hatte die Nase voll. […] Bei allen Arbeitern aus der Stadt, die sie je unter Vertrag genommen hatte, und damit sind die jämmerlichsten Exemplare des weißen Lumpenproletariats der letzten zwanzig Jahre gemeint, waren ihr noch nie so viele Beschwerden in bezug auf einen einzigen Menschen untergekommen. […] Damit stand er offiziell auf der Schwarzen Liste der Zeitarbeitsfirmen von Baker, lebenslang. Nicht nur bei der Arbeit zerrann ihm alles zwischen den Fingern, sondern in allem, was er tat, jede Stunde wieder. Wilbur konnte heute noch den Kopf darüber schütteln. Ein normaler Mensch, der ein Zimmer betreten, die Tür schließen und sich an den Tisch setzen wollte, täte das einfach, und zwar ohne besondere Vorkommnisse; John würde in derselben Situation mit dem Hosenbein am Türrahmen hängenbleiben, die Naht vom Knöchel bis zu den Eiern aufreißen, die Wand beim Versuch, sich zu befreien, beschädigen und sich schließlich auf den Stuhl setzen, nur damit ein Bein unter ihm nachgab.

Wilbur Altemeyer, der im selben Mietzwinger wie John haust, eine Etage über ihm, beobachtet seinen verschrobenen Nachbarn vorerst aus der Ferne, solange, bis von dem ehedem kraftstrotzenden Dockarbeiter nur noch ein humpelndes Häufchen Elend übrig ist, das sein Essen aus Bäckerei-Mülltonnen zusammenklaubt. Als Wilbur beschließt, John müsse dringend geholfen werden, findet John damit erstmals einen Freund. Die beiden hoffnungslosen Junggesellen haben so einiges miteinander gemein, nicht zuletzt, dass sich ihr Stellenwert auf der Baker-Sozialskala auf irgendwo unter null eingependelt hat. Wilbur, dessen eigene vergurkte Lebensgeschichte es in puncto Pech und Elend nicht ganz, aber fast mit Johns bisheriger Vita aufnehmen kann, hat es, als letzte Option auf ein irgendwie geregeltes Leben, zur Müllabfuhr verschlagen. Und als nach und nach Wilburs sämtliche naiven Versuche, John dabei zu unterstützen, in Baker irgendwie auf die Füße zu kommen, grandios in die Hose gehen, wird klar: Auch Kaltenbrunner ist nun reif für die Halde.

John wird zum Müllmann par excellence. Zwar bleibt er unter seinen neuen Kollegen, einem zusammengewürfelten Kollektiv haarsträubend verunglückter Existenzen, anfangs der gewohnt unnahbare Sonderling, setzt aber seine ganze Begabung und allmählich zurückgewonnenen Kräfte ein, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Routen der Abholfahrten zu optimieren und sich und seine Mitstreiter gegen die täglichen Attacken vonseiten der boshaften, ständig zum Piesacken aufgelegten Bürgerschaft Bakers zu verteidigen. Dass sich Johns Arbeitsstil mit der Zeit zum Führungsstil aufschwingt, stößt Deponiechef Kunstler ungut auf, der sich als durchgeknallter Autokrat an seinen Mitarbeitern bislang ungebremst austoben konnte, bei John jedoch auf Granit beißt. Was als Kräftemessen zwischen Kunstler und Kaltenbrunner beginnt, schaukelt sich zunehmend hoch, reißt bald die gesamte Belegschaft der Müllabfuhr mit, mündet in den ersten Müllstreik in der Geschichte des Countys und führt schließlich in eine Generalabrechnung des sozialen Bodensatzes von Baker, sprich: der Haldenschrate mit der gesamten Stadt.

Der Bekanntheitsgrad John Kaltenbrunners schnellt nun von null auf hundert. Der Müllstreik, den John vom Zaun gebrochen hat und den er als glanzvoller Stratege mit geradezu militärischem Geschick anführt, lässt den heimischen Pöbel in seinem eigenen Unrat ertrinken – und der brütend heiße Sommer trägt das seine dazu bei. Nach den ersten Wochen, in denen man das Ganze in Baker noch als schlechten, stinkenden Scherz abtut, kommen Ungeziefer, Geier, Kojoten wie die biblischen Plagen eingefallen, gefolgt von Presseteams aus dem gesamten Bundesstaat, die in Baker Stellung beziehen, um rund um die Uhr live über den Untergang einer Kleinstadt zu berichten. Und gerade, als die örtliche Wirtschaft vollends lahmgelegt und die Hysterie so richtig im Gange ist, als erste Plünderungen gemeldet werden, Unruhen an der Tagesordnung sind und Polizei, Stadtrat und Bürgerschaft in ihren Entscheidungen schwanken, ob sie besser kapitulierend allen Forderungen der Haldenschrate nachgeben sollten oder nicht doch lieber diesem Terroristentrupp per Lynchjustiz den Garaus machen wollen – mitten in dieses Szenario hinein fällt das lang herbeigefieberte Basketball-Pokalduell zwischen den Schulen von Baker und dem verhassten Pottville. Austragungsort: Baker.

Schon klar, dass das nicht gut ausgeht. Selten wurde eine Kleinstadt literarisch dermaßen dem Erdboden gleichgemacht, um ihren Einwohnern ihre himmelschreiende Borniertheit heimzuzahlen. Der Typus des hartgekochten Lonesome Hero, der in eine Stadt kommt, um dort aufzuräumen und für Recht und Ordnung zu sorgen, findet hier seine Anwendung, indem Egolf ihn auf den Kopf stellt: Kaltenbrunner nimmt sich eine Stadt vor, in der die herrschende Ordnung nichts taugt, und um damit klar Schiff zu machen, jagt er sie erst einmal kräftig durch ein reinigendes Chaos.

Das Finale Baker-Pottville markiert gleichermaßen das Finale Kaltenbrunner gegen Baker. Am Ende stehen eine brennende Kirche, sechs Zigarettenstummel am Ufer des Patokah River, deutlich bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen für die Haldenschrate und ein panisches Schwein, das über einen Friedhof flitzt. Wäre dieser Abschluss nicht zum Heulen, wäre das alles zum Brüllen komisch – aber gerade diese Mischung aus Bitterkeit und absurder Komik ist wahrscheinlich das eigentliche Wesen des Provinzlebens.


>>Tristan Egolf, Monument für John Kaltenbrunner (Suhrkamp), antiquarisch


Mit Gruß an Gerhard Emmer, von dem der Buchtipp kam. (Ewig her, ja ja. Meine Mühlen mahlen langsam, aber stetig.) Meinen geistigen Soundtrack hierzu lieferten übrigens die Pixies, Kyuss und Rollins Band!


Bild: Grebe, 2017

PROVINZLEBEN // Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern

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Normalerweise höre ich keine Musik nebenher, während ich lese oder schreibe. Nie. Jetzt aber will ich etwas über Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing ins Laptop tippen – und dazu muss ich entschiedenermaßen das  Küchenradio anknipsen und NDR 1 Niedersachsen dudeln lassen, sonst fehlt mir hier was.

Wer den ländlich-norddeutschen Alltag nicht so richtig kennt, der versteht auch das mit dem Radio nicht so richtig, das in solchen Ortschaften, deren Skyline, wenn’s hochkommt, aus Kirchturm, Getreidesilo, Windrädern und Biogasanlage besteht, im Hintergrund eines jeden Haushalts, eines jeden landwirtschaftlichen Betriebs permanent irgendein Regionalwelle-Programm abdudelt. Und der versteht auch das mit dem ewigen Likörsaufen nicht; oder das mit dem Rechtsrock, und wie verbreitet es unter den Kids und jungen Erwachsenen ist, den zu hören; oder wie dramatisch sich die Milchpreisentwicklung auf Familienbetriebe mit kleinerer Viehwirtschaft auswirkt; oder wie normal es in so einigen Familien, in so einigen Gegenden ist, Diskussionen lieber mit körperlichen Mitteln auszutragen, und wie schwierig es das besonders den Mädels macht, da nicht automatisch und ununterbrochen den Kürzeren zu ziehen im Leben.

Und der versteht auch nicht, wie man als Mädel so blöd sein kann, sich, aus einer Laune heraus, zu wildfremden Typen in den Wagen zu setzen und nach Hamburg mitnehmen zu lassen, ganz spontan und direkt vom Feldrand weg, nur um dann schön doof dazustehen, so in Gummistiefeln, irgendwo in Hamburg. – Das verstehe ich wiederum ziemlich gut.

Der Bach, der nahe an meinem Elternhaus vorbeiplätschert, vereint sich mit ein paar weiteren Rinnsalen zu einem Flüsschen, und dieses Flüsschen ergießt sich, etwas weiter weg, in einen richtigen Fluss, und dieser Fluss läuft, in der Ferne, einem großen Strom zu, und dieser große Strom, der mündet schließlich ein ins große Meer. Und die Dorfstraße, an der ich mir als Jugendliche die Beine in den Bauch stand, während ich auf den Schulbus wartete, die geht über in eine holprige Kreisstraße, und die Kreisstraße, die führt zur vielbefahrenen Bundesstraße, und über die Bundesstraße kommt man zur Autobahn, und die Autobahn, die bringt einen in die große Stadt. Einfach irgendwo einsteigen, mitfahren so weit es geht, und weg bin ich – ging mir manchmal genauso durch den Kopf. Aber wenn man vom Dorf kommt, traut man den Auswärtigen nicht, versteht sich, und zu einem von denen ins Auto steigen, einfach so, das täte man nie und nimmer. Zweitens ist man, nur weil man Landkind ist, ja nicht gleich doof, wie das manche Städter gern glauben, und darum plant man seinen Abschied vom Landleben lieber gründlich und nachhaltig, anstatt Hals über Kopf auszubüxen und damit in einen Haufen Schwierigkeiten zu geraten. Und drittens halten Auswärtige auf Durchreise sowieso eigentlich nie im Kuhdorf an.

Christin, Mitte zwanzig, ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ist dagegen herzlich egal, was für Schwierigkeiten sie erwarten könnten, als sie sich kurz mal von daheim absetzt, so auf die unüberlegte Tour. Das mag nach Dummheit aussehen, aber was Christin antreibt, ist natürlich die reine Verzweiflung: Wenn man, wie eben Herbings Anti-Heldin, aus einem solchen Niemandsort wie Schattin in Nordwestmecklenburg kommt, dann bleibt einem schlechterdings nichts anderes übrig, als ab und an irgendeinen potenziell lebensgefährlichen Blödsinn zu verzapfen, sonst erlebt man nämlich nichts. Gar nichts. Nie.

Seit Christin bei ihrem Freund Jan und dessen Eltern auf dem Hof eingezogen ist, hilft sie beim Melken und Kühetränken und guckt dabei zu, wie ihre Hände nach und nach schwielig werden. Heiraten, Kinder kriegen, den Hof übernehmen – alles schon vorgezeichnet. Von Quasi-Schwiegervater Frank gibt’s ein monatliches Taschengeld und eine Menge giftiger Sprüche. Und ob das zwischen ihr und dem humorlosen, schnell aufbrausenden Jan nun Liebe ist oder bloß, na ja, irgendwas, das fragt sich Christin vorsichtshalber nicht allzu ehrlich. Zwar graust ihr vor dem Leben zwischen Küche und Kuhstall, das ihr da blüht, nur sieht es mit Alternativen ziemlich mau aus. Frisörin hatte sie mal werden wollen, aber ihr Ausbildungsbetrieb ging insolvent; der Vater säuft, die Mutter ist irgendwann einfach verschwunden, spurlos. Weit und breit also keine Familie, auf die man bauen könnte, und kein Job in Aussicht. Damit ist sie in Schattin nicht allein, aber weniger einsam fühlt sie sich darum noch lange nicht. Und während Christin in Gummistiefeln durch Ackerboden und Mist stapft, guckt sie den Flugzeugen nach, die von Lübeck aus, das bloß einen Steinwurf und doch eine Welt weit weg ist von Schattin, in alle Himmelsrichtungen fliegen.

Dort, wo der Norden besonders strukturschwach ist, ist man schon froh, sich so gerade eben durchschlagen zu können, von Träumen kann da keine Rede sein. In Schattin hat man nach der Wende einfach nicht die Kurve gekriegt: Die Alten trauern den alten Zeiten hinterher – als LPG, da war man noch wer -, und die Jüngeren schmoren in trostlosen Arbeitswelten oder in trostloser Arbeitslosigkeit vor sich hin. Auf den immergleichen Schlagerpartys wird rumgehangen und gesoffen. Die immergleichen Freunde bauen die immergleiche Scheiße; manche allerdings haben sich inzwischen schon totgefahren. Als Mädchen hat man nichts zu melden, aber anstatt sich darüber zu beklagen – besonders dann, wenn wieder mal einer grob zu einem geworden ist -, kippt man sich halt noch einen Kirschlikör hinter die Binde. Da kann man beinahe verstehen, weshalb Christin sich einem doppelt so alten, schnauzbärtigen Windanlagentechniker aus Hamburg an den Hals wirft, obwohl sich die Beziehungs- oder wenigstens Fluchtoption, auf die Christin spekuliert hatte, allzu vorhersehbar als Rohrkrepierer entpuppt. Ziemlich gut verstehen kann man, warum sich Christin mitunter zu boshaften, heimlichen Zerstörungsakten hinreißen lässt: Um Schattin zu verlassen, fehlen ihr die nötigen Mittel; um sich hier, in ihrem grobschrötigen Umfeld zu behaupten, fehlen ihr die Kraft und der Wille; aber um diese öde, rohe Welt zu sabotieren und es ihr auf diese Weise heimzuzahlen, dass sie es ihrerseits wirklich nicht gut meint mit Christin, dafür genügt manchmal ein Taschenmesser, oder ein Feuerzeug, oder ein bisschen Rattengift.

Wenn Christin von alledem erzählt, in ihrer abgestumpften Art, durch die viel Elend, viel unterschwellige Aggressivität hindurchblitzen, wünscht man ihr sehr, dass sie es nach draußen schafft, weg aus Schattin, irgendwie. Gleichzeitig weiß man ganz sicher: Das wird nix. Oder wenigstens nicht mit heiler Haut. Ein paar Tage im Hochsommer – länger hält Herbing sich erzählerisch nicht auf in Schattin, und mehr braucht es auch gar nicht, um zu verdeutlichen, weshalb das mit der Autodestruktion in so hundseinsamen, lieblosen Landstrichen wie diesem ein solcher Breitensport ist.

Um mit dem zeitgenössischen, florierenden Missverständnis aufzuräumen, Landleben sei die pure Idylle, schwingt Niemand ist bei den Kälbern eifrig die Realitätskeule. Alina Herbing selbst besitzt die nötige Credibility, um sich übers Land auslassen zu dürfen: Geboren in Lübeck, aufgewachsen allerdings in einem winzigen Dorf im Meck-Pomm der Nachwendezeit – der Autorin des Heimatkollerromans kaufe ich sofort ab, dass dessen Bitterkeit von Herzen kommt. Nur hat Herbing hier allzu gründlich geliefert. Es wirkt, als hätte sie beim Schreiben eine Checkliste abgehakt: Kühe, Trecker, Windräder, Hunde, Hühner, Alkohol, Freiwillige Feuerwehr, Zeltfeten, überkommene Geschlechterrollen, Esoterikglaube, biedere Wohneinrichtungen, usf.; Erzählprinzip Was muss, das muss. Und wegen ebendieser Mustergültigkeit wirken die Figuren und ihre Kulissen zumeist schon arg blutleer. Zufällig korreliert das freilich mit dem Sujet: Den quälend drögen Alltag in einem abgehängten Landstrich beschreibt Herbing umso glaubwürdiger, indem sie auch literarisch keine großen Experimente veranstaltet. Das Bild eines Fliegenfängers samt dran klebenden Zappelinsekten wird pflichtschuldig als Allegorie des zähen, vergeblichen sich Abstrampelns im Leben bemüht. Ein Nandu, der aus einer Farm ausgebrochen ist, wird als Symbol für Freiheitswillen, für exotische Unangepasstheit, plakativ in die Geschichte hineingepflanzt und am Ende verheizt. Das ist im Großen und Ganzen so ordentlich aufgebaut, so brav nach Lehrbuch installiert; das wäre auch prima als Lektüre für den Deutsch-LK. Lebendigkeit bricht da eher selten durch – aber wenn, dann immerhin mit Wucht, und in diesen Momenten schafft der Roman dann doch etwas besonderes: Er belässt es nicht dabei, die Verschlafenheit, Kleinkariertheit, Beengtheit des dörflichen Alltagslebens nachzuzeichnen, sondern traut sich außerdem, die darunterliegende Härte zutage treten zu lassen. Dies ist ein Land-, aber kein Familienroman, und zu sich selbst findet hier auch keiner, sondern es geht um eine Mittzwanzigerin, die sich selbst dann nicht beschwert, als einer eine Zigarette auf ihr ausdrückt. Während sich bloße Tristesse und Einsamkeit dagegen notfalls noch unter den Landkitsch-Teppich kehren lassen, wagt sich Niemand ist bei den Kälbern in einzelnen Szenen an schmerzhafte Kaltschnäuzigkeit, an beiläufige Brutalität und andere harsche Varianten dörflicher Lebensrealität heran und jagt dabei jeglichen Anflug von Landromantik durch den Schredder. Das ist allemal sehr lesenswert.


>>Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern (Arche Literatur Verlag), 20,00€


Foto: Grebe, 2017

DIE BESESSENEN // Was eine Kassiererin laut dachte, während sie „Hohlkörper“ von Robert Mattheis zu Ende las

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Ich erzähle Ihnen jetzt mal was über mich, weil Sie mich ja noch gar nicht kennen. Was berufsbezogenes: Ich bin Supermarktkassiererin. Genauer: Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter. Kein Traumjob, denken Sie vielleicht, aber irgendwie bin ich inzwischen auf den Geschmack gekommen und verbringe meine Zeit überraschend gern in diesem Laden und mit diesen Kolleginnen – Sie würden staunen, was man da mitunter erlebt. Sie würden überhaupt über so einiges staunen, wenn Sie Teilzeitmitarbeiterin in einem Kleindiscounter wären.

Meine Pendelzeit, meine dreißigminütigen Pausen und meine Abende verbringe ich lesend. Gerade lasse ich mich auf einen quietschbunt gemusterten Sitz im ÖPNV fallen, meine gut eingefledderte Lektüre schon in der Hand – Robert Mattheis, Hohlkörper. Die letzten Seiten heute.

„Danny Schwarz?“ „Das war sein Name, ja. Von dem Praktikanten, meine ich.“ „Komischer Name“, sagte Bruder, „Danny Schwarz!“ „Er wollte nur noch irgendeinen Satz korrigieren, den Bob orthografisch vermurkst hatte, oder ein Wort, ich weiß nicht, ist ja auch egal. Jedenfalls, Bob rutscht aus, knickt irgendwie um, weiß der Henker. Und als er fällt, löst sich die Salve. Er hat fatalerweise den Finger am Abzug gehabt, und er feuert […]“

„Hey“, redet es mitten in den Satz hinein. Ich schaue vom Buch auf. Mir gegenüber hat ein bekanntes Gesicht Platz genommen. „Oh, hallo! Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“ „Allerdings! Wie geht’s?“ Was soll man da sagen? „Tja. Und selbst?“ „Gute Frage. Ach, guck an: Du liest immer noch wie blöde, was?“ Das letzte Mal haben wir uns kurz nach dem Abi gesehen und danach irgendwie aus den Augen verloren. Wie das eben so ist, in den meisten Fällen. Nein, überlege ich, wir müssten uns später doch nochmal begegnet sein, oder sogar öfters? Vielleicht haben wir da nur unbewusst einen gewissen Bogen umeinander gemacht? Sie plappert weiter: „Machst du denn auch was mit Büchern jetzt? Warte mal, du hattest dich doch an der Uni eingeschrieben damals, und du wolltest -“ „Ja ja“, lache ich etwas gequält, „aber dann bin ich Buchhändlerin geworden, weißt du? Im Moment bin ich allerdings Buchhändlerin außer Dienst. Tja. Siehst gut aus, übrigens. Deine kurzen Haare – hast dich nicht viel verändert.“ Sie schielt mich neugierig an. „Stimmt, äußerlich jedenfalls nicht. Aber lass mal die Ablenkerei: Was machste denn jetzt so?“ Was soll ich da sagen? „Okay. Also, ich mache so dies und das. Hab mal Bilder verkauft. Jetzt verkaufe ich eben Kaffeefilter, Blumenerde, Shampoo, Zahnstocher, so was, und zwitschere nebenher ein bisschen im Büro herum. Und du so?“ „Ich? Na ja. Was soll ich da sagen? Ich wurde halt aussortiert. Aber ich bin zäh. Mag sein, dass man eine Zeit lang einen gewissen Bogen um mich macht, aber irgendwann kommt meine Gelegenheit, und dann springe ich eben wieder drauf auf den Zug.“

Schweigen bricht ein und dehnt sich unangenehm, während der ÖPNV nach einem kurzen Haltestopp weiterrattert wie der Lauf der Dinge. „Was liest du da?“, fragt sie plötzlich. „Oh! Spezielles Buch, weißt du?“ „Worum geht’s?“ Tja, denke ich, was soll man da sagen?

„Es geht, könnte man sagen, und irgendwo muss man schließlich anfangen – also, es geht um Bob und Georg, die als Texter-Duo unter dem Pseudonym Utz Feller im Auftrag eines erfolgsverblödeten Verlagsriesen einen neuen Fließbandbestseller schreiben sollen. Mit ihren Arbeiten am geplanten Publikums-Hit, einem Thriller, folgen die beiden Frischlinge im Hause Cyclops Media allerdings einer etwas anderen als der üblichen Karrieredynamik: Besonders Bob hat es sich in den Kopf gesetzt, dem milliardenschweren Unterhaltungsmoloch ein Kuckucksei – einen reellen Kunstroman – unterzujubeln. Während ein Cyclops-Media-Gremium die Fortschritte des Manuskripts skeptisch beäugt, schlagen Bob und Georg immer neue erzählerische Haken, um die Entscheider und insbesondere Mastermind Bert „Big“ Bruder, der die beiden schließlich als seine neuen Goldjungs verpflichtet hat, möglichst endlos bei Laune zu halten. Und so erfüllt sich der Arbeitstitel des Romans – Sprengkörper – leider nie in bombigen Verkaufszahlen, sondern in einer erzählerischen Explosion nach dem Muster Urknall, Schöpfung, niemals endende Expansion.

Entsprechend viel durchzumachen hat daher die Hauptfigur des Romans, Danny Schwarz. Ein Name, von dem die Autoren auf Anraten des Gremiums hin unbedingt Abstand nehmen sollten, was Bob jedoch kategorisch verweigert. Weil er total besessen ist von seiner Beschäftigung mit diesem gewissen Danny Schwarz, der sich als Dark Matter quer durch sein literarisches Schaffen wie durch sein Privatleben zieht.

Übrigens lernen wir Bob erst einmal als Texter in einer regionalen Marketingklitsche namens Grafl+Partner kennen. Und Georg zunächst als Nachwuchslektor: Er arbeitet am anderen Ende der textlichen Niveauskala, könnte man meinen, wo er sich nicht mit Werbegefasel herumschlagen muss, dafür aber mit faselnder Hochliteratur und ihren Autoren, die Georg im Hause Berlin Books betreut. Da hat auch Danny Schwarz, wie in so vielen Agenturen und Büros, mal als Praktikant angeheuert. Aber da fing die gemeinsame Geschichte von Bob, Georg und Danny nicht an.

Jeder für sich und doch alle zusammen, durchlaufen sie allerlei berufliche, gesellschaftliche Stationen innerhalb des Medienzirkus. Ihre Reise im Maschinenraum der Textbranche führt sie ganz nah heran an die niedersten Triebfedern des Menschlichen, an Frust und Lust, die eingebettet sind in Egomanie, an Erfolg und Wahn, und ist somit natürlich der reinste Höllentrip. Und um das hier, könnte man sagen, geht’s in diesem Roman wirklich: Es geht um den Markt, und um das Feuerwerk der Neurosen, Eitelkeiten und Grausamkeiten, das er hervorbringt; um Verleger, Autoren, Journalisten, Marketing-Gurus, Unternehmer, kleine Werber, große Künstler, Trittbrettfahrer und Emporkömmlinge, Irre und Pragmatiker, Medienriesen und Bürozwerge, die vollkommen hirnlos besessen sind von ihrem eigenen Marktwert. Da wird betrogen, gequält, geheuchelt, niedergemacht, die eigene Haut zu Markte getragen, der Verstand abgeschafft, die Seele vernichtet und sogar versehentlich gemordet – alles befeuert von dieser Besessenheit.

Glücklicherweise liest sich das ganze aber weniger wie die bitterernste Anklageschrift, als die es durchaus zu verstehen ist, sondern schon eher wie ein lustiger Clever & Smart Comic. Die Szenen leben von ihrer Bildhaftigkeit, und erzählt wird vorrangig – wir sind hier schließlich in der Medienwelt, und da geht’s um Kommunikation – in Dialogen. Selten leise, oft derb, ist der Roman mitunter schreiend komisch. Innen drin steckt freilich ein Skelett aus beinhartem Ernst, aber seine Motorik ist unverkrampft, seine Bocksprünge und Purzelbäume sind, bei aller Verschwurbelung, ungemein unterhaltend. Komik und Ernst schließen einander ja auch gar nicht aus – im Gegenteil ist gerade Humor ein sehr viel besserer Botschafter für Ernstgemeintes als es Gravität je sein könnte. Aber das sagte ich letztens ja schon, nicht?“

„Wieso jetzt letztens? Also zu mir jedenfalls nicht – wir haben uns ewig nicht gesehen.“ „Doch – gestern!“ „Gestern? Nein, da war ich siebenundzwanzig!“ „Ach, entschuldige – ich fühle mich manchmal selbst schon ganz non-linear. Wo war ich stehengeblieben?

Der Job bei Grafl+Partner, den Bob eingangs ausübt, der fällt in eine Zeit, die an das Ende des Romans anschließt. Aber der Roman ist nicht etwa rückblickend erzählt. Sondern vieldimensional. Einen irgendwie linearen Weg vom Anfang zum Ende sucht man vergebens, wirklich, der reinste Ebenensalat ist das: diverse zeitliche Ebenen, fiktive Ebenen, extra fiktive Ebenen, Roman-im-Roman-Ebenen; alles einmal kräftig durchgemischt. Knapp gefasste Episoden, mitunter isoliert wirkende Miniaturen, wechseln einander hektisch ab – ohne dabei gehetzt zu wirken, denn der ungestelzte, plauderhafte Ton wirkt entspannend dagegen an. Tatsächlich folgt man darum sehr gelassen noch der absurdesten Erzählwendung: ob vom Kaffeeschlürfen im Großraumbüro zum unfreiwilligen Fallschirmsprung aus dem Flieger, oder von einer narrativen Identität Bobs zur nächsten. Oft werden verschiedene mögliche Erscheinungsformen der Figuren und der Story in den Raum gestellt, wo sie niemand abholt – mitunter knüpfen sie dann auf irgendeiner Meta-Ebene woanders an. Der Erzählmodus der Hohlkörper spiegelt mithin das temporeiche Hakenschlagen der Sprengkörper: Eine schillernde narrative Blase folgt der nächsten; manche zerplatzen jäh, andere verbinden sich zu umhertrudelnden Clustern. Letztlich scheint das ganze eine literarische Demonstration dieses medientypischen Mechanismus zu sein: so viele unterschiedliche Versionen, Gesichter von Wahrheit zu produzieren, dass am Ende die Wahrheit unter diesen tatsächlichen Masken verschwindet – zu einem Phantom wird, das so dauerpräsent und doch so ungreifbar für uns ist, wie dieser Danny Schwarz für Bob. Die Geschichte führt nicht auf einen eindeutigen Abschluss hin, sondern immer wieder auf sich selbst zurück; der Autor könnte wahrscheinlich jahrelang an ihr weiterschreiben. Stellt sich also durchaus die Frage, ob das eigentlich überhaupt ein Roman ist – also Hohlkörper jetzt – oder eher ein, weiß nicht, fraktales Textgebilde vielleicht.“

„Wild gewordene Struktur, viel verquere Energie. Das klingt nach Punk – nee, das wäre wieder zu linear. Doch eher Jazz?“, fragt mein Gegenüber. „Viel besser, Liebes: Das ist Captain Beefheart in der Muppet Show!“ Schweigen; Beefheart ist ihr bisher wohl nicht über den Weg gelaufen. „Das Tolle daran ist“, versuche ich mich in ein etwas aussagekräftigeres Fazit zu retten, „dass sich hier ein, na, Buch über eine von Ware dermaßen besessene Welt weigert, selbst bloße Ware zu sein. Ein Buch über Produktions- und Konsumbesessenheit – in dem wiederum ein solcher narrativer Wildwuchs produziert wird, dass es sich dadurch dem schlichten Konsumiertwerden entzieht.“ „Ich dachte, diese Konsumwelt wäre nie so dein Thema gewesen?“ „Aber hallo! Ich arbeite jetzt schließlich direkt im Herzen dieser Konsumwelt! Nur sitze ich dabei eben am unteren Ende der Gehaltsskala.“ „Das Leben ist eine Wundertüte, was?“ „Und was für eine!“ „Aber dieses Skurrile, Komische, in sich Verschachtelte – hattest du’s nicht immer eher mit archaischer Strenge? Cormac MacCarthy, Aischylos und so?“ „Quatsch. Ja, auch, aber: Ich habe schließlich genauso einen Narren gefressen an Julio Cortázar, an Dietmar Dath, an, herrje, David Foster Wallace. An Modest Mouse! Weißt du, und je älter ich werde, desto eindeutiger erscheint mir, dass jegliche Kunst diesem völlig skurrilen, komischen, in sich verschachtelten Leben nur gerecht werden kann, indem sie ihm in der Form und im Inhalt entgegenkommt, anstatt sich majestätisch darüber zu erheben.“ „Glaubst du, dass dieser Autor hier seinem eigenen Leben gerecht werden wollte?“ „Ich glaube zumindest, dass eine Menge persönlicher Erfahrung mit seiner Materie aus diesem Roman spricht.“ „Okay. Ein schreibender Werber?“

Wissen Sie, bei aller Fiktion halte ich das ganze tatsächlich für die reine Wahrheit, die sich unter einem Berg von Masken versteckt. Und dass dieser Autor sich selbst im Roman versteckt hält, das ist genauso wahr, wie es eben wahr ist, dass ich eine wie besessen lesende Teilzeitkassiererin in einem Kleindiscounter bin.

„Weiß man’s?“

Meine Begleiterin schaut mich aus lauernden Äuglein an. „Ich denke, dass da wohl einer wahnsinnig besessen ist von seinem Leben als schreibender Werber – so besessen, um obendrein noch einen Werbe-Roman drüber zu schreiben. Ach, weißt du übrigens: Besessenheit und Verrücktheit sind ziemlich verschwistert.“ „Nein, nein, anders: Ich denke, dass da einfach ein Werber wahnsinnig besessen ist vom Schreiben! Obwohl, vielleicht tue ich ihm da unrecht – vielleicht ist er in Wirklichkeit ja auch Journalist oder Theaterdramaturg oder Gott weiß was.“ „Ach Gott, es können doch durchaus mehrere Wirklichkeiten als gleichwahr nebeneinander bestehen, nicht wahr? Ich meine, du sitzt schließlich hier, im öffentlichen Raum wohlgemerkt, und unterhältst dich gleichzeitig vollkommen selbstverständlich mit deinem 19jährigen Ich. So, wie du hier gestern mit deinem 27jährigen Selbst geplaudert hast. Und so weiter.“ „Das ist wahr.“ „Das ist verrückt. Aber genau deswegen bin ich ja hier. Du hattest eben das Bedürfnis, mich ein bisschen zuzutexten, weil du dich an was erinnert hast – wie wunderbar das war, damals, mit 19, als du die Zeit und den Antrieb dazu hattest, einfach tagelang in obsessivem Schreiben zu versinken.“ „Zu versumpfen, meinst du! Klar war das herrlich! Aber ich war ja so besessen, dass ich alles andere völlig gegen die Wand gefahren habe und beinahe verhungert wär, da oben, ganz einsam, auf meinem Riesenberg Papier – auf diesem Riesenhaufen Murks, der später verdientermaßen ins Altpapier ging -, hätte es da nicht ein paar besorgte Menschen um mich herum gegeben, echte Menschen, die – Na ja. War schön, dich mal wiederzusehen. Aber hier muss ich aussteigen, ich muss jetzt nämlich zur Arbeit!“


>>Robert Mattheis, Hohlkörper (Acabus), €16,90