PUBERTÄT REVISITED

PUBERTÄT REVISITED // Big Henry

WAAAHAAHAHAHAAA! WHOOHOHOHOOO…. SUCKER! SUCKER! WHOOOOOAH… S-U-C-K-E-R!!! (Rollins Band, Liar)

Als ich gerade damit begann meine Bibi-Blocksberg-Kassetten gegen Musik-Alben einzutauschen, waren Henry Rollins´ Zeiten bei State of Alert und Black Flag lange vorbei. Rollins Band hieß sein zu jener Zeit aktuelles Projekt, und zum ersten Mal sah und hörte ich das spätabends auf MTV: Rollins tobte halbnackt und in blutrote Farbe getaucht vor der Kamera herum und brüllte sich, um es blumig auszudrücken, direkt in mein Teenager-Herz. Nach den üblichen endlosen Beschaffungsmühen stand dann endlich Rollins´ 1994er Album Weight in meinem Regal, neben Pearl Jams Vitalogy, Tom Waits´ Bone Machine, Soundgardens Superunknown, neben Tool, Kyuss und Clutch, neben den Sex Pistols, The Clash und diversen Brit-Punk-Compilations – alles in reichlich zerkratzten CD-Hüllen, billig ergattert auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops. Als schüchternes Akne-Opfer mit gegen Null tendierendem Selbstwertgefühl hatte ich diese Alben mehr als bitter nötig – allein meinen Eltern und Großeltern, die im Hause mithörten, ob sie nun wollten oder nicht, war schwer zu vermitteln, wie segnungsreich die Entdeckung des Krachs als therapeutisches Mittel für mich war.


Die Methode, den Krach und die Wut als reinigenden Sturm durch sich hindurchfegen zu lassen um sich von Zögerlichkeit, von Halbheiten, von oft selbst auferlegten Fesseln zu befreien, wirkt Wunder. Als Lebenseinstellung jedoch lässt sich die Fokussierung auf Explosionsenergie schlecht permanent durchhalten. Speziell Punk und Pubertät teilen die Eigenschaft des Transitorischen: Ihre destruktiven Kräfte zersetzen alles, und das beinhaltet am Ende auch sich selbst. Die Wut von der Kette zu lassen – das funktioniert nicht als Dauerzustand. Aber es kann sehr hilfreich dazu beitragen, notwendige, neue Wege zu bereiten, wenn es in konstruktives Toben umschlägt.

No such thing as spare time. No such thing as free time. No such thing as down time. All you got is lifetime – GO! (Rollins Band, Shine)

Man sollte für spätere Zwecke unbedingt eine handliche Portion Pubertäts-Furor in Reserve halten. Insbesondere im Umgang mit sich selbst tut es oft gut, sich dem allmorgendlichen Spiegelbild nicht mit abwägender Unentschlossenheit, sondern mit wutbefeuerter Kompromisslosigkeit zu stellen.


Henry Rollins hat seit der Kindheit einige Wandlungsstufen absolviert. Vom schmächtigen und verhaltensauffälligen Knirps zum Bodybuilder, von der grauen Maus zum zeitweiligen Black-Flag-Frontmann und später zur Rampensau in eigenem Auftrag. Auf seinen Lorbeeren als Rock-Ikone hätte er sich durchaus ausruhen können, aber Rollins funktioniert nun einmal wie ein Hubschrauber im Flug: Sobald er nicht mehr rotiert, stürzt er ab. Weder Sex noch Drugs gehören für Rollins zum Rock´n Roll dazu, seine einzige Droge heißt Arbeit. Der bekennende Workoholic hat, anstatt irgendwann im Off zu verschwinden und Andere seinen Mythos pflegen zu lassen, lieber den riskanten Weg eingeschlagen, sich selbst auf verschiedensten neuen Feldern auszuprobieren – durchaus auf Kosten seines Mythos, denn mit seiner regen Aktivität geht er inzwischen unzähligen Menschen auf den Keks. Er ist Autor und Verleger, Schauspieler und Synchronsprecher, Menschenrechtsaktivist, er betreute Radio- und TV-Formate, produzierte Dokumentationen und tourt seit Jahren mit seinen Spoken-Word-Programmen durch die Welt. Dafür liebt oder hasst man ihn, je nachdem, ob man ihm, dem alternden Rockstar, die Wut und den allmorgendlichen kompromisslosen Blick in den Spiegel abnimmt oder nicht. Denn davon erzählt Rollins, in Interviews, in seinen Texten, besonders bei seinen Spoken-Word-Auftritten: vom ständigen Überdenken des eigenen Denken, vom Aufräumen mit dem Ego und anderen Scheinwahrheiten. Seine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen bringt er allenorts laut und dickschädelig mit ein, ob gefragt oder nicht, doch seine Härte gegen Andere geht bei Rollins einher mit einer großen Härte gegen sich selbst. Offensichtlich legt er keinen Wert darauf, sein Image aus seinen besonders erfolgreichen Zeiten zu konservieren, im Gegenteil zerlegt er in unzähligen erzählten Episoden sich selbst und beschreibt seine frühere Attitüde als Arroganz, die ihm heute peinlich ist, als billige Verschleierung von Unsicherheit, der man sich stattdessen offensiv stellen müsse. Immer wieder erntet er harsche Kritik für harsche Statements, mit denen Rollins in seiner Funktion als nimmermüder Alles-Kommentator tatsächlich manches mal übers Ziel hinausschießt. Doch zu Gute halten muss ich ihm den unbedingten Mut, immer eine eigene Meinung zu äußern, die Entschlossenheit, seinen ganzen Antrieb in den Dienst seiner Überzeugungen zu stellen, und seinen Spaß an Selbstkritik. All das kommt zum Ausdruck, wenn man ihm zuhört – sei es, wenn er sich als Vertreter der Spezies harter Kerl kategorisch für die Rechte von Schwulen ausspricht, sei es, wenn er seine Haltung gegenüber Männern mit Vokuhila-Haarschnitt (engl. Mullet) radikal überdenkt. Wer mag, findet dank Rollins´ hyperaktiver Produktivität Stunden über Stunden solchen Materials, das tatsächlich abbildet, wie Rollins sich über die Jahre verändert hat.




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PUBERTÄT REVISITED // Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. Heinz-Rudolf Kunze – kommt zwar von sonstwo, wohnt aber jetzt in Bissendorf, das lassen wir mal gelten. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.

PUBERTÄT REVISITED // Bin das ich oder kann das weg?

Tagebuch (2)

Die meisten meiner Tagebücher haben mich nicht überlebt. Ab und an packt mich der Rappel, alles muss raus, alles muss neu, ich muss neu – so werden Tage oder auch Wochen, mitunter Jahre von Geschriebenem und Gekritzeltem achselzuckend auf Nimmerwiedersehen ins Altpapier verabschiedet.

Manches gut Geschriebene muss weg, weil es die Wahrheit nicht gut trifft. Manch halbwahrer Text muss bleiben, weil gerade dessen Halbwahrheit ganz Wahres über mich verrät. Einiges Mittelmäßiges oder Lausiges schleppe ich lebenslang auf allen Wegen mit, weil es langlebig wahr ist.

Nicht zuletzt entscheidet auch das Dahinter des Textes über meinen Umgang mit dem bekritzelten Papier. Ein Blick auf das selbst Geschriebene ruft dessen längst vergangenes Entstehungsumfeld augenblicklich wach; ein Tagebuch ist ein Lagerraum für Instant-Vergangenheiten.

Humpty Dumpty fällt gleich wieder von der Mauer! Tu doch einer was! / Dummes Ei – kann nicht stabil sitzen, ist zu rund, versteht nicht, dass es sich Füße wachsen lassen muss, Beine! / Dummes Ei – sucht sich sein Zuhause oben auf der Mauer aus. / Dummes Ei – will wohl stürzen, muss wohl. (Dienstag, 08.April 1997)

Ich fühle mich sofort auf der Bank sitzen, früh am Morgen, ich schwänze gerade die erste Stunde, Chemie, bin einfach nicht durch den Schuleingang, sondern dran vorbei gegangen und weiter bis zum kleinen Park, hocke nun wie ein zerrupfter Papagei mit meinen bunten Haaren und Klamotten auf der Rückenlehne und meine ewig dreckigen Stiefel machen die Sitzfläche schmutzig. Schmiere diese Zeilen in mein Buch. Es kommt ein alter Mann mit seinem Rollator auf mich zu, schiebt sich gebeugt und unendlich langsam, aber beharrlich voran, hat mich schon von Weitem in seinen Blick genommen und nähert und nähert sich, und ich erwarte, dass da ein Schimpfen auf mich zukommt. Madame! Füße gehören nicht auf die Bank, junge Leute gehören um diese Zeit in die Schule – diese Szene ahne ich in allen möglichen Variationen voraus, aber nicht, wie sie sich dann tatsächlich abspielt: An meiner Bank angekommen, posiert sich der Herr mit funkelnden Äuglein und einem weit ausgestreckten Lächeln beinahe direkt vor meiner Nase, zielt mit dem Zeigefinger auf mein Tagebuch und ruft triumphierend: „Junge Dame! Wer schreibt, der bleibt!“ (Humpty Dumpty, das Weichei-Ich, begrub ich augenblicklich, den Rollator-Herren begruben wohl inzwischen Andere, aber diesen Moment der fröhlichen Verschwörung zwischen uns zwei ungleichen Unbekannten, den halte ich gern lebendig).

Man schreibt aber nicht nur für späteres Erinnern, sondern zuerst für gegenwärtiges Begreifen. Mein Schreiben war immer Inventur in eigener Sache, Außenstehende unerwünscht, nur Stift und Papier waren zugelassen.

Allein deshalb, weil sie analoge Geheimniskrämer waren, funktionierten meine Bücher und Hefte so gut als Gegenüber für allerlei Beichten, als Zeugen all meiner Dummheiten, sowie der Klugheiten oder noch größeren Dummheiten, die daraus wurden. Meine Nichten und Neffen dagegen, die inzwischen allmählich erwachsen werden und ihre eigene Selbst-Inventur betreiben, tun das öffentlich via Social Media. Das Bedürfnis, Erlebtes, Gedachtes und Gefühltes festzuhalten und in eigenen Bildern und Worten wiederzugeben, leben sie in digitalen Gemeinschaftsräumen aus. Dass sie sich nicht so in sich verkapseln wie ich das vielleicht tat, das mag sie selbstsicherer erscheinen lassen. Sie verlieren dort aber die Orientierung an ihrem eigenen Kern, betrachten sich selbst nur in diesem vergleichenden, oft kompetitiven Umfeld, und lassen über sich ergehen, dass Andere die Auswertung ihres Outputs übernehmen anstatt sich in ihrem Selbsturteil zu üben. Wenn einem der selbstbetrachtende Blick bei der eigenen Entwicklung irgendwie helfen soll, muss er dorthin gehen, wo es weh tut – sofern man über sich selbst aber nur für Andere schreibt, umgeht man tunlichst die wunden Punkte, um sie zu schützen. Man erzieht sich nachhaltig zum Fassadenpfleger. Experimente zur Ich-Erforschung können zu einfach nach hinten los gehen, denn sie unterstehen der oberflächlichen Beobachtung durch die Vielen – und nicht nur das: Kein Fotobeitrag, kein Post, kein Tweet, den man macht, wird je wieder ungeschehen (selbst was man löscht, kann sich zuvor auf so vielen Wegen verbreitet haben, dass man an dessen restlose Auslöschung nicht mehr glauben kann). Man präsentiert ein bestimmtes Bild von sich nicht nur vor einer unkontrollierbaren Anzahl von Menschen, sondern auch ohne die garantierte Möglichkeit, dieses Bild einmal zurücknehmen zu können. Ausgerechnet seine Jugend – in der man sich in alle Richtungen, also auch die zwecklosen, die peinlichen, die unschönen, ausloten muss – allein einem Medium anzuvertrauen, dass nichts unkommentiert lässt und auch nichts vergisst, ist heikel.

Ein Tagebuch dagegen ist ein geschützter, druckfreier Raum, in dem man mit sich allein sein kann. Und über den man zu jeder Zeit alleinig herrscht.

Tagebuch (1)