PUBERTÄT REVISITED > Mittelmaß, Riesenspaß

Flattery

Nicole Flattery, Show Them a Good Time. Acht Stories zwischen Job, Partnerschaft, Kindheit, Einsamkeit, Erwachsenwerden und Dating, zwischen flapsig und schmerzlich, zwischen sprühender Vitalität und Depression. Ich lese das jetzt zum zweiten Mal und stelle mir allerhand Fragen. Auch: Warum gab es dieses Buch 1997 noch nicht? Das ist eine ungültige Frage – Nicole Flattery ist Jahrgang 1990. Aber das macht es ja nicht weniger bitter!
Ich hätte diesen Tonfall gebraucht, so mit 15. Ich hätte mich schlagartig ermutigt gefühlt. Ehe jetzt Missverständnisse auftreten: Show Them a Good Time ist keine Erbauungsliteratur. Und es fällt auch ganz und gar nicht unter Coming of Age; in dieser Kurzgeschichtensammlung trifft man auf Mädchen und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, die sich ihrerseits nicht sonderlich mit Altersfragen beschäftigen. Nebenbei bemerkt fand ich es, als ich 15 war, unfassbar langweilig, Coming of Age zu lesen, ausgenommen den Fänger im Roggen, klar. Was ich mit 15 an diesem Buch hätte gebrauchen können, das ist sein unbedingter Mut, das banale, alltägliche Unbehagen zu erforschen. Den hatte ich nicht. Den hätte ich nötig gehabt.
Losgelöst von ihren vollkommen verschiedenen Settings und Figuren, befassen sich die Stories im Kern allesamt mit Misstönen, die unseren Alltag zieren wie Wespen den Apfelkuchen. Dabei halten sich die Stories nicht mit Gejammer auf – nirgendwo Genöle oder Befindlichkeitsduselei. Es sind Alltagsgeschichten, mal aus dem Alltag glanzloser Gestalten, mal aus dem Alltag etablierter Erfolgsfrauen (und in Anklängen möglicherweise Flatterys Biographie entlehnt: Die gebürtige Irin hat Film und Theater studiert, wie auch Natasha in Abortion, A Love Story, hat selbst Erfahrung im prekären Jobben, wie viele der Protagonistinnen, hatte mal als Assistentin einer Top-Literaturagentur in New York den großen Senkrechtstart vor Augen, nur um sich nach ein paar Monaten, senkrecht gefeuert und restlos pleite, zurück in die Heimat zu verkrümeln, was sie vielleicht mit dem geschundenen New Yorker Bürofräulein in Track oder dem Ex-Showbiz-Girl in Show Them a Good Time verbindet). Und gleichzeitig sind es Traumgeschichten, denn diese Alltage sind stets durchzogen von einer Spur Irrealität.
Die Titel- und Eröffnungsgeschichte, Show Them a Good Time, konfrontiert Sie direkt mit dieser speziellen Art der Realität, die bei Flattery herrscht, und wenn Sie sich in dieser merkwürdigen Garage, dem Schauplatz der Geschichte, nicht zuhause fühlen können, brauchen Sie das Buch eigentlich auch gar nicht weiterzulesen. Diese Garage ist so etwas wie ein Tankstellenshop oder Minisupermarkt, ein kläglicher Raum jedenfalls, wo zwei Menschen im Rahmen eines diffus bleibenden Projekts arbeiten, das an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erinnert – eine gescheiterte Schauspielerin, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, und ein 19jähriger ohne Potenzial. Mag sein, dass das mit der Schauspielerei eine reichlich geschönte Geschichte ist, aber egal, die Erzählerin hat jedenfalls eine wilde Zeit in der großen Stadt hinter sich gebracht und ist, nachdem irgendwann die Träume und das Geld versiegt waren, zurückgekommen in die Heimat, in die Kleinstadt, zu den Eltern.
‚My parents had a fierce bond I admired. They had refined the habits of the long-married – saying nothing an then saying everything twice. […] There was a strange, daily pattern: amble down the street; go to the supermarket; wave at a slight acquaintance; glance at the same patch of sky; come back home. They had seen boredom, stared it straight down, and survived.‘
In den Regalen der Garage befindet sich nichts als drei Dosen ungewissen Inhalts und eine Zimmerpflanze.
‚ „Stop cuddling the plant,“ Kevin often suggested. „I’m just holding it,“ I lied.‘
Ein arbeitsloser Kühlschrank summt vor sich hin, die seltenen Kunden, die etwas kaufen möchten, werden freundlich begrüßt, nur um dann entschuldigend weggeschickt zu werden. Reine Kulisse. Die gewünschte soziale und berufliche Eingliederung: reines Theaterspiel. Die Erzählerin, schauspiel- und enttäuschungserfahren, durchschaut das natürlich instinktiv. Kollege Kevin dagegen legt sich leidenschaftlich für Kundenzufriedenheit und Umsatzsteigerung ins Zeug, aus echter Überzeugung. Privat widmet sich Kevin übrigens mit demselben Furor dem Fernsehen, den Filmen, Soaps, Sitcoms… Naive Jugend. Während das ominöse Job-Projekt ohne Aussicht auf gutes Ende vor sich hin läuft, plaudert die Erzählerin über ihr Leben in der Großstadt als Freundin eines mittelmäßigen Regisseurs, was sich bedenklich nach einem Leben als wandelnde Anzieh- und Gummipuppe anhört. Oder über die Projektmanagerin, sozusagen die Chefin der Garage, eine Figur irgendwo zwischen Personalwesen und Inquisition, wie sich bereits im Bewerbungsgespräch fürs Garagenprojekt zeigt:
‚Management interviewed me – bizarre questions through an inch of plexiglass: How long, in hours, have you been unemployed? Did you misspend your youth throwing stones at passing cars? […] The interview was an all-nighter, designed to break my spirit and ensure I pledged organisation and responsibility for the rest of my days.‘
Oder über ihre alten Freundinnen in der Kleinstadt:
‚My friends, what remained of them, were sweet girls – transparent, tame – but likeable. I assembled us together in a bar for one sorry night. Since we grew up with mothers who sat, dour, over their annual wine, we all drank like our fathers. It was our great generational decision.‘
Alles in dieser Story scheint banal, alles an dieser Story scheint vorhersehbar. Nichts da. Ich verbringe sehr viel mehr Zeit damit, mir den Kopf darüber zu zerbrechen als erwartet. Ich plumpse in Abgründe – fast unbemerkt, weil sie mit so unterhaltsamer Zuckerwatte gepolstert sind. Es geht um dumme Sehnsüchte, die nichtsdestotrotz herzzerfressend in uns kochen. Um den seelisch schmerzhaften Abgleich der Realität mit Idealbildern. Um körperlich schmerzhafte Langeweile. Den unbeholfenen Umgang mit Enttäuschungen. Um Figuren, die ihre Scham – so ein generalisiertes Schamgefühl, das emotionale Hintergrundsummen der Ewig-Mittelmäßigen – mit mir teilen.
Flatterys übrigen Figuren ergeht es anders, aber nicht rosiger. So bemüht sich etwa die tapfer lächelnde Hauptfigur in Parrot – frisch verheiratet, gut situiert, gerade auf Auslandsjahr in Paris – um ein harmonisches Auskommen mit dem Kind ihres Mannes aus erster Ehe und kriegt es doch nicht zustande. Genauso schief und kläglich verbiegt sich die Erzählerin in Hump. Ausgehend von der Beerdigung ihres Vaters, breitet sie das schmale Panorama ihres Alltags aus – Büro, Restaurant, Zuhause, Büro, Restaurant, Büro, Zuhause, Zuhause, Büro.
‚My career had taken a sinister turn and I had started to keep an eye out, like you do for a new lover, for other things I could try. There weren’t many. All jobs seemed to contain one small thing I just could not do. It was maddening.‘ (Dieses hirnzerfressende Auf-der-Stelle-rudern, oh, ich kenne das.)
Beziehungen oder Liebschaften bringen auch kein Licht ins Dunkel, nein. In dieser wie in allen übrigen Geschichten sparken die männlichen Figuren leider nie wirklichen Joy:
‚He looked like a small town I might live in and die.‘
Eine Beerdigung markiert einen Abschied, oft auch Abschied von einem vertrauten Gefüge, einer gewohnten Ordnung. Was sich im Leben der Erzählerin nun verändert, ist erst einmal sie selbst: Sie verformt sich, verkrümmt sich; ihr wächst unerklärlicherweise ein Buckel, was aber niemand zu registrieren scheint. (Dieses Gefühl von Deformation im Stillen, in Umbruchsphasen, die keinen im Umfeld interessieren oder beeindrucken, oh, ich kenne das.)
Alle acht Stories funktionieren auf dieselbe Art: Sie drücken zielsicher auf Schmerzpunkte und sind zugleich ungemein witzig. Rohes Fleisch, paniert mit Humor.
Anders als es mir die 90er, die Blüte des Ironie-Zeitalters, von Jugend an eingetrichtert hatten, ist der staubtrockene Witz hier nicht dazu da, um Emotionen zu entwerten, einfach jegliche Gefühlsregungen bloßzustellen und sich arschcool von ihnen zu distanzieren – sondern, im Gegenteil, um jede Gefühlsregung bloßzulegen, auf dass ihr Wert nicht länger unter den Ironie-Teppich gekehrt werde.
Witz kann dabei helfen, wichtige Dinge auszusprechen, die ansonsten im Halse steckenbleiben würden. Den Witz hingegen zu nutzen, um die Dinge lächerlich zu machen, pauschal und unterschiedslos, und sich somit ihre Wichtigkeit vom Hals zu halten, war und ist ein typischer Reflex meiner Loveparade-Generation. Wenn ich alles gleichermaßen auslachen kann, dann besitzt nichts mehr Bedeutung, und wenn es keinerlei Bedeutung mehr gibt, kann ich endlich ungestört das einzige pflegen, was überhaupt noch existiert: meinen Spaß. Meine Unterhaltungselektronik, meine Turnschuhe, Beauty und Wellness, Essen und Trinken, Stars und Sternchen, mein Haus, mein Auto, meine Frau; Sie wissen schon. Nach den 68ern, den Hippies, Theoretikern und Ideologen, dem Deutschen Herbst, der Neuen Subjektivität, den friedens- und umweltbewegten 80ern und schließlich dem Umbruch der allgemeinen Weltordnung war der spaßige Nihilismus der 90er wohl ganz einfach die logische Gegenbewegung. Ein großes Ausatmen nach so viel Kampf und Krampf. Ein Rückfall in infantilen Hedonismus nach so viel Selbstermächtigung, Mündigwerdung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe. Sisyphos, der den Stein einfach kullern lässt – keinen Bock mehr.
Ironischerweise war Spaß während meiner Gymnasialzeit, in der sich vordergründig alles ständig ums Spaßhaben drehte, echte Mangelware. Unter uns SchülerInnen herrschte ein trockener, ironischer bis sarkastischer Ton, der alles planierte, was echt an uns war. Lachen war verpönt, aber auslachen ging immer. Mitunter frage ich mich, ob ich den 90ern da eventuell unrecht tue: So lieblos, gehässig, gekünstelt kommt mir das rückblickend vielleicht vor, aber sicher gehe ich da bloß einer Art umgekehrter Nostalgie auf den Leim, anstatt zu einer positiven Verklärung der Vergangenheit neige ich einfach zu einer negativen, nicht wahr? Generell sind Jugendliche untereinander ja nicht unbedingt gnädig, egal in welchem Jahrzehnt, und auch mein Zuhause, das Hannoveraner Umland, war halt nie berühmt als Hort von Frohsinn und Herzlichkeit. Doch ab und an stolpere ich über, sagen wir, eine alte Folge TV-Total oder Filme wie Pulp Fiction, Mission Impossible 1 oder Matrix, über Zeitdokumente also, und ich empfinde jedes Mal, während ich mir das so anschaue, diese zwanghafte, manierierte Coolness, diese Steifheit, Plastikhaftigkeit, Schablonenhaftigkeit, Oberflächlichkeit, Überreiztheit, Pseudolustigkeit tatsächlich als Kerneigenschaften der 90er.
Entsprechend verkniffen gestaltete sich der allgemeine Habitus meiner Jahrgangsstufe, der Dress-Code wurde penibel kuratiert, Worte landeten grundsätzlich auf der Goldwaage, Empathie war was für Muttis, alles, was irgendwie lebendig war, war automatisch albern, lächerlich, peinlich. Moral: Steh lässig rum, Mädchen, zeige niemandem, was du gern hast oder fürchtest, spuck auf die Uncoolen, sei selbst keine von den Uncoolen, sei smart und schön, sei um jeden Preis unter den Smarten und Schönen, sie spucken sonst auf dich.
Wenn es für smart und schön aber nicht reichte, war ja immerhin noch intellektuell eine halbwegs rettende Option. Für diejenigen, die damals wie ich nachts MTV schauten: Ich war Daria Morgendorffer. Und Jane Lane. Ich malte, ich zeichnete, ich las, ich notierte, ich weltschmerzte mich durchs Gymnasium. Ich pilgerte in Kunstmuseen, ich las mich systematisch durch die Literaturnobelpreisliste, konnte aus der Orestie zitieren, schrieb meine Englisch-Facharbeit über Ulysses, und ich dachte, ich täte diesen ganzen Quatsch, weil es mir Spaß machte. Natürlich tat ich das, weil es mir eben lag und damit einen praktikablen Weg darstellte, um nicht blöd auszusehen, bloß nicht der Bauerntrampel zu sein, mich bloß auf einer Höhe halten zu können, von wo aus es sich gut auf Blödere spucken ließe. Und schließlich war es eine bildungsbürgerlich anerkannte, eine schulischerseits sogar begrüßte Realitätsflucht – ab in den Elfenbeinturm!
Ich hatte damit meine Rolle an der Schule gefunden und war in dieser Rolle ziemlich unangreifbar. Ich machte mich prima als klugscheißendes Unikum, das den Deutsch-LK im Alleingang gestaltete UND alle Jungs unter den Tisch trank. Zu Hause, in meinem Kämmerlein, schrieb ich Texte, die im Ton mal Hermann Hesse, mal Quentin Tarantino nachahmten.
Was ich eigentlich hätte schreiben müssen, das wären Texte über meine Mutter gewesen, Texte über das schale Gefühl, wenn man Menschen anlog, die man liebte, Texte über die Scham, wenn man wieder einmal Spucke abgekriegt hatte (wörtlich gemeint), Texte über die seltsame Angst, dass irgendwie gar nichts wirklich zählte, und über den Schock, wenn es dann wirklich einmal um etwas ging, was zählte, Texte über Kittelschürzen und Kaninchenbraten, über ABBA und Queen, über Katheter und Dekubitus, Texte über Freunde, die nichts taugten, und über die Erkenntnis, selber auch nicht besser zu sein, Texte über UNS und MICH.
Rainer Dorner, Dozent an meiner Berufsschule, sagte über die formal strengen und inhaltlich irgendwie toten, diese sterilen Gedichte Stefan Georges immer sehr schön: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Wenn ich später in eine hübsch-ästhetische, hochtrabende Doku über Hermann Hesse oder in einen Tarantino-Film hinein zappte, oder wenn ich DJ Bobo im Radio mal wieder „There Is a Party“ singen hörte, oder wenn ich Party-Fotos aus meiner Oberstufenzeit in die Finger bekam, oder wenn ich schon wieder einen Stapel Christian Kracht für den nächsten Deutsch-LK ans Lager bestellte, dachte ich mir öfters: „Gefrorene Scheiße stinkt nicht.“ Meine 90er, diese zügellosen Spaß-Jahre, das waren für mich die gefrorenen Jahre (Sie dürfen bitte Kafkas Axt an dieser Stelle einmal im Schrank lassen).
Zeig ihnen, wie man Spaß hat lautet der deutschsprachige Titel von Flatterys Erzählband. Ein Imperativ, der wie die Faust aufs Auge auf meine Schulzeit in der Epoche von Marusha, Scooter und den Spice Girls passen würde. Ach, die Girlies und Boygroups, die Models und Formel-1-Fahrer! Die Fertiggerichte voller Lebensmittelfarbe, das ewige Dosen-Gelächter in den ewigen Sitcoms, die neonfarbenen Markenklamotten! Fernseh-Talk und Mini Playback Show! Was waren das bloß für Good Times! Hilfe!
Wozu Flatterys Texte eigentlich ermutigen, ist freilich das Gegenteil: Zeig ihnen, wo’s weh tut! Kafka in Ehren – aber ich hätte mit 15 eine Menge darum gegeben, so ein Buch wie das hier in die Finger zu kriegen. Von einer Autorin, die haarsträubend klug UND witzig ist. Stories aus einem weiblichen Kosmos, besiedelt von Mädchen, Frauen, besetzt von Mädchenthemen, Frauenthemen, erzählt aus Mädchen-, Frauenperspektive. Geschichten über das Nicht-gut-genug-sein, die Orientierungslosigkeit, das So-tun-als-ob, das Schlappmachen, übers Sich-ausnutzen-lassen, Sich-blöd-anstellen, Sich-unwohl-fühlen.
Der Humor und die surreale Ebene helfen der Autorin indessen aus einer Klemme, in der man unweigerlich landet, sobald man vorhat, dieses Unspektakuläre zu erzählen: Das seichte, aber zähe Alltagsunglück ist ja nicht wegzudenken aus der durchschnittlichen Lebensrealität – darüber aber realitätsgetreu zu schreiben, OHNE die Leserschaft dabei ins Koma zu langweilen (und wahrscheinlich auch sich selbst, als AutorIn), ist ein eigentlich hoffnungsloses Unterfangen.
Erst durch die humorige und surreale Überzeichnung wird das Unbehagliche, bedrückend Oberflächliche, bedrängend Langweilige erzählbar. Was David Foster Wallace mit Unendlicher Spaß und Der Bleiche König vorgemacht hat – Flattery holt es aus dem Literatur-Schaukasten heraus und wendet es auf das peinlich Private an.
In Sweet Talk schildert eine irische Farmerstochter das Jahr, in dem sie 14 wird. Unter den Farmhelfern dieser Saison ist ein eigentlich nicht besonders interessanter Australier, dem sie ein bisschen auf die Pelle rückt, die Zeitungen berichten von spurlos verschwundenen Mädchen, die Nonnen in der Provinzschule bemängeln nachlassende Leistungen, der Exorzist und Freddy Krueger spuken durchs nächtliche Fernsehprogramm. Himmel und Hölle, Realität und Fernsehen, brave Kindheit und Sexualität, Langeweile und Horror – Flattery verschränkt auf wenigen Seiten einen ganzen Haufen Gegenpole ineinander, und was dabei herauskommt, ist so eine Brühe, zugleich kalt und zu heiß, lasch und zu scharf, intensiv und ungenießbar, also genauso wie 14 sein.
Hätte ich das als Achtklässlerin gelesen, hätte ich mich kaputtgeschämt und kaputtgelacht. Und ich hätte von da an genauso schreiben wollen. Vielleicht hätte mir das geholfen.
Ganz sicher hätte es, verdammt.
Sehr mitgenommen hätte – und hat – mich auch Abortion, A Love Story, wo die engstirnige, passiv veranlagte College-Studentin Natasha auf ihre Spiegelfigur trifft, die abenteuerliche Lucy. Natasha packt das College nicht, fühlt sich fehl am Platz, zieht das aussichtslose Ding aber stur durch. Gerade hat sie eine erste vergurkte Beziehung hinter sich:
‚When Natasha first entered college, at eighteen, a boy called Patrick, stick-thin, raised Catholic, had attached himself to her. He was her first boyfriend. They were a good pairing because she was a strange person pretending to be a normal person, and he was a normal, well-raised person desperately pretending to be strange.‘
Danach schlittert sie in eine Verlegenheits-Liaison mit einem ihrer Professoren – auch nicht besser. Unterdessen erhält sie geradezu gespenstische Mails von jemandem, der sie offenbar kennt, gut kennt, dabei gibt es wirklich niemanden, der das täte, weder an der Uni noch sonstwo. Und dann tritt Lucy auf. Die hat gespenstisch viel mit Natasha gemeinsam und ist doch eine völlig andere Figur, eine, die bei Natasha im ersten Moment entschiedene Ablehnung hervorruft. Die Ablehnung entpuppt sich als Neid, der Neid outet sich als Bewunderung.
In den meisten ähnlichen Geschichten entwickelt sich das ganze dann wie folgt: Das wilde Mädchen nimmt die gehemmte Loserin an der Hand, verhilft ihr zu Abenteuern und lässt sie aufblühen, doch in einem Moment, wo es drauf ankommt, kehrt die Wilde sich achselzuckend ab und überlässt die Loserin ihrem Schicksal, wodurch diese sich erst ihrer eigenen, echten Werte bewusst wird. Moral: Erliege nie den falschen Verführungen eines allzu unabhängigen, selbstbestimmten Lebensstils, Mädchen!
Hier aber verlaufen die Dinge anders: Natasha und Lucy sind schon bald eng verschwistert, wie eine Einheit, die lange zerrissen war und nun endlich wieder zusammengefügt worden ist (Sie ahnen sicher, was hier gespielt wird). Als Duo überarbeiten und inszenieren sie schließlich ein Theaterstück von Natasha, das an Aussagewut wahrscheinlich alles in den Schatten stellt, was das verbiederte College je erlebt hat.
‚ „Lucy,“ Natasha said, holding up a page covered in red marks, „let’s make this a comedy.“ „Abortion, A Love Story?“ Natasha nodded. „But it’s about these two girls, sisters in misery.“ „I know.“ „They don’t have anything.“ „Of course.“ „It’s a bad time.“ „It’s a woeful time.“ „And it gets worse.“ […] Lucy took a sip of her drink. „Who could find all that funny?“ „Not me.“ „And the pain and suffering of the women,“ Lucy said, shaking her head. „The violence of what they have endured. That’s what the audience will want.“ „Yeah,“ Natasha said, „and let’s not give it to them.“ Lucy was silent. „Comedy is tragedy sped up.“ Lucy tapped two fingers on her can. „That’s Ionesco.“ „I thought it was my dad,“ Natasha said. „You know we’re risking our reputations.“ „We don’t have reputations to risk.“ ‚
Daria und Jane waren witzig, zeitgeistig – Natasha und Lucy aber machen Ernst: Friss Zuckerwatte, Publikum! Ein ernsthafter, abgründiger Spaß. Abortion, A Love Story ist die umfangreichste Geschichte in diesem Band, und es ist die einzige, in der sich eine Figur ein Stück weit aus ihrem kläglichen, unbehaglichen Alltag lösen kann. Moral: Suche Freundschaft, Mädchen, sogar mit dir selbst, VOR ALLEM mit dir selbst – und dann ran an die quälenden Dinge!


Foto: Grebe


>Nicole Flattery, Show Them a Good Time (Bloomsbury Circus)

PUBERTÄT REVISITED > Eddie, Chris

Nachdem mein treues Küchenradio endgültig seinen Geist aufgegeben hatte, wurde mir letztens zum Geburtstag ein Radio inklusive CD-Player geschenkt.

Mein Notebook hat ein CD-Laufwerk, aber das ist nicht dasselbe, klar. Mein altes Auto besaß seinerzeit einen CD-Player, im Kindertaxi liefen zumeist Hörspiele und einigermaßen kindertaugliche Musik, nur auf meinen kurzen Pendelwegen zur Arbeit blökten mit Vorliebe die Sleaford Mods aus den Boxen. Der Großteil meiner CDs aber ging binnen der letzten 15 Jahre bloß durch meine Hände, wenn ich sie wieder einmal aus einem Schrank in Umzugskartons und aus Umzugskartons in einen Schrank räumte.

Ich besitze nun also wieder einen CD-Player, einen richtigen. Ich nehme meine CDs heute nicht aus dem Schrank, um sie in Kartons zu legen, sondern um sie zu hören.

Natürlich fühle ich mich dabei alt.

Nicht, dass ich keine neueren Alben im CD-Format besäße – nur greife ich, sobald ich den Schrank öffne, blindlings zu den alten, den verschlissenen, den meistgehörten. Das sind die meistberührten, eindeutig, und die haben dieses tausendfache Anfassen in sich gespeichert, sodass ich, wenn ich sie jetzt anfasse, zugleich den Griff meiner früheren Hand in den Fingern spüre, und näher kommt man der vergangenen Haut, in der man einmal steckte, nur schwerlich.

Zum 12. Geburtstag wurde mir ein eigener CD-Player mit Kassettendeck geschenkt, nachdem ich von Schwester 2 immer öfter den verdienten Ärger dafür bekommen hatte, heimlich den heiligen Plattenschrank im heiligen Großeschwesterzimmer zu durchwühlen. Abgesehen von diesen kurzen Ausflügen in die Vinylschatzkammer war ich kein Schallplattenkind und empfinde wenig Sehnsucht nach diesem Format – mein Nostalgieträger ist eben die profane kleine Schwester, die CD.

Während ich eine alte CD ins neue Gerät einlege, gilt mein erster Gedanke der Unvernetztheit dieser Aktion: Kein offener, kein heimlicher Datentransfer – die auf mich zugeschnittenen Online-Inhalte und Werbeanzeigen wissen nichts davon, was ich hier tue, wer mich gerade entertaint, ob und wie mir das gefällt. Das fühlt sich angenehm klandestin an. Ach, fast schon kriminell!

Mein zweiter Gedanke gilt der historischen Note der Sache. Ich besitze natürlich keine Raritäten, nichts aus objektiver Sicht wertvolles, ich horte Massenware, aber eben die spiegelt einen gewissen Zeitgeist. Und nicht bloß die Gegenstände der Zeit geben mir zu denken, sondern insbesondere die Abstände an Zeit. Die meisten CDs kaufte, tauschte oder lieh ich mir so 1996, 1997 zusammen – erschienen waren die liebsten Herzensalben zwischen 1992 und 1997. Heißt also, dass sie heute im Durchschnitt ein Vierteljahrhundert alt sind. Gute Güte! Wenn ich 1996, 1997 ein Album hörte, das rund ein Vierteljahrhundert alt war, dann waren das Alben wie „L.A. Woman“ von den Doors, „Pearl“ von Janis Joplin, „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd usw. Es ist derweil so: Es war früher schwer vorstellbar für mich, dass es, eine Generation über mir, Leute gab, für die solche Schallplattengespenster wie Janis Joplin, Jimi Hendrik oder Robert Plant einst als vor-ikonische Menschen existiert hatten. Ich denke, dass es heute für meinen ältesten Neffen ebenso schwer vorstellbar ist, dass es, eine Generation über ihm, Leute gibt, für die solche Retro-Objekte wie Kurt Cobain und Konsorten einst als vor-ikonische Menschen existiert haben. …Es ist überhaupt schwer vorstellbar für mich, dass es eine Generation unter mir gibt, oder, na, eher schon zwei.

Drittens beschäftigt mich dann die Qualität dessen, was ich da höre. Das ist mitunter ernüchternd; manch bombastische Nummer erweist sich, nach Abzug meiner jugendlichen Begeisterungsleistung, als echter Schrott. Manche Stücke sind echter Schrott, keine Frage, aber zugleich große Liebe. Manche sind einfach über die Jahre verbrannt – das liegt nicht an ihnen, sondern ich habe schlicht keinen Zugang mehr zu ihnen, keine Verwendung mehr für sie, ich kann nicht einmal mehr nostalgische Impulse aus der Asche ziehen. Andere wiederum sind über die Jahre gewachsen und klingen erst jetzt wirklich, wirklich groß.

Lachen sie nicht – meine existenziellsten Alben sind nach wie vor und auf ewig „Vitalogy“ von Pearl Jam und „Superunknown“ von Soundgarden. Pearl Jam und Soundgarden, Eddie Vedder und Chris Cornell: Der Klang eines zu großen, warmen Sweatshirts, das mir von einem Freund über den Kopf gezogen wird, weil mir kalt ist; die Stimmen sonnenverbrannter Wiesen im Juli, herbstgelber Pappelreihen, bekritzelter Bushaltestellenhäuschen und heimlicher Zigaretten, von Heft- und Bücherstapeln auf einem falschen Orientteppich, von verwaschenen Jeans, Haartönungen, Kajal und Klimperarmbändern, von Klassenräumen und Jugendzimmern.

Vorhin drehte sich hier „Down on the Upside“ von Soundgarden, was ich zwischenzeitlich immer mal wieder gehört hatte, aber nie im Ganzen, bloß einzelne Songs daraus, und mir fiel dabei auf, wie arg ich es vermisse, ein Musikalbum (samt der womöglich weniger geliebten Songs) als eine feste zeitliche und auch feste klangliche Einheit zu verstehen. Danach habe ich „Ten“ von Pearl Jam eingelegt, dem ich, analog wie digital, eigentlich lieber aus dem Weg ging – nachdem ich als Dreizehnjährige quasi nichts anderes hören konnte, konnte ich’s danach nicht mehr hören, Sie kennen das sicher. Wie gut ich dieses Album nun finde, trifft mich wie eine glatte Backpfeife. Ich hätte fast vergessen, dass „Wash“ der perfekteste, der wundervollste Regensong aller Zeiten ist. Bei „Oceans“ heule ich den Mond an, der im Moment zwar nicht hier, aber vielleicht irgendwo über der Beringsee leuchtet, „Deep“ ist die reinste Achterbahnfahrt, und sogar „Jeremy“, diese so abgenudelte Nummer, lässt meine Haarspitzen knistern. Ich höre das ganze Album am Stück, ich höre es einmal, zweimal, dreimal. Und jetzt lege ich es wieder in den Schrank zurück, damit ich’s in, sagen wir, 25 Jahren wieder genauso hören kann.

Foto: Grebe

PUBERTÄT REVISITED > Fragen, Grüße

In meiner Gymnasialzeit gab’s eine Schülerzeitung. An der ich mich nicht beteiligte – das Schreiben hätte mich wohl angezogen, nur die Schreibenden waren nicht so mein Fall. Oder, na, ich nicht so ihrer. Nicht schlimm, ich brauchte, um zu schreiben, ja keine Schülerzeitung, sondern bloß mein Notizbuch. Meine Notizbücher. Notizhefte. Notizzettel. Ich schrieb auf alles Notizen, ich schrieb über alles Notizen, ich schleppte meine Notizen mit mir herum, überall hin, ich aß inmitten von Notizen, träumte auf Stapeln von Notizen, den Kuli fest in der schlafenden Hand, verpasste Busse und Züge wegen dringlicher Notizen, ich dachte und machte keine zusammenhängenden zehn Minuten mal was für Schule und Zukunft, aber immer Notizen, Notizen, Notizen.

Hätte ich damals unsere Schülerzeitung gestaltet, wäre das die aufregendste Schülerzeitung aller Schülerzeitungen geworden! Oder, na, ein wirrer, nutzloser Haufen Zettel.

Anderer Schauplatz: Ich wurde letztens awarded. Ich meine, mein Blog. Oftmals teilt man diese Erwählung mit einer ganzen Liste von Blogs, und dazu ist solch einem Award meist ein Fragebogen beigelegt, so auch hier; Sie kennen das sicher.

Frage-und-Antwort-Runden, Top-Listen – das waren auch die beliebtesten Rubriken in besagter Schülerzeitung.

Dass ich mich an dieser Blog-Award-Sache nie allzu überschwänglich beteiligen mochte, geht so gesehen womöglich auf meine Erfahrungen mit der Schülerzeitung zurück, welche mir dauerhaft einimpften, dass alles gut ist, solange man da bloß nirgendwo auftaucht. Bloß nicht interviewt werden. Bloß nicht auf einer dieser Listen landen, erst recht nicht auf den Spitzenplätzen! Ich meine da weniger die Listen der erfolgreichsten SchulsportlerInnen, bestaussehenden Mädchen, lustigsten Vögel etc., klar führte ich die nie an. Ich meine Listen wie „Wem würdet Ihr ungern im Dunkeln begegnen wollen?“, da war ich mal Platz zwei. Aber selbst die Jubel-Listen hatten ihre Kehrseite, verfestigten falsche Wahrnehmungen, setzten ihre Nadelstiche, machten die Bejubelten unruhig. So oder so wurden wir alle, indem sich unsere Zeitung uns einverleibte, in ein nicht eben freundschaftlich gesinntes Rampenlicht gestellt.

Dieser Hauch eines reell freundschaftlichen Interesses, den ich da vermisste, ist in der Blogosphäre freilich genauso rar gesät.

Mich hatte nun Maren auf die Liste derjenigen gesetzt, an die sie ihren Awesome Blogger Award weiterreichen möchte, und dass mich diese Geste nicht aufgeschreckt, sondern mit dem Gefühl erreicht hat, einfach ein schöner Gruß zu sein, liegt daran, dass ich meinerseits so gern Marens Berichte von Fernreisen oder von Streifzügen durchs nicht ganz so Ferne lese. Ich mag solche Texte, die sich selbst verpflichtet und sich selbst genug sind. Texte, die allzu gern Sensationen produzieren wollen, gibt es eh viel zu viele, anderswo, überall.

Statt Vernetzung bewirkte diese Aktion vielmehr so etwas wie eine gedankliche Zurückversetzung bei mir, ein ganzes Stück zurück, ja ja, noch ein bisschen, so, ganz nach damals. Denn dahin führten auch die Fragen, die Antworten.

1. Was bedeutet Dir das Bloggen? – Das hier ist meine Schülerzeitung, so wie ich sie damals aufgebaut hätte, wäre ich alleinige Herausgeberin gewesen. Ich mache hier nichts anderes, als dieser 14jährigen Notizkritzlerin ihren editorischen Lauf zu lassen, heute. Nach dem Abi landete ich zunächst in der Germanistik, Fernziel: rasende Reporterin, was natürlich Quatsch war, denn ich taugte ja weder zur Akademikerin noch zur Reporterin – was ich wollte, war bloß meine Notizen kritzeln zu können, zweckfrei, richtungslos, für mich und vielleicht noch für diese paar Seelen, die nachts auch nicht schlafen können. Über alles und nichts, über Dinge, Menschen, Gedanken, die mich beschäftigen. Na, hier mache ich genau das.

2. Wenn Dein bisheriges Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es dann? -„Salzmarie“. Salz ist ein spezieller metaphorischer (und auch synästhetischer) Begriff für mich; vor allem stamme ich aus einem eingeschworenen Salzort und wohne heute zufällig wieder in einem.

3. An welchen Ort würdest Du gern noch einmal zurückkehren? – An den morgendlichen Küchentisch mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder, mein Vater trinkt seinen Kaffee (zwei Milch, zwei Zucker) aus einer Tasse mit gesprenkelter Randverzierung und stellt sie blindwissend auf der Untertasse ab, während er in der Zeitung liest, meine Mutter schmiert Graubrote, ich lese, meinem Vater gegenüber sitzend, die Zeitung überkopf, mein Bruder neben mir duftet nach den Honigpops, die er gerade schmatzt, die Küchenuhr tackert leise, die Tischmitte schimmert im buttrigen Licht der Hängelampe. An diesem Ort war ich zuletzt als Jugendliche.

4. Wann hast Du zum letzten Mal etwas Neues über Dich erfahren? Was war das? – Ich erfahre ungelogen täglich irgendwas Neues über mich – Kleinigkeiten natürlich (denke ich, aber weiß man’s?), doch macht es das deswegen ja nicht gleich uninteressant. Was bringt mich in Wut, was fürchte ich, was tut mir weh, was macht mir Spaß usf., und warum? Ich habe heute über mich erfahren, dass ich eine sehr viel innigere Zuneigung zu Waschbetonplatten hege, als ich gedacht hätte. Und als ich zugeben würde – ich meine, welcher Baustoff könnte unattraktiver sein, rein objektiv betrachtet? Ich habe außerdem — ach, jetzt brauche ich wirklich mein Notizbuch!

5. Gibt es etwas, was Du immer tun wolltest, aber bisher nie getan hast? – Nein.

Ich nominiere an dieser Stelle keine weiteren Blogs, sondern grüße ganz direkt mein lesendes Gegenüber. Und frage nur eine Sache:

Erinnerst Du Dich bewusst an das Ablaufdatum Deiner Jugend, einen Moment, Tag, Auslöser, der Dein Erwachsenwerden markiert, ganz gleich, ob Du dabei eher siebzehn oder eher siebenundvierzig warst, an ein fühlbares Kippen der Verhältnisse, an einen Augenblick, da sich etwas in der Atmung veränderte oder das Rückgrat spürbar wurde, an ein helles Verstehen, eine plötzliche Last oder plötzliche Leichtigkeit – oder nicht?

PUBERTÄT REVISITED > Big Henry

WAAAHAAHAHAHAAA! WHOOHOHOHOOO…. SUCKER! SUCKER! WHOOOOOAH… S-U-C-K-E-R!!!
(Rollins Band, Liar)

Als ich gerade damit begann meine Bibi-Blocksberg-Kassetten gegen Musik-Alben einzutauschen, waren Henry Rollins´ Zeiten bei State of Alert und Black Flag lange vorbei. Rollins Band hieß sein zu jener Zeit aktuelles Projekt, und zum ersten Mal sah und hörte ich das spätabends auf MTV: Rollins tobte halbnackt und in blutrote Farbe getaucht vor der Kamera herum und brüllte sich, um es blumig auszudrücken, direkt in mein Teenager-Herz. Nach den üblichen endlosen Beschaffungsmühen stand dann endlich Rollins´ 1994er Album Weight in meinem Regal, neben Pearl Jams Vitalogy, Tom Waits´ Bone Machine, Soundgardens Superunknown, neben Tool, Kyuss und Clutch, neben den Sex Pistols, The Clash und diversen Brit-Punk-Compilations – alles in reichlich zerkratzten CD-Hüllen, billig ergattert auf Flohmärkten und in Second-Hand-Shops. Als schüchternes Akne-Opfer mit gegen Null tendierendem Selbstwertgefühl hatte ich diese Alben mehr als bitter nötig – allein meinen Eltern und Großeltern, die im Hause mithörten, ob sie nun wollten oder nicht, war schwer zu vermitteln, wie segnungsreich die Entdeckung des Krachs als therapeutisches Mittel für mich war.

Als Lebenseinstellung jedoch lässt sich die Fokussierung auf Explosionsenergie schlecht permanent durchhalten. Speziell Punk und Pubertät teilen die Eigenschaft des Transitorischen: Ihre destruktiven Kräfte zersetzen alles, und das beinhaltet am Ende auch sich selbst. Die Wut von der Kette zu lassen funktioniert nicht als Dauerzustand. Aber als Energielieferant für konstruktive Toberei wirkt sie manchmal Wunder.

No such thing as spare time. No such thing as free time. No such thing as down time. All you got is lifetime – GO!
(Rollins Band, Shine)

Man sollte für spätere Zwecke unbedingt eine handliche Portion Pubertäts-Furor in Reserve halten. Insbesondere im Umgang mit sich selbst tut es oft gut, sich dem allmorgendlichen Spiegelbild nicht mit abwägender Unentschlossenheit, sondern mit wutschnaubender Kompromisslosigkeit zu stellen.

Henry Rollins hat inzwischen so einige Wandlungsstufen absolviert. Vom schmächtigen und verhaltensauffälligen Knirps zum Bodybuilder, von der grauen Maus zum zeitweiligen Black-Flag-Frontmann und später zur Rampensau in eigenem Auftrag. Auf seinen Lorbeeren als Rock-Ikone hätte er sich durchaus ausruhen können, aber Rollins funktioniert nun einmal wie ein Hubschrauber im Flug: Sobald er nicht mehr rotiert, stürzt er ab. Weder Sex noch Drugs gehören für Rollins zum Rock´n Roll dazu, seine einzige Droge heißt Arbeit. Der bekennende Workoholic hat, anstatt irgendwann im Off zu verschwinden und Andere seinen Mythos pflegen zu lassen, lieber den riskanten Weg eingeschlagen, sich selbst auf verschiedensten neuen Feldern auszuprobieren – durchaus auf Kosten seines Mythos, denn mit seiner regen Aktivität geht er inzwischen unzähligen Menschen auf den Keks. Er ist Autor und Verleger, Schauspieler und Synchronsprecher, Menschenrechtsaktivist, er betreute Radio- und TV-Formate, produzierte Dokumentationen und tourt seit Jahren mit seinen Spoken-Word-Programmen durch die Welt. Dafür liebt oder hasst man ihn, je nachdem, ob man ihm, dem alternden Rockstar, die Wut und den allmorgendlichen kompromisslosen Blick in den Spiegel abnimmt oder nicht. Denn davon erzählt Rollins, in Interviews, in seinen Texten, besonders bei seinen Spoken-Word-Auftritten: vom ständigen Überdenken des eigenen Denken, vom Aufräumen mit dem Ego und anderen Scheinwahrheiten. Seine Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen bringt er allenorts laut und dickschädelig mit ein, ob gefragt oder nicht, doch seine Härte gegen Andere geht bei Rollins einher mit einer großen Härte gegen sich selbst. Offensichtlich legt er keinen Wert darauf, sein Image aus seinen besonders erfolgreichen Zeiten zu konservieren, im Gegenteil zerlegt er in unzähligen erzählten Episoden sich selbst und beschreibt seine frühere Attitüde als Arroganz, die ihm heute peinlich ist, als billige Verschleierung von Unsicherheit, der man sich stattdessen offensiv stellen müsse. Immer wieder erntet er harsche Kritik für harsche Statements, mit denen Rollins in seiner Funktion als nimmermüder Alles-Kommentator tatsächlich manches mal übers Ziel hinausschießt. Doch zu Gute halten muss ich ihm den unbedingten Mut, immer eine eigene Meinung zu äußern, die Entschlossenheit, seinen ganzen Antrieb in den Dienst seiner Überzeugungen zu stellen, und seinen Spaß an Selbstkritik. All das kommt zum Ausdruck, wenn man ihm zuhört – sei es, wenn er sich als Vertreter der Spezies harter Kerl kategorisch für die Rechte von Schwulen ausspricht, sei es, wenn er seine Haltung gegenüber Männern mit Vokuhila-Haarschnitt (engl. mullet) radikal überdenkt. Wer mag, findet dank Rollins´ hyperaktiver Produktivität Stunden über Stunden solchen Materials, das tatsächlich abbildet, wie Rollins sich über die Jahre verändert hat.




 

PUBERTÄT REVISITED > Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.

PUBERTÄT REVISITED > Bin das ich oder kann das weg?

Tagebuch (2)

Die meisten meiner Tagebücher haben mich nicht überlebt. Ab und an packt mich der Rappel, alles muss raus, alles muss neu, ich muss neu – so werden Tage oder auch Wochen, mitunter Jahre von Geschriebenem und Gekritzeltem achselzuckend auf Nimmerwiedersehen ins Altpapier verabschiedet.

Manches gut Geschriebene muss weg, weil es die Wahrheit nicht gut trifft. Manch halbwahrer Text muss bleiben, weil gerade dessen Halbwahrheit ganz Wahres über mich verrät. Einiges Mittelmäßiges oder Lausiges schleppe ich lebenslang auf allen Wegen mit, weil es langlebig wahr ist.

Nicht zuletzt entscheidet auch das Dahinter des Textes über meinen Umgang mit dem bekritzelten Papier. Ein Blick auf das selbst Geschriebene ruft dessen längst vergangenes Entstehungsumfeld augenblicklich wach; ein Tagebuch ist ein Lagerraum für Instant-Vergangenheiten.

Humpty Dumpty fällt gleich wieder von der Mauer! Tu doch einer was! / Dummes Ei – kann nicht stabil sitzen, ist zu rund, versteht nicht, dass es sich Füße wachsen lassen muss, Beine! / Dummes Ei – sucht sich sein Zuhause oben auf der Mauer aus. / Dummes Ei – will wohl stürzen, muss wohl. (Dienstag, 08.April 1997)

Ich fühle mich sofort auf der Bank sitzen, früh am Morgen, ich schwänze gerade die erste Stunde, Chemie, bin einfach nicht durch den Schuleingang, sondern dran vorbei gegangen und weiter bis zum kleinen Park, hocke nun wie ein zerrupfter Papagei mit meinen bunten Haaren und Klamotten auf der Rückenlehne und meine ewig dreckigen Stiefel machen die Sitzfläche schmutzig. Schmiere diese Zeilen in mein Buch. Es kommt ein alter Mann mit seinem Rollator auf mich zu, schiebt sich gebeugt und unendlich langsam, aber beharrlich voran, hat mich schon von Weitem in seinen Blick genommen und nähert und nähert sich, und ich erwarte, dass da ein Schimpfen auf mich zukommt. Madame! Füße gehören nicht auf die Bank, junge Leute gehören um diese Zeit in die Schule – diese Szene ahne ich in allen möglichen Variationen voraus, aber nicht, wie sie sich dann tatsächlich abspielt: An meiner Bank angekommen, posiert sich der Herr mit funkelnden Äuglein und einem weit ausgestreckten Lächeln beinahe direkt vor meiner Nase, zielt mit dem Zeigefinger auf mein Tagebuch und ruft triumphierend: „Junge Dame! Wer schreibt, der bleibt!“ (Humpty Dumpty, das Weichei-Ich, begrub ich augenblicklich, den Rollator-Herren begruben wohl inzwischen Andere, aber diesen Moment der fröhlichen Verschwörung zwischen uns zwei ungleichen Unbekannten, den halte ich gern lebendig).

Man schreibt aber nicht nur für späteres Erinnern, sondern zuerst für gegenwärtiges Begreifen. Mein Schreiben war immer Inventur in eigener Sache, Außenstehende unerwünscht, nur Stift und Papier waren zugelassen.

Allein deshalb, weil sie analoge Geheimniskrämer waren, funktionierten meine Bücher und Hefte so gut als Gegenüber für allerlei Beichten, als Zeugen all meiner Dummheiten, sowie der Klugheiten oder noch größeren Dummheiten, die daraus wurden. Meine Nichten und Neffen dagegen, die inzwischen allmählich erwachsen werden und ihre eigene Selbst-Inventur betreiben, tun das öffentlich via Social Media. Das Bedürfnis, Erlebtes, Gedachtes und Gefühltes festzuhalten und in eigenen Bildern und Worten wiederzugeben, leben sie in digitalen Gemeinschaftsräumen aus. Dass sie sich nicht so in sich verkapseln wie ich das vielleicht tat, das mag sie selbstsicherer erscheinen lassen. Sie verlieren dort aber die Orientierung an ihrem eigenen Kern, betrachten sich selbst nur in diesem vergleichenden, oft kompetitiven Umfeld, und lassen über sich ergehen, dass Andere die Auswertung ihres Outputs übernehmen anstatt sich in ihrem Selbsturteil zu üben. Wenn einem der selbstbetrachtende Blick bei der eigenen Entwicklung irgendwie helfen soll, muss er dorthin gehen, wo es weh tut – sofern man über sich selbst aber nur für Andere schreibt, umgeht man tunlichst die wunden Punkte, um sie zu schützen. Man erzieht sich nachhaltig zum Fassadenpfleger. Experimente zur Ich-Erforschung können zu einfach nach hinten los gehen, denn sie unterstehen der oberflächlichen Beobachtung durch die Vielen – und nicht nur das: Kein Fotobeitrag, kein Post, kein Tweet, den man macht, wird je wieder ungeschehen (selbst was man löscht, kann sich zuvor auf so vielen Wegen verbreitet haben, dass man an dessen restlose Auslöschung nicht mehr glauben kann). Man präsentiert ein bestimmtes Bild von sich nicht nur vor einer unkontrollierbaren Anzahl von Menschen, sondern auch ohne die garantierte Möglichkeit, dieses Bild einmal zurücknehmen zu können. Ausgerechnet seine Jugend – in der man sich in alle Richtungen, also auch die zwecklosen, die peinlichen, die unschönen, ausloten muss – allein einem Medium anzuvertrauen, dass nichts unkommentiert lässt und auch nichts vergisst, ist heikel.

Ein Tagebuch dagegen ist ein geschützter, druckfreier Raum, in dem man mit sich allein sein kann. Und über den man zu jeder Zeit alleinig herrscht.

Tagebuch (1)