Ph.D.

MEIN WUNDERBARER TRASH-SALON // Verschämte Lieblinge

Liebe Überzeugungs-Akademiker, an dieser Stelle sei es Euch erlaubt einen Beitrag vollkommen ungelesen zu überspringen. Wer dennoch nicht weglesen mag, begibt sich hier auf eigene Gefahr in triviale Niederungen, wo schmalzrutschige Ebenen und verfängliches Dickicht aus Plüsch und Spitzenbesatz darauf lauern, den kritischen Intellekt zur Strecke zu bringen. Entschärfend kann ich darauf hinweisen, dass diese Woche eine kurze wird – Umzugsvorbereitungen gehen vor Bloggen. Dafür werdet Ihr im Folgenden mit einer umso geballteren Portion Unterhaltungskultur befeuert. Also: Fliehet!, oder kramt bitte JETZT die Pralinen und die Gemütlichkeitsgarderobe fürs Sofa heraus.


Stufe 1 – Die historische Schmonzette


Rossetti

Menschen, Tiere, Sensationen – derzeit darf man auf dem rechtmäßigerweise bekannten und beliebten Blog Sätze und Schätze unter dem Hashtag #VerschämteLektüren ungestraft der Freude an seinen aufs Allerheimlichste verschwiegenen Lieblingen frönen, was reihenweise Stoßseufzer auslöst und gekiekste Kommentare provoziert. Sehr schön; speziell der liebevolle Beitrag von Buchpost über James Herriot, Der Doktor und das liebe Vieh löste einen hartnäckig anhaltenden und vom herbstlichen Gemütlichkeitswahn unterstützten Britishness-Anfall bei mir aus. Bezüglich eigener verschämter Lektüren äußerte ich mich in meiner unendlichen Hybris anfangs reichlich naiv: Gibt´s nicht. Peinliche Lieblingslieder? Schuldig, reihenweise – dazu stehe ich problemlos. Filme fürs Herz? Zerknirschtes Ja, allerdings mit Seltenheitswert. Heimlicher Hang zu nostalgischen Kitsch-TV-Serien? Volltreffer! Aber Banal-Literatur? Niemals…! Dann jedoch kam das Thema Historischer Roman auf den Tisch und mir schwante die Fehlerhaftigkeit meiner Selbsteinschätzung.

Der Name Ingrid Krane-Müschen steht für atemlose Spannung vor mittelalterlicher Kulisse, heimlich ins Spitzentaschentuch verdrückte Tränen der Rührung und der Trauer, mitreißende Plots im schottisch-englischen Adelsmilieu und unüberwindliche Schicksalshürden, die mit Liebe und Edelmut schließlich doch überwunden werden. Bevor sich nun jemand in Spott und Häme angesichts meiner Lieblingsschmonzettenautorin ergeht, sollte er sicherheitshalber zunächst im eigenen Regal nach ihrem Künstlernamen Ausschau halten, unter dem sie sich so erfolgreich verkauft, dass ich schlechterdings unmöglich allein mit ihren Büchern dastehen kann: Rebecca Gablé.

An langen Winterabenden oder während des beruflichen Pendelns zwischen Buchhandlung und Zuhause ließ ich mich von ihrer vieltausendseitigen Waringham-Saga vollkommen hingerissen einlullen. Als Unterhaltungsmittel taugt diese Lektüre ungemein, Frau Krane-Müschen/Gablé, unangefochtene Königin des historischen Schmökers, beherrscht ihr Handwerk souverän, gestaltet lebendige Charaktere und Settings, produziert keine Längen, verknüpft die Kapitel mit kunstvollen Cliffhangern und baut Spannung auf.

Die Familiengeschichte der Waringhams erstreckt sich über mehrere Generationen, beginnend im Jahr 1360 mit Stammvater Robin of Waringham, der in Das Lächeln der Fortuna die angekratzte Familienehre wiederherstellen muss. Als Sohn des ehemaligen Earls ist er Schikanierungen durch den Sohn des neuen Earls ausgesetzt und muss sich seinen Weg zurück in den Adels- und Ritterstand unter selbstredend größten Entbehrungen abenteuerlich erkämpfen. Angesichts solch hartnäckigen Edelmuts bleiben entflammte Damenherzen nicht aus. Weiter geht es in Die Hüter der Rose. Dort büxt John of Waringham, Sohn Robins, aus Angst davor, zwecks klerikaler Karrierevorbereitungen ins Kloster gesteckt zu werden, von Zuhause aus und setzt sich nach Westminster ab, wo er zufällig König Harry begegnet. Eine Freundschaft mit dem Königshaus, eine glanzvolle Laufbahn als Ritter während des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich sowie zahlreiche amouröse Verwicklungen sind damit vorgezeichnet. In Das Spiel der Könige müssen sich die Waringham-Sprösslinge Julian und Blanche im Konflikt zwischen den Adelshäusern York und Lancaster für eine Seite entscheiden und geraten in fiese Intrigen, hundsgemeine Machtspielchen und dramatische Herzens-Verwirrungen. Im vierten Band, Der dunkle Thron, stellen die machtpolitischen Auswirkungen der Reformation den Waringham-Erben Nick vor die knifflige Aufgabe, seine Familie durch kluge Bündnispolitik auf die sichere Seite zu bringen – Querelen des Herzens und Vater-Tochter-Konflikte sabotieren dabei einige seiner Bemühungen.

Neben der Waringham-Saga hat Rebecca Gablé einen meterbreiten Schwung weiterer nur wärmstens zu empfehlender Historienschinken verfasst. Wie sonst auch, wenn ich beim Beitragsbild auf Ersatzabbildungen ausweiche (in diesem Fall musste es unbedingt diese betörende Rossetti-Postkarte sein), habe ich das besprochene Buch inzwischen entweder weiter verliehen oder selbst wieder zurück gegeben. Dass ich nicht einen einzigen Gablé-Roman für ein Beitragsbild vor meine Linse bekommen habe, liegt in folgendem Mechanismus begründet: Ließ ich mich dabei erwischen, eine neue Gablé zu lesen, wurde sie mir – teilweise noch bevor ich den Schlusssatz vollständig hatte lesen können – von Gablé-hungrigen Bestien aus den Händen gerissen, so dass ich heute froh bin, noch alle zehn Finger zu besitzen. Meine Mutter war die einzige unter den Raublesern, die vorher immerhin höflich um Leiherlaubnis gefragt hat. Auch Männer gehören zu den Ausleihern, in deren Regalen in einer verschämten Ecke sich nun meine Gablés finden, die ich wohl nie wieder zurück bekommen werde.

Der Winter kommt. Deckt Euch ein mit ein paar Pfund Earl Grey, holt die Blümchentassen heraus, backt ein paar Scones und blättert mal in diesem schmalzig-wonnigen Vergnügen. Ich gebe zu, ich schäme mich gar nicht so ehrlich dafür, mir diesen Schmus gegeben zu haben. Ich würd´s wieder tun.


Stufe 2 – Die chauvinistische Schmalzlocke


Im Zusammenhang mit verschämt geliebtem Unterhaltungsgut darf die Kategorie Film nicht unbesetzt bleiben. Wer an dieser Stelle eine Liebeserklärung an Tanzfilme wie Flashdance oder Dirty Dancing erwartet hätte oder eine Ode an Lovestories vom Kaliber eines Rendezvous mit Joe Black, liegt total daneben. Zwar kam ich als Kind nicht umhin mich gemeinsam mit meiner Oma durch die Sissi-Reihe zu schniefen und habe ein tatsächlich sehr ehrliches Faible für die Liebeskomödie My Big Fat Greek Wedding, doch das sind Ausnahmeerscheinungen. Bei Action-Klassikern kommen wir der Sache schon näher. Stirb Langsam und Lethal Weapon, jeweils 1-4, fragwürdiges Männlichkeitsbild inklusive (ach, wurscht, als gäbe es überhaupt irgendein nicht fragwürdiges Männlichkeitsbild): Ich liebe es! Das tun in meinem Umfeld jedoch erstaunlicherweise flächendeckend alle. Wofür mein Filmherz tatsächlich etwas verschämt schlägt, sind Roger-Moore-Filme – aber nicht irgendwelche:



Simon Templar lautet der Name des nobel gesinnten Privatdetektivs aus der britischen Kriminalreihe The Saint. Bei ungutem Allgemeinbefinden haben sich die Originalfolgen dieser Reihe mit ihrer zuerst schwarz-weißen, später herrlich übercolorierten Ästhetik als wundertätige Stimmungsaufheller erwiesen – sie teilen sich damit bei mir ihren Rang mit den ursprünglichen Teilen der Star-Wars-Trilogie (vor der digitalen Überarbeitung) und Sir David Attenboroughs sämtlichen Naturdokumentationen für die BBC. Von 1962 bis 1969 wurden in England 118 Episoden von The Saint gedreht, 39 davon liefen zwischen 1966 und 1970 unter dem Titel Simon Templar im Abendprogramm der ARD. Zwar handelt es sich hier um eine Fernsehserie, keine Kinoverfilmungen, die Einzelfolgen sind jedoch abendfüllend. Simon Templar zeigt sich darin als Kosmopolit, Snob und Charmeur. Seitdem er seine kriminelle Karriere als kultivierter Dieb, der charakterlich verkommene Reiche ausraubte, aufgegeben hat, nutzt er seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in detektivischer Funktion. Smart, gutaussehend, weltmännisch, allein mit einem fatalen Hang zur Eitelkeit geschlagen, löst der Ausnahme-Detektiv seine Fälle mit Leichtigkeit, muss auf dem Weg zur Auflösung jedoch manche Widrigkeit über sich ergehen lassen: Er wird niedergeschlagen, eingesperrt, gefesselt, beinahe erschossen, beinahe ertränkt, betäubt, beraubt, sabotiert und dergleichen mehr. Zum Ausgleich wird der schmalzlockige Gentleman von den Damen umschwärmt, gehätschelt und geküsst.

Für Roger Moore eine perfekte Vorbereitung also auf seine Anschlussbeschäftigung als James Bond (ich überspringe hier die dazwischen liegende Serie Die Zwei, in der Moore ein Duo mit Tony Curtis bildete, weil diese nie meinen Nerv traf), den er von 1973 bis 1985 in sieben Filmen verkörperte. Aus heutiger Sicht mag Sean Connery der Bond für die Ewigkeit sein, der langlebigste und finanziell erfolgreichste Bond jedoch war Roger Moore. Im Gegensatz zum von der Mod-Fashion beeinflussten Simon Templar, begab sich Moores James Bond in das modische Gefahrengebiet der 70er und 80er Jahre, das selbst auf seinen Standard-Anzug giftig übersprang: Einige frühe Anzughosen wiesen einen Hosenbeinschlag auf, später nahmen die Sakkos beige-braune Tönungen an und wurden sogar mitunter durch Wildlederblousons ersetzt. Im Ganzen sind Moores Bond-Filme, zumal aus heutiger Sicht, abgeschmackte Macho-Filme, in denen eine Alibi-Handlung halbherzig zu verschleiern versucht, dass es hier im Kern um einen Mann geht, um DEN Mann.

Von DIESEM Mann indessen fühlte und fühle ich mich keineswegs angezogen (auch nicht heimlich, nein, hier wird nicht geflunkert), und doch verbinde ich besonders mit dem Moore’schen Bond äußerst wohlige Gefühle: Zu Zeiten, in denen man das Fernsehen daheim als Kino-ähnliches Ereignis inszenierte, waren die Wiederholungen klassischer Bond-Filme die ersten Erwachsenen-Filme, die ich legalerweise anschauen durfte – im Kreise der geschlossenen Familie. Eltern und Geschwisterschaft drängten sich auf der Sofa-Landschaft aneinander, einem graugemusterten Polster-Prachtstück, das sehr geschmackssicher den Hauch der späten Bonner Republik atmete. Auf dem Tisch standen in klobigen Kristallschälchen Salzgebäck und Erdnüsse parat, Vater und Mutter tranken mitunter ein Gläschen Weißwein dazu, für uns Geschwister gab´s Vitamalz. Zunächst absolvierte man das Pflichtprogramm Tagesschau, dann dimmte man in der Stube das Licht herunter, bis die messingfarbenen Kugellampen ein angenehmenes Halbdunkel erzeugten, und stritt sich um die Verteilung der Schälchen mit Knabberkram, bis endlich der Filmvorspann begann. Und dann saß ich mittendrin im Gnickern und Gröhlen, Gekicher und manierierten Geseufze meiner älteren Schwestern, in das meine Eltern so gern einstiegen, ärgerte mich schwarz, wenn ich aufs Klo musste und damit die spannendsten Momente verpasste, kicherte manches Mal gespielt mit um zu überdecken, dass mein noch kindliches Gemüt manche Szene, die meine Schwestern losprusten ließ, nicht einzuordnen wusste, und gab mich übertrieben abgebrüht angesichts der bis zur Lächerlichkeit überzeichneten Bösewichte, die mir nichtsdestotrotz Angst machten. Seither ist der Begriff James Bond für mich ein Ausdruck für familiäre Geborgenheit. (Ab und an, wenn etwas Trost nötig ist, tauschen zum Beispiel mein Bruder und ich Nachrichten solcher Art aus: Kannst Du auch nicht schlafen? Heute Octopussy auf WDR, 1.30Uhr!)


Stufe 3 – Die herzige Pop-Hymne



Dieses Video spricht für sich – böse Zungen könnten durchaus formulieren gegen sich, doch so waren eben die Zeiten… Das ändert leider nicht das Geringste an der Aufrichtigkeit meiner nostalgisch verklärten Liebe zu diesem One-Hit-Wonder, das über prägende Jahre hinweg auf mich einwirkte, bis es dann traurigerweise spurlos aus dem Radio verschwand. Nur ein Wort – und damit gibt es dann für diese Woche auch nichts mehr drauf zu setzen: Synthesizer-Fanfaren!

Werbeanzeigen