Österreich

BERG+WERK // Marie Gamillscheg, Alles was glänzt

Ich fand Schneekugeln als Kind total faszinierend. Musste gar nichts Besonderes an ihnen dran sein (mit Glück gab’s mal eine als Werbegeschenk von der Sparkasse oder als Bonus, wenn man den Kleinen Tierfreund abonnierte); allein dass ich so eine Himmelssphäre samt Häuschen und Bewohnerschaft (en miniature) in Händen halten und ordentlich durchrütteln konnte, dass es darin gluckerte und der weiße bzw. glitzernde Flitter nur so brauste, bis er sich irgendwann entspannte, sich legte, die Sphäre sich klärte, das war schon Zauber genug.
Ich liebte auch unser Aquarium: Drückte ich mir an der Scheibe ein bisschen die Nase platt, schwamm ich direkt mit den Fischen im Amazonas. Und Buddelschiffe, ach! Wir hatten sogar ein rein gläsernes: eine mundgeblasene Viermastbark (nach Muster der Pamir oder Sedov) unter vollen Segeln, mit aus Glas gezogenem Takelwerk, schützend umschlossen von einer dickwandigen Flasche.
Miniaturwelten haben ja immer ihren speziellen Reiz.

Allerdings lag der Trudeltanz in einer Schneekugel unter meinen Lieblingsguckedingen wohl doch mit hauchzartem Vorsprung in Führung.
Dabei machte die Geschlossenheit der Schneekugelwelt für mich gleichermaßen ihren heimeligen Reiz wie auch ihre grauselige Tragik aus – wahrscheinlich erinnere ich das bloß deswegen so deutlich, weil man sich als Kind am Begreifen von Ambivalenz nun einmal besonders abarbeitet. Wie schön das war, dass nichts Äußeres je in diese Innenwelt hineindringen konnte, und wie bitter zugleich! Immer dieselben Plastikkrümel, die sich im Gewirbel um und mit einander drehten und sich immer an derselben durchsichtigen Wandung stießen, bevor sie schließlich auf dem immerselben Boden niedergingen.
Hm.

Ab und an gerate ich an Bücher, die mir das Gefühl verpassen, lesend mitten in einer Schneekugel gelandet zu sein.
So isoliert, wie Schneekugelwelten eben sind, finde ich mich darin als Eindringling wieder, nicht als Gast, und schlage mich mit dem Gedanken herum, dass meine Einblicknahme hiermit zu weit geht, meine teilnehmende Anwesenheit unerwünscht ist; dass was auch immer ich im Wirbelschnee womöglich finde keinesfalls für mich bestimmt gewesen ist.
Man könnte meinen, es ginge mir da etwa um Die Wand von Marlen Haushofer oder, allein schon des Titels wegen, um Die Glasglocke von Sylvia Plath. Oder vielleicht um Thomas Manns Zauberberg, dessen entrückte Gipfel-Welt (dieser menschlich-klägliche Olymp) freilich einen hochgradig veredelten Schneekugel-Esprit versprüht. Oder um solche mikrokosmischen Streifzüge, solche konzentrierten Betrachtungen des Partikelgeflirrs, wie sie Esther Kinsky in ihren Büchern unternimmt. (Nach Am Fluss und Banatsko lese ich gerade Hain, und es ist wunderbar. Alles von Esther Kinsky ist wunderbar.) Aber in diesen Romanen lässt es sich jeweils tief und ausgiebig atmen.
Was ich stattdessen im Sinn habe, ist jene Art Literatur, in der mehr kalte Plörre als Atemluft steckt. Solche Bücher, die offenbar nur geschrieben werden, um zu zeigen, dass man ein Buch schreiben kann, aber bloß nicht, um zu zeigen, wer man ist. Gucken darf man, soll man, aber darüber hinaus bleibt’s unpersönlich; invasiven LeserInnen wird kein Riss geboten, durch den es sich in Innenwelten hineinluschern ließe. Labor-Literatur: Form und Inhalt, die großen Bögen und die kleinen Details, jedes Wort, jede Tönung unter kontrollierten Bedingungen arrangiert, in steriles Fluidum eingelegt, in den Doppelbuchdeckel-Druckbehälter verpackt, Projekt abgeschlossen.
Alles was glänzt von Marie Gamillscheg war da verdammt nah dran.

Schriebe ich einen Roman, bestünde mein größtes Problem darin, dass ich in dessen Innenwelt ganz und gar verschwände. (Übrigens ein Problem, an dem ich garantiert einen Heidenspaß hätte.) Davon erzählen – das könnte ich bestimmt, klar. Aber kein Stück mehr erkennen, wie sich das Ganze schließlich lesen ließe. Würde irgendjemand überhaupt nachvollziehen können, was hiermit und damit gemeint wäre? Würde, darauf aufbauend, irgendjemand ein Interesse dafür oder gar Spaß daran entwickeln können?
Und würden mich solche Überlegungen auch nur minimal kümmern? Nein – weil ich doch auch als Leserin bereitwillig dem verkrautetsten Zeug folge, solange sich nur der Weg, den mein Kopf machen muss, um dahinter oder wenigstens hinterher zu kommen, als ein ergiebiger erweist, und ganz egal, ob am Ende nun die Ergiebigkeit oder die Verkrautetheit überwiegen, ist mir das immer, immer lieber, als mir einfach einen hübschen Präsentierteller vor die Nase setzen zu lassen.
Wer schreibend ganz und gar nach innen verschwindet, verliert gewissermaßen den Blick eines Diesseitigen; man flutscht hinfort, und damit reißt dieser Blick einfach ab. Und was man dann mit inwendigem Blick so zu fassen kriegt, das schüttet man später (sofern man’s erfolgreich zurückgeschafft hat) auf dem Tisch aus wie einen Sack voll Ernte, Beute und Beifang.
Und eben nicht: wie ausgewählte Requisiten. Wirkt das Sammelsurium penibel kuratiert, regt es nichts mehr an, kann man Sog und Zauber von vorn herein vergessen, und so wird das auch nichts mit der Ergiebigkeit – zumindest nicht mit mir als Leserin.

Marie Gamillscheg erzählt von einem Berg, der einen Riss bekommt. Nein, sie erzählt von einem Bergdorf, das einen Riss bekommt. Genau genommen erzählt sie von Menschen, die jeweils einen ganz ähnlichen, tragischen Riss bekommen wie der Berg, an dessen Hang sie leben.
Bis vor kurzem wurde hier traditionsreicher Bergbau betrieben, heißt es. Es geht wohl um Kupfererz, und wir befinden uns wohl irgendwo in Österreich, aber Raum, Zeit und Ort spielen keine relevante Rolle und werden daher kaum bis gar nicht benannt. Nach Einstellung des Werksbetriebes, wohl wegen Unrentabilität, befindet sich das bewusste Bergdorf ohnehin mitten im Strukturwandel-Alptraum, aber das ist noch nicht alles. Ob wohl die Stollen instabil wurden, oder die Abraumhalde – der Berg jedenfalls zerbricht. Das weiß alle Welt, nachdem es einmal von einem Journalisten verkündet wurde, dem man seither böse ist, weil man nun einmal besser auf einen Menschen böse sein kann als auf die Geologie. Den noch verbliebenen Dorfbewohnern, denen überwiegend die Ortstreue so tief im Mark steckt wie das Erz im Berge, soll der Gedanke an Umsiedlung schmackhaft gemacht werden – die Region sendet eigens einen Regionalmanager aus, der das managen soll.

Es gibt einen Autounfall. Es gibt zwei Schwestern, von denen eine von einer Karriere als Pianistin träumt; Teresa bekommt neben der Schule Klavierunterricht und will es mittels Talent ganz weit weg schaffen, in die Stadt. Es gibt die verwitwete Kneipen-Betreiberin Susa, die als heimliche Autorität des Dorfs alle kennt und alles weiß. Es gibt Wenisch, den allein lebenden Bergmann in Rente, dessen Tochter kaum noch aus der Stadt herkommt, um ihn zu besuchen, und der durch das Alter und die Einsamkeit zusehends erodiert; Berg und Mann verfallen hier parallel. Es gibt Merih: Der kommt von außen in diese Miniaturwelt hinein, um in ihr irgendwas zu verbessern, dabei steht es doch um seine private Miniaturwelt, die nicht von ungefähr eine musterhaft städtisch-akademische ist, mindestens genauso mau, öde, hoffnungslos.
(Es gibt sogar ein Chamäleon – ein Exot als Symboltier scheint im zeitgenössischen Provinz-Roman nicht fehlen zu dürfen: In Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing rennt ein ausbebüxter Emu durch die norddeutsche Agrarlandschaft, in Hool von Phillip Winkler gibt’s einen Tiger, und hier ist es eben ein Chamäleon, das mitten im ach so trostlosen Dorf seine Aufgabe als Totemtier für Unangepasstheit erfüllt.)
Es gibt eine enge Verbindung zwischen diesem Ort und seinen Menschen. Und auch zwischen den Menschen und den Dingen ist alles irgendwie miteinander verknüpft und verschwistert. Weil das immer so ist, an solchen Orten.

Der Glaskugel-Schneesturm, der diesen Roman nun ausmacht, indem er um dessen Zentrum, den Berg, herumtrudelt, besteht aus je ein paar Flöckchen Milieustudie, Sozialdrama, Bergbau-Kolorit, Familienschmerz, Coming-of-Age, auch etwas Millennial-Ennui fehlt nicht; das wirbelt alles so vor sich hin, und mal blitzt dies auf, mal das. Kurz gehaltene Kapitel reihen sich überleitungsfrei aneinander. Gamillschegs Schreibe ist Szenen- und Dialog-orientiert und lässt sich nie dazu hinreißen, deskriptiv überzuschäumen, sie bleibt durchgängig knapp, streng, sparsam. Das Romanpersonal tritt gewissermaßen unter stroboskopischer Beleuchtung in Erscheinung, die zwar das Wesentliche einfangen will, dabei aber bloß Schattenrisse zu fassen kriegt.

So viele Stollen, und so wenig Tiefe, nörgle ich ein bisschen vor mich hin. Alles mit Bedacht arrangiert, klar, formal alles richtig gemacht, alles ordentlich – aber das ist eben auch alles, ein menschlicher Hauch jedenfalls weht mich von dorther nicht an. Ich denke: Alles steife, isolierte Schneekugelfiguren im Plastikhabitat. Einmal aber, da kracht blindwütig ein Klavierdeckel auf ein paar Finger herab, und ich denke: Was war das denn?
Das Plastikmädchen! Heidewitzka, hat sich das etwa gerade bewegt?


>>Marie Gamillscheg, Alles was glänzt (Luchterhand) €18,-

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FLUGWESEN // Ernst Jandl, Ikarus

IKARUS

Ernst Jandl, Ikarus

Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.


Nicht zu dicht am Wasser, nicht zu nah an die Sonne heran zu fliegen – so lautete die klare Flugvorschrift. Die Vernunft des Mittelwegs aber greift nur beim Alten, die Unvernunft des Höhenflugs entspricht dem Wesen des Jungen. Ur-Angst aller Eltern, gleichzeitig Ur-Sprung menschlicher Großleistungen: dass wir über unsere Vorgaben hinausfliegen.


Bild: Grebe, 2016

WORTSINNE // Arthur Schnitzler, Ich

Arthur Schnitzler Erzählungen

Bis zu diesem Tage war er ein völlig normaler Mensch gewesen.

So beginnt Arthur Schnitzler diese Novelette namens Ich. Allein jenes einzelne, dreibuchstabige Wort genauer zu betrachten genügt bereits, um manchen Verstand völlig auf den Kopf zu stellen. Diese Kurzerzählung gehört zu meinen Lieblingstexten überhaupt; Schnitzlers Gabe, mit unauffälligen Mitteln nachhaltige Verunsichertheit zu erzielen, kommt darin voll zur Geltung: Das Unheimliche tritt im Vertrauten zu Tage, die Säulen des Normalen werden zersetzt. Im Verlauf nur weniger Seiten skizziert Ich den plötzlichen Absturz einer gefestigten, gesicherten Existenz in den Wahnsinn. Auslöser: ein Wort auf einer Tafel im Park. Ein anderes allerdings als Ich – dem begegnet man erst als Abschlusswort der Erzählung wieder. Dort, am Ende, fragt man sich dann, wie einer sich so verzetteln konnte, und ob Wahnsinn wohl lediglich der Superlativ von Ordnung ist.

Der kleinbürgerliche Protagonist, dessen Namen wir nicht erfahren, durchlebt genügsam und sehr zufrieden seinen Familien- und Arbeitsalltag. Eine gute Ehe, ohne Mißverständnisse und ohne Unzufriedenheiten, heißt es da; der Umgang mit den zwei Kindern ist unaufgeregt, fröhlich, herzlich. Die Mittagspausen verbringt der Vater daheim, Zeit für harmlose Unterhaltungen mit der Frau, die Kinder berichten freimütig vom Tag in der Schule, der Vater erzählt die ein oder andere unverfängliche Episode aus seinen heutigen Begegnungen mit der Kundschaft, die er als Abteilungsvorstand, sogenannter Rayonchef in einem Warenhaus mäßigen Ranges macht. Die Routine ordnet das Leben in angenehmer Weise: Jeder Tag folgt einem gewohnten Verlaufsmuster, Schwiegermutter und Schwägerin werden regelmäßig zum Tee geladen, Theaterbesuch oder Operette an jedem zweiten Samstag im Monat, anschließender Besuch in einem bescheidenen Restaurant. Eine feste Sonntagsgewohnheit des Protagonisten ist der morgendliche Spaziergang durch den Park, wo er während seiner Flanierrunde mit Bekannten plaudert. Am bewussten Tag seines geistigen Verhängnisses aber entdeckt er an einer ganz und gar gewöhnlichen Bank eine Tafel mit krakeliger Aufschrift. Bank steht da – so einfach und offenbar, wie eben die Bank selbst da im Park steht. Wozu nur diese Benennung? Nun, vielleicht ist es keine solche Dummheit wie zunächst gedacht, ein jedes Ding genau zu benennen; womöglich geschähen ohne gewissenhafte Benennungen die seltsamsten Unglücke? Am Teich sitzend sinniert der Protagonist dann staunend über die Ungenauigkeit, die Unzulänglichkeit des gewohnten Blicks auf die Dinge. Der Teich, ist der nicht gleichzeitig ein Meer? Freilich nur für die Eintagsfliege, aber doch! Und ist, was wir Tag nennen, für die Eintagsfliege nicht wie ein hundertjähriges Leben? Woher im Übrigen kann man sicher sein diesen Teich nicht etwa nur zu träumen? Träumt man am Ende gar auch sich selbst und glaubt nur fälschlich, man lebe? Daheim liest er in der Zeitung, liest Namen von Schauspielern und Operettensängerinnen, manche stehen sogleich bildhaft vor ihm, andere bleiben Buchstaben. Mag sein, dass ein Mensch, über den er gerade in der Zeitung liest, just an einem Herzinfarkt verstorben ist, und nun gibt es jenen Menschen gleichzeitig als tot und als Bild, das ihn lebendig zeigt, und außerdem als Gedanken, der sich ihn in Lebendform einbildet. Er liest auch vom Erdbeben in San Francisco, und er sieht dabei mehrere, nämlich ein wirklich geschehenes, ein geschriebenes, ein vorgestelltes Erdbeben. Die Verschiebungen und Verkürzungen, die zwischen Ereignissen und deren Beschreibungen bestehen, spalten die Welt auf in unzählige Ebenen von Wahrheit. Sicherheit wähnt der Protagonist nurmehr in der Unmittelbarkeit zu finden: Er beginnt, sein direktes Umfeld zu beschriften. Im Kaffeehaus gerät er ob eines Fräuleins zwar kurzzeitig in die Nähe einer Verzweiflung – Die Frage war jetzt nur, was für einen Zettel man ihr ankleben sollte. Magdalene? Fräulein Magdalene? Oder Sitzkassiererin? Jedenfalls war es unmöglich, dieses Kaffee zu verlassen, ehe er sie richtig bezeichnet. –, beruhigt sich aber damit, mit seinem Bleistift entschieden Tisch über die ganze Breite der marmornen Platte schreiben zu können, von der gerade eben sein Kaffeegeschirr geräumt wurde. Wieder daheim, versieht er den gesamten Hausstand mit Benennungszetteln. Am Nachmittag beschriftet er Schwiegermutter und Schwägerin, die zum Kaffee gekommen sind, am nächsten Morgen die Kinder, ehe sie zur Schule gehen, im Geschäft besteht er auf Einzelbeschriftung jedes Artikels und jeder Verkäuferin. Der Arzt, den die Ehefrau zur Mittagszeit nach Hause bestellt hat, findet den Mann mit einem Zettel auf der Brust, auf dem mit großen Buchstaben steht: >Ich<.


>> Die Erzählung Ich findet sich in der Sammlung Arthur Schnitzler, Traumnovelle und andere Erzählungen (Fischer Verlag), inzwischen als kartonierte Ausgabe unter Fischer Klassik, €12,00

WAHN-VERWANDTSCHAFTEN // Jürgen Bauer und Marie Hermanson: Familie vs. Paranoia

Als mir Was wir fürchten, der aktuelle Roman des österreichischen Autoren Jürgen Bauer in die Hände fiel, kam mir sofort Der Mann unter der Treppe, ein 2007 erschienener Roman von Marie Hermanson, in den vergleichenden Sinn. Familie und Wahnsinn liegen hier jeweils nah beieinander. Auf den ersten Blick mag man das für eine wenig überraschende Mischung halten, jedoch reichen die von Bauer und Hermanson geschilderten Abgründe schon ein bisschen tiefer als im durchschnittlichen Familienalltag. Denkt man, erst mal. Später hofft man. Beide Romane weisen eine enge Verwandtschaft zum Krimi auf, beide spielen mit dem Leser: Sie verweigern eine klare Einschätzung ihrer Handlungen und Protagonisten und säen stattdessen Unsicherheiten, verlangen eine akribische Spurenlese, führen mit so klug wie beiläufig positionierten Hinweisen in verschiedene Verstehensrichtungen, die es gegeneinander abzuwägen gilt.

was wir fürchten (2)


Georg, die Hauptfigur in Was wir fürchten legt von Beginn an die psychologischen Besonderheiten seiner Lebensgeschichte offen. Setzen sie sich, ich erzähle Ihnen jetzt meine Geschichte – das ist der einleitende Satz. Sind wir gemeint? Man wird sehen. Er beginnt seine Geschichte mit der Schilderung eines Autounfalls. Die Beteiligten sind: er selbst, ein kleines Mädchen, ein Auto mit getönten Scheiben. Es ist Markttag und sommerlich schön – das Szenario einer gelassenen Stadtidylle, doch Georg empfindet die Hitze, die Gerüche als aggressiv, ihm graut vor dem Platz, vor der Menschenmenge, vor dem Fleisch am Metzgerstand. In seiner Wahrnehmung brodelt stetig das Unheil, und doch bedeutet dieser Zustand bereits ein Niveau von Normalität für Georg, das er lange Zeit kaum je zu erreichen geglaubt hätte, er beschreibt: wie viel Kraft mich meine Entwicklung hin zu diesem Punkt gekostet hatte. Ich war stolz auf mich, ein neues Gefühl in meinem Leben. Sein altes Leben, geprägt von seinem psychisch kranken Vater und der eigenen Krankengeschichte, glaubt er hinter sich gelassen zu haben – Eheglück, normaler Alltag, Selbstbestimmtheit sind die Merkmale seines neuen Lebens. Mitten hinein in die unverdächtige Wochenmarktkulisse platzt dann mit einem Knall der Irrsinn. Georg lässt in raschem Wechsel Szenen des Unfallgeschehens und seines Familienlebens aufflackern, sein Unfallbericht liefert gleichzeitig Beschreibungen seiner eigenen Beschädigungen, angerissene Erklärungen zu seinem Krankheitsbild werden eingestreut, auch zu dem seines Vaters, und er gewährt kurze, unfertige Einblicke in das Verhältnis zu seiner Frau und zu seiner Mutter. Wie seinerzeit sein Vater, leidet auch Georg an Paranoia von schwer kontrollierbarem Ausmaß, Medikamente und Therapien sorgen nie für Heilung, nur für Eindämmung, für vermeintliche Beherrschbarkeit der Krankheit. Sylvia, Georgs Frau, ist um einiges älter als er – Liebe, ja, aber vor Allem bietet sie eine stabile Mutterfigur, an der er sich festhalten kann. Denkt man. Aber was war da mit Sylvia und dem Vorfall mit dem Messer in unserer Küche? Als Georg nach dem Unfall am Marktplatz zurück nach Hause kommt, reißt er sich selbst und seiner Frau die Kleider vom Leib und zerrt Sylvia mit sich unter die Duschbrause, um ihr von den Geschehnissen in allen Details zu berichten. Die Tränen seiner erschrockenen Frau ignoriert er. Was versetzt die Paranoia-Maschinerie in seinem Kopf wieder so ungezügelt in Gang? Das Auto mit den getönten Scheiben – im Inneren, da saß doch jemand mit einer Kamera? Die Polizisten mit ihrer trügerischen sachlichen Art, verschweigen die nicht etwas? War dieser Unfall mit Fahrerflucht nicht vielmehr ein missglückter Anschlag auf ihn, auf Georg? Das ist alles nur in deinem Kopf – dieser Satz begleitet Georg (und den Leser) wie ein Mantra, die Stimmen in seinem Kopf wiederholen diesen Satz unablässig, Stimmen, die seinem Vater, seiner Mutter, seiner Frau gehören – und Simon. Welchem Simon, wer ist das? Was meint Georg mit den Ereignissen vor dem Unfall, wie zum Beispiel dem Fund der Mauerteile in unserer Wohnung, die seinen Rückfall in das mühsam abgelegte paranoide Verhalten bereits vorbereitet haben? Als Leser hat man an dieser Stelle längst in einen kriminalistischen Modus gewechselt, man betreibt Indizien-Lese. Überrascht stellt man fest, dass Georgs vermeintliche Ich-Erzählung ein Dialog ist, aber wer ist das rätselhafte Gesprächsgegenüber, und was für eine Art von Gespräch ist das? Auf wessen Terrasse sitzen wir hier, wo bitteschön sind wir überhaupt? Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser?


Die Schwedin Marie Hermanson schickt in Der Mann unter der Treppe ihre Hauptfigur Fredrik durch einen ähnlich aufgestellten Paranoia-Parcours. Die Ausgangssituation dieses psychologischen Romans ist eine sehr viel unproblematischere als diejenige in Was wir fürchten: Während Fredrik einer soliden Tätigkeit im städtischen Amt für Wirtschaftsförderung nachgeht, profiliert sich seine Frau Paula als Künstlerin, Sohn Fabian fühlt sich wohl im Kindergarten, Baby Olivia macht das Glück perfekt. Gerade hat die junge Familie Göteborg verlassen und ein idyllisch gelegenes Eigenheim im ländlichen Kungsvik gekauft und bezogen. Ein Glücksgriff: ein historisches Häuschen in renoviertem Zustand und idealer Lage, mit traumhaftem Grundstück und geschmackvoller Innenarchitektur. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit dem neuen Heim, zumindest spürt Fredrik das. War der Kaufpreis für das kleine Paradies nicht übrigens auffallend günstig? Was verursacht nur diese quälenden Schlafstörungen, unter denen Fredrik neuerdings leidet? Bei Arbeiten im Bad wird das Waschbecken beschädigt, das glaubt Fredrik jedenfalls gesehen zu haben – als er sich den Schaden später genauer ansehen will, findet er das Becken repariert vor. Die seltsamen Geräusche, die gelegentlich im Haus zu hören sind, schiebt Paula zwar bei Seite – es arbeite eben in alten Häusern – , doch Fredrik hegt längst ein diffuses Misstrauen gegenüber seinem Heim. Eines Nachts steht Fredrik dann einer verstörenden Erscheinung gegenüber: Ein kleinwüchsiger, verwildert aussehender Mann begegnet ihm in der Diele, er heiße Kwådd und lebe unter der Treppe, sagt der unaufgeregte, ziemlich selbstbewusste kleine Mann. Fredrik ist außer sich und verlangt von dem Männchen den sofortigen Auszug aus dem Haus. Kwådd denkt aber gar nicht daran sein Zuhause aufzugeben, und so werden die beiden zu Kontrahenten, die auf engstem Raum einander belauern und bekriegen. Das klingt eindeutig nach Phantastik, aber einige Andeutungen über Fredriks Familienvergangenheit ziehen die Geschichte wieder zurück auf psychologisches Terrain. Wie starb sein leiblicher Vater? Hat Fredrik vielleicht Veranlagungen zu psychischen Erkrankungen? Parallel dazu demontiert Hermanson das perfekte Familienglück: Paula musste einst wegen einer Verletzung ihre Träume von einer Karriere als Ballerina aufgeben – füllt das Leben als Ehefrau und zweifache Mutter sie aus, oder arbeitet sie, indem sie ihre Kunstprojekte voran treibt, in Wirklichkeit an einem Ausstiegsplan, um diesem Leben entfliehen zu können? Treibt etwa Paula ihren Mann gesteuert in den Wahnsinn? Den Schwiegereltern war Fredrik ohnehin nie gut genug, haben sie vielleicht Paula endgültig von Fredriks Mangelhaftigkeit überzeugt? Ein Haustier verschwindet – hat Kwådd da seine Finger im Spiel, oder ist doch etwas dran an der Aggressivität und Unkontrolliertheit, die Fredrik neuerdings von den Kollegen attestiert wird und die er verharmlosend mit seinen Schlafstörungen begründet? Wie zurechnungsfähig ist Fredrik? Wie real ist Kwådd? Hermanson, die neben ihrem Studium in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, lässt ihre doppelbödige Geschichte über den Untergang einer Familie raffiniert und spektakulär eskalieren. Dabei macht es einen als Leser halb verrückt, dass sich während des gesamten Romans diese Uneindeutigkeit der Verhältnisse nicht aufklären lässt, obwohl es doch angesichts einer derartig gründlichen Katastrophe – es wird hysterisch, es wird blutig – unmöglich so schwer sein dürfte, irgendeine klare Auflösung zu finden. Ein spannungsreiches Buch, in dessen Verlauf man sich mit unablässiger Aufmerksamkeit bewegen muss und sich stetig fragt, wem man trauen kann – dem Protagonisten, den anderen Beteiligten, und auch: sich selbst als Leser? (Habe ich übrigens diesen letzten Satz nicht schon einmal geschrieben?)


>>Jürgen Bauer, Was wir fürchten (Septime), Gebunden €21,90

>>Marie Hermanson, Der Mann unter der Treppe (Suhrkamp), Kartoniert €8,90


GROSSE FRAUHEIT // Ingeborg treffen (im Hôtel de la Paix)


Ingeborg Bachmann 


Hôtel de la Paix

^

Die Rosenlast stürzt lautlos von den Wänden,

und durch den Teppich scheinen Grund und Boden.

Das Lichtherz bricht der Lampe.

Dunkel. Schritte.

Der Riegel hat sich vor den Tod geschoben.

^

Ingeborg Bachmann


Durch Ingeborg Bachmann fand ich eines Tages zu der Überzeugung, das Schreiben an sich, und das lyrische Schreiben insbesondere, müsse Schachspiel mit Worten sein. (Gern hätte ich sie kennenlernen mögen, die Ingeborg, trotz oder gerade wegen meiner Vermutung, dass wir einander wohl nicht sonderlich gemocht hätten. Aber aufrichtig neugierig gewesen wäre ich, auf sie, die Zurückgenommene, die Präzise, die sich Betäubende.)


Schulatlas 1933

SCHWARZ-WEISSE ZEITEN // Robert Musil, Schwarze Magie

Sie haben einen Schwur getan, zu siegen oder zu sterben, und lassen sich eine schwarze Uniform machen, mit weißen Verschnürungen darauf, die wie die Rippen des Todes aussehen; in welcher Verkleidung sie zur Freude aller Frauen bis an ihr friedliches Ende spazieren gehen, falls kein Krieg kommt. Sie leben von gewissen Liedern mit düsterer Begleitung, die ihnen einen dunklen Glanz leihen, der sich vorzüglich zur Schlafzimmerbeleuchtung eignet.

Anhand jener dunklen Husaren, die man in den Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges in Kleinkunsttheatern Regimentslieder zum Besten geben hörte, entspinnt Robert Musil eine Diskussion über den Kitsch, die Kunst und das Leben. Diese Kurzabhandlung schrieb Musil 1923, zu einem Zeitpunkt, da die Husaren die Zeiten ihrer militärischen Bedeutung bereits überlebt hatten, jedoch – oder gerade deswegen – im Zeitgeschmack als Inbegriff des noblen Soldaten galten. Musil betrachtet den Husarenkitsch an sich mit Ironie, gleichwohl sind seine Überlegungen dazu von philosophischem Ernst bestimmt.

Die Kunst blättert den Kitsch vom Leben. Der Kitsch blättert das Leben von den Begriffen.

Denn was der Kitsch nicht zu fassen bekommen kann, das bleibt als Kunst mit echtem Gefühlswert bestehen. Was sich dagegen der Kitsch einverleibt hat, das besitzt keinen echten Gefühlswert mehr, sondern besteht nur noch als Abziehbildchen. Soviel zu Kunst und Kitsch, das Leben aber sagt dazu folgendes: Den schwarzen Husaren scheren weder Kunst noch Kitsch – er trägt eine Uniform, die vom Siegen und vom Sterben erzählt, und dafür lieben ihn die Frauen.

In diesem Gedankengang, der nahezu satirisch daherkommt, untenimmt Musil eine viel weiter reichende Artbeschreibung seiner Zeit: Der Geist des Militärischen – oder des Militärkitsch – vereinnahmt die Kunst, die Liebe und das Leben. Dieser Geist ist international, die Husarenlieder werden in Russland ebenso geliebt wie andernorts in Europa, in allen Armeen der Erde finden sich die repräsentativen Husarenregimenter als Verkörperung einer unausrottbaren Kriegsromantik. Intellektuelle Überlegungen sind diesem Geist gleichgültig, sie prallen von ihm ab.

Wie sich sein Jahrhundert weiter entwickeln würde, konnte Musil während seiner Kitsch-Überlegung nicht vorauswissen, vielleicht jedoch vorausahnen: Siegen oder sterben als Abziehbildchen. Die Liebe gilt – traditionsgemäß, und noch kein Jahrzehnt ist seit dem letzten Krieg vergangen – der Uniform. Und jene Uniform, die schwarz-weiße nämlich, welche Musil unter den vielen Erscheinungen des Husarischen in den Mittelpunkt seines Textes stellt, gehört einem speziellen Regiment: Den preußischen Totenköpfen.


>> der Text Schwarze Magie findet sich in Robert Musil, Gesammelte Werke Bd.2, Hrsg. Adolf Frisé (Rowohlt) €64,-

>> …und auch in der sehr empfehlenswerten Anthologie Literarische Moderne – Das große Lesebuch, Hrsg. Moritz Baßler, Reihe Fischer Klassik (Fischer) €14,50