OBERFLÄCHENKULTUR

OBERFLÄCHENKULTUR // Herz voran

Sonja Grebe, Herz

Oberflächenkultur, die: Kultur von Mikroorganismen auf der Oberfläche von Nährlösungen oder festen Nährböden, so daß ein schneller Gasaustausch erfolgen kann; wichtig für viele obligate Aerobier mit hohem Sauerstoffbedarf.

Nährlösung + Austausch = Kultur. Eine simple Formel. Um aber mehr als nur eine oberflächliche Kultur zu schaffen, braucht es auch mehr Austausch als nur den von Luft. Von Gewicht nämlich.

Bei Frauen wiegt das zentrale muskuläre Hohlorgan zur Blutförderung rund 250 Gramm. Darf´s ein bisschen mehr sein? 

Unter seiner Obhut eint das Wort Herz, was mich antreibt. So wie es mein organischer Motor ist, bezeichnet es auch meinen seelischen Zentralantrieb.

Verlange ich, dass mehr als nur Luft ausgetauscht werden muss, mehr Gewicht nämlich, dann verlange ich das von mir. Mit wie viel Eigengewicht gehe ich in diesem Austausch voran – oder wie sehr vergrößere auch ich nur die Leere?


>>Bild: Herz (Grebe, 2014)  Das Gefällige bleibt eine ungefüllte Skizze – nur das, was Farbe bekennt, ist lebendig.


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OBERFLÄCHENKULTUR // Leider wunderbar: Mac DeMarco, Salad Days


Obacht, ein Hipster-Beitrag! Von den Paradeschnöseln Phoenix als Tour-Support gebucht zu werden, kommt wohl einem zeitgeistlichen Ritterschlag gleich. Und mit seinem aktuellen Album Salad Days folgt der kanadische Singer-Songwriter Mac DeMarco denn auch Kernmotiven modischer Kulturschafferei: der unerträglichen Leichtigkeit des Seins und der Ironisierung alles Unerträglichen. Aber es nützt nichts – ich liebe dieses Album.

Bereits bei Blue Boy, und das ist Track Nummer zwei, war mir klar, ich würde Salad Days tagelang rauf und runter spielen, gleichwohl ich mich irgendwie als unrechtmäßige Besitzerin dieser Musik empfinde. Wie gut, dass dem kleinen Album (sein Umfang beträgt eine süße halbe Stunde) völlig gleichgültig ist, wo es gespielt wird, andernfalls würde es sich in unserem Bonbonfarben-freien Haushalt ohne Dreieck- oder Hirschgeweih-Gedöns wohl etwas fehl am Platz fühlen. Kein Helvetica-Schriftzug weit und breit, keine geometrischen Windspiele vorm Fenster, einzig meine originalen 90er-Jahre-Jutebeutel könnten mit Mühe ein paar Credits einheimsen. Aber egal, in besagten 90ern standen auch Beck (bezüglich DeMarcos eine beliebte Vergleichsperson für die Presse) und Henry Rollins nebeneinander in meinem CD-Regal, ob ihnen das nun gepasst hat oder nicht. Auf diesem CD-Regal lag übrigens ein ungeordneter Haufen Kassetten, auf deren buntbekritzelten Index-Zettelchen sich unter Anderem folgende Namen und Musiktitel fanden:

Gerry Rafferty, Right Down the Line / The Korgis, Everybody´s Got to Learn Sometimes / Fleetwood Mac, Dreams / Al Stewart, Year of the Cat / Neil Young, Heart of Gold / Kenny Rogers, Ruby Don´t Take Your Love to Town / Pink Floyd, Time / Paul Simon, Fifty Ways to Leave Your Lover / J.J. Cale, Call Me the Breeze.

In der Loveparade-Ära natürlich alles geschmackliche Todsünden, aber eben das geschmackliche Vermächtnis meiner älteren Schwestern, und von mir per Tapedeck in mühseliger Sammeltätigkeit beim Radiohören mitgeschnitten. Bis heute bekomme ich angesichts von Softpop-Perlen und 70er-Jahre-Plüschigkeit eine etwas verschämte Gänsehaut, und in den frühen 80ern fühle ich mich ohnehin kinderzimmerwohl.

Als hätte man sämtliche jener Mixtapes zusammen mit dem halben Inhalt des CD-Regals – genau: Beck, aber da waren auch Cake, Pixies, Violent Femmes, Lou Reed und enorm viel Grunge – in einem Mixer getan, so klingt Salad Days. Die abgegriffene Mixer-Metapher musste sein, nämlich der Schrammig- und Schiefigkeit des Klanges wegen: Der Sound kommt zwar urvertraut, aber auch kaputtgemacht daher, die Verzerrungseffekte klingen nach sich anbahnendem Kassettenbandsalat, schwächelnder Walkman-Batterie und dicken Kratzern auf analogen Tonträgern. Herrlich also. Natürlich legt DeMarco damit die selbe Rückbeziehungswut an den Tag, die ich andernorts als nervtötend empfinde: Die vollkommen freie Kombination aus vergangenen Stil-Elementen verbunden mit einem Basis-Paket akuter Trends ist eben der Stil der Zeit, aber solange es keine Prise Originäres darin gibt, kann man seine eklektisch gewählten Referenz-Zutaten noch so hochtourig verquirlen – etwas Eigenes entsteht dadurch doch nicht. Es ist nur so, dass die Liste von Referenzen bei diesem Album so perfekt meinen Nerv trifft, dass ich es unmöglich nicht mögen kann. Ich wünschte übrigens, eine Zeitschleife würde Blue Boy erfassen und im Jahr 1998 auf dem Soundtrack von The Big Lebowski platzieren – soviel zu der Frage, wie sehr ich vielleicht doch selbst rückbeziehungswütig bin. Erwischt.

Textlich betrachtet ist das Album eine Aneinanderreihung postpubertärer Belanglosigkeiten. Geschrieben aus Langeweile, kreisend um Pseudo-Melancholie, undramatische Herz-Wehwehchen und Alltagsstimmungen, sind die Songtexte reinster Wohlfühlkitsch. Voll in Ordnung, denke ich. Ich könnte mich auch, wie sonst, darüber ärgern, dass die kunstschaffende Oberschicht sich mal wieder selbst egal ist – für Augenblicke aber glaube ich tatsächlich, dass DeMarco einfach die kunstschaffende Oberschicht egal ist. Denn mit dem Titel Salad Days ist genau jene schlabberige Gehaltlosigkeit, das Fehlen von Biss, von Brennwert, also die inhaltliche Anspruchslosigkeit, die der Generation Y so vehement vorgeworfen wird, nicht nur perfekt ausgedrückt, sondern perfekt überzeichnet. Ist DeMarco nun ironisierender Hipster – oder doch die Ironisierung des Hipsters? Man beachte, der Mann trägt keinen Vollbart… Wie auch immer: Er steht in meinem CD-Regal. Ich weiß nicht recht, wie seine Nachbarn dort das so finden, aber der gute alte Henry Rollins hat sich mit der Zeit schon an ganz Anderes gewöhnt.


>> Mac DeMarco, Salad Days (Captured Tracks)

Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

OBERFLÄCHENKULTUR // Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Man nehme eine beliebige alternativkulturelle Zeitschrift, schlage sie wahllos auf, blättere zum nächstbesten Bild und lege dann dieses Buch daneben: Schon macht Antonia Baum mit Vollkommen leblos, bestenfalls tot aus jedem noch so aufwändig als voll natürlich zurechtposierten Lächeln einen Albtraum in Bleaching-weiß (siehe oben). Dieser Roman ist giftig, ätzend, hysterisch und wütend, er will energisch klar machen: Hier gibt´s überhaupt nichts, was voll natürlich wäre, und was zu Lachen erst recht nicht.

Wie man in den Wald ruft, so schallt´s hinaus – Antonia Baum hat folgerichtig viel Geschrei geerntet für ihren Roman, als der vor drei Jahren erschien. Aber auch der Odenwald echote schon mal mit Empörung und Geplärr, das war Anfang dieses Jahres, als Baum einen stinksauren Schimpfbericht über ihre Heimat Odenwaldhölle in der FAZ veröffentlichte, für die Baum seit 2012 als Redakteurin arbeitet. Die Wut in Baums Schreiben ist echt: So zynisch und laut und streckenweise kopflos wie sie wird man nicht einfach so aus stilistischen Beweggründen. Echtheit allein aber schützt nicht vor Eigentoren.

Handlung und Geisteshaltung des knapp 240 Seiten kurzen Romans sind schnell umrissen: Alles Dreck, überall Heuchelei, alle Egoisten – man ahnt, das wird anstrengend. Die erste unerträgliche Lüge, die in dieser Hass-Tirade auf die kaputte hochkulturelle Gesellschaftsschicht ausführlich bejault wird, ist die bloße Existenz der Ich-Erzählerin selbst: Die gutbürgerlichen Eltern hatten sich kein Kind gewünscht, die Schwangerschaft war ein Unfall, das Kind war und ist ein ungebetener Gast auf dieser Welt. Von Geburt an ging es also schon bergab für die junge Protagonistin. Wir lernen sie pünktlich zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs aus der verlogenen Heimatidylle inmitten der Provinz kennen. Die Eltern heißen Carmen und Götz, ihre Wohlstandssymptome lauten Selbstbetrug, Egoismus, krankhafte Fassadenpflege, Empathieunfähigkeit. Die Flucht vor Karrierevater, Heuchelmutter und deren Post-Scheidungs-Neupartnerschaften führt die Ich-Erzählerin allerdings nur noch tiefer hinein ins Herz der Finsternis: in die Großstadt, ins Zentrum einer verdorbenen Kulturschickeria. Dort lauern sie auch schon, die hochkultivierten Raubtiere: der Karrierist und somit die Vater-Kopie Patrick, danach der Lügner Johannes, nebenher stutenbissige Kolleginnen, machtgierige und geldverblödete Chefs und Auftraggeber. All jenen hängt sich die Protagonistin jedoch an den Hals.

Sie hängt eben an dem, was sie hasst. Weil sie nichts anderes kennengelernt hat. So haben das die Eltern vorgelebt, so pflanzt sich das in ihrem Wesen fort. Immer wieder liegt die Schuld bei den Anderen, doch die Ich-Erzählerin seziert auch sich selbst: Sie hegt einen ausgiebig kultivierten Selbsthass, der ihrer klaren Erkenntnis entspringt, die Haut der Eltern zu teilen und nicht aus ihr heraus zu können. Der gnadenlose Detailblick, den die Autorin übrigens perfekt beherrscht, und der ekelerfüllte Widerwille gelten im selben Maße der Protagonistin selbst wie ihrem Umfeld. Auf diese Weise entzieht sie ihrer himmelschreienden Wut jegliche Wirkungskraft und macht sie zu ihrer eigenen Ohnmacht. Zwar mangelt es Vollkommen leblos, bestenfalls tot nicht an Szenen, in denen die Wut sich auslebt – es wird brutal, es gibt Backpfeifen, Biss- und andere Blutwunden -, doch was auch immer die Protagonistin austeilt, fällt in der einen oder anderen Form wieder auf sie zurück. All ihre Wut bewirkt nichts, denn sie schlägt keine Ausbruchsschneise, sondern rotiert, sich endlos fortpflanzend, in ihrem hermetisch geschlossenen Lebensraum, dem höheren Gesellschaftskreis. Ihr Job für ein Kulturmagazin endet, nachdem sie, aus Abscheu vor der sich selbst beweihräuchernden Elite, das Magazin kurzerhand sabotiert. Einen anderen Weg um Geld zu verdienen als indem man für Kulturmagazine arbeitet kann sie sich jedoch schwer vorstellen. Sie verlässt ihren Freund, den Art Director, der sie einsperrt und ausnutzt, um sich kurz darauf auf einen Schauspieler einzulassen, der sie betrügt und ausnutzt. Doch sind auch ihre eigenen Gründe um eine Beziehung einzugehen von anderen Kriterien bestimmt als Liebe. Um die Figuren nicht allzu reißbretthaft zu zeichnen, bemüht sich die Autorin bei jeder einzelnen um eine kurze psychologische Grundlagenuntersuchung: Patrick ist kontrollsüchtig, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Johannes ist bindungsscheu, das liegt an seiner Angst davor allein zu sein. Zu welchen Ergebnissen die weiteren psychologischen Rückverfolgungen führen – und wovor die Protagonistin selbst eigentlich Angst hat -, darf man nun kreativ raten. Ein wenig Leben in die funktionell dargestellten Charaktere bringt Antonia Baum nur an seltenen Stellen, die inmitten aller Aufgesetztheit echte Gefühlsdilemmata vermitteln: Wie sagt man als empathieunfähige Tochter dem empathieunfähigen Vater, dass man ihn lieb hat? Und warum überlegt man überhaupt, bevor man es sagt? Weil es gar nicht stimmt? Oder vielleicht aus Angst vor einer Antwort, im schlimmsten Falle: Ich dich auch?

Hysterische Pauschal-Wut, Überreiztheit und gleichzeitiges Unvermögen sich zu emanzipieren: Kennt man – wir waren alle mal 15. Angesichts jener Symptome, die sich im hyper-emotionalen Sprachgebrauch (Kraftausdrücke inklusive) und dem schonungslosen Erzähltempo widerspiegeln, muss sich der Roman natürlich den Vorwurf gefallen lassen, über das Niveau des Pubertären nicht hinaus zu gelangen. Thema und Ton bedingen sich jedoch gegenseitig, und welchen Zweck erfüllte es, einen höflichen Roman über gesellschaftliche Katastrophen zu schreiben? Die Frage ist eher, welchem Zweck dieser Roman im Ganzen eigentlich folgt: Sind die Katastrophen darin nicht allesamt selbst gemacht, steht am Ende nicht gutbürgerliches Selbstmitleid als Selbstzweck? Auf die gleiche Art gehadert hatte ich auch mit Christian Krachts Faserland: Eine sprachlich und inhaltlich eindrückliche Schilderung der Verkommenheit der Bildungselite, ja, aber von einem Autoren, der die Präzision seines Blicks nur dem Umstand verdankt, Teil ebendieser Elite zu sein. Kritik an einer Welt, die nur sich selbst betrachtet – mittels literarischer Selbstbetrachtung? Einsicht ist der beste Weg zur Besserung, und so arbeitet sich der Antrieb beider Romane engagiert durch verschiedene Ebenen von Einsicht hindurch, versagt aber jeweils auf dem Weg zu einem konstruktiven Fazit.

Man kann mit Recht genervt sein von dieser sich um sich selbst drehenden Suada Antonia Baums. Sie nach ein paar Jahren wieder hervor zu holen lohnt dennoch: Mir ist in letzter Zeit kein Buch untergekommen, in dem sich eine Autorin oder ein Autor unter vollem Einsatz ihrer Wutkräfte so weit und mit so großer Klappe aus dem Fenster lehnen würden, wie es Antonia Baum in diesem Buch getan hat. Mit der Wut an sich bin ich einverstanden, die lässt sich gebrauchen. Aber ich suche nach Autoren und Autorinnen, die dieser Wut auch ein Angebot zur Kraftentfaltung machen, ihr ein Ziel geben, einen Sinn abseits des Selbsthasses verleihen.


>> Antonia Baum, Vollkommen leblos, bestenfalls tot (Suhrkamp) TB € 8,99