Moderne

FABULIERIOSITÄTEN // Mynona, Goethe spricht in den Phonographen (Eine Liebesgeschichte)

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„Es ist doch schade“, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, „daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!“ „Warum?“ fragte Professor Abnossah Pschorr. „Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es ist Manches schade, liebe Pomke.“ „Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!“

Da sich das Fräulein Pomke doch so sehr danach sehnt, Herrn Goethes wahre Stimme einmal zu hören, macht sich Professor Pschorr, der sich doch so sehr danach sehnt, der lieben Pomke einmal näher zu kommen, nun daran, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Die Hoffnung, im Gegenzug von ihr mit herzlicher Zuwendung belohnt zu werden, lässt ihn ein aberwitziges Vorhaben planen und dieses mit Mut und Tücke in die Tat umsetzen.

Professor Pschorr, Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme […] Schwingungen hervor […]. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen.

Das weitere Grübeln des Erfinders fördert allerdings ein grundlegendes Problem zu Tage: Um einen solchen Empfänger auf eine einzelne Stimmfrequenz justieren zu können, müsste diese zunächst einmal genauestens bestimmt werden, wozu ausführliche Studien des dazugehörigen organischen Sendeapparats von Nöten wären – hierfür also müsste Pschorr dem lieben Goethe an die Kehle.

Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, dass ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte.

Nur empfängt dieser Goethe keine Gäste mehr: Der honorige Leichnam steht für Forschungszwecke nicht zur Verfügung; Pschorrs entsprechender Antrag wird in Weimar kategorisch abgelehnt. Daran aber soll es nicht scheitern, befindet der Herr Professor, und so macht er sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit allerlei Einbruchsgerät im Gepäck auf den Weg zur Weimarer Fürstengruft. Der handwerkliche Aspekt des geplanten Einstiegs in die Grabstätte stellt für Pschorr kein Hindernis dar – dafür qualifiziert ihn sein ingenieurstechnisches Geschick. Und darüber hinaus verfügt er über die nötigen psychophysiologischen Fähigkeiten, um die Bewacher der Gruft auszuschalten. In seinem Hotelzimmer übt Pschorr zunächst eine tiefe, sonore Stimmlage und eine geheimratliche Haltung ein. Um Mitternacht dann erscheint er, verkleidet als der leibhaftige alte Goethe, vor der Gruft und setzt die Wächterschaft per Spezial-Hypnose außer Gefecht.

Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben.

[Und überhaupt: Hätte nicht gerade der forschungsbegeisterte Goethe selbst an einem solchen Unternehmen Gefallen finden müssen? Noch dazu, da doch die Gunst einer Frau damit errungen werden soll?] Gleich nach Pschorrs Abreise am nächsten Morgen geht die Erfinderei in ihre heiße Phase über, und bald sind die Kehlkopfrekonstruktion sowie ein Miniaturphonograph mit Mikrophonvorrichtung fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der Erfindung soll in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer stattfinden, wo die höchste Schwingungsdichte der Goethestimme zu erwarten ist. Mit dem Versprechen, ihren Goethe für sie plaudern zu lassen, lädt Pschorr die Pomke zu einem Ausflug nach Weimar ein, wo die beiden mit ihrem Anliegen bei Hofrat Professor Böffel vorstellig werden:

„Was wollen sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?“ „Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.“ „Und sie haben das Modell?“ – „Hier!“ Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.

Anfänglich skeptisch, gibt Böffel seiner Neugier nach; Pschorr darf den sonderbaren Apparat in Goethes Arbeitszimmer zum Einsatz bringen. Der Durchführung des Experiments, bei dem per Blasebalg Luft durch den Kehlkopfapparat gefiltert und die daraus isolierten Stimmschwingungen vom Phonographen hörbar gemacht werden sollen, wohnen Pomke, Böffel und einige Assistenten bei, und tatsächlich werden sie, nachdem Pschorr ein wenig geblasebalgt hat, zu Zuhörern eines der berühmten Gespräche Goethes mit Eckermann. [Eckermann fungierte in jenen Gesprächen sozusagen als Interviewführer, der Goethe, indem er diesem offene Fragen stellte und sachkundig gezielt nachhakte, zu wissenschaftlichen und philosophischen Ausführungen anregte. Diese Unterhaltungen veröffentlichte Eckermann, wie es Goethes Wunsch gewesen war, nach dessen Tod.] Die hier gehörte Passage ist überdies von besonderer Sensation; elektrisiert lauscht das Publikum, wie Goethe sich über die Farbenlehre nach Newton auslässt. [Goethe verteidigte den Wahrheitsanspruch seiner eigenen Farbenlehre gegenüber der Newtons, die seiner vorausgegangen war, wie eine Furie. An Newton selbst ließ er kaum ein gutes Haar. Als begabt zwar, doch nicht schöpfungsbegabt beschrieb Goethe diesen, und so einer – etwas frei formuliert nach Goethes Polemik gegen Newton -, der von Schöpfung an sich schon nichts verstehe, solle doch bitte die Finger davon lassen, die Schöpfung selbst mit seinen eitlen und gar fehlerhaften Erklärungen zu etikettieren. Bisweilen garstig überheblich, strebte Goethe mit seiner eigenen Farbenlehre nichts Geringeres an, als den frei denkenden Dichter als Weltversteher über den begrenzt denkenden Naturwissenschaftler zu erheben. Newton habe, indem er künstliche Versuchsanordnungen zur Erforschung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten verwendete, der Natur, einem Inquisitor gleich, unwahre Geständnisse abgefoltert. Goethe führte dagegen den Ansatz der Aufklärung ins Feld: Aus verengten Blickwinkeln lässt sich kein umfassendes Erkennen erreichen, dazu bedarf es des fragenden Blickes auf die ganze Welt und den ganzen Menschen.]

„Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. […]“ Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte: „Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick meines Lebens.“

Die Zuhörerschaft tobt vor Begeisterung, das Fräulein Pomke allen voran. [Fraglich ist allerdings, ob in diesem Falle nicht vielleicht der Sinn des Ohres insonders der Kritik des Urteils bedurft hätte. Pschorr verstaut seine Gerätschaften nach erfolgreicher Demonstration allzu schnell wieder im Köfferchen und scheint auch zu wissenschaftlichen Plaudereien nicht aufgelegt zu sein. Man erinnere sich außerdem der besonderen Fähigkeiten des Professors Pschorr (nebst dessen eigenen Stimmübungen), der hier geradezu als Magier vor verzaubertem Publikum auftritt. Ob also bei diesem Experiment alles mit rechten, naturwissenschaftlichen Dingen zugegangen ist, sei dahingestellt. Das Fräulein zumindest schwelgt glücklich in kritikloser Sensation. Und was Pschorr ernstlich will, ist eben Pomke.] Nach diesem außerordentlichen Erlebnis machen sich der Professor und sein Fräulein wieder auf den Heimweg, Pschorr bietet der noch vollkommen berauschten Pomke seinen Arm, man schlendert selig gemeinsam umher. Endlich scheint die Gelegenheit zu einem Geständnis günstig:

„[…] Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist Du! Du!“ Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen. „Wie er die R’s betont!“ hauchte sie beklommen. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut: „Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!“

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a.S. schmiß er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf: „Was haben Sie getan?“ „Geliebt“, seufzte Pschorr, „und bald auch gelebet – und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.“ Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs.


Mynona – man lese diesen Namen bitte einmal rückwärts, um ihm auf die Schliche zu kommen – war das Pseudonym des Schriftstellers Salomo Friedlaender (1871 – 1946). Geboren in Posen, kam er zwecks Medizinstudium nach München und Berlin, wechselte jedoch alsbald in die Fächer Kunst und Philosophie. Nach seiner Promotion lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er Freundschaften mit Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Alfred Kubin unterhielt und Raoul Hausmann, Hannah Höch und Paul Scheerbart kennenlernte. Unter seinem Pseudonym schrieb Friedlaender für diverse expressionistische Zeitschriften und war selbst Mitherausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Fachgebiet: Individualistischer Anarchismus). Seine Texte, in denen Expressionismus und Dadaismus, Groteske und Parodie zu erkennen sind, nahmen Einfluss auf die Literarische Avantgarde. 1934 emigrierte Friedlaender nach Frankreich, zwölf Jahre lang lebte er in Paris. Er starb dort in verarmten Verhältnissen.


Die Erzählung findet sich in dieser rundum schönen Anthologie:

>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne, Das große Lesebuch (Fischer Verlag) €14,50

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WORAUF WARTE ICH HIER? // Die Türhüterparabel

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Ein Mann vom Lande verlangt Einlass in das Gesetz. Ein Türhüter verwehrt ihm den Eintritt, merkt aber an, es könne später vielleicht möglich sein, dass der Mann passieren dürfe. Danach aber müsse der Mann an weiteren Türhütern vorbei, einer schrecklicher als der andere. Und so wartet der Mann, vor der Tür, Tage, Jahre, lässt sich immer wieder verhörartig vom Türhüter befragen, ohne dass die Antworten je etwas bewirken würden, und versucht oft, den Türhüter zu bestechen, der zwar alle Güter annimmt, jedoch nie eine Gegenleistung erbringt. An die weiteren Türhüter denkt der Mann vom Lande schon längst nicht mehr. Duldsam wartet er sich vor der ersten Tür zu Tode. Im Sterben fragt er den Türhüter, weshalb nie jemand außer ihm in all den Jahren versucht habe, Einlass zum Gesetz zu erhalten. Der Türhüter antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn, den Mann, und niemanden sonst bestimmt gewesen, und schließt die Tür.

Unter dem Titel Vor dem Gesetz veröffentlichte Franz Kafka diese Parabel zunächst 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr, 1919 erschien sie im Erzählsammelband Der Landarzt. Außerdem bildet sie einen Teil des Romans Der Process, der unvollendet blieb, nachdem Kafka seine Arbeiten daran aufgegeben hatte; dort wird sie dem Angeklagten K. vom Gefängniskaplan erzählt.

Es ist eine dieser Lehrgeschichten, die zum Verrücktwerden gleichermaßen simpel wie vertrackt sind, macht doch der Mann alles richtig und dennoch alles falsch. Welcher Art ist überhaupt dieses Gesetz, und was erhofft sich der Mann von seinem Eintritt? Und war der Eingang nun dazu bestimmt gewesen, von dem Mann betreten zu werden, oder nur dazu, ihn lebenslang warten zu lassen? Die gängige Deutung versteht den Türhüter als eine Prüfung, die der Mann vom Lande wegen seiner Hörigkeit gegenüber Autoritäten, wegen seiner mangelnden Entschlusskraft, wegen seiner bäuerlichen Machtlosigkeit nicht besteht. Von welcher Ebene aus die Geschichte auch interpretiert wird, sei es eine politische, sei es eine psychologische, wie auch immer: Sie wird gelesen als Geschichte eines Scheiterns, und gemeint ist das Scheitern des Einen. An den Türhüter an sich denkt niemand. Es kommt mir vor, als sei die eigentliche Pointe der Geschichte diese: Erst, als der Mann stirbt, wird auch der Hüter endlich von der Türpflicht befreit. Zeugt es nicht selbst von gewohnheitsmäßiger Obrigkeitshörigkeit, dass nie von Zweien (oder, falls die Weiteren nicht bloße Erfindungen waren: von Allen) die Rede ist, die hier jeweils ihr Leben dusselig zu Tode gewartet haben?


Foto: Grebe, 2014

NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

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Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,
Darin ein kurzer, gelber Schein so tot
Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin
Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht
In den öden Straßen und in Gassen krumm.
Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.
Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

Am Wasser, in dem nassen Flackerschein
Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,
Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

Und wenig kleine Lichter sind verstreut
Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig
Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

Der Mond stand auf den Giebeldächern,
Er glänzte tief durch das Geäst
Der hohen Linden und der Nachtwind
Trug ihren Duft zum Fenster her.

Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand
Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.
Und ab und zu huschte ein bleicher Schein
Hinauf, und Donner grollte fern.

Und da, von einem hohen Baum
Ganz nah, löste ein heller Klang
Sich, stieg empor, schwebte im Glanz uns starb.
Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

BRENNSTOFF // Fern-, Frauen-, Feuerweh: Ernst Wilhelm Lotz

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Ernst Wilhelm Lotz,

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen

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Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

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Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

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Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

^

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.


Geboren 1890 in Westpreußen, gestorben 1914 in Frankreich – Ernst Wilhelm Lotz gehörte zu jenen jungen Wilden, die ihr Wüten über den erstarrten Zeitgeist erst in ihre Kunst und dann in ihr Marschgepäck steckten: Aufbruch ins Unverbrauchte! Als Sohn eines Kadettenhausprofessors verbrachte Lotz seine Kindheit an unterschiedlichen Standorten von Kadettenanstalten und schlug später selbst eine militärische Laufbahn ein. Kurz unterbrach er diese für die Kunst, versuchte sich hauptberuflich als Kaufmann und finanzierte so seine Dichter-Existenz. Er übersetzte Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, schrieb selbst einige wenige. Zeitweise lebte er in Dresden in einer Wohngemeinschaft mit dem expressionistischen Maler und Dichter Ludwig Meidner. Bei Kriegsausbruch im August 1914 meldete sich der frühere Leutnant zurück zum Heer und wurde an die Westfront entsendet. Anfang September bereits erhielt Lotz das Eiserne Kreuz – Ende September fiel er während eines Angriffs nahe Bouconville.


Bild: Kunstschmiede Brandtbart

HANNOVER // Gerrit Engelke und der Lärm des neuen Europa

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Sucht man nach Dichtern, die in einer Verbindung zu Hannover stehen, springt zunächst Kurt Schwitters ins Sichtungsfeld und nimmt dort einen großflächigen Platz ein. Das Aushängeschild hannöverscher Dichtung schreibt sich, von hinten wie von vorne, A-N-N-A. Irgendwo in Frau Blumes Schatten entdeckt man als nächstes den kleinen, volkstümelnden Ludwig Hölty mit seinen kleinen Frühlingsblumen. Direkt daneben aber taucht Gerrit Engelke auf, und da ist dann Schluss mit Blümchen, da qualmt es aus Fabrikschloten, röhrt es aus Hochöfen, jaulen die Maschinen und dröhnen die Schritte des Arbeiterheeres.


Gerrit Engelke, Der Mittler

Dich, Dichter und Denker,
Umstürzt das tosende Meer der Lärm-Welt:
Kreischende Wellen, zischende Gischt hasten wie Springflut,
Dich umbrüllend, dir zu.
Wellen um Wellen schleudert die Welt um dich auf:
Fabriken, von fauchenden Eisenbahnen durchtummelt,
Laufende Menschen, schreiende Menschen,
Ineinander geschobene Pferde und Wagen,
Straßenbahnen,
Aufgesprengte Domtürme, Sing-Prozessionen,
Boot-Gewimmel,
Dampfer mit Heul-Sirene,
Und Qualm, Lärm, Qualm, Hammerlärm –
Alles
Stürzt zusammen
Und fällt hämmernd rasselnd blitzend schreiend
Über dich her!

Da faßt dich eine rasende Springwoge
Und schleudert dich hoch!
Höher –
Ein letzter Gischtspritzer leckt dir den Fuß
Und – da schwebst du in Sphären-Klarheit
Erlöst über der Dampf-Welt,
Über der Kampf-Welt da unten, tief unten –
Sink wieder hinab,
In die Welt,
Dichter und Denker!
öffne den Menschen
Die Sinne mit deinem Wort,
Laß sie erkennen, die Menschen,
Den Welt-Trieb-Geist,
Den Gottgeist.


>> Gerrit Engelke (1890, Hannover – 1918, bei Cambrai), der nach der Volksschule eine Malerlehre absolviert hatte, betrieb eine agitationsferne Form der Arbeiterdichtung, die, anstatt sich politisch zu positionieren, nach einem angemessenen Ausdruck für die sich wandelnden Verhältnisse suchte. Richard Dehmel, den Engelke 1913 kennengelernt hatte, verhalf ihm zu ersten Veröffentlichungen in Paul Zechs Zeitschrift Das neue Pathos. Dadurch entstanden Kontakte, die Engelke zu den Werkleuten auf Haus Nyland führten, einem dem Themenkomplex Industrie/Kunst verpflichteten Zirkel aus bürgerlichen und arbeiterschaftlichen Schriftstellern, Dichtern, Malern, Gebrauchskünstlern und Architekten, dem Engelke später selbst beitrat. Seine Texte erschienen von da an auch in der von den Werkleuten herausgegebenen Quadriga. 1916 veröffentlichten er und Heinrich Lersch, ein Kesselschmied und Lyrik-Autodidakt, sowie Karl Zielke gemeinsam den Band Schulter an Schulter – Gedichte von 3 Arbeitern. Zu weiteren Veröffentlichungen kam es nicht mehr: Gerrit Engelke wurde zum Kriegsdienst einberufen und starb, nahe dem heftig umkämpften französischen Cambrai, nach schwerer Verwundung in einem Lazarett der Briten. 1921 wurden die Gedichte aus seinem Nachlass unter dem Titel Rhythmus des neuen Europa von Jakob Kneip, einem Mitglied der Werkleute, herausgegeben.


OSTWÄRTS // Radnótis Schritte

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Seine ersten Gedichte veröffentlichte Miklós Radnóti (geb.1909 in Budapest, gest.1944 bei Abda) Ende der 1920er Jahre. In den anschließenden Jahren erschien seine vom Expressionismus beeinflusste, mitunter wegen Obszönität verbotene Lyrik in hoher Schlagzahl. Junger Dichter, wildes Schreiben.

Im Gedicht Nicht einmal der Wind bläßt hier wird, erinnernd an Alfred Lichtensteins Sommerfrische (wo es heißt: Wär doch ein Sturm…), ebenso nach Aufruhr verlangt, hier jedoch möchte das Ich selbst die aufrührende Kraft sein: bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien als Sonne scheinen. Ostwärts gehen, sonnenaufgangwärts sehen.


Nicht einmal Wind bläßt hier  (1931)

Alles schläft hier, auch zwei Blumen, schnaufend, lehnen sich aneinander, träumen von Regen, erschauern und dehnen sich; bezahlt mir nur zwei starke Schuhe, und ich gehe nach Indien als Sonne scheinen, wo auf weißen Straßen morgens der Aufruhr umläuft mit den jungen Massen in seinem schönen Rothaar! oder ich glänze als Schnee auf Siebenbürgens Firsten, wo in die bestickten Röcke der Balladen schwarz der Nachtwind bläst, denn nicht einmal mehr Wind bläst hier! bäuchlings liegt hier der Sonnenschein auf den Straßen und kratzt sich, von großen Dingen träumend, am Hintern.


Der große Aufruhr wird kommen und ins Entsetzliche umschlagen, er wird Radnóti wegen dessen jüdischer Abstammung verfolgen, ihn zum Zwangsarbeiter in serbischen Kupferminen machen und ihn schließlich westwärts, untergangwärts auf einen allesfressenden Gewaltmarsch schicken, den zum Schluss die Erschießungskommandos in Massengräber umleiten werden. In einem solchen wird man 1946 bei Exhumierungsarbeiten in Westungarn Radnótis letzte Gedichte auffinden. Untergegangenes, Wiederaufgegangenes.


Gewaltmarsch (1944)

Verrückt ist, wer, gestürzt, sich erhebt und weiterschreitet, Knöchel und Knie knickt, trotzend dem Schmerz, der ihn durchschneidet, und weiterschreitet, so als würden ihn Flügel heben, umsonst ruft ihn der Graben, er wagt nicht, nicht zu leben. Vielleicht sagt er dir, was ihm solch Weitermühn gebot: die Frau, die auf ihn wartet und einst ein weisrer Tod. Dabei ist er verrückt, der Gute: in seinem Heim gehn Brandwind, Staub und Asche sonst niemand aus und ein. Die Rückwand fiel zerstückelt, geknickt der Pflaumenbaum, voll Angst die stillen Nächte verloren ihren Flaum. Könnt ich doch glauben: Nicht nur im Herz blieb unversehrt das Heim, die Heimat, alles was uns im Leben wert, und man zurückkehrn könnte und sitzen hinterm Haus; friedlich die Bienen summen das Pflaumenmus kühlt aus, Altweibersommer sonnt sich, ein Ast im Garten knackt, in den Laubkronen wiegen sich Früchte prall und nackt und Fanni steht und wartet blond vorm Rotdornenhag, und langsam Schatten schreibt der langsame Vormittag. – Vielleicht kann’s doch so werden der Mond strahlt brüderlich. Freund, bleib doch stehen, ruf mich an: ich erhebe mich!


WERK+ZEUG // Theodor Däubler, Die Schraube

Für jedes Werk, das es zu schaffen gilt, braucht es das passende Zeug. Allein die zweckorientierte Nutzung von Zeug unterscheidet so streng nicht den Menschen vom Tier – das entstandene Werk, das allerdings macht den Menschen aus. Vielleicht sollten wir unser Werkzeug, etwas ehrfürchtiger, eigentlich Menschzeug nennen?

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Theodor Däubler, Auszug aus Die Schraube (1916):

Die Sterne sind die Vorläufer der Schraube: des Menschen erstes Sternbekenntnis war auch für die Schraube ihr Vorhandensein. Der erste Stern ist überhaupt des Menschen Wunsch zu fliegen: und das, was über uns in heller Schrift am Himmel steht, ist nur das Vorbild zur Schraube. Die Scheinbarkeit der Sternverzackung kann das All befliegen. Die Sterne stehn wartend über den vergangnen Schmieden. (…) Über der Schmiede steht in der höhern Ebene der Dichtung ein Stern. (…) Nun aber verheißt der Mensch sein eignes Sternbild: alle Wirbel der Schraube heißen Sternung: sämtliche Flüge über den Ozean heißen Sternung. (…) Die Erfindung der Schraube hat das Ende der Höllenangst ausgeprägt. (…) Und unsre Begeisterung, unsre Erwartung und Beharrlichkeit vor einem Flug, hat sie nicht andre Erseelungen im Menschen angeregt? Wird nicht die Frage überhaupt, die Frage über unsre Zeit ein Feuersein? (…) Die Erde ist der Wunsch des Menschen: und der Wunsch des Menschen ist von sich aus regsam und belebend, leichterweckt und schwankend: es gibt gar keine Erde, sondern bloß ein Erdbeben. Auf dem Wunscheswesen, das wir selber sind, besteht aber der stille Stern, dem wir, aus uns hervorgewünscht, fern zufluten, den wir, innerlichst stumm, umgluten. Alle Sternschifffahrt über uns führt und sprüht nur mit einem Wunsche fort, hinter dem der Zielstern leuchtet. Aber er zittert noch im Ich. Darum führen alle Wanderringe bloß zum Wandernden zurück. Laßt sie fliegen, Eure Drachen, gebt Euch auf in Pilgerstimmen!, was ihr freigebt, will, weil wunschgewesen, doch nach Haus zum Sterne, und der Stern ist deine Zielverheißung tief im Ich.


>>  Der österreichisch-deutsche Schriftsteller und Kritiker Theodor Däubler (1876 – 1934) wurde zu Lebzeiten durch sein dreibändiges Versepos Das Nordlicht bekannt, woran er über zehn Jahre lang gearbeitet hatte, bis es 1910 erschien und vor allem von seinen literarischen Kollegen gefeiert wurde.

>> Der Text Die Schraube findet sich in: Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne – Das große Lesebuch (Fischer Verlag), kartoniert, € 14,50 – ein Buch, das ich nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Mal hier empfehle, da es eine meiner liebsten Immer-wieder-Lektüren ist.

LONESOME TRAVELLER // „Wie eine Dampflok, die hundert Waggons zieht“…

…so, sagte Jack Kerouac, schrieb er diese acht autobiografischen Prosaskizzen, die in Lonesome Traveller zusammengefasst sind. Voll angefeuert also, schnaufend, rackernd, kraftsprotzend. Filigranität und Feinsinn? Pah. Damit besitzt Lonesome Traveller keinerlei Sonderstatus unter Kerouacs Werken – es ist sein neuntes Buch und es zeigt im gleichen Maße wie die vorangegangenen und die nachfolgenden Titel, dass Kerouac eben nur eine einzige Gangart kannte: Volldampf.


Da ich als Kind nicht besonders leseaffin war, gab es kaum eine Handvoll Kinder- und Jugendbuchhelden, die sich als Wegbegleiter in mein Leben hineinschmuggeln konnten. Einer, der es trotzdem geschafft hat, meine Hand zu fassen zu kriegen und mich mitzureißen, war Huckleberry Finn. Eine Allegorie der Anarchie, ein, im Wortsinne, junger Wilder, ein Sinnbild sicherlich des ungezähmten Amerika – für mich damals in erster Linie aber einfach einer, mit dem ich gern gemeinsam auf endlose Streifzüge durch die Gegend gegangen wäre. Ich mochte sein furchtloses und unverwüstliches Wesen, sein struppiges Haar, die löchrigen Hosen, die dreckigen Finger. Alles in allem: seine Unabhängigkeit – und wenn dieses Zauberwort auch nicht allein den Amerikanern gehört, so besitzen die großen amerikanischen Autoren doch speziell hierfür einen besonderen Sinn.

Irgendwann war ich plötzlich älter als der gute alte Huck, und der konnte seine Funktion als Großer-Bruder-Figur somit nicht mehr so recht erfüllen. In diese Bresche sprang später Jack Kerouac – für mich die logische Fortführung des Prinzips Huckleberry Finn im frühen Erwachsenenalter. Eine ebenso uramerikanische Figur, eine ebensolche Verkörperung von Unbezähmbarkeit und Unabhängigkeit. Beiden gemeinsam ist dabei einerseits die überromantisierte Darstellung dieser Unabhängigkeit, was sich bei Kerouac bis in die Verblendung hineinsteigert, andererseits aber auch die Einbeziehung der Kehrseiten des Lebens als Unbezähmbarer: Bei Huck Finn spürt man trotz aller Rotzlöffeligkeit dennoch die Verlorenheit und Verletzlichkeit des elternlosen Kindes heraus, und bei Kerouac lauten die Begleiterscheinungen seines entgrenzten Lebens Alkohol- und Drogenmissbrauch, körperliche wie seelische Defekte, Bindungslosigkeit sowie Beziehungshorror.


In Lonesome Traveller gibt Kerouac einleitend eine Art steckbriefliches Portrait von sich selbst und seinem literarischen Werk ab, dessen letzter Punkt die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses, seines neuesten Buches ist:

Lonesome Traveller ist eine Sammlung veröffentlichter und unveröffentlichter Stücke, die ein gemeinsames Thema verbindet: das Reisen. Diese Reisen führen quer durch die Vereinigten Staaten, vom Süden zur Ostküste zur Westküste in den entlegenen Nordwesten, durch Mexiko, Marokko in Afrika, London, per Schiff durch den Atlantischen und Pazifischen Ozean, und sie machen mit allerlei interessanten Menschen und Städten bekannt. Arbeit bei der Eisenbahn, Arbeit auf See, Mystizismus, Arbeit in den Bergen, Geilheit, Solipsismus, Hemmungslosigkeit, Stierkämpfe, Drogen, Kirchen, Kunstmuseen, Großstadtstraßen, der Lebensmischmasch eines selbständig gebildeten mittellosen und nach allen Seiten offenen Lebemannes.

Nun, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen: Ganz ähnlich wie Eichendorffs Taugenichts zieht es auch Kerouac in alter, romantischer Grand-Tour-Manier hinaus in die Welt, auf dass er sie kennenlerne. Wo der Taugenichts allerdings eher hineinstolpert  – etwa in die verwickelte Liebesgeschichte zu seiner Aurelie -, stampft Kerouac mit viel Schmackes und ohne Rücksicht auf eigene oder Anderer Verluste voran. Immer stehen Fernweh und Frauen einander im Wege, rastlos tingelt er von Land zu Land, von Job zu Job, auch von einer Dummheit zur nächsten.

Im Kapitel Piere der heimatlosen Nacht will er auf einem Schiff anheuern, auf dem ein Kumpel unterwegs ist, für den er auch noch eine Waffe abholen soll, was er aber vertrödelt, woraufhin die beiden sich verzanken, ungeachtet dessen aber doch wieder irgendwo in Downtown gemeinsam versacken, wodurch sie beinahe das Auslaufen des Schiffes verpassen, auf dem Kerouac am Ende dann doch nicht mitfahren darf. Fellachen in Mexiko ist eine Liebeserklärung an das Land südlich unterhalb der USA, das sich zu jenen zu verhalten scheint, wie das brodelnd lebendige Unterbewusste sich zur glatten und leblosen Fassade eines gepflegten menschlichen Äußeren verhält: Kerouac beschreibt Stierkämpfe, öffentliches Leben, Verwurzelung in ehrlicher Religiosität, indianische Drogen. Um ein klassisches amerikanisches Motiv, die Eroberung des Kontinents per Lokomotive, dreht es sich in Die Eisenbahnerde. Schlamper der Küchensee ist ein Ausflug in Kerouacs Zeiten als Kabinenstewart bei der Marine. Kerouacs literarische und musikalische Zeitgenossen, seine Beatnik-Freunde, tauchen in den New Yorker Szenen auf: hübsche Mädchen, Trinker und Tunichtgute, Thelonious Monk spielt dazu am Klavier, Allen Ginsberg und John Coltrane sind auch dabei und alle, die es unverwechselbar machen, das Nachtleben der Beats in New York. In Allein auf einem Berggipfel hat Kerouac allerdings genug von dem ganzen New Yorker Trubel und will für sich sein, in der Natur: Er bewirbt sich beim Landwirtschaftsministerium um einen Job als Brandwache in den Wäldern des Nordwestens, er schreibt über die Reinigung der Seele durch die reine Naturerfahrung, über Floßfahrten, Lagerfeuer-Kaffee, wohlige Langeweile und er schreibt dieses:

Ein Grashalm, der in den Winden der Unendlichkeit schwankt, verankert in einem Felsen, und für dein eigenes armes Fleisch gibt es keine Antwort. Deine Öllampe brennt in der Unendlichkeit.

Die Große Reise nach Europa führt Kerouac – nach den Bergen – wieder auf See, mit dem Schiff nach Marokko, von dort nach Marseille und schließlich nach London. Abschließend behandelt er in Der amerikanische Tramp verschwindet unter Anderem die gar nicht so schwierige Frage nach dem Unterschied zwischen Jesus, Buddha und einem beliebigen anderen Landstreicher.

Im Grunde nichts Neues also in diesem Buch, nichts, was Kerouac nicht so oder so ähnlich schon einmal  andernorts geschrieben hätte. Das rastlose Reisen aber war sein Lebensthema, weil es schlichtweg sein Leben war. Nur, wo führte es ihn hin? Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein: In die Welt gehen und sein Glück machen, das gehört zu unseren Initiationsriten, wie die erste Liebesbeziehung, der erste Alkoholrausch, erster Ärger mit den Behörden und Autoritäten, ekstatische Erst-Erfahrungen mit Kunst und Musik. Von Allem genug erlebt für ein ganzes Leben hätte Kerouac schon nach ein paar Jahren Reiserei und Raserei, aber er bekam eben nie genug. Als Kerouac Lonesome Traveller verfasste, war er 38 Jahre alt und hatte sich bisher mit nichts Anderem als dieser Art zu leben befasst. Der Bruch, den das Erwachsenwerden und das Überschreiten der Grenzen, hinein in ein unabhängiges Leben, bedeuten, fällt bei manchen radikaler und ungezügelter, bei manchen wiederum viel gemäßigter aus. Kerouac kam über diesen Bruch nicht hinüber und verblieb einfach in dieser so aufregenden wie kräftezehrenden Lebens-Testphase – vielleicht auf Kosten einer Form des Erwachsenwerdens, die es ihm ermöglicht hätte, mit 47 nicht so ausgebrannt zu sein, wie er es bei seinem Tod war. Für diejenigen, die – wie ich – gern älter als das werden und dabei möglichst weniger kaputtgehen möchten, funktioniert er immerhin hervorragend als eine Art Stellvertreter in Sachen Abenteuer.


>> Jack Kerouac, Lonesome Traveller (Rowohlt) €6,95

LONESOME TRAVELLER // Bruce Chatwin, In Patagonien

Einmal Alleinreisender sein, unterwegs in eigenem Auftrag, in odysseeischer Mission sozusagen: um sich zu verlieren und sich in der Verlorenheit ganz neu zu finden und zu erfinden. Der romantischen Idee nach erfordert eine solche Reise als Begleiter lediglich ein leeres Notizbuch, außerdem eine möglichst grob gehaltene Reiseplanung und eine Menge freier Zeit. Man wähle nun bitte auf einem gedachten Globus das Gebiet mit der, aus individueller Sicht, stärksten traummagnetischen Anziehungskraft und schwelge sich fort.

Vielleicht waren die guatemaltekischen Sorgenpüppchen aus dem Weltladen, die meine erste kindliche Begegnung mit der Idee von Weite Welt verkörperten, schuld daran. Vielleicht auch nur dieser Tim-und-Struppi-Film, der so schön schauerlich damit beginnt, dass sieben Forscher mit einem Schlaf-Fluch der alten Inka belegt worden sind, nachdem sie ein Grab in einer Tempelanlage ausgehoben hatten, woraufhin sich Tim, Haddock und Co. nach Peru begeben um sich Im Sonnentempel mal genauer umzusehen (aber wenn dies als kindiche Vorbereitung auf spätere Vorlieben gesehen werden könnte, dann vielleicht eher als der Einstieg in mein jugendliches Idiana-Jones-Faible). Doch um ehrlich zu sein habe ich schlichtweg keine Erklärung dafür, woher der ominöse Südamerika-Tick rührt, den ich seit jeher pflege. Sicher ist nur: Als ich als Jugendliche Julio Cortazár in die Finger bekam, riss das alle Tore in mir auf und bewirkte, dass sich Südamerika endgültig als mein erklärter Sehnsuchtsort manifestierte. Hörte ich in der Oberstufe von Anderen, sie gingen für ein Jahr nach Chile oder Argentinien, bekam ich feuchte Augen – ich selbst lernte allerdings nicht einmal ordentliches Spanisch. Schmachtend kleben meine Augen an jedem Bildband über mexikanische Kitschkunst oder die Horizonte Feuerlands – niemals spare ich aber auch nur einen Euro auf mein Ticket nach Valparaiso, Buenos Aires oder Montevideo. Dieser Schizophrenie meiner Liebe liegt wohl die Ahnung zu Grunde, dass man ein Phantom zwar begehren, aber nicht heiraten kann: Die Erfahrung des Echten wäre in diesem Fall der Tod eines viel zu wunderbaren, viel zu sehr geliebten Falschen.

Bruce Chatwin beginnt seinen Reisebericht In Patagonien mit einer Kindheitserinnerung, die in ihrer Funktion als Türöffner bereits darauf vorbereitet, dass dieses Buch anderen Regeln und Mustern des Erzählens folgt als Reiseliteratur im üblichen Sinne:

Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut. Es war nur ein winziges Stück, aber dick und ledrig, mit Strähnen borstigen rötlichen Haars. Es war mit einer rostigen Nadel an einer Postkarte befestigt. Auf der Postkarte standen in verblasster schwarzer Tinte ein paar Worte, aber ich war noch klein und konnte noch nicht lesen. „Was ist das?“ „Ein Stück von einem Brontosaurus.“

Der vermeintliche Brontosaurus stamme aus Patagonien und sei von einem Cousin der Großmutter, Kapitän Charley Milward, aus ewigem Gletschereis befreit, zerlegt, eingesalzen und in Fässern verpackt nach South Kensington ins Naturhistorische Museum verschickt worden, überdauert habe allerdings nur der speziell präparierte Hautfetzen – so weit die Familienlegende. Und somit offenbart sich auch die Quelle von Chatwins Faszination für den südamerikanischen Kontinent als Episode, die dem Reich der Märchen näher steht als der Realität. Später wird sich das Brontosaurus-Präparat als Teil eines historischen Riesen-Faultiers erweisen, was den Gegenstand beinahe vollständig seiner nahezu magischen Aura beraubt. Die Lebensgeschichte des Charley Milward dagegen – Kapitän eines Handelsschiffs, Überlebender eines Schiffbruchs in der Magellan-Straße, später Eigner einer Schiffswerft in Punta Arenas – bietet abenteuerromantischen Fantasien nachhaltige Nahrung. Und als der Kalte Krieg Chatwins Kindheit in Form von schulischen Vorträgen über ein im Nuklearbombeninferno versinkendes Europa heimsucht, wird das so ferne, mythisch verklärte Patagonien für den Jungen zum Zentrum seiner kindlichen Auswandererpläne.

Als Chatwin Ende 1974 seine lange Reise quer durch den Süden von Chile und Argentinien tatsächlich antritt, ist die Fundstätte des Brontosaurus bezeichnenderweise unter seinen gesteckten Zielen ebenso vertreten wie die Wirkungsorte des Charley Milward. Was Chatwin sucht und was er findet, ist ein von persönlichen und gesellschaftlichen, kulturellen, geschichtlichen Mythen gestaltetes Stück Erde. In Patagonien liest sich folgerichtig nicht wie eine informative Reisebeschreibung für den interessierten Touristen. Vielmehr ist es ein autobiographisch orientierter Erlebnisbericht, dessen Wahrheitsgehalt sich im Übrigen nur schwer bestimmen lässt, was der Wahrhaftigkeit des Erzählten allerdings keinen Abbruch leistet. Es liefert keine zusammenfassenden, auf Allgemeingültigkeit zielenden Beobachtungen, die gewissenhaft aus den Metropolen, den abseitigen Landstrichen, den touristischen Ortschaften zusammengetragen worden wären und Land und Leute zu portraitieren versuchten, sondern spürt das Atypische auf und das Anekdotische, es befasst sich mit den menschlichen und gegebenheitlichen Sondererscheinungen, die Chatwin im Laufe seiner Reise entdeckt. So verwundert auch nicht, dass Daten zu geographischem oder zeitlichem Verlauf der Reise kaum genannt werden – sie spielen, wenn überhaupt, nur eine zweitrangige Rolle, zurücktretend hinter der Fokussierung auf eine scheinbar von Zeit und Raum gelöste Erlebnisebene. Essay, Tagebuch, Geschichtsschreibung und Reisebericht vermischen sich mit einer guten Portion Fiktion, das Ergebnis ist ein sprachlich eleganter Hybrid aus Dokumentation und Dichtung.

Das Mylodon, so der wissenschaftliche Name des in diesem Kontext so schicksalsträchtigen Riesen-Faultiers, gedieh auf dem gesamten südamerikanischen Erdteil hervorragend, solange sich dieser in geographischer Isolation befand. Zum Verhängnis wurde dem Mylodon das tektonische Zueinanderstreben der beiden amerikanischen Kontinente, welches schließlich das Entstehen einer Landverbindung bewirkte; erfolgreiche Karnivoren aus dem Norden überrannten von nun an den Süden und veränderten die Entwicklung der ansässigen Fauna im Sturm.
Die Verschwindensgeschichte des Mylodons übernimmt innerhalb Chatwins zeitüberspannenden Erzählens die Aufgabe eines gedanklichen Leitbildes: Hier versammeln sich Berichte, in denen sich Epochen- und Strukturwandel, Untergänge und Aufstiege spiegeln. Nahtlos vom Mylodon zur argentinischen Militärdiktatur zu wechseln, die sich 1976, während Chatwin also von Nahem zuschaute, etablierte, erscheint somit nur auf den ersten Blick als konzeptlos und zusammengewürfelt. Tatsächlich erzählt Chatwin so, in spielerisch skizzierter Form, die Geschichte jenes Erdteils als eine Geschichte radikaler Wechsel der herrschenden Kräfteverhältnisse. Blutige Eroberungsschritte durch menschliche Invasoren säumen hier den Horizont. Die Conquistadores und die Christianisierungswalze in ihrem Schlepptau bringen flächendeckende Verheerung übers Land. Herbe (ziemlich detailverliebt von Chatwin portraitierte) Einwanderer aus Übersee – Waliser, Schotten, Deutsche, Russen und Andere – verdrängen mit ihrer schieren Masse und Zähigkeit die Ur- und Zweitbevölkerung; sie selbst, deren Ursprungsheimatländer zuvor oftmals ähnlichen Wechseln unterlagen, fürchten wiederum die Landreformen, die nach dem Militärputsch für eine totale Umverteilung sorgen könnten. Texanische Gringos, französische Hochstapler, deutsche Vagabunden schillern in lokalen Legenden auf, die Chatwin in seine Erlebnisschilderungen einflicht. Verbrieftes und Verklärtes gehen Hand in Hand: Eine Estanzia, auf der durch gewaltsame Übernahme eine kommunistische Enklave eingerichtet worden war, währte exakt so lange, bis von den neuen Machthabern das letzte Stück Vieh verspeist wurde, und löste sich dann, zwangsläufig, in revolutionäre Luft auf. Ein Indianer, der von Charles Darwin auf der Beagle als Vorzeigeexemplar eines bekehrten Wilden über die Weltmeere bis nach England verschleppt worden war, bildete sich schließlich so viel auf seinen Sonderstatus als Zivilisierter ein, dass er, wieder daheim bei seinen Landsleuten, den Yaman, in Schwermut verfiel und eines Tages, aus Ärger über aus England erhaltene Geschenke, die ihm zu läppisch vorkamen, ein Blutbad unter den ortsansässigen Missionaren anrichtete. Eine Engländerin, der Chatwin einen Besuch abstattet, erzählt von ihrer in spätem Alter angetretenen Reise durch die Gärten dieser Welt, ohne Vermögen, ohne Ziel, ohne Option auf Rückkehr in ein Zuhause. Interviews und Seemannsgarn, Mythen und Fakten, Erlebtes und Geträumtes.

Und Chatwin selbst? Schwebt mehr als allwissender Erzähler denn als leibhaftiger Reisender seltsam unberührbar über den Dingen. Mit eigenwilligem Esprit zeichnet er die Szenerien dieses Landes aus unverbrauchten Blickwinkeln. Trotz seiner radikal subjektiven Betrachtungsweise, der er mit federleichter Hand einen dichterischen Ton verleiht, bewahrt sich Chatwin gegenüber dem Leser eine gewisse Unnahbarkeit, als Person tritt er kaum einmal erkennbar hervor, eher nimmt man ihn als alles verbindende Substanz wahr: der Erzähler als Bindemittel einer großen, ewig fließenden Geschichte.

Ergänzend finden sich im Innenteil Fotoaufnahmen, die Chatwin während dieser Reise machte. Kein prächtiger Bildteil, sondern rätselhaft anmutende Ausschnitte aus Szenen, die Chatwin unterwegs erlebte: die Gute Stube eines Farmhauses, ein mitten im Nirgendwo abseits gestellter Bauwagen, stumme Felsen. Wohltuend unspektakuläres Bildmaterial, das die gefühlte Nähe zum fernen Kontinent noch vergrößert.


>> Bruce Chatwin, In Patagonien (Rowohlt), kartoniert €8,99

WORTSINNE // Arthur Schnitzler, Ich

Arthur Schnitzler Erzählungen

Bis zu diesem Tage war er ein völlig normaler Mensch gewesen.

So beginnt Arthur Schnitzler diese Novelette namens Ich. Allein jenes einzelne, dreibuchstabige Wort genauer zu betrachten genügt bereits, um manchen Verstand völlig auf den Kopf zu stellen. Diese Kurzerzählung gehört zu meinen Lieblingstexten überhaupt; Schnitzlers Gabe, mit unauffälligen Mitteln nachhaltige Verunsichertheit zu erzielen, kommt darin voll zur Geltung: Das Unheimliche tritt im Vertrauten zu Tage, die Säulen des Normalen werden zersetzt. Im Verlauf nur weniger Seiten skizziert Ich den plötzlichen Absturz einer gefestigten, gesicherten Existenz in den Wahnsinn. Auslöser: ein Wort auf einer Tafel im Park. Ein anderes allerdings als Ich – dem begegnet man erst als Abschlusswort der Erzählung wieder. Dort, am Ende, fragt man sich dann, wie einer sich bloß so verzetteln konnte und ob Wahnsinn wohl lediglich der Superlativ von Ordnung ist.

Der kleinbürgerliche Protagonist, dessen Namen wir nicht erfahren, durchlebt genügsam und sehr zufrieden seinen Familien- und Arbeitsalltag. Eine gute Ehe, ohne Mißverständnisse und ohne Unzufriedenheiten, heißt es da. Der Umgang mit den zwei Kindern ist unaufgeregt, fröhlich, herzlich. Die Mittagspausen verbringt der Vater daheim, Zeit für harmlose Unterhaltungen mit der Frau, die Kinder berichten freimütig vom Tag in der Schule, der Vater erzählt die ein oder andere unverfängliche Episode aus seinen heutigen Begegnungen mit der Kundschaft, die er als Abteilungsvorstand, sogenannter Rayonchef in einem Warenhaus mäßigen Ranges macht. Die Routine ordnet das Leben in angenehmer Weise: Jeder Tag folgt einem gewohnten Verlaufsmuster, Schwiegermutter und Schwägerin werden regelmäßig zum Tee geladen, Theaterbesuch oder Operette an jedem zweiten Samstag im Monat, anschließend Besuch in einem bescheidenen Restaurant.
Eine feste Sonntagsgewohnheit des Protagonisten ist der morgendliche Spaziergang durch den Park, wo er während seiner Flanierrunde mit Bekannten plaudert. Am bewussten Tag seines geistigen Verhängnisses entdeckt er an einer ganz und gar gewöhnlichen Bank eine Tafel mit krakeliger Aufschrift. Bank steht da – so einfach und offenbar, wie eben die Bank selbst da im Park steht. Wozu nur diese Benennung? Nun, vielleicht ist es gar keine solche Dummheit wie zunächst gedacht, ein jedes Ding genau zu benennen; womöglich geschähen ohne gewissenhafte Benennungen die seltsamsten Unglücke? Am Teich sitzend sinniert der Protagonist plötzlich staunend über die Ungenauigkeit, die Unzulänglichkeit des gewohnten Blicks auf die Dinge. Der Teich, ist der nicht gleichzeitig ein Meer? Freilich nur für die Eintagsfliege, aber doch! Und ist, was wir Tag nennen, für die Eintagsfliege nicht wie ein hundertjähriges Leben? Woher im Übrigen kann man sicher sein diesen Teich nicht etwa nur zu träumen? Träumt man am Ende womöglich auch sich selbst und glaubt nur fälschlich, man lebe?
Wieder daheim, liest er in der Zeitung, liest Namen von Schauspielern und Operettensängerinnen; manche stehen sogleich bildhaft vor ihm, andere bleiben Buchstaben. Mag sein, dass ein Mensch, über den er gerade in der Zeitung liest, just an einem Herzinfarkt verstorben ist, und nun gibt es jenen Menschen gleichzeitig als tot und als Bild, das ihn lebendig zeigt, und außerdem als Gedanken, der sich ihn in Lebendform einbildet. Er liest auch vom Erdbeben in San Francisco, und er sieht dabei mehrere, nämlich ein wirklich geschehenes, ein geschriebenes, ein vorgestelltes Erdbeben. Die Verschiebungen und Verkürzungen, die zwischen Ereignissen und deren Beschreibungen bestehen, spalten die Welt auf in unzählige Ebenen von Wahrheit. 
Sicherheit wähnt der Protagonist nurmehr in der Unmittelbarkeit zu finden: Er beginnt, sein direktes Umfeld zu beschriften. Im Kaffeehaus gerät er ob eines Fräuleins zwar kurzzeitig in die Nähe einer Verzweiflung – Die Frage war jetzt nur, was für einen Zettel man ihr ankleben sollte. Magdalene? Fräulein Magdalene? Oder Sitzkassiererin? Jedenfalls war es unmöglich, dieses Kaffee zu verlassen, ehe er sie richtig bezeichnet. –, beruhigt sich aber damit, mit seinem Bleistift entschieden Tisch über die ganze Breite der marmornen Platte schreiben zu können, von der gerade eben sein Kaffeegeschirr geräumt wurde. Wieder daheim, versieht er den gesamten Hausstand mit Benennungszetteln. Am Nachmittag beschriftet er Schwiegermutter und Schwägerin, die zum Kaffee gekommen sind, am nächsten Morgen die Kinder, ehe sie zur Schule gehen, im Geschäft besteht er auf Einzelbeschriftung jedes Artikels und jeder Verkäuferin. Der Arzt, den die Ehefrau zur Mittagszeit nach Hause bestellt hat, findet den Mann mit einem Zettel auf der Brust, auf dem mit großen Buchstaben steht: >Ich<.


>> Die Erzählung Ich findet sich in der Sammlung Arthur Schnitzler, Traumnovelle und andere Erzählungen (Fischer Verlag), inzwischen als kartonierte Ausgabe unter Fischer Klassik, €12,00