Lyrik

SPÄTSOMMER // Lack und Leben

Garten3

Sommerhitze ist wie Fieber – macht schwitzig und lähmt. Manche haben das gern. Andern ist das, wie in vormoderner Zeit, ein Begleitzeichen von Seuche und Verfall. Hitze ist Lust und/oder Leid. Hitze ist Hochdruck. Hitze ist Dringlichkeit: Trinken Sie zwei bis drei Liter täglich!, verschlingen Sie Ihr Eis sofort, sonst schmilzt es dahin und pladdert Ihnen vor den Latz!, lassen Sie niemals Kinder, Hunde, Katzen, Schokolade, Thermopapier-Kassenbelege im Auto, auch wenn Sie bloß kurz mal __!, verwenden Sie Sonnencreme!, mit besonders hohem LSF!, sonst Krebs!, behalten Sie Ihren Kreislauf im Auge!, suchen Sie umgehend medizinische Hilfe, falls Übelkeit, Nackensteifigkeit, Bewusstseinsstörungen bei Ihnen auftreten: Sonnenstichsymptome!, achten Sie auf Ihre Mitmenschen, insbesondere ältere!, und die Bienen – stellen Sie Bienentränken auf!, vergessen Sie nicht, Ihre Hortensien dreimal täglich zu wässern!, gießen Sie Gärten, gießen Sie Bäume!, nein, verschwenden Sie kein Wasser!, lassen Sie Lebensmittel nicht ungekühlt stehen, nie!, Ihr Brot, gestern gekauft: es schimmelt!, Ihre frische Melone: schon klitschig geworden, übersüßlich, belagert von Fruchtfliegen!, Ihr Kartoffelsalat: fürchten Sie Salmonellen!, und fürchten Sie die Wespen, die Wespen!

Die Hitze krakeelt! Alles schwelt, man schmort. Bis:

Im September legt sich was übers Sonnenauge. Dass es seine Lider schließe, lässt sich nicht behaupten – November ist noch fern -, doch es besitzt eine Nickhaut: feines, durchscheinendes Gewebe, welches nun seine brennende Klarheit verdeckt.
Setzen Sie sich ein Stündchen nach draußen, an die milde Luft, ins Helle, und essen Sie… in aller Ruhe… ein Eis.
Wie schmeckt Ihnen jetzt dieses Eis?
Wie fühlt es sich an, eine Stunde lang an der frischen Luft zu sitzen, nun, da diese Stunde nicht mehr vergoldet wird von Sonnenbrand?
Die Luft sitzt nicht mehr auf Ihnen drauf wie eine herrische Katze, dick und warm, sondern rührt sich wieder, rührt sich leicht und schwingend, rührt in trockenen Blättern herum.
Aber klingt dieses Geraschel nicht melancholisch?
Meine Sonnenblumen wanken, von kleinen Windböen geschüttelt. Ich glaube, sie zittern.

Wenn Sie gern Fotos knipsen, kennen Sie das: Intensives Sonnenlicht ist der schönste Goldlack. Alles leuchtet wie von innen heraus. Eine hochsommerliche Beleuchtung veredelt selbst noch die verschrumpeltsten Erdbeeren oder das verdorrteste Rosenköpfchen.
Was nun, im September, wenn auf das ganze anstrengende Gleißen die Erschöpfungsmüdigkeit folgt? Wenn bald der Goldlack ab ist?

Gerade lese ich ein schmales Gedichtbändchen: Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte.
Selten hat ein Buchtitel so schamlos recht. Bei Hitze beginnt ja die ganze Zivilisationssuppe zu kochen. Aus Eckpfützen, Bordsteinrinnsalen, U-Bahn-Sitzen und dem Saum dichter Gebüsche steigen stechende Aromen empor. Der Sommer kocht allem das Mark aus den Knochen, und vor allem uns: Es brodelt binnenmenschlich. Und zwischenmenschlich sowieso.
Das ist natürlich das blanke Leben.
Beim ersten Durchlesen wundert es mich fast, in einem Gedichtband mit solchem Titel nicht ein einziges Sommerhitze-Gedicht zu finden, aber eben nur fast: Auch ohnedem ist hier alles drückend, drängend, dräuend, alles gärt und kocht. Das Leben halt.
Hier insbesondere das Leben auf der Kippe, das Leben kurz vor oder nach dem Kippen, das Leben mit Kippe, Schnaps oder Koks.

„Allgemeine Raublust! Perfektion! Paarungstrieb!“ (Billboards)

Es sind Abgesänge auf das Leben – das eigene, das allgemeine, das spezielle Stadtleben von Amsterdam; außerdem zwei Gedichte, die Wigman für „einsame Bestattungen“ (wo es also keine Freunde oder Angehörigen, keine sonstigen Anwesenden gibt) schrieb und dort vortrug. 33 Gedichte, die sich nichtsdestotrotz fest ans Leben krallen.

„Ich kenne die Tristess von Copyshops, / von hohlen Männern mit vergilbter Tagespresse, / bebrillten Müttern mit Umzugsberichten, / den Geruch von Briefpapieren, Kontoauszügen, / Steuerformularen, Mietverträgen, / der nichtigen Tinte, die sagt, dass es uns gibt. (…) / hätt ich doch etwas Neues, etwas Neues bloß zu sagen. / Licht. Himmel. Liebe. Krankheit. Tod. / Ich kenne die Tristess von Copyshops.“ (Zum Schluss)

Dies „hätt ich doch“ ist so präsent, es quillt aus wirklich jeder Zwischenzeilen-Ritze. Hätt ich doch! Was Besonderes an mir, mehr geliebt, besser Bescheid gewusst, einen Plan – hätte, wäre, könnte! Nur, helfen tut’s ja doch nicht. Mal schimpft Wigman gegen diese Vergeblichkeit an, mal lässt er sich auch sachte hineinfallen; immer hält sie ihn fest an der Hand.

Viel Geschimpfe, viel Weh. Und doch: das blanke Leben halt. Wigman starb 2018, 51jährig, und wie ich hier so sitze und ein paar seiner Gedichte lese, kommt mir in den Sinn, dass er damit unmöglich einverstanden gewesen sein kann. Wer sich so sehnt, so garstig liebt und so melancholisch pöbelt, wer sich so heiß am Leben abarbeitet… So eine Hitze ist ja purer, allerschönster Goldlack. „Und doch“, spricht da der Körper, der kranke, und fragt bald nicht mehr nach Sonnenschein.


>>Menno Wigman, Im Sommer stinken alle Städte (Parasitenpresse) ist eine 2016 aufgelegte Auswahl von Gedichten aus Wigmans Werken ’s Zomers stinken alle steden (1997), Zwart als kaviaar (2001), Dit is mijn dag (2004), Mijn Naam is Legioen (2012) und Slordig met geluk (2016).


Foto: Grebe

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WINTER // Wehnachten

Weihnachten – du rotbackiger Nostalgie-Tsunami! Du ach so fröhliche, herzliche, merry Christmas, du dreitägige Bezirksmeisterschaft in Besinnlichkeitssport, du Geschenkekanone und Glitzergranate, du Wirtschaftsfaktor du!
O Weihnachten! Würdest du dich doch bitte mehr als melancholisches, zugleich aber tröstliches Fest inmitten der dunkelsten Zeit des Jahres verstehen anstatt bloß noch als fröhlichfröhlichfröhliche Kitschparty, ach!
Weihnachten. Kinder, die es gut haben, die lieben dich, ja, und auch die gläubigen Christen tun’s – und für die übrigen bist du bestenfalls egal, zumeist jedoch zwiespältig bis problematisch; mir zumindest haust du alljährlich auf die Tränendrüsen mit deiner Kinderlachen-und-Beisammensein-Keule.

Heute die letzten Weihnachtserledigungen getätigt. Erleichtert. Im Drogeriemarkt außerdem die Gelegenheit genutzt, mich an Parfum-Testern zu bedienen: linkes Handgelenk 4711 Kölnisch Wasser, rechtes Handgelenk Tabac Original. Bekümmerte Knitterstirn gemacht, weil ich das Aftershave, das mein Vater immer benutzte, nicht ausfindig machen konnte. Mit brenzligem Geschmack im Mund an die „Schönen Advent“-Whatsapps gedacht, die ich auch diesen Sonntag nicht an diejenigen schicken werde, die sie bekommen sollten, denn weil ich mich bereits so schäbig lange zu melden versäumt habe, traue ich mich nun gar nicht mehr, mich überhaupt zu melden. (Es tut mir ehrlich leid, Ihr Lieben.) Daheim die Taschen im Flur gestapelt, dann ein Graubrot mit Knappwurst (die ich hauptsächlich in dieser weinerlichen Zeit kaufe, so verlangt es das Vermissen) beschmiert und beim Kauen die Nase abwechselnd am Wurstbrot, am linken und am rechten Handgelenk gehabt: Abendbrot mit den Großeltern. Um ein festliches abendliches Beisammensein anno, sagen wir, 1990 zu simulieren, fehlten noch einer der duftseifenaromatisierten Seidenschals meiner Urgroßmutter, ein Frottee-Kinderpyjama, in der Luft ein Hauch Müller-Thurgau halbtrocken und blauer Qualm Marke Krone oder Ernte 23. Noch was? Die Große-Mädchen-Düfte meiner Schwestern. Simon & Garfunkel vom krisselig tönenden Plattenspieler. Hundehecheln. Geklapper mit Schüsseln und Tellern. Der Odem von Bienenwachskerzen. Lachen: Loriot lag den Älteren nicht so, aber Heinz Erhardt liebten wir alltohoop.

Feste

Der Karpfen kocht, der Truthahn brät,
man sitzt im engsten Kreise
und singt vereint den ersten Vers
manch wohlvertrauter Weise.

Zum Beispiel “O du fröhliche”,
vom “Baum mit grünen Blättern” –
und aus so manchem Augenpaar
sieht man die Tränen klettern.

Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum
ist völlig unverständlich:
Man sollte lachen, fröhlich sein,
denn ER erschien doch endlich!

Zu Ostern – da wird jubiliert,
manch buntes Ei erworben!
Da lacht man gern – dabei ist er
erst vorgestern gestorben.

(Heinz Erhardt)


>>Foto: Grebe, 2018

FABULIERIOSITÄTEN // Karin Fellner, Ohne Kosmonautenanzug

Sind Gedichte essbar? Nein. Halten sie im Winter warm? Wie man’s nimmt, aber eher: nein. Können Gedichte einen Beitrag zur Lösung des Pflegenotstands leisten? Also…
Was also leisten sie?
Zum Beispiel: die Veranschaulichung von Überlegungen zur Frage, „wie es ginge, auch ohne / Kosmonautenanzug / in der Leere zu sein“ – so geschehen im Gedichtband Ohne Kosmonautenanzug von Karin Fellner. 
Das Zerknüllte ist wahr“ heißt es an späterer Stelle in Fellners Büchlein, und da hat sie recht. Denn das Wahre ist nie bloß zweidimensional; im Zerknüllten treffen eigentlich entfernte Enden und Flächen aufeinander, die Zerknüllung bedeutet Druck und Form, sie schafft Räume, Winkel, Labyrinthe, kurz, das Zerknüllte entspricht sehr dem wahren Leben. So liest sich der 46-Seiter denn auch wie eine Reise durch mehrdimensionalen Knüll.
Zusammengenommen ergeben die Texte ein vier-fältiges Ganzes: „Poetin“ , „Skarda“ , „Qapla“ und „Anako“ sind die Titel der einzelnen Abschnitte, deren Verlauf ein allmähliches Sichauflösen und Eingehen ins „Leere“ sichtbar macht.
(Oder doch ins Volle? Ins unbegreiflich Große – oder ins Allerkleinste?

„[…] ich übe, sagt Anako Retin, den Rauch
und das Verwehen
in alle zehn Richtungen.“

Ach so.)
Das beginnt mit der „Poetin“ : Die acht Gedichte dieses Abschnitts tragen noch Einzelüberschriften, weisen – wie „Unterm Zwillichhimmel“, ein ungereimtes Sonett – entweder noch klassische Gedichtform auf oder sind knapp daneben und doch dran vorbei. Die titelgebende Poetin sieht „ringsum Einbahnen, Fieber, Entfernungen“, erlebt „Zimmer voll springendem Trubel“, gedanklich kehrt sie allerdings immer „wie angepflockt wieder zum Kreis“ zurück. Doch wird der Blick auf ihren städtischen Lebensraum mittels „Transport, Verschiebung, Fusion“ wild wirbelnder Elemente derart vervielschichtigt, dass Gebrodel und Gebräu draus wird. „Jeder kocht / halt sein eigenes Süppchen.“
Der Abschnitt „Skarda“ nimmt die Perspektive der Poetin auf, erzählt diese aber anders aus: Gedichttitel entfallen, Gedichtstrukturen verformen sich weiter. Was nicht heißen soll, es sei hier keine Art von Ordnung mehr zu finden:

„Skarda pflegt den Garten
aus Tinsel und Getöse“

Und:

„sit sitter sittich wird
das rechtmäßig durchkonjugiert.“

Wildwuchs gern, aber doch bitte gehegt! Und überhaupt handelt es sich bei dieser Chaos-Zucht ja auch bloß um so ein individuelles Phänomen, nicht? Die Frau, die hier Skarda heißt, erklärt:

„Wenn hier jemand scharwenzelt
und wanket und hopft, dann ich.“

Was aber nicht ohne Widerspruch bleibt:

„Nee, knarren Wohnblöcke, schau:
auch wir sind Schwellende und
haben den Fluss unterm Fuß,
wir drehen Kurven und Kanten,
wir tanzen das Labyrinth.“

Es gärt und regt sich eben die ganze Fülle und zugleich die ganze Leere des Universums, im Großen wie im Allerkleinsten, ständig. Ewig schwillt das Chaos – das hat schon seine Ordnung so.
In „Qapla“ (ein klingonischer Abschiedsgruß) will die Närrin, wie die Frau nun genannt wird, erzählen „von jubelnden Menschen, die zu den Würmern gingen“ – hier hat offenbar ein Untergang stattgefunden. Art und Ausmaß bleiben eher unklar, doch erwecken die „Termiten, Hochbunker und / die vom Sturm verschleppten / Registrierkassen“ klare Bilder. Chaos quillt über.

„aus Subraumrissen sprießt Gras“

Und Anako, die letzte Titelgeberin? Vereint alles in sich und miteinander – auch die Zeilen finden sich hier zu großen, beinahe gleichmaßigen Blöcken zusammen. So wie es im unermesslich Großen, der Fülle und Leere des Alls geschieht, finden auch im Allerkleinsten ewig Chaos und Ausgleich statt.

„in meinem Hirn nämlich unter
Verballung und Horn, sagt sie, steht
eine Dose, darin: eine winzige dunkle
Singularität, ruhend, reißend, hier
leuchten in der Begegnung
Teile und Gegenteile sich ein, sagt Anako, komm
ich ihr nahe, geht
ein Klärstaub auf in Worten“

Bleibt nur (mit Skarda) zu sagen:

„Dies ist der Speicher, woraus
sich die Himmlischen speisen:
nämlich unser Kopf
voll Schwebstoffen, Wildnis und Krill.“


>>Karin Fellner, Ohne Kosmonautenanzug (Parasitenpresse) €9,-


 

SPRACHMUSIK // London Speaking

Da hat nun ein Musiker den Literaturnobelpreis erhalten, und irgendwie kann man sich immer noch nicht recht einigen, wie man das finden soll. Mich zumindest interessiert dieser Preis nicht ausreichend, um in aller Breite über das Für und Wider dieser Vergabe mitzudiskutieren. Mich interessieren Texte, und je vielfältiger die Erscheinungsformen von Text sind, desto besser. Den Einordnungsfeldern schadet es dabei nicht, wenn zwischen ihnen rege Osmose stattfindet – im Gegenteil.

Lyrik, Hip Hop, Spoken Word, Predigt: Sprache und Rhythmus. Kate Tempest kann das mit oder ohne Buchdeckel, Kojey Radical auch ohne Beatbox, Bitches und Bling Bling.

GLOBAL THINKING // Scherbografie

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Geheimnis bleibt dem tiefsten Geist,
Was Dasein heißt.
Gott hat das Rätsel ausgesprochen,
Sich selbst darüber den Kopf zerbrochen,
Bis er in Scherben zerschellt;
Die nennt man nun: die Welt.

Paul Heyse (1830 – 1914)


Ich kenne – mich selbst eingeschlossen – niemanden, der nicht ab und an oder gar dauerhaft von dem Gefühl beschlichen wird, sich im Leben auf einem Scherbenhaufen zu bewegen. Man besitzt einen natürlichen Gefüge-Sinn, der unversehrte Einheiten als etwas Ideales empfindet, und der aufspürt, wo man es mit bruchgefährdeten oder bereits zerstörten Unitäten zu tun hat. So, wie man von gut oder böse spricht, wendet man auch heil oder kaputt als Urteil an. Das untersuchende Gespür richtet sich auf das kleine wie auf das große Ganze aus, tastet das Private ab, prüft die engen und die weiten Kreise, in die das Individuelle eingebunden ist, auf Dellen, Risse und Lücken, und nimmt, als größte Einheit, die Kugel, auf der sich das Weltleben abspielt, in den Fokus. Die Biografie des Einzelnen, menschliche Beziehungen, ideelle Werte – schon im Kleinen stößt das Gespür allseits auf gesprengte Einheiten, auf kaputte Systeme, und wie sollte da der Gefüge-Sinn erst im Großen das Heile finden? Weltkarte, politisch: ein Mosaik aus bunten Scherbchen.

FLUGWESEN // Ernst Jandl, Ikarus

IKARUS

Ernst Jandl, Ikarus

Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.


Nicht zu dicht am Wasser, nicht zu nah an die Sonne heran zu fliegen – so lautete die klare Flugvorschrift. Die Vernunft des Mittelwegs aber greift nur beim Alten, die Unvernunft des Höhenflugs entspricht dem Wesen des Jungen. Ur-Angst aller Eltern, gleichzeitig Ur-Sprung menschlicher Großleistungen: dass wir über unsere Vorgaben hinausfliegen.


Bild: Grebe, 2016

FLUGWESEN // Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

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Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal nicht mehr werde sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot – –
O, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!


In der Luft ist kein Bleiben; auf uns wartet immer ein Boden. Seliges Schweben über den Dingen – das schenkt die Luft dem Fliegenden nicht großzügig hin, die Leichtigkeit ist der Schwerkraft abgetrotzt mit bombastischem technisch-energetischen Aufwand. Dieser Aufwand hat nicht nur neue Verkehrswege, sondern darüber hinaus einen neuen Seinszustand, eine neue Perspektive erschlossen: Vom Boden abhebend, darf die Seele für ein Weilchen das irdische Leben hinter sich zurücklassen, und sie darf den Körper dabei mitnehmen, um von oben, aus entrückter Ferne, darauf hinabschauen zu können. Gefühl von Freiheit – während man doch eingeschlossen ist in eine hermetische Kapsel. Man fliegt nicht selbst, man wird getragen. Diese Passivität: nur ein transitorisches Wohlgefühl. Du kannst jetzt selbst laufen, sagt man zum Kind und nimmt es vom Arm, weil es schwer wird, und es läuft selbst. So wird es groß werden, und alt werden irgendwann. Immer wartender Boden.


Foto: O.Grebe, 2015

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE // Christian Morgenstern, Das Gebet

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Christian Morgenstern, Das Gebet

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!

Halb neun!

Halb zehn!

Halb elf!

Halb zwölf!

Zwölf!

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.


Heiliger Bimbam, tun sie nicht, sagt man naseweis. Heiliger Bambi – weiß man’s?


Foto: Grebe, 2014

NACHTEINSAMKEIT // Heym’sche Nächte

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Nachtspaziergang (Grebe, 2015)


Nacht

Der graue Himmel hängt mit Wolken tief,
Darin ein kurzer, gelber Schein so tot
Hinirrt und stirbt, am trüben Ufer hin
Lehnen die alten Häuser, schwarz und schief

Mit spitzen Hüten. Und der Regen rauscht
In den öden Straßen und in Gassen krumm.
Stimmen ferne im Dunkel. – Wieder stumm.
Und nur der dichte Regen rauscht und rauscht.

Am Wasser, in dem nassen Flackerschein
Der Lampen, manchmal geht ein Wandrer noch,
Im Sturm, den Hut tief in die Stirn hinein.

Und wenig kleine Lichter sind verstreut
Im Häuserdunkel. Doch der Strom zieht ewig
Unter der Brücke fort in Dunkel weit.


Nacht in einer kleinen Stadt

Der Mond stand auf den Giebeldächern,
Er glänzte tief durch das Geäst
Der hohen Linden und der Nachtwind
Trug ihren Duft zum Fenster her.

Am Himmelsgrund zog eine Wolkenwand
Gewitterschwer, weit hinten überm Strom.
Und ab und zu huschte ein bleicher Schein
Hinauf, und Donner grollte fern.

Und da, von einem hohen Baum
Ganz nah, löste ein heller Klang
Sich, stieg empor, schwebte im Glanz uns starb.
Der Nachtwind klagt im Laube nach.


>> Georg Heym (1887 – 1912), der in einer Familie aufwuchs, deren grundlegende Stimmung die Schwermut war, schrieb einst über sein vom Vater ihm vorgegebenes rechtswissenschaftliches Studium in sein Tagebuch: Meine Natur sitzt wie in der Zwangsjacke. Ich platze schon in allen Gehirnnähten. […] Und nun muß ich mich vollstopfen wie eine alte Sau auf der Mast mit der Juristerei, es ist zum Kotzen. Ich möchte das Sauzeug lieber anspeien, als es in die Schnauze nehmen. Ich habe solchen Trieb, etwas zu schaffen. Ich habe solche Gesundheit, etwas zu leisten. Wie seine Freunde es beschrieben, hatte Heym sich seiner Familie nie sonderlich nah gefühlt, da er mit seiner Lebensfreude, seiner Lebendigkeit in einem schwer versöhnlichen Kontrast zu seinem Vater, seiner Mutter und Schwester stand. Und doch dominiert gerade die Dreieinigkeit von Kreuz, Tod und Gruft in seinen Gedichten. Sein früher Tod wiederum erklärt sich keineswegs durch Selbsttötung oder Krankheit, denen doch solcher Trieb, solche Gesundheit entgegengestanden hätten: In dem Versuch, seinen besten Freund zu retten, der beim Schlittschuhlaufen im Eis eingebrochen war, ertrank Georg Heym in der Havel. 

 

BRENNSTOFF // Fern-, Frauen-, Feuerweh: Ernst Wilhelm Lotz

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Ernst Wilhelm Lotz,

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen

^

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,

Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,

Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht

Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

^

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,

Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,

Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,

Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

^

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,

Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,

In einem wild gekochten Fieberland geboren.

Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

^

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.

Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.

Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.

Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.


Geboren 1890 in Westpreußen, gestorben 1914 in Frankreich – Ernst Wilhelm Lotz gehörte zu jenen jungen Wilden, die ihr Wüten über den erstarrten Zeitgeist erst in ihre Kunst und dann in ihr Marschgepäck steckten: Aufbruch ins Unverbrauchte! Als Sohn eines Kadettenhausprofessors verbrachte Lotz seine Kindheit an unterschiedlichen Standorten von Kadettenanstalten und schlug später selbst eine militärische Laufbahn ein. Kurz unterbrach er diese für die Kunst, versuchte sich hauptberuflich als Kaufmann und finanzierte so seine Dichter-Existenz. Er übersetzte Gedichte von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud, schrieb selbst einige wenige. Zeitweise lebte er in Dresden in einer Wohngemeinschaft mit dem expressionistischen Maler und Dichter Ludwig Meidner. Bei Kriegsausbruch im August 1914 meldete sich der frühere Leutnant zurück zum Heer und wurde an die Westfront entsendet. Anfang September bereits erhielt Lotz das Eiserne Kreuz – Ende September fiel er während eines Angriffs nahe Bouconville.


Bild: Kunstschmiede Brandtbart