Luchterhand

BERG+WERK // Marie Gamillscheg, Alles was glänzt

Ich fand Schneekugeln als Kind total faszinierend. Musste gar nichts Besonderes an ihnen dran sein (mit Glück gab’s mal eine als Werbegeschenk von der Sparkasse oder als Bonus, wenn man den Kleinen Tierfreund abonnierte); allein dass ich so eine Himmelssphäre samt Häuschen und Bewohnerschaft (en miniature) in Händen halten und ordentlich durchrütteln konnte, dass es darin gluckerte und der weiße bzw. glitzernde Flitter nur so brauste, bis er sich irgendwann entspannte, sich legte, die Sphäre sich klärte, das war schon Zauber genug.
Ich liebte auch unser Aquarium: Drückte ich mir an der Scheibe ein bisschen die Nase platt, schwamm ich direkt mit den Fischen im Amazonas. Und Buddelschiffe, ach! Wir hatten sogar ein rein gläsernes: eine mundgeblasene Viermastbark (nach Muster der Pamir oder Sedov) unter vollen Segeln, mit aus Glas gezogenem Takelwerk, schützend umschlossen von einer dickwandigen Flasche.
Miniaturwelten haben ja immer ihren speziellen Reiz.

Allerdings lag der Trudeltanz in einer Schneekugel unter meinen Lieblingsguckedingen wohl doch mit hauchzartem Vorsprung in Führung.
Dabei machte die Geschlossenheit der Schneekugelwelt für mich gleichermaßen ihren heimeligen Reiz wie auch ihre grauselige Tragik aus – wahrscheinlich erinnere ich das bloß deswegen so deutlich, weil man sich als Kind am Begreifen von Ambivalenz nun einmal besonders abarbeitet. Wie schön das war, dass nichts Äußeres je in diese Innenwelt hineindringen konnte, und wie bitter zugleich! Immer dieselben Plastikkrümel, die sich im Gewirbel um und mit einander drehten und sich immer an derselben durchsichtigen Wandung stießen, bevor sie schließlich auf dem immerselben Boden niedergingen.
Hm.

Ab und an gerate ich an Bücher, die mir das Gefühl verpassen, lesend mitten in einer Schneekugel gelandet zu sein.
So isoliert, wie Schneekugelwelten eben sind, finde ich mich darin als Eindringling wieder, nicht als Gast, und schlage mich mit dem Gedanken herum, dass meine Einblicknahme hiermit zu weit geht, meine teilnehmende Anwesenheit unerwünscht ist; dass was auch immer ich im Wirbelschnee womöglich finde keinesfalls für mich bestimmt gewesen ist.
Man könnte meinen, es ginge mir da etwa um Die Wand von Marlen Haushofer oder, allein schon des Titels wegen, um Die Glasglocke von Sylvia Plath. Oder vielleicht um Thomas Manns Zauberberg, dessen entrückte Gipfel-Welt (dieser menschlich-klägliche Olymp) freilich einen hochgradig veredelten Schneekugel-Esprit versprüht. Oder um solche mikrokosmischen Streifzüge, solche konzentrierten Betrachtungen des Partikelgeflirrs, wie sie Esther Kinsky in ihren Büchern unternimmt. (Nach Am Fluss und Banatsko lese ich gerade Hain, und es ist wunderbar. Alles von Esther Kinsky ist wunderbar.) Aber in diesen Romanen lässt es sich jeweils tief und ausgiebig atmen.
Was ich stattdessen im Sinn habe, ist jene Art Literatur, in der mehr kalte Plörre als Atemluft steckt. Solche Bücher, die offenbar nur geschrieben werden, um zu zeigen, dass man ein Buch schreiben kann, aber bloß nicht, um zu zeigen, wer man ist. Gucken darf man, soll man, aber darüber hinaus bleibt’s unpersönlich; invasiven LeserInnen wird kein Riss geboten, durch den es sich in Innenwelten hineinluschern ließe. Labor-Literatur: Form und Inhalt, die großen Bögen und die kleinen Details, jedes Wort, jede Tönung unter kontrollierten Bedingungen arrangiert, in steriles Fluidum eingelegt, in den Doppelbuchdeckel-Druckbehälter verpackt, Projekt abgeschlossen.
Alles was glänzt von Marie Gamillscheg war da verdammt nah dran.

Schriebe ich einen Roman, bestünde mein größtes Problem darin, dass ich in dessen Innenwelt ganz und gar verschwände. (Übrigens ein Problem, an dem ich garantiert einen Heidenspaß hätte.) Davon erzählen – das könnte ich bestimmt, klar. Aber kein Stück mehr erkennen, wie sich das Ganze schließlich lesen ließe. Würde irgendjemand überhaupt nachvollziehen können, was hiermit und damit gemeint wäre? Würde, darauf aufbauend, irgendjemand ein Interesse dafür oder gar Spaß daran entwickeln können?
Und würden mich solche Überlegungen auch nur minimal kümmern? Nein – weil ich doch auch als Leserin bereitwillig dem verkrautetsten Zeug folge, solange sich nur der Weg, den mein Kopf machen muss, um dahinter oder wenigstens hinterher zu kommen, als ein ergiebiger erweist, und ganz egal, ob am Ende nun die Ergiebigkeit oder die Verkrautetheit überwiegen, ist mir das immer, immer lieber, als mir einfach einen hübschen Präsentierteller vor die Nase setzen zu lassen.
Wer schreibend ganz und gar nach innen verschwindet, verliert gewissermaßen den Blick eines Diesseitigen; man flutscht hinfort, und damit reißt dieser Blick einfach ab. Und was man dann mit inwendigem Blick so zu fassen kriegt, das schüttet man später (sofern man’s erfolgreich zurückgeschafft hat) auf dem Tisch aus wie einen Sack voll Ernte, Beute und Beifang.
Und eben nicht: wie ausgewählte Requisiten. Wirkt das Sammelsurium penibel kuratiert, regt es nichts mehr an, kann man Sog und Zauber von vorn herein vergessen, und so wird das auch nichts mit der Ergiebigkeit – zumindest nicht mit mir als Leserin.

Marie Gamillscheg erzählt von einem Berg, der einen Riss bekommt. Nein, sie erzählt von einem Bergdorf, das einen Riss bekommt. Genau genommen erzählt sie von Menschen, die jeweils einen ganz ähnlichen, tragischen Riss bekommen wie der Berg, an dessen Hang sie leben.
Bis vor kurzem wurde hier traditionsreicher Bergbau betrieben, heißt es. Es geht wohl um Kupfererz, und wir befinden uns wohl irgendwo in Österreich, aber Raum, Zeit und Ort spielen keine relevante Rolle und werden daher kaum bis gar nicht benannt. Nach Einstellung des Werksbetriebes, wohl wegen Unrentabilität, befindet sich das bewusste Bergdorf ohnehin mitten im Strukturwandel-Alptraum, aber das ist noch nicht alles. Ob wohl die Stollen instabil wurden, oder die Abraumhalde – der Berg jedenfalls zerbricht. Das weiß alle Welt, nachdem es einmal von einem Journalisten verkündet wurde, dem man seither böse ist, weil man nun einmal besser auf einen Menschen böse sein kann als auf die Geologie. Den noch verbliebenen Dorfbewohnern, denen überwiegend die Ortstreue so tief im Mark steckt wie das Erz im Berge, soll der Gedanke an Umsiedlung schmackhaft gemacht werden – die Region sendet eigens einen Regionalmanager aus, der das managen soll.

Es gibt einen Autounfall. Es gibt zwei Schwestern, von denen eine von einer Karriere als Pianistin träumt; Teresa bekommt neben der Schule Klavierunterricht und will es mittels Talent ganz weit weg schaffen, in die Stadt. Es gibt die verwitwete Kneipen-Betreiberin Susa, die als heimliche Autorität des Dorfs alle kennt und alles weiß. Es gibt Wenisch, den allein lebenden Bergmann in Rente, dessen Tochter kaum noch aus der Stadt herkommt, um ihn zu besuchen, und der durch das Alter und die Einsamkeit zusehends erodiert; Berg und Mann verfallen hier parallel. Es gibt Merih: Der kommt von außen in diese Miniaturwelt hinein, um in ihr irgendwas zu verbessern, dabei steht es doch um seine private Miniaturwelt, die nicht von ungefähr eine musterhaft städtisch-akademische ist, mindestens genauso mau, öde, hoffnungslos.
(Es gibt sogar ein Chamäleon – ein Exot als Symboltier scheint im zeitgenössischen Provinz-Roman nicht fehlen zu dürfen: In Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing rennt ein ausbebüxter Emu durch die norddeutsche Agrarlandschaft, in Hool von Phillip Winkler gibt’s einen Tiger, und hier ist es eben ein Chamäleon, das mitten im ach so trostlosen Dorf seine Aufgabe als Totemtier für Unangepasstheit erfüllt.)
Es gibt eine enge Verbindung zwischen diesem Ort und seinen Menschen. Und auch zwischen den Menschen und den Dingen ist alles irgendwie miteinander verknüpft und verschwistert. Weil das immer so ist, an solchen Orten.

Der Glaskugel-Schneesturm, der diesen Roman nun ausmacht, indem er um dessen Zentrum, den Berg, herumtrudelt, besteht aus je ein paar Flöckchen Milieustudie, Sozialdrama, Bergbau-Kolorit, Familienschmerz, Coming-of-Age, auch etwas Millennial-Ennui fehlt nicht; das wirbelt alles so vor sich hin, und mal blitzt dies auf, mal das. Kurz gehaltene Kapitel reihen sich überleitungsfrei aneinander. Gamillschegs Schreibe ist Szenen- und Dialog-orientiert und lässt sich nie dazu hinreißen, deskriptiv überzuschäumen, sie bleibt durchgängig knapp, streng, sparsam. Das Romanpersonal tritt gewissermaßen unter stroboskopischer Beleuchtung in Erscheinung, die zwar das Wesentliche einfangen will, dabei aber bloß Schattenrisse zu fassen kriegt.

So viele Stollen, und so wenig Tiefe, nörgle ich ein bisschen vor mich hin. Alles mit Bedacht arrangiert, klar, formal alles richtig gemacht, alles ordentlich – aber das ist eben auch alles, ein menschlicher Hauch jedenfalls weht mich von dorther nicht an. Ich denke: Alles steife, isolierte Schneekugelfiguren im Plastikhabitat. Einmal aber, da kracht blindwütig ein Klavierdeckel auf ein paar Finger herab, und ich denke: Was war das denn?
Das Plastikmädchen! Heidewitzka, hat sich das etwa gerade bewegt?


>>Marie Gamillscheg, Alles was glänzt (Luchterhand) €18,-

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DISPO FEVER // Kristine Bilkau, Die Glücklichen

Isabell und Georg, ein alternativ-bürgerliches Großstadtpärchen, das sich mit Kleinkind Matti inzwischen ins Familienleben gewagt hat – das sind hier die Glücklichen. Eine Stichwortwolke: Altbau, Dinkelpulver, Adagio, Süßkartoffelmedaillons, Seidenpapier, Wertigkeit, Biokiste, Petit Fours, Parkettboden, Globuli, Glockenrock, Kinderboutique, Makler, Maronencreme, leichthändig, Engagements, Kaschmirstrickjacke, Veggieaufstrich, Stil, Expertise, Yogastudio, Dufflecoat, Konferenzsitzung, Hutmacherei, Babyschwimmen, Alpaka-Decke, geschmackvoll, Fitnessstudio, Sushi, Nachhaltigkeit, Hotelzimmer, Persönlichkeit, ausgewogen, Kronleuchter. Isabell ist Berufsmusikerin, Cellistin, Georg arbeitet als Journalist für eine große Zeitung. Unausgesprochen, aber eindeutigen Hinweisen nach zu urteilen ist Hamburg ihr Zuhause, übertragbar sind die Ortsbeschreibungen jedoch auf jede beliebige großstädtische beste Wohnlage. Die junge Familie lebt idyllisch-urban im begehrten Altbauviertel, die wunderbare Wohnung besitzt Charakter, Blumenläden heißen hier Floristenwerk, Bäckereien nennen sich Manufaktur. So weit, so gut durchgekaut. Als ich zu lesen beginne, möchte ich das Buch schon gleich wieder weglegen: Plakativ wie irgend möglich werden jene Marker für gentrifizierte Strukturen angebracht, als müsse ein feststehender Begriffskatalog abgearbeitet werden – da ist er ja promt, dieser nervtötende bürgerliche Genauigkeitswahn -, und dann geht es eingangs auch noch hinein in die Gedankenwelt einer Cellistin, deren Hände neuerdings vor ihren Einsätzen im Orchester zu zittern beginnen. Ach, lasst mich doch alle in Ruhe mit euren Luxussorgen! Aber Kristine Bilkau gräbt tiefer, der Eindruck von Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit verflüchtigt sich zu Gunsten des Gedankens, dass da eine Autorin sehr gewissenhaft das Sittengemälde einer bestimmten Schicht zu einer bestimmten Zeit zeichnet – ein Portrait, das so detail- und symbolgeladen ist, dass sich in dreißig Jahren, wenn man dieses Buch erneut aufschlägt, dieser dann vergangene gesellschaftliche Moment haarklein zum Leben wiedererwecken lassen wird.

Was Bilkau aus den Betulichkeiten einer Wohlstands-Familie herausarbeitet, sind die rissigen Schichten unterhalb der wertigen Oberfläche, die auf einen großen Bruch hinarbeiten. Für Isabell und Georg werden diese Risse zunehmend sichtbar, der Putz wackelt, Reparaturen werden nötig. Aber können behütete Kulturmenschen so was überhaupt, ist Dinge zu reparieren nicht eher Handwerkersache? Zuerst treten die Risse in der Fassade ihres Altbauwohnhauses zu Tage. Isabell stört sich an der Bauplane, die den Räumen die Aussicht nimmt, und an der Dauergegenwart der Handwerker, deren Lärm die Heimeligkeit der Wohnung und den sorgsam getakteten Tagesablauf mit Matti stört. Als sie einen der Handwerker vor ihrem Fenster etwas platt fragt, was er da den ganzen Tag so werkele, erzählt er ihr von den Rissen, den oberflächlichen und den versteckten, den harmlosen und den fatalen, wie man sie entdeckt, unterscheidet, und was man dann tut. Die verblüffte Isabell bringt dem Herren dafür glatt einen Kaffee ans Fenster. Auf anderen Ebenen gilt es ebenfalls die Lehre von den Rissen anzuwenden: Nach der Babypause findet Isabell nur schwer in ihren Berufsalltag zurück, ein Zittern schleicht sich in ihre Finger, durchzieht ihren Arm, versetzt sie in innerliches Beben. Was sie anfänglich zu verstecken versucht, tritt mit unbarmherziger Stärke immer sicht- und vor Allem hörbarer zu Tage und bedroht schließlich ihre berufliche Existenz. Georg, dessen Redaktionstätigkeit von solider Routine geprägt ist, schnappt irgendwann zufällig ein Gerücht auf, das sich nach und nach zu einem handfesten Verdacht auswächst: Die Zeitung – eigentlich eine feste Mediengröße – bleibt vom großen Printsterben nicht unberührt, sie strauchelt. Der Verdacht wird zur Erwartung, schließlich zur Gewissheit: Stellenabbau. Beide betrachten hilflos die Auflösung ihrer beruflichen Identität, und beinahe umfasst dieser Erosionsvorgang auch die Auflösung ihrer Ehe. Das Geld, der Motor aller Leichtigkeit, fehlt plötzlich. Der Geldmangel wird zum Ausgangspunkt eines Risses, der Isabell und Georg sowohl als Personen als auch als familiäres Gefüge massiv destabilisiert. Naiv sind die beiden von Beginn an nicht, sie wissen genau, dass ihr Lebenswandel nur ab einer bestimmten Summe Gehaltseingang funktioniert. Die Liebe in Zeiten der Staffelmiete: ohnehin nicht einfach. Sicherheit bedeutet finanzielle Sicherheit, Zufriedenheit bedeutet finanzielle Zufriedenheit, Zukunft bedeutet finanzielle Zukunft – wie verhält es sich mit dem Glück? Wenn Perfektion zum Standard geworden ist, und Geld alles absichert, auch die emotionale Perfektion – wie geht man dann mit einem Absturz um? Bilkau zeichnet diesen Absturz in dokumentarisch wirkendem Stil nach. In kleinen Alltagsschilderungen protokolliert sie den stufenweisen Verfall einer kontrollierten Wohlfühlwelt. Zwischen Isabell und Georg, die einander ehrlich lieben, schiebt sich plötzlich Unausgesprochenes: Jeder für sich wissen sie nicht mit ihren Ängsten umzugehen, verkapseln sich in Schweigen, treten einander immer verunsicherter und gereizter gegenüber. Dort, wo es unter Pärchen etwas gründlicher kracht, wird unter Eltern oft weitergeschwiegen, dem Kind zuliebe – ein Druckkessel. Zweite Stichwortwolke: erschöpft, Schmerzen, verkrampft, Abgrund, dünnhäutig, Dispo, Verlust, teuer, Discounter, Mieterhöhung, Minderwertigkeit, disqualifiziert, verschuldet, verzichten, Bewerbungen, Abschied, Verlierer, Ende, Grau, Kostenfaktor, sparen, Tränen, egal, unglücklich, billig, bezahlbar, Herzrasen, Kalkulation, ausdruckslos, schuldig, Krankheit, verwundbar, Theatralik, Schwermut, Desinteresse, Geld, abgewiesen, zahlen, Drohung, Drama, verrückt, Trennung, Last, kläglich, nötig, Grummeln, beschädigt, Konto, Kredit, Ohrensausen, beschützen, gnadenlos, Mitleid, frustriert, abwarten, warten, Leere, Defekt, Enttäuschung, Aus. Während dieses Vokabular ihr Umfeld, ihre Sprache und ihre Gedanken zu beherrschen beginnt, beschäftigen sich Isabell und Georg obsessiv mit ihren voneinander unabhängigen Fantasiewelten: Isabell stolpert im Internet über eine Familie, die ihr unsäglich perfektes Leben in wunderschönen Fotos teilt, teilt, teilt, und sie kann es nicht lassen diesen Beiträgen zu folgen, obwohl sie sie quälen. Georg forstet sich zwanghaft durch unbezahlbare Maklerangebote für Landhäuser, Resthöfe, abgelegene, naturverbundene Refugien, und träumt sich durch diffuse Aussteigerszenarien.

Aber wie geht aussteigen? Mit verschiedenen Varianten von Ausstieg werden beide konfrontiert. Georg besucht einen Aussteiger auf dessen Ökohof, einen ehemaligen Verpackungsdesigner, der sich nach der Insolvenz seiner einst extrem erfolgreichen Firma radikal neu erfunden hat: Tierhaltung, Ackerbau, Selbstversorgung, blutjunge neue Freundin. Aber Georg misstraut der Wollpullover-Utopie, er erkennt, dass er hier nicht die gesuchte Sicherheit findet, sondern nur neue (finanzielle) Risiken. Isabell, die sich verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Musiker-Misere sehnt, wird Zeugin einer zwischenmenschlichen Explosion in ihrem Orchester, die die Karriere eines Kollegen von einer Sekunde zur anderen beendet. Doch anstatt Empathie bei ihr auzulösen, bewirkt dieser Knall bei Isabell einen stumpfen Schock. Und schließlich ein Todesfall in der Familie – Isabell und Georg stehen plötzlich vor der direkten Antwort auf die Frage Was bleibt?, und diese Antwort ist ernüchternd. Oder vielleicht doch nicht? Welches Ende die Geschichte um Isabell, Matti und Georg nimmt, wird nicht vollends verraten. Ob Glück, Liebe und Hoffnung sich erstens von ihrer Überidealisierung, zweitens von ihrer Abhängigkeit vom Monetären emanzipieren können, muss man während der abschließenden Kapitel für sich beantworten. Ein Roman, den man unbedingt als Selbsttest lesen sollte, auch oder gerade, wenn er schmerzhaft an innere Risse rührt.


>> Kristine Bilkau, Die Glücklichen (Luchterhand), gebunden €19,99 Vielen Dank an Luchterhand für das Lese-Exemplar!


DAS LEBEN VON GESTERN // Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt

 

Gestern ist mehr als nur ein Zeitbegriff, es beschreibt auch einen Zustand: Vergangensein. Dass aber das Vergangene uns im Jetzt fest umschließt und uns bestimmt, während wir es nicht mehr bestimmen können, macht diesen Zustand allzu oft schwer erträglich. Zumal die Gestern-Kraft, wie in Ulrike Draesners aktuellem Roman wuchtig zum Ausdruck kommt, über unser eigenes Leben hinaus auch in jene hineingreift, die mit diesem verbunden sind.

In Sieben Sprünge vom Rand der Welt besteht das Gestern, dessen Bannkraft vier Generationen einer Familie entscheidend in deren Lebensgängen beeinflusst, aus dem alten Weltkriegs-Dreiklang Verlust, Tod, Trauma. Beginnend mit schlesischen Kindheitserinnerungen des Verhaltensforschers Eustachius Grolmann, verwebt die Autorin, deren eigene Familie teils schlesische Wurzeln und Fluchterfahrungen besitzt, Erzählstränge aus sieben unterschiedlichen Perspektiven ineinander – von der in der vorkriegszeitlichen Welt verhafteten Generation der Urgroßeltern bis zur zukunftsgerichteten Urenkelin.

Wer die 555 Seiten starke Lektüre beginnt, gerät weniger in den klassischen Lesesog als eher in einen Recherche-Modus: Man folgt Hinweisen, sucht nach Erklärungen, versucht hinter dem Erzählten zu lesen. So entwickelt man eine Lese-Haltung, die durch Wachsamkeit und Suchbereitschaft gekennzeichnet ist und dadurch das Verständnis für die Charaktere unterstützt, die ihrerseits in ihrer Familiengeschichte, in ihrer eigenen Psyche auf Verstehensgrenzen stoßen. Wie zum Beispiel der zunächst skurril wirkende Kontrast zwischen Fluchtschilderungen und Szenen aus dem Alltag einer Affenforscherfamilie den Leser vor die Frage nach den inneren Zusammenhängen dieser Geschichte stellt, stehen auch die Figuren Draesners vor der Frage nach den tieferen Beweggründen ihrer jeweiligen Entwicklungen.

Damit sind auch schon die zwei Hauptlinien beschrieben, die sich im Verlauf des Buches aus den vermischten Erzählabschnitten herausarbeiten: Die Geschichte von Vertreibung und Flucht auf der Vergangenheitsebene, auf der Gegenwartsebene ein schräger Familienroman im Forschermilieu. Im Zentrum all dessen steht mit Eustachius Grolmann eine Figur, die ihrer romantragenden Rolle gewachsen ist. Der große Grolmann, körperlich ein Riese, als Wissenschaftler eine Institution, als Mensch ein Rätsel (ein Charmeur bis ins hohe Alter, und doch ein Kauz – beim Lesen erscheint er einem als Mischgestalt aus Thor Heyerdahl und Karl Valentin vor Augen). Die Gegenwartsebene zeigt ihn als Familienoberhaupt einer mit den üblichen Konflikten geschlagenen Sippe, das aber keine Leitrolle einnimmt, sondern als unberechenbarer und zielverblendeter alter Sturkopf im Zentrum der Sorge seiner Tochter und Enkeltochter steht, die Grolmann in seiner hoffnungslos eigensinnigen Art jedoch ungewürdigt lässt. Enkelin Esther besitzt zwar das Privileg, einen so offenen Umgang mit dem Großvater pflegen zu können wie sonst niemand, was an Grolmanns ehrlicher Vernarrtheit in sie liegt – doch nicht einmal ihr zuliebe richtet Grolmann sein Handeln vorausschauend auf familienverträgliche Wirkung aus. Auf der Vergangenheitsebene erklärt sich anhand Eustachius´ Überlebensgeschichte, wie der Krieg nur demjenigen, der lernt sich nicht zu kümmern, das Weiterkommen gewährt. Immer wieder treten Momente auf, an denen die verschiedenen Ebenen miteinander verklebt zu sein scheinen: So verläuft die Flucht des kleinen Eustachius durch lebensfeindlichen Schnee, und seine Tochter Simone wird, wiederum in der Gegenwart, geplagt von einer ungewöhnlichen Schnee-Phobie. Auch das Rätsel um das Verschwinden seines behinderten Bruders während der Flucht, das Eustachius bis ins Alter nicht loslässt, sorgt für Verbindungsstellen zwischen den Erzählebenen, die den linearen Verlauf der Zeit zumindest empfundenermaßen aufheben.

Dass übrigens manch Rätselhaftes, dessen Klärung der Leser zum Ende des Buches hin nach langer Puzzlearbeit erwartet, nun doch ungelöst im Raum hängen bleibt, ist ein gnadenloser, aber genialer Dreh der Autorin. Sie reicht schlicht die Verwirrungen und Verzweiflungen der Charaktere an den Leser weiter, indem sie das Buch in mancher Hinsicht unbeendet lässt und seinen Fragen somit die Tür vor der Nase zuschlägt.

Mittels ihrer eindrucksvollen Sprachstärke und ihrer perfekten Beherrschung atmosphärischer Mittel gelingt es Susanne Draesner, ein mächtiges Zeitpanorama zu entfalten und den Leser zum Nachfühlen des Ungeheuren zu zwingen. Gebrochen durch Kapitel voll absurden Humors und warmherzigen Erzählens, erhält ihre Vermittlung der Kriegsschrecken eine besonders schmerzliche Wirkung. Und das Gestern und seinen Zugriff auf die Folgegenerationen betrachtet man nach dieser Lektüre plötzlich als einen ganz logisch auf unsere Gegenwart einwirkenden Faktor.

Besonders berührt hat mich dieses Buch, da ich in meiner eigenen Familie den Nachhall des Gestern – des Kriegstraumas, des Vertriebenenschicksals, der Erfahrungen von Verlust, Hunger, Leid – als Kraft kennengelernt habe, die sich über Generationen hinweg prägend auswirkt, und in diesem Buch nun eine besonders ausdrucksstarke Auseinandersetzung mit diesem Thema gefunden habe. Die mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnete Ulrike Draesner hat einen großen Anspruch mit diesem Roman verfolgt, und es ist ein großes Buch daraus geworden.


>> Ulrike Draesner, Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand Literaturverlag), Gebunden €21,99