LONESOME TRAVELLER

LONESOME TRAVELLER // „Wie eine Dampflok, die hundert Waggons zieht“…

…so, sagte Jack Kerouac, schrieb er diese acht autobiografischen Prosaskizzen, die in Lonesome Traveller zusammengefasst sind. Voll angefeuert also, schnaufend, rackernd, kraftsprotzend. Filigranität und Feinsinn? Pah. Damit besitzt Lonesome Traveller keinerlei Sonderstatus unter Kerouacs Werken – es ist sein neuntes Buch und es zeigt im gleichen Maße wie die vorangegangenen und die nachfolgenden Titel, dass Kerouac eben nur eine einzige Gangart kannte: Volldampf.


Da ich als Kind nicht besonders leseaffin war, gab es kaum eine Handvoll Kinder- und Jugendbuchhelden, die sich als Wegbegleiter in mein Leben hineinschmuggeln konnten. Einer, der es trotzdem geschafft hat, meine Hand zu fassen zu kriegen und mich mitzureißen, war Huckleberry Finn. Eine Allegorie der Anarchie, ein, im Wortsinne, junger Wilder, ein Sinnbild sicherlich des ungezähmten Amerika – für mich damals in erster Linie aber einfach einer, mit dem ich gern gemeinsam auf endlose Streifzüge durch die Gegend gegangen wäre. Ich mochte sein furchtloses und unverwüstliches Wesen, sein struppiges Haar, die löchrigen Hosen, die dreckigen Finger. Alles in allem: seine Unabhängigkeit – und wenn dieses Zauberwort auch nicht allein den Amerikanern gehört, so besitzen die großen amerikanischen Autoren doch speziell hierfür einen besonderen Sinn.

Irgendwann war ich plötzlich älter als der gute alte Huck, und der konnte seine Funktion als Großer-Bruder-Figur somit nicht mehr so recht erfüllen. In diese Bresche sprang später Jack Kerouac – für mich die logische Fortführung des Prinzips Huckleberry Finn im frühen Erwachsenenalter. Eine ebenso uramerikanische Figur, eine ebensolche Verkörperung von Unbezähmbarkeit und Unabhängigkeit. Beiden gemeinsam ist dabei einerseits die überromantisierte Darstellung dieser Unabhängigkeit, was sich bei Kerouac bis in die Verblendung hineinsteigert, andererseits aber auch die Einbeziehung der Kehrseiten des Lebens als Unbezähmbarer: Bei Huck Finn spürt man trotz aller Rotzlöffeligkeit dennoch die Verlorenheit und Verletzlichkeit des elternlosen Kindes heraus, und bei Kerouac lauten die Begleiterscheinungen seines entgrenzten Lebens Alkohol- und Drogenmissbrauch, körperliche wie seelische Defekte, Bindungslosigkeit sowie Beziehungshorror.


In Lonesome Traveller gibt Kerouac einleitend eine Art steckbriefliches Portrait von sich selbst und seinem literarischen Werk ab, dessen letzter Punkt die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses, seines neuesten Buches ist:

Lonesome Traveller ist eine Sammlung veröffentlichter und unveröffentlichter Stücke, die ein gemeinsames Thema verbindet: das Reisen. Diese Reisen führen quer durch die Vereinigten Staaten, vom Süden zur Ostküste zur Westküste in den entlegenen Nordwesten, durch Mexiko, Marokko in Afrika, London, per Schiff durch den Atlantischen und Pazifischen Ozean, und sie machen mit allerlei interessanten Menschen und Städten bekannt. Arbeit bei der Eisenbahn, Arbeit auf See, Mystizismus, Arbeit in den Bergen, Geilheit, Solipsismus, Hemmungslosigkeit, Stierkämpfe, Drogen, Kirchen, Kunstmuseen, Großstadtstraßen, der Lebensmischmasch eines selbständig gebildeten mittellosen und nach allen Seiten offenen Lebemannes.

Nun, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen: Ganz ähnlich wie Eichendorffs Taugenichts zieht es auch Kerouac in alter, romantischer Grand-Tour-Manier hinaus in die Welt, auf dass er sie kennenlerne. Wo der Taugenichts allerdings eher hineinstolpert  – etwa in die verwickelte Liebesgeschichte zu seiner Aurelie -, stampft Kerouac mit viel Schmackes und ohne Rücksicht auf eigene oder Anderer Verluste voran. Immer stehen Fernweh und Frauen einander im Wege, rastlos tingelt er von Land zu Land, von Job zu Job, auch von einer Dummheit zur nächsten.

Im Kapitel Piere der heimatlosen Nacht will er auf einem Schiff anheuern, auf dem ein Kumpel unterwegs ist, für den er auch noch eine Waffe abholen soll, was er aber vertrödelt, woraufhin die beiden sich verzanken, ungeachtet dessen aber doch wieder irgendwo in Downtown gemeinsam versacken, wodurch sie beinahe das Auslaufen des Schiffes verpassen, auf dem Kerouac am Ende dann doch nicht mitfahren darf. Fellachen in Mexiko ist eine Liebeserklärung an das Land südlich unterhalb der USA, das sich zu jenen zu verhalten scheint, wie das brodelnd lebendige Unterbewusste sich zur glatten und leblosen Fassade eines gepflegten menschlichen Äußeren verhält: Kerouac beschreibt Stierkämpfe, öffentliches Leben, Verwurzelung in ehrlicher Religiosität, indianische Drogen. Um ein klassisches amerikanisches Motiv, die Eroberung des Kontinents per Lokomotive, dreht es sich in Die Eisenbahnerde. Schlamper der Küchensee ist ein Ausflug in Kerouacs Zeiten als Kabinenstewart bei der Marine. Kerouacs literarische und musikalische Zeitgenossen, seine Beatnik-Freunde, tauchen in den New Yorker Szenen auf: hübsche Mädchen, Trinker und Tunichtgute, Thelonious Monk spielt dazu am Klavier, Allen Ginsberg und John Coltrane sind auch dabei und alle, die es unverwechselbar machen, das Nachtleben der Beats in New York. In Allein auf einem Berggipfel hat Kerouac allerdings genug von dem ganzen New Yorker Trubel und will für sich sein, in der Natur: Er bewirbt sich beim Landwirtschaftsministerium um einen Job als Brandwache in den Wäldern des Nordwestens, er schreibt über die Reinigung der Seele durch die reine Naturerfahrung, über Floßfahrten, Lagerfeuer-Kaffee, wohlige Langeweile und er schreibt dieses:

Ein Grashalm, der in den Winden der Unendlichkeit schwankt, verankert in einem Felsen, und für dein eigenes armes Fleisch gibt es keine Antwort. Deine Öllampe brennt in der Unendlichkeit.

Die Große Reise nach Europa führt Kerouac – nach den Bergen – wieder auf See, mit dem Schiff nach Marokko, von dort nach Marseille und schließlich nach London. Abschließend behandelt er in Der amerikanische Tramp verschwindet unter Anderem die gar nicht so schwierige Frage nach dem Unterschied zwischen Jesus, Buddha und einem beliebigen anderen Landstreicher.

Im Grunde nichts Neues also in diesem Buch, nichts, was Kerouac nicht so oder so ähnlich schon einmal  andernorts geschrieben hätte. Das rastlose Reisen aber war sein Lebensthema, weil es schlichtweg sein Leben war. Nur, wo führte es ihn hin? Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein: In die Welt gehen und sein Glück machen, das gehört zu unseren Initiationsriten, wie die erste Liebesbeziehung, der erste Alkoholrausch, erster Ärger mit den Behörden und Autoritäten, ekstatische Erst-Erfahrungen mit Kunst und Musik. Von Allem genug erlebt für ein ganzes Leben hätte Kerouac schon nach ein paar Jahren Reiserei und Raserei, aber er bekam eben nie genug. Als Kerouac Lonesome Traveller verfasste, war er 38 Jahre alt und hatte sich bisher mit nichts Anderem als dieser Art zu leben befasst. Der Bruch, den das Erwachsenwerden und das Überschreiten der Grenzen, hinein in ein unabhängiges Leben, bedeuten, fällt bei manchen radikaler und ungezügelter, bei manchen wiederum viel gemäßigter aus. Kerouac kam über diesen Bruch nicht hinüber und verblieb einfach in dieser so aufregenden wie kräftezehrenden Lebens-Testphase – vielleicht auf Kosten einer Form des Erwachsenwerdens, die es ihm ermöglicht hätte, mit 47 nicht so ausgebrannt zu sein, wie er es bei seinem Tod war. Für diejenigen, die – wie ich – gern älter als das werden und dabei möglichst weniger kaputtgehen möchten, funktioniert er immerhin hervorragend als eine Art Stellvertreter in Sachen Abenteuer.


>> Jack Kerouac, Lonesome Traveller (Rowohlt) €6,95

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LONESOME TRAVELLER // One of these days I´m gonna stop all my travelling


>> Die längste einsame Reise ist das eigene Leben. Der 1931 in Glasgow geborene Anthony James „Lonnie“ Donegan tingelte, mit kurzen Unterbrechungen, lebenslang in Europa und den USA als Jazz-, Blues- und Folk-Musiker umher. Anfang der 50er Jahre trug er maßgeblich dazu bei, die in den USA entstandene Folk-Spielart Skiffle in Großbritannien populär zu machen, was einen veritablen Skiffle-Wahn auslöste und Donegan den Titel King of Skiffle einbrachte. Als Junge begann er Gitarre zu spielen, nachdem er mit seiner Mutter nach deren Scheidung nach London gezogen war, wo die Radiosender viel Bluesmusik brachten. Während seiner Stationierung im Nachkriegs-Deutschland gründete er seine erste eigene Jazz-Combo, arbeitete später mit weiteren Jazz-Bands für verschiedene Album-Aufnahmen zusammen, trat solo auf und schrieb fleißig Songs für Andere. Regelmäßig spielte er in der Hamburger Szene und nahm Alben mit deutschen Jazz- und Skifflemusikern auf. In England skifflete und kalauerte er sich vorrangig als Gute-Laune-Bombe durch diverse Show-Formate. Unterwegs in den USA erlitt er schließlich seinen ersten Herzinfarkt. Damit war die Reise für Donegan aber nicht vorbei: Ende der 70er nahm er seine Songs gemeinsam mit Kollegen wie Ron Wood, Brian May und Ringo Starr neu auf, trat weiter auf, erlitt einen zweiten Herzinfarkt, der ihn ein zweites Mal nicht aufhielt. Ende der 90er spielte er sogar noch auf großen Festivals und brachte ein gemeinsames Album mit Van Morrison heraus. Erst 2002 endete die Reise, Lonnie Donegan starb während einer Großbritannien-Tour, kurz vor einem Auftritt.


LONESOME TRAVELLER // Bruce Chatwin, In Patagonien

Einmal Alleinreisender sein, unterwegs in eigenem Auftrag, in odysseeischer Mission sozusagen: um sich zu verlieren und sich in der Verlorenheit ganz neu zu finden und zu erfinden. Der romantischen Idee nach erfordert eine solche Reise als Begleiter lediglich ein leeres Notizbuch, außerdem eine möglichst grob gehaltene Reiseplanung und eine Menge freier Zeit. Man wähle nun bitte auf einem gedachten Globus das Gebiet mit der, aus individueller Sicht, stärksten traummagnetischen Anziehungskraft und schwelge sich fort.

Vielleicht waren die guatemaltekischen Sorgenpüppchen aus dem Weltladen, die meine erste kindliche Begegnung mit der Idee von Weite Welt verkörperten, schuld daran. Vielleicht auch nur dieser Tim-und-Struppi-Film, der so schön schauerlich damit beginnt, dass sieben Forscher mit einem Schlaf-Fluch der alten Inka belegt worden sind, nachdem sie ein Grab in einer Tempelanlage ausgehoben hatten, woraufhin sich Tim, Haddock und Co. nach Peru begeben um sich Im Sonnentempel mal genauer umzusehen (aber wenn dies als kindiche Vorbereitung auf spätere Vorlieben gesehen werden könnte, dann vielleicht eher als der Einstieg in mein jugendliches Idiana-Jones-Faible). Doch um ehrlich zu sein habe ich schlichtweg keine Erklärung dafür, woher der ominöse Südamerika-Tick rührt, den ich seit jeher pflege. Sicher ist nur: Als ich als Jugendliche Julio Cortazár in die Finger bekam, riss das alle Tore in mir auf und bewirkte, dass sich Südamerika endgültig als mein erklärter Sehnsuchtsort manifestierte. Hörte ich in der Oberstufe von Anderen, sie gingen für ein Jahr nach Chile oder Argentinien, bekam ich feuchte Augen – ich selbst lernte allerdings nicht einmal ordentliches Spanisch. Schmachtend kleben meine Augen an jedem Bildband über mexikanische Kitschkunst oder die Horizonte Feuerlands – niemals spare ich aber auch nur einen Euro auf mein Ticket nach Valparaiso, Buenos Aires oder Montevideo. Dieser Schizophrenie meiner Liebe liegt wohl die Ahnung zu Grunde, dass man ein Phantom zwar begehren, aber nicht heiraten kann: Die Erfahrung des Echten wäre in diesem Fall der Tod eines viel zu wunderbaren, viel zu sehr geliebten Falschen.

Bruce Chatwin beginnt seinen Reisebericht In Patagonien mit einer Kindheitserinnerung, die in ihrer Funktion als Türöffner bereits darauf vorbereitet, dass dieses Buch anderen Regeln und Mustern des Erzählens folgt als Reiseliteratur im üblichen Sinne:

Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut. Es war nur ein winziges Stück, aber dick und ledrig, mit Strähnen borstigen rötlichen Haars. Es war mit einer rostigen Nadel an einer Postkarte befestigt. Auf der Postkarte standen in verblasster schwarzer Tinte ein paar Worte, aber ich war noch klein und konnte noch nicht lesen. „Was ist das?“ „Ein Stück von einem Brontosaurus.“

Der vermeintliche Brontosaurus stamme aus Patagonien und sei von einem Cousin der Großmutter, Kapitän Charley Milward, aus ewigem Gletschereis befreit, zerlegt, eingesalzen und in Fässern verpackt nach South Kensington ins Naturhistorische Museum verschickt worden, überdauert habe allerdings nur der speziell präparierte Hautfetzen – so weit die Familienlegende. Und somit offenbart sich auch die Quelle von Chatwins Faszination für den südamerikanischen Kontinent als Episode, die dem Reich der Märchen näher steht als der Realität. Später wird sich das Brontosaurus-Präparat als Teil eines historischen Riesen-Faultiers erweisen, was den Gegenstand beinahe vollständig seiner nahezu magischen Aura beraubt. Die Lebensgeschichte des Charley Milward dagegen – Kapitän eines Handelsschiffs, Überlebender eines Schiffbruchs in der Magellan-Straße, später Eigner einer Schiffswerft in Punta Arenas – bietet abenteuerromantischen Fantasien nachhaltige Nahrung. Und als der Kalte Krieg Chatwins Kindheit in Form von schulischen Vorträgen über ein im Nuklearbombeninferno versinkendes Europa heimsucht, wird das so ferne, mythisch verklärte Patagonien für den Jungen zum Zentrum seiner kindlichen Auswandererpläne.

Als Chatwin Ende 1974 seine lange Reise quer durch den Süden von Chile und Argentinien tatsächlich antritt, ist die Fundstätte des Brontosaurus bezeichnenderweise unter seinen gesteckten Zielen ebenso vertreten wie die Wirkungsorte des Charley Milward. Was Chatwin sucht und was er findet, ist ein von persönlichen und gesellschaftlichen, kulturellen, geschichtlichen Mythen gestaltetes Stück Erde. In Patagonien liest sich folgerichtig nicht wie eine informative Reisebeschreibung für den interessierten Touristen. Vielmehr ist es ein autobiographisch orientierter Erlebnisbericht, dessen Wahrheitsgehalt sich im Übrigen nur schwer bestimmen lässt, was der Wahrhaftigkeit des Erzählten allerdings keinen Abbruch leistet. Es liefert keine zusammenfassenden, auf Allgemeingültigkeit zielenden Beobachtungen, die gewissenhaft aus den Metropolen, den abseitigen Landstrichen, den touristischen Ortschaften zusammengetragen worden wären und Land und Leute zu portraitieren versuchten, sondern spürt das Atypische auf und das Anekdotische, es befasst sich mit den menschlichen und gegebenheitlichen Sondererscheinungen, die Chatwin im Laufe seiner Reise entdeckt. So verwundert auch nicht, dass Daten zu geographischem oder zeitlichem Verlauf der Reise kaum genannt werden – sie spielen, wenn überhaupt, nur eine zweitrangige Rolle, zurücktretend hinter der Fokussierung auf eine scheinbar von Zeit und Raum gelöste Erlebnisebene. Essay, Tagebuch, Geschichtsschreibung und Reisebericht vermischen sich mit einer guten Portion Fiktion, das Ergebnis ist ein sprachlich eleganter Hybrid aus Dokumentation und Dichtung.

Das Mylodon, so der wissenschaftliche Name des in diesem Kontext so schicksalsträchtigen Riesen-Faultiers, gedieh auf dem gesamten südamerikanischen Erdteil hervorragend, solange sich dieser in geographischer Isolation befand. Zum Verhängnis wurde dem Mylodon das tektonische Zueinanderstreben der beiden amerikanischen Kontinente, welches schließlich das Entstehen einer Landverbindung bewirkte; erfolgreiche Karnivoren aus dem Norden überrannten von nun an den Süden und veränderten die Entwicklung der ansässigen Fauna im Sturm.
Die Verschwindensgeschichte des Mylodons übernimmt innerhalb Chatwins zeitüberspannenden Erzählens die Aufgabe eines gedanklichen Leitbildes: Hier versammeln sich Berichte, in denen sich Epochen- und Strukturwandel, Untergänge und Aufstiege spiegeln. Nahtlos vom Mylodon zur argentinischen Militärdiktatur zu wechseln, die sich 1976, während Chatwin also von Nahem zuschaute, etablierte, erscheint somit nur auf den ersten Blick als konzeptlos und zusammengewürfelt. Tatsächlich erzählt Chatwin so, in spielerisch skizzierter Form, die Geschichte jenes Erdteils als eine Geschichte radikaler Wechsel der herrschenden Kräfteverhältnisse. Blutige Eroberungsschritte durch menschliche Invasoren säumen hier den Horizont. Die Conquistadores und die Christianisierungswalze in ihrem Schlepptau bringen flächendeckende Verheerung übers Land. Herbe (ziemlich detailverliebt von Chatwin portraitierte) Einwanderer aus Übersee – Waliser, Schotten, Deutsche, Russen und Andere – verdrängen mit ihrer schieren Masse und Zähigkeit die Ur- und Zweitbevölkerung; sie selbst, deren Ursprungsheimatländer zuvor oftmals ähnlichen Wechseln unterlagen, fürchten wiederum die Landreformen, die nach dem Militärputsch für eine totale Umverteilung sorgen könnten. Texanische Gringos, französische Hochstapler, deutsche Vagabunden schillern in lokalen Legenden auf, die Chatwin in seine Erlebnisschilderungen einflicht. Verbrieftes und Verklärtes gehen Hand in Hand: Eine Estanzia, auf der durch gewaltsame Übernahme eine kommunistische Enklave eingerichtet worden war, währte exakt so lange, bis von den neuen Machthabern das letzte Stück Vieh verspeist wurde, und löste sich dann, zwangsläufig, in revolutionäre Luft auf. Ein Indianer, der von Charles Darwin auf der Beagle als Vorzeigeexemplar eines bekehrten Wilden über die Weltmeere bis nach England verschleppt worden war, bildete sich schließlich so viel auf seinen Sonderstatus als Zivilisierter ein, dass er, wieder daheim bei seinen Landsleuten, den Yaman, in Schwermut verfiel und eines Tages, aus Ärger über aus England erhaltene Geschenke, die ihm zu läppisch vorkamen, ein Blutbad unter den ortsansässigen Missionaren anrichtete. Eine Engländerin, der Chatwin einen Besuch abstattet, erzählt von ihrer in spätem Alter angetretenen Reise durch die Gärten dieser Welt, ohne Vermögen, ohne Ziel, ohne Option auf Rückkehr in ein Zuhause. Interviews und Seemannsgarn, Mythen und Fakten, Erlebtes und Geträumtes.

Und Chatwin selbst? Schwebt mehr als allwissender Erzähler denn als leibhaftiger Reisender seltsam unberührbar über den Dingen. Mit eigenwilligem Esprit zeichnet er die Szenerien dieses Landes aus unverbrauchten Blickwinkeln. Trotz seiner radikal subjektiven Betrachtungsweise, der er mit federleichter Hand einen dichterischen Ton verleiht, bewahrt sich Chatwin gegenüber dem Leser eine gewisse Unnahbarkeit, als Person tritt er kaum einmal erkennbar hervor, eher nimmt man ihn als alles verbindende Substanz wahr: der Erzähler als Bindemittel einer großen, ewig fließenden Geschichte.

Ergänzend finden sich im Innenteil Fotoaufnahmen, die Chatwin während dieser Reise machte. Kein prächtiger Bildteil, sondern rätselhaft anmutende Ausschnitte aus Szenen, die Chatwin unterwegs erlebte: die Gute Stube eines Farmhauses, ein mitten im Nirgendwo abseits gestellter Bauwagen, stumme Felsen. Wohltuend unspektakuläres Bildmaterial, das die gefühlte Nähe zum fernen Kontinent noch vergrößert.


>> Bruce Chatwin, In Patagonien (Rowohlt), kartoniert €8,99