KULTURSPRÜNGE

Hamburger Museum für Völkerkunde (Sonja Grebe)

KULTURSPRÜNGE // Sicht+Kontakt

Trete ich in einen anderen Kulturkreis als meinen angestammten, denke ich, dadurch etwas über jene Kultur zu lernen. Worüber ich dabei eigentlich etwas lerne, bin ich selbst. Der Kreis meint eine Auswahl, die an einem bestimmten Kriterium orientiert ist: Zeitliche, regionale, soziologische Kreise werden gezogen und von da an mit einem gemeinschaftlichen Vornamen, verbunden mit dem Nachnamen –Kultur, gerufen. Aber welchen Kreis man auch zerlegt – als seine Elementarteilchen erweisen sich immer die Einzelmenschen, jeder mit seinen jeweiligen künstlerischen und gesellschaftlichen Vorstellungen, Prägungen, Taten. Unmöglich, jeden Einzelnen kennen zu lernen. Aber an jedem Einzelnen, der einen anderen Kreis bewohnt, lerne ich mich selbst kennen. Ich beneide und beglückwünsche jeden, dem es möglich ist viel zu reisen; wer jedoch nur reist um das heimische Schwimmbad gegen einen fernen Hotelpool zu tauschen, dem unterstelle ich mangelnde Neugier auf sich selbst. Diese Neugier darf aber auch daheim nicht schlafen: Auch ohne Reise ergeben sich viele Gelegenheiten zu Kreiserforschungen und neuen Selbstvermessungen.

Tag im Museum: Ich besuche eine Ausstellung, die koloniale und zeitgenössische Südsee-Exponate zeigt. Zu rituellen Darbietungen und zu Stammesmasken habe ich eigentlich keinen Bezug. Denke ich. Aber dann betrachte ich eine Reihe großer ozeanischer Masken, die in einem abgedunkelten Gang in indirekter Beleuchtung gezeigt werden, und ich durchschreite diesen Gang oft, bis ich jede einzelne Maske bis ins Letzte betrachtet habe, und bekomme dennoch nicht genug. Ich habe gerade etwas verstanden, obwohl ich beim besten Willen nicht sagen kann, ob meine Gedanken zu diesen Masken mit den Gedanken ihrer Schöpfer irgendeine Deckungsgleichheit aufweisen. Während des Auf- und Abgehens im Dunkeln habe ich mich gefragt, weshalb es so befreiend auf mich wirkt in diese Maskengesichter zu schauen, und weshalb der Wunsch sie anzufassen mir so sehr in den Fingern juckt. Die schönsten unter ihnen sind die besonders naiven und schmucklosen: grobe, riesige, unförmig erscheinende Wesen aus kaum behandelten Naturmaterialien. Sie sind ungefilterte Visualisierungen des Ungreifbaren, und ich verstehe plötzlich, dass es dieses Ungefilterte ist, wodurch die Masken allem, was ich schaffe, in Sachen Ausdrucksvermögen so unendlich weit voraus sind. Während ich Abstraktes in feste Strukturen einordnen möchte und allem Unbekanntem eine Analyse überstülpe, die dem Ungreifbaren seine Gewalt über mich entziehen soll, zeigt sich in diesen Masken ein ehrlicher Umgang mit der Gewalt des Ungreifbaren: Hier versuchen keine Begriffe die Empfindung zu kontrollieren, sondern die pure Empfindung findet in ihnen einen konzentrierten Ausdruck. Kategorien wie schön oder gut bedeuten nichts, mit ihnen beginnt bereits eine Einordnung, die das Verstehen beengt. Kann ich das eigentlich: etwas Abstraktes seine Form finden lassen, ohne dabei das Abstrakte in eine bereits bestehende Form hinein drücken zu wollen? Und wie funktioniert überhaupt dieser gemeinschaftliche Zugang zu Empfindungen, der innerhalb des Stammeswesens besteht, aber für mich ausschließlich im Individuellen möglich scheint? Doch: Gäbe es nicht etwas Überindividuelles, das in uns allen verankert liegt, fände sich auch hier keine Kunst, die das Dekorative überschreitet und durch die wir uns mit Anderen gefühlsverbunden glauben. (Ich beschäftige mich seither fiebrig mit Stammesmasken aus verschiedenen Erdteilen, nicht nur mit meinen Lieblingen aus Papua Neuguinea, und bin inzwischen ebenso vernarrt in die Masken und kultischen Puppen der Hopi, der Inuit, der Grebo und Dogon und Einiger mehr. Es gibt unendlich viel in ihnen zu sehen.)

Kultursprünge bedeutet das rege Betreten anderer Kreise. Aber auch das sprunghafte Erreichen eines neuen Niveaus. Und nicht zuletzt ist ein Sprung auch die Bezeichnung für einen Bruch, der ein bestimmtes Material durchzieht. Kultur ist ein kostbares Material – über Materialsprünge aber lässt sich folgendes sagen:

There´s a crack in everything, that´s how the light gets in.

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KULTURSPRÜNGE // Dinaw Mengestu, Unsere Namen

Afrikanisches Flüchtlingsdrama trifft auf amerikanischen Provinzalltag: Jeder für sich und aus seiner Sicht, erzählen der Afrikaner Isaac und die Amerikanerin Helen diesen Roman über eine Welt, in der alles beschädigt und vermint scheint – und über eine Liebe, der es schwer fällt kulturelle und persönliche Trennlinien zu überwinden.

Wer vielleicht – wie ich – den Kurzbeschreibungen nach erwartet hätte, in Unsere Namen einen Roman mit zeitaktuellem Hintergrund zu finden, ist zunächst davon überrascht, in dem aktuellen Buch des äthiopisch-amerikanischen Autors Dinaw Mengestu eine Geschichte aus den 1970er Jahren zu lesen: Was da in perspektivischem Wechsel aufeinanderprallt, sind zum Einen die Bugwellen imperialen Wohlstands, die afrikanischen Bürgerkriege nämlich, die im Zuge der Dekolonialisierung sich anbahnten und ausbrachen, zum Anderen die Kehrseiten der Goldenen Siebziger, jener Hochphase des amerikanischen Wohlstands, die in Schilderungen des hochaggressiven Kleinbürgertums und von Sozialverlierer-Schicksalen sichtbar werden, wodurch das gesellschaftliche Erfolgsmodell USA hier seinen Glanz verliert.

Dass Mengestu jenes zeitliche Setting der Gegenwart vorgezogen hat, obwohl doch das gegenwärtige Zeitgeschehen auf amerikanischem und afrikanischen Gebiet Potential für literarische Bearbeitungen im Überfluss enthielte, geht wohl auf diese besondere Plakativität beider Gesellschaften zu jener Zeit zurück. Darüber hinaus wirkte sich jenes Jahrzehnt auf Mengestus eigene Familiengeschichte prägend aus: Er wurde in Addis Abeba geboren, die Familie verließ Äthopien während des Bürgerkriegs, der 1974 ausgebrochen war, und emigrierte in die USA, wo Mengestu bis heute, inzwischen als erfolgreicher Autor und Journalist, lebt.


Auch Unsere Namen beginnt mit einem jungen Mann, der aus Äthiopien stammt.

Auf der Busfahrt in die Hauptstadt legte ich alle Namen ab, die meine Eltern mir gegeben hatten.

Die gemeinte Hauptstadt ist jedoch nicht etwa das äthiopische Addis Abeba, sondern die – aus Sicht des Namenlosen – Hauptstadt aller Hauptstädte, die Haupt-Stätte nämlich eines jungen, ambitionierten Afrika: Kampala, Regierungssitz Ugandas. Hier bildet Afrika seine eigenen Eliten, hier entwickelt es eine neue, eine selbst geschaffene Identität. Ab den 1950er Jahren steht Afrika unter dem Eindruck nationaler Unabhängigkeitsentwicklungen, 1962 wurde Uganda unabhängig vom britischen Protektorat. In jenen Zeiten greift der Geist von Selbstbestimmung und Identitätsfindung einend über die Landesgrenzen hinaus. So wird Kampala, die Millionenmetropole und moderne Universitätsstadt, zum Konzentrationspunkt einer idealistischen Generation junger Afrikaner. Mit seinem Bildungsschwerpunkt etabliert sich Kampala innerhalb Ostafrikas als Gegengewicht zum ebenso einflussreichen Nairobi (Hauptstadt des Nachbarlandes Kenia), welches mit dem Negativ-Image eines Vergnügungsmolochs belegt ist. Doch der Umbruch der Machtgefüge in Afrika durch das Aufweichen und den Rückzug kolonialer Gewaltstrukturen zieht Flächenbrände nach sich. Länder, die keinerlei Eigeninteressen hatten verfolgen dürfen – selbst die Landesgrenzen sind koloniales Erbe -, müssen nun ein vernichtetes Eigenwesen in Stand setzen. Dabei werden sie konfrontiert mit einem Vakuuum, das mit einheimischen Möglichkeiten nicht aufzufüllen ist: Es zeigt sich in politischer Erfahrungslosigkeit, wirtschaftlicher Verwaisung, infrastruktureller Verwahrlosung, krimineller Verwilderung. Ordnung schaffende Zentralorgane funktionieren nicht, Zersplitterung der Gewalten ist die Folge: Es gibt keine einfachen Machtübergänge, sondern es beginnt eine Epoche der Verteilungskämpfe.

Unser junger Äthiopier, den es nach Kampala gezogen hat, verkörpert jene Umbrüche und die damit verbundenen Hoffnungen und Konflikte in sich: Seine Namen, die für seine bäuerlich-unmündige Herkunft stehen, streift er auf dem Weg nach Kampala ab – angekommen in der städtisch geprägten und geistig erwachten Moderne findet er jedoch nicht zu seiner neuen Identität, wie er es sich vorgestellt hätte, und bleibt der Namenlose. Auch heimatlos bleibt er. Seine Schlafstätten, die er teilen muss, sind ihm ein armseliges Obdach, kein Zuhause. Geld ist schwer zu verdienen, und klare Perspektiven eröffnen sich ihm nicht. Sein Ziel war es seit jeher gewesen, Schriftsteller zu werden, aber an der Universität, auf deren Campus er nun herumstreunt, als gehöre er dazu, findet er keine Aufnahme. Ein Phantom-Leben – und die Stadt ist übervoll von geisterhaft lebenden Menschen: Als seinesgleichen erkennt der Namenlose einen Einheimischen, der wie er den studentischen Cliquen auf dem Campus nachschleicht und dessen tägliche Versorgungswege sich mit den seinen überschneiden. So wie er, stammt auch dieser junge Mann aus kargen dörflichen Verhältnissen, ist allerdings aus klareren Motiven in die Hauptstadt gegangen und trägt einen Namen, mit dem er für seine Sache einsteht: Isaac. Es ist Isaacs starke Politisierung, die den Unterschied zum Namenlosen ausmacht.

Wir sind hier in Afrika. Es gibt also nur ein Studienfach, das infrage kommt, erklärte er. (…) Politik. Etwas anderes haben wir hier nicht.

Isaac wird zum ersten echten Bezugspunkt für den Namenlosen in diesem neuen Leben. Aus der Interessengemeinschaft der beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die jedoch stets auf der Schneide ihres gefährlichen Lebensumfeldes steht: Isaac findet Eingang in machtpolitisch orientierte radikale Kreise und kann sich durch seine neuen Verbindungen eine etwas stabilere Versorgung sichern. Dabei zieht er den Namenlosen jedoch mit hinein in ein Verpflichtungsgeflecht, das einen blutigen Weg für beide vorzeichnet.

Das unabhängige Uganda erlebte viele unterschiedliche Regierungsformen – und viel Leid: Angefangen mit einer Republik unter König Mutesa II. als Präsident und Premierminister Obote (1962), wurde von Obote nach kurzer Zeit unter Einsatz brutaler Methoden ein Einparteiensystem errichtet – ein Versuch in Afrikanischem Sozialismus – (1966), welches wiederum nach dem Militärputsch Idi Amins in eine Diktatur umgewandelt wurde (1971). Unter Idi Amins Gewaltherrschaft ereigneten sich Massenmorde an Oppositionellen und Minderheiten, Ugandas Überfall auf Tansania war der Beginn eines bald unkontrollierbaren Bürgerkrieges (1978). In den Folgejahren wurde die Diktatur wieder abgelöst, erneut durch Obote, der jedoch seinerseits seinen brutalen Politikstil weiterführte, und der ungelöste Konflikt mit Tansania äußerte sich in dauerhaften Guerilla-Gefechten. Nach kriegerischer Übernahme verlor Obote seine Macht an den bis heute als Staatschef aktiven Museveni, dessen Herrschaftsstil dem Obotes ähnelt. Erst 2008 gab es einen ersten Waffenstillstand, seit 2011 jedoch schwelen erneut starke Unruhen im Land.

Die Lebenswege des Namenlosen und Isaacs führen, ebenso direkt wie Ugandas unabhängiger Weg, nach dem Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben in die Mühlen militärisch ausgetragener Machtkämpfe. Und so wie das Land, werden auch die Freunde durch die eskalierenden Verhältnisse in zwei Lager gerissen: Die Einen bleiben und gehen ins Elend, die Andern gehen elend in die Diaspora. Das Wertvollste, was der namenlose Äthiopier schließlich auf seiner Flucht aus Uganda mitnimmt, ist ein Pass mit einem Namen: Isaac.


Helens Geschichte bedarf keiner ähnlich ausführlichen Einleitung: Aufgewachsen in kleinstädtischem US-amerikanischen Umfeld, die elterliche Ehe war ein liebloses Zweckbündis, vom Vater des Ansehens wegen, von der Mutter aus Versorgungsängsten aufrecht erhalten. Angesiedelt im Zentrum des provinziellen Amerika, in einer Provinzstadt in Maryland, sind die Lebensumstände Helens den unseren vergleichbarer als die Isaacs. Trotz ihrer Herkunft aus getrennten Welten ist ihr jeweiliger Wunsch nach Identitätsfindung ein Motiv, das beide Charaktere eint. Helen ist um die dreißig und alleinstehend, und sie arbeitet für einen Sozialdienst, kümmert sich um Veteranen, begleitet unheilbar Kranke, leistet Familienberatung und dergleichen. Dass ihre Motive für diese Berufswahl durch ihre Familiengeschichte beeinflusst sein könnten, denkt man früh: Ihr Elternhaus ist einer der ersten Maßstäbe, den Helen im Roman anlegt um sich selbst zu beschreiben.

Meine Mutter war eine Flüsternde. Sie sprach grundsätzlich leise, damit mein Vater sich nicht aufregte oder in eine seiner düsteren Stimmungen verfiel. Das behielt sie auch dann noch bei, als er sie längst verlassen hatte.

Im Anschluss daran sagt Helen über sich selbst, nicht zur Flüsternden zu taugen. Ihre berufliche Zuwendung zu Not und Leid scheint einen Versuch auszudrücken, das kleinbürgerliche Idyll, in dessen Eingeweiden häusliche Gewalt und finanzielle Not versteckt wüten, von innen nach außen zu kehren – das Elend rückwirkend von der Fassade zu befreien, um ihm heilend begegnen zu dürfen. Jedoch reibt diese Arbeit sie auf. Es gibt viel Du in Helens Leben, vielleicht zu viel – zum Ich hat sie nie so recht gefunden. Beruflich wie privat ist sie an einem Punkt angelangt, an dem sie glaubt kaum noch emotionale Kräfte investieren zu können, als ihr die Aufgabe zugewiesen wird, einen Schwarzafrikaner namens Isaac während seiner Eingliederung ins amerikanische Alltagsleben zu betreuen.


Isaac und Helen verbindet sofort eine Sympathie miteinander, die sich bald zu einer Liebesgeschichte entwickelt. Doch gibt es keine öffentliche Version dieser Liebesgeschichte, alles spielt sich in geschlossenen Räumen ab. Die gesetzliche Rassentrennung mag abgeschafft sein, das gesellschaftliche Klima jedoch, zumal abseits der Großstädte, trennt noch immer nach Hautfarbe. Der vielleicht amerikanischste geschlossene Raum ist das Auto: Während gemeinsamer Autofahrten können Helen und Isaac ungestört und unbelauscht miteinander reden, während gleichzeitig das amerikanische Panorama durch ihr Sichtfeld zieht. Das Auto, Sinnbild für Mobilität, wird zum Sinnbild für das Weglaufen, die Auto-Nation zur Nation von Davonläufern, sei es vor privaten oder gesellschaftlichen Geißeln. Dass gerade Isaac, der Flüchtling, nie gelernt habe Auto zu fahren, erscheint vor diesem Hintergrund unstimmig – es erweist sich als eine Lüge Isaacs: Helen beobachtet ihn eines Tages zufällig, während er in ein Auto steigt und davonfährt, und stellt sich die Frage, was sie wirklich über Isaac wissen kann, wenn nicht nur zum Schutz nach außen hin, sondern auch zwischen ihnen Lügen stehen. Vom Autositz aus spioniert Helen ihm fortan nach, und entdeckt weitere Rätsel. Die Vergangenheit Isaacs als Aufständischer gegen Idi Amins Gewaltherrschaft ist für Helen eine weitestgehend unbekannte Größe: War seine Rolle im Kriegsgefüge eine heldenhafte? Oder beging auch er Kriegsverbrechen? Und in welcher Funktion ist Isaac wirklich hier, in den USA? Warum wird der einfache Flüchtling von Kontaktpersonen besucht, von denen Helen nichts wissen soll? Das mag sich nach einer Liebesgeschichte mit politischer Aufpeppung anhören. Mengestu erzählt jedoch etwas Tiefergehendes: Es geht um gegenseitiges Erkennen – und darum, welche Faktoren den Blick auf einander irritieren.


Dinaw Mengestu sah sich bezüglich seiner Vorgängerromane oft der Kritik ausgesetzt zu perfekt zu schreiben. Unsere Namen bestätigt das. Es fehlt dem Schreibstil keineswegs an technischer Qualität, doch etwas fehlt trotzdem. Vieles, was sich erst im Kopf des Lesers zu einem atmosphärischen Bild der Schauplätze und Handlungen zusammensetzen sollte, wird in einem Halbsatz Mengestus vorweggenommen. In der guten Absicht seine Geschichte bis ins Letzte zu kontrollieren, nimmt er also die Imagination des Leser gleich mit an die kurze Leine. Was sich aber als bemerkenswert erweist, ist Mengestus Fähigkeit, große Zusammenhänge einzig durch die Eigenschaften und Konstellationen seiner Figuren auszudrücken – Kontraste aufzubauen, die eine gegenseitige Beleuchtung bewirken.


>> Dinaw Mengestu, Unsere Namen (Kein & Aber) gebunden €22,90

KULTURSPRÜNGE // Ibrahim Maalouf


Vom Libanon nach Frankreich: Diesen Weg ging Ibrahim Maaloufs Familie, als sich ihr die Chance bot, aus dem Libanon zu fliehen, wo von 1975 bis 1990 ein verheerender Bürgerkrieg wütete. Geboren 1980 in Beirut, verbrachte Maalouf seine Schulzeit in Paris. Als Kind einer Familie von Akademikern und Künstlern kam er von klein auf mit verschiedenen musikalischen Einflüssen intensiv in Berührung, insbesondere durch seine Eltern: Seine Mutter war Pianistin, sein Vater Trompeter. Von diesem unterrichtet, begann er als Kind auf einer Piccolo-Trompete zu spielen und profilierte sich als Heranwachsender durch seine herausragende Beherrschung der Barock-Trompete. Bis heute spielt Maalouf auch auf einer individuellen Variante dieses Blechblasinstrumentes: der von seinem Vater in den 1960er Jahren erfundenen Viertelton- oder Mikroton-Trompete, die es ermöglicht, Maqams zu spielen – klassische Elemente der persisch-arabischen Musik. Bereits während seines Studiums am Renommee-trächtigen Pariser Konservatorium nahm Maalouf an einer Vielzahl internationaler Wettbewerbe Teil und gewann außergewöhnlich viele davon. Seine spezielle Prägung und Begabung spiegeln sich auch in seinen häufigen Berufungen in akademische Positionen in aller Welt, so hat er bereits Meisterklassen in Frankreich und den USA gegeben. Ebenso betätigt er sich international als Komponist, zum Beispiel in der Ausführung einer Komposition für die Brüsseler Musikfestspiele oder im Auftrag der Cinémathèque française, für die er einen Stummfilm vertonte – die Aufnahmen hierfür führten Maalouf nach New York und entstanden gemeinsam mit US-amerikanischen Jazz-Musikern. Neben seinen Zusammenarbeiten mit unterschiedlichsten Musikern auf deren Alben, unter Anderem mit Sting oder dem Mali-Blues-Duo Amadou et Mariam, hat Maalouf inzwischen mehrere eigene Alben veröffentlicht, die seine spezielle Verschmelzung klanglicher Stile zum Ausdruck bringen: Jazz, Rock, Funk, Elektro, Klassik, zeitgenössische und folkloristische arabische Musik – all dies nimmt Maalouf ganz selbstverständlich hinein in seine persönliche Ausprägung von Fusion-Jazz.


>> zuletzt erschienen: Ibrahim Maalouf, Illusions (Mi´ster)