Japan

BERG+WERK // Natsume Soseki, Der Bergmann

19 Jahre. Himmel, was ein Elendsalter.
Offiziell war man volljährig, was kulanterweise oftmals ignoriert worden war, solange man noch 18 gewesen war, aber schließlich findet jede Schonfrist einmal ihr humorloses Ende. Mit „Pubertät!“ als Ausrede für begangene Dämlichkeiten und emotionale Inkontinenz war es jedenfalls vorbei. Indessen zog es sich quälend lange hin, bis Erfahrungen und Erkenntnisse irgendwann diese erdende Wirkung zu entfalten anfingen, die für stärkere innere Belastbarkeit sorgt. Täglich bot sich der Panoramablick auf eine Landschaft, die von einer Talschneise unerbittlich halbiert wurde – so beeindruckend eklatant war der Abstand zwischen Wollen und Können, zwischen Wollen und SEIN.
Nun: Während ich so einigen Mitmenschen dabei zuschaute und zuschaue, wie sie mit ihrem Älterwerden leidvoll hadern, bin ich mit meinem eigenen sehr im Reinen und würde die 19 nicht zurückhaben wollen.
Nicht geschenkt. Nein.
Ich stehe mit einem solchen Empfinden ja nicht allein da, nur spricht es sich freilich unangenehm aus: „Noch mal 19 sein? Geh mir los, das war doch so was von #*°##^!“ Immerhin geht’s hier um die persönliche Sturm-und-Drang-Epoche, nicht wahr? Um einen Lebensabschnitt, über den man gefälligst wildromantische Abenteuergeschichten zu erzählen hat – möglichst die Kronjuwelen der autobiografischen Schatzkammer! (Bei solchen Vorträgen bitte keinesfalls vergessen, abwechselnd das Publikum glutäugig anzufunkeln und dann wieder einen verklärten Blick nebst Seufzer gen Zimmerdecke/Sternenhimmel zu schicken.)
Und tatsächlich war auch gar nicht alles dermaßen #*°##^ damals, mit 19. In erster Linie war eben alles: intensiv.
Man erlebte die Dinge deshalb so intensiv, denke ich, weil man ihnen einfach noch nicht gewachsen war. Man zählte nun einmal selbst noch nicht zu den erwachsenen, gestandenen Dingen. Sicher ist es dieser Untauglichkeitsaspekt, weswegen ich jene Altersphase als eine so scheußliche erinnere – und der gleichermaßen erklärt, weswegen ich mich oftmals schwertue, junge Leute in ihren suspekt tiefgehenden Gefühlsnöten und ihrem so suspekt reinen Weltverbesserungsfuror, wie wohl nur 19jährige sie an den Tag legen können, ernst zu nehmen. Es kommt vor, dass ich mich selbst ertappe, wie ich einen Kübel Altersarroganz über jemandem auskippe, der mir im Daunengefieder von Idealismus und Überschwang gegenübersteht. Es kommt sogar vor, dass ich denke, ich selbst hätte qua Lebenserfahrung die Dinge inzwischen im Griff – das bezeichnet man dann wohl als Wunschdenken. Sofern man eine ziemlich nachsichtige Menschenseele ist. Man kann’s getrost auch Bullshit nennen.
Nie hat man die Dinge ganz und gar im Griff. Mit zunehmendem Lebensalter hat man, wenn es gut läuft, lediglich etwas besser im Griff, dass man die Dinge eben nie im Griff hat.
Etwas Hilfreicheres als das kann ich 19jährigen Menschen wirklich nicht an die Hand geben. Aber wozu auch; sowieso muss man sich schon höchstselbst in die Erfahrungsnesseln setzen, muss sich an allerhand Dingen die Zunge und die Finger verbrennen, um mit der Welt warmzuwerden. Dass, wenn man 19 ist, alles an einem und um einen herum am Lodern ist, ist also irgendwie schon richtig so. Und gelegentlich – beispielsweise wenn ich gerade drauf und dran bin, es als hysterisch überdrehten Kinderkram abzukanzeln, wenn 19jähriges Herzeleid in vollster theatralischer Pracht vor mir ausgebreitet wird – bremst mich eine simple Umkehrprobe: Würde ich rückblickend als albernen Kinderkram einstufen, wen ich mit 19 so kennengelernt habe und wie sich das angefühlt hat?
Fuck.

Der Bergmann unternimmt eine ähnlich gestimmte Untersuchung der eigenen Kläglichkeit als Jungspund. Aus einer nicht näher beschriebenen Gegenwart heraus plaudert und schwatzt der namenlose Erzähler davon, wie er als 19jähriger einmal sterben wollte und es nicht hinkriegte. Der Schlamassel, in dem der Mann aus Tokio damals steckte, ging konkret auf Liebesquerelen zurück, aber auch im Allgemeinen spricht sein späteres Ich ihm ab, in jungen Jahren ein sonderlich lebensfestes Exemplar gewesen zu sein.

Natsume Soseki schrieb den Bergmann 1908, somit liegt dem Roman eine historische, auf Familie und Ehrgefühl basierende Lebenswelt zugrunde – die allerdings unter Tenno Mutsuhito kräftig umgepflügt wurde. Während der als Meiji-Zeit bezeichneten Regentschaft Mutsuhitos wurde das japanische Ständesystem komplett verändert, es entstanden ein staatliches Schul- und Militärwesen, Japan orientierte sich massiv am Vorbild westlicher Großmächte, diplomatische Beziehungen dorthin wurden forciert, und die rasante Industrialisierung Japans tat ihr übriges dazu, das Kaiserreich zu einer expansionshungrigen Imperialmacht werden zu lassen. Auf gesellschaftlicher, kultureller, auch mentaler Ebene musste dieser Stresstest, dem das Traditionsgebilde Japan durch die Turbomodernisierung unterzogen wurde, deutliche Spuren hinterlassen.
So überrascht es nicht, dass Soseki seinen jungen Edelmann einem Konflikt aussetzt, in dem Tradition und Moderne unvereinbar aufeinandertreffen, was den Grünschnabel in eine Orientierungskrise erster Güte stürzt: Zwecks Heirat war er von seiten der Familie mit einem standesgemäßen Fräulein verkuppelt worden, welches sich umstandslos in diese Verbindung schickte. Ebenso selbstverständlich fühlte sich der junge Mann seiner Familie und seiner Braut verpflichtet. Nur gibt es neben preußo-japanischer Pflichtseligkeit ja auch noch das Begehren, und das flog in diesem Fall einer ganz anderen Dame zu, die dem Protagonisten mit ihrer nach kaiserzeitlichen Maßstäben reichlich unjapanischen Art den Kopf verdreht hatte. Enttäuscht hat er nun beide (kein Spoiler, man liest das früh heraus); die Schande trifft ausdrücklich ihn.
Eigentlich will er am liebsten sich selbst ein Ende machen – allein, es will nicht werden. Fürs Erste rennt er von Zuhause weg, raus aus der hellen, geordneten Stadt, hinein in dunkle Kiefernwälder. (Sinnbilder, Sinnbilder! Überall, ach!) Und da setzt der Erzähler ein.

Ich wusste nur zu gut, dass es kein Entkommen gab, so sehr ich es auch versuchte. Bereits als ich gestern Abend um neun von Tōkyō aufgebrochen war, hatte ich mir kaum Illusionen gemacht, aber jetzt im Gehen stellte ich fest, dass es das auch nicht sein konnte. Die Beine schwer wie Blei, die Kiefern standen Schlange bis zu Abwinken. Aber Beine hin, Kiefern her, am schlimmsten sah es in meinem Innern aus. Ich hatte keine Ahnung, warum ich ging, und trotzdem, von einer unbändigen Qual getrieben, ertrug ich keinen Augenblick ohne Gehen.

Auf diese Weise läuft er einem routinierten Mitschnacker in die Arme – einem Anwerber, der frische Arbeitskräfte an die Betreiber einer Kupfermine vermittelt. Der Tokioter Jüngling willigt blindlings ein, ihm zu folgen, obwohl, oder vielleicht eher weil ihm als Spross eines äußerst wohlhabenden Elternhauses nicht im Geringsten klar ist, was es bedeutet zu arbeiten, noch dazu körperlich, geschweige denn unter Tage. Ihm schwebt lediglich vor, dass sich die Bergkulisse als ein brauchbarer Hintergrund für seinen nach wie vor geplanten Abschied vom Diesseits erweisen könnte. Aber zuvor ließen sich dort bestimmt noch ein paar Sen verdienen, um ein etwas profaneres Bedürfnis zu stillen: Der junge Mann hat seit fast einem Tag nicht vernünftig gegessen!
Bereits die lange, beschwerliche Reise zum Kupferbergwerk, die er im Schlepptau des Anwerbers absolviert, ist gespickt mit allerhand Lektionen in Demut. Dort angekommen, geht es erst recht ans Eingemachte. Dem jungen Mann eröffnet sich der Einblick in eine Welt, wo sich Menschen durch einen Berg fressen – und der Berg wiederum frisst sich durch die Menschen, verschleißt gnadenlos deren Kräfte, verkrüppelt sie, vertilgt sie schließlich.

Der Gang an sich war dunkel. Selbst das Licht, das eigentlich hätte hell sein müssen, war dunkel.

Unter Tage ist nichts als verschwommenes Wabern, der ausgehöhlte Berg ist ein einziger Klangraum für das Poltern, Dröhnen und Hämmern der Bergleute und ihrer Gerätschaften. Es atmet sich schwer. Klapprige Leitern führen steil hinab ins Stollen-Gewirr, das sich über viele Ebenen erstreckt. Einige der Arbeitsschritte sind, besonders für einen, der im Umgang mit kiloschwerem Werkzeug und wenig stabilen Tritten und Stiegen noch nicht geübt ist, schlichtweg halsbrecherisch. Im Schichtwechseltakt isst und schläft man in Gemeinschaftsunterkünften; der Umgangston ist für den jungen Edelmann unerträglich, der Reis ist billig, die Bettwanzen überall.
Es ist selbstredend kein standesgemäßer Ort zum Leben – und zum Sterben auch nicht.
Ausgerechnet hier also kommt der junge Mann dem Leben und dem Sterben nun so nah wie nie zuvor.

Zum festen Bestand moderner Eroberungs- und Selbstverwirklichungslegenden zählen solche Berichte, die farbenfroh dokumentieren, wie einzelne, gestandene Heroen einen Gipfel erklimmen. Doch so eine ganz unhämische, ganz unpathetische Erzählung über die Erkriechung des dunkelsten Tiefpunkts – die darf im Gegenzug wohl auch nicht im Berg-Repertoire fehlen.

Definitiv eines meiner Lieblingsbücher“, zitiert der Buchrücken Haruki Murakami. Welcher wiederum ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er – Lieblingsbuch hin, Lieblingsbuch her – sich etwas ratlos fragt, was Der Bergmann eigentlich bloß für ein Buch sei. Es sei ein in Form und Qualität fragwürdiger Roman, aus diesem Grund auch der wohl unpopulärste Soseki-Roman, und eben doch ein toller Roman, denn er, Murakami, habe ziemlich viel über ihn nachdenken müssen.
Um ihn auf sachlicher Ebene einzuordnen, hebt Murakami hervor, welch „großen Wert als historisches Dokument, welches uns ganz hervorragend vermittelt, wie das Leben der Arbeiter im Kupferbergwerk Ashio gegen Ende der Meiji-Zeit wirklich aussah“ der Bergmann habe – wobei Murakami ignoriert, dass er ein paar Seiten zuvor eigenhändig erläutert, Soseki habe selbst niemals auch nur einen Fuß in ein Kupferbergwerk gesetzt, sondern lediglich die Lebensgeschichte eines jungen Bergmanns aus Ashio notiert, die jener ihm gegen Honorar als Material für einen neuen Roman angeboten hatte. Dieses Material habe überdies mehr Gewicht auf persönliche Liebesverwicklungen gelegt, als dass es sich mit bergmännischem Alltag befasst hätte, und selbst einschneidende Geschehnisse, wie der große Bergarbeiter-Aufstand von Ashio von 1907, fanden darin nicht einmal Erwähnung. Allein dass Murakami drei Seiten seines Vorworts auf eine Beschreibung der Arbeitsbedingungen in Ashio verwendet, zeigt bereits an, wie nötig solche Ausführungen sind – denn der folgende Roman beschäftigt sich wenig gründlich, höchstens beiläufig mit diesen Rahmenbedingungen.
Natsume Soseki war jedenfalls nicht Émile Zola.
Sosekis Held bliebe von seinen Erfahrungen und Erlebnissen im Berg seltsam unbeeinflusst, erklärt Murakami weiter – und ignoriert dabei, dass der Ich-Erzähler hier nichts akut erfährt und erlebt, sondern rückblickend davon berichtet, und zwar in der Sprache eines unliterarischen, zu nüchterner Betrachtung und Selbstironie fähigen Menschen, während sein Bericht im Kontrast dazu zeigt, wie sehr er zu schwärmerischem Blödsinn, Eitelkeit und Halsstarrigkeit neigte, bis, ja, bis zu seiner Zeit im Berg.
Dem Roman fehle irgendwie die Kartharsis, deutelt Murakami – und ignoriert damit, dass der Erzähler mit seinem von Soseki ganz bewusst profan gehaltenen Ton und dieser bewusst ungezwungenen Erzählstruktur es nicht leisten kann, literarisch gezielt auf einen solchen Wendepunkt hinzuführen, sondern dass es die bildhaften Vorgänge sind – hier die Flucht durch die Wälder, dort ein schwer zu bewältigender Aufstieg am Hang, da ein Schwanken an tödlichem Abgrund –, die die Aufgabe übernehmen, die Seelenbewegungen des Erzählers aufzuzeigen, sie gleichsam zu formulieren, und dem Erzählten eine Struktur zu verleihen, die parabelförmig verläuft und an ihrem Scheitelpunkt ein Läuterungserlebnis aufweist:
Ein junger, lebensmüder Mann, fern der Heimat und aller Vertrautheiten, steigt ins Innerste eines Berges hinab, bis in die größte Teufe, in der eiskaltes Grundwasser steht. Auf dem qualvollen Weg zurück hinauf überkommt ihn der Wunsch, die Hände einfach von den Leitersprossen zu lösen, sich einfach abstürzen zu lassen. Wir wissen, er entscheidet, es nicht zu tun – und auch später wird er nie mehr auf ein derartig tiefes Niveau herabkommen. Was sich an diesem Punkt wohl innerlich abgespielt hat?
Jedenfalls: Nachdem ich das Vorwort gelesen hatte, fiel es mir über den gesamten Roman hinweg nicht ganz leicht, Murakami, mit dem ich ohnehin nicht viel anfangen kann, zu ignorieren, gab mir jedoch alle Mühe. Schlägt man das Vorwort in den Wind, gibt das dem Roman die Chance, sich als wunderbar un-westlicher Entwicklungsroman zu präsentieren, der um 1908 herum bereits in einer Moderne angekommen war, auf die man mancherorts in Europa noch lange warten musste.
Ob das Ganze nun eigentlich als eine Allegorie des Neuen Japan – dieses jungen, kaiserzeitlichen Großjapan, das allerlei turbulente Entwicklungsschübe erlebte – angelegt war, oder ob es vielleicht sogar ein verschlüsseltes Portrait des Künstlers als junger Mann ist, fragen Sie bitte Ihren zuständigen Literaturwissenschaftler; so oder so fand ich den Bergmann als Ausgangspunkt, um mich einmal etwas ausgiebiger an japanische Geschichte, an japanische Literatur heranzuschnuppern, sehr ergiebig.


>>Natsume Soseki, Der Bergmann (Dumont), 11,-€

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GRAN FUTURISMO // Und der Mensch schuf den Roboter nach seinem Bilde

In der Ilias erzählt Homer über Hephaistos, Gott der Schmiedekunst, dieser werde in der Werkstatt von seinen selbst kreierten Mägden aus Gold unterstützt, die mit Vernunft begabt und lernfähig seien. Schon jene roboterhaft anmutenden Wesen scheinen geschaffen worden zu sein, um sowohl die Fähigkeiten und Stärken ihres Schöpfers automatisiert anwenden zu können, als auch um dessen Schwächen auszugleichen:

[…] Hinkte sodann aus der Tür, und Jungfraun stützten den Herrscher, / Goldene, Lebenden gleich, mit jugendlich reizender Bildung: / Diese haben Verstand in der Brust, und redende Stimme, / Haben Kraft, und lernten auch Kunstarbeit von den Göttern. / Schräge vor ihrem Herrn hineilten sie, er ihnen nachwankend. [Achtzehnter Gesang]

Das Bild vom künstlich hergestellten, intelligenten und idealförmigen Helferwesen, das uns untertan und doch in Sachen Kraft weit voraus ist, zieht sich über die Jahrhunderte durch die menschliche Fantasie – über die Romantik mit ihrer Faszination für Automaten bis ins heutige Industrieroboter-Zeitalter. Den Vorsprung in Sachen Schöpfungskraft, den die Götter innehaben, will der Mensch per Wissenschaft aufholen, und so wird er weiter auf den gewaltigen Annäherungsschritt ans Göttliche hinarbeiten, menschenartige Intelligenz irgendwann einmal selbst  – womöglich am Fließband – produzieren zu können.

Was danach kommen mag, darüber wird in der Science Fiction ausgiebig nachgedacht; abseits von Unterhaltungstrash und reinem Abenteuerspektakel findet sich dort eben auch große Philosophie. Auffällig dabei ist, wie sehr der Mensch, der über intelligenzbegabte Maschinen nachdenkt, einer Vorstellung verhaftet bleibt, nach der das Künstliche als Ebenbild des Menschlichen gedacht wird: Roboter, die in menschlicher oder menschenähnlicher Gestalt daherkommen, bevölkern unsere geträumte Zukunft. Warum sind es technische Einheiten, die ein Imitat des Individuums darstellen, die uns so beschäftigen? Warum werden als Antwort auf die Frage nach möglichen Formen künstlicher Intelligenz viel seltener Visionen entworfen, die form- und gesichtslose Schwarmintelligenzen zeigen, die keinerlei Übereinstimmung mit dem Konzept Mensch aufweisen? Der Blick in die Zukunft folgt dem gleichen Interesse wie der Blick zurück in die Historie: Aus diesen Betrachtungen wollen wir lernen, wer wir sind. Science Fiction finde ich dort am interessantesten, wo sie erforscht, welche Ergebnisse die Anwendung der Großen Fragen unter Laborbedingungen hervorbringt: Was ist Leben, und wie entspringt es? Was bedeutet Tod? Was ist Seele?

Weil diese Fragen nicht veralten, tun es auch die Klassiker nicht, die sich mit ihnen befassen. Da kann man etwas weiter zurück gehen, bis zu Frankenstein, und sich des Mitleids nicht erwehren, das man für dessen einsames Monster empfindet, oder etwas weniger weit, bis Blade Runner, und sich fragen, weshalb einem die Replikanten hier menschlicher erscheinen als die Menschen. In Ghost in the Shell ist es ein Hybridwesen aus Mensch und Maschine, das im Stillen zu ergründen versucht, was seine Identität ausmacht: Major Motoko Kusanagi besitzt ein Bionik-Gehirn, kann auf keine Herkunftsgeschichte zurückgreifen, ist nicht fortpflanzungsfähig, und verfügt doch über eine eigene Persönlichkeit. Im Jahr 2029 wird der Teil eines Menschen, Cyborgs oder bionischen Roboters, der dessen Identität speichert, als Ghost bezeichnet. Während ihrer Arbeit für die Sektion 9, einer Sondereinheit des Innenministeriums, verfolgt Kusanagi die Spur eines Hackers namens Puppet Masterder die Sicherheitssperre in den Ghost-Bereich überwunden hat und nun die Identitäten Anderer manipuliert. Zunächst deckt Kusanagis Team auf, dass der Puppet Master mit dem Geheimprojekt eines Technologiekonzerns in Verbindung steht. Doch zeigt sich bald, dass es Kusanagi mit weit mehr als nur einem aus dem Ruder gelaufenen Programm zu tun hat. Der Puppet Master erweist sich als Ghost, der aus unerklärlichen Gründen, durch irgendeinen Zündfunken im System, aus dem Netzwerk selbst heraus entstanden sein muss: eine Seele aus dem Rechner. Als der Major und der Puppet Master schließlich aufeinandertreffen, bietet diese Begegnung denn auch die ideale dramaturgische Gelegenheit, um das mit den Großen Fragen einmal gründlich durchzusprechen.

Diese erste filmische Umsetzung der gleichnamigen Manga-Reihe von Masamune Shirow erschien 1995. Rein optisch mag sich ihr futuristischer Anspruch inzwischen überholt haben: Outfits und Frisuren vieler Charaktere lassen an die Miami-Vice-Epoche zurückdenken; trotz direkter Netzwerkkommunikation zwischen den Ghosts gehören Telefonzellen hier noch zum Straßenbild – das Smartphone ahnte man eben nicht voraus; nicht zuletzt ist es auch das Medium selbst, der gute alte Zeichentrickfilm, das einem in Zeiten des computeranimierten 3D-Kinospektakels schon ziemlich vintage vorkommt. Egal – der (oftmals blutrot angehauchten) visuellen Schönheit und der hartnäckigen inhaltlichen Modernität des Ganzen tut das alles keinen Abbruch.

Nachdem der Stoff zu weiteren Animationsfilmen, diversen Anime-Serien und zur Computerspiel-Reihe verarbeitet wurde und Ghost in the Shell besonders in den 90ern als erfolgreiche Marke funktionierte, steht nun für 2017 eine neue filmische Adaption an: Derzeit drehen DreamWorks und Paramount Pictures einen Realfilm, in dem Scarlett Johansson die Rolle der Motoko Kusanagi spielt; geplanter Kinostart ist im kommenden März. Schon im Vorfeld der Dreharbeiten hat die Rollenvergabe eine Debatte um die unschöne Hollywood-Praxis des Whitewashing losgetreten: Während die Einen schon jetzt hingerissen sind von Johansson als Besetzung, fragen die Anderen sauer, weshalb man mal wieder nicht einer asiatischen Schauspielerin die tragende Heldinnenrolle habe geben wollen. Ob eine blauäugige Maschine, deren Geschichte sich in einer Zukunft abspielt, in der Nationalität oder Hautfarbe kaum mehr von Bedeutung sind, nun unbedingt von einer, sagen wir, japanischen Schauspielerin verkörpert werden muss? Um die Story an sich authentisch umzusetzen, wäre das nicht nötig – ginge es nur darum, hätte man die Rolle des Majors alternativ auch wunderbar etwa an eine puertoricanische Transfrau vergeben können. Dass Hollywood aber ausgerechnet für die Neuverfilmung eines japanischen Klassikers seine weiße Standardprominenz verpflichtet, anstatt der asiatischen oder asiatischstämmigen Schauspielerschaft den Vorzug zu geben, hat allerdings einen zweifach unguten Beigeschmack: Zum Einen verweigert man hier, wo sich doch ein schöner Anlass zu Gegenteiligem geboten hätte, wie gewohnt einer Minderheit das Privileg, sprichwörtlich eine Hauptrolle in der breiten Öffentlichkeit zu spielen, zum Anderen wird wieder einmal mit geradezu kolonialherrschaftlicher Selbstverständlichkeit ein Stückchen Fremdkultur zu einem rundum amerikanischen Massenprodukt verwurstet. Mir selbst wär’s schlicht lieber gewesen, man hätte Kusanagi ein etwas weniger Glamour-beladenes Gesicht gegeben. Am besten aber hätte wohl einfach gleich ein Roboter die Hauptrolle übernehmen sollen?

Wie gesagt, in der Science Fiction beschäftigt man sich häufig mit Fragen, die ums Menschliche kreisen.