Herta Müller

DAS FÜRCHTE-ICH // Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger

CIMG8433 (5)

Der Mensch ist ein soziales Tier.
In Urzeiten hing das Überleben entscheidend von der Gruppe ab; man teilte Furcht und Hunger, man teilte Wärme und Nahrung. Lagerfeuer, Gemeinschaft! Das war dermaßen prägend, dass auf dem Markt für Teelichter, Duft- und Tafelkerzen heute völlig absurde Summen umgesetzt werden: Selbst diese Miniatur-Höhlenfeuer leuchten ja so Ecken in uns aus, da kommt die Glühbirne gar nicht hin! Gleichzeitig hat das den Menschen nie davon abhalten können, mitunter seine Mitmenschen ins Feuer zu schubsen. Ich würde sofort drauf wetten, dass es schon in der Steinzeit Menschen gab, denen die soziale Dynamik innerhalb der Gemeinschaftshöhle so arg zusetzte, dass ihnen nichts als die Flucht übrig blieb. Der Mensch ist ein soziales Tier – im guten Sinne wie im bösen.

Im Totalitarismus findet sich die Perversion der Idealgemeinschaft. An die Stelle des Kümmerns tritt die Kontrolle. Aus der Sicherheit des Einzelnen wird die Bedrängung und Unterdrückung des Einzelnen. Statt menschlicher gibt es nur noch staatliche Perspektiven, Kategorien, Argumente. Nicht irgendwelche Götter entscheiden über Wohl und Wehe – die höheren Wesen heißen „Genosse“ oder „Führer“. Während Politparolen weiterhin die gegenseitige Versorgung und das gemeinsame Vorankommen predigen, lautet die gelebte Praxis: Alle gegen einen und einer über allen.

Herta Müller, die 1987 aus der Sozialistischen Republik Rumänien in die Bundesrepublik emigriert war, veröffentlichte hier fünf Jahre später mit Der Fuchs war damals schon der Jäger einen privat durchwirkten Einblick in das Alltagsleben unter Nicolae Ceaușescus neostalinistischer Diktatur. Szenen aus dem Roman entsprechen Szenen aus Müllers Leben; ihre Zeit als Fabrikmitarbeiterin, später als Aushilfe in Schulen, und die massive Überwachung und Einschüchterung von seiten der rumänischen Geheimpolizei Securitate, der Müller ausgesetzt gewesen war, bilden die Grundlage des Romans.
Herta Müller schreibt, wie immer, zuckerfrei. Die Sprache ist ruppig, hart. Und schwer – dabei trägt sie keinen Ballast, alles Überflüssige ist ihr abgekaut, abgeschmirgelt worden. Unter Druck werden die Wörter zu Bildern gepresst, und wo es keine so recht passenden Wörter gibt, macht Müller eigene.

Abends wurden Hörner und Klauen verbrannt, es stieg stechende Luft in die Vorstadt. Die Fabrik war ein Schlachthaus. Morgens, wenn es noch dunkel war, krähten Hähne. Sie gingen durch die grauen Innenhöfe, wie die ausgezehrten Männer auf der Straße gingen. Und sie hatten das gleiche Geschau.

Physische Eigenschaften, physische Vorgänge spielen eine große Rolle; immer geht der Blick vom Körperlichen aus aufs große Ganze. Das ist auch als Metaphorik zu verstehen, die vom Körper des Einzelnen auf den Staatskörper schließen lässt, welche in der Diktatur schließlich aufs Engste verbunden sind. Öfter denke ich jedoch, dass Müller, indem sie so konsequent an Körperlichkeiten, an Greifbarkeiten entlang erzählt, ihr Heil und ihren Halt im Konkreten sucht, denn das Konkrete liegt näher an der Wahrheit, während das Abstrakte leicht der Ideologie, der Demagogie, der Lüge eine Tür öffnet.
Die allgegenwärtige Angst sitzt ganz konkret im Fleisch, sie drückt im Darm, sie geht durch den Magen. Haar zeugt vielfach von den unweigerlichen, auch den lieber verleugneten Verbindungen, in denen Menschen zueinander stehen. Ein Haar beinhaltet Identitätsinformationen, sein Wachstum ein Stück Lebenszeit; ein Haar bedeutet was. So kann ein verlorenes, gefundenes Haar funktionieren wie eine Flaschenpost. Das Schneiden, das Entfernen oder das Kämmen von Haar werden zu Tätigkeiten, die Wesenszustände beschreiben. Der Frisör berechnet die verbleibende Lebensdauer seiner Kunden anhand der Menge von Haaren, die er ihnen über die Jahre abschneidet – wenn ein Sack voll davon ist, sterben sie, lautet seine Überzeugung: Ohne größeren literarischen Aufwand charakterisiert Müller so den Menschen als reines Produktionswesen, dessen Zeit abgelaufen ist, sobald sein Soll erfüllt, sein Maß voll ist. Für Kinder hat der Frisör immer Bonbons parat, zur Belohnung: „Sie waren mit Haaren verklebt, sie kratzten auf der Zunge.“
Es geht im Roman um Adina, Clara, Liviu, Paul, Abi, Ilija, Pavel – und einen verhängnisvollen Witz über Ceaușescu. Adina, die als Lehrerin ohnehin schon unter der zudringlichen Fuchtel des Schuldirektors steht, wird nun zusätzlich durch den Geheimdienst schikaniert, der während ihrer Arbeitszeit in ihrer Wohnung herumwerkelt und jedes Mal unspektakuläre, aber umso unheimlichere Zeichen seiner Anwesenheit hinterlässt: Mal ist das Klo benutzt und nicht gespült worden, mal liegen Schalen von Sonnenblumenkernen herum. Und von dem Fuchsfell, das in Adinas Schlafzimmer liegt, werden Teile abgeschnitten, der Schweif, die Pfoten, und nahtlos wieder angelegt, sodass Adina es erst bemerkt, als sie den Fuchs einmal bewegt. Clara wird unterdessen von einem Mann, auf den sie sich zunächst keinen Reim machen kann, in eine Affäre gelockt. Dass er anderweitig verheiratet ist, kann sie sich bald denken. Dass es noch weit Schlimmeres mit ihm auf sich hat, auch. Aber wie damit umgehen, wenn sich Angst und Anziehung verbinden? Immer konkreter bedrängt der Geheimdienst die Handvoll Freunde um Adina. Es kommt zu Verhören. Schließlich werden Taschen gepackt und die Stadt bei Nacht und Nebel verlassen. Nur wohin soll man flüchten, wo doch der Staat überall ist? Wem vertrauen, wo doch alle Staat sind? Ein Freund, den es vor Jahren aufs Land, in ein abgelegenes Dörfchen verschlagen hat, bietet fürs Erste Unterschlupf. Die Donau ist hier nah – der Grenzfluss. Nachts laufen oft Menschen durch die Weizenfelder auf diese Grenze zu, wollen schwimmend über die Donau fliehen. Nachts fallen oft Schüsse.

Mähdrescher sind hoch, sagt der Fahrer, das ist gut, wenn man oben sitzt, sieht man im Weizen nicht die Toten liegen. (…) Das Feld stinkt süß, zum Weizenfeld müßte man GOTTESACKER sagen. (…) Meine Frau will gut sein, sie kauft kein Brot. Der Fahrer lacht, er sieht ins Feld, dann kaufe ich das Brot, sagt er. Wir essen und es schmeckt uns, auch meiner Frau. Sie ißt und weint und wird älter und fett. Sie ist besser als ich, aber wer ist hier noch gut. Wenn ihr die Augen aus dem Kopf stehen, geht sie, statt zu schreien, kotzen. (…) sie würgt leise, damit die Nachbarn nichts hören, sagt er.

Der Staat frisst seine Kinder, der Mensch sich selbst. Adina fragt sich, ob sie vielleicht bald genauso im Feld liegen wird, „bis im Sommer der Mähdrescher kommt“, und sie weiß, dass „die steigenden Eiweißprozente im Mehl“ höchstens nährmittelstatistisch interessieren.

Manchmal, sagte sie, wird euch beim Essen ein Haar in den Zähnen hängen, eines, das nicht dem Bäcker in den Teig gefallen ist.

Schilderungen vom Leben in Staatsformen, in denen der Einzelne dramatisch weniger Bedeutung, Rechte, Existenzspielräume besitzt als selbst in der schlechtesten Demokratie, gibt es wie Sand am Meer. Vollkommen egal, ob man nun gute Geschichts- und PolitiklehrerInnen hatte oder totale Nieten: Keiner, der einen Funken Verstand und eventuell sogar Nächstenliebe in sich trägt, kann sich ernsthaft in eine solche Staatsform hineinwünschen. Und doch geht in Europa und der Welt seit einer Weile ein Gespenst um – das Gespenst des „Wohlfühltotalitarismus“: eine geradezu romantische Sehnsucht nach Entmündigung und Kontrolle durch eine radikale, skrupellose, wirres Ideologiezeug daherschwafelnde Obrigkeit. Und dagegen sind mediale Aktivitäten völlig zwecklos. Autobiografien und Dokumentationen, Fotos und Filme, Zeitzeugeninterviews und Museumsausstellungen – zwecklos. Jeder Zeitungsartikel, jeder Tweet, jeder Talk – zwecklos. Selbstverständlich ist auch dieser Beitrag zwecklos, sowieso.

Ich fürchte reell, was die Zukunft politisch, gesellschaftlich wohl so bringt. Und das gar nicht hauptsächlich wegen der Nazis, die ja lieber heute als morgen die Demokratie verfeuern und den Totalitarismus aus dem Keller holen wollen. Die hat’s schon immer gegeben, jedenfalls was meine Lebenszeit anbetrifft; sowohl die Altnazis als auch die Neonazis, sowohl die hirnlosen Hau-drauf-Nazis als auch die intellektuellen Rechtsrücker, sowohl die kriminellen Nazis als auch die tadellosen Biedermeier-Nazis.
Es gibt zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft einen notorischen Teil, der es mit der übrigen Gesellschaft (was folgerichtig bedeutet: mit der Gemeinschaft insgesamt) gelinde gesagt nicht besonders gut meint. Sei’s drum. Die Frage ist bloß, wie viel Gestaltungsspielraum diese Fraktion bekommt. Im Umkehrschluss fragt es sich: Wie viel Gestaltung übernimmt also der Rest?
Müsste nicht jeder sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern?
In Berlin werden politische und anschließend Wirtschaftskarrieren gemacht, und, na, Politik natürlich auch. Was in Berlin nicht gemacht wird, ist Gemeinschaft. Was Berlin nie machen wird, ist einen großen roten Knopf zu drücken, auf dem „Harmoniegesellschaft – an“ steht. Man muss wiederum nicht gleich selbst in die Bundespolitik gehen und diesen Knopf erfinden wollen. Und auch kommunalpolitischen Einsatz kann nicht unbedingt jeder leisten. Aber sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder.
Ist alles schön und gut mit Facebook, Twitter, Instagram ff., aber wir haben das jetzt ein ausgiebiges Weilchen lang in der Praxis getestet und es hat unsere Gesellschaft nicht besser gemacht. Hat. Es. Nicht. Sich auf die eine oder andere Weise um die Gemeinschaft kümmern, das muss jeder – aber Social-Media-Blubberblasen sind nicht die Lösung, nicht wahr? Übrigens sind Social-Media-Blubberblasen auch nicht die Gemeinschaft.
Gemeinschaft wäre, ohne Ekel auch etwas für jemanden tun zu können, den man nicht so hundertprozentig gut leiden kann. Die Fähigkeit, auch ohne Schaum vorm Mund in eine volle U-Bahn zu steigen. Allesamt von unseren Palmen runterzukommen; notfalls ein paar zu fällen. Sich auf die eine oder andere Weise um einander zu kümmern, anstatt bloß um die eigenen Partikularinteressen. Falls wir das hinkriegen sollten, sehe ich gute Chancen, dass es dann ein schönes, ein anständiges Lagerfeuer geben kann. Falls wir –
Aber entschuldigen Sie mich, ich muss weiter, es ist ganz schön dunkel hier, und ich gebe zu, ich fürchte mich ein bisschen.

Advertisements

DINGE // Schlüsselerinnerung

Wenn man sagt, das Umfeld forme den Menschen, muss man es mit der Betrachtung dieses Umfelds schon auch genau nehmen. Keine Frage, dass die Menschen darin das Wichtigste, das Entscheidende sind! Würde ich sagen. Sicherheitslage, Klima, Ernährung, Bildungseinrichtungen, Kulturelles: alles ganz wichtig, formt ungemein! Die unmittelbaren Räumlichkeiten der Kindheit, gewissermaßen der Topf, in dem man heranwächst: prägend, wichtig! Das Große und Ganze wirkt sich im Großen und Ganzen prägend aus. Wie steht’s mit dem Kleinteiligen? Den Dingen?

Babyköpfe sind weich. Die Bettmatratze und die Liegeposition des Kindes wirken sich darauf rundend oder plättend aus; sogar mit bloßem Auge lässt sich das verfolgen. Auch die Elternhand – und nachdem ich das begriffen hatte, damals, hat sich meine Art, wie ich sowohl Menschen als auch Dinge anfasse, merklich verändert – die Hand also, in deren Handflächenkuhle und Fingerfächer der Kopf beim ständigen Tragen liegt, hat ihren Einfluss auf die spätere Schädelform. Begreift man einmal diese Weichheit, so begreift man damit eine Menge und noch mehr.

In meinen schlauen Elternratgebern las ich, ein Kind entwickle, beginnend mit der Spiegel-Phase, erst nach und nach sein Ich-Bewusstsein, zuvor empfinde es sich als eins mit der Mutter. Aber wenn das Ich-Bewusstsein noch nicht besteht, dachte ich mir, während sich das Kind fröhlich brabbelnd mit seinem roten Plastikbecher unterhielt, empfindet sich das Kind dann nicht ganz einfach als eins mit allem?

Ich habe reell keine Ahnung, ob die Farbe, die Festigkeit, der Hohlklang meines ersten bewussten Zahnputzbechers – Hartplastik, fuchsienfarben marmoriert – mich vielleicht rein gar nicht geprägt haben, oder ob die Tatsache, dass ich dieses Ding überhaupt erinnern kann, nicht doch beweist, dass selbst dieser Zahnputzbecher meinen Kopf mitgeformt hat.

Man kann am Umfeld wachsen oder schrumpfen, man kann es wechseln, man kann eins erobern, eins vermissen, kann mit ihm eins oder entzweit sein, eins platzen lassen, eins überhaupt erst entstehen lassen usw., mal formt man sich dem Umfeld ein bisschen entgegen, mal formt man sich ein bisschen von ihm weg, und so formt man sich an ihm und formt es unterdessen gleich mit, aktiv, passiv. Den Schädel formt es immer mit, er ist ja mehr als nur Knochen. Und die Dinge, die formen, sind eben mehr als nur Dinge.

Dass wir von Tieren und Pflanzen wissen, die in Urzeiten lebten, ob vom Mochlodon, von den Belemniten, von Eomaia scansoria, vom Credneria-Baum oder von den Clovis-Menschen, liegt einzig und allein daran, dass sie sich selbst oder Teile ihrer selbst als Dinge hinterließen: fossile Trittsiegel, Schalen, Gerippe, Schnäbel, Krallen, Wirbel, in Bernstein eingeschlossene Samen, einen Beckenknochensplitter, einen einzelnen molaren Zahn. Winzigkeiten.
Manche Art existiert für die Paläontologie vielleicht bloß, weil ein einziges spezifisches Schläfenbein existiert und sonst nichts, und womöglich ist dieser Knochen gar der einzige Fund, der aus einem bestimmten, zigtausend Jahre währenden Umfeld überhaupt zum Fossil werden, überdauern und gefunden werden konnte.
Alles, was an diesem heutigen Tag auf diesem Globus wächst, schwimmt, radelt, kriecht, reift, springt, balzt, stirbt, photosynthest, gräbt, klettert oder gerade das Erdbeerpuddingcremetopping für den fertigen Zitronenkuchen zubereitet, wird in ein paar hunderttausend Jahren genauso verschwunden sein wie ein einzelner Regentropfen vom 28. Januar 1540; all das wird eingehen ins Große, ins Ganze, und somit ins Formlose verschwinden, nichts wird als Einzelnes bestehen können, bis auf, mit viel Glück!, vielleicht eine Entenmuschelkolonie, eine nicht näher bestimmbare Kniescheibe und ein angebissenes Faultier, denen der pure Zufall eine Umkristallisation beschert.

Eine Grundeigenschaft der Natur ist, dass sie die Dinge formt und somit auch sich selbst – unablässig, unermüdlich, immer wieder von Neuem. Eine Grundeigenschaft des Menschen ist es, dass er die Dinge zu lesen, zu verstehen, zu begreifen versucht und somit auch sich selbst.

Es ist schwer, die Dinge, die einem Verstorbenen gehörten, zu ordnen, zu sortieren – besonders schwer, sie wegzuschmeißen. Ein Zahnputzbecher lässt sich plötzlich kaum mehr anheben, weil er nun so viel wiegt wie ein ganzer Mensch. Indem man die Dinge dieses Menschen verschwinden lässt, oder allein schon, indem man die Ordnung der Dinge dieses Menschen stört und somit dessen letzte Handgriffe verschwinden lässt, überkriecht einen endlich die Gewissheit, die sich längst herangeschlichen hat und nur noch nicht so recht hat zupacken können: dass dieser Mensch verschwunden ist.

Eine Menge Leute können mit Esther Kinskys betrachtungssüchtigen Romanen rein gar nichts anfangen, außer sich über deren Lektüre in den Schlaf zu langweilen, und ich kann diese Leute gut verstehen.
Was nicht bedeutet, dass ich dazugehöre.
Hain habe ich nun zu Ende gelesen, nicht am Stück, sondern immer in Zwei- oder Drei-Kapitel-Etappen, immer bei akutem Bedarf nach dieser gewissenhaften, strömenden Schreibe. Ihr Blick aufs Dingliche tut mir gut.
Hain trägt die Bezeichnung Geländeroman und widmet sich einer Auswahl von tristen Provinznestern und Brachflächen in Italien. Kinsky beschreibt die Orte eines längeren Italienaufenthaltes, indem sie systematisch über deren Geländeeigenschaften schreibt, aber ebenso über einzelne Bäume, Linienbusse, Hausfassaden, Unkraut, Plastikblumen, Olivenzweige und so weiter.
Natürlich funktionieren die betrachteten Gegenständlichkeiten hierbei als Prismen fürs Seelische.
Beobachtungen des Tages verbinden sich mit Erinnerungen an Italienreisen während der Kindheit und mit mal nüchternen und forschenden, mal offen schwermütigen Überlegungen, die um zwei Männer kreisen: den kürzlich nach schwerer Krankheit verstorbenen Lebenspartner und den verstorbenen Vater. Hain ist ein Trauerbuch, das oft gramgebückt zu Boden schaut und darum viel Staub und Unrat sieht, es schnüffelt in Grabgewölbe hinein und streift auf Friedhöfen umher, findet allenorts Verstorbenes, Verlassenes, Vergessenes.
Oftmals sind die Dinge Trost und Last zugleich. Selbst die profansten Dinge, etwa ein Stück von der gemeinsamen Kameraausrüstung, können sich zu Heiligtümern auswachsen – kommen sie einem abhanden, ist das ein Drama: Mein Kummer um das Kabel, schreibt Kinsky über eine verlorene Auslöserstrippe, fiel unter einen der möglichen Flüche der Hinterbliebenenschaft, die mir allmählich geläufig wurden: die Beschwerung von Dingen mit Zeugenschaft.

Um sich ein bestimmtes prähistorisches Lebensumfeld in seiner Gesamtheit vorstellen zu können (inklusive der Grundannahme, dass es überhaupt als solches existiert hat), steht der Paläontologie an verwertbarem Material manchmal nicht mehr zu Verfügung als in einen Schuhkarton passt. Das elaborierte Bild von einer erdgeschichtlichen Teilepoche in ihrer biologischen, geologischen, meteorologischen Vielfältigkeit kann mit der Neuentdeckung eines einzigen Mittelfußknochens stehen oder fallen.
Die Wissenschaftler, die sich – wahrscheinlich auf Jahrzehnte hinaus – an der Frage abrackern, ob die rund 8500 Jahre alte Jiahu-Schrift nun das erste Schriftsystem der Menschheit ist oder nicht, tun das auf der Basis von 16 kritzeligen Markierungen, die auf ein paar alten Schildkrötenpanzern entdeckt wurden.
Falls dereinst meine Urenkel meine Reserve an Musterbeutelklammern in die Finger kriegen sollten, werde ich wohl nicht mehr da sein, um ihnen zu erklären, wozu man diese kleinen, praktisch ungooglebaren Metalldinger in der Epoche des physischen Postverkehrs benutzte – und auch nicht, wozu ich sie stattdessen benutzte.
Wie viele und was für Dinge braucht man, um glauben zu können, sich anhand jener Dinge die Lebenswelt eines vergangenen Menschen vorstellen zu können?
Wie viele und was für Dinge braucht man, um daran die Erinnerung an eigene vergangene Erlebnisse, vergangene Lebensphasen dingfest machen zu können?

In einer Rede von 2017, die unter der Überschrift Ein Ausweg nach innen stand, sprach Herta Müller unter anderem von ihren Unterhaltungen mit Blumen und Kraut und von wandernden Möbelstücken. Während sie als Kleinbauern-Kind, dessen Zuhause aus Härte und Mangel bestand, endlose Stunden lang abseits des Dorfs im Tal die Kühe hütete, begann sie sich intensiv mit den Weidepflanzen anzufreunden. Später, als Angestellte in einer Maschinenbaufabrik, geriet sie in den Blick des rumänischen Geheimdienstes, der während ihrer Abwesenheit Dinge in ihrer Wohnung hin und her rückte, einen Stuhl umplatzierte, einen Apfel aufs Bett legte, und so die stummen Dinge Drohungen sprechen ließ. Gegen die Angst vor den Schikanen durch den Fabrikdirektor kam nur eine Dahlie an: Die Dahlie kümmerte sich um mich. Nur: Von der Komplizenschaft mit der Dahlie durfte, wie damals im Tal, auch jetzt niemand wissen. Wem sollte ich sagen, dass in der Dahlie eine kluge Ruhe blüht?

Je weniger man mit Menschen spricht, weil einem die Menschen abhanden gekommen sind oder weil man den Menschen abhanden gekommen ist, desto gesprächiger werden die Dinge.

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da sind noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen. Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken. Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts. Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila), erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß, dass das der Schlüssel zu mir an einem Wochenendnachmittag im Spätjuni 1992 ist.


Foto: Grebe


>>Esther Kinsky, Hain. Geländeroman (Suhrkamp) €24,-

>>Ein Ausweg nach innen – Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2017 von Herta Müller