Harold Brodkey

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Erzähl-Erinnerung

Brodkey

Mein Vater verfolgt mich. Mein Gott, ich fühle es die Wirbelsäule rauf und runter, wie er über den Rasen stapft, wie sich seine Hände nähern, seine riesigen Hände, das mächtige, pochende Anschwellen seines Atems, wenn er sich an mich heranmacht: er versucht, sich auszudehnen. […] Daddy ist so flink: wer hätte je von solcher Flinkheit gehört? Genau wie im Märchen… […] Ich werde in die Luft gehoben – und während ich benommen keuche und glotze, erscheint eine Landkarte, eine Karte der dunklen Erde, auf der ich eben noch lief: ich hänge schlaff, und trotzdem erhebe ich mich auf diesem gemästeten Balken, dem Arm meines Vaters, und ich sehe: da unten ist Gras, da ist der Weg, da ist ein Blumenbeet. Ich richte mich auf. Da sind die erleuchteten Fenster unseres Hauses, ziemlich weit weg. Das Gesicht meines Vaters ist nah und mit Geräusch erfüllt: undeutlich ragt es auf: sein verborgenes Gesicht: bist du das, alter Geldverdiener? Mein Hintern kerbt sich auf dem Trapez seines Arms. Mein Vater ist so groß wie ein Auto.

Aus Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben von Harold Brodkey.

Jemand, der vielleicht noch Junge oder auch längst Mann sein könnte, ruft sich seinen Vater, welcher vielleicht nur verschwunden oder auch längst verstorben sein könnte, ins Gedächtnis, indem er das Erinnern auf die körperlichen Größen- und Kräfteverhältnisse konzentriert, die zwischen Kleinkind und Vater bestanden. Auf rein physische Relationen also – aber natürlich ist dem Ganzen, sobald es sich dabei um die menschliche Physis handelt, automatisch ein ganzer Batzen Psychologie anhängig.

Es ist so eine Eigenart von Brodkeys Prosa, das Körperliche und seine Bewegungen, Positionsbestimmungen, sensorischen Erlebnisse als Prisma zu nutzen, worin sich das schwärende Unerzählte bricht, um doch zutage zu treten und vielfarbig sichtbar zu werden. Nicht anders verhält es sich in dieser Kurzgeschichte.

[…] ich brauche zwei Augen, um eins seiner Augen zu sehen – und dann sehe ich meistens in mein eigenes Auge: von hier aus ist er sogar noch unsichtbarer, dieser Umarmer: mein Kopf sinkt gegen seinen Hals.

Um das Kind zu trösten, das sich gerade eben traurig verkrümelt hat, hebt es der Vater über den Rand seiner kindlichen Begrenzung hinaus, hinauf auf die Schwelle zu Welt und Weitblick, Glück und Gold – aber Obacht, das hier ist ein Höhenflug im Angesicht eines Untergangs:

Da war ein Gesicht; es war so groß wie mein Brustkorb; da waren Augen, unmenschlich groß, feucht – was mochten sie bedeuten? Wie konnte ich in ihnen lesen? […] Er sagte: „Das gefällt dir doch“, und er stellte mich auf den Rand der Mauer, die den Park säumte, den Rand eines Steilufers, eine Mauer, zu hoch für mich, hinüberzusehen, eine Mauer, die ich nicht überklettern durfte: er stellte mich auf die stoppeligen Steinberge und auf den Mörtelbewurf auf der Mauer. Er schlang die Arme um meine Mitte: ich lehnte mich an ihn: und wagte einen Ausblick, hinaus, dem Salz der Gefahr entgegen, des Anblicks (hundertfünzig Fuß hoch befanden wir uns mindestens, aber mindestens! Hunderte Fuß hoch in der Luft); dünne, reißende Windgirlanden schlugen mir ins Gesicht, Abendwind, von der frischen Sonne des Sonnenuntergangs geädert, schon stark von Kälte angeweht. […] Am Fuß der Senkung waren Bäche, Eisenbahnschienen, Landstraßen, Autobahnen, Häuser, Silos, Brücken, Bäume, Felder […]: es war Panorama als persönliches Privileg. Die Sonne am Ende des weiten, vom Sonnenuntergang geschwollenen Himmels war von einem glühenden und dringlichen Orange, eingefaßt von sich ausdehnenden Knospen aus Rosa und stratosphärischem Gold. […] Ich begriff, daß er mir Vergessen plus Genuß anbot […]. „Vertrau mir doch – laß du dich nur weiter aufheitern – sieh dir den Sonnenuntergang an – ein toller Sonnenuntergang, findest du nicht? – alles wird gut – glaub mir – wirst schon sehen – nur die Ruhe…“

War er absichtlich ein Schwindler?

So eng sich Brodkey nämlich, was dieses Vater-Sohn-Verhältnis anbetrifft, auch an der somatischen Ebene orientiert und damit eine Rekonstruktion des unmittelbaren, kindlich-sinnlichen Zugangs zu den Dingen unternimmt, so sehr unterliegt all das gleichzeitig einem analytischen, Rückschau haltenden Blick.

Unsere Verbundenheit äußert sich in überfallartiger, zupackender und einschmeichelnder Zuwendung, darin, daß einer sich vom anderen unterhalten läßt, für den Augenblick.

Ich frage Sie, wie soll so etwas andauern?

Manchmal, wenn wir uns voneinander unterhalten fühlen, werden wir dreist, aber genauso oft, genauso oft sind wir befremdet, und wir wenden den Blick ab.

Das ist freilich Storytelling, das im Wesentlichen auf Story verzichtet; stattdessen irrt das Erzählen in einem dunklen Erinnerungsstollen herum, rennt einsam flirrenden Leuchtpunkten nach, plumpst durch Löcher von einer Tiefenschicht zur nächsten. Passagenweise funktionieren der erzählerische Ablauf und die darin geschilderten Wahrnehmungen nach Art eines Traums oder auch Märchens: Raum und Zeit sind ausgehebelte Dimensionen; der Junge sieht sich als Zwerg, oder schwebend, oder als von Fressfeinden bedrohtes Tier, das sich wieder in einen Jungen zurückverwandelt, indem der Vater es auf seine magischen Arme nimmt, es emporhebt. Mitunter kippt, vor lauter Gegenwärtigkeit des erinnerten Gefühls, das Tempus plötzlich ins Präsens – um ebenso abrupt wieder ins Präteritum zu fallen. Ähnlich willkürlich, wie starke Erinnerungsschübe aus dem Nichts heraus das ganze Gehirn, das ganze Dasein überspülen, bevor sie schlagartig wieder auf Normalnull absickern.

Damals, mitten in der Nacht, hob er mich […] auf, wickelte mich in eine Decke, drückte mich an sich, trug mich im Dunkeln die Treppe hinunter; wir gingen hinaus in die Nacht; es war dunkel und kühl,  aber es gab einen Mond – ich dachte, er würde mich zur Mauer bringen, aber er blieb auf unserem Hinterhof stehen. Es wurde ihm lästig, mich zu lieben; er war abgelenkt und vergaß mich: die Liebe, die eben noch so nachdrücklich und fest an mir herumgeklammert und -gedrückt hatte, entfernte sich, und ich war entlassen, in die kühle Nachtluft, die fließende Feuchtigkeit, die Stille, und um uns die verdunkelten Häuser. Ich sah den silbernen Mond, hörte den Atem meines Vaters, fühlte, wie kratzig die Wolldecke auf meinen Händen war, bemerkte ihren Geruch nach Wolle. Ich hatte diese Empfindungen allein, und ich wartete. Dann, als er nicht zurückkam, wurde ich schläfrig und legte meinen Kopf gegen seinen Hals: er war nirgends in meiner Nähe. Ich schlief, in seinen Armen, allein.

Dass Brodkey bis zum Anschlag auf Intensität abzielt, zahlt sich zumeist aus, sorgt gelegentlich aber auch für Bruchlandungen – da kommen dann Wortverbindungen wie Häkelfehler zustande, da verpufft die Energie eines bestimmten Gedankengangs in einer übermütig abgehobenen, aber nicht mehr tragfähigen Konstruktion. Etwa so:

Durch die gestreichelte Verwirrung meiner inneren Luft macht sich linderndes Zwielicht bemerkbar […].

Himmel… Soll das so? Mit ein bisschen Fantasie und viel gutem Willen könnte man annehmen, dergleichen solle illustrieren, welch harter Kampf um den treffenden Ton hier gegen das schwer zu bändigende Gestrüpp der Erinnerung geführt und mitunter eben auch verloren wird. Oder man könnte es natürlich auch einfach als verquastes Geschwafel bezeichnen. Sei’s drum. Sicher ist jedenfalls, dass Brodkey in dieser Kurzgeschichte keine Spur nostalgischer Leichtigkeit zulässt, sondern Erinnern als Schwerstarbeit, Erinnerung als Stressfaktor zeigt – und zwar nicht allein ihrer Inhalte wegen, sondern gleichermaßen deswegen, weil es nun einmal quälend ist, einer flatterigen Erinnerung, die einen bedrängt, einfach nicht habhaft werden zu können, sie einfach nicht am Schlafittchen gepackt zu kriegen, geschweige denn sie auf eine ästhetisch adäquate Weise in Literatur übersetzt zu bekommen.

Sehr ausdauernd, und anhaltend fiebrig, spielt Brodkey unterschiedliche Qualitäten von Erinnerung durch: Speziell die Gattung Kindheitserinnerung wird aufgespalten in die kindliche Erinnerung und die adulte Erinnerung an die Kindheit; allgemein wird Erinnern aufgedröselt in konkretes, diffuses oder abstraktes Erinnern, welches mal blühend intuitiv, mal streng deskriptiv erfolgt. Das Bemühen, dem vielfältigen Wesen der Erinnerung auf die Schliche zu kommen, wird von Brodkey umgesetzt in reiche, ungestüme, bisweilen heillos überbordende Prosa – einem hitzigen Impetus entspringend, der sinnliche Wucht erzeugen will und sich dabei weder um Sauberkeit schert, noch um niederschwellige Zugänglichkeit bemüht.

Das eigentlich Interessante an dieser Kurzgeschichte liegt für mich jedoch in etwas Anderem, was zunächst nicht so recht ins Auge stechen kann, da das Auge erst einmal zu sehr mit Brodkeys Sprachkunsteleien beschäftigt ist, die sich um den Vater drehen:

Sein Sohn in seinen Armen ist eine Familiengeschichte – neben Daddy sind da auch Momma und eine Schwester. Sie gehören zum Geschehen dazu, sorgen für Unterhaltung, Geschäker und Plänkeleien. Doch im Zentrum der Erinnerung des Jungen steht, in epischer Größe und neben sich keinen Platz lassend, Daddy. Gut, Beziehungen zwischen Vater und Sohn sind eben an sich etwas speziell, und so erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass der Junge dem Vater eine große Bühne gibt und ihn dort mittels aufwändiger Lichttechnik (Suchscheinwerfer, Lasershow, Stroboskop, UV-Lampen, etc.) von allen Seiten ausleuchtet – während Mutter und Schwester lediglich im indirekten Licht dieses Spektakels stehen. Als Randfiguren, denke ich. Aber etwas an diesem Lichtspektakel ist faul:

Also barg ich mein Gesicht vor der Sonne – so, daß es gegen den Hals meines Vaters gepreßt war -, und dann wußte ich, […] merkte es an der Hitze (seines Halses, seines Hemdkragens), wußte es aus kindischer Beweisableitung heraus, daß sein Gesicht vor der Helligkeit um uns völlig ungeschützt war: und ich sah hin; und es war so: sein Gesicht […] war in diesem Licht gefangen. In einer zufälligen Glorie.

Diese Glorie – das ist kein erleuchtetes Erkennen, sondern es ist Verklärung. Die bitter-romantische Faszination, die von den Verschwundenen ausgeht. An Daddy selbst ist kein Herankommen. Es gibt keinen anderen Daddy, als lediglich den gefühlten Daddy für den Jungen; keine handfeste Daddy-Substanz, nur ein Daddy-Fluid, das der Junge aus einem kleinen Ball aus zusammengeknüllten Erinnerungen, den er in seinen Fäustchen zerdrückt, hervorpresst.

Und die Frauen? Während der Junge von Vaters Schuhgröße über Vaters Bartstoppeln bis hin zum atmosphärischen Ton, den Vaters Gegenwart bewirkt, alles vehement erinnert und in seiner eigenen Gefühlssprache beschreibt, bleiben die Frauen schlicht vollkommen unbeschrieben, und der Erzählton, der für die beiden reserviert ist, ist konventionell.

Anfangs halte ich das für einen Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber der Mutter, der Schwester. Dann aber finde ich, dass gerade dieses Nicht-Spektakel, das der Junge um sie macht, ganz einfach dafür spricht, was für vertraute, präsente, gesicherte Figuren sie für ihn sein müssen.

Im Umkehrschluss erscheint mir der dem Vater gewidmete, kräftezehrende Erinnerungsaufwand, den der Junge so ausschweifend betreibt, dass es ans Fanatische grenzt, als Zeichen dafür, dass der Vater all dies nicht ist: vertraut, präsent, gesichert. Gerade dieses heftige, geistige Suchen nach Daddy weist ihn aus als einen Familienunangehörigen – als ein Phantom.


Harold Brodkey wurde 1930 in Illinois geboren und starb 1996 in New York, wo er sich in den 50er Jahren niedergelassen hatte und dort bald zu den exzentrischen Lieblingen der Kultur-Szene zählte. Er sorgte als Autor vielbeachteter Kurzgeschichten und Essays für Aufsehen und wurde berühmt für einen Roman, an dem er dreißig Jahre lang schrieb, der von der literarischen Welt dreißig Jahre lang herbeigesehnt wurde und über den sich Feuilletonisten dreißig Jahre lang in vorauseilender Kritik die Finger wundschrieben, bis sich das, was da am Ende tatsächlich erschien, als blasser, aufs Rudimentäre zusammengekürzter Schatten des epochalen Werks entpuppte, als das er angekündigt gewesen war. In den 80ern noch als amerikanischer Marcel Proust gefeiert, spielt Brodkey heute kaum noch eine populäre Rolle. Damals wurde mitunter entnervt beanstandet, seine Prosa, die stark autobiografisch orientiert ist, sei scheußlich Ich-süchtig – heutzutage lesen wir alle fleißig unseren Knausgård.


>>Die Kurzgeschichte Sein Sohn in seinen Armen: beglänzt und sehr weit oben ist hier zu finden: Harold Brodkey, Unschuld – Nahezu klassische Stories (Rowohlt), €11,99