Hanser

HÖHENUNTERSCHIEDE // Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin

Schickes Buchcover, nicht wahr? Ziemlich clean. Bisschen kühl, das Silber. Deswegen wohl auch das Neon-Orange, das schafft da einen gewissen Ausgleich.

Google weiß, dass mir eine solche Ästhetik liegt. Sobald ich irgendwo online war, pop-upte dieses Cover andauernd in mein Sichtfeld hinein.

Dabei gehe ich Romanen, die – wie Die Hochhausspringerin – zahllose Verweise auf Orwell einheimsen, für gewöhnlich aus dem Weg. Wozu noch der ganze Future-Überwachungsdiktatur-Quatsch, wenn nicht bloß noch der Ästhetik wegen, bloß noch zur Unterhaltung? Ich habe mein Interesse an Dystopien solcher Art verloren. Ich weiß nicht, was sie noch für uns bedeuten sollten, wovor sie uns noch warnen könnten, wo wir doch längst selbst in einer fernen Zukunft angekommen sind, die als „Gegenwart“ zu benennen mir manchmal noch schwerfällt. Ich meine, es ist 2019 und ich begreife noch immer nicht, dass Menschen einen sprechenden Plastikklotz kaufen, um sich mit ihm zu unterhalten und sich nebenbei aushorchen zu lassen.

Ich habe Die Hochhausspringerin schließlich doch gekauft. War’s das Neon-Orange?

Übrigens hätte ich sie besser einfach so kaufen sollen, Die Hochhausspringerin, ohne vorher irgendwelche Artikel darüber zu lesen. So wäre ich nicht im Vorhinein auf den Trichter gekommen, ich hätte keine Lust, „solche“ Romane zu lesen. Es ist nämlich gar kein „solcher“ Roman. Und ich fand ihn sehr gut, so im Nachhinein.

Wenn Die Hochhausspringerin ein Zukunftsroman sein soll, dann einer, der sich überhaupt nicht um die Zukunft schert. Er spielt in einer Zukunft, ja, aber in dieser Zukunft findet man nichts als Gegenwart. Die Hochhausspringerin ist eine Parabel auf die Gegenwart, all ihre Themen sind gegenwärtig, es bedarf lediglich des Kniffs mit der zeitlichen Versetzung in die Zukunft, um das Gegenwärtige so zugespitzt, verschärft darstellen zu können, dass das Groteske daran umso schöner hervortritt.

Julia von Lucadou verschwendet Gott sei Dank nicht mehr Zeit als nötig, um ihre Zukunftswelt auszumalen. Hochstraßen, die sich um Himmelhochhäuser winden, glitzernde Fassaden, oben teuer, unten kein Licht mehr – fertig. Sie vertraut da schlicht auf den Autopiloten unserer Imagination und der ruft, ganz richtig, sofort von selbst alle urvertrauten Bilder zur Megametropole ab. Mehr braucht es auch nicht, denn die Geschichte konzentriert sich ganz und gar auf Personen statt Panorama.

Riva Karnovsky ist professionelle Hochhausspringerin. Ihren Sport könnte man als eine Fortentwicklung des Turmspringens bezeichnen: Man springt von Dächern, vollführt bestimmte Bewegungsfiguren; ein FlySuit verhindert den Aufprall. Die Wettbewerbe sind hart, das Privatleben wird kontrolliert vom Fan- und Medienrummel und Verpflichtungen gegenüber den Sponsoren; ihr Lebenspartner spielt hier und überhaupt nur eine Nebenrolle.
Hitomi Yoshida ist Wirtschaftspsychologin. Sie arbeitet für eine Agentur, die von den Sponsoren Riva Karnovskys den Auftrag erhält, die Hochhausspringerin wieder zurück auf Kurs zu bringen, nachdem die sich aus heiterem Himmel zu einem Ausstieg aus dem Geschäft entschieden hat. Die Hochhausspringerin lässt sich gewissermaßen fallen, ist physisch und psychisch plötzlich ganz unten. Ein Skandal.
Riva ist schließlich die Beste; sie darf auf keinen Fall mit dem Springen aufhören. Hitomi ist ihrerseits die Beste ihres Fachs; sie muss ihren Auftrag, Riva wieder zum Springen zu bringen, auf jeden Fall erfüllen.
Während Riva nichts von Hitomi weiß – sie ahnt nicht einmal, dass es sie gibt -, weiß Hitomi über Riva technisch gesehen alles. Sie verfolgt Rivas Vitalkurven und ihren Kommunikationsaustausch in Echtzeit, beobachtet sie in ihrer Privatwohnung via Kamera, als wäre Riva ein Versuchstier im Käfig. Und doch kennt sie Riva nicht.
Beide haben es in der Stadt zu etwas gebracht, beide wohnen in teuren Appartements im Zentrum, in den höheren Hochhaus-Etagen, dort, wo die Sonne zum Fenster hereinscheint. (Kaum verfügbarer Wohnraum, teure Bestlagen – klingelt da bei Ihnen was?) Sollte Riva bei ihrer Arbeitsverweigerung bleiben, können sowohl Riva als auch Hitomi schrittweise die Privilegien verlieren, die sie sich erarbeitet haben. Ihre Wohnlage zum Beispiel.

Für jede körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Leistung bekommt man Credits, die auf einem Konto gutgeschrieben werden – für jedes körperlich, sozial oder beruflich erbrachte Fehlverhalten werden Credits vom Konto abgezogen. Die Höhe des privaten Creditkontos bestimmt, auf welchem Höhenlevel man lebt.
Damit ist längst nicht nur gemeint, dass man bei eklatant gesunkenem Creditkontostand in weit niedriger gelegene Wohnungen umgesetzt wird. Wer sich ein bisschen zuviel zuschulden kommen lässt, landet schnell in den Peripherien: Hitze, Staub, jenseits der Stadtmauer – noch mehr Stichworte benötigt unser Autopilot auch hier nicht.

Dass mit Hitomi ausdrücklich eine Wirtschaftspsychologin auf die Zielperson Riva angesetzt wird, um deren Privatleben zu beeinflussen, verwundert keineswegs. Die Frage der Zeit lautet schließlich: Wie wirtschaftlich ist das Private? (Welcher Zeit, frage ich Sie?)
Wie alle Menschen, die sich in der Stadt behaupten können, ist Riva in erster Linie Investitionsobjekt, nicht Persönlichkeit. Die Stadtbevölkerung hat mehrheitlich irgendeine der diversen Akademien absolviert – eine kostspielige Angelegenheit, geknüpft an den Druck, später durch hohe Leistungen und Creditgewinne zu rechtfertigen, dass man den Akademiebesuch auch wert war. Riva ist es ihren Sponsoren, die eine bestimmte Rendite erwarten, schuldig, sowohl ihre Fitness als auch ihre Medien-Performance auf Höchstniveau zu halten. Hitomi fühlt sich derweil vor allem gegenüber ihrem beruflichen Förderer, ihrem Vorgesetzten namens Master, verpflichtet, effiziente Arbeit zu leisten.

So wie Riva von Hitomi beobachtet und ausgewertet wird, beobachtet und bewertet wiederum das Credit-System jeden einzelnen der Stadtmenschen – im Stillen, umfassend, und doch ohne dabei wirklich etwas von Menschen zu verstehen. Ein Beeper schlägt Alarm, wenn man sein obligatorisches Trainigsprogramm für Körper und Geist vernachlässigt, nicht ausreichend schläft oder der Pulsschlag ein zu hohes Anspannungsniveau verrät.
Von außen her wird an die einzelne Person schon genug Perfektionsdruck herangetragen. Zugleich ist dieser Optimierungszwang jedem Menschen in Fleisch und Blut übergegangen; vollkommen selbstverständlich absolviert man seine Mindfulness-Übungen, optimiert seine Performance und kümmert sich an erster Stelle um die Höhen und Tiefen seines Creditstands.

Bei Effizienz und Selbstoptimierung angekommen, befinden wir uns freilich im Kern der Gegenwart. Alle Bereiche, die im Roman herangezogen werden, um das bewertungsorientierte Denken des Systems wie auch des Einzelnen zu illustrieren, funktionieren schon heute nach sehr ähnlichem Muster.
Natürlich denkt man unweigerlich an China und sein monströs anmutendes Sozialkreditsystem, das 2020 seine Testphase abschließen und in Vollbetrieb gehen wird.
Doch allzu weit in die Ferne braucht man gar nicht zu schauen. Man denke an die Bonuspunkte-Programme von Krankenkassen. Die Schufa. Google Rankings. Bewertungsmechanismen und Algorithmen, die den Verkaufserfolg eines Produktes und genauso den Verkupplungserfolg zwischen Singles beeinflussen. Fitnesstracker, die über Facebook posten, wann, wie lange und wie viele Kilometer man heute gejoggt ist. Apps, mithilfe derer man sich von oben bis unten auswerten, sich alles antrainieren oder abgewöhnen kann.

Die Überzeichnung dieser Entwicklungslinien unternimmt von Lucadou ganz ohne futuristischen Schnickschnack, ohne Gedöns. Sie stellt schlicht die Figuren einander gegenüber und zeichnet mit klinischem Blick die Wechselwirkungen zwischen ihnen auf. Hitomi im Büro, auf ihrem Bildschirm Riva. Riva auf dem Sofa, neben ihr der ratlose, panische Aston, ihr Partner. Hitomi im Performance-Gespräch mit Master. Die Schwankungen von Hitomis Pulshöhe – abhängig von Rivas Verhaltensauffälligkeiten. Hitomis Kontrollverlust, der nach und nach auf all ihre Lebensaspekte übergreift, je länger sich Riva – allen manipulierenden Maßnahmen Hitomis zum Trotz – in ihrer unerklärlichen Verweigerungshaltung ergeht. Rivas Sehnsucht nach einem Unten, einem Boden, notfalls den Peripherien. Masters unerträglich zur Schau gestellte Arbeitsbereitschaft, Leistungsfähigkeit, Erfolgsmentalität.

Über allem schwebt hier, neben dem allumfassenden Optimierungsgedanken, sehr greifbar die Unfähigkeit der Einzelperson, echten menschlichen Kontakt zu knüpfen. (Falls Sie bis hierhin gelesen haben – tun Sie das auf Ihrem Smartphone? In der Bahn vielleicht? In der letzten halben Stunde mal aufgeschaut und Menschen in Ihrer näheren Umgebung registriert?)
Sobald Menschen interagieren, performen sie bloß noch, denn jeder Kontakt wird auf die eine oder andere Weise bewertet. (Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor?)
Biologische Eltern zu haben, bedeutet bereits eine Dimension des Zwischenmenschlichen, die alle Seiten emotional überfordert, weshalb der Kontakt zwischen Kindern und Bioeltern zumeist nach wenigen Jahren eingestellt wird. Natürlich gibt es Apps, die eventuelle emotionale Lücken schließen sollen. Es gibt Agenturen, bei denen man „Familienangehörige“ mieten kann. Hitomi führt häufig Gespräche mit einem Bot, der ihre Biomutter kopiert. (Kommen Ihnen dabei auch z.B. diese professionellen Kuschel-Dienstleister in den Sinn?)

In seinen besten Szenen lässt der Roman kein bisschen an Blade Runner denken, sondern zeigt unsägliche menschliche Trostlosigkeit. Während Hitomi, die Erzählerin, ihre Arbeit am Projekt Riva, ihre Gespräche mit Master, ihrem Mutterbot oder ihren Datingpartnern, ihren sonstigen Alltag, auch ihre Familiengeschichte beschreibt, denke ich: So muss sich der Teppich in Strombergs Büro fühlen.
Den Gipfel der hyperoptimierten Trostlosigkeit aber verpackt von Lucadou in einen schimmernden Sportanzug und nennt ihn Hochhausspringen. Wer springt von Hochhausdächern? Mannschaftssport verstehe ich als den zivilen Stellvertreter des Kriegsgefechts. Das Hochhausspringen ist der öffentliche Stellvertreter des privaten Selbstmords – mit zigtausenden von Zuschauern.


>>Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin (Hanser Berlin) €19,-


 

Werbeanzeigen

GLOBAL THINKING // Nir Baram, Weltschatten

cimg6906

Als Israeli im Allgemeinen und als Sprössling einer israelischen Politikerfamilie im Besonderen kommt man wohl nicht umhin, die Themen Gesellschaft und  Politik irgendwie sehr persönlich zu nehmen. Nir Baram, dessen Vater und Großvater beide in der Arbeitspartei, beide Minister unter Rabin waren, hat sich der linkspolitischen Familienlinie als Autor, Herausgeber, Journalist und Aktivist verschrieben und sich in seiner Heimat als Gesellschaftskritiker profiliert. Baram setzt sich umtriebig für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern ein, lehnt dabei die Zwei-Staaten-Lösung ab und fordert stattdessen das Ende der Segregation, gemeinsamen Alltag, gemeinsame Schulen, gleiche Bürgerrechte für beide Seiten. (Anfang des Jahres erschien bei Hanser unter dem Titel Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete eine Sammlung von Reportagen, in denen Baram von seinen Besuchen und Gesprächen jenseits der Grünen Linie berichtet.) 
In seinem fünften Roman widmet sich Baram nun dem Thema Globalisierung und zieht dafür ein ganz ähnliches Betrachtungsmuster heran, wie es auch seinen Beiträgen zur israelisch-palästinensischen Frage zugrunde liegt: Solange die Mächtigen den Unterdrückten das Recht auf Beteiligung verweigern, verstärkt sich der Strudel aus schwelenden und offenen Konflikten immer weiter, bis am Ende die Mächtigen selbst davon erfasst und zerstört werden. Aus dem Weltschatten entspringt hier eine Flamme des Aufstands, die den Globus in Brand setzt – wer sich nun aufgerufen fühlt, kann direkt Die Internationale vor sich hin schmettern, in der es heißt: Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt. Reinen Tisch macht mit dem Bedränger! Heer der Sklaven, wache auf! Beinahe schade, dass es bei Buchkauf kein rotes Fähnchen gratis gab. Aber ist Weltschatten denn wirklich ein kämpferischer Roman?

Drei verschiedene Ebenen, die sich selbst als geschlossene Sphären verstehen und doch unmittelbar miteinander korrelieren, lässt Baram in Weltschatten kollidieren: Es sind erstens die Strippenzieher, zweitens die Profiteure, drittens die Verlierer der Globalisierung. Jedem dieser drei Lager ist eine eigene bestimmte Erzählperspektive zugeordnet. Das erleichtert der Leserschaft die Orientierung im Figuren- und Ereignisspektrum; gleichzeitig erzählt bereits die gewählte Perspektive etwas über den jeweiligen Grundcharakter der Gruppen.

Als Weltlenker treten die Mitglieder einer Consulting-Firma auf, die den Mächtigen zu gewünschten Erfolgen verhilft. MSV – Mayo, Steinbeck, Vanderslice, so die Namen der Gründungspartner – erarbeitet und führt Kampagnen für Präsidenten und solche, die es werden wollen, für Mega-Konzerne und mitunter für ganze Staaten. Die erfahrenen Campaigner liefern maßgeschneiderte Image-Lösungen und bilden darüber hinaus einen einzigartigen Kontakt-Knotenpunkt zwischen Medien, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Finanzwelt. Wer so erfolgreich darin ist, die öffentliche Wahrnehmung zu analysieren und zu steuern, dessen eigener Ruf ist freilich lupenrein: MSV pflegt eine Außendarstellung, die den Beraterstab ins Licht der guten Sache stellt, seine Mitglieder gar zu Fackelträgern demokratischer Werte stilisiert. Das MSV-Grundlagenpapier betont, man vertrete nur Klienten, deren Werteverständnis mit dem der Firma übereinstimme, was bedeutet: Nicht für aufsteigende Diktatoren, sondern für Hoffnungsträger, die für eine gerechte und freiheitliche Grundordnung stehen, setzt man sich laut Eigenbekunden ein.
Diese Schicht am oberen Ende der Machtskala, bevölkert mit Entscheidungsträgern, die globales Gewicht besitzen, ist ein enger und wirkungsvoll abgeschirmter Raum, zu dem man sich von unten her nur schwer Zugang verschaffen kann. Baram beleuchtet ihn daher von innen und zeichnet die Abgeschlossenheit dieses Zirkels nach, indem er die Ereignisse auf MSV-Ebene in Form eines E-Mail-Verkehrs zwischen den Beratern erzählt, der private und politische Konstellationen, Firmenstrategien und globale Verflechtungen offenlegt.
Zunächst zwischen den Zeilen, nach und nach dann auch direkter, liest man aus diesen Nachrichten heraus, dass die Verantwortlichen von MSV sich im Verlauf ihrer glanzvollen Karrieren nicht nur um linke Politik, sondern auch um ein paar schwerwiegende linke Dinger gekümmert haben. Zwar wird den einzelnen Beratern durchaus ein idealistischer Grundantrieb zugestanden, von dem sie sich während ihrer geschäftlichen Praxis jedoch schleichend entfremdet haben, der gute Zweck heiligt mitunter die schlechtesten Mittel, und so verkommen die hehren Ziele des MSV zum Mäntelchen, das allerlei verdorbene Geschäfte verdeckt. Was würde man auch sonst über mächtige Saubermänner zu lesen erwarten, als dass ihre Hände mächtig schmutzig sind? So weit, so na gut.

In der Allerweltszone zwischen den großen einzelnen Entscheidern und der großen Masse der Machtlosen, im Finanzwirtschaftssektor des kleinen Israel, bewegt sich Gavriel Manzur, über den ein auktorialer Erzähler in nüchternem Ton berichtet. Als sich in den Achtzigerjahren zunehmend ausländische Investoren an Israel heranwagen, um sich neue Märkte zu erschließen, kommt auch der jüdische New Yorker Geschäftsmann Michael Brookman auf den noch jungen Gavriel zu: Man müsse sich gemeinsam dafür einsetzen, den Zusammenhalt des amerikanischen und israelischen Judentums zu stärken. So beginnt Gavriel, in Israel eine Stiftung aufzubauen, die den jüdisch-kulturellen Austausch zwischen den Ländern fördern soll, wofür Michael zu Beginn die finanziellen Mittel stellt. Dass diese Stiftung in erster Linie dazu dient, die US-amerikanische Wirtschaft auf israelischem Boden zu verwurzeln, ist offensichtlich – für den naiven Gavriel allerdings wird der rein ökonomische Zweck seiner Unternehmung erst deutlich, als bei einem der ersten transkontinentalen Treffen nur über die Interessen von US-Exporteuren, insbesondere der Obstbauern, und die zu hohen israelischen Einfuhrzölle, insbesondere für Äpfel, gesprochen wird. Nachdem hier für Gavriel sprichwörtlich der Apfel der Erkenntnis gefallen ist, entwickelt er sich in den Folgejahren zu einem geschickten Vermittler für US-Wirtschaftsinteressen, steigt, als Günstling Michaels, schnell in die höheren gesellschaftlichen Kreise Israels auf, wodurch seine Stiftung floriert und bald auch in großem Stil über Geldmittel verfügt. Beträchtliche Summen daraus fließen wiederum in Michaels Unternehmungen in aller Welt. Dass er sich somit daran beteiligt, leichtfertig mit Millionensummen zu spekulieren, geht bei Gavriel nicht einmal auf Größenwahn zurück, eher weiß er einfach nie so recht, was er eigentlich tut und eigentlich will – ein Mangel, der ihm selbst durchaus bewusst ist und den er zu kompensieren versucht, indem er sich allzu bereitwillig von anderen leiten lässt.
Gavriel ist ein Opportunist aus Mangel an eigenem Können; was er verkörpert, ist die Banalität des Skrupellosen. Privat bleibt Gavriel ein fader Charakter, man lobt ihn stets als guten Zuhörer, nie als mutigen Macher, er heiratet eine anständige Frau und tut sich nicht sonderlich als Mitgestalter dieser Ehe hervor, er trifft Geschäftspartner, aber keine Freunde, denn es gibt keine, er verfolgt Projekte, aber keine wirklich eigenen Interessen.
Ein erfolgreicher, und doch so langweiliger Mensch – dass sich die Kapitel über Gavriel Manzur ohne viel Drall voran schleppen, mag sogar erzählerisch beabsichtigt sein. Schwierig nur, Interesse für einen Charakter zu entwickeln, an dem selbst der Autor anscheinend keinen Spaß hat. Er wahrt einen distanzierten Blick auf ihn, und er gönnt Gavriel, dem Gewinnler ohne eigene Ideen und Ideale, keine Größe. Umso mehr gönnt er ihm dafür die große Katastrophe zum Schluss. Das ist nachvollziehbar, verliert durch seine Plakativität aber an Reiz.

Schließlich der Blick nach unten: Im gegenwärtigen Liverpool, seit dem Niedergang seiner Schwerindustrie und Hafenwirtschaft eine der zehn ärmsten Städte Großbritanniens, entwickelt eine Clique aus orientierungslosen Unterschichtskids die Idee von einem weltweiten Protest – wogegen genau, das können sie selbst kaum definieren, mit Sicherheit allerdings gegen ihre eigene lausige Lebensrealität. Hier erzählt ein Ich, ein Wir – eine Stimme, die anonym bleibt und dadurch für alle spricht, für die Liverpooler Gruppe, für die, die sich ihr später anschließen werden, am Ende auch für die Toten des großen Aufstands; im Roman ist es die einzige Stimme einer restlosen Identifizierung mit einer Sache, einer Gemeinschaft.
Die Ausreißer, die ihr Headquarter mal im schimmligen Hinterraum einer Schlachterei, mal in einer leeren Garage aufstellen, haben anfangs keinen Plan, aber eine Menge Wut, und sie haben Facebook. Was mit kleinen Sachbeschädigungen eines Einzeltrupps beginnt, nimmt bald die Form einer globalen Bewegung an, als mit Julian eine ehrgeizige kleine Assange-Figur das Ruder an sich reißt, der Gruppe eine Struktur, einen Fokus, eine Onlinepräsenz gibt und ein Ziel feststeckt: 11.11., eine Milliarde Streikende. Plötzlich folgen ihnen zigtausende Anhänger im Internet, gründen sich auf allen Kontinenten Mitstreitergruppen, die mit ihnen an diesem Datum den Totalkollaps der globalen Ordnung herbeiführen wollen.
Baram baut das Liverpooler Kollektiv um Julian zu einem MSV-Gegenstück auf: Auch die Aktivisten der Verzweiflung erweisen sich als gute Campaigner für die eigene Sache, lernen, wie sich mediale Ströme beeinflussen lassen, professionalisieren ihr Informationsmanagement, bauen Netzwerke auf und erarbeiten gemeinsame Strategien; ebenso treten, parallel zum MSV, bei den Aufständlern interne Konflikte auf, wird die Integritätsfrage immer häufiger gestellt, was sich bis zur Paranoia steigert.
Die Bewegung im Ganzen entwickelt sich unterdessen zu einem kaum noch steuerbaren Flächenbrand. In Vorbereitung auf den 11.11. werden von allen Gruppen Manöver durchgeführt, die einen Vorgeschmack auf die Wucht des kommenden Untergangs liefern sollen; der Ursprungszelle sind längst die Kontrolle und die Übersicht über diese Zerstörungsaktionen entglitten. Gemeinsamer Nenner bleibt, dass diese sich nicht etwa gegen die gewohnten Ziele von Globalisierungsgegnern richten, sondern diesmal gegen Kunstgüter und kulturelle Einrichtungen – erst hier wird der Roman endlich einmal wirklich böse:

Nicht Banken, Konzerne oder Regierungen waren unser erstes Ziel […]. Wir wollten den Gleichmut der westlichen Kultur erschüttern, die abgeklärte Gelassenheit aller Liebhaber der Kultur […] und an erster Stelle derjenigen, die arbeiteten, um ihre persönlichen Ziele voranzutreiben, und gleichzeitig die Illusion pflegten, diese Welt, so wie sie ist, könne ungestört funktionieren, während andere untergepflügt werden. Wir wollten diese ehrbaren Institutionen erschüttern, in ihren alten, prächtigen Gebäuden mit den ziselierten Säulen, den hohen Decken und Kronleuchtern […] und Cocktailempfängen zu Ehren irgendeines Künstlers, der es wagte, das Selbstverständliche auszusprechen, oder eines Autors, der Kritik am Kapitalismus oder am Kolonialismus oder an irgendwelchen bescheuerten Fernsehshows geübt hatte. Wir wollten die Seelenruhe dieser Heuchler stören, die in ihren gediegenen Altbauwohnungen leben und mit Taschen voller Geld auf Demonstrationen gegen die Banken gehen, die mit Kulturgütern spekulieren und gleichzeitig die Illusion einer Vielfalt bedienen: Sicher gibt es Millionen, die nichts haben, aber es gibt auch eine Gegenkultur der Schönheit und Katharsis, vielleicht ändern wir diese Welt noch, vielleicht engagieren wir uns noch mal, um der Labour Party zu helfen oder der SPD in Deutschland oder den Sozialisten in Spanien […]. Gar nicht zu reden von den […] Petitionen und Protesten dieser Heuchler, die ihre Arbeiten an Diamanten- oder Sklavenhändler verschachern, welche sich mit den erworbenen Kunstwerken den Dreck und das Blut aus der Fresse wischen […]. Es kann keine Kultur geben, solange Menschen vor die Hunde gehen, keine Katharsis, während Milliarden von Menschen nicht wissen, wovon sie im nächsten Monat oder am nächsten Tag leben sollen, und es darf auch kein Gequatsche über Gleichheit und Sozialismus geben auf Veranstaltungen für Privilegierte […]. Wir wollten, dass sie den Abgrund zu sehen bekommen, genau so, wie wir ihn täglich sehen, nicht den Marmorboden, auf dem sie im Theaterfoyer stehen, […] anstelle der Institutionen, die sie kannten, würden zerstörte, ausgebrannte Gebäude aufragen, würde es nichts mehr geben, an das man sich klammern konnte, genau so, wie wir nichts hatten, was uns Halt gab.

Nichts darf einen höheren Wert besitzen als ein menschliches Leben. Und alles, was jenes Werteverständnis zuungunsten des menschlichen Lebens verzerrt, verdient es unterzugehen – auch Kultur, wenn sie nur noch als Geldanlage dient, oder als Alibi für die Privilegierten, um sich nicht direkt, also: aktiv, ungefiltert und ohne künstlichen Sicherheitsabstand, mit dem übrigen Leben, mit den übrigen Menschen beschäftigen zu müssen.
Da ich dieser Logik durchaus etwas abgewinnen kann, müsste ich nun konsequenterweise und mit sofortiger Wirkung das Bloggen einstellen. Ebenso hätte Baram, dessen Schreibe merklich an Fahrt wie an Empathie gewinnt, als er sich mit den verwahrlosten, hoffnungslosen Jugendlichen und den Zielen ihres Furors befasst, und der wiederum selbst zur Kategorie gefeierter Autor, der Kritik am Kapitalismus übt gehört, an dieser Stelle augenblicklich der Stift aus der Hand fallen müssen, bzw. das Notebook, das übrigens vielleicht so eins mit einem kleinen Apfel drauf sein könnte, um erneut auf dieses Erkenntnisobst zurück zu kommen. Offensichtlich blogge ich immer noch, tippe dieses selbstgefällige Zeug hier, während ein IKEA-Buchregal mit viel nichtssagendem Inhalt und ein Obstkorb in meinem Blickfeld liegen, und kann dafür nur ein Argument vorbringen: Je radikaler eine Ansicht, eine Parole, eine Ideologie ist, umso größer ist ihre Verführungskraft – und umso aufmerksamer wiederum gilt es daher, ihr zu misstrauen, bevor man ihr vielleicht nachrennt. Auch Weltschatten findet dort, wo es unsere teuerste wie unsere billigste Kulturschafferei den Aufständischen als ihren rechtmäßigen Fraß vorwirft, noch nicht seinen Schlusspunkt. Baram ist mit seiner Liverpooler Zelle noch nicht fertig, sondern lässt sie erst einmal in ihrer plötzlichen Berühmtheit und Bedeutsamkeit schmoren, lässt es dann so richtig brennen, um am Ende in der Asche danach zu graben, was sich nach der ganzen Geschichte wohl als reell Widerständiges bewähren könnte. Viele der Widersprüchlichkeiten, die Baram dabei aufdeckt, sind von stichelndem Charakter, wie zum Beispiel der Umstand, dass Julian ausgerechnet zu einem abtrünnigen MSV-Mitarbeiter Kontakt pflegt – gemessen an der geringen Tragweite wie der übertriebenen Symbolik dieser Verbindung eher ein überflüssiges dramaturgisches Gimmick. Ganz entscheidend dagegen ist die Frage, was eigentlich kommen soll, sobald das Alte in Ruinen liegen wird: Diese Gruppe katalysiert die destruktive Energie der halben Erdbevölkerung, aber eine Utopie für den Tag nach dem 11.11. kennt sie nicht.

Den Gedankengängen Barams merkt man an, dass er gewohnt ist, sich mit verstrickten gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu befassen. Der Handlungsbogen ist hübsch ordentlich aufgebaut, da wackelt nichts. Baram verknüpft die verschiedenen Ebenen sorgfältig miteinander, verheddert sich dabei nie, greift dafür höchstens auf allzu einschlägige Beispiele für schmutzige Globalisierungseffekte zurück, wie etwa die Verwicklungen der Industrienationen in Waffengeschäfte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Charaktere dagegen hat Baram ein nur mäßig gutes Händchen. Er bricht den Komplex Globalisierung auf seine kleinsten Elemente herunter, auf menschliche Einzelschicksale also; gerade diese wirken allerdings oft, als seien sie eher einem Musterkatalog als der eigenen Vorstellung des Autoren entsprungen, die Figuren sind allzu sehr Standardbesetzung für die ihnen zugewiesenen Rollen, und darin besteht denn auch das leichte Humpeln des Romans. Denkwürdiger als die Einzelfiguren selbst ist die zwingende Dynamik, die sie in bestimmte Positionen treibt. Aus ihrer Konstellation im Roman lässt sich, grob formuliert, diese Prognose für die Realität ziehen:

Die Einen haben uns nichts zu bieten außer einer Illusion und einer Aufrechterhaltung der kranken Ordnung. Die Anderen haben uns nichts zu bieten außer einer Gegenillusion und einer gewaltigen Betriebsstörung der kranken Ordnung. Geliefert sind wir alle, denn wie eine gesunde Ordnung überhaupt aussehen sollte, geschweige denn, wie eine solche Ordnung real funktionieren könnte, fällt einfach niemandem von uns ein.

Wir brauchen ganz neue Fähnchen, dringend.


>>Nir Baram, Weltschatten (Hanser), gebunden, €26,-