Hannah Arendt

PUBERTÄT REVISITED // Hannover und die große Hannah

O Hannover, glanzvolle Metro-Perle des Fischer-und-Bauern-Bundeslandes, die Tiefe deiner Kultur ist unerschöpflich – sagen deine Kinder. Andere sagen, man müsse in der Kulturkiste schon sehr tief graben um irgendwo darin deine Kinder zu finden. Wen also hätten wir denn da?

DIE SCORPIONS – die Stadt-Maskottchen, jaja, aber bitte, könntet ihr kurz aus dem Vordergrund treten? So. Sonst noch wen? Fury in the Slaughterhouse. Lena Meyer-Landrut. Uli Stein – nicht der Fußballer, der Lappan-Cartoon-Typ, der mit teuren Autos durch die Wedemark rauscht (das ist da, wo all die Hannoveraner wohnen, die es zu teuren Autos gebracht haben). Otto Sander und Doris Dörrie – beide immerhin hier geboren, aber nicht sonderlich lange am Ort geblieben. Alexa Hennig von Lange – auch nicht mehr hier. Heinz-Rudolf Kunze – kommt zwar von sonstwo, wohnt aber jetzt in Bissendorf, das lassen wir mal gelten. DIE SCORPIONS – na, ihr schon wieder? Vielleicht graben wir doch lieber noch etwas tiefer, diesmal zeitlich: Die Gebrüder Schlegel – immerhin Mitbegründer der Deutschen Romantik. Und Frank Wedekind. Kurt Schwitters – der schönste Beleg dafür, dass selbst in Hannover ein bisschen Anarchie und Verspieltheit gedeihen können. Fritz Haarmann – nur wegen des Haarmann-Lieds, für das er selbst eigentlich gar nichts kann, aber passt schon: Hannover besingt bis heute fröhlich seinen bestialischen Serienmörder. Albrecht Schaeffer – nicht hier geboren, aber aufgewachsen; weitestgehend unbekannt, selbst in Hannover, dabei schenkte er dieser Stadt einst das einzige Hannover-Epos, das es gibt und je geben wird, das hochliterarische Helianth (nur noch antiquarisch lieferbar). Tja. Ach nee, eine hab ich noch – sogar eine ganz Große:

Hannah Arendt wurde 1906 in Linden geboren, emigrierte 1933 in die USA, war nach ihrer Ausbürgerung durch die Nazis von 1937 an staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, übte fortan in den USA journalistische und akademische Tätigkeiten aus und starb 1975 in New York.

Linden, das zu Arendts Kleinkindzeit noch nicht eingemeindet war, ist heute einer der charmantesten Stadtteile Hannovers. Neuerdings entwickelt sich Linden zusehends zum Alternativ-Schickeria-Bezirk und wird in absehbarer Zeit seinen Charakter verlieren – ursprünglich war es proletarisch: ein Standort der Großindustrie und, damit einhergehend, der Arbeiterbewegung. Mag sein, dass Hannah doch etwas von diesem Umfeld als Prägung mitnahm, als Familie Ahrendt später nach Königsberg ging, so dass Hannah Arendt sich vielleicht nicht umsonst als politische Theoretikerin profilierte, deren großes Thema die Verflechtung Mensch-Arbeit-Politik war. In meiner Schulzeit stand sie nie auf dem Lehrplan – eigentlich unverständlich, als Kind der Landeshauptstadt -, in der Schulbücherei immerhin war sie jedoch sehr präsent. An ihrem Hauptwerk Vita Activa oder Vom tätigen Leben versuchte ich mich mit Hingabe, verstand wohl nur die Hälfte, nahm aber etwas Wichtigeres als ein gültiges Werkverständnis daraus mit: Ich liebte die Genauigkeit ihres Denkens, die Geradlinigkeit ihres Schreibens, die Entschiedenheit ihrer Haltung. Was ich von ihr las, kann ich längst nicht mehr detailliert erinnern, das Wie hingegen blieb prägend an mir haften. Ich war nie so eine, die Meinungen vertrat, vielmehr war ich eher unsicher, ob ich so etwas wie Meinungen überhaupt hatte, mein Denken war nicht besonders strukturiert, geschweige denn diszipliniert, und ich schaute viel in die Luft anstatt um mich herum, weil meine Haltung eher eine ausweichende war, das Um-mich-herum betraf mich gefühlt nicht persönlich – als ich Hannah Arendt las, begann mir all dies leid zu tun.

Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart. (Vita Activa)

Da gab mir Hannah Arendt zu denken. Und eine Methode, wie man denkend an Dingen arbeiten kann, auch an sich selbst, gab sie mir indirekt gleich mit an die Hand. Ich schrieb plötzlich anders, ich sah anders, ich überdachte anders.

Eine der nervtötendsten Angewohnheiten von Jugendlichen besteht darin, die Bedeutung, die man sich für sein eigenes Leben so ersehnt, von den bereits Bedeutenden zusammenzuklauen, sich deren Posen imitierend anzueignen, sich deren Zitate in den eigenen Mund zu legen. Man verwechselt dabei das Kopieren von Anderen, welches man betreibt, mit der Emanzipierung von Anderen, welches man eigentlich betreiben möchte. Hannah Arendt hätte es nicht im Mindesten interessiert, wie ich sie für ihr Charaktergesicht, ihr selbstbewusstes Denken und ihr lässiges Rauchen bewunderte. Was sie vielleicht interessiert hätte, wäre, in welchem Ausmaß Mündigkeit erlernbar ist. Und inzwischen, nachdem ich im Lauf der Zeit von Hannah Arendt und unzähligen Anderen wichtige Schubser in richtige Richtungen bekommen hatte, in deren Verarbeitung ich dann einige Mühen investiert habe, empfinde ich mich tatsächlich als halbwegs mündig in eigener Sache. Es jedoch zu kämpferischem Einfluss oder gar bedeutender Funktion zu bringen – das stand immer jenseits meines Denkens, dazu habe ich nicht das Zeug, d.h. den entschiedenen Willen. Ich rede dabei gar nicht von großen politischen Rollen oder Vergleichbarem, sondern schlicht von einer Lebenspraxis, die durch ihren aktiven Charaker, ihre teilhabende, Verantwortung übernehmende und Haltung präsentierende Eigenschaft die Gemeinschaft beeinflusst. Nach Selbstbestimmung sollte Mitbestimmung folgen.

Aber vielleicht ist die Pubertät auch einfach nie so ganz vorbei.

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