Frankreich

FEINDLICHE ÜBERNAHME // Flore Vasseur, Kriminelle Bande

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Wie unsagbar klein ich bin: kleiner Job, kleine Herkunft, kleine Ahnung. Ich: Von hoch oben aus betrachtet, von dort, wo die großen Jobs erledigt werden, die großen Namen unter sich sind und die großen, die globalen Themen ihren Quellen entspringen und in ihre Fließrichtung gebracht werden, bin ich so klein; ich bin unsichtbar. Umgekehrt gilt: Manche Dinge machen sich durch ihre schiere Größe unsichtbar für mich, ähnlich wie Bär oder Bulle nicht als Ganzes zu sehen sind für den Floh in ihrem Fell. Mit Geld spekulieren hier die Einen, die Anderen spekulieren nur über deren Pläne, Interessen und Verbindungen.

Flore Vasseurs Kriminelle Bande spielt unter den Großen, die von ihrem mir fernen gesellschaftlichen Hochplateau aus Weltpolitik und Weltwirtschaft steuern, indem sie Bären, Bullen und ganze Parlamente nach ihrer Pfeife tanzen lassen – eine Clique von Ministern und Präsidenten, Medienmogulen, Beratergurus, gewichtigen Bankern, PR-Königen, Aufsichtsräten wahrer Monsterkonzerne, Chefs von Rating-Agenturen und dergleichen Hochkalibriges. So sieht´s aus, ist man geneigt zu denken, sofern man, wie ich, keine Ahnung hat, wie´s tatsächlich so aussieht da oben. Eine Truppe von Freunden, die gemeinsam an der Pariser Elite-Universität HEC waren, sind die Hauptfiguren in diesem thrillerartigen Roman, und die Autorin gibt sich alle Mühe, jeden einzelnen von ihnen ein bestimmtes Element im Spektrum der Macht verdeutlichen zu lassen; so finden sich unter ihnen beispielsweise eine preisgekrönte Journalistin, der Kommunikationschef der mächtigsten US-Invenstmentbank, die leitende Managerin einer perfekt vernetzten PR-Agentur und der Vertrauensmann einer Finanzministerin. Verband die damaligen Kommilitonen der Rausch von Sex, Koks und Champagner, teilen sie heute den Rausch ihrer Macht. Nur einer von ihnen ist vom vorgezeichneten Weg abgewichen: Anstatt heute eine Schaltfunktion in Politik, Wirtschaft oder Medien zu erfüllen, hat er seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse im Untergrund zum Einsatz gebracht und steht nun auf der Seite der Hacker und Whistleblower seinen alten Freunden als eine Art schlechtes Gewissen gegenüber, wobei Gewissen in diesen Kreisen ein leerer, nutzloser Begriff ist. Die Anderen leben in ihrer isolierten – von außen hochglänzenden, von innen reichlich schmutzbelasteten – Blase vor sich hin, bis diese schließlich platzt: Die Finanzkrise lässt die Märkte abstürzen, und mit ihnen die Eliten. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, wird hier, mehr oder minder, auf einen einzelnen Namen zurückgeführt: Folman Pachs – eine durchsichtige Namensverschleierung, die unfreiwillig kindisch wirkt, obwohl ihre Verwendung vermutlich verdeutlichen sollte, wie gefährlich es ist, sich dem Namen Goldman Sachs auch nur – und sei´s bloß literarisch – zu nähern. Die Macht dieser Investmentbank ist schlicht zu groß geworden, ihr Name verkörpert die skrupellose Finanzgewalt schlechthin. Weltweit hat sie ihre Gewährsleute an den entscheidenden Stellen installiert und somit eine lautlose Machtübernahme vollzogen, wodurch sie nun munter und unbehelligt ihre eigenen Ziele, über jegliche Allgemeininteressen hinweg, verfolgen kann. Wie gefährlich dieses heimliche Machtmonopol tatsächlich ist, tritt erst im Zuge der globalen Krise zu Tage, als die Großen panisch erkennen: Selbst ihre Macht endet dort, wo die von Folman Pachs beteiligt ist. Unversehens bekommt es auch die HEC-Clique mit den Dunkelmännern der übermächtigen Finanz-Hydra zu tun, und ein verhängnisvolles Dokument sorgt dafür, dass die alten Freunde nah zusammenrücken müssen, um ihre Existenzen zu retten. Als einer der ihrigen vermeintlich Selbstmord begeht, wird klar, dass es dabei um weit mehr als nur um berufliche Positionen und ein sauberes Image geht. Sie wissen, vertrauen können sie in dieser Angelegenheit niemandem. Womöglich nicht einmal einander.

Die Autorin ist ebenfalls Absolventin der HEC und schreibt als Journalistin über die Verwicklungen von Politik und Finanzwesen – ist selbst also Elite-intern und fachlich bewandert. Anstatt aber hier einen Krimi mit Reportage-Charakter zu schreiben, wie ich mir gewünscht hätte, verheizt sie ihr Hintergrundwissen, ohne damit wirkungsvolle Effekte zu erzielen, eher, um es gelegentlich zur Schau zur stellen, lässt Story und Charaktere ersticken unter allzu plakativen Bildern und überflüssigem Hollywood-Klimbim. Den hohen Wahrheitsgehalt des Grundgedankens, Goldman Sachs und Konsorten regierten die Welt, mag ich gar nicht anzweifeln, nur verkommt dieses Szenario zur bloßen Kulisse für eine Darstellung der französischen Oberschicht, die auf arg kalkulierte Weise eine Kleine-Leute-Perspektive einnimmt: Natürlich leben die da oben alle in kaputten Ehen, sind überhaupt emotional verkrüppelt und gönnen einander nicht die Luft zum Atmen – wussten wir´s doch. Ein Eigenleben wird den Figuren nicht zugestanden, sie bleiben durchweg Funktionserfüller, und selbst die verruchtesten Hobbys, dramatische Liebesepisoden oder Verhaltensmarotten vermitteln keinen Geschmack von Echtheit, sondern von künstlicher Garnitur. Als Besonderheit ist der Roman mit QR-Codes versehen, über die sich Hintergrundmaterial zu bestimmten Stichworten abrufen lässt. Als Idee nicht schlecht, würde sich der Einsatz dieses Mittels darauf beschränken, den Leser zu Erläuterungen von komplizierten wirtschaftlichen Zusammenhängen weiterzuleiten. Dass aber auch jeder erwähnte Song gleich per QR-Code als Video abrufbar ist, macht die Sache zur Spielerei, die den Lesefluss enorm stört und als peinliche Anbiederung des Buches an das Smartphone-Zeitalter daherkommt. Dort, wo es sich tatsächlich anbietet, hätte es sicher auch die gute, alte Fußnote getan. Der Wirtschaftskennerin Vasseur scheint daran gelegen zu sein, mit diesem Roman ein auf allen Ebenen überladenes Produkt verkaufen zu wollen, das ein durchaus begründetes, aber ahnungsloses Unbehagen an der Macht der Hochfinanz bedient. Falls sie, die selbst dazugehört, jedoch ein reelles Oberschichtsportrait hat abliefern wollen, so hat sie das indirekt getan, indem sie per Roman selbst einiges an seelenloser Funktionsorientierung offenbart.


>>Flore Vasseur, Kriminelle Bande (Haffmans&Tolkemitt), €19,95


 

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ARES WAR HIER // Mathias Énard, Zone

Setzt Ares, der hübsche Olympier, der freilich nach Blut, Brand und Verwesung stinken muss, seinen Fuß hinab vom heiligen Berge, so steht er in seinem herrlichen Vorgarten: Die Mitte ziert ein von Schiffen befahrener Teich, den reich bevölkerten Saum bilden Europa, der Nahe Osten, Nordafrika. Diese Gefilde – einen etwas ins Inländige erweiterten Mittelmeer-Kreis – nennt Mathias Énard die Zone. Auf über 500 Seiten, in denen der französische Orientalist die unzähligen Konflikte in der Geschichte der Zone zu einem einzigen Gewaltstrudel verschmilzt, erzählt Énard gleichsam, mit welchen Mitteln der vor lauter Fleiß schwitzende Ares seinen kriegsfruchtbaren Vorgarten pflügt, düngt und begießt.

Mythen, Epen, Gesänge, Träume, Aktenberichte einerseits, andererseits Blut, Fleisch, Hirnmasse, Gebein, Urin, Kot, Sperma, Speichel, Tränen, auch Alkohol: Die Bedeutung von Krieg wird transportiert von menschlichen und menschgemachten Stoffen. Énard hat sein großes Buch über den Krieg darum gleichermaßen mit Göttern und Dichtern bevölkert wie mit Opfern und Schlächtern. Es erzählt, anhand der Genealogie ihrer Kriege seit der Antike, eine dunkle Kulturgeschichte der Zone. Énard belässt dabei nichts in der Schwebe der Vergangenheit: Schrecken, Abgründe, Ungetüme löst er aus dem Abstrakten heraus und vergegenwärtigt sie im Leben und den Gedanken seines Protagonisten, eines Erben jener Geschichte; in einem einzelnen Menschen bricht sich die ganze Woge.

es gibt so viele Fügungen, Wege, die sich im großen Meeresfraktal kreuzen, durch das ich seit einer Ewigkeit ahnungslos wate, seit der Zeit meiner Ahnen seit der Zeit meiner Väter meiner Eltern meiner selbst meiner Toten und meiner Schuld

Mythos, Geschichte und persönliche Erinnerung bilden den Krieg ab, der sich in den Protagonisten hineingefressen hat, zu dessen innerem Zustand er geworden ist. Für dieses inwendige Brausen und Branden hat Énard eine spezielle Schriftform gewählt: einen einzigen, hunderte Seiten anhaltenden Satz. Der beginnt kleinbuchstabig und treibt immer weiter voran, verlängert und wieder verlängert durch Gedankenstriche, gegliedert nur durch Kommata, und selbst diese werden oft als überflüssig betrachtet – sie fehlen beispielsweise in Aufzählungen. Eine Ausnahme davon stellen nur drei Kapitel dar, die als Auszüge eines fiktiven Romans über das im Bürgerkrieg untergehende Beirut geschrieben sind. Nach diesen kurzen Einschüben rattert, strudelt, zieht der Satz ungebremst weiter, wie die Menschheit selbst, und wie die Gedanken des Einzelnen. Die ungebrochene Linie, das große Warten auf den einen Punkt in der radikalen Ruhelosigkeit – damit findet die inhaltliche Symbolik ihre Konsequenz in der Form.

Eine weitere Besonderheit der Romanstruktur: In der Unterteilung in 24 Kapitel wird die thematische Anlehnung an Homers Ilias auch äußerlich deutlich. Zwar findet im Roman nicht etwa der gesamte alte Stoff eine Übertragung ins Moderne, doch der Zorn als grundlegendes Motiv, sowie die Figuren Achill, Patroklos und Hektor haben ihre Parallelen bei Énard. Und überhaupt diese unzähligen Parallelen, Querverweise, Anspielungen, die sich, mal flüsternd, mal als Nebelhörner, überall heraushören lassen, diese vorsätzliche, eigentlich größenwahnsinnige Überladung der Inhaltsebene, und dazu dann noch die experimentelle Form – bersten müsste die Erzählung unter dieser Last. Man staunt: Sie tut es nicht; das ist die Leistung des Stils, der Sprache Énards.

Ähnlich wie der Autor, der nach dem Studium des Arabischen und Persischen in Paris über längere Zeit in verschiedenen Ländern des Mittleren Osten lebte und danach in Barcelona arbeitete – ein Weltenpendler -, ist der Ich-Erzähler ein rastloser Pendler in der Zone. Francis Servain Mirković, auch Francis Mirkovi, alias Yvan Deroy: geboren in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines französischen Algerien-Veteranen und einer kroatischen Nationalistin, Politikstudent, dann Soldat im Jugoslawien-Krieg auf kroatischer Seite in einem zusammengewürfelten Freiwilligen-Korps, schließlich Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes.

Man begleitet den Erzähler während einer Zugreise, die in Paris ihren Anfang genommen hat. Der Leser steigt in Mailand zu, Ziel der Reise ist Rom, oder genauer: der Vatikan. Francis/Yvan trägt einen Koffer voller Akten über Kriegsverbrechen und Waffenhandel in der Zone bei sich, der mit einer Kette gesichert ist – wie ein Biest, das es im Zaum zu halten gilt; gleichzeitig wie eine Eisenkugel, die den Gefangenen, als der sich Francis entpuppt, in seiner Unfreiheit festhält. Ein Koffer als Massengrab, als Lager, aus dem Schreie und Gestank dringen. Kein Hauch von Reiseromantik, keine Spur von klassischem Spionage-Abenteuer. Innerhalb eines erzählerischen Labyrinthes bildet diese Zugfahrt den Ariadnefaden; es ist Francis‘ innerer Monolog, in dem der Leser wie der Erzähler, am Faden entlang tastend, umherirren.

Francis‘ Gedankenstrudel lässt Erinnerungen in einem geschichtlichen Rahmen aufgehen, bindet umgekehrt das Historische ins Private ein, sucht und findet darin das Mythologische, das Epische, und schäumt über vor Anekdotischem. Nicht chronologisch, sondern fragmentarisch wird erzählt, wobei jedoch nicht der Eindruck entsteht, die Dinge bestünden lediglich nebeneinander her – auf der Assoziationsebene begegnen sie sich als gleichwertig, gleichzeitig, sie spiegeln sich ineinander, alles ist durchtränkt von allem.

eine mediterrane Symmetrie mehr, wenn die Achse Rom-Berlin den Falz bildet, berühren sich Beirut und Barcelona

Am Mailänder Hauptbahnhof – Stazione di Milano Centrale -, wo Francis umsteigt, prophezeit ein Verrückter den Passanten den nahen Weltuntergang, und die wahre Verrücktheit daran scheint es zu sein, dass er die Apokalypse in der Zukunft verortet, anstatt zu erkennen, mit welcher Regelmäßigkeit sie sich in der Geschichte wiederholt. Francis bemerkt beiläufig, er zöge die Verrückten eben an. Vielleicht, weil zwischen ihnen und ihm kein sonderlicher Unterschied zu erkennen ist: Francis sieht die Zone als eine Aneinanderreihung von Nekropolen, dort, wo Menschen wandeln, sieht er gleichzeitig Geisterparaden marschieren, und in seinem Kopf – oder auch laut – spricht er mit den Göttern und Gespenstern.

heute Morgen glänzten die Alpen wie Messer, ich zitterte vor Erschöpfung auf meinem Sitzplatz und konnte kein Auge zutun, ich bin völlig zerschlagen wie ein Drogensüchtiger, im Zug habe ich ganz laut mit mir selber geredet, oder ganz leise

Mag sein, dass man auch Francis verrückt nennen könnte – sicher ist nur, dass der Kriegszustand, den er erlebt hat, in Francis‘ Innerem nachhaltig fortbesteht, und wo liegt schon der Unterschied zwischen Krieg und Wahn? Beides ist schließlich Raserei, und Francis‘ Denken ist nichts Anderes. Milano: Im Namen der Stadt steckt der Raubvogel, der Milan; das Zerpflücken blutiger Beutestücke denkt Francis dabei mit, und gleichzeitig den Namen eines vielfach verwundeten Generals, Millán Astray, der, gemeinsam mit Franco, die Spanische Fremdenlegion begründete. Astray, der bemerkenswert Versehrte – wie Ghassan: ein lybischer Bürgerkriegsveteran, mit dem sich Francis in seiner Zeit in Venedig systematisch betrinkt, um den Tod seines liebsten Kameraden – Andrija, Francis‘ Patroklos – zu vergessen. Ghassan spendet, mal mehr, mal weniger bewusst, viel Material für Francis‘ hungrigen Aktenkoffer. Am interessantesten aber ist die Geschichte der Narben Ghassans:

wie er verwundet wurde, wie er dachte, er sei tot, als er nach der Explosion einer Granate plötzlich von Dutzenden von Splittern zerschnitten wurde, er sah wie seine Drillichjacke aufging unter dem Hagel der Geschosse anschwoll, plötzlich war er voller Blut, war vom Knöchel bis zu den Schultern von zahllosen Stichen durchlöchert, seine ganze rechte Körperseite war von einer scheußlichen schleimigen Masse überzogen, mit Krämpfen vor Schmerz und Panik brach Ghassan zusammen, überzeugt dies sei das Ende, die Granate war nur wenige Meter entfernt eingeschlagen, die Ärzte entfernten acht fremde Zähne und siebzehn Knochensplitter, die in seinem Körper steckten, Überreste des armen Kerls, der vor ihm von der Explosion zerrissen worden war und sich in eine menschliche Granate verwandelt hatte, in rauchende Schädelfragmente, die in einer Blutfontäne fortgeschleudert wurden, deren einziger Metallsplitter ein goldener Vorbackenzahn war, Ghassan hatte Glück im Unglück, es lief ihm noch immer kalt den Rücken hinunter, der Ekel reize noch immer zum Brechen […] Ghassan verwandelt in ein lebendiges Grab, trägt die Reliquien des Märtyrers direkt unter seiner Haut, hat die Vereinigung der Krieger vollzogen durch die Magie der Sprengkörper […]  besonders am Hals hatte Ghassan noch immer winzige unsichtbare oder höchstens unter Röntgenstrahlen sichtbare Knochensplitter unter der Haut, die sich manchmal Jahre später, man weiß nicht warum, in Form von Zysten und Schwielen zeigten und dann herausoperiert werden mussten, am meisten ärgerte ihn aber, dass er dem Arzt davon erzählen musste, erklären musste, warum sein Körper Knochenstücke ausspie

Der Soldat als wandelndes Grab eines anderen Soldaten – dieser Gedanke über die Verkettung von Tod, und seine aufs Körperliche zugespitzte Verbildlichung, beschäftigen mich auch nach Buchende hartnäckig weiter.

Francis‘ eigene Narben sind weniger spektakulär. Marianne fragt dennoch nach ihnen. Marianne, in der Francis, der sich als Ares sehen wollte, seine Aphrodite fand. Marianne, die Schöne, mit ihrer wohligen Vitalität, ihren Rundungen, ihrer Weichheit, ihrem Duft, ihrer unverdorbenen Körperlichkeit. Marianne – wie die französische Nationalfigur, verkörpert von Brigitte Bardot bis Sophie Marceau. Marianne, die sich mit einem Tritt in seine Weichteile von ihm löst, weil er zu viel Zeit mit dem Alkohol und den Narben Ghassans verbringt, während Marianne so gern in seinen, Francis‘ Narben gelesen hätte.

Es ist ein klassischer weiblicher Fehler, unbedingt an die Gefühlszentren der Männer rühren zu wollen – Stephanie wiederholt ihn. Stephanie, die, wenngleich auch sie eine aphroditische Seite besitzt, eher einer Athene ähnelt. Stephanie, die Taktikerin, die Strategin, die Karrieristin beim Geheimdienst, die Francis immerhin einen kurzen Augenblick von Vaterschaft, von Familie spüren lässt. Was aber soll eine Frau – irgendeine – mit einem Kriegsungeheuer, einem Francis auf Dauer schon anfangen?

Besser ein Anderer sein: ein Yvan Deroy. Dessen Namen trägt Francis spazieren, während der echte Yvan in einer geschlossenen Anstalt vor sich hindämmert – da, wieder ein Verrückter. Diesmal einer, der über seine eigene krude Nazi-Ideologie seinen Verstand verloren hat, zum ahumanen Monster mutiert ist, als hätte Énard hier (Zone erschien 2008 in Frankreich) einen Anders Behring Breivik vorausgeahnt, den er vorsorglich gleich in ein Irrenhaus hineinschrieb. Indem er Francis den Namen Yvans als Pseudonym annehmen lässt, zeigt Énard ein gefährliches, frei in der Zone umherstreifendes Gespenst auf.

Francis‘ Beziehung zu diesem nicht totzukriegenden ideologischen Gespenst ist nicht willkürlich angelegt, und auch nicht allein dadurch hergestellt, dass Yvan sein Schulfreund war, sondern sie besteht bereits in Francis‘ Erbgut: Franjo Mirković, Francis‘ Großvater, war ein kroatischer Faschist der ersten Stunde, wichtiger Funktionär des NDH, des Unabhängigen Staat Kroatien, ein Ustascha. Diese Bewegung hatte mit Ante Pavelić ihren eigenen Führer, mit dem Lager Jasenovac ihr eigenes Auschwitz, ihr fielen im Laufe des Zweiten Weltkrieg, unterschiedlichen Schätzungen nach, 400 000 bis 600 000 Serben, Juden, Roma und antifaschistische Kroaten zum Opfer.

Als Wiedergänger dieses ersten Schlächters unter dem Namen Mirković zog Francis später in den Balkankrieg. Und nicht nur die Tradition seines Großvaters, auch die seines Vaters führte er fort, indem er töten ging: Ob in Jugoslawien oder Algerien – die Morde, Vergewaltigungen, Folterungen bleiben sich gleich.

Von einem Namen zum Nächsten, endlosen Verknüpfungssträngen folgend, strömt Francis‘ Satz punktlos voran. Neun Stationen passiert der Zug auf dem Weg von Mailand zu Francis‘ Ziel – neun Kreise des Inferno, neun Bereiche des Purgatorio, neun Himmel des Paradiso müssen in Dantes Göttlicher Komödie durchwandert werden. Bei Francis verlieren Hölle, Vorhölle und Paradies ihre klaren Umrisse, das Eine durchwabert das Andere. Tag der Zugreise ist übrigens der 8.Dezember, der Tag der Unbefleckten Empfängnis, und über den religiösen Verweis hinaus, liefert Énard hier einen erneuten megalomanischen Querbezug, macht, wie Joyce, einen Tag zu seinem eigenen, und seinen Roman, diesen Gedankenstrom-Koloss, zum Bloomsday eines Erlösungssuchenden.

Einmal noch sucht Francis bei einer Frau nach Erlösung, bei Saschka, der zart-blassen Engelsfigur, die Ikonen malt. Diesmal verschweigt er seine Francis-Substanz und geht unter der Deckidentität eines Insektenforschers namens Yvan Deroy, die Saschka ihm gutgläubig abkauft, in diese Beziehung hinein. Den Namen Yvans zu tragen, fühlt sich für ihn kaum als Lüge an, und auch die Insektenkundler-Identität weist genug Wesensähnlichkeit zu seiner Tätigkeit als Aktensammler auf, um einer für Francis brauchbaren Form von Wahrheit Genüge zu leisten – schließlich ist Francis sattsam kundig auf dem Gebiet der kriechenden oder schwärmenden Massen-Tiere, dieser ruhelosen Betreiber der Verwesung von Fleisch und anderen Strukturen. Doch etwas bremst ihn, bevor er Saschka zu nahe kommt; womöglich sind es tatsächliche Skrupel, dieses Unschuldswesen zu verderben, oder auch nur Francis‘ umfassende Lebensmüdigkeit. Und sowieso, was sollen die Frauen immer alles heilen, und was sollen sie gleichzeitig aushalten: Monster wie Francis oder Andrija, wie zuvor all diese Väter und Vorväter, die denen Francis‘ entsprachen.

Gleich den Kriegern, suchen auch manche Dichter in körperlicher Nähe nach einer Erlösung von ihrer eigenen Scheußlichkeit, und mache kommen von weit her in die Zone, wo die allseits spürbare Geschichte von Gewalt und Untergang ein gutes Pflaster zu bieten scheint, um sich mit seinen eigenen Untiefen zu befassen – wie Borroughs, nachdem er bedröhnt seine Frau erschossen hatte. Doch die meisten verheddern sich hier erst recht unrettbar in ihren dunklen Seiten, sie fügen sich viel zu gut ins Elend aus Prostitution, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Dass Francis seine Erlösung genauso wenig findet, liegt daran, dass er, ähnlich wie die von Énard eingestreuten Dichter, verirrt, besoffen und bekifft immer weiter in Richtung Anti-Erlösung taumelt.

Außerdem gibt es in seiner Weltsicht keine funktionierenden Richtungsweiser mehr: Moralische Kategorien wie Gut und Böse, zeitliche Dimensionen wie Gestern und Morgen – all jene Einordnungen haben für ihn, der nur noch trüben Brei denken kann, ihre Klarheit verloren, und Begriffe wie Schuld, Sühne, Erlösung bieten da keine Trittsicherheit. Einzig der Begriff SCHICKSAL tritt großbustabiert aus dem Strudel hervor.

Indem Énard den moralischen Boden schwammig hält, drückt er sich jedoch nicht etwa um die Frage nach Francis‘ eigener Schuld; diese Schuld ist deutlich, und sie ist massiv. Francis hatte sich, vielleicht nur um der Mutter zu gefallen, vielleicht auch aus weitergehender Eitelkeit, freiwillig in den Krieg begeben. Er suchte dort nach dem Helden, dem Mann Francis und fand stattdessen Francis, das Ungeheuer. Aus niederen Beweggründen gehasst, aus Zorn getötet zu haben: Darin besteht die Schuld seiner Soldatenzeit. Und während seiner Geheimdienstzeit erhöht er seinen Schuldzähler um die Folgen seiner Abmachungen mit dieser oder jener Instanz im Machtgemenge der Zone – dort wird jeder Vorteil durch einen Verrat erkauft, und jeder Verrat ist der Ausgangspunkt neuer Opfer-Biografien, in denen Francis‘ Name nicht selten als Fußnote angeführt werden dürfte. Im Laufe des Buchs wird deutlich, wie sehr Francis‘ Inneres und das des Koffers Eins sind.

als der Koffer voll war, musste ich ihn verkaufen, diese unzähligen überall in meiner Zone geduldig zusammengetragenen Dokumente Namen Berichte loswerden (…), die in fünf Jahren endloser Nachforschungen gesammelten Dokumente, die aus Archiven gestohlenen Geheimunterlagen, die abgeglichenen Zeugenaussagen, wozu diese zahllosen Stunden des geduldigen Zusammenstellens dieser Liste um das leere Leben (…) zu füllen, um meinem Dasein einen Sinn zu geben, vielleicht, wer weiß, um einen schönen Abgang zu haben, um Vergebung für meine Toten zu erhalten, fragt sich nur, von wem

Jene Einheit von Mensch und Aktensammlung ist eine wandelnde Büchse der Pandora: Während der Koffer allerdings in umgekehrter Form so funktioniert, das Grauen also nicht in die Welt schickt, indem er geöffnet wird, sondern es in sich sammelt, ist Francis selbst ein Unheilsbringer, und wer an sein Inneres rührt – wie manche seiner Kriegsgegner das taten, und auch die Frauen, die ihn liebten -, entfesselt damit eine scheußliche Bestie. Sich selbst hält Francis daher lieber verschlossen, doch er legt sein Leben mit in den Koffer und will diesen Koffer abgeben, in den Koffer soll hineingeschaut werden, Andere sollen, so wie Francis, in Gräber, Folterkammern und andere Abgründe blicken.

Dass nun vatikanische Diener diesen Blick tun sollen, ist nicht von offizieller Seite entschieden worden, sondern es ist Francis‘ eigene Mission, wie auch die Aktensammlung selbst in privater Arbeit entstanden ist und nicht in geheimdienstlichem Auftrag. Warum aber Francis gerade den Vatikan zum Adressaten seiner Privatmission erwählt hat, beantwortet sich nur in Andeutungen:

von Paris nach Rom, um zitternden Prälaten fünfzig Jahre alte Geheimnisse und auch weitaus jüngere – Ware bleibt Ware, ob Pizzas oder Blumen – gegen klingende Münze auszuhändigen, ich habe den Preis auf dreihunderttausend Dollar festgesetzt, die Ironie würde den Kirchenmännern sicher nicht entgehen, dachte ich, dreißig Silberlinge, sie haben kein Wort darüber verloren, stimmten ohne Murren zu, wagen es nicht mit dem Sünder über den Preis für den Verrat zu verhandeln, Rom bleibt Rom, wer auch immer dort herrscht

Moderne dreißig Silberlinge für den modernen Judas. Immerhin sollte, was Francis zusammenspioniert hat, wohl genügen um den Tatbestand des einen oder anderen Landesverrats zu erfüllen; den Verrat eines Erlösers allerdings kann man ihm schwerlich vorwerfen. Vielleicht ist die Einreichung des Koffers für Francis die eine, die große, mit Fußnoten und Zusatzmaterial versehene Beichte seines Lebens und er hofft doch auf irgendeine Art von Absolution. Vielleicht spielt in Francis versteckten Beweggründen auch eine andere Betrachtung des Judas, die diesem innerhalb der Gnosis zuteil wird, eine Rolle. Dort nämlich werden Judas‘ Motive nicht in Untreue und Geldgier gesehen, vielmehr wird die Funktion des Judas Ischariot als die eines Erfüllungsgehilfen für Gottes Plan verstanden: Judas, so die Gnostiker, habe den Opferwillen des Gotteslammes Jesus im Sinne der göttlichen Vorsehung gedeutet und mit der Übergabe Jesu an die Römer die Erlösungsgeschichte überhaupt erst in ihren Lauf gebracht. Vielleicht also soll es nicht nur Francis‘ eigener, sondern einer General-Erlösung der gesamten Zone dienen, die Wahrheit ins Licht der Ewigkeit, deren weltlicher Stellvertreter der Vatikan ist, hineinzutragen. Oder vielleicht nutzt Francis die vatikanische Schleuse ins Reich des Transzendenten in dem rotzfrechen Versuch, den Göttern zurückzugeben, ihnen vor die Füße zu pfeffern, was sie auf Erden angerichtet haben – als ob sie nicht darauf antworten würden, für Schuldfragen solle man sich da unten gefälligst als selbst zuständig betrachten. Vielleicht aber braucht Francis, der Söldner aus Gewohnheit, derzeit auch einfach nur das Geld. Wer weiß.

Andere Fragen beantworten sich zum Ende, zum Beispiel die, ob der Koffer sein Ziel tatsächlich erreichen wird, oder ob der endlose Satz doch noch zu seinem Punkt findet. Bis dahin sind es hunderte unruhevoller Seiten, die mitunter anstrengend zu lesen sind – alles andere wäre auch ein Hohn angesichts ihrer Thematik -, aus denen jedoch die gewissenhafte Arbeit des Autors spricht. Man kann nur erahnen, welchen gedanklichen und welchen Recherche-Aufwand er für diesen Roman wohl betrieben hat. Gelohnt hat er sich unbedingt.


>> Mathias Énard, Zone (Berlin Verlag), kartoniert €12, 95

PROVINZLEBEN // Édouard Louis, Das Ende von Eddy

Nein, dies ist kein Coming-of-Age-Roman in vorsommerlicher Stimmung – von der Covergestaltung ließ ich mich dahingehend zunächst fehlleiten -, sondern ein Kindheitsrückblick, der es ernst meint: Der erst 22jährige Édouard Louis erzählt in seinem Romandebüt Das Ende von Eddy von trostlosen Zeiten des Aufwachsens in der nordfranzösischen Provinz-Tristesse.

Bezeichnenderweise beginnt Eddy Bellegueules Geschichte mit einer Prügelszene: Zwei ältere Mitschüler misshandeln den zu zart, zu still geratenen Außenseiter in einem abgelegenen Schulflur. Die Schläge und Demütigungen wiederholen sich fortan stetig. Eddys Umfeld außerhalb der Schule ist nicht sonderlich milder oder freundlicher. Sein Heimatort liegt in der strukturschwachen Picardie, einziger nennenswerter Arbeitgeber weit und breit ist eine Messingfabrik, in der die Männer des Ortes, nachdem sie mit fünfzehn, sechzehn die Schule verlassen haben, sich stumpf und krumm arbeiten, während sich die Frauen von Jugend an als Kassiererinnen oder Frisörinnen abschuften. Das war schon immer so, da kommt nichts neues. Die einfachsten Jobs bedeuten bereits die höchste erreichbare Sozialstufe, für die allermeisten geht der Weg kein Stück weiter hinauf, aber die Fallgrube nach unten steht allen bedrohlich offen. Der Mangel ist die allgegenwärtige Regel: Mangel an Geld, an Essen, an Zahngesundheit, an Zuwendung, an Sinn. Eddys Elternhaus spiegelt, wie die meisten Häuser, den Zustand der Gegend wieder: baufällig, verwohnt, zu beengt, um Eltern und mehreren Geschwistern irgendeinen Raum für sich zu lassen – ein Druckkessel, in dem es täglich krachen muss.
Anfangs arbeitet auch Eddys Vater in besagter Fabrik, bis ein Rückenleiden ihn schließlich ans Haus fesselt. Das ohnehin magere Familieneinkommen schrumpft damit ins Erbärmliche. Endlos Pastis zu saufen und Zigaretten zu rauchen wird zur Grundbeschäftigung des Vaters, die Mutter kultiviert dagegen ihre Dickhäutigkeit. Gemeinschaftliches Fernsehen wird als Familienleben verstanden – glotzen, Klappe halten, still sitzen ist die einzige bekannte Form von Harmonie. Auch liefern die immergleichen Fernsehshows und Trickserien die einzige Alternative zu dem immergleichen Blick auf das Dorf, auf sich selbst. Die Fabrik-Region ist eine hermetisch abgeschlossene Welt, niemand verlässt sie, niemand kommt von außerhalb hinzu, schon Urlaub machen ist ein absurder Witz, den man nur in weit entfernten bürgerlichen Sphären versteht. In sich geschlossen ist auch der Kreis sich ewig wiederholender Entwicklungen und Verhaltensmuster: Man wächst nahtlos, von Kindheit an, über das Jugendalter, in die Rolle der Eltern hinein – als Junge kleiner Raufbold, dann großer Raufbold, schließlich Papa Raufbold, als Mädchen schimpft man über die Jungs, über die Kerle, irgendwann über die Ehemänner.
Auch Eddys Denkweisen und Vorstellungen bewegen sich zunächst auf diesen vorgezeichneten Kreiswegen. Nur bemerkt er schon als Kind, dass sich irgendetwas an ihm nicht in diese unverrückbare Ordnung der Dinge fügen will, etwas an ihm sticht unangenehm hervor. Wie jedes Kind hier, begreift er von Anfang an die althergebrachten Geschlechterrollen als die entscheidenden sozialen Messlatten: Wer etwas taugen will, muss ein richtiger Kerl sein, ob Junge oder Mann, muss sich prügeln, Fußball spielen, später Mädchen abschleppen, muss Muskeln haben und eine große Klappe, während die Mädchen nur als Anhängsel der Jungs, später der Männer etwas gelten. Eddy versteht, dass die Welt so funktioniert, und so erfüllt ihn seine frühe Erkenntnis, dass er selbst so nicht funktionieren kann, mit beständiger Panik. Er erkennt seine zierliche Gestalt als herbes Problem, betrachtet sich argwöhnend im Kontrast zu den anderen Jungs, die Andersartigkeit seiner kieksigen Stimme und seiner eher femininen Gestik sind sogar seinen eigenen Eltern unangenehm. Vor allem seine Mentalität macht ihm zu schaffen: So sehr er sich von sich aus darum bemüht oder auch vom Vater dazu gedrängt wird, findet er doch keinen Weg um sich irgendwie für die Dinge begeistern zu können, die ihn als Jungen ausmachen sollten. Stattdessen ist er gut in der Schule, was besonders für den Vater eher einem Makel gleichkommt als einem Grund zur Freude. Schon mittelmäßig gut in der Schule zu sein bedeutet sich der Streberei schuldig zu machen, und wer sich von den Anderen nach oben hin absetzt, steht sofort unter dem Verdacht, ihnen auf den Kopf spucken zu wollen. Vorsorglich wird Eddy also von seinen Mitschülern bespuckt und obendrein gezwungen den Rotz danach aufzulecken. Eddy nimmt diese Demütigungen hin, denn er versteht die Regeln, er gehorcht den Gesetzen, von denen sie bedingt werden: Nicht die Aggressivität der Anderen ist der Fehler, sondern seine eigene Weichheit. Zwar haben die Frauen des Dorfes den kleinen Bellegueule für seine zurückhaltende und freundliche Art gern, beneiden sogar die Mutter um den lieben Kerl, den sie als anständig und vernünftig loben, sodass seine Mutter zunehmend hofft, es könne vielleicht einmal etwas Besonderes aus ihm werden. Während Eddy weiter heranwächst, verliert seine Zartheit jedoch den Bonus kindlicher Niedlichkeit, er wird mehr und mehr unfreundlich beäugt. Eddy kämpft dagegen an, indem er gegen sich selbst ankämpft und sich mit aller Macht bei den Jungs zu bewähren versucht. Saufen, rauchen, Witze reißen. Eines Tages nehmen ein paar gelangweilte Jugendliche aus Eddys Umfeld ihn mit in einen Gartenschuppen, und anstatt wie üblich gemeinsam Pornos zu schauen, wird sich nun die Zeit damit vertrieben Mann-und-Frau zu spielen. Als dieses Spielchen auffliegt, kippt die Stimmung endgültig, und wer sich bis dahin damit begnügt hatte, den seltsamen kleinen Bellegueule zu belächeln, beginnt nun ihn offen zu beschimpfen. Die anderen Beteiligten des Spielchens werden nicht zu seinen Leidensgenossen, sondern einigen sich unausgesprochen mit dem Rest des Dorfes darauf, dass allein Eddy zum Träger dieser Schande wird. Für Eddy wird die geladene Atmosphäre um ihn herum vollends zur Dauerbedrohung, aus der Opferrolle gibt es keinen Ausweg mehr. Und doch versucht er sich nun noch vehementer als zuvor den Anderen anzugleichen, reißt tatsächlich Mädchen auf, jeder Kuss wird strategisch platziert, jede Fummelei vor Zeugen bedeutet einen kleinen Betrag in einer Währung, in der sich Eddy von seinem Makel loskaufen zu können glaubt. Sozial geht es dadurch sogar wieder bergauf mit Eddy, seelisch dagegen radikal bergab. Aber es gibt einen unverhofften Ausstieg aus der Talfahrt: ein Stipendium, das ihn wegbringt, weg von Zuhause, weg von der Fabrik, weg von den Prügeln der Mitschüler, weg nach Paris.

Die Frage, was einen Soziologie-Studenten aus, Obacht!, Paris dazu treibt eine Millieustudie über das ärmliche Kleinstadtleben in der Picardie zu verfassen, beantwortet sich anders, als ich vor dem Lesen ganz automatisch vermutet hatte. Mir kam zunächst der Vergleich mit Moritz von Uslar, Deutschboden in den Sinn, jenem Provinz-Portrait eines adligen Society-Intellektuellen aus Berlin, der sich etwas, nun ja, besonderes einfallen ließ, um doch noch irgendwie auffallen zu können in Zeiten, in denen jeder schon alles kennt und alles weiß (und sei es nur aus dem Internet) und der weiten Welt beim besten Willen kein Fünkchen echter Exotik mehr zu entlocken ist: Das echte Abenteuer findet man nicht mehr dort, wo alle schon mal waren, sondern dort, wo keiner hin will – also auf nach Brandenburg, in die schäbige Ostprovinz, ein paar Wochen lang als Schriftsteller-Schrägstrich-Reporter under cover zwischen Rentnern, Arbeitslosen und Proleten über die Nicht-Erlebnisse in einem gottverlassenen Örtchen schreiben. Das Buch, das als teilnehmende Beobachtung untertitelt ist, liefert denn auch nur das: Beobachtungen, die jedoch weniger teilnehmend sind als vielmehr ein klarer Fall von Gaffertum. Gelangweilte Bürgerkinder schauen sich gern klischeeorientierte RTL2-Formate mit hohem Proll-Faktor an um sich selbst noch ein gutes Stück kultivierter zu fühlen, als sie es tatsächlich sind; in Deutschboden überträgt ein gelangweilter Autor diesen Mechanimus in den Bereich der Literatur. Bei Édouard Louis jedoch ist der Grad der persönlichen Teilnahme ein ganz anderer. Er tritt nicht etwa als Außenstehender mit soziologischem Besteck an das Familien- und Gesellschaftsleben in einem heruntergekommenen Städtchen heran, sondern schreibt sich mit aller Macht aus ebendiesem Gefüge hinaus: Eddy Bellegueule, der Protagonist, ist Édouard Louis, der Schriftsteller – Eddys Geschichte, Eddys Ende ist autobiographisch. Bellegueule musste erst seine Kindheit und Jugend in einem Buch abschließen und versiegeln, das Eddy-Dasein in einem ausgiebigen Schreibvorgang beenden, damit unter seinem zu Édouard Louis geänderten Namen ein neuer Mensch aus ihm werden konnte.

Verlegen wollte das so entstandene Buch zunächst niemand. Zu sehr hinge die Schilderung des Provinzalltags aus der Sicht eines jungen, verzweifelten Homosexuellen überstrapazierten Klischees nach, zu banal trete das Proletarische hier auf, zu plakativ gestalteten sich die Charaktere, so die abwertenden Beurteilungen, mit denen Louis sich konfrontiert sah. Er konterte: Was wisse der akademische Kulturbetrieb in Paris schon von der bildungsfernen Realität im ländlich und industriell geprägten Nirgendwo?

Mein Vater war brutal, wie alle Männer im Dorf. Und meine Mutter klagte über die Brutalität ihres Mannes, wie alle Frauen im Dorf. Vor allem klagte sie darüber, wie er sich aufführte, wenn er betrunken war. Bei deinem Vater weiß man nie, was kommt, wenn er einen sitzen hat. Entweder der Suff macht ihn weich, dann geht er mir auf die Nerven mit seiner Anhänglichkeit, dann kann ich mich gar nicht retten vor lauter Küsschen und meine Süße hier und meine Süße da, oder der Suff macht ihn gemein. Meistens gemein, dann macht er mich fertig. (S.38)

Wenn es nun einmal so ist, so schlicht, so plakativ, so schäbig-einfach, wozu dann nach Komplexität suchen, wo man es in Wahrheit keine gibt? Das Ende von Eddy ist Edouard Louis´ private Abrechnung mit seiner unbarmherzigen Vergangenheit und eben keine neutrale Abhandlung über soziokulturelle Zusammenhänge. Dennoch ist sein Roman keineswegs als hitziger Rachefeldzug zu lesen, im Gegenteil sind Inhalt und Ton von einer fast schmerzhaften Nüchternheit bestimmt. Louis gibt nicht den Geschmähten, der davonkam und es nun seinen Peinigern heimzahlt. Er unternimmt schlicht eine Bestandsaufnahme seines bisherigen Lebens, das er in geduckter Haltung und unter panischer Verleumdung seines wahren Ichs verbracht hat, indem er es hier – endlich – mit radikaler Genauigkeit betrachtet und beschreibt.
Was daran als vermeintliche Klischee-Wiedergabe kritisiert wurde, ist allein der Realität geschuldet, von der das Klischee oftmals rechts überholt wird. Louis ergeht sich also nicht in Ungerechtigkeiten gegenüber dieser Realität. Von den Kritikern wenig hervorgehoben, lässt Louis vielmehr allen Figuren und Geschehnissen eine konsequent ehrliche Behandlung widerfahren, ungeachtet der Sympathien oder Abneigungen, die er ihnen gegenüber hegen mag. So reduziert sich zum Beispiel die Rolle des Vaters nicht auf die Trinker-Blaupause. Zwar lernt man ihn mitunter als scheußlichen Tyrannen, mal auch als heillosen Blödmann kennen, aber zu einfach macht es sich Louis mit der Darstellung seines Vaters keineswegs. Der zeigt im Rahmen seiner emotionalen Unbegabtheit eine schwierige, sperrige Art von Liebe: Indem er, wenn seine Wut aufkocht, sich die Fäuste an der Wand kaputtschlägt, um sie nur ja nicht die Kinder treffen zu lassen, weil er es so unbedingt besser machen will als damals sein eigener prügelnder Vater. Oder indem er, nachdem Eddy von Zuhause ausbüchsen wollte, ebendiese mühsam eingehaltene Grenze doch überschreitet, ihm zur Strafe, vor allem aber aus Angst und in elterlicher Verzweiflung, eine Abreibung verpasst, und ihm danach heulend vermittelt, dass er daheim doch geliebt werde – Schwuchtel hin oder her – und um Gottes Willen nicht auf so dumme Gedanken komme dürfe. Auch die Dorfgemeinschaft wird in ihrer Ambivalenz, nicht nur in ihrer Klischeehaftigkeit gezeigt: Generell schimpft man über die Schwarzen, aber nur über die aus dem Fernsehen – den einzigen Farbigen am Ort, Jordan, hat man gern. Und nicht zuletzt sich selbst, Eddy Bellegueule, untersucht Louis schonungslos: Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er sich zwangsläufig so wie alle Anderen entwickelt, hätte sich den Verhältnissen gedankenlos gefügt. Während der Schulzeit, als ihm seine Andersartigkeit deutlich wird, steht für ihn an erster Stelle, sie zu verdrängen und nach Möglichkeit irgendwie abzustellen, nicht aber sie auszuleben. Es gibt eine Szene, die das Bittere daran besonders deutlich macht: In den unteren Schulklassen taucht irgendwann ein Neuling auf, der Eddy sehr ähnelt, ein neues Opfer, eine neue Schwuchtel. Eddy überlegt auf diesen Jungen zuzugehen, er könnte ihm sagen, was er sich selbst so verzweifelt von irgendjemandem einmal zu hören gewünscht hätte, Du bist nicht allein, und vielleicht sogar könnte er, indem er mit jemandem die Schande teilt, zum ersten mal einen echten Freund gewinnen. Aber die Versuchung, endlich die schwer auf den Schultern lastende Schande, anstatt sie zu teilen, billig an einen anderen loswerden zu können, ist zu groß: Als der Neue ihm auf dem Schulflur entgegenkommt, schreit auch Eddy Arschficker. Welche Urteile jedoch über all das zu fällen sind, das überlässt Louis allein der Leserschaft – er selbst liefert nur einen Stapel detailliert verfasster Steckbriefe.

Im kurzen Epilog schildert Louis die Zeit seines Ankommens in Paris. Immer wieder während des Lesens, besonders aber in diesem Nach-Schluss, versetzen mir kleine Beobachtungen, die Louis mit seinem präzisen Blick und seiner klaren Sprache wiedergibt, einen Stich, denn ich erkenne vieles daran wieder. Ich will betonen, dass ich nicht die Kindheitsgeschichte Eddys teile, im Gegenteil war mein Elternhaus ein stabiles, bedingungslos verlässliches und liebevolles, an Aggressivitäten oder gar Schläge wäre nie auch nur zu denken gewesen, außerdem mangelte es keineswegs übermäßig an Materiellem. Es geht mir nur um das Erkennen des beklemmend starken Kontrasts zwischen den einfachen Verhältnissen, aus denen man stammt, und dem Umfeld, in das man später durch Schule oder Beruf hineinkommt, ohne zu wissen, wie man sich darin bewegen soll, ohne einschätzen zu können, welchen Gebrauchswert die eigenen Erfahrungen darin überhaupt noch haben, ohne zu verstehen, wie das eigene Reden und Handeln hier wohl verstanden werden mag. Erst, indem man anderes kennenlernt, beginnt einen das, was man kennt, was man ist, in eine verunsicherte Haltung zu zwingen. Unscheinbar anmutende Szenen und Detailbeschreibungen mit großer Signalkraft zeugen von diesem Umschlagen der Selbstbetrachtung und verraten die Aufrichtigkeit des Geschriebenen.
Mit seinem Schritt von der Provinz nach Paris stolpert Eddy von der einen Außenseiterrolle in die nächste hinein: Er passt ebenso wenig in Paris ins gutbürgerlich geprägte Umfeld, das er mit geradezu ungläubigen Neulingsaugen erforscht, wie zuvor in die Dorfgemeinschaft. Dennoch findet er, gerade indem er sich diesem Kontrast aussetzt, den Weg zu seiner eigenen Identität. Die Freiheit dazu wird ihm in Paris jedenfalls gewährt.


>> Édouard Louis, Das Ende von Eddy (Fischer) gebunden €18,99

KULTURSPRÜNGE // Ibrahim Maalouf


Vom Libanon nach Frankreich: Diesen Weg ging Ibrahim Maaloufs Familie, als sich ihr die Chance bot, aus dem Libanon zu fliehen, wo von 1975 bis 1990 ein verheerender Bürgerkrieg wütete. Geboren 1980 in Beirut, verbrachte Maalouf seine Schulzeit in Paris. Als Kind einer Familie von Akademikern und Künstlern kam er von klein auf mit verschiedenen musikalischen Einflüssen intensiv in Berührung, insbesondere durch seine Eltern: Seine Mutter war Pianistin, sein Vater Trompeter. Von diesem unterrichtet, begann er als Kind auf einer Piccolo-Trompete zu spielen und profilierte sich als Heranwachsender durch seine herausragende Beherrschung der Barock-Trompete. Bis heute spielt Maalouf auch auf einer individuellen Variante dieses Blechblasinstrumentes: der von seinem Vater in den 1960er Jahren erfundenen Viertelton- oder Mikroton-Trompete, die es ermöglicht, Maqams zu spielen – klassische Elemente der persisch-arabischen Musik. Bereits während seines Studiums am Renommee-trächtigen Pariser Konservatorium nahm Maalouf an einer Vielzahl internationaler Wettbewerbe Teil und gewann außergewöhnlich viele davon. Seine spezielle Prägung und Begabung spiegeln sich auch in seinen häufigen Berufungen in akademische Positionen in aller Welt, so hat er bereits Meisterklassen in Frankreich und den USA gegeben. Ebenso betätigt er sich international als Komponist, zum Beispiel in der Ausführung einer Komposition für die Brüsseler Musikfestspiele oder im Auftrag der Cinémathèque française, für die er einen Stummfilm vertonte – die Aufnahmen hierfür führten Maalouf nach New York und entstanden gemeinsam mit US-amerikanischen Jazz-Musikern. Neben seinen Zusammenarbeiten mit unterschiedlichsten Musikern auf deren Alben, unter Anderem mit Sting oder dem Mali-Blues-Duo Amadou et Mariam, hat Maalouf inzwischen mehrere eigene Alben veröffentlicht, die seine spezielle Verschmelzung klanglicher Stile zum Ausdruck bringen: Jazz, Rock, Funk, Elektro, Klassik, zeitgenössische und folkloristische arabische Musik – all dies nimmt Maalouf ganz selbstverständlich hinein in seine persönliche Ausprägung von Fusion-Jazz.


>> zuletzt erschienen: Ibrahim Maalouf, Illusions (Mi´ster)


Alter Schulatlas, 30er Jahre, Bibl. Institut Brockhaus, Sonja Grebe

WHERE THE WEIRD THINGS ARE // Was macht eigentlich Fred Vargas?

Das Wochenthema Weird Things hätte sicherlich in Kombination mit dem Buchmesse-Gast Finnland Einiges hergegeben, aber es nützt nichts: Mir liegen die Finnen literarisch oftmals nicht so recht. Dagegen hätte ich zur Zeit einfach mal wieder Lust auf französische Seltsamkeiten. Wie gern würde ich aus der Gerüchteküche hören, Fred Vargas stecke mitten in den Abschlussarbeiten zu ihrem neuesten Roman. Man soll nicht drängeln, doch im Schnitt veröffentlicht der Aufbau-Verlag im Intervall von zwei Jahren eine neue Vargas-Übersetzung – zuletzt Die Nacht des Zorns. Allerdings ist bisher auch in Frankreich noch nichts Konkretes verlautet worden, was Fortschritte oder Veröffentlichungstermine betrifft.

Es ist zwei Jahre her, dass ich Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zuletzt begegnet bin. Da stapfte er durch die Normandie, kümmerte sich im Auftrag einer Greisin um ein Heer blutrünstiger Waldgespenster – denn mit verfluchten Seelen kennt sich der Mann aus -, machte sich tiefgehende Gedanken um Zuckertütchen und ließ eine Taube in seinem Schuh wohnen.

Adamsberg ist ein Sohn der Pyrenäen, ein schrulliger Bergler, dessen ungewöhnliche, labyrinthische Denkweise ihm im Wege zu stehen scheint, sich jedoch seit acht Kriminalromanen mit ihm in der Hauptrolle immer wieder von Neuem als eine besondere Gabe erweist. Im Rahmen dieser Romane steht Adamsberg keineswegs allein mit seiner Seltsamkeit da. Er ist kein lediglich aufrüschendes, würzendes Stilmittel in einer ansonsten handelsüblichen Krimiproduktion, sondern Teil eines doppelbödigen Parallelfrankreichs, das Fred Vargas aus schrägen Charakteren, verwunschenen Orten und skurrillen Gegebenheiten erschaffen hat. In der mit einem eigenwilligen Erzählstil abgedichteten Vargas-Welt sind sämtliche Personen überzeichnet und doch überzeugend, jede Handlung objektiv gesehen abstrus, aber in sich schlüssig, und man selbst fegt schnell seine übliche Lese-Erwartungshaltung bei Seite und schließt sich lieber Adamsbergs verquerer Logik an. Begleitet wird Adamsberg, der in Paris tätig, jedoch oft auf Abwegen ins ländliche Frankreich unterwegs ist, von seiner Brigade criminelle, deren Mitglieder ihm an Wunderlichkeit das Wasser reichen können, denn wie gesagt: Bei Vargas ist das Seltsame der Regelfall. Den Gegenpol zu Adamsbergs traumwandlerischer Arbeitsweise bildet der sachlich-trockene Adrien Danglard, Genie der Brigade, wandelndes Lexikon, Alkoholiker. Vervollständigt wird das Team durch die ewig essende Froissy, den explosiv-unberechenbaren Mordent, den naiven Estalère und die walkürenhafte Retancourt. Wie auch den unwichtigsten Randfiguren, wohnt dem zentralen Personal eine mythische Dimension inne – was oberflächlich kurios oder grotesk wirkt, stellt bei genauerer Betrachtung eine intelligent gezeichnete Allegorie menschlicher Wesenszüge dar. So fürchten zum Beispiel alle heimlich die unerschöpfliche Stärke und den gewaltigen Zorn, zu welchen Violette Retancourt fähig ist, rufen aber in Notsituationen vertrauensvoll nach Rettung durch die alle und alles überragende Frau, die sich dann auch mit grenzenloser Güte und bedingungsloser Treue ein ums andere Mal ihrer Kollegen annimmt. Was Retancourt also verkörpert ist der Mythos mütterlicher Allmacht. Dennoch ist Retancourt eine traurige Figur, denn ihre beeindruckende Größe und Kraft machen sie gelegentlich sehr einsam. Ähnlich wie in Märchen finden sich auch in Vargas´ Welt unterhalb der erzählerischen Oberfläche gesellschaftliche und psychologische Beobachtungen.

>> Der chronologische Adamsberg:

  •  Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord: Des Nachts entstehen Kreidekreise auf Pariser Bürgersteigen, in denen jemand scheinbar willkürlich gewählte Alltagsgegenstände platziert. Niemand sieht voraus, dass sich eines Morgens auch eine Leiche in einem Kreidekreis finden würde – außer Adamsberg natürlich.
  • Bei Anbruch der Nacht: Adamsbergs Begegnung mit der privaten Vergangenheit: Seine frühere Geliebte Camille ruft ihn aufs Land, als Unterstützung bei ihrer Suche nach dem Mörder einer Bäuerin. Unter Verdacht: ein Wolfsmensch.
  • Fliehe weit und schnell: Auf Pariser Haustüren erscheint eine verdrehte Zahl, am Morgen darauf jeweils eine schwärzliche Leiche auf dem Trottoir. Die Pest ist zurück! Und mit ihr ist ein seltsamer Bretone in der Stadt aufgetaucht, dessen wachsende Anhängerschaft Adamsberg beschäftigt.
  • Der vierzehnte Stein: Ein ungelöster Mordfall holt den Kommissar nach dreißig Jahren ein. Es wiederholt sich ein Dreizack-Mord, wie damals ist der einzige Tatverdächtige orientierungs- und gedächtnislos. Gerade zwecks beruflicher Fortbildung in Kanada angekommen, erwacht Adamsberg plötzlich selbst nach einem Filmriss – mit blutigen Händen.
  • Die schwarzen Wasser der Seine: Drei einzelne Adamsberg-Geschichten werden hier zusammengefasst: Von Weihnachtsnächten, Wasserleichen und widerständigen Obdachlosen.
  • Die dritte Jungfrau: Während in der Vorstadt Männer mit durchschnittener Kehle aufgefunden werden, deren einzige Gemeinsamkeit der Dreck unter ihren Fingernägeln ist, plagt sich Adamsberg in seinem frisch erworbenen Pariser Eigenheim mit dem Geist einer männermordenden Nonne herum.
  • Der verbotene Ort: Eine Ansammlung von Schuhen versalzt Adamsberg und Danglard die Freude über ihren London-Aufenthalt, oder vielmehr: die herrenlosen Füße, die noch in jenen Schuhen stecken. Die Fuß-Spur führt nach Serbien, in eine Region, in der archaische Glaubensvorstellungen herrschen.
  • Die Nacht des Zorns: Adamsberg reist in die Normandie, durch deren Wälder der Mythos des Wütenden Heeres geistert, ein schauriger Totenzug, der der Sage nach Todesankündigungen äußert. Nachdem eine Frau am Ort neuerlich von Heeres-Visionen geplagt wird, lassen die Todesfälle nicht lang auf sich warten.

Fred Vargas spricht von ihren Figuren als einer netten Truppe. Mag sein, dass sich die inzwischen hoch dekorierte Autorin in ihrer Romanwelt im Allgemeinen eher von Gleichgesinnten umgeben fühlt als im echten Leben. Vielleicht verweist auch die Wahl eines Synonyms für ihre schriftstellerische Tätigkeit auf eine Abgewandtheit von der Normalwelt. Zwischen den Buchdeckeln würde Vargas selbst wohl nicht als Unikat auffallen, diesseits des Geschriebenen jedoch staunt man ein wenig über manche Schlagworte in ihrer Biographie: Frédérique Audoin-Rouzeau, gebürtige Pariserin, Tochter eines Kulturjournalisten, der Mitglied der Surrealisten war, ist Schriftstellerin, Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin. Ihre Romane schreibt sie während ihrer Ferienzeit. Hauptberuflich forscht sie am CNRS, dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung, ihr Spezialgebiet ist die Tierwelt des Mittelalters.


>> zur Autorin: Fred Vargas via Aufbau Verlag