FLUGWESEN

FLUGWESEN // Flugraum-Notizen

20170825_173053 - Kopie - Kopie (5)


Frühsommer. Morgens wabert das Brummen der Hornissen zum Fenster herein. Ich koche Kaffee, das Radio läuft. Wird der Hornissenton lauter als die Stimme des Nachrichtensprechers, weiß ich, dass es eine von ihnen über die Fensterschwelle in die Küche verschlagen hat. Manchmal sind es gleich drei oder vier, die in unterschiedlichen Winkeln herumstöbern. Ich denke anfangs, dass sie hier nach Fressbarem suchen, doch in die Obstschale werfen sie nicht einmal einen Blick, unternehmen lediglich eine Orientierungsrunde durch den Raum; sie drehen sich im Flug wie Kompassnadeln und suchen, ganz von selbst, wieder ihren Weg nach draußen. Nur in der Früh machen sie diese Ausflüge in meine Wohnung, nachmittags und abends sind sie im Garten und anderswo beschäftigt. Ich kann die Rotrücken gut leiden, was wohl vor allem darauf beruht, dass sie mich noch nie gestochen haben. Ihr Flugdröhnen ist kein unangenehmes Geräusch, es erinnert an Handwerkergerät und Landmaschinen, und auch ihre Geschäftigkeit gleicht der von Bauern und Bauarbeitern: Sie sind umtriebig, aber unaufgeregt, nie hektisch. (Die häufigen Rinderbremsen sind sehr viel aggressivere Hausgäste, und ihre Flugraserei ist, bei gleicher Körpergröße, ein ungleich bedrohlicheres Spektakel als das eher unwilde Schwärmen der Hornissen.) Als eine der Verirrten nicht so recht hinausfinden kann, reiße ich das Fenster weit auf – sonores Chorbrummen schlägt mir von draußen entgegen. Die Morgensonne fällt wärmend auf die Fachwerkfassade, und auf den Balken sitzt eine beachtliche Rotte von Hornissen. Ihre Kieferwerkzeuge tragen Holz ab. Mir geht auf, dass nicht nur Niederschlag, Wind und Frost, sondern auch Hornissenfraß eine Verwitterungskraft ist, und ich frage mich, wie viel Holzsubstanz diese kräftigen, aber tatsächlich ja doch winzigen Mandibeln wohl im Laufe eines einzelnen Vormittags abnagen. Und im Laufe eines ganzen Jahres? An diesen Balken arbeiten sie seit mittlerweile 150 Jahren.


Der alte Hof ist hufeisenförmig angelegt. In diesem Rund ziehen, solange es hell ist, die Rauchschwalben ihre Hochgeschwindigkeitskreise, und in der Dunkelheit die Fledermäuse. Meine Fenster stehen ständig offen – unterm Dach wird es schnell heiß, außerdem riecht die Luft jeden Tag gut und immer ein bisschen anders; nur wenn es stürmt oder die umliegenden Bauern Gülle fahren, bleiben die Schotten dicht. Tagsüber verfliegt sich gelegentlich eine der Schwalben ins Wohnzimmer, vielleicht, weil sie einer Wespe nachgejagt ist, vielleicht auch nur, um sich mal umzuschauen. Ich bestaune, wie sie selbst in kleinen Räumen umgebremst fliegen. Wie sie ins Wohnzimmer, in die Küche stürzen, in Haarnadelkurven durch enge Winkel und um Lampen und Möbel herum schießen – sie halten dabei einfach nie inne, berechnen nicht voraus. Schneidet eine Schwalbe durch den Raum, sehe ich für zwei, drei Sekunden nur einen schwarzen Pfeil, der genauso plötzlich wieder durchs Fenster verschwindet, wie er hereingekommen ist – die Schwalbe sieht Fenster, Decke, Boden, Bügelbrett, Kugellampe, Tisch, grau, grün, schwarz, blau, Blumentopf, Bücherregal, Türzarge, Kalender, Radio, gelb, weiß, rot, Kaffeemaschine, Dachschräge, Einbauschrank, Eckbank, Küchenuhr, Türzarge, Stuhllehne, Mensch, Bilderrahmen, Stifte, Blumenvase, Fenster. Nachdem sich die Schwalben abends in ihre Nester in den Ställen zurückgezogen haben, kommen die Fledermäuse aus den Scheunen. Einmal wache ich nachts auf – es ist nach drei, ich bin mit Buch auf dem Sofa eingeschlafen -, und erschrecke fast zu Tode, als mich in meinem Dämmerzustand eine fremde Hand am Kopf zu streifen scheint. Was aber bloß der nahe Flügel einer Fledermaus gewesen ist, die nun in Ellipsen um den Lampenschirm fegt; ihr unwirklich großer Schatten rast im Kreis über die Wände wie ein Karusselltier. Kommen Fledermäuse herein, fliegen auch sie mit ungeheurer Geschwindigkeit auf engstem Raum die erstaunlichsten Manöver, ohne dabei ein einziges Mal zu verlangsamen. Fünf, zehn, mitunter auch mal zwanzig Minuten lang ziehen sie horizontale Achten oder tasten in scharfwinkligem Flug die Wände ab, brettern frontal auf Hängeschränke und Fliesenspiegel zu und berühren, wie magnetisch abgestoßen, doch nie etwas. Wenn sie dann noch immer nicht nach draußen gefunden haben, hilft es, das Licht zu löschen. Der Flatterflug ihrer Hautschwingen ist geradezu gespenstisch lautlos, nur das leise Gewisper, das dem der Schwalben übrigens nicht unähnlich ist, ist ab und an zu hören. Ich stehe lauschend im dunklen Raum, kann die Besucherin weder auf mich zukommen hören noch sehen, aber in zyklischen Abständen ist an einem deutlichen Lufthauch – als würde man aus nächster Nähe von einem Menschen angepustet – zu erfühlen, dass sie gerade dicht an meinem Ohr, an meinem Gesicht vorbeischießt. Kehrt das Pusten nicht mehr zurück, ist das Fledertier draußen. Am nächsten Morgen finden sich mitunter die abgetrennten Flügelpaare von Roten Ordensbändern oder anderen Eulenfaltern auf dem Zimmerfußboden.


Tagfalter und Bienen schwirren unfassbar selten umher, man muss sie tatsächlich suchen gehen, wird aber selbst an Distelgestrüpp kaum fündig. Im großen Wintergarten, der zu meinem Elternhaus in der Nähe gehört, fanden sich bis vor ein paar Jahren allsommerlich Dutzende von Flugtieren, die es nach draußen zu bugsieren galt: Schmetterlinge, Käfer, Hautflügler, Zweiflügler; darunter ulkige Exemplare, die in keinem Kosmos-Naturführer auftauchten. Als Kind wurde dort Regenwald-Expedition gespielt – der Wintergarten funktionierte im Großen ja nicht viel anders als die Insektenfallen, die in Tierfilmen über tropische Fauna so oft eine Rolle spielten. In den blühenden Hinter-Glas-Dschungel von Orchideen, Kakteen, Zitruspflanzen und Paradiesvogelblumen verirren sich heute nur noch vereinzelte Bienen anstatt, wie früher, halbe Völker, und die Schmetterlinge bleiben, bis auf den einen oder anderen Kohlweißling, gleich ganz aus. (Die meisten Schmetterlinge entdeckte ich dieses Jahr stattdessen auf dem Elternhaus-Dachboden – aufbewahrt in einer alten Seifenschachtel.)


Libellen gedeihen allerdings gut. Wir schlurren die Uferböschung zum Fluss hinab, und kaum treten wir ins Röhricht, flirrt schon eine Wolke von Prachtlibellen empor wie Metallic-Konfetti, dunkeltürkis, grün-golden, kupferglänzend, azurblau, die eine schillernde Ewigkeit lang braucht, bis sie sich wieder einigermaßen gelegt hat. In Hausnähe sind Großlibellen häufig: Schüttele ich drinnen die im Garten getrocknete Wäsche aus, plumpst oftmals eine leicht zerknautsche Edellibelle hervor, deren Knisterflügel zum Glück robuster sind, als sie zunächst aussehen.


Das Kind steht im Garten und schreit. Nicht vor Angst; trotzdem vermittelt diese bestimmte Frequenz des Geschreis eine besondere Dringlichkeit, und ich frage mich, ob vielleicht eine Kuh ausgebüxt ist oder was. Wie ich die Diele herunterkomme, sehe ich, dass die Rasenfläche, auf der mein Kind wild gestikulierend herumhüpft, von dahinziehenden Flecken übersät ist: Im kräftigen Juli-Licht zeichen sich die einzelnen Schlagschatten eines ganzen Luftgeschwaders auf dem Boden ab. Über uns sind Störche. Im Tiefflug erzeugen sie ein Geräusch, das man sonst nur aus Filmen kennt – wenn fiktive Drachen oder Raumschiffe an fiktiven Mikrofonen vorbeisausen, oder wenn kolossale Trümmerteile vom Himmel herniederstürzen. Ffffwwwuuuch. Es gibt in der Region fast 60 Nester und eigens einen Weißstorch-Beauftragten, der über die Population, ihre Verteilung und Entwicklung Buch führt. Im Dorf nisten drei Paare; durchs Schlafzimmerfenster kann ich, bequem vom Bett aus, ins Nest auf dem Nachbardach hineingucken; auf unserem Dachfirst hocken häufig Fremdstörche, bis sie von den Nestinhabern nebenan verscheucht werden; man muss öfters das Auto waschen, weil Storchenmist aggressiv auf den Lack wirkt; den ganzen Tag über herrscht Geklapper. Allerdings ist es ungewöhnlich, dass sich die Störche zu einer solchen Schar zusammentun, zumal mitten im Sommer. Selbst, wenn sie gerade gesammelt aus ihrem Winterquartier hierher zurückkehren, oder im Herbst, wenn sie sich vor dem Aufbruch nach Süden gruppieren, sieht man die Störche in eher kleineren Einheiten über den Dächern kreiseln oder durch die Wiesen staksen. Nach den heftigen Regenfällen von Juni bis Juli stehen bei uns weite Auflächen und die umliegenden Viehweiden unter Wasser, wie man es sonst nur von der üblichen Frühjahrsüberschwemmung her kennt; viele Feldwege sind abgesoffen, die Suppe staut sich auf dem gesättigten Boden zu knöchel- bis knietiefen Tümpeln. Es gibt Frösche, Fische, ertrunkene und strampelnde Heuschrecken, Schermäuse, Maulwürfe im Überfluss. Das zieht die Störche an, sie kommen plötzlich geballt, auch von weit her; wie Horden von Touristen fallen sie in riesigen Schwärmen hier ein. Wir stehen also im Garten, fast eine Minute lang flackern die gewaltigen Schatten über uns hinweg. Die Störche landen auf der Pferdekoppel neben unserem Grundstück. In den flachen Pfuhlen ist kaum Platz für alle, aber die Störche drängeln nicht, grüppchenweise stochern sie im Wasser herum, und währenddessen hocken die übrigen auf dem Zaun wie die Hühner auf der Stange. Wir zählen 49 Störche. Es kommt einem vor, als wäre eine biblische Plage hereingebrochen – nur schöner, natürlich.


Im Zuge der Überschwemmungen nehmen nicht bloß die Störche, sondern besonders die Mücken bald überhand. Draußen tanzen dichte, Salz-und-Pfeffer-farbene Schleier in der Luft, immer etwa eine Menschenlänge überm Boden. Die Fenster kann ich abends und nachts unmöglich noch offenstehen lassen – binnen Minuten schwärzt sich sonst die Zimmerdecke, und es sirrt rundumklingend. Als läge man in einer Badewanne voll Sirren. August-Geräusch. Ihre Stiche nehme ich den Mücken im Vergleich weit weniger übel als dieses Geräusch, dieses seltsam jaulige und wimmerige, absolut unerträgliche, quälende, verrückt machende Geräusch. Der Staubsauger steht immer griffbereit, einem Feuerlöscher ähnelnd.


Ich komme nicht umhin, über die Ähnlichkeit nachzudenken, die zwischen Stubenfliege und Mensch besteht. In der Küche hängt eine Schirmlampe von der Decke, und am unteren Schirmrand spaziert eine Fliege kopfüber immer im Kreis herum, immer linksdrehend. Das fällt mir nur deswegen auf, weil der rundlaufende Schatten, den sie wirft, mir bald auf den Geist geht. Groß wie eine Katze, huscht der Schatten in stetiger Wiederholung über die Arbeitsplatte hinweg. Eine Runde, zwei Runden, immer weiter, drei Runden; ich zähle bis acht. Dann kommt eine zweiter Großschatten hinzu. Noch eine Fliege, die den unteren Schirmrand entlangspaziert, kopfüber, fast im Kreis herum – rechtsdrehend nämlich, also steht sie der linksdrehenden Fliege zwangsläufig bald gegenüber. Sie prügeln sich. Die Linksdrehende gewinnt. Und spaziert weiter. Vielleicht war’s aber auch die Rechtsdrehende, die gewonnen und nun das Linksdrehen für sich entdeckt hat. Ich lasse die Finger vom Laptop, um hier nicht ernsthaft über Stubenfliegen zu schreiben – so weit kommt’s noch. Die Fliege, der das offenbar nicht entgangen ist, düst sofort vom Lampenschirm herab und lässt sich auf der Tastatur nieder. Sie fliegt drei Buchstaben gezielt an: das M, dann das Y, danach das W: Mmmyyywww. Ich finde, das deckt sich sehr viel besser mit dem tatsächlichen Flugton der Stubenfliege als dessen gängige Umschrift Bssss.


Foto: Grebe


 

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FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, (beide hielten sich hier strikt ans Schritttempo), in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die Autos, bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge aber musste ich garstige, hornissenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

FLUGWESEN // Ernst Jandl, Ikarus

IKARUS

Ernst Jandl, Ikarus

Er flog hoch
über den andern.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische.
Er flog höher
als sein Vater,
der kunstgewandte
Dädalus.
Federn zupfte die Sonne aus seinen Flügeln.
Tränen aus Wachs tropften aus seinen Flügeln
Ikarus flog.
Ikarus ging unter.
Ikarus ging unter
hoch über den anderen.


Nicht zu dicht am Wasser, nicht zu nah an die Sonne heran zu fliegen – so lautete die klare Flugvorschrift. Die Vernunft des Mittelwegs aber greift nur beim Alten, die Unvernunft des Höhenflugs entspricht dem Wesen des Jungen. Ur-Angst aller Eltern, gleichzeitig Ur-Sprung menschlicher Großleistungen: dass wir über unsere Vorgaben hinausfliegen.


Bild: Grebe, 2016

FLUGWESEN // Im Museum gelandet

 

Mein Vater, der eigentlich gern zur See hätte fahren wollen, ging notgedrungenerweise erst einmal unter Tage. Himmel!, mit 15, 16 Jahren im Schacht herumzukriechen anstatt übern Atlantik zu schaukeln – man möchte doch eine Möwe sein, keine Ameise! Prompte Flucht aus dem Berg, als es sich anbot, zu den Fliegern zu gehen. Nein, nicht als Pilot: als Elektriker. Als Kind durfte ich bei Gelegenheit in diversen historischen und modernen Flugmaschinen herumhampeln. Für mich waren das Tiere – herrlich große, herrlich laute, auch gefährliche, die sich uns gegenüber allerdings zutraulich gaben: Junkers Ju 52, Transall C-160, Antonow An-124 „Ruslan“, Lockheed C-5 „Galaxy“ und C-130 (zivil: L-100) „Hercules“. Den Kabelbaum einer Transall (Kilometer über Kilometer Kabel) zu untersuchen und zu warten, das stellte ich mir nicht anders vor, als im Bauch eines Walfisches nach Nervenbahnen zu tasten und dabei zu wissen, wo man zukneifen muss, damit die linke Flosse zuckt. Zusammen in Urlaub geflogen sind wir übrigens nie. Und Aviatik interessiert mich bis heute nicht. Das rätselhafte Innenleben von Flugwesen dagegen immer noch: alten Modellen unter die genietete Blechhaut schlüpfen, Rippenbögen zählen, an Schaltorganen drücken und hebeln, Schweißungsnarben betasten; den gegenwärtigeren Typen ins Innere der Turbinenlungen, ins Cockpithirn und Motorenherz schauen. Mein Vater lebt schon lange nicht mehr – stellvertretend besuche ich „seine“ Flugzeuge im Museum.


Fotos aus der Ju-52-Halle (Grebe, 2016)

FLUGWESEN // Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

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Joachim Ringelnatz, Flugzeuggedanken

Dort unten ist die Erde mein
Mit Bauten und Feldern des Fleißes.
Wenn ich einmal nicht mehr werde sein,
Dann graben sie mich dort unten hinein,
Ich weiß es.

Dort unten ist viel Mühe und Not
Und wenig wahre Liebe. –
Nun stelle ich mir sekundenlang
Vor, daß ich oben hier bliebe,
Ewig, und lebte und wäre doch tot – –
O, macht mich der Gedanke bang.

Mein Herz und mein Gewissen schlägt
Lauter als der Propeller.
Du Flugzeug, das so schnell mich trägt,
Flieg schneller!


In der Luft ist kein Bleiben; auf uns wartet immer ein Boden. Seliges Schweben über den Dingen – das schenkt die Luft dem Fliegenden nicht großzügig hin, die Leichtigkeit ist der Schwerkraft abgetrotzt mit bombastischem technisch-energetischen Aufwand. Dieser Aufwand hat nicht nur neue Verkehrswege, sondern darüber hinaus einen neuen Seinszustand, eine neue Perspektive erschlossen: Vom Boden abhebend, darf die Seele für ein Weilchen das irdische Leben hinter sich zurücklassen, und sie darf den Körper dabei mitnehmen, um von oben, aus entrückter Ferne, darauf hinabschauen zu können. Gefühl von Freiheit – während man doch eingeschlossen ist in eine hermetische Kapsel. Man fliegt nicht selbst, man wird getragen. Diese Passivität: nur ein transitorisches Wohlgefühl. Du kannst jetzt selbst laufen, sagt man zum Kind und nimmt es vom Arm, weil es schwer wird, und es läuft selbst. So wird es groß werden, und alt werden irgendwann. Immer wartender Boden.


Foto: O.Grebe, 2015