Erzählung

FAMILIENBILD MIT PHANTOM // Muttilein

Fluss3 (2)

Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen. Was Faulkner so schön schrieb (in Requiem für eine Nonne), lässt sich durch einen leichten Umbau so spezifizieren und zuspitzen, dass es perfekt als einleitende Vorwarnung zu Mariana Enriquez‘ Kurzgeschichte Correntiner Schauerstück verwendet werden könnte: Die Toten sind nie vergangen. Sie sind nicht einmal tot.

Gustavo, aufgewachsen als Halbwaise, inzwischen Mittdreißiger und argentinischer Hauptstädter, wird hier von der Vergangenheit heimgesucht – zunächst via Telefon: Die schrullige Verwandtschaft aus dem ländlichen Corrientes verlangt seinen unverzüglichen Besuch.

Als Lidia sagte „[…] wir können einfach keine Entscheidung allein treffen“, stellte sich Gustavo vor, wie sie alle um das Telefontischchen herumsaßen, […] und wie alle den Atem anhielten, eingeweiht und feige zugleich, allein deswegen, weil sie Lidia auserkoren hatten, also die, die am wenigsten Skrupel von allen hatte, diesen Anruf zu erledigen. Er sah Walter vor sich, der immer einen Hammer mit sich herumschleppte oder irgendwelche Nägel im Mund stecken hatte, ohne Unterlass am Reparieren der Möbel im Haus, es war beinahe das Einzige, was er tat, seit er Witwer geworden war. Er sah Julio vor sich, diesen eingebildeten Chauffeur, der Polizeibosse herumkutschiert hatte, die in Corrientes und im Chaco der Folterei nachgingen; ein jovialer, bezaubernder Typ, es sei denn, er begann, seine ehemaligen Arbeitgeber in Schutz zu nehmen. Und dann war da noch die Mechi mit ihren Selbstgesprächen, die sich mit Sicherheit weiterhin ihr Bierchen vor dem Schlafengehen genehmigte, Trapax hin oder her. Das waren die vier Geschwister seiner toten Mutter, also die Geschwister von Margarita […].

Womit noch längst nicht die ganze Verwandtschaft aufgezählt ist – zum Corrienter Clan gehören außerdem Cousins, Cousinen, Cousinenkinder usw., die allesamt das chaotisch bebaute Familienareal am Ufer des Paraná bevölkern. Gustavo und seinen Vater hat es als Einzige nach anderswo verschlagen, weg vom Paraná; schließlich war in diesem Fluss die Mutter ertrunken, damals, vor dreißig Jahren, als Gustavito noch ganz klein war, sodass er heute keine einzige Erinnerung an das „Muttilein“, wie Tante Lidia sich ausdrückt, besitzt.

Nach dreißig Jahren aber, so lautet die Corrienter Friedhofsordnung, läuft die Liegefrist für ein Grab aus. Mamas Umbettung steht an. Warum Gustavo bloß deswegen nun dringend persönlich in Corrientes anreisen soll, erfährt er erst, als er dort ist.

„Mechi, bring dem Jungen was Erfrischendes zu trinken, aber spül die Gläser einmal durch, sie sind völlig verdreckt“, bat Lidia und hielt Gustavo eine Zigarette hin. „Ich werde dir jetzt alles erzählen, Kleiner. Es ist nämlich so, dass ich einen Anruf vom Friedhof erhalten habe und man mir unterbreitet hat, deine Mama müsse aus ihrer Grabnische raus und in eine Urne. […] Ich sage den Friedhofsangestellten also, sie sollen sie einfach umsetzen. Schön und gut, Doña, kriege ich zur Antwort, also munter umgebettet. Zwei Stunden später rufen sie wieder an und sagen: Doña, Sie müssen vorbeikommen, wir haben das Grab geöffnet, um die Überreste in die Urne umzufüllen, Ihre Schwester ist aber unversehrt. Das waren ihre Worte. Ich stoße vier Schreie aus, was soll das heißen, unversehrt, kreische ich, meine Schwester ist vor dreißig Jahren gestorben, was reden Sie da, Sie Ferkel. […] Ich mache mich also auf die Beine, steige ins Auto und fahre los. Und dann deine Mutter, Gustavito, jawohl, da war sie, oder besser gesagt, da ist sie, völlig unversehrt.“ „Wie, unversehrt?“ […] „Unversehrt, kapier doch, mein Süßer. Deine Mami ist nicht vermodert. […] Sie sieht sogar besser aus als damals, um ehrlich zu sein, sie ist nämlich nicht mehr so aufgeschwemmt.“ […] „Wann ist das alles passiert?“ „Vor einer Woche. Wir haben abgewartet, ob sie ranzig werden würde…“ „Tante, es reicht.“ „Jetzt tu nicht so erschrocken, es mag ja deine Mutter sein, aber gekannt hast du sie nicht […].“

Nein, nicht gekannt. Und auch später hat er im Grunde nichts über die Mutter in Erfahrung bringen können, weder durch den Vater, dessen Gram ihn verschwiegen gemacht hatte, noch durch die Tanten und Onkel, deren Reaktion auf den tragischen Tod Margaritas darin bestand, noch verrückter zu werden, als sie es ohnehin seit jeher waren. Für Gustavo war die Mutter also nie mehr gewesen als ein bloßes Phantom, aber damit nicht genug: Jetzt, da sie, wie von Geisterhand wohlerhalten, plötzlich wieder ans Licht kommt, bringt ihm das der Mutter auch nicht näher, hat er es nach wie vor mit einem Fremdwesen zu tun – stattdessen muss er sich damit herumschlagen, dass die Mutter, die sich weigerte zu vergehen, diese seltsame Laune der Natur, zu einer regionalen Attraktion zu werden droht:

In San Luis wussten die Leute bereits von dem Wunder. (Das ist kein Wunder!, schrie Gustavo in sich hinein, lauschte jedoch weiter.) „…und sie sind bereits auf dem besten Wege, sie anzubeten. Sie soll nach Jasmin duften. Wie Heilige eben so riechen.“ „Um Gottes Willen!“ Gustavo fand wieder Worte. „Sie muss eingeäschert werden und damit basta!“

Das sieht man in Teilen der Familie allerdings anders, man ist sich uneins. Gemeinsam mit dem Jasminduft nämlich sind dem geöffneten Muttergrab allerhand Hoffnungen, Ernüchterungen, Visionen und Einsichten entstiegen, von welchen sich die einen ganz berauscht fühlen, während die anderen davon Kopfschmerzen bekommen. Und so geben sich in Corrientes nun die diversen Muster unseres Umgangs mit dem Tod und seine vielfältigen Auswirkungen auf die Lebenden die Klinke in die Hand.

Enriquez setzt in ihrem Erzählstück lediglich ein paar treffsichere Pinselstriche, und schon ist alles da: das subtropisch gelegene Corrientes mit seiner Sommerschwüle; der mächtige Paraná, der dunkel und trügerisch ruhig vor sich hin strömt, wie eben das Leben selbst; der wispernde Flug der kleinen Fledermäuse, die im Dahinsausen das Wasser küssen, um zu trinken; die Familie, jenes wundersame Gebilde, das sich vor Gustavo gleichsam auftürmt wie die ineinander verschachtelten Wohnbauten der kollektiven Verwandtschaft auf dem weitläufigen Ufergrundstück. Es hätte getrost noch weiter und weiter gehen, ein ordentlicher Roman daraus werden dürfen.

Das Corrienter Schauerstück eröffnet die kleine, aber großartige Anthologie Asado Verbal – Junge argentinische Literatur (Wagenbach, €9,90), herausgegeben von Timo Berger und Rike Bolte, die selbst für einige der Texte die Übersetzung lieferten. In fünfzehn Kurzerzählungen – darunter ein paar bombastische Geschichten, kein einziger Lückenfüller -, versammeln sich Geister der Vergangenheit und Menschen der Gegenwart, von zeitgenössischen argentinischen Autorinnen und Autoren so geschrieben, wie man sich ein Asado eben vorstellt: deftig, üppig, ungezwungen; überdies angereichert mit doppelten Böden und viel Hintersinn.


Bild: Grebe 2017

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FABULIERIOSITÄTEN // Mynona, Goethe spricht in den Phonographen (Eine Liebesgeschichte)

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„Es ist doch schade“, sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, „daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!“ „Warum?“ fragte Professor Abnossah Pschorr. „Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es ist Manches schade, liebe Pomke.“ „Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!“

Da sich das Fräulein Pomke doch so sehr danach sehnt, Herrn Goethes wahre Stimme einmal zu hören, macht sich Professor Pschorr, der sich doch so sehr danach sehnt, der lieben Pomke einmal näher zu kommen, nun daran, ihr diesen Herzenswunsch zu erfüllen. Die Hoffnung, im Gegenzug von ihr mit herzlicher Zuwendung belohnt zu werden, lässt ihn ein aberwitziges Vorhaben planen und dieses mit Mut und Tücke in die Tat umsetzen.

Professor Pschorr, Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme […] Schwingungen hervor […]. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen.

Das weitere Grübeln des Erfinders fördert allerdings ein grundlegendes Problem zu Tage: Um einen solchen Empfänger auf eine einzelne Stimmfrequenz justieren zu können, müsste diese zunächst einmal genauestens bestimmt werden, wozu ausführliche Studien des dazugehörigen organischen Sendeapparats von Nöten wären – hierfür also müsste Pschorr dem lieben Goethe an die Kehle.

Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, dass ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte.

Nur empfängt dieser Goethe keine Gäste mehr: Der honorige Leichnam steht für Forschungszwecke nicht zur Verfügung; Pschorrs entsprechender Antrag wird in Weimar kategorisch abgelehnt. Daran aber soll es nicht scheitern, befindet der Herr Professor, und so macht er sich nicht nur mit wissenschaftlichem, sondern auch mit allerlei Einbruchsgerät im Gepäck auf den Weg zur Weimarer Fürstengruft. Der handwerkliche Aspekt des geplanten Einstiegs in die Grabstätte stellt für Pschorr kein Hindernis dar – dafür qualifiziert ihn sein ingenieurstechnisches Geschick. Und darüber hinaus verfügt er über die nötigen psychophysiologischen Fähigkeiten, um die Bewacher der Gruft auszuschalten. In seinem Hotelzimmer übt Pschorr zunächst eine tiefe, sonore Stimmlage und eine geheimratliche Haltung ein. Um Mitternacht dann erscheint er, verkleidet als der leibhaftige alte Goethe, vor der Gruft und setzt die Wächterschaft per Spezial-Hypnose außer Gefecht.

Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben.

[Und überhaupt: Hätte nicht gerade der forschungsbegeisterte Goethe selbst an einem solchen Unternehmen Gefallen finden müssen? Noch dazu, da doch die Gunst einer Frau damit errungen werden soll?] Gleich nach Pschorrs Abreise am nächsten Morgen geht die Erfinderei in ihre heiße Phase über, und bald sind die Kehlkopfrekonstruktion sowie ein Miniaturphonograph mit Mikrophonvorrichtung fertiggestellt. Die Inbetriebnahme der Erfindung soll in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer stattfinden, wo die höchste Schwingungsdichte der Goethestimme zu erwarten ist. Mit dem Versprechen, ihren Goethe für sie plaudern zu lassen, lädt Pschorr die Pomke zu einem Ausflug nach Weimar ein, wo die beiden mit ihrem Anliegen bei Hofrat Professor Böffel vorstellig werden:

„Was wollen sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?“ „Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.“ „Und sie haben das Modell?“ – „Hier!“ Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.

Anfänglich skeptisch, gibt Böffel seiner Neugier nach; Pschorr darf den sonderbaren Apparat in Goethes Arbeitszimmer zum Einsatz bringen. Der Durchführung des Experiments, bei dem per Blasebalg Luft durch den Kehlkopfapparat gefiltert und die daraus isolierten Stimmschwingungen vom Phonographen hörbar gemacht werden sollen, wohnen Pomke, Böffel und einige Assistenten bei, und tatsächlich werden sie, nachdem Pschorr ein wenig geblasebalgt hat, zu Zuhörern eines der berühmten Gespräche Goethes mit Eckermann. [Eckermann fungierte in jenen Gesprächen sozusagen als Interviewführer, der Goethe, indem er diesem offene Fragen stellte und sachkundig gezielt nachhakte, zu wissenschaftlichen und philosophischen Ausführungen anregte. Diese Unterhaltungen veröffentlichte Eckermann, wie es Goethes Wunsch gewesen war, nach dessen Tod.] Die hier gehörte Passage ist überdies von besonderer Sensation; elektrisiert lauscht das Publikum, wie Goethe sich über die Farbenlehre nach Newton auslässt. [Goethe verteidigte den Wahrheitsanspruch seiner eigenen Farbenlehre gegenüber der Newtons, die seiner vorausgegangen war, wie eine Furie. An Newton selbst ließ er kaum ein gutes Haar. Als begabt zwar, doch nicht schöpfungsbegabt beschrieb Goethe diesen, und so einer – etwas frei formuliert nach Goethes Polemik gegen Newton -, der von Schöpfung an sich schon nichts verstehe, solle doch bitte die Finger davon lassen, die Schöpfung selbst mit seinen eitlen und gar fehlerhaften Erklärungen zu etikettieren. Bisweilen garstig überheblich, strebte Goethe mit seiner eigenen Farbenlehre nichts Geringeres an, als den frei denkenden Dichter als Weltversteher über den begrenzt denkenden Naturwissenschaftler zu erheben. Newton habe, indem er künstliche Versuchsanordnungen zur Erforschung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten verwendete, der Natur, einem Inquisitor gleich, unwahre Geständnisse abgefoltert. Goethe führte dagegen den Ansatz der Aufklärung ins Feld: Aus verengten Blickwinkeln lässt sich kein umfassendes Erkennen erreichen, dazu bedarf es des fragenden Blickes auf die ganze Welt und den ganzen Menschen.]

„Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. […]“ Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte: „Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten Augenblick meines Lebens.“

Die Zuhörerschaft tobt vor Begeisterung, das Fräulein Pomke allen voran. [Fraglich ist allerdings, ob in diesem Falle nicht vielleicht der Sinn des Ohres insonders der Kritik des Urteils bedurft hätte. Pschorr verstaut seine Gerätschaften nach erfolgreicher Demonstration allzu schnell wieder im Köfferchen und scheint auch zu wissenschaftlichen Plaudereien nicht aufgelegt zu sein. Man erinnere sich außerdem der besonderen Fähigkeiten des Professors Pschorr (nebst dessen eigenen Stimmübungen), der hier geradezu als Magier vor verzaubertem Publikum auftritt. Ob also bei diesem Experiment alles mit rechten, naturwissenschaftlichen Dingen zugegangen ist, sei dahingestellt. Das Fräulein zumindest schwelgt glücklich in kritikloser Sensation. Und was Pschorr ernstlich will, ist eben Pomke.] Nach diesem außerordentlichen Erlebnis machen sich der Professor und sein Fräulein wieder auf den Heimweg, Pschorr bietet der noch vollkommen berauschten Pomke seinen Arm, man schlendert selig gemeinsam umher. Endlich scheint die Gelegenheit zu einem Geständnis günstig:

„[…] Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist Du! Du!“ Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen. „Wie er die R’s betont!“ hauchte sie beklommen. Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut: „Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!“

Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a.S. schmiß er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf: „Was haben Sie getan?“ „Geliebt“, seufzte Pschorr, „und bald auch gelebet – und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.“ Blutrot wurde da die Pomke und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs.


Mynona – man lese diesen Namen bitte einmal rückwärts, um ihm auf die Schliche zu kommen – war das Pseudonym des Schriftstellers Salomo Friedlaender (1871 – 1946). Geboren in Posen, kam er zwecks Medizinstudium nach München und Berlin, wechselte jedoch alsbald in die Fächer Kunst und Philosophie. Nach seiner Promotion lebte er als freier Schriftsteller in Berlin, wo er Freundschaften mit Martin Buber, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam und Alfred Kubin unterhielt und Raoul Hausmann, Hannah Höch und Paul Scheerbart kennenlernte. Unter seinem Pseudonym schrieb Friedlaender für diverse expressionistische Zeitschriften und war selbst Mitherausgeber der Zeitschrift Der Einzige (Fachgebiet: Individualistischer Anarchismus). Seine Texte, in denen Expressionismus und Dadaismus, Groteske und Parodie zu erkennen sind, nahmen Einfluss auf die Literarische Avantgarde. 1934 emigrierte Friedlaender nach Frankreich, zwölf Jahre lang lebte er in Paris. Er starb dort in verarmten Verhältnissen.


Die Erzählung findet sich in dieser rundum schönen Anthologie:

>> Moritz Baßler (Hrsg.), Literarische Moderne, Das große Lesebuch (Fischer Verlag) €14,50

WORAUF WARTE ICH HIER? // Jorge Luis Borges, Die Wartezeit

Jorge Luis Borges

Die Droschke setzte ihn vor Nr.4004 dieser Straße im Nordwesten ab. Es war noch nicht neun Uhr morgens; der Mann bemerkte befriedigt die gefleckten Platanen, das Erdquadrat am Fuß  jeder einzelnen, die schlichten Häuser mit kleinen Balkonen, die Apotheke nebenan, die abgeblaßten Rhomben der Farben- und Eisenwarenhandlung. […] Der Mann dachte, alle diese Dinge (jetzt beliebig und zufällig und durcheinander wie Dinge, die man in Träumen sieht) würden mit der Zeit […] unwandelbar, notwendig und vertraut sein.

Mit diesem Einstieg setzt Jorge Luis Borges den Protagonisten seiner Erzählung Die Wartezeit einsam in einem Randviertel Buenos Aires‘ aus. Dort erwarten ihn eine spärliche Unterkunft, eine verhuschte Haushälterin, ein Alltag in der geduckten Haltung eines Verfolgten. Den Kutscher, der ihn dort abgeliefert hat, bezahlt er versehentlich mit einem uruguayischen Zwanziger, den er seit jener Nacht im Hotel von Melo in der Tasche trug. Der Mann reichte ihm vierzig Centavos und dachte dabei: „Ich bin verpflichtet, so zu handeln, daß alle mich vergessen. Ich habe zwei Fehler gemacht: Ich habe eine ausländische Münze gegeben und merken lassen, daß mich dieser Irrtum stört.“

Eine Kriminalgeschichte könnte sich daraus entspinnen: Was ist in jenem Hotel geschehen? Was hat den Protagonisten dazu gezwungen, über Landesgrenzen zu fliehen, abzutauchen? Oder wer?

[…] als die Frau ihn fragte, wie er heiße, sagte er Villari, nicht in heimlichem Trotz, […] sondern weil dieser Name ihn quälte, weil es ihm unmöglich war, an einen anderen zu denken. Bestimmt verfiel er nicht in den literarischen Irrtum zu meinen, es sei schlau, den Namen des Feindes anzunehmen.

Am Fluchtort angekommen – entkommen jedoch nicht. In seinem Versteck fühlt sich der Mann keineswegs befreit, im Gegenteil erkennt er sich hier als Gefangener seines Feindes, mehr noch, als vollkommen durch ihn „Vereinnamter“: Man ist, was man fürchtet. Villari, der Verfolger, dessen Abwesenheit ihm gleichsam Allgegenwärtigkeit verleiht, führt indirekt Herrschaft über die Gedanken, Träume, den Alltag des Verfolgten. Über Tage hinweg verlässt der Mann seinen Unterschlupf nicht, wagt sich nur gelegentlich im Schutz der Dunkelheit hinaus, um ein Kino zu besuchen, verkriecht sich, liest. Besonders gründlich die Zeitungen, aber nicht etwa, um wenigstens lesend am Leben der Außenwelt teilzuhaben, sondern in der Hoffnung, womöglich etwas über Villari in Erfahrung bringen zu können. Im Kino sieht er Gangsterfilme – sicher kamen in ihnen auch Bilder vor, wie es sie in seinem früheren Leben gegeben hatte -, verlässt jedoch den Kinosaal jeweils vor Filmende. Wohl möchte er die Berührung mit den ausströmenden Besuchern umgehen. Vielleicht ist es aber auch das Finale, die Abrechnung zwischen den Kontrahenten im Film, die er meidet? Weil sie ihn zu sehr betrifft, oder ihn gerade nicht betrifft? Tagsüber arbeitet er sich gewissenhaft durch eine Divina Commedia, die sein möbliertes Zimmer bereit hielt. Er glaubte nicht, daß Dante ihn zum letzten Höllenkreis verdammt hätte, wo Ugolinos Zähne ohne Ende den Nacken Ruggieris benagen. Ugolino, der von Ruggieri gefangen genommen und zum Hungertod verdammt worden war, frisst nun, während der Ewigkeit der Hölle, an Ruggieris Kopf – auch diese Variante der Abrechnung gehört ins Reich der Kunst, und die Kunst trennt der Mann strikt von seinem Leben: Er sah sich nie als Kunstfigur. Sein Leben ist kein Epos, auch keine Kriminalgeschichte, sondern ein Wartetraum: Während Realität durch Handlungen produziert wird, gleicht das Leben des Mannes mehr dem verarbeitenden Prozess Traum, ist passiv, Zeit und Raum haben darin ihre Verbindlichkeit verloren. Sein eigenes finales Zusammentreffen mit seinem Feind vollzieht sich nicht einmalig, sondern in Dauerschleife – in Gedanken, in Alpträumen. Indem das Finale so vorauswirkt, ohne tatsächlich zu geschehen, ist die Wartezeit das eigentliche Finale: In seinem Warten besteht das eigentliche Kämpfen des Mannes mit seinem Feind Villari.

Gegen Morgen träumte er oft einen Traum gleichen Inhalts mit veränderlichen Umständen. Zwei Männer und Villari betraten mit Revolvern sein Zimmer oder überfielen ihn, wenn er aus dem Kino kam, oder waren alle drei zusammen der Unbekannte, der ihn angerempelt hatte, oder erwarteten ihn traurig im Patio und schienen ihn nicht zu kennen. Wenn der Traum zu Ende war, nahm er den Revolver aus der Schublade des Nachttischs dicht neben seinem Bett (und tatsächlich bewahrte er in dieser Schublade einen Revolver auf) und schoß ihn auf die Männer ab. Der Knall der Waffe weckte ihn, aber immer war es nur ein Traum, und in einem anderen Traum wiederholte sich der Überfall,  und in einem anderen Traum musste er sie wiederum töten.

Schließlich – an einem trüben Morgen – stehen Villari und ein Unbekannter vor dem Bett des gerade aufwachenden Mannes und richten ihre Waffen auf ihn. Er dreht sich von ihnen ab, stellt sich schlafend oder kehrt vielleicht sogar schnell zurück in seinen Schlaf. Tat er es, um das Mitleid derer, die ihn töteten, zu erwecken, oder weil es weniger hart ist, ein schreckliches Ereignis hinzunehmen, als es sich immerzu vorzustellen und endlos darauf zu warten, oder […] damit die Mörder ein Traum seien, wie sie es am selben Ort, zur selben Stunde schon so oft gewesen waren? Der darauf folgende Schlusssatz lautet: In dieser Magie befand er sich, als der Schuß ihn auslöschte.

Ihn, den Mann? Oder doch seinen Traum?


Die Erzählung Die Wartezeit findet sich in:

>>Jorge Luis Borges, Das Aleph – Erzählungen 1944-1952 (Fischer), €8,95

WORAUF WARTE ICH HIER? // Die Türhüterparabel

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Ein Mann vom Lande verlangt Einlass in das Gesetz. Ein Türhüter verwehrt ihm den Eintritt, merkt aber an, es könne später vielleicht möglich sein, dass der Mann passieren dürfe. Danach aber müsse der Mann an weiteren Türhütern vorbei, einer schrecklicher als der andere. Und so wartet der Mann, vor der Tür, Tage, Jahre, lässt sich immer wieder verhörartig vom Türhüter befragen, ohne dass die Antworten je etwas bewirken würden, und versucht oft, den Türhüter zu bestechen, der zwar alle Güter annimmt, jedoch nie eine Gegenleistung erbringt. An die weiteren Türhüter denkt der Mann vom Lande schon längst nicht mehr. Duldsam wartet er sich vor der ersten Tür zu Tode. Im Sterben fragt er den Türhüter, weshalb nie jemand außer ihm in all den Jahren versucht habe, Einlass zum Gesetz zu erhalten. Der Türhüter antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn, den Mann, und niemanden sonst bestimmt gewesen, und schließt die Tür.

Unter dem Titel Vor dem Gesetz veröffentlichte Franz Kafka diese Parabel zunächst 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr, 1919 erschien sie im Erzählsammelband Der Landarzt. Außerdem bildet sie einen Teil des Romans Der Process, der unvollendet blieb, nachdem Kafka seine Arbeiten daran aufgegeben hatte; dort wird sie dem Angeklagten K. vom Gefängniskaplan erzählt.

Es ist eine dieser Lehrgeschichten, die zum Verrücktwerden gleichermaßen simpel wie vertrackt sind, macht doch der Mann alles richtig und dennoch alles falsch. Welcher Art ist überhaupt dieses Gesetz, und was erhofft sich der Mann von seinem Eintritt? Und war der Eingang nun dazu bestimmt gewesen, von dem Mann betreten zu werden, oder nur dazu, ihn lebenslang warten zu lassen? Die gängige Deutung versteht den Türhüter als eine Prüfung, die der Mann vom Lande wegen seiner Hörigkeit gegenüber Autoritäten, wegen seiner mangelnden Entschlusskraft, wegen seiner bäuerlichen Machtlosigkeit nicht besteht. Von welcher Ebene aus die Geschichte auch interpretiert wird, sei es eine politische, sei es eine psychologische, wie auch immer: Sie wird gelesen als Geschichte eines Scheiterns, und gemeint ist das Scheitern des Einen. An den Türhüter an sich denkt niemand. Es kommt mir vor, als sei die eigentliche Pointe der Geschichte diese: Erst, als der Mann stirbt, wird auch der Hüter endlich von der Türpflicht befreit. Zeugt es nicht selbst von gewohnheitsmäßiger Obrigkeitshörigkeit, dass nie von Zweien (oder, falls die Weiteren nicht bloße Erfindungen waren: von Allen) die Rede ist, die hier jeweils ihr Leben dusselig zu Tode gewartet haben?


Foto: Grebe, 2014

LONESOME TRAVELLER // „Wie eine Dampflok, die hundert Waggons zieht“…

…so, sagte Jack Kerouac, schrieb er diese acht autobiografischen Prosaskizzen, die in Lonesome Traveller zusammengefasst sind. Voll angefeuert also, schnaufend, rackernd, kraftprotzend. Filigranität und Feinsinn? Pah. Damit besitzt Lonesome Traveller keinerlei Sonderstatus unter Kerouacs Werken – es ist sein neuntes Buch und es zeigt im gleichen Maße wie die vorangegangenen und die nachfolgenden Titel, dass Kerouac eben nur eine einzige Gangart kannte: Volldampf.


Da ich als Kind nicht besonders leseaffin war, gab es kaum eine Handvoll Kinder- und Jugendbuchhelden, die sich als Wegbegleiter in mein Leben haben hineinschmuggeln können. Einer, der es trotzdem geschafft hat, meine Hand zu fassen zu kriegen und mich mitzureißen, war Huckleberry Finn. Eine Allegorie der Anarchie, ein, im Wortsinne, junger Wilder, ein Sinnbild sicherlich des unbezähmbaren Amerika – für mich damals in erster Linie jedoch einer, mit dem ich einfach zu gern gemeinsam auf endlose Streifzüge durch die Gegend gegangen wäre. Ich mochte sein furchtloses und unverwüstliches Wesen, sein struppiges Haar, die löchrigen Hosen, die dreckigen Finger. Alles in allem: seine Unabhängigkeit – und wenn dieses Zauberwort auch nicht allein den Amerikanern gehört, so besitzen die großen amerikanischen Autoren doch speziell hierfür einen besonderen Sinn.

Irgendwann war ich plötzlich älter als der gute alte Huck, und der konnte seine bisherige Funktion als Großer-Bruder-Figur somit nicht mehr so recht erfüllen. In diese Bresche sprang später Jack Kerouac – für mich die logische Fortführung des Prinzips Huckleberry Finn im frühen Erwachsenenalter. Eine ebenso uramerikanische Figur, eine ebensolche Verkörperung von Unbezähmbarkeit und Unabhängigkeit. Beiden gemeinsam ist dabei einerseits die überromantisierte Darstellung dieser Unabhängigkeit, was sich bei Kerouac bis in die Verblendung hineinsteigert, andererseits aber auch die Einbeziehung der Kehrseiten des Lebens als Unbezähmbarer: Bei Huck Finn spürt man trotz aller Rotzlöffeligkeit dennoch die Verlorenheit und Verletzlichkeit des elternlosen Kindes heraus, bei Kerouac lauten die Begleiterscheinungen seines entgrenzten Lebens Alkohol- und Drogenmissbrauch, körperliche und seelische Defekte, Bindungslosigkeit und Beziehungshorror.


In Lonesome Traveller gibt Kerouac einleitend eine Art steckbriefliches Portrait von sich selbst und seinem literarischen Werk ab, dessen letzter Punkt die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses, seines neuesten Buches ist:

Lonesome Traveller ist eine Sammlung veröffentlichter und unveröffentlichter Stücke, die ein gemeinsames Thema verbindet: das Reisen. Diese Reisen führen quer durch die Vereinigten Staaten, vom Süden zur Ostküste zur Westküste in den entlegenen Nordwesten, durch Mexiko, Marokko in Afrika, London, per Schiff durch den Atlantischen und Pazifischen Ozean, und sie machen mit allerlei interessanten Menschen und Städten bekannt. Arbeit bei der Eisenbahn, Arbeit auf See, Mystizismus, Arbeit in den Bergen, Geilheit, Solipsismus, Hemmungslosigkeit, Stierkämpfe, Drogen, Kirchen, Kunstmuseen, Großstadtstraßen, der Lebensmischmasch eines selbständig gebildeten mittellosen und nach allen Seiten offenen Lebemannes.

Nun, wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen: Ganz ähnlich wie Eichendorffs Taugenichts zieht es auch Kerouac in alter, romantischer Grand-Tour-Manier hinaus in die Welt, auf dass er sie kennenlerne. Wo der Taugenichts allerdings eher hineinstolpert  – etwa in die verwickelte Liebesgeschichte zu seiner Aurelie -, stampft Kerouac mit viel Schmackes und ohne Rücksicht auf eigene oder Anderer Verluste voran. Immer stehen Fernweh und Frauen einander im Wege, rastlos tingelt er von Land zu Land, von Job zu Job, auch von einer Dummheit zur nächsten.

Im Kapitel Piere der heimatlosen Nacht will er auf einem Schiff anheuern, auf dem ein Kumpel unterwegs ist, für den er auch noch eine Waffe abholen soll, was er aber vertrödelt, woraufhin die beiden sich verzanken, ungeachtet dessen aber doch wieder irgendwo in Downtown gemeinsam versacken, wodurch sie beinahe das Auslaufen des Schiffes verpassen, auf dem Kerouac am Ende dann doch nicht mitfahren darf. Fellachen in Mexiko ist eine Liebeserklärung an das Land südlich unterhalb der USA, das sich zu jenen zu verhalten scheint, wie das brodelnd lebendige Unterbewusste sich zur glatten und leblosen Fassade eines gepflegten menschlichen Äußeren verhält: Kerouac beschreibt Stierkämpfe, öffentliches Leben, Verwurzelung in ehrlicher Religiosität, indianische Drogen. Um ein klassisches amerikanisches Motiv, die Eroberung des Kontinents per Lokomotive, dreht es sich in Die Eisenbahnerde. Schlamper der Küchensee ist ein Ausflug in Kerouacs Zeiten als Kabinenstewart bei der Marine. Kerouacs literarische und musikalische Zeitgenossen, seine Beatnik-Freunde, tauchen in den New Yorker Szenen auf: hübsche Mädchen, Trinker und Tunichtgute, Thelonious Monk spielt dazu am Klavier, Allen Ginsberg und John Coltrane sind auch dabei und alle, die es unverwechselbar machen, das Nachtleben der Beats in New York. In Allein auf einem Berggipfel hat Kerouac allerdings genug von dem ganzen New Yorker Trubel und will für sich sein, in der Natur: Er bewirbt sich beim Landwirtschaftsministerium um einen Job als Brandwache in den Wäldern des Nordwestens, er schreibt über die Reinigung der Seele durch die reine Naturerfahrung, über Floßfahrten, Lagerfeuer-Kaffee, wohlige Langeweile und er schreibt dieses:

Ein Grashalm, der in den Winden der Unendlichkeit schwankt, verankert in einem Felsen, und für dein eigenes armes Fleisch gibt es keine Antwort. Deine Öllampe brennt in der Unendlichkeit.

Die Große Reise nach Europa führt Kerouac – nach den Bergen – wieder auf See, mit dem Schiff nach Marokko, von dort nach Marseille und schließlich nach London. Abschließend behandelt er in Der amerikanische Tramp verschwindet unter Anderem die gar nicht so schwierige Frage nach dem Unterschied zwischen Jesus, Buddha und einem beliebigen anderen Landstreicher.

Im Grunde nichts Neues also in diesem Buch, nichts, was Kerouac nicht so oder so ähnlich schon einmal  andernorts geschrieben hätte. Das rastlose Reisen aber war sein Lebensthema, weil es schlichtweg sein Leben war. Nur, wo führte es ihn hin? Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein: In die Welt gehen und sein Glück machen, das gehört zu unseren Initiationsriten, wie die erste Liebesbeziehung, der erste Alkoholrausch, erster Ärger mit den Behörden und Autoritäten, ekstatische Erst-Erfahrungen mit Kunst und Musik. Von Allem genug erlebt für ein ganzes Leben hätte Kerouac schon nach ein paar Jahren Reiserei und Raserei, aber er bekam eben nie genug. Als Kerouac Lonesome Traveller verfasste, war er 38 Jahre alt und hatte sich bisher mit nichts Anderem als dieser Art zu leben befasst. Der Bruch, den das Erwachsenwerden und das Überschreiten der Grenzen, hinein in ein unabhängiges Leben, bedeuten, fällt bei manchen radikaler und ungezügelter, bei manchen wiederum viel gemäßigter aus. Kerouac kam über diesen Bruch nicht hinüber und verblieb einfach in dieser so aufregenden wie kräftezehrenden Lebens-Testphase – vielleicht auf Kosten einer Form des Erwachsenwerdens, die es ihm ermöglicht hätte, mit 47 nicht so ausgebrannt zu sein, wie er es bei seinem Tod war. Für diejenigen, die – wie ich – gern älter als das werden und dabei möglichst weniger kaputtgehen möchten, funktioniert er immerhin hervorragend als eine Art Stellvertreter in Sachen Abenteuer.


>> Jack Kerouac, Lonesome Traveller (Rowohlt) €6,95

WORTSINNE // Arthur Schnitzler, Ich

Arthur Schnitzler Erzählungen

Bis zu diesem Tage war er ein völlig normaler Mensch gewesen.

So beginnt Arthur Schnitzler diese Novelette namens Ich. Allein jenes einzelne, dreibuchstabige Wort genauer zu betrachten genügt bereits, um manchen Verstand völlig auf den Kopf zu stellen. Diese Kurzerzählung gehört zu meinen Lieblingstexten überhaupt; Schnitzlers Gabe, mit unauffälligen Mitteln nachhaltige Verunsichertheit zu erzielen, kommt darin voll zur Geltung: Das Unheimliche tritt im Vertrauten zu Tage, die Säulen des Normalen werden zersetzt. Im Verlauf nur weniger Seiten skizziert Ich den plötzlichen Absturz einer gefestigten, gesicherten Existenz in den Wahnsinn. Auslöser: ein Wort auf einer Tafel im Park. Ein anderes allerdings als Ich – dem begegnet man erst als Abschlusswort der Erzählung wieder. Dort, am Ende, fragt man sich dann, wie einer sich so verzetteln konnte, und ob Wahnsinn wohl lediglich der Superlativ von Ordnung ist.

Der kleinbürgerliche Protagonist, dessen Namen wir nicht erfahren, durchlebt genügsam und sehr zufrieden seinen Familien- und Arbeitsalltag. Eine gute Ehe, ohne Mißverständnisse und ohne Unzufriedenheiten, heißt es da; der Umgang mit den zwei Kindern ist unaufgeregt, fröhlich, herzlich. Die Mittagspausen verbringt der Vater daheim, Zeit für harmlose Unterhaltungen mit der Frau, die Kinder berichten freimütig vom Tag in der Schule, der Vater erzählt die ein oder andere unverfängliche Episode aus seinen heutigen Begegnungen mit der Kundschaft, die er als Abteilungsvorstand, sogenannter Rayonchef in einem Warenhaus mäßigen Ranges macht. Die Routine ordnet das Leben in angenehmer Weise: Jeder Tag folgt einem gewohnten Verlaufsmuster, Schwiegermutter und Schwägerin werden regelmäßig zum Tee geladen, Theaterbesuch oder Operette an jedem zweiten Samstag im Monat, anschließender Besuch in einem bescheidenen Restaurant. Eine feste Sonntagsgewohnheit des Protagonisten ist der morgendliche Spaziergang durch den Park, wo er während seiner Flanierrunde mit Bekannten plaudert. Am bewussten Tag seines geistigen Verhängnisses aber entdeckt er an einer ganz und gar gewöhnlichen Bank eine Tafel mit krakeliger Aufschrift. Bank steht da – so einfach und offenbar, wie eben die Bank selbst da im Park steht. Wozu nur diese Benennung? Nun, vielleicht ist es keine solche Dummheit wie zunächst gedacht, ein jedes Ding genau zu benennen; womöglich geschähen ohne gewissenhafte Benennungen die seltsamsten Unglücke? Am Teich sitzend sinniert der Protagonist dann staunend über die Ungenauigkeit, die Unzulänglichkeit des gewohnten Blicks auf die Dinge. Der Teich, ist der nicht gleichzeitig ein Meer? Freilich nur für die Eintagsfliege, aber doch! Und ist, was wir Tag nennen, für die Eintagsfliege nicht wie ein hundertjähriges Leben? Woher im Übrigen kann man sicher sein diesen Teich nicht etwa nur zu träumen? Träumt man am Ende gar auch sich selbst und glaubt nur fälschlich, man lebe? Daheim liest er in der Zeitung, liest Namen von Schauspielern und Operettensängerinnen, manche stehen sogleich bildhaft vor ihm, andere bleiben Buchstaben. Mag sein, dass ein Mensch, über den er gerade in der Zeitung liest, just an einem Herzinfarkt verstorben ist, und nun gibt es jenen Menschen gleichzeitig als tot und als Bild, das ihn lebendig zeigt, und außerdem als Gedanken, der sich ihn in Lebendform einbildet. Er liest auch vom Erdbeben in San Francisco, und er sieht dabei mehrere, nämlich ein wirklich geschehenes, ein geschriebenes, ein vorgestelltes Erdbeben. Die Verschiebungen und Verkürzungen, die zwischen Ereignissen und deren Beschreibungen bestehen, spalten die Welt auf in unzählige Ebenen von Wahrheit. Sicherheit wähnt der Protagonist nurmehr in der Unmittelbarkeit zu finden: Er beginnt, sein direktes Umfeld zu beschriften. Im Kaffeehaus gerät er ob eines Fräuleins zwar kurzzeitig in die Nähe einer Verzweiflung – Die Frage war jetzt nur, was für einen Zettel man ihr ankleben sollte. Magdalene? Fräulein Magdalene? Oder Sitzkassiererin? Jedenfalls war es unmöglich, dieses Kaffee zu verlassen, ehe er sie richtig bezeichnet. –, beruhigt sich aber damit, mit seinem Bleistift entschieden Tisch über die ganze Breite der marmornen Platte schreiben zu können, von der gerade eben sein Kaffeegeschirr geräumt wurde. Wieder daheim, versieht er den gesamten Hausstand mit Benennungszetteln. Am Nachmittag beschriftet er Schwiegermutter und Schwägerin, die zum Kaffee gekommen sind, am nächsten Morgen die Kinder, ehe sie zur Schule gehen, im Geschäft besteht er auf Einzelbeschriftung jedes Artikels und jeder Verkäuferin. Der Arzt, den die Ehefrau zur Mittagszeit nach Hause bestellt hat, findet den Mann mit einem Zettel auf der Brust, auf dem mit großen Buchstaben steht: >Ich<.


>> Die Erzählung Ich findet sich in der Sammlung Arthur Schnitzler, Traumnovelle und andere Erzählungen (Fischer Verlag), inzwischen als kartonierte Ausgabe unter Fischer Klassik, €12,00

LATEINAMERIKA // Timo Berger (Hrsg.), Popcorn unterm Zuckerhut

Kurzes Brasilien-Brainstorming: Amazonas, Karneval in Rio, Samba, Copacabana, João Gilberto, Kaffeeplantage, ach ja – Fußball-WM, Frauen von beneidenswerter Schönheit, Telenovela. Wer nun glaubt, dieser Buchtipp ginge konform mit der Reisebüro-Darstellung jenes gewaltigen Flächenlandes am anderen Ufer des Atlantiks, der irrt. Popcorn unterm Zuckerhut – diese Anthologie brasilianischer Kurzgeschichten habe ich (bekennende Herbst-Verweigerin) nicht etwa deshalb ausgewählt, um mich zwischen schöne Menschen an schöne Strände zu träumen, sondern wegen der konzentrierten Dosis lateinamerikanischer Doppelbödigkeit, die den kurzen und doch von viel Leben erfüllten Erzählungen innewohnt. Unter aller Melancholie, Tagträumerei oder sanfter Verliebtheit der Charaktere lauern hier Abgründe. Mal klafft so ein Abgrund dem Leser ganz plakativ entgegen, wie im Falle des Clowns, der in der Geschichte Rot und Weiß von Estevão Azevedo während seiner Auftritte bei Kindergeburtstagen seine elende Existenz unter dem grell geschminkten Lächel-Mund verschwinden lässt und damit im Ganzen als Mensch verschwindet. Oder in den Bekenntnissen eines heimlichen Tierquälers, der die Historie seiner Untaten offenlegt – eine schauderhafte Erzählung von Leandro Salgueirinho, die mit dem gefühlskalten Titel Versuchsanordnung Nr.5 überschrieben ist. In Die Zwerge erweist sich ein harmlos beginnender Besuch in der Konditorei als soziale Versuchsanordnung: Auf nur fünf Seiten zeichnet Veronica Stigger den gruppendynamischen Mechanismus nach, der aus heiterem Himmel eine Eskalation von Gewalt bewirken kann. Andernorts zeigen sich Abgründe der Liebe, bei Daniel Galera etwa, der einen jungen Mann von seiner Jugendliebe erzählen lässt: Laila, die Unerreichbare, die heimlich Angebetete, nach der er sich vom Kindergarten an vergeblich verzehrte und die ihm nur gönnerhaft den Kumpelstatus zugestand, um ihn als Bewunderer an sich zu binden, die überirdische Laila also, kommt nun, da der junge Mann eine Andere heiratet und Vater wird, auf ihn zurück, sagt endlich Ja zu ihm – aber was sagt er? Und in Camping Calamares erzählt Andréa del Fuego die Geschichte einer schäbig Sitzengelassenen, eine Kleine-Leute-Tragödie – wie Roberto Bolaño als Hausmeister in diese Geschichte passt, muss man schon selbst herausfinden.

Popcorn unterm Zuckerhut: Pipoca nennt man in Brasilien diesen Snack, den Straßenverkäufer an der Copacabana anbieten. Man kann dort aus verschiedensten Geschmacksrichtungen wählen, karamellisiert, gesalzen, pikant gewürzt – ganz ähnlich wie bei diesen Geschichten. Es sind 20 junge brasilianische Autoren, geboren zwischen 1968 und 1981, deren Kurzgeschichten in dieser Anthologie versammelt sind. Sehr verschieden in Temperament und Ton, doch von gemeinsamer Eigenwilligkeit. Zusammengestellt wurden sie von Timo Berger, dessen Verdienst um die Veröffentlichung lateinamerikanischer Prosa und Lyrik hierzulande gar nicht genug gelobt werden kann: Seine zwischen Berlin und Buenos Aires pendelnde Tätigkeit umfasst neben Übersetzungen aus dem Argentinischen, Chilenischen und Brasilianischen auch die Organisation verschiedener Poesiefestivals, regelmäßige Beiträge in Literaturzeitschriften, herausgeberschaftliche Projekte sowie eigene literarische Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen. Neben Berger selbst, treten in dieser Anthologie Odile Kennel, Michael Kegler und weitere Übersetzer auf, denen ein großer Anteil an diesem Leseerlebnis gebührt.


>> Timo Berger (Hrsg.), Popcorn unterm Zuckerhut (Wagenbach), kartoniert €9,90

NACHTEINSAMKEIT // Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht

Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Sonja Grebe)

2014 jährt sich der Geburtstag des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar zum hundertsten, sein Todestag zum dreißigsten mal. Grund genug ihm (mehr als) eine surreale Lesenacht zu widmen. Auf deren Risiken und Nebenwirkungen darf man sich freuen.

Es ist unerklärlich, wie sehr das Wachsein und das Träumen in den ersten Augenblicken der Erwachens vermischt bleiben und sich weigern, ihre Wasser zu scheiden. (S.109)

So beschreibt Gabriel, Protagonist der Erzählung Rückkehr aus der Nacht, eingangs seinen Verstörungszustand. Aber er scheint damit über den Rand der Erzählung hinaus zu sprechen, denn gleichzeitig artikuliert er in diesem Satz das Grundgefühl des Lesers, der sich in der Cortazár-Dimension verfangen hat: Hier stehen die Grundgerüste von Traum, Realität, Zeit und Raum auf frei beweglichen Füßen. Julio Cortázars Prosa ist in der surrenden, zirpenden, nebelsprühenden Schublade der Phantastischen Literatur zu Hause, wo sie in artverwandtschaftlicher Eintracht neben den Werken von Franz Kafka, Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder seines Landsmanns Jorge Luis Borges liegt – für Bescheidenheit im literarischen Vergleich besteht dabei für den großen JC kein Grund.

Aber zurück zu Gabriel, der mitten in der Nacht erwacht – noch unschlüssig, ob in einem Albtraum oder aus einem solchen -, aufsteht, sich im Spiegel betrachtet und dabei im Spiegelbild seiner eigenen Leiche gewahr wird, die auf dem Bett liegt, ohne ihn. Mit traumwandlerischer Gelassenheit betrachtet Gabriel die Situation zunächst als kniffelig. Eine hochgradige Akzeptanz gegenüber dem Absurden und Erschütternden ist ein weiteres Cortázar-Merkmal, das dem Leser jedoch nach wenigen Seiten keinerlei Verwunderung mehr abringt: An diesem Punkt hat Cortázars Spracheleganz längst den sanften Übergang in die Welt der aufgelösten Maximen bereitet – nahezu unbemerkt, einzig ein seltsam wohliges Unbehagen stellt sich ein. Man wittert gärende Verhängnisse, die in Zeitlupe ihrer Explosion zustreben. Cortázars Kernmotiv ist der Einbruch des Unheimlichen ins Vertraute. Das eigentliche Opfer dieses Einbruchs findet sich allerdings nicht im Geschriebenen, sondern ist das Ziel des Geschriebenen: Der Leser selbst findet sich unversehens in den vermischten Wassern von Wach- und Traumwahrnehmung treibend. Die phantastischen Elemente stehen nicht unterhaltend im Vordergrund, sondern sind das technische Mittel, um dem Leser Argwohn und Neugier gegenüber der alltäglichen Realität beizubringen, um Gewissheiten zu zersetzen und gewohnte Denkabläufe zu stören. So also auch in Rückkehr aus der Nacht: Da träumt jemand, er sei gestorben, denkt man, und fixiert damit bereits seine Vorstellung, es handele sich bei dieser Erzählung um eine Traumschilderung. Gabriel, so heißt der Erzähler mit Namen. Das erfährt man so nebenbei, aber es führt eine gedankliche Vollbremsung herbei: Erzengel Gabriel, denkt man jetzt – zuständig für Deutungen von Visionen, Engel der Verkündigung und der Auferstehung. Stopp. Nochmal von vorn lesen, um festzustellen, dass man im ersten Anlauf nur gedacht hat, man lese genau, denn nun liest man ganz anders. Aber das war erst der Anfang, und Cortázar ist längst noch nicht fertig. Mit uns.

Sein sicherer Sinn für das Verunsichernde mag wohl zurückgehen auf Cortázars Biographie, die eine Reihe von Weltenwechseln und privaten Brüchen beinhaltet. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Brüssel als Sohn eines argentinischen Handelsattachés geboren, wird Cortázar als Kleinkind im erschütterten Europa hin und her verpflanzt, bis die Familie schließlich nach Buenos Aires zurückkehrt. Dort verlässt der Vater die Familie und verschwindet spurlos. Julio wächst als kränkelnder Junge unter Frauen auf, die Mutter versucht die Familie mit einem Bürojob zu ernähren, der Gemüsegarten und das Hausvieh der Großmutter verhindern das Verhungern. Überliefert ist eine Geschichte, nach der Julio daran verzweifelt, dass die von ihm angepflanzten Nudeln einfach nicht wachsen wollen. Angesichts des sich weiter verschlimmernden Elends flieht der Junge sich in eine eigene Welt, das Lesen, die Bücher – alle Bücher, zu denen sich ihm in seiner Armut irgendein Zugang bietet. Der literaturhungrige Junge wird später Lehrer, in den 1940ern sogar Professor für französische Literatur. Unter dem Peron-Regime jedoch emigriert er nach Europa, wo er als Schriftsteller und Übersetzer arbeitet. Dreimal ist Cortázar verheiratet, seine letzte Ehefrau, rund dreißig Jahre jünger als er, stirbt nur drei Jahre nach der Heirat. Cortázar bleibt auf dem Kontinent seiner frühen Kindheit und stirbt in Paris.

Die Erzählungen Cortázars in der oben abgebildeten Sammlung Rückkehr aus der Nacht (zusammengestellt und mit einem Nachwort von Clemens Meyer) sind ein einladender Einstieg in sein umfangreiches literarisches Werk, das von einem ungezügelten literarischen Spieltrieb und hochkonzentrierter Sprache geprägt ist. Sein Meisterwerk Rayuela, dt. Himmel-und-Hölle, war eines meiner wichtigsten Lese-Erlebnisse.

Cortázar nachts lesen? Unbedingt! Wer nicht aufpasst, liest sich durch die Nachtstunden, hat damit aber den Schlaf gegen etwas Wertvolleres getauscht. Das manipulative Erzähltalent Cortázars ist besonders wirksam, wenn man – ebenso nachteinsam wie Gabriel – den vermischten Wassern ungestört erlauben kann Zeit, Raum und Realität um sich herum zu unterspülen. Und weil für Cortázar selbst die eigene Jenseitigkeit kein schriftstellerisches Hindernis ist um die Fließbewegungen unserer Gedanken zu steuern, nimmt er, während wir ihn lesen, an einer Stelle schon vorweg, wie sich unsere eigene Rückkehr aus der Nacht anfühlt:

Und das Orchester des Tagesanbruchs stimmte leise seine kupferfarbenen Instrumente. (S.117)


>>Julio Cortázar via Suhrkamp Verlag

>>Julio Cortázar, Rückkehr aus der Nacht (Suhrkamp), €8,90