Eigentext

FABULIERIOSITÄTEN // Die Wervandlung

Als Blatta Schab eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Gemäuerspalt zu einem nackten und etwa anderthalb Zentimeter großen Menschlein verwandelt. Er lag auf seinem panzerlosen Rücken und sah, wenn er den Kopf etwas drehte, seinen gewölbten, weichlichen, von flaumigen Härchen überzogenen Bauch. Seine viel zu wenigen und äußerst schwergewichtigen Beine lagen ihm plump vor den Augen.
„Was ist mit mir geschehen?“, dachte er. Es war kein Traum. Sein Keller, ein ganz gewöhnlicher Ungezieferkeller, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Im Vorratsregal gegenüber stand das Paket Zucker, in welches er sich gestern erst hineingefressen hatte.
Blattas Blick richtete sich dann, die Kellerstiege empor, zum leuchtenden Umriss der Kellertüre, und jenes grell eindringende Tageslicht machte ihn ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe“, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, in seinem gegenwärtigen Zustand gelang es ihm nicht, sich bequem in seinem Schlafspalt einzurichten, denn in der Waagerechten drückte die harte Körnung des Mörtels in seinen nun so seltsam empfindlichen Rücken. Um sich in eine angenehmere Lage zu bringen (er erinnerte sich, wie gern er kopfüber schlief), wollte er in den senkrechten Teil des Spaltverlaufs hineinkrabbeln, allerdings erwiesen sich seine Gliedmaßen als dafür nutzlos. Er versuchte, seinen Körper in einer Schmalstelle zu verkeilen, sodass er darin gemütlich feststecken würde, ließ davon jedoch ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten Schmerz zu fühlen begann.
„Ach Gott“, dachte er, „was für ein anstrengendes Leben habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein kriechen und fressen. Die Aufregungen der Nahrungssuche sind ja viel größer, als mir das eigentliche Fressen dann an Zufriedenheit schenkt, und außerdem ist mir noch diese Plage auferlegt, alle Nahrung mit meiner nahen und fernen Verwandtschaft teilen zu müssen. Die Sorge um Fraßgifte, die großen Schuhe, welchen es gelegentlich gelingt, unachtsame Verwandte zu zertreten, dazu dieses nie herzlich werdende Gruppenleben – der Teufel soll das alles holen!“
Er fühlte ein leichtes Jucken auf dem Bauch. Es kam von einer Stelle über der kleinen, rundlichen Vertiefung im weichen Bauchgewebe, welche er nicht zu beurteilen verstand. Er wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber wieder zurück, denn er kam mit diesem ungelenken Bein nicht einmal annähernd dort heran. Die oberen Beinchen waren indes etwas beweglicher und durchaus für Kratzbewegungen zu gebrauchen.
„Dies frühzeitige Hellwerden“, dachte er, „macht einen ganz blödsinnig. Die Schabe muss ihre Dunkelheit haben. Wenn ich da an die Asseln denke, die leben angenehm, die kommen gar nicht heraus aus ihren dunklen, hauchengen Ritzen, höchstens einmal im Jahr, und leben anscheinend bloß von Staub und Feuchtigkeit. Wie herrlich! Aber unsereins? Immer rennen muss man, immer mitrennen, immer fressen und mitfressen – warum? Weil die Verwandtschaft einen sonst kurzerhand mit auffrisst. Was sich nicht regt, wird vertilgt.“
Er witterte nun um sich, doch von der sonst so eifrig wispernden Verwandtschaft war im näheren Umfeld gar nichts zu spüren. Hatten etwa seine Sinne nachgelassen? „Himmlischer Vater!“, dachte er. „Die ganze Sippschaft hat sich ja schon verteilt und hat bestimmt schon Fressen gefunden. Bloß nicht faul werden – da muss ich schleunigst hinterher! Wo sie wohl alle hin sind?“
Blatta machte Anstalten, den Spalt hinab zu krabbeln, doch versagten ihm seine unnützen Gliedmaßen erneut den Dienst. Wirklich, mit diesen kraft- und schutzlosen Auswüchsen war einfach nichts anzustellen.
Wie nun, wenn er hier einfach liegen bliebe? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Blatta war während seines fünfmonatigen Lebens noch nicht einmal einfach liegen geblieben. Gewiß würde die Verwandtschaft, die in der Beengheit des Kellers ohnehin ständig übereinander rannte, bald das faule Familienmitglied in der Gemäuerspalte entdecken, es begutachten kommen und überdies einen merkwürdig veränderten Geruch an ihm wahrnehmen, der fremd und doch nicht unvertraut war, ledrig, speckig, auch obstig. Der Geruch von Nahrhaftem.
„Herrje. Besser, ich bewege mich schnell vom Fleck weg, bevor meiner Sippschaft dieser verlockende Geruch in den Mund und zu Kopfe steigt!“, durchfuhr es Blatta. Sein Abstieg geriet leider zu einem Fallen, doch zeigte sich, dass die niedrige Fallhöhe von den ihm so unnütz erschienenen Beinchen recht behände gemeistert werden konnte. Nach und nach würde er sich womöglich gut an sie gewöhnen. Tatsächlich fühlte sich ihre Wärme gar nicht unangenehm an, auch überkam Blatta angesichts ihrer bleichen Weichlichkeit ein überraschendes, zärtliches Wohlgefallen.
Nicht nur diese Körpereigenschaften beschäftigten Blatta. Verwundert ging ihm auf, dass das Tageslicht, welches er natürlicherweise gescheut hatte, ihn nun geradezu anzog. Mehr noch: Als sich die Kellertüre öffnete und eine Flut unbarmherzig gleißenden Lichts hereinbrach, schmerzte ihn dies nicht mehr, nein, es tat ihm vielmehr wohl.
Sollte es etwa so sein, dass Blatta hiermit einen Vorteil gegenüber seiner lichtscheuen Verwandtschaft entwickelt hatte? Könnte er sich gar —

In einem schnell herniederfahrenden, schuhsohlenförmigen Schwarz erstarb jedoch unversehens jegliche Plotentwicklung. Was denn auch der Grund ist, weswegen andere Erzählungen in der Weltliteratur einen deutlich populäreren Rang einnehmen als diejenige um Blatta Schab.


 

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KÖTER // Nur bei Midi

Herr Lehmann und der Hund – diese Szene kennt praktisch jeder. Marion Poschmanns Hundenovelle, Rebecca Hunts Mr. Chartwell oder Michael Köhlmeiers Idylle mit ertrinkendem Hund kennen viele. Überhaupt sind Bücher, in denen der Auftritt eines Hundes – insbesondere der eines Churchillschen Schwarzen Hundes – eine bedeutungstragende Funktion erfüllt, schlechterdings keine Seltenheit. Wer danach sucht, wird also finden, und zwar allerhand.
Ebenso gibt es durchaus einige Reportagen, Romane, Erzählungen, die sich der Plastiktristesse der Supermarkt- und Discounterwelt widmen. Etwa die erfolgreich abverkauften Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam. Mir fällt auch Infarkt von Jens Wonneberger ein, wo sich menschliche Lebenswege zwischen Käsetheke und Spirituosenregal kreuzen; Sven Amtsberg erweitert seinen Superbuhei konsequenterweise gleich um eine anhängige Kneipe. Der Kinofilm In den Gängen, angesiedelt in den Regalschluchten eines Großmarkts, basiert auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, die in Die Nacht, die Lichter zu finden ist.
Was diese Stichworte sollen? Später – fürs Erste soll hier nur die Überlegung nachgezeichnet werden, ob es dem Buchmarkt womöglich an Geschichten fehlt, in denen Riesenköter und Kleindiscounter eine Rolle spielen. Nun: Tut es nicht.

Bücher überhaupt – Bücher gibt’s ja generell wie Heu. Bös gesprochen: epidemisch. Ich bin nicht mehr auf dem Laufenden, was beispielsweise die Halbwertszeit eines aktuell als Taschenbuch veröffentlichten Krimis aus einem bekannten Publikumsverlag anbetrifft, aber: Ich erinnere mich nur allzu gut an Programmfluten, die oftmals kaum voneinander unterscheidbare Titel aus Belletristik und Unterhaltung in Unmengen in den Laden spülten, und ich erinnere mich an die lästige Arbeit, den größten Teil davon, drei bis sechs Monate später, wieder in genau jene Kartons zu stopfen, aus denen die Neuerscheinungen doch eben erst gekrochen kamen, um sie nun als Remittenden an die jeweiligen Auslieferungen zu senden.
Ich weiß nicht recht, wer in der Branche, aus der ich komme, eigentlich je wirklich Geld verdient, je richtig Kohle gescheffelt hat – so jemandem begegnet bin ich dort nämlich nie. Mir bekannt sind lediglich diejenigen, die an dem, was sie schreiben, überhaupt nichts oder nicht ausreichend verdienen, zweitens diejenigen, die dann diese Texte verlegen, ohne damit reich zu werden, und drittens diejenigen, die sich zunehmend auf den Verkauf von Plüschtieren und Schokoladentafeln verlegen, bevor sie den Laden am Ende doch bloß dichtmachen. Irgendwann, lange vor meiner Zeit, war das einmal ganz anders. Sicher. Und dort draußen, sehr vereinzelt, gibt es sie natürlich auch heute noch: diese seltenen Einhörner, die es aus irgendwelchen Gründen auf den Gipfel eines Berges geschafft haben, wo sie, einsam in der Sonne glänzend, herumstehen und vom Tal aus betrachtet sehr hübsch anzuschauen sind.
Multipliziert man die gegebene Menge an Buchtiteln mit der gegebenen Menge an medialen Content-Schleudern, dann ergibt das potenziell eine ungeheuer flächendeckende Präsenz von Literatur – und zwar von Literatur, die als Produkt gedacht wird. So ist das eben, es geht hier ja schließlich nicht um irgendein romantisches Hobby, Ihr Eumel. Und selbst ich trage mit meinem gelegentlichen, kleinen Gepuste dazu bei, die Böen anzufachen, sodass sich die Geschwindigkeit des großen, omnipräsenten Marktwirbelwinds stetig erhöht.
Eigentlich war das nie der Sinn der Sache.

Ich vermisse durchaus meinen kindlichen Ausgangsglauben, ein Buch sei mehr als ein bloßes Produkt – aber da hat der Einzelhandel über die Jahre, und besonders über die Weihnachtszeiten hinweg, ganze Arbeit an mir geleistet.
Genauso vermisse ich, wenn ich mich in der fleißig brodelnden Rezensionssuppe so umschaue, oftmals den sichtbaren Willen, etwas Geschriebenes nicht nur als ein Erzeugnis der Medienproduktionsbranche wahrzunehmen, sondern in erster Linie als den Versuch eines anderen Menschen, sich uns mitzuteilen.
Man kann diesem Versuch nun trauen oder auch nicht. Man kann sich blind darauf einlassen oder lieber skeptische Untersuchungen anstellen. Auf die gleiche Art, wie man, sagen wir, eine Jacke überzieht, kann man die Texte Anderer anprobieren, um zu testen, wie man sich darin fühlt, was wohlgemerkt ein Vorgang ist, den man allein absolviert und dessen Ergebnis dementsprechend ein ziemlich einmaliges ist. Trotzdem neigen wir hartnäckig dazu, etwas, das seinem Wesen nach einer zwischenmenschlichen Begegnung entspricht, mit einer Rezension zu quittieren, die sich an einem Leistungskatalog entlanghangelt, mit Pauschalbetrachtungen und Pauschalurteilen flirtet, und die letztlich ihrem Wesen nach einer Produktbewertung entspricht. Machen wir das denn tatsächlich wegen dieser Neunfünfundneunzig, die wir bezahlt haben? Oder macht uns diese immer etwas selbstgefällige Pose einfach zuviel Spaß?

Ich habe ja nicht die Nase voll vom Literaturkaufen und Literaturlesen, auch nicht vom Lesen und Texten über Literatur, oder dem Lesen und Schreiben generell. Im Gegenteil, wenn es nach mir ginge (tut es nicht, ich weiß), könnte es gar nicht genug Leute geben, die von sich schreiben und von den Anderen lesen; es könnte nicht genug schreibende Krankenschwestern, Busfahrer, Müllmänner und lesende Polizisten, Sparkassenfilialleiter, Senior Sales Managerinnen geben.
Ich meine das absolut ironiefrei ernst, denn ich finde das wirklich wichtig: Alle haben etwas mitzuteilen, und in allem wirklich Gemeinten, was es mitzuteilen gibt, gibt es wiederum für alle etwas zu finden, zu entdecken, zu erfahren.
Die Nase voll habe ich dagegen vom Werbegeklapper, das inzwischen jede noch so private Nische gekapert hat. Und ich habe die Nase voll von diesem Trend zur Überprofessionalisierung, der mittlerweile alle Bereiche erfasst hat, die sich, auf welchem Level auch immer, mit Literatur beschäftigen. Braucht es das denn?

Was es auf keinen Fall bräuchte, wenn es da nach mir ginge (aber das tut es auch hier nicht), sind:
Diese Angst davor, sich lächerlich zu machen, indem man zu viel von sich preisgibt oder den Rahmen des eigenen Könnens derartig überstrapaziert, dass das in einem Ausrutscher endet – warum so dünnhäutig und schisserig?
Diese Bereitwilligkeit, sich über diejenigen lustig zu machen, die zu viel von sich preisgeben oder den Rahmen ihres Könnens derartig überstrapazieren, dass das in einem Ausrutscher endet – wozu immer gleich die Häme und die Nickeligkeiten?

Ich finde eine sicherlich nutzlose, aber trotzdem schöne Zufriedenheit darin, wenn ich Dinge um ihrer selbst willen schreibe, und ich muss ab und an zurück ins analoge Tagebuch wechseln, damit mir das Bewusstsein dafür nicht versehentlich flöten geht. Zuletzt habe ich ein paar geplante Texte und Buchbesprechungen am Ende bleiben lassen, weil mir auf die Frage, was das alles mit mir zu tun habe, nichts Zufriedenstellendes einfiel – und was sollte auch schlimm daran sein, wenn mitunter ein paar Wochen lang kein einziger Beitrag von mir in diesem Internet auftaucht?
Umgekehrt, als Leserin also, mag ich sehr, wenn aus Texten heraus erkennbar wird, dass da jemand beim Schreiben (und vielleicht auch nur dort) ganz bei sich selbst ist. Ob das auf ein Buch zutrifft, dass sich fünfzig Mal verkauft hat, oder auf einen Blog, der fünf Follower hat, spielt keine Rolle, und wenn es auch nur ein einziges Seelchen gibt, das da oder dort im Text etwas für sich gefunden hat, was es brauchte, dann hat sich damit die Frage nach der Daseinsberechtigung einer solchen Literatur von selbst geklärt.

Schreibt halt Gedichte über umgekippte Wassergläser; Romane übers Schnürsenkelbinden; Essays über die Geschmacksunterschiede beim Kauen von Bleistiften und Fingernägeln. Von mir aus.
Aber schreibt!


>> Das hier ist ein Text aus einer meiner anderen Schubladen. Riesenköter, Kleindiscounter,  Mittelmaß – wer insgesamt ca. zwei Stunden seiner Zeit verpulvern mag, der landet via Link direkt im (zwar kein bisschen an den Haaren herbeigezogenen, freilich aber etwas überfrisierten) Midi-Markt in Leefeld: Nur bei Midi


 

FLUGWESEN // Der Schmetterlingskasten


In der Küche meiner Eltern hängt, seit vierzig Jahren oder vielleicht länger, direkt über der Eckbank ein alter Schmetterlingskasten. Tropenschmetterlinge, aus denen ein Morphofalter wegen seiner Größe und des flächigen, irisierenden Blautons seiner Flügel hervorsticht. Neun kleine Totheiten, denen – aufgespießt auf zierliche Nadeln – schlechterdings nichts anderes übrig bleibt, als schön und bunt ihren Teil zur Raumdekoration beizutragen. Auch eine Art Memento. In der Uromaküche war es die Kastenuhr, deren dunkles Tackern so klang, als ginge hier nicht bloß die Zeit voran, sondern jemand mit Absatzschuhen auf dem Dielenboden immer im Kreis herum, in der Omaküche war es der wimmelnde Fliegenfänger, der in diesem Haus schon allein aus metaphorischen Gründen nicht fehlen durfte, und bei uns eben dieser Kasten mit den kleinen, bunten, toten Schönheiten, der beim Frühstücken und Mittagessen, beim Backen und Basteln, bei Kaffee und Kuchen immer im Sichtfeld war. Neun kleine, schöne, tote Buntheiten: ein Falter für jeden, der im Haus wohnte, aber das war natürlich reiner Zufall. In meiner kindlichen Kleinheit kamen sie mir sehr viel größer und strahlender, auch viel geheimnisvoller vor als heute. Ich hing oft mit den Augen an ihnen dran, vor allem, während ich meine Schulhausaufgaben machte und mich eigentlich auf meine Hefte konzentrieren sollte.


Die Flugträume, die ich als Kind hatte, verliefen zunächst idyllisch. Ich ging in den Garten (der sich immer im Frühlingszustand befand), breitete die Arme aus und legte mich langsam, nach und nach, vornüber in die waagerechte Schwebe; dann stieg ich auf. Es war kein gezieltes Fliegen, eher ein angenehmes Emportrudeln im Thermiklift, ähnlich dem Gaukelflug der Gabelweihen, die es beherrschen, unangestrengt, fast wie Heliumballons, aus dem Feld abzuheben und sich in die Höhe tragen zu lassen. Allerdings besaß ich nicht die Kraft dieser Vögel, die ihnen das Steuern und den Jagdflug ermöglicht, sondern die Sperrigkeit der schwächlichen Schmetterlinge, deren Flügel dem Wind zuviel Angriffsfläche bieten; jede leichte Böe trug mich, wohin sie wollte. Ich wurde von Luftwellen sachte mitgespült, trieb über die Kuppen der Blütensträucher hinweg, sank unkontrolliert ab, um mich beinahe im Flieder zu verfangen, bevor ich, von einem Windstoß angeschoben, wieder aufstieg. Der Horizont fiel wackelig nach unten weg, ich wurde über den Apfelbaum gepustet; mit dem Bild seiner weiß blühenden Baumkrone von oben endete der Traum.

Ich machte anschließend Fortschritte im Flugträumen, aus dem Passivflug wurde ein etwas aktiveres Unterfangen: Mittels Schwimmbewegungen ließen sich Richtung und Flughöhe beeinflussen. Außerdem startete ich nicht mehr behutsam, sondern rannte in den Garten, nahm Anlauf mit Schritten, die den Boden prügelten, stampfte mich in die Luft empor – ich konnte meine Kräfte auf den Luftraum anwenden. Gegen Ende des Traums bäumte sich eine Windwelle auf, die mich, übers Hausdach hinweg, in den Himmel riss wie einen abgenabelten Flugdrachen.

Später verwandelte sich das Fliegen in überschnelles Rennen. Ich nahm auf dieselbe Art Anlauf wie in den früheren Flugträumen, stieg aber nicht mehr so weit empor, sondern gebrauchte die Energie für Schritte, die mich hoch abstießen und schnell vorantrugen. Ich lief aus dem Garten und die Hauptstraße hinunter, nahm mit jedem Schritt an Fahrt auf und überholte bald die am Straßenrand entlanggleitenden Bussarde, bald die anderen Autos. Mit Siebenmeilenschritten preschte ich über Bundesstraße und Autobahn, drückte mich bei jedem Bodenkontakt federnd vom Asphalt ab und wurde hunderte Meter vorwärts katapultiert, herrlich rasend; ein in rhythmischen Zügen durch die Luft schneidendes Projektil. Allerdings war ich an die Straßen gebunden – versuchte ich, aufs Feld auszuweichen, überschlug ich mich krachend. Im Schwarm der Fahrzeuge musste ich wiederum garstige, wespenhafte Rennmotorräder im Blick behalten, mich vor dem Gegenverkehr retten, indem ich über die Rücken entgegenkommender Autos und Lieferwagen hüpfte, Auffahrgefahren ausweichen, indem ich Sportwagen übersprang, deren Beschleunigungszyklen ich jedoch nicht vorausberechnen konnte. Bremsen konnte ich nicht, nicht einmal leichtes Verlangsamen war mir möglich. Zumeist endete der Traum, indem ich an der harten Stirn eines LKWs zerschellte, dessen Frontscheibe mich als Fracht so gleichgültig mit sich weitertrug wie einen geplatzten Falter.

Die Rennträume mit ihrem Unfall-Ende waren der Übergang von den Flug- zu den Lähmungsträumen, in denen ich unbeweglich in einem Raum lag, der zwar mein Schlafzimmer, aber gleichzeitig ein seltsam fremder Raum mit einer durchlässigen Wand war. Mir war bewusst, dass ich durch die Fenster hinaus in den Garten fliehen musste, denn durch die durchlässige Wand würde etwas zu mir in den Raum kommen, um mich zu fressen. Unterhalb meiner Hirnrinde juckte und jaulte es, äußerlich aber konnte ich nicht einmal blinzeln, mich partout nicht rühren, geschweige denn weglaufen. Das währte eine halbe Traum-Ewigkeit lang, bis schließlich etwas auf mich zukroch, etwas, das von Traum zu Traum unterschiedlich anthropomorph gestaltet war, jedoch das Fressverhalten und den signifikanten Mimikmangel eines Insekts besaß. Erst indem ich das (oder die) Wesen zu sehen bekam, gelang es mir plötzlich, einen kleinen Finger zu bewegen, ein winziges Fingerzucken nur, das aber die Lähmung durchbrach als zerrisse es ein Spinnennetz, und ich wachte sofort auf. (Im Übrigen waren das die letzten Intensivträume, die ich hatte; lange schon schlafe ich dunkel und erinnere, sobald ich aufgewacht bin, keinerlei Bilder mehr.)


Hätte ich vielleicht eher davon geträumt, Ärztin oder Rechtsanwältin zu sein, wenn ich damals einfach meine Hausaufgaben gemacht und mich Herrgott noch eins auf meine Hefte konzentriert hätte?


 

SPONTANE PAUSE // Käffchen?

Wach, Sonja Grebe

Unter-dem-Bett-Monster sind eine besondere Spezies Ungeziefer. In der Kindheit ehrfürchtig, überhaupt fürchtig, als Herrscher der Nacht betrachtet, schrumpfen sie sich, schritthaltend mit dem Entwachsen aus der Kindheit, immer kleiner, bis man als großer Mensch unterm Lattenrost schließlich nichts anderes mehr entdecken kann als zwar dunkelschattige, allerdings gebiss- und klauenlose Staubflusen. Verschwunden sind sie deswegen aber noch lange nicht.

Immer noch kommen sie nachts rauf. Haben mit den Jahren längst ihre Namen bekommen und ihre Faschingskostüme an den Nagel gehängt. Sie spielen ab und an zwar noch die Karte ihrer unbestreitbaren Lästigkeit aus und wollen aus Langeweile ein bisschen Radau machen, wissen sich aber inzwischen durchaus geduldet. Sie gehören eben dazu, nicht anders als Familie, Kollegen, Nachbarn. In letzter Zeit hat es mit ihrer Aufsässigkeit bloß ein bisschen überhand genommen. Dass sie ihre Aktivität inzwischen bis in den Tag hinein ausdehnen, gefällt mir gar nicht.

Ich frage sie, was sie da heute Mittag bitteschön für Unfug getrieben hätten, und da gucken sie gespielt unschuldig. Jetzt sei mal nicht so, wir tun nur unseren Job, nörgeln sie. Als ob!, sage ich, Ihr spukt inzwischen von morgens bis abends und macht nachts keine Pausen – was sagt eure Gewerkschaft denn dazu? Betretenes Schweigen. Na ja, raunt da einer, ist halt Hochsaison jetzt, da guckt doch keiner so genau hin. Im Hintergrund nimmt das gewohnte Gekicher, Gejaule und Zähneknischen schon wieder an Fahrt auf.

Ich seufze, rappele mich hoch und koche eine Kanne Kaffee für mich und die ganze Bagage. Milch und Zucker will keiner, wie immer. Einer kräht wieder nach einem Gläschen Rotwein, aber das habe ich bereits kategorisch verboten – da lasse ich mich nicht drauf ein, mit denen darf man nicht trinken. Beim anschließenden Geplauder muss man ebenso Obacht walten lassen: am besten immer gezielte Fragen stellen, Monologe sofort unterbinden und sich bloß nicht von geschickter Rhetorik aufs Glatteis führen lassen.

Eine charmante Art haben sie, Vorwürfe in den Raum zu stellen: Wie schön, dass wir heut alle mal beisammen sind, nicht?, schnurrt eine, Wir dachten nämlich schon, dass du dich gar nicht mehr um uns kümmern magst! Dauernd tippst du diesen Kram in dein Laptop, stundenlang geht das so, immer nachts – und da wunderst du dich, dass wir deinetwegen zusätzlich Tagschichten einlegen? Da gucke nun ich etwas betreten.

Die Lümmel in den hinteren Reihen machen unterdessen tosenden Krawall und blöde Witze. Da muss ich gleich mal dazwischen gehen, bevor sie noch zu Höchstform auflaufen. Einer der Streber hat anscheinend eine schauerliche Präsentation vorbereitet und wedelt, ebenfalls Aufmerksamkeit einfordernd, mit den betreffenden Unterlagen in der Luft herum. Ich stelle mich auf eine lange Nacht ein und klappere vernehmlich mit der Kanne: Noch´n Käffchen, jemand?


>>Bild: Wach! (Grebe, 2014)